Sensationsgonnorhoe & Oktoberfeste

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Es ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, mit Populismus Quote zu machen, aber die Bild, genauer: deren leitender Sandkastenrabauke verwandelt den Bruch aller journalistischen, ethischen, humanistischen Regeln immer noch spielend in Auflage. Wobei nach dem jüngsten Tiefpunkt redaktioneller Menschenverachtung weiter offen bleibt, was schlimmer war: Die Tatsache, öffentlich aus dem Chatverlauf eines Elfjährigen zu zitieren, der den Kindermord von Solingen überlebt hatte? Julian Reichelts rückgratlose Erklärung, die Ermittlungsbehörden seien schuld an seiner Sensationsgonorrhoe? Oder vielleicht doch RTL?

Während es das Springer-Blatt beim Veröffentlichen des Chatverlaufs beließ, hat der Privatsender das Kind sogar vor seine Kameras gezerrt. Diese Informationsonanie ist von derart infamer Verantwortungslosigkeit, dass man sich fragen muss, wie Friede Springer in den Spiegel blicken kann. Andererseits befinden sich ihre Medien im Wettlauf um Aufmerksamkeit, den auch seriösere Konkurrenten nicht scheuen. Die ARD etwa hat beim halsbrecherischen Auftakt der Tour de France jeden der vielen Stürze dutzendfach in Zeitlupe gezeigt, was ihr Eurosport gleichtat, nachdem Novak Djokovic bei den US-Open eine Linienrichterin am Hals getroffen hatte.

Angesichts solcher Chronistenpflichtexzesse wirkt die Aufregung über Hengemah Yaghoobifarahs missratenen, aber haltungsstarken taz-Kommentar zur Polizei-Entsorgung umso politischer motiviert. Immerhin hat der Presserat nun entschieden, er sei von der Meinungsfreiheit gedeckt – was den lautesten der 382 Beschwerdeführer nicht davon abhielt, die Entscheidung als „unerträgliche Verharmlosung“ anzugreifen.

Wer wüsste schließlich besser als Horst Seehofer, dass noch kein Uniformierter der deutschen Geschichte je ein Unrecht begangen hat… Und damit zur schönsten Nachricht der Woche: nach 14 Jahren endet die Reality-Soap Keeping Up With The Kardashians, die den US-armenischen Clan zwar märchenhaft reich, das Medium dagegen bettelarm gemacht hat. 2006, nur zur Erinnerung, prägte das lineare Fernsehen die Sehgewohnheiten noch mit historischen Mehrteilern von der Luftbrücke bis zur Flucht.

Die Frischwoche

14. – 20. September

Ein, zwei TV-Revolutionen später werden sie von Streamingdiensten dominiert. Das Erste aber füllt sein Programm auch 2020 weiter mit History-Events wie Oktoberfest 1900. Ab Dienstag ersetzt es die Originalkirmes drei Abende lang durch klischeehafte Kulissenschieberei, als habe das Internet die Filmästhetik unberührt gelassen.

Dort aber entstehen Serien, die wirklich unterhaltsam, bedeutsam, manchmal gar beides in einem sind. Ab Donnerstag auf Netflix zum Beispiel Das letzte Wort mit Anke Engelke als tragikomische Trauerrednerin im Bestattungsinstitut von Thorsten Merten. Oder das siebenteilige HBO-Psychodrama The Third Day, eine Art Lost ohne Flugzeugabsturz mit Jude Law, ab Dienstag auf Sky. Zwischendurch zeigt TNT Ridley Scotts postapokalyptische SciFi-Dystopie Raised by Wolfs über die künftige Besiedlung eines Exoplaneten, während der Freitag wie üblich gleich reihenweise Neuerscheinungen sammelt.

Netflix geht mit der Krankenhaushorrorserie Ratched und dem achtteiligen Spin-Off Jurassic World online. Parallel dazu zeigt (kauft nicht bei) Amazon Prime die heitere Binnensicht der Schauspielbranche Für Umme und begibt sich mit der Doku All In übers abstruse Wahlrecht der USA tief aufs öffentlich-rechtliche Gebiet informationeller Kompetenz, die das ZDF am Dienstag (20.15 Uhr) mit Der unterschätzte Präsident beweist, wenn Florian Huber und Carsten Oblaender Donald Trumps Präsidentschaft aus Sicht seiner Fans dokumentieren. Gut 24 Stunden, bevor Richard David Precht am Sonntag (23.45 Uhr) zum 50 Mal (diesmal mit Rezo) populärwissenschaftlich über tiefgründige Fragen (die Medien) philosophiert, macht ProSieben in Stefan Raabs Casting-Show Fame Maker auf sich aufmerksam, wo Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Teddy Teclebrhan Showtalente ohne Ton erkennen.

Mehr Ton (und Niveau) sind die Wiederholungen der Woche: Von 1966 ist der Cocktailkleid-Klassiker Arabeske (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) mit Gregory Peck und Sophia Loren. Erst acht wurde dagegen Rainer Kaufmanns verstörendes Männermachtpsychogramm Operation Zucker (Mittwoch, 2.10 Uhr, ARD). Ungefähr dazwischen liegt tags zuvor (23.45 Uhr, WDR) Der unsichtbare Gegner mit Horst Schimanski Anfang der Achtziger, gefolgt von Hansjörg Felmy in Der Feinkosthändler Ende der Siebziger.



Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.