Reitschusters Tränen & Eldorado KdW

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. Dezember

Dezember revisited: Die Zahl der Fernsehjahresrückblicke steigt von Fernsehjahresrückblickjahr zu Fernsehjahresrückblickjahr. Es gibt mittlerweile Sender, die zeigen mehrere Fernsehrückblicke, verteilt auf mehrere Moderatoren (aber praktisch nie Moderatorinnen). Ihre Kunstfertigkeit besteht darin, Rückblicke nicht größer, kleiner, besser, schlimmer zu machen als ihre Ereignisse – wie im Jahresrückblick-Podcast von Die Fernsehkritik. Aber wenn das katastrophalste seit den Tagen von Pest oder Weltkrieg im Vergleich zum Rückblick als Wellness-Oase erscheint, sind wir verlässlich bei RTL.

Denn da hat der katastrophalste aller Emporkömmlinge, die das Privatfernsehen je geboren hat, mit Ilka Bessin formerly known as Cindy aus Marzahn einen Jahresrückblick moderiert, aber verglichen damit sind schwere Covid-19-Verläufe erträglich und mit Abstrichen sogar vernunftfeindliche Propagandaportale wie Boris Reitschuster – wobei das Focus-Gewächs zwar eimerweise hasserfüllten Mist ins Web kübelt, aber in Krokodilstränen ausbricht, wenn ihm jemand in der Sandkiste das Förmchen wegnimmt wie die Bundespressekonferenz.

Die hat ihm den Zugang verweigert – allerdings nicht, weil er bei jedem Besuch dümmere Fragen stellt, sondern anders als vom Vereinsstatut außerhalb Deutschlands registriert ist, nämlich Montenegro. „Zensur!“, faselte der Pseudojournalist und seine Internetentourage da weinerlich. Und befand sich geistig-moralisch wie so oft auf Bild-Niveau. Wer dachte, die Zeitungskarikatur könnte unterm neuen Chef nicht demagogischer werden, sah sich bereits in der Corona-Berichterstattung getäuscht. Wer dachte, sie könnte mit dem Reichelt-Nachfolger an der Macht nicht hirnrissiger werden, wurde Heiligabend widerlegt.

Unter der Überschrift Heute nur gute Nachrichten ließ Johannes Boie andeuten, welches Geschlecht Helene Fischers Kind habe, wobei „gute“ vermutlich „nicht divers“ bedeutet. Des Weiteren pries er eine Krebs-Arznei, die im Innern zur vagen Hoffnung verdampfte. Und dann der Scoop: Immobilienpreise 2021 um 22 Prozent gestiegen! Für Bild-Lesende, die keine bezahlbare Wohnung finden oder an der Miete verarmen, ist das sicher die schönste Weihnachtsbotschaft, Herr Boie.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. Dezember – 2. Januar

Und damit zu Dingen mit Herz & Hirn ohne Hass & Hetze. Wie Eldorado KDW. Das Erste zeigt sein Historienspektakel übers berühmte Berliner Kaufhaus heute Abend am Stück, und wer das übliche Kostümfest mit nachgeordneter Lovestory erwartet, die straft Regisseurin Julia von Heinz nach eigenem Drehbuch Lügen. Vordergründig geht es um den Konsumtempel der aufgewühlten Zwischenkriegszeit. Im Zentrum stehen aber Charaktere von exquisiter Diversität, gespielt von Darsteller*innen weit jenseits der oberen Agenturlistenplätze – allen voran Valerie Stoll und Lia von Blarer als lesbische Hedi und Fritzi, die mit unfassbarer Energie durch die Weimarer Republik fegen.

Das ist auch im Kontrast zur ZDF-Konkurrenz Mord in der Familie grandios, die mit stereotypem Cast (Lauterbach, Koeberlin, Schmidt-Schaller) stereotype Oberschichtmelodramatik verkäst. Überraschender ist da Mittwoch der erste Spielfilm aus deutscher Amazon-Produktion. One Night Off um den jungen Vater Noah (Emilio Sakraya), dem Milena Tscharnke ihr gemeinsames Baby anvertraut, das er in seinen Lieblingsclub mitnimmt, mag zwar ein realitätsfernes Mash-up diverser Hollywoodkracher à la Hangover sein. Das allerdings machen die Autoren um Murmel Claußen absolut unterhaltsam.

Auf Basis anderer Originale beruht tags zuvor auch die Sky-Serie Yellowjacket. Weil sie Mädchen statt Jungs auf einsamer Insel stranden und Opfer ihrer Instinkte werden lässt, ist der Zehnteiler durchaus eigensinnig. Was noch? Die Dittrich-Parodie Ich war Angela Merkel (Mittwoch, 23.45 Uhr), der Rich-Kids-Sechsteiler Kitz (Donnerstag, Netflix), die Fiktionalisierung der Thailänder Höhlenkinder The Rescue (Freitag, Disney+), das Krimidrama Schneller als die Angst (Samstag, 22.45 Uhr, ARD) mit Felix Klara als Vergewaltiger statt Kommissar. Und parallel der Höhepunkt: Die Frau im Dunkeln, ein sensationell ruhiger, zugleich aufwühlender Film Noir mit Olivia Coleman als Professorin auf der unfreiwilligen Suche nach ihrer inneren Zerrüttung.



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