Comebacks & Tigerkönige

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. November

Jan Böhmermann, satirische Moralinstanz der popkulturellen Boheme, hat die Comebacks der vergangenen acht Tage gewohnt selbstberauscht auf den Punkt gebracht: „Wetten, dass..?, TV Total und Corona sind wieder da“, ulkte er am Freitag im ZDF Magazin Royal und fügte treffend hinzu: „Alle mit super Zahlen.“ Denn während Covid-Inzidenzen überall dort, wo wissenschaftsfeindliche Querdenker den Diskurs prägen, ins Vierstellige rauschen, erreichte Thomas Gottschalks saftiges Altherren-Gefasel gut 15 Millionen Menschen. Nicht schlecht, aber vergleichsweise wenig gegen das Revival der Woche.

Denn was der gänzlich unschmierige Sebastian Pufpaff am Mittwoch mit der angeblich impulsiv programmierten Wiederkehr von Stefan Raabs medialer Selbstspiegelung TV Total am Mittwoch quantitativ wie qualitativ erzielen konnte, war schlichtweg sensationell. Knapp 28 Prozent in der ominösen Zielgruppe, annähernd drei Millionen Zuschauer*innen insgesamt, dazu Kritiken seriöser Medien am Rande der Huldigung: Was der 45-Jährige ProSieben fünf Jahre nach dem Original bescherte, ohne nostalgisch zu werden, beweist die Güte des Rasens, auf dem der frühere Bolzplatz-Sender mittlerweile spielt.

Das zeigt übrigens auch die Deutsche Akademie für Fernsehen. Am Samstag zeichnete sie in der wichtigen Kategorie Fernsehjournalismus weder wie gewohnt ARD noch ZDF aus, sondern das ProSieben Spezial Rechts. Deutsch. Radikal von und mit Thilo Mischke & Anja Buwert. Darüber hinaus allerdings dominierten die Öffentlich-Rechtlichen in 18 von 21 Preiskategorien, darunter je zwei für Das Geheimnis vom Totenwald, Unbroken, Ruhe! Hier stirbt Lothar, Goldjungs und Oktoberfest 1900, während die Streamingportale mit Barbaren (Netflix) und Para (TNT) nur zweimal gewannen.

Anything else? Na ja, Springer. Mal wieder. Während die Bild seit Anbeginn der Pandemie jeden Eingriff in Freiheit ihrer Kundschaft als Totalitarismus geißelt und zusehends zur Rebellion aufruft, sind dem Konzern die Grundrechte der eigenen Mitarbeiter*innen herzlich egal. Um Machtexzesse des übergriffigen Triebtäters Julian Reichelt zu verhindern, sollen sie künftig ihr innerredaktionelles Liebesleben ausbreiten. Big Bild is watching you!

Die Frischwoche

0-Frischwoche

15. – 21. November

Die halbe Welt dagegen wird ab Mittwoch wohl wieder Tiger King watchen, und zwar binge, wenn die merkwürdigste Dokumentarreihe seit langem in Staffel 2 geht. Darüber sagen lässt sich zwar wenig, weil Netflix in geübter Pressefreiheitsverachtung kein Pressematerial freigab. Aber es dürfte wieder bizarr werden, wenn amerikanische Privatzoo-Betreiber ihr Käfiggitter öffnen. Mysteriös wird es ab Freitag in der Prime-Serie Das Rad der Zeit. Das Fantasy-Epos hat zwar keine Drachen, aber drollige Namen wie Nynaeve al’meara und auch sonst allerlei, was GoT-Fans triggert.

Ebenso rätselhaft, wenngleich tief in der herrschenden Realität verhaftet, ist die Thriller-Serie Westwall, tags darauf – und parallel zur britischen Agenten-Serie Alex Rider – in der ZDF-Mediathek. Über sechs Teile hinweg erzählt sie, wie die unscheinbare Polizeischülerin Julia (Emma Bading) mithilfe des schönen Nick (Jannik Schümann) in eine rechtsradikale Verschwörung gezogen wird. Klingt relevant, verliert sich allerdings wie so oft aus deutscher Produktion im Grundrauchen melodramatischer Effekte und langweilt deshalb eher als zu unterhalten.

Das Gegenteil tut, trotz gemächlicher Erzählweise, ein fünfteiliges Remake von Ingmar Bergmanns Evergreen Scenes From A Marriage (ab Freitag, Sky) mit Oscar Isaac und Jessica Chastain als Ehepaar auf Harmoniesuche. In der ARD-Komödie Faltenfrei setzt sich Adele Neuhauser am Mittwoch mit dem Altern auseinander. Nach einer missglückten Schönheits-OP kann ihre Beauty-Unternehmerin Gedanken lesen, die sie von der Apologetin zur Gegnerin des grassierenden Jugendwahns macht. Ein Irrweg, dem sich Ilka Bessin seit jeher widersetzt – und das hoffentlich auch in ihrem Verbrauchermagazin Echt jetzt?!, täglich um 15 Uhr auf RTL, tut.

Nach Absurditäten sucht heute ab 22.15 Uhr im WDR auch Abdelkarims Team Abdel (22.15 Uhr, WDR), wenngleich eher im menschlichen als materiellen Bereich unserer disruptiven Gesellschaft. Empfehlenswert ist auch das ZDF-Drama Die Welt steht still, in dem Autorin Dorothee Schön (Regie: Arno Saul) den ersten Lockdown Revue passieren lässt. Und zu guter Letzt gratulieren wir der unübersetzbaren wie unübertroffenen Medienseite DWDL zum 20. Geburtstag.



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