Chrupallas Kontraste & Monks Rückkehr

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. Januar

Auch wenn das Medieninteresse leicht nachlässt: Die Großkundgebungen gegen alternative und andere Nazis gingen vorige Woche unverändert weiter – wobei Dunja Hayalis Interview mit dem parlamentarischen Geschäftsführer Bernd Baumann ebenso wie Olaf Sundermeyers Infight mit AfD-Führer Tino Chrupalla bei Maischberger hochinteressante Facetten rechter Reaktionen offenbarte.

Während wutbürgerliche Demonstrationen der Pandemie von pluralistischer Seite abgesprochen wurde, „das Volk“ zu repräsentieren, sprechen Rechte den mutbürgerlichen Demonstrationen dieser Tage ab, überhaupt Demonstrationen zu sein. Und sie beklagen dabei eine Ausgrenzung, die ihrer Politik wesenseigen ist. Am Dienstag zum Beispiel wurde dem ARD-Magazin Kontraste der Zutritt zu einem AfD-Bürgerdialog in Sachsen-Anhalt verweigert. Begründung: man wolle nur „seriöse Medien“ im Saal.

Was das Magdeburger Landgericht per einstweiliger Verfügung untersagte. Der nachfolgende Spießrutenlauf des Reportageteams ist am Donnerstag im Ersten zu sehen. Dort also, wo WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni laut einem Kress-Bericht kurz vorm Ukraine-Überfall ein Interview von Hubert Seipel – möge er in der AfD-Hölle schmoren – mit Wladimir Putin verhindert

Schließlich, so Ehni, habe der korrupte Antijournalist schon 2014 ein liebedienerisches PR-Gespräch mit dem Diktator geführt, als er die Pressefreiheit daheim längst vollumfänglich zerstört hatte. Das allerdings hindert Qualitätsmedien nicht daran, Putins Staatspropaganda wiederzukäuen. Zuletzt etwa, als sie verbreitete, an Bord eines abgeschossenen Flugzeugs saßen 80 ukrainische Kriegsgefangene.

Ob das stimmt, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Aber gerade deshalb ist es so fatal, Meldungen wie diese auch nur zu erwähnen. In Russland gibt es keine Fakten, keine Realitäten, keine Wahrheiten mehr, die Putins Weltsicht widersprächen. Und damit zu etwas komplett anderem, sehr erfolgreichen: Mit Das Lehrerzimmer wurde neben Sandra Hüller und Wim Wenders auch eine ZDF-Koproduktion für den Oscar nominiert.

Die Frischwoche

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29. Januar – 4. Februar

Während die Verleihung allerdings noch fünf Wochen hin ist, läuft Freitag bei Amazon Prime das Remake eines Hollywood-Blockbusters von 2005, der seinerzeit zu Recht keine Nominierung erhalten hatte, nun aber durchaus Fernsehpreise gewinnen könnte, Kategorie Krimikomödie: Mr. & Mrs. Smith. Anders als Angeline Jolie und Brad Pitt sind Maya Erskine und Donald Glover nämlich mehr als Eye-Candy.

Ihr scheinverheiratetes Auftragskillerpaar Jane und John kriegt acht Folgen lang reichlich Gelegenheit, unterhalb der schicken Oberfläche Untiefen pragmatischer Zwangsvereinigung auszuloten – und nutzt sie überaus ansehnlich. Etwas, das der dritten und letzten Staffel Sløborn parallel dazu in der ZDF-Mediathek für deutsche Katastrophenfilmverhältnisse ebenfalls ganz gut gelingt.

In der ARD-Mediathek macht Kida Khodr Ramadan bald das, was er seit knapp zehn Jahren praktisch unablässig tut: er spielt den Bandenkriminellen einer Serie, die das flutende Männerhormon darin sogar im Titel trägt: TESTO. Als Regisseur, Autor, Hauptdarsteller in Personalunion überfällt sein Gangster Keko darin mit den üblichen Komplizen (Veysel, Lau, Erceg) eine Bank, was sieben Teile à 15 Minuten maximal toxisch eskaliert. Na, ja…

Dann vielleicht doch lieber das sechsteilige Drama Hafen ohne Gnade vom Drogenumschlagsplatz Le Havre, ab Mittwoch in der ARD-Mediathek. Die drollige Cringe-Mockumentary Nathan for You, zeitgleich bei Paramount+ und Comedy Central. Oder ein Leckerli für Nullerjahre-Nostalgiefans: Mr. Monk’s Last Case, eine Art filmischer Abschluss der Comedy um den zwangsneurotischen Mordermittler, mit dem Magenta 14 Jahre nach dem vermeintlichen Serienfinale am Freitag auf Sendung geht.


Remigration & Masters of the Air

Die Gebrauchtwoche

TV

15. – 21. Januar

Das Unwort des Jahres, Jahr für Jahr verliehen von einer sechsköpfigen Jury aus Linguistik und Publizistik, die sich vor 30 Jahren von der Gesellschaft für deutsche Sprache abgespalten hat, wagt seit ausländerfrei von 1991 Spagate: Einerseits brandmarkt es öffentliche Formulierungen, die Humanität und Sachlichkeit widersprechen. Andererseits werden dabei gelegentlich Wörter angeprangert, die eigentlich das Gegenteil bezwecken.

Tätervolk (2003) oder Herdprämie (2007) zum Beispiel, womit Opfer und Täter rechter Politik umgedreht wurden. Remigration dagegen reiht sich logisch ins Vokabular reaktionärer Kampfbegriffe ein, die sich in bürgerliche Diskurse fressen wie die AfD in Parlamente. Deren Rückführungsfantasie war es denn auch, die bundesweit Hunderttausende gegen alte und neue Neonazis auf Straßen brachte.

Ein Thema, das tagelang die Top-Nachricht aller ernstzunehmenden News war und natürlich auch Caren Miosgas, nun ja, solides Talkshow-Debüt mit dem Stargast Friedrich Merz sowie ein paar Unsicherheiten zu Beginn und verblüffend langen Reportage-Einspielern im taubenblauen Studio tangierte. Auch, als die Journalistin Anne Hähnig und der Soziologe Armin Nassehi hinzustießen, blieb Caren Miosga zwar ein bisschen wackelig, aber das sind die üblichen Anfangsprobleme aller Hosts.

Und damit Dinge, mit denen sich im Dschungelcamp niemand herumschlagen muss. Was einerseits zum Wesen eskapistischer Fernsehunterhaltung gehört, andererseits aber auch damit zu tun hat, dass zum 20. Geburtstag niemand vor Ort ist, der/die jemals durch Äußerungen abseits der eigenen Aufmerksamkeitsökonomie aufgefallen, geschweige denn in der Tagesschau präsent gewesen wäre, die Ende Januar ihr populärstes Gesicht verliert: Judith Rakers.

Wer praktisch nie verliert, zumindest nicht bei den Emmys, ist Succession, diesmal mit vier Trophäen, also sechs weniger als der große Abräumer The Bear. Wer wirklich immer verliert, und das nicht nur bei den Emmys, ist hingegen Better Call Saul, in jeder Staffel mehrfach nominiert, in keiner ausgezeichnet. Warum auch immer…

Die Frischwoche

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22. – 28. Januar

Das fragt eine Doku der ARD-Mediathek grad auch all jene, die zugeben: Wir waren in der AfD, wozu die Süddeutsche eine sehr kluge Antwort findet: Ihre Ex-Partei, schrieb sie in der Wochenendausgabe, „ist eine Einsamkeitsmaschine. Sie zieht einsame Menschen an – um sie noch einsamer zu machen.“ Während man Neonazis ihre Einsamkeit allerdings von Herzen gönnt, macht sie in der Prime-Serie Expats betroffen.

Nicole Kidman spielt eine Amerikanerin, die ab Freitag sechs Teile lang mit ihrer Familie ein wohlstandsverwahrlostes Luxusleben in Hongkong führt – bis eine Frau aus ihrer Vergangenheit das aseptische Idyll zur Hölle macht. Eine Eskalationsspirale, die Lulu Wang nach Yanice Lees Bestseller mit vier weiblichen Hauptfiguren in sedierter Seelenruhe vorantreibt.

Weniger Ruhe, dafür mehr Gewalt beinhaltet das Prequel des gefeierten Heist-Movies Sexy Beast, in dem Ben Kingsley 2000 sein Coming-Out als Schurke feiern durfte. Ab Donnerstag erzählt Paramount+ nun achtmal 50 Minuten, wie der Choleriker Don (Emun Elliott) den liebenswert windigen Safeknacker Gal (James McArdle) zum Supercoup bringen konnte – und das mit der gewohnten Routine britischer Ganovenstoffe.

Damals entstand auch etwas, das man der Popkultur vor rund 30 Jahren nicht zugetraut hätte: HipHop made in Germany. So heißt eine ARD-Doku, die ab Dienstag in der Mediathek dessen Aufstieg nachzeichnet, bevor am Freitag das wuchtigste Format der Woche startet: Masters of the Air – bekloppter Titel, famose Bilder von einer legendären US-Fliegerstaffel, die 1944 das Deutsche Reich bombardierte.

Produziert von Steven Spielberg und Tom Hanks, ist die neunteilige Weitererzählung ihrer Serien Band of Brothers und The Pacific erneut ein Glossar militärischer Techniken, nebenbei aber auch eine Milieustudio couragierter Kerle im Ausnahmezustand – die das beendet haben, woran Arte Dienstag mit Die Shoah in den Ghettos oder Sobibor – Anatomie eines Vernichtungslagers ab 20.15 Uhr erinnert: das größte aller Menschheitsverbrechen.


Frank Z: Abwärts, Krautrock, R.I.P.

Eins, zwei, drei, go

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Wie so viele von den Guten viel zu früh ist Abwärts-Sänger Frank “Z” Ziegert (Foto: Visions) am Mittwoch mit nur 66 Jahren gestorben. Als kleine Reminiszenz an einen grandiosen Punkrocker der ersten Stunde in Deutschland ist hier noch mal mein Interview mit ihm vor ziemlich exakt zehn Jahren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frank, ist es beabsichtigt, dass manche Stücke auf eurer neuen Platte ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern?

Frank Z: Ach, echt? Interessante Wahrnehmung, aber nicht beabsichtigt.

Ist die minimalistische Prägung dennoch so eine Art Altersintellektualismus oder eher logische Konsequenz aus dem, was ihr seit fast vier Jahrzehnten macht?

Weder noch, würde ich sagen. Sie ist ein Versuch, zu experimentieren. Unsere letzten Platten waren ja eher punkorientiert, gingen aber dabei fast in den Industrial hinein. Da wollten wir diesmal etwas machen, das wieder minimalistischer ist. Deshalb lautet der Name ja auch „Krautrock“, der zwischendurch zum Schimpfwort verkommen war, aber eigentlich für ziemlich innovative Musik stand.

Aber ist Krautrock mit seinen psychedelischen Gitarrenflächen nicht genau das Gegenteil vom kühlen Minimalismus, den ihr hier ausprobieren wollt?

Wenn du dir so Sachen wie Can anhörst, gab es da durchaus minimalistische Soundstrukturen.

Ist das Krautrock-Element denn auch eine Reminiszenz an die musikalischen Wurzeln von Rockmusikern über 50?

Schon, aber auch eine Reminiszenz an uns selbst. Wir haben ja zum Beispiel drei Abwärts-Songs neu aufgenommen und zitieren auch sonst musikalisch viel aus den Achtzigerjahren. Wer sich ein bisschen in der Pop- und Punkgeschichte auskennt, wird bei uns immer wieder fündig, solange er denn sucht.

Aber seid ihr das denn überhaupt noch – Punk?

Zumindest kommen wir ursprünglich aus der Ecke und haben das zuletzt auch sehr gepflegt. Aber wir ticken gar nicht so konzeptionell. Was allerdings auffällt ist, dass die Arbeit an Krautrock viel arbeitsintensiver war als an den Alben zuvor.

Für Punkrock reichen halt drei Akkorde.

Genau. Eins, zwei, drei, go.

Was unterscheidet den Punkrock eurer frühen Jahre von dem der Gegenwart?

Gar nicht so viel, weil wir auch 1979 nie den schlichten Punk jener Zeit gespielt haben, sondern immer eher zwischen den Stühlen saßen, also experimenteller waren. So gesehen waren die Sachen des 21. Jahrhunderts mehr Punkrock als das, was wir in den Achtzigern gemacht haben. Man muss halt aufpassen, dass das, was man macht, kein reines Verkaufsargument ist. Wenn die Toten Hosen plötzlich eine Platte wie wir aufnehmen würden, wären doch alle völlig vor den Kopf gestoßen. Deshalb machen die immer wieder das Gleiche.

Ist euer Sound 1979 aus Rebellion oder Verweigerung entstanden?

Wir hatten zu Beginn jedenfalls ganz klar das Bedürfnis, mit unserer Musik auch was verändern zu können. Aber so was erledigt sich dann doch ziemlich schnell, weil man schnell merkt, als Musiker doch sehr begrenzten Einfluss aufs Große und Ganze zu haben. Wir können da höchstens Denkanstöße geben. Trotzdem war unsere Musik wie Punkrock generell auch Ausdruck einer bestimmten Wut, der wir Ausdruck geben wollten.

Hast du noch was von dieser Wut in dir?

Ein bisschen davon hab‘ ich mir bewahrt, das zieht sich noch immer durch unsere Texte. Klassische Liebeslieder findest du bei mir eher selten (lacht).

Eher schon Parolen wie Stahlbeton & Blechlawinen. Ist das auch so ein Zitat aus früheren Zeiten?

Nicht unbedingt, unsere Zitate sind eher musikalischer Natur.

Dieses hier klingt aber schwer nach Zurück zum Beton von Syph.

Das stimmt, jetzt wo du’s sagst.

An wen richtet sich das – Nostalgiker, die euch von Beginn an begleiten, oder neue Fans, die man damit noch überraschen kann?

An beide, hoffe ich. Auf unseren Konzerten findet man die Alten ebenso wie 16-, 17-Jährige. Wenn man sich mit „Krautrock“ echt auseinandersetzt, ist da für alle was dabei.

Abwärts hat sich in 35 Jahren gefühlt fünfmal aufgelöst und neu zusammengesetzt. Gab es die Band zwischenzeitlich eigentlich immer weiter?

Es gab immer mal Zeiten, wo in den Pausen viel passiert ist und welche, in denen es nichts zu sagen gab. Und wenn du als Künstler nichts zu sagen hast, dann lässt man es lieber. Unterm Diktat dieses zwanghaften Zyklus Platte-Tour-Platte-Tour wird man am Ende bloß kommerziell, nicht kreativ. Deshalb habe ich auch längst aufgehört, die Band auch als solche zu bezeichnen, sondern eher als Kunstprojekt mit wechselnder Besetzung.

Und dir als roten Faden.

Das kann man so sehen, Frank Z., der rote Faden.

Jetzt gehst du langsam auf die 60 zu…

(lacht laut)

Spürt man das in den Knochen oder rockst du das einfach weg?

Ach, ich bin relativ fit. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich kipp von der Bühne, würde ich es lassen.  Wie das einige Altrocker durchziehen, finde ich eher absurd.

Du möchtest nicht als Rolling Stone enden.

Auf keinem Fall.


Heinz W. Hübner: Holocaust & Helmut Oeller

Das war ein Psychoschock

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Heinz Werner Hübner (1921-2005) ist WDR-Programmdirektor, als er 1979 Fernsehgeschichte schreibt, die US-Serie Holocaust ins Erste holt und Unionskreise gegen sich und seinen Sender aufbringt. Zum Ausschwitz-Gedenktag am 27. Januar dokumentiert freitagsmedien ein Interview mit Hübner, dass er 25 Jahre nach der Erstausstrahlung gab – und in Zeiten einer rechtsextremen Bundestagspartei neue Aktualität erhält.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hübner, Hand aufs Herz – kannten Sie im Sommer 1978  bereits das Wort Holocaust?

Heinz Werner Hübner: Nein, der Begriff ist in Deutschland erst durch die Serie aufgetaucht. Vorher war er nur einer Minderheit bekannt, zu der ich damals offenbar noch nicht gehörte.

Nach der Ausstrahlung von Marvin J. Chomskys epochaler Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im darauffolgenden Januar kannte ihn dann das ganze Land und hat darüber ausgiebig diskutiert. War Ihnen im Vorfeld bewusst, welche Macht das Fernsehen hat?

Dass es Einfluss auf die Meinungsbildung hatte, war klar. Aber nicht im Zusammenhang mit dem Holocaust.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat seinerzeit sogar eine Finanzdebatte im Bundestag unterbrochen.

Also damit war überhaupt nicht zu rechnen. Die Vorgeschichte ist ja so, dass die Serie schon in etlichen europäischen Ländern gelaufen ist. Es gab eine Diskussion, ob sie hier gesendet werden soll. Ich sagte, wenn wir es kaufen, haben wir eine große Diskussion, und wenn nicht, auch. Ein Rückzug war gar nicht mehr drin.

War das auch eine erzieherische Maßnahme?

Überhaupt nicht. Die Sender hatten Dutzende von Büchern und Schicksalen verfilmt. Dass das Thema zwischen 1950 und 1979 keine Rolle in den Medien gespielt hat, ist einfach falsch. Es gibt eine Parallele: als hätte es vor Günter Grass und der Gustloff keine Vertriebenendebatte gegeben. Das ist eine Wellenbewegung: Alle 25 Jahre entdecken die Menschen ein Thema und tun so, als sei es vorher nie erörtert worden.

Dennoch: Holocaust bewegte die Menschen mehr als alles zu diesem Thema zuvor. Wieso ausgerechnet dieser amerikanische Typ Spielfilm?

Das war vielleicht doch ein Psychoschock. Er hat angerührt und vor allem den Jüngeren klar gemacht, was wirklich passiert ist. Die ältere Generation, das ist kein Geheimnis, hat mit ihren Kindern nicht darüber gesprochen.

Erinnern Sie sich noch an die Debatte der Rundfunkanstalten?

Natürlich. Auf einer Tagung in Bremen ging es für die Programmdirektoren der neun Sender um den Sendeplatz, und Fernsehspielzeit war Mittwochabend. Dafür hatte ich eine Mehrheit von 5:4.

Dagegen war vor allem BR-Programmchef Helmut Oeller,

Genau. Und ich wollte niemanden vergewaltigen. Da kam mir der Einfall: wir senden es in den Dritten, aber innerhalb einer Woche. Mit Ausnahme Oellers waren alle dafür. Es gab danach eine Menge Kritik, die heftigste von der Welt, die am Tag vor der Ausstrahlung forderte, dass ich dieses Machwerk aus meiner Tasche bezahlen müsste. Oder so absurde, in England habe jemand einen Herzinfarkt bekommen, man könne das also den Menschen nicht zumuten.

War der Sendeplatz der kleinste gemeinsame Nenner, damit der BR nicht, wie von Oeller angedroht, aus dem Sendeverbund aussteigt?

Na ja, das hatte er schon oft getan. Also acht zu eins – da hätte der BR schon aussteigen können.

Wovor hatte er solche Angst?

Konservatives Unbehagen, möchte ich es mal nennen. Weil sie nicht genau wussten, wie es ankommt. Deutschland wurde total verunglimpft, einer dieser Anti-Nazi-Filme, wo Deutsche immer Unholde mit Hakenkreuz sind.

Dabei wurde den Zuschauern eine erschütternde, aber historisch holprige Familiensaga geboten, mit Hollywood-Pathos, relativ netten Nazis und wohlgenährten KZ-Häftlingen.

Ein filmisches Meisterwerk ist Holocaust sicher nicht.

Aber das Maximum des Zumutbaren.

Das halte ich für überspitzt. Die Mehrheit des Publikums wollte wie heute einfach nur unterhalten werden.

Ephraim Kishon hat damals gesagt, wer an Holocaust Kritik übe, sei verdächtig, weil er „den Antisemitismus wachruft“.

Auch das halte ich für überspitzt.

Also waren nicht alle Kritiker verkappte Antisemiten?

Das muss man die einzelnen Kritiker fragen. Der Erfolg jedenfalls war die Resonanz, zumal die dritten Programme nur minimal wahr genommen wurden. Hinterher gab es ja die Diskussionssendung mit einem Zuschaueranteil von bis zu 30 Prozent.

In den Anrufen und in Zuschriften fielen Begriffe wie Rotfunk, Volksmord oder Brunnenvergiftung.

Es gab zwar Beschimpfungen und Morddrohungen, aber das war der Bodensatz von fünf bis vielleicht sieben Prozent. Die Mehrzahl sagte, sie hätte zum ersten Mal begriffen, was damals überhaupt geschehen ist. Viel kam auch von Betroffenen, von Nachkommen, auch früherer SS-Angehöriger. Der kleine Rest waren Altnazis.

Bald nach Holocaust gründete das ZDF seine Redaktion für Zeitgeschichte unter Guido Knopp. Was halten Sie von seiner Form des Historytainments maximaler Emotionalisierung des Themas und Delegierung der deutschen Schuld auf Führungscliquen, die in spätestens Ende der Neunzigerjahre State of the Art des deutschen Fernsehens wurde?

Über Knopp will ich mich nicht auslassen. Diese Geschichtsklitterung mit der Masche, einzelne Schnipsel aneinander zu reihen, finde ich nicht gut und guck ich mir das nicht an.

Das Prinzip Knopp arbeitet eher ausgleichend auf und versieht deutsche Verbrechen gern mit Verweisen auf die der Gegner. Wären die Wogen 1979 so glatter geblieben?

Das glaube ich nicht. Und wir haben ja auch deutsche Geschichten gezeigt. Aber als der WDR plante, Dokumentationen über deutsche Städte im Bombenkrieg zu machen, haben wir das aufgegeben. Wissen Sie: die haben ja alle dasselbe erlebt und sagen alle dasselbe. Aus unserer Sicht brachte das nichts.

Gäbe es heute noch ein Format, mit der man Aufsehen erregen könnte wie 1979 mit Holocaust?

Kaum. Sie würden nie diese Zuschauerzahlen erreichen. Fernsehen war damals ein Erlebnis. Heute erreichen Sie mit Dokumentationen nicht mehr viele. Das ist das Wesen der Spaßgesellschaft. Sie fesseln damit nicht mehr die Nation.

Schauen Sie etwas wehmütig auf die Spielräume von damals?

Nein. Dafür sind die Möglichkeiten von heute, Fernsehen zu machen, so viel größer. Die Welt entwickelt sich, also was soll’s.


Fifa-Regel & Oderbrüche

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. Januar

Wenn der Rechtsstaat tüchtig zupackt: Drei Männer und eine Frau wurden vorige Woche vom Amtsgericht Berlin Tiergarten für ihren Angriff auf das Team der heute-show am Rande einer Querdenken-Demo 2022 verurteilt. Wobei der Rechtsstaat härter zugepackt hätte, sofern sich das Quartett stattdessen fürs Klima ans Pflaster geklebt hätte. So brachte der Angriff auf die Säule unserer Demokratie Bewährungsstrafen – mit absolut absurder Begründung.

Denn strafmildernd wirkte das „Geständnis“, sie hätten ihre Opfer leider mit „Personen aus dem rechten Spektrum“ verwechselt. Schließlich laufen die massenhaft mit professionellem Fernsehequipment über Schwurbeldemos und stellen Systemfeinden kritische Fragen. Warum man die attackierte Pressefreiheit allerdings auch nicht überbewerten darf, zeigte kurz zuvor der ZDF-Kollege Mitri Sirin.

Beim bundesweiten Beckenbauer-Gedenken befragte der heute-Moderator am Montag seinen Sportskollegen über die dunklen Seiten des Kaisers. Markus Harm verstieg sich dabei zur ungeheuerlichen Entgleisung, nicht nur die Steuerhinterziehung oder Sklavenblindheit des Verstorbenen zu unterschlagen; er billigte Beckenbauers Bestechungsskandal mit dem denkwürdigen Satz, noch nie sei eine WM „so billig“ gekauft worden wie 2006, wofür der Franz halt nach den Fifa-Regeln spielen „musste“.

Wenn Deutsche um deutsche Helden kämpfen … werden sie publizistisch eigentlich nur dann noch etwas sanfter angefasst, sofern deren Trecker das halbe Land lahmlegen. Dafür hatte dann auch Jessy Wellmer in den Tagesthemen Verständnis. Obwohl die ausgebildete Sport-Moderatorin das Nachrichten-Fossil im Rahmen ihrer Möglichkeiten überaus souverän präsentierte.

Auf einem Sender übrigens, der wie alle anderen Publikum verliert. Laut einer Studie der AGF Videoforschung sank die tägliche Nutzungsdauer 2022 von 213 auf 195 Minuten, während die Gesamtzahl der Zuschauerinnen und Zuschauer seit 2017 um fünf Millionen abnahm. Obwohl Tatort oder Tagesschau weniger betroffen sind, hängt digitales das lineare Fernsehen somit weiter ab.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

15. – 21. Januar

Der Einsatz in Stuttgart am kommenden Sonntag (Zerrissen) dürfte also wie das heutige Vorrundenspiel der Handball-WM Deutschlands gegen Frankreich oder der Start des 278. Dschungelcamps wieder hoch im siebenstelligen Bereich landen, während das hervorragende ARD-Porträt Juan Carlos – Liebe, Geld, Verrat in der Mediathek besser laufen könnte. Ein Ankauf übrigens von Sky, wo parallel die 4. Staffel True Detective startet.

Zehn Jahre nach der gefeierten Premiere, kommen dort erstmals zwei Kommissarinnen zum Einsatz, darunter Jodie Foster. Das Ergebnis reicht an ihre Vorgänger Matthew McConaughey und Woody Harrelson heran. Mit acht Folgen ist die Serie verglichen mit einer deutschen allerdings raspelkurz. In Pumpen porträtiert Neo ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek 25 Folgen à 22 Minuten lang den Existenzkampf einer Magdeburger Muckibude.

Und das ist zwar angemessen billig produziert, hat dank des frischen Casts einer tiefgründig humorvollen Handlung zwischen Body-Shaming und Solidarität durchaus seine Stärken. Was für die Überraschung der Woche umso mehr gilt: Oderbruch. So heißt nicht nur Deutschlands äußerster Osten, sondern ein Mystery-Thriller von Christian Alvart, Adolfo J. Kolmerer und Arend Remmers.

Klingt nach der düsteren Effekthascherei von Dark bis Schnee, ist aber eine intime Regionalstudie mit Gruselfaktor, die ab Freitag in der ARD-Mediathek mit relativ wenig Theaterdonner auskommt und dennoch das Gros der acht Teile fesselt. Ob das auch für den Netflix-Film 60 Minuten gilt, worin der Ostberliner Emilio Sakraya zeitgleich einen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer spielt? Na ja…

Mehr Stil als Muskelmasse verbreitet währenddessen das spanische Biopic vom spanischen Mode-Zaren Cristóbal Balenciaga bei Disney+, während die Prime-Serie Hazbin Hotel ein Horrormusical animiert, bevor Sky sich wahrhaft bedrückender Real Crime widmet. Last Call Killer rekapituliert ab Samstag vier Teile lang die Morde im queeren New Yorker Milieu der frühen Neunziger und damit ein liberales Land im Griff reaktionärer Gewalt.


Fahnenmeere & Beckenbauer

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. Dezember

Wer Wintersport kommentieren möchte, benötigt exakt drei Kernkompetenzen, um für ARD und ZDF ans Mikro zu dürfen: Das Publikum wird pro Übertragungsminute vier- bis vierzigmal für seine Begeisterungsfähigkeit gelobt. Zu Beginn, in der Mitte und am Ende aller Interviews hat jede(r) Athlet(in) zu bestätigen, wie „fantastisch“, „gigantisch“ oder „phänomenal“ die Zuschauer seien! Und falls die Antwort zu nüchtern gerät, drücken Fahnenmeere national beseelter Fans das Bild gerade.

Als gäbe es ein weisungsbefugtes Wintersportpropagandaministerium, betreiben Marketingbeauftragte von Lea Wagner und Jens-Jörg Rieck bis Lena Kesting und Christoph Hamm Produkt-PR in eigener Sache, die den Selbstzerstörungsmechanismus ihrer Presseausweise auslösen müsste – hätten sie beim Eintritt ins öffentlich-rechtliche Selbstbeweihräucherungsfernsehen nicht ihr Berufsethos an der Garderobe abgegeben.

Anders als politischer darf sportlicher Journalismus naturgemäß zwar parteiisch sein; der schwarzrotgoldene Rausch allerdings, dem besonders die kommentierenden Skisprung- und Biathlonbrigaden im Ersten und Zweiten oft verfallen, ist so aasig, dass die Moderation der mitreißenden Darts-WM bei Sport 1 dagegen geradezu vorbildlich war. Wobei der wahrhaftigste Wettstreit ohnehin online lief.

Bei FreeVee oder Youtube ging die dritte Staffel 7 vs. Wild zu Ende. Und sie belegt aufs Neue, wie gehaltvoll Trash-TV sein kann, wenn die Selbstdarsteller*innen derart unverstellt agieren. Es war ein bemerkenswerter Start ins erste Jahr der deutschen Produktionsbranche ohne Magenta TV, Sky, Servus und Sat1, wobei sich letztere bislang nur faktisch, nicht offiziell von Inhalten verabschiedet hat.

Die Frischwoche

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8. – 14. Dezember

Von publizistischer Distanz hatten sich bislang fast alle Autoren liebedienerischer Porträts populärer Sportskanonen wie Kaiser Franz verabschiedet. Nach monarchistischen PR-Beauftragten wie Thomas Schadt oder Thomas Klinger, wagen sich heute Abend nun Philipp Grüll und Christoph Nahr ans Denkmal Beckenbauer – und siehe da: die ARD-Doku durchleuchtet den bestechungsaffinen Steuerflüchtling mit Katar-Fimmel um 20.15 Uhr geradezu kritisch.

Kurz vorm 20. Geburtstag des RTL-Turmspringens, das am Freitag weitere Bauchklatscher landet, wird Paul Rutmans Old Case in der Apple-Serie Criminal Record ab Mittwoch acht Teile lang zu einem Cold Case, der Englands rassistische Klassenjustiz an den Pranger stellt und nebenbei sehr anspruchsvoll inszeniert wurde. Einen unaufgeklärten Mord der 70er Jahre stellt derweil die Magenta-Serie Steeltown Murders ab Freitag vier Folgen nach.

Irgendwie ebenfalls fiktional und dennoch in der Realität verankert ist die quirlige Neo-Serie The Outlaws. Während sie als Strafersatz ein altes Haus in Bristol renovieren, geraten sieben Kleinkriminelle um den unvergleichlichen Christopher Walken dabei sechsmal 60 Minuten in einen Strudel großkrimineller Verwicklungen – was unter der boshaften Synchronisation nicht nur britische Leichtigkeit entfaltet, sondern einen Gimmick, der mit dem Street-Art-Künstler Banksy zu tun hat.

Zwischendurch repetiert Disney+ mit Echo ab Mittwoch dann noch ein weiteres fünfteiliges Superheldenactiongefasel Marke Marvel, bevor Bülent Ceylan zwei Tage3 später in der ARD-Mediathek seine Comedy-Show Babbel Net! fortsetzt, was zwar wie immer nicht jedermenschs Sache ist, aber sechs Episoden lang sehr aufrichtigen Alltagshumor vermittelt.


Sophie von der Tann: Israel, Hamas & die ARD

Ich will da lebendig rauskommen

Tann-Artikel

Seit dem 7. Oktober, als die Hamas Israel überfiel, ist Sophie von der Tann (Foto: Dominik Butzmann) das ARD-Gesicht im Kriegsgebiet schlechthin – auch, weil sie auf empathische Art sachlich von dort berichtet, wo ihr Herz bereits als Schülerin hing. Ein – vorab im journalist erschienenes – Interview mit der 31-jährigen Nahost-Korrespondentin über die Arbeit einer so jungen Journalistin unter Extrembedingungen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau von der Tann, so von Zivildienstleistendem zu Zivilistin – wie fühlt es sich bei der Arbeit mit Helm und Schutzweste in Tarnfarben an?

Sophie von der Tann: Darüber mache ich mir in dem Moment, wo ich das trage, eigentlich kaum Gedanken, weil es einfach das ist, was ich eben tragen muss in Situationen wie aktuell in Israel und den palästinensischen Gebieten. Wenn das Sicherheitskonzept vorsieht, das anzuziehen, ziehe ich es an.

Und mit welchem Gefühl also?

In so einer exponierten Lage fühlt es sich vor allem geschützter an als ohne. Die Ausstattung ist ganz schön schwer, und ich glaube, dass die Sicherheitsfirmen noch viel zu tun haben, damit sie am Ende auch Frauen gut passt (lacht). Aber an Orten wie diesen ist es jetzt nun mal Teil unseres Alltags.

Hat sich das Sicherheitsbedürfnis an einem konfliktträchtigen Einsatzort wie Israel seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober spürbar verschärft oder war es auch vorher schon groß?

Wenn man als Korrespondentin nach Israel und in die palästinensischen Gebiete geht, muss man sich darüber klar werden, dass es zur Eskalation kommen kann, die potenziell gefährlich wird. Ich jedenfalls war mir dessen sehr bewusst. Wir versuchen natürlich, alles zu tun, nicht in solche Situationen zu kommen und arbeiten auch mit erfahrenen Leuten zusammen. Außerdem habe ich ein Krisentraining absolviert. Aber dass es zu diesem Zeitpunkt in dieser Dimension eskaliert – damit hat, glaube ich, niemand gerechnet.

Sie eingeschlossen?

Mich eingeschlossen. Mir war immer klar, dass hier ein gewisses Risiko für Eskalationen besteht, aber wirklich unsicher gefühlt habe ich mich deshalb eigentlich selten – auch wenn latent immer eine gewisse Spannung herrscht, manche Orte gefährlicher sind als andere und entsprechend andere Sicherheitsvorkehrungen erfordern. Wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre, hätte man auch schon vorher in Terrorangriffe geraten können. Aber für mich war die Gefahrenlage in Tel Aviv definitiv eine andere als für Kollegen im Westjordanland oder Gaza-Streifen.

Wenngleich Sie dort vermutlich häufiger im Einsatz waren.

Natürlich, mehrfach. An beiden Orten war ich in den zwei Jahren hier schon mehrfach. In unserem Berichtsgebiet Israel und den Palästinensergebieten sind wir fast überall unterwegs.

Legt man sich da automatisch eine Art virtuellen Panzer der Abgebrühtheit an, der über den materiellen hinausgeht, den Sie gerade häufig in der Tagesschau tragen?

Ich hoffe nicht, weil er mich daran hindern würde, mich auf die Geschichten dort einzulassen, den Menschen wirklich zuzuhören und zu sehen, was wirklich los ist, anstatt es teilnahmslos an sich vorbeiziehen zu lassen.

Gilt das für Sie oder alle Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten vor Ort?

Ich erinnere mich an eine Situation im Mai, als ich während einer Eskalation eine Woche lang zusammen mit einem Kollegen im Gaza-Streifen festsaß. Als wir dann mitten in der Nacht mit UN-Fahrzeugen evakuiert wurden, war es ein merkwürdiges Gefühl, an Bewohnern vorbeizufahren, die vor Beschuss oder Luftangriffen nicht wie wir evakuiert werden. Andere im Fahrzeug haben sich dagegen so ein bisschen locker über Anekdoten von ihrer Evakuierung aus Kabul unterhalten, als wäre das normal. Da dachte ich: Hoffentlich werden wir nie so abgebrüht, hoffentlich sehen wir immer, was da vor sich geht. Man gewöhnt sich an einiges, aber mir ist wichtig, noch alles wirklich wahrzunehmen – auch, wenn das manchmal wehtut.

Zumal der 7. Oktober gezeigt hat, dass man gar nicht abgebrüht genug sein kann, um von der Weltgeschichte nicht doch überrollt zu werden.

Genau.

Was hat dieser Tag mit Ihnen als Journalistin, aber auch als Mensch gemacht?

Es hat mich wie alle anderen vollkommen entsetzt. Wie sehr, das kann ich im Nachhinein gut an Chatverläufen nachverfolgen. Ich habe mir meinen bei WhatsApp – interessanterweise mit jenem Kollegen, mit dem ich im Mai im Gaza-Streifen festsaß – gestern zufällig noch mal angesehen. An Morgen des 7. Oktobers habe ich zum ersten Mal überhaupt Raketenalarm in Tel Aviv gehört. Bei den vorigen Malen war ich zufällig nie im Land. Wir waren beide total fassungslos über die Videos, die Hamas-Terroristen in israelischen Ortschaften zeigten. „Das hat eine andere Dimension“, habe ich ihm früh am Morgen geschrieben, das war uns schnell klar.

Damals noch reine Intuition?

Nicht nur. Wenn man wie ich schon mehrfach die Grenze überquert hat und sehen konnte, wie hoch diese Mauern sind und wie stark bewacht sämtliche Sicherheitsanlagen, war es umso unvorstellbarer, dass Terrorkommandos da einfach durchkommen. Das war ein echter Schock.

Schalten Sie als Journalistin dann in eine Art Notfallmodus und lassen persönliche Befindlichkeiten nicht an sich heran, um beruflich funktionieren zu können?

Das ist in dem Moment schon deshalb wichtig, weil ich von da an fünf Tage am Stück eigentlich durchgearbeitet habe. Und da mein TV-Kollege nach einer langen Dokumentation gerade in Deutschland war und nicht einfliegen konnte, weil alle Flüge gecancelt wurden, waren wir im TV-Studio ein kleines Team. Er hat von München aus versucht, alles Mögliche beizusteuern, was für die Berichterstattung nötig ist. Aber vom Morgenmagazin um 7 Uhr bis zu den Tagesthemen israelischer Ortszeit nach Mitternacht war ich konstant on air und musste zwischendurch auch noch die Termine draußen koordinieren. Wenn man da nicht im Funktionsmodus bleibt, ist das unmöglich.

Geht das so weit, seine Körperfunktionen wie im Schlaf herunterzuregeln und weniger Schlaf- oder Essbedarf zu haben?

Nein, Hunger hatte ich zum Glück schon verspürt und konnte ihn bei Gelegenheit auch stillen (lacht). Und Zeit, um zwischendurch mal mit jemandem auch persönlich zu telefonieren, blieb ebenfalls. Ich hatte sogar ein kleines Ritual, nach der 20-Uhr-Tagesschau auf dem Rückweg nach Tel Aviv kurz meine Eltern anzurufen und auf den neuesten Stand zu bringen – womit ich gewissermaßen sogar die nächste Schalte üben konnte. Ich bin kein Roboter, aber es war faszinierend, zu sehen, was Körper und Geist mit ausreichend Adrenalin in Extremsituationen wie dieser zu leisten in der Lage sind, dass vier, fünf Nächte in Folge mit vier, fünf Stunden Schlaf machbar sind, wenn’s drauf ankommt. Aber auch das geht natürlich nur…

… Mit Teamwork.

Und unser Team hat nicht nur viel Erfahrung, sondern wenn’s drauf ankommt dieselbe Einsatzbereitschaft, von sieben Uhr früh bis ein Uhr nachts zu arbeiten. Alle. Die Kameraleute natürlich, die Producer mit den nötigen Kontakten, den Sprachkenntnissen, dem Überblick, die Techniker. Und wir arbeiten auch eng mit unseren Radiokollegen zusammen, mit denen wir einen sehr konstruktiven Austausch haben, um Situationen besser einschätzen zu können. Für all dies bin ich sehr dankbar, denn andernfalls ist Fernsehen dieser Art nicht möglich.

Entscheidet dieses Team am Ende auch gemeinsam, was von Ihnen am Bildschirm zu sehen und hören ist?

Nein, was ich in einer Live-Schalte sage, sage ich. Das ist mir auch wichtig – obwohl ich natürlich ständig auf der Suche nach Input vom Team in Tel Aviv oder Ortskräften im Westjordanland und Gaza bin, die unter ganz anderen Bedingungen als wir arbeiten, zurzeit aber oft schlecht erreichbar sind. Ich finde es unerlässlich, anderen zuzuhören. Aber über das, was ich sage, entscheide ich allein. Wenn es um TV-Beiträge geht, entscheiden die Redaktionen letztlich, welche Geschichten gesendet werden, und zum Teil auch, wie sie aufgebaut werden. Da wir aber die Gesichter auf den Bildschirmen sind, wird Resonanz auf die gesamte Berichterstattung oft auf uns projiziert. Auch wenn wir nicht alle Entscheidungsprozesse in der Hand haben.

Angesichts von Krieg und Terror im Zeitalter digitaler Kommunikationsnetzwerke ist dabei wichtiger denn je, welche Bilder verbreitet werden und welche nicht. Wer kuratiert abgesehen von ihren Wortbeiträgen letztlich, was zu sehen ist?

Das geschieht immer in enger Absprache mit den Redaktionen, um gemeinsam – auch mithilfe technischer Tools wie visual fact tracking – zu entscheiden, was aus unterschiedlichen Gründen gesendet wird oder eben nicht. Zum Beispiel wenn etwas zu viel Gewalt zeigt, zu propagandistisch ist, nicht authentisch oder nachverfolgbar ist. In jedem Fall müssen wir die Quellen angeben, wenn Videomaterial nicht selbst gedreht wurde oder von Nachrichtenagenturen kommt, sondern aus Social Media stammt oder zum Beispiel vom israelischen Militär veröffentlicht wird. Bilder von Menschen in einer entwürdigenden Situation, etwa aufgrund von Misshandlungen oder während Verhören, verpixeln wir.

Dient all dies auch dem journalistischen Neutralitätsgebot insbesondere als Teil einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktion die trotz der vielzitierten Sicherheit Israels als deutscher Staatsräson keine Partei für eine der Konfliktseiten ergreifen darf?

Ich finde Neutralität einen schwierigen Begriff und würde ihn lieber durch Objektivität ersetzen. Das bedeutet, dass wir uns mehrere Positionen anschauen, Quellen prüfen und alles einordnen, ohne zu bewerten. Unser Job besteht darin, aus unterschiedlichen Blickwinkeln gut informiert bestmöglich zu berichten, was vor Ort passiert. Das ist für mich Objektivität, die gerade in einer solchen Situation wie in Israel und den palästinensischen Gebieten ungeheuer wichtig ist. Eine der großen Herausforderungen ist, dass wir uns aktuell kein eigenes Bild von der Lage machen können.

Weil der Gaza-Streifen gesperrt ist.

Und unser lokales Team, das dort unter großen Gefahren arbeitet, kann auch nicht überall hin. Außerdem können wir sie, wenn das Netz zusammenbricht, oft länger nicht erreichen.

Was fühlt sich in dieser Situation gerade lauter an: der physische Gefechtslärm gegenseitiger Angriffe oder der virtuelle Gefechtslärm in den sozialen Netzwerken?

Dieser Krieg wird auf unterschiedlichen Schlachtfeldern ausgetragen. On the ground, also im Gaza-Streifen, entlang mehrerer Grenzgebiete, aber auch im israelischen Kernland, wohin Raketen abgefeuert und abgefangen werden. Parallel zur militärischen Auseinandersetzung gibt es aber auch diejenige auf Social Media oder in verschiedenen Ländern in der Welt, wo sie auch wieder – teilweise gewalttätig – vor Ort ausgetragen werden. Da wiederum gibt es Konfliktschauplätze, die zwischen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit kreisen. Es ist digital und real alles sehr aufgeheizt. Ich persönlich versuche, mich auf den physischen Konflikt vor Ort zu fokussieren.

Haben die Debatten in den Netzwerken und Messenger-Diensten darauf dennoch Einfluss oder blenden sie die völlig aus?

(überlegt lange) Unser Ziel ist es natürlich, darüber zu berichten, was vor Ort passiert. Ebenso klar ist aber, dass man Social Media sehr genau beobachtet. Ich agiere ja nicht in einer Blase, wo ich einfach mein Handy ausmache und dann nicht mehr nach rechts oder links gucke. Digitale Informationen auf Wahrheitsgehalt und Relevanz zu überprüfen, ist allerdings eine enorme Herausforderung. Es ist auch nicht so, dass ich dort etwas lese und dann denke, ich müsste an meiner Berichterstattung etwas grundlegend ändern, weil die Debatte im Netz eine völlig andere Richtung einschlägt.

Wo sich die Kolleg*innen vom heute journal gerade mit Vorwürfen auseinandergesetzt haben, sie würden einseitig vom Krieg berichten – gibt es so was wie Stimmungen, wenn nicht gar Direktiven aus der Heimatredaktion, die zumindest mittelbar Vorgaben machen?

Nein. Wir sind vor Ort. Wir schlagen die Themen vor, die wir wichtig finden. Wir berichten davon, was wir vor Ort mitkriegen.

Trotzdem könnte es doch gerade in diesem Fall so sein, dass ARD-aktuell oder der Bayrische Rundfunk als Basis aller Auslandskorrespondent*innen eine antisemitische oder antiislamische Stimmung in Deutschland feststellt und möchte, dass die Berichterstattung dem entgegenwirkt oder die Balance herstellt.

Natürlich diskutieren wir auch mit den zuständigen Redaktionen darüber, was in welchem Zusammenhang berichtenswert wäre oder nicht. Aber mir persönlich hat von dort noch nie jemand reinredigiert oder eine Meinung vorgegeben.

Sie befinden sich als junge Journalistin gerade in einem Konflikt, auf dem die eine Seite ein extrem misogynes Frauenbild vertritt, die andere hingegen ein vergleichsweise modernes. Welchen Einfluss hat das auf Sie, Ihr Selbstvertrauen, die Arbeit?

Da so ein Schwarzweiß Szenario zwischen verschiedenen Gesellschaften und Kulturen aufzumachen, finde ich nicht richtig. Das wird der Situation vor Ort nicht gerecht. Und Einfluss – sollte es denn Einfluss auf mich haben?

Die Frage ist nicht, ob es das sollte, sondern hat?

Also für mich macht es wirklich keinen Unterschied, von dort als Frau oder Mann zu berichten. Dass sich viele so für den Umstand interessieren, wenn jung und weiblich aus Krisengebieten berichten, wirft bei mir die Frage auf, warum es in der deutschen Medienlandschaft immer noch als Ausnahme wahrgenommen wird, also der Rede wert zu sein scheint. Wenn ich mich gerade unter internationalen Kolleginnen und Kollegen, besonders den britischen oder amerikanischen Korrespondenten in Israel und den palästinensischen Gebieten so umschaue, liege ich altersmäßig eher im Schnitt.

Mit 32 Jahren?

Nur mal als Beispiel: der Büroleiter der New York Times Patrick Kingsley ist 34 Jahre alt. In Deutschland scheint das allerdings noch immer als zu jung angesehen zu werden. Zum anderen gibt es auch viele Frauen vor Ort. Bei CNN Hadas Gold, beim niederländischen Rundfunk NOS Nasrah Habiballah oder um mal ein deutsches Beispiel zu nennen: Katharina Willinger, Leiterin des ARD-Büros in Istanbul. Wenn Sie trotzdem Fragen nach meiner Position hier als vermeintlich junge Frau stellen, wirft das für mich solche danach auf, wo wir in der deutschen Medienlandschaft eigentlich stehen in Sachen Diversity.

Wenn man Ihnen jetzt folgt, befinden wir uns jedenfalls schon in einer Zaubertraumwelt vollendeter Gleichberechtigung, in der es allenfalls ein Wahrnehmungsproblem, aber kein Darstellungsproblem gibt.

Ich kann nur sagen, dass wir uns, als wir am 7. Oktober die Schutzwesten angezogen haben und losgefahren sind, überhaupt keine Gedanken über solche Sachen gemacht haben, weil es in unserem Team einfach keine Rolle spielt. Bei uns vor Ort wirklich nicht. Und da mir auch meine Vorgesetzten nie dieses Gefühl geben, dass ich als Frau da eine andere Rolle hätte, ist das keine Zaubertraumwelt, sondern zumindest für mich hier die Realität. Einer Rakete ist es schließlich auch egal, ob sie eine Frau oder einen Mann trifft. Muss man erst ein fünfzigjähriger Mann sein, um in meinem Beruf nicht aufzufallen?

Das war halt mehr als 70 Jahre der Fall, und wenn Sie heute bei ProQuote oder der MaLisa-Stiftung nachfragen, werden Sie vermutlich hören, dass diese Zeiten keineswegs vorüber sind. Deshalb existiert das Bild maskuliner Haudegen, die sich in jedes Krisengetümmel werfen, ja fort…

Klar laufen hier auch noch solche Haudegen rum, die gibt’s immer. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass es mittlerweile besonders bei den englischsprachigen Medien viele junge und weibliche Kolleginnen und Kollegen gibt.

Es gab also, als sie vor zwei Jahren mit knapp 30 nach Israel gegangen sind, keine Platzhirsche und Danger Seeker, die seit 30 Jahren aus aller Welt berichten, ihren Standesdünkel pflegen und bezweifeln, dass die junge Deutsche das packt?

In unserem Team, ganz ehrlich, gibt’s das nicht. Klar, trifft man hier und da so richtige Veteranen. Vielleicht habe ich mich dann auch intuitiv eher an die gehalten, die ihren Erfahrungsschatz mit mir teilen, und die gemieden, die einen bevormunden wollen.

Zumal Sie eher Ihren Erfahrungsschatz mit anderen teilen könnten. Wer Ihren Werdegang betrachtet, sieht eine akademisch hervorragend ausgebildete Nahost-Expertin, die sich seit vielen Jahren mit Israel befasst und neben Französisch und Englisch auch Hebräisch und Arabisch spricht. War der Weg zur Israel-Korrespondentin da vorgegeben?

Es war auf jeden Fall eine gezielte Entscheidung. Schon während meines Volontariats durfte ich einen Monat beim Studio in Israel verbringen. Später war ich mal zur Vertretung da, habe fürs Radio und für die News-WG auf Instagram von hier berichtet, kenne also auch verschiedene Verbreitungsmöglichkeiten und bin ohnehin beim BR crossmedial ausgebildet worden. Ich fand die Region schon immer spannend. Dass es hier mal so spannungsgeladen werden würde, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht erwartet.

Wäre trotzdem ein anderer Einsatzort als Israel vorstellbar gewesen?

Ich hätte mir auch andere Orte vorstellen können, mein Studium habe ich komplett in England und den USA verbracht. Und ich hatte dank meiner Kontakte und Beziehungen auch die Idee, dort zu bleiben und arbeiten. Dass ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, lag auch am Brexit. Und ich wollte den Bezug zu meiner Heimat nicht vollständig verlieren. Der Wunsch, wieder ins Ausland zu gehen, war allerdings immer da. Deswegen ist für mich hier zu sein nicht nur eine Chance, sondern ein Traum.

Gehört denn, wo Sie gerade angesprochen haben, wie unerwartet spannend es in Israel nun geworden ist, eine gewisse Risikobereitschaft, wenn nicht sogar Risikoleidenschaft dazu, in Krisenregionen wie diese zu gehen?

Was ich suche, ist gute Berichterstattung und für diese Berichterstattung muss man eben auch vor Ort sein. Dabei geht es allerdings überhaupt nicht darum, sich zu gefährden, sondern im Gegenteil: Risiken sorgsam abzuwägen, durch gute Vorbereitung zu minimieren und im Fall, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist, zu gehen und nicht um den Preis guter Bilder unbedingt dort zu stehen, wo es knallt. Denn das hat für mich nichts mit gutem Journalismus zu tun.

Sicherheit geht also immer vor Information?

Mein Ziel ist definitiv: Ich will da lebendig rauskommen! Das wollen wir alle für uns und unsere Mitarbeiter. Das ist ein ständiger Abwägungsprozess mit dem Berichtsinteresse. Deshalb darf ich mich in diesem Konflikt aber auch nicht nur aufs Studiodach in Tel Aviv stellen, sondern muss dahin, wo sich der Konflikt abspielt, im Zweifel also auch zum Gaza-Streifen, wo ich mit eigenen Augen sehen kann, wie israelische Panzerverbände auffahren, aus der Luft angegriffen wird, Raketen aus dem Gaza-Streifen fliegen. Und ich will natürlich mit den Menschen sprechen, die vor Ort sind. 

Kommen dabei subjektive Abwägungsprozesse mit eigenen Ängsten hinzu oder sind die generell keine Entscheidungshilfen?

Genau dafür ist es ja so wichtig, mit Profis und Locals zu arbeiten wie unserem palästinensischen Kameramann, der sehr erfahren ist und viel gesehen hat. Wenn er sagt, das wird hier gleich unangenehm, wir gehen jetzt, dann vertraue ich ihm und wir gehen. Wenn er sagt, hier ist es ok, dann vertraue ich ihm ebenso und wir bleiben. Ich bin zwar am Ende diejenige, die das Wirrwarr an Informationen für das deutsche Publikum bestmöglich aufbereitet, kann und muss mich als Profi dieses Bereiches aber auf Profis anderer Bereiche verlassen, die einfach mehr Ahnung von Krisensituationen haben als ich. Das nimmt mir definitiv die Ängste.

Und falls die doch mal überhandnehmen, gibt es dann Kriseninterventionen – psychologische Hilfsangebote seitens der Sender, kollegiale Stuhlkreise oder wie Hollywood gern vermittelt, Gesprächstherapien an der Hotelbar?

Es gibt in der Tat Angebote vom Bayerischen Rundfunk, auf die wir auch aktiv hingewiesen wurden. Ich finde, dass Möglichkeiten zur psychologischen Betreuung oder Supervision im modernen Medienbetrieb dazugehören. Gespräche unter Kollegen sind ebenso wichtig. Man sollte seine Zweifel, Gedanken, Ängste und Sorgen in diesem Beruf unbedingt teilen können und vor allem: das nicht als Schwäche, sondern Stärke betrachten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir das im Team praktizieren, weil es uns als Gesamtgefüge stärker macht. Statt als Einzelkämpfer aus Teflon durch solche Krisensituationen durchzumarschieren, sprechen wir miteinander und suchen gemeinsam nach Lösungen – sei es bei einer Zigarette und einem Bier. 

Das Sie also durchaus mal trinken?

Ja, klar.

Und haben Sie die psychologische Hilfe des BR auch schon mal in Anspruch genommen.

Tut mir leid, aber die Frage zielt in einen sehr persönlichen Bereich. Ich habe es tatsächlich bislang nicht in Anspruch genommen. Wenn Sie sie aber jemandem stellen würden, bei dem das der Fall war, käme er in die Verlegenheit einer womöglich unangenehmen Antwort.

Dann bitte ich für die Frage um Entschuldigung und stelle eine, die vielleicht noch unangemessener ist, weil sie zynisch klingt: Sind Ausnahmesituationen wie die aktuelle in Israel und den Palästinensergebieten das Salz in der Suppe alltäglicher Berichterstattungen, so etwas wie die Quintessenz einer konfliktgeladenen Zeit?

Die traurige Wahrheit ist, dass die Nachrichten von schlechten Nachrichten dominiert werden und wir besonders dann gefragt sind, wenn schlimme Dinge passieren. Beruflich gesehen sind solche Momente also besonders herausfordernd und lassen uns irgendwie wachsen. Gleichzeitig ist das ein, wie soll ich es sagen: bittersüßes Gefühl, besonders dann viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. In den zwei Jahren seit meiner Ankunft im Sommer 2021 gab es Zeiten, in denen das Interesse an unserer Arbeit eher gering war.

Weil es im Schatten des Ukraine-Krieges stand?

Das hat natürlich stark die Berichterstattung dominiert und dann ist für „noch einen Konflikt“ erstmal weniger Platz. Mittlerweile ist es umgekehrt und ich frage mich manchmal – was ist denn jetzt eigentlich mit der Ukraine?

Plus zwei Dutzend weiterer Krisen inklusive Klimawandel.

Der Fokus bewegt sich immer um Aktualitäten herum, die andere Krisen dann oft in den Schatten stellen.

Rührt ihr journalistisches Interesse an diesen und allen anderen Themen eigentlich auch daher, dass Sie mit dem ARD-Korrespondenten und Sportreporter Hartmann von der Tann verwandt sind?

Er ist ein entfernter Onkel, den ich sehr schätze. Aber er war nicht der Grund, warum ich in den Journalismus gegangen bin. Meine Eltern machen beruflich übrigens etwas komplett anderes, haben mich auf dem Weg zur Journalistin aber immer sehr unterstützt.

War dieser Weg zuerst da oder Ihr Interesse für jüdische und israelische Geschichte, das ja auch weite Teile Ihres Studiums bestimmt hat?

Journalismus hat mich schon früh interessiert, inklusive erster kleiner Berichte für die Lokalzeitung. Als Jugendliche begann ich mich auch für die jüdische Geschichte in Deutschland zu interessieren und wollte mehr darüber herausfinden, was in meiner Heimat während des Nationalsozialismus passiert ist.  Deswegen hat es mich extrem gefreut, eine Familie in Israel kennengelernt zu haben, für deren Vorfahren in unserem Ort Stolpersteine verlegt wurden.

Kleine Messingplatten im Asphalt, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Und einer ihrer Verwandten hat den Terror-Angriff der Hamas in einem Kibbuz überlebt – da schließt sich schon wieder der Kreis meines historischen Interesses mit dem journalistischen. Studiert habe ich Theologie und Orientalistik und danach Geschichte und habe mich letztlich über mein geschichts- und religionswissenschaftliches Interesse, begleitet von meiner Leidenschaft für Sprachen und Reisen, an die Gegenwart herangetastet.

Sie und Israel klingt nach Perfect Match. Gibt es Grundregeln, wie lange Auslandskorrespondent*innen am selben Ort bleiben sollten, weil sie dort Erfahrung haben, beziehungsweise wann sie spätestens wechseln sollten, um keinen Tunnelblick zu kriegen?

Das variiert etwas, aber an einem Ort wie Israel ist es sicherlich besser, regelmäßig zu wechseln. Persönlich, weil diese Region sehr an einem zehren kann. Und publizistisch, weil es unbedingt eines frischen Blickes für neue Geschichten, neue Perspektiven, neue Zielgruppen mit neuem Elan bedarf. Sonst passiert es vermutlich schnell, dass man die Situation hier für zu verfahren für irgendwelche Lösungen hält. Nicht, dass es unser Job wäre, welche zu finden. Wir berichten nur darüber.

Das heißt aber, die Exit-Option ist nach zwei Jahren bereits Teil Ihrer Lebensplanung?

Ich würde es nicht Exit-Option nennen, weil es einfach Teil des Systems ist. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel lautet: maximal fünf Jahre an einem Ort.

Für Sie also noch ungefähr drei. Wohin könnte es Sie denn danach ziehen?

Ach, wenn ich mir darüber jetzt schon Gedanken machen würde, würde mein Kopf endgültig rauchen. I cross that bridge when I get there…

Dürfte die Brücke denn zu einem etwas entspannteren Ort, sagen wir innerhalb der EU, führen oder zieht es Sie dann erneut dorthin, wo es weltpolitisch spannungsreich ist, also gefährlich werden könnte?

Gefahr suchen oder meiden ist nichts, was mich antreibt. Ich möchte eine spannende Berichtsform in einem spannenden Berichtsgebiet. Momentan mache ich zwar viel Nachrichten, wir haben aber auch einen Podcast namens Lost in Nahost gestartet. Podcasts zu entwickeln oder eigene Dokumentationen zu machen, würde mir zum Beispiel auch Spaß machen. Beides ist nicht so leicht, wenn man in dieser Korrespondentinnenmühle steckt. Mein Kollege Christian Limpert hat es geschafft mit zwei tollen Dokus. Ich könnte mir daher alles Mögliche vorstellen. Ausland finde ich grundsätzlich spannend, aber – let’s see.

Vielleicht sprechen wir uns, wenn Sie direkt an der Brücke stehen.

Gern.


2023: Das Fernsehjahr, das war

Perfektion und Niedertracht

TV

Mystery, Empowerment, Fake-Dokus, Coming-of-Age, oft als Sechsteiler à 45 Minuten: auch 2023 füllen die Seitenarme den Fernsehmainstream mit Frischwasser. Wobei auffällt: Krimis bleiben wichtig, aber selten bemerkenswert, weshalb diesseits der Sendeplätze für Hauptkommissare und Wachtmeisterinnen mehr Raum für ermittlungsfreies Experimentieren blieb – sehenswertes wie saumäßiges. Die Top-11 des TV-Jahrs in loser Reihenfolge.

Von Jan Freitag

Platz 11

Tender Hearts, Sky

Als Anfang April die erste der acht Folgen Tender Hearts lief, dachte man: einsame Frau von morgen (Friederike Kempter) verliebt sich in Love-Roboter – gab’s das nicht bei Ich bin dein Mensch? Gab es! Aber nicht so visionär, originell, lustig wie Pola Becks Serie, die sogar das Hochplateau von Axel Ranischs Arte-Experiment Nackt über Berlin um einen Direktor in der Gewalt zweier Schüler erreicht.

Platz 10

Die Verräter, RTL+

Wer Brettspiele hasst, meidet auch Cluedo, wo ausgeloste Mitspieler ihre Identität als Mörder verheimlichen. Wer RTL-Formate hasst, meidet da auch Die Verräter, wo selbiges im echten Schloss passiert. Ein Fehler! Moderiert von Sonja Zietlow, war die Realityversion von Cluedo voller Privatfernsehgewächse wie Pascal Hens und Irina Schlauch bei allem Trash ein Springbrunnen pfiffiger Spannungssimulation.

Platz 9

Maestro, Netflix

Früher hat Netflix Filme mit Niveau vorm Streamen im Kino geparkt, um Oscars zu kriegen. Beim Biopic Maestro war das zwar unnötig, aber sinnvoll. Denn Bradley Coopers Porträt von Leonard Bernstein und dessen Frau Felicia (Carrey Mulligan) ist so famoses Fernsehen, dass es auf Leinwand wie Bildschirm begeistert. Was ebenso für Meisterwerke wie Nyad, Leave the World Behind und The Killer gilt.

Platz 8

Mein Falke, ARD

Mit Hollywood können deutsche TV-Filme schon wegen des Budgets nicht mithalten. Es sei denn sie ersetzen Produktionsgüte durch Tiefenschärfe. Wie Dominik Graf. Sein brüllend stilles ARD-Porträt mit Anne Ratte-Polle als einsame Frau, der Mein Falke aus dem Loch ihrer Lebenskrise hilft, war sogar noch fesselnder als Gesicht der Erinnerung, Grafs Antwort auf Hitchcocks Psychodrama Vertigo.

Platz 7

Was wir fürchten, ZDF

Damit zu deutscher Mystery, die seit Dark fast keinem Thriller fehlt, also auch nicht in Daniel Rübesams Sechsteiler Was wir fürchten. Wenn Lisa (Mina-Giselle Rüffer) trotz Panikattacken stets genau dahin geht, wo es in ihrer verfluchten Schule am lautesten spukt, wirkt sogar der verrätselte (natürlich 6×45 Minuten lange) ARD-Mumpitz Schnee vor Klimawandeltapete gehaltvoll. Unfreiwillig komisch ist beides.

Platz 6

Wir sind die Meiers, ZDF

Ach, wie schön ist dagegen doch freiwillige Komik – und zwar auf höchstem Niveau einer fabelhaften Kunstform: der Mockumentary. In Wir sind die Meiers spielen Stars von Matthias Matschke bis Bettina Lamprecht Familienmitglieder, die jedes deutsche Klischee in pseudorealistischen Humor verwandeln. So wie die Fake-Doku Almania, womit das Erste Kartoffeln einer Brennpunktschule persifliert.

Platz 5

Ernstfall – Regieren am Limit, ARD

Nicht gefakt, sondern faktisch brillant sind demgegenüber divers ARD-Dokus, die allein den Rundfunkbeitrag rechtfertigen. Ernstfall etwa, Stephan Lambys dreiteilige Ampel-Analyse im Dauerkrisenmodus. Dazu Erfundene Wahrheit, Daniel Sagers sorgfältige Aufarbeitung der Relotius-Affäre. Oder die Milieustudie Echt, in der Kim Frank die Neunziger am Beispiel seiner eigenen Teeny-Band analysiert.

Platz 4

Luden, Prime Video

Mittig zwischen Wahrheit und Lüge steht hingegen Historytainment Marke Luden. Gespickt mit echten Kiezgrößen der Achtziger, malt die Serie St. Pauli als dreckig-funkelndes Sittengemälde auf den Flatscreen, das bei aller Authentizität larger than life ist. Also ähnlich plausibel übertrieben wie Sam, ein Sachse – das furiose Disney-Biopic des ersten schwarzen Volkspolizisten, der auch real straffällig wurde.

Platz 3

Deutsches Haus, Disney+

Mit Realitäten hatte Geschichtsfiktion stets dann wenig zu tun, wenn Nazis vorkamen, besser: fehlten – spinnt es doch die Mär vom deutschen Opfervolk weiter. Weil Deutsches Haus über den 1. Auschwitzprozess vor NS-Tätern überquillt, ist die Dramaserie daher schon mal glaubhaft. Genial wird sie dank der Verknüpfung dreier Familien zum Sittengemälde einer vergesslichen Nation, das niemanden ungeschoren lässt.

Platz 2

Boom Boom Bruno, Warner TV

Falls Deutsches Haus aufrecht unterhält, was tut da Boom Boom Bruno? Nennen wir es: niederträchtig unterwandern. Angeblich will Kerstin Laudascher ja die toxische Männlichkeit der Titelfigur persiflieren. So mitfühlend aber, wie Maurice Hübner Ben Beckers homophoben Cowboy-Cop einen Mord im Drag-Milieu lösen lässt, ist die Serie vorgekautes Abendbrot für AfD- und Trump-Fans. Sechs, setzen!

Platz 1

Liebes Kind, Netflix

Wie männlicher Machtmissbrauch kreativ, sorgsam und geistreich gewissenhaftes Entertainment wird, zeigt Isabel Kleefelds brillante Netflix-Serie Liebes Kind mit Kim Riedle als Entführungsopfer eines manipulativen Entführers mit Cäsaren-Syndrom. Vom Drehbuch über die Regie bis hin zu Ausstattung, Kamera, Schauspiel kratzt der Psychothriller sechs Folgen lang an der dramaturgischen Perfektion.