Internat. Music, Dinosaur Jr., Eydís Evenson

International Music

Wenn man Ja, Panik und Wanda mit viel Bilderbuch in den Dampfgarer schmeißt und einen Löffel Tauchen Prokopetz darunter rührt, müsste das eigentlich klingen, als entstünde das Mahl in Wien, also tendenziell sehr weit südlich vom Ruhrgebiet. Dabei kommt die Austropopband der Stunde aus Essen, wird aber auch nicht ganz zufällig in Ostberlin produziert. Dort hat das weltbeste Label Staatsakt vor ein paar Jahren International Music entdeckt, und ihr zweites Album belegt, warum es die aktuell weltbeste Gitarrenrockband ist. Mindestens.

Wie auf Die besten Jahre vor drei Jahren, nur noch viel facettenreicher, leuchte Peter Rubel, Pedro Goncalves Crescenti und Joel Roters mit der klassischen Instrumentierung den Resonanzraum des bombastischen Minimalismus bis in den hinterletzten Winkel aus und entdecken dort Klangstrukturen, von denen niemand geahnt hätte, wie geordnet das Chaos klingen kann. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang, bisschen Keyboards und deutschsprachiger Postpunk hat den steinigen Weg von der NDW zur Hochkultur endgültig geschafft.

International Music – Ententraum (staatsakt)

Dinosaur Jr.

Weil die hinterletzten Winkel bombastisch minimalistischer Resonanzräume aber auch mal anstrengend sind, lohnen sich gelegentliche Abstecher auf jene Lichtungen populärer Musik, die schon immer unkompliziert und angenehmm gut beleuchtet waren. Von Dinosaur Jr. zum Beispiel. Seit 1984 singt Joseph Donald, genannt J, Mascis mit seiner querzerkratzten Wiegenliedstimme davon, wie sehr ihm das Leben zu schaffen macht. Wenn er dazu wie immer die Indie-Klampfe scheppern lässt, klingt das fast 40 Jahre später also schwer angestaubt – und sowas von schön!

Postrock ist längst Alternative ist längst Grunge ist längst Crossover ist längst in 1000 Richtungen mal zarter mal harter Riffs zerfasert, aber J, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph machen weiter das, was sie halt machen, nur faltiger als zuvor auf dem Dutzend Platten zuvor. Die neueste heißt Sweep it into Space und abermals schafft das Trio den Spagat zwischen breitbeinigen Gitarrensoli und androgyner Selbstbeschränkung mit einer melancholischen Fröhlichkeit, die im Sitzen mitreißt.

Dinosaur Jr. – Sweep it Into Space (Jagjaguwar)

Eydís Evensen

Und damit wir zwischen ziemlich neu und ganz schön alt, zwischen irgendwie eigensinnig und eigenartig vertraut, zwischen Dadapop und Indierock noch ein paar Zwischentöne setzen, kommt hier etwas aus dem Herzen orchestraler Kammermusik: Island. Hoch im Norden der Insel, wo die Sommer kurz sind und die Winde rau, hat Eydís Evensen das Klavierspielen gelernt und später in London oder New York zur Perfektion gebracht. Wenn eine Isländerin Klassik macht, klingt das allerdings wie selbstverständlich völlig anders als im großen Saal der Elbphilharmonie, wenn er denn wieder öffnet.

Ihr Debütalbum Bylur ist eine Ode an die Natur, vertont mit dem sinfonischsten aller Instrumente, aber mit urbanem Gespür für Ästhetik und Sound. Aufgenommen von Valgeir Sigurðsson im Greenhouse Studio, wo der ortsansässige Komponist bereits mit Björk oder Ben Frost produzierte, mäandern die 13 Stücke stilistisch durch Fjorde und Gletscher, klingen aber stets auch nach Reykjavík, dem heißesten Hotpot atmosphärischer Popmusik. Postklassisches Piano für Hirn und Herz denaturierter Stadtbewohner – extrem wohltuend.

Eydís Evensen – Bylur (XXIM Records)



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