Totgesagte & Lebendgeburten

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. Februar

Tennis war mal ein Straßenfeger mit Übertragungen selbst kleiner Turniere bei ARZDF und Einschaltquoten über Tatort-Niveau. Wer Filzbälle sehen will, musste deshalb zuletzt darauf hoffen, dass Martin Kind weiter Branche, Sport, Gesellschaft, selbst seine Vereinsmitglieder betrügt. Und bei Hart aber fair hat der Herzog von Hannover genau das ja auch im toxischen Trotz seiner Generation fortgesetzt.

Zu dumm für alle Tennisfans, dass die DFL ihre Investorensuche zwei Tage später für beendet erklärt und dem Protest quasi die Ballmaschinen abgestellt hat. Es gab am Wochenende daher zwar keine Spielunterbrechungen, aber die Aussicht, dass Ultras künftig auf der Bundesliga-Nase herumtanzen, wann immer Entscheidungen unliebsam wirken. Klassisches Eigentor also, inmitten einer finalen Schlacht.

Denn der TV-Markt, sagte mit Richard Broughton ein internationaler Experte, „hat sich signifikant verkleinert“. Damit meint der britische Marktforscher zwar fiktionale Serien, von denen 2023 zwei Fünftel weniger beauftragt wurden als im Jahr zuvor. Doch es trifft die Streaming-Branche inklusive Sport-Anbieter wie Sky oder DAZN ins geschäftliche Mark – und führt womöglich dazu, Totgesagte am Leben zu halten.

Das lineare Fernsehen nämlich legte auf 77 Prozent aller Produktionsaufträge zu, was sich positiv auf die Vergabe der Fußballrechte auswirken könnte. Da die Werbe-Erlöse 2024 wohl um 2,7 Prozent steigen, während sich das Abo-Wachstum verlangsamt, wird Video-on-Demand inklusive Fußball unattraktiver. Davon profitiert die Sportschau, vor allem aber das öffentlich-rechtliche Kerngeschäft: Journalismus.

Ob es auch Julian Assange betreibt, wird eingedenk seiner drohenden Auslieferung in die USA kaum diskutiert. Schade eigentlich. Denn dass er Millionen Datensätze unkommentiert online stellt, macht ihn vom Journalisten zum Aktivisten, weshalb sein Fall eher politischer statt publizistischer Natur ist. Und wie willkürlich Digitalportale agieren, zeigte zuletzt ja X aka Twitter, als es den Account von Alexej Nawalnys Witwe sperren ließ.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

26. Februar – 3. März

Apropos Rechtspopulismus: Die ARD zeigt heute Abend ihre wichtige Aussteiger-Doku Wir waren in der AfD, nachdem das ZDF zur Primetime Ferdinand von Schirachs sensationelles Courtroom-Drama Sie sagt. Er sagt auch linear zeigt. Da beides schon längst in den Mediatheken steht, sind zwei Fiktionen ab Freitag allerdings ein bisschen bemerkenswerter.

Im Ersten nimmt zur immer noch allerbesten Sendezeit Die Großstadtförsterin ihren Dienst auf. Klingt fürchterlich, ist aber gar nicht so schlimm – weil darin die großartige Stefanie Reinsperger im Degeto-Auftrag den Berliner Grundwald hegt. Richtig fabelhaft ist hingegen das sechsteilige Medical-Drama Push geworden. Drei Hebammen um Anna Schudt holen dabei in der ZDF-Mediathek Babys zur Welt.

Auch und weil sie sich nebenbei (natürlich) noch mit allerlei privatem Ärger von Trennungen bis Strafprozesse herumschlagen, ist die Serie von einer Intensität, als säße man selber im Kreißsaal. Mit so viel Authentizität können die Streaming-Formate nicht mithalten. Aber auch sie sind durchaus erwähnenswert. Das Remake der Achtziger-Serie Shogun etwa dienstags bei Disney+, das nicht wegen seiner Bildgewaltigkeit zum Besten der Saison zählen dürfte, sondern auch, weil es Richard Chamberlains euroszentrische Sicht auf Japan umdreht.

Dazu das funkensprühende Münchhausen-Stück Die frei erfundenen Abenteuer von Dick Turpin mit Noel Fielding als unfreiwilliger Räuberhauptmann im 17. Jahrhundert. Oder Adam Sandler als tschechischer Astronaut im Netflix-Biopic Spaceman, was angesichts des Hauptdarstellers seicht klingt, aber gar nicht ist. Ähnliches gilt für das Filmporträt Ferrari, in dem Michael Mann (Miami Vice) bei Prime Video den Gründungsmythos erkundet.

Und zum Schluss, als bittere Schmankerln: die Doku As We Speak, in der J.M. Harper ab Mittwoch bei Paramount+ am Beispiel des Rappers Kemba aufzeigt, wie US-Gerichte offenbar seit Jahrzehnten HipHop-Texte als Beweismittel von Strafprozessen gegen ihre Urheber heranziehen. Und Spiel mit den Alpen, ein Katastrophenbericht vom globalen Wintersportrevier Nr. 1, den der wachsame Felix Neureuther heute um 20.15 Uhr im Ersten erstellt.


Teddy Teclebrhan: Anarchie & Improvisation

Es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang

Teddy

Unter den konsensfähigen Comedians ist Teddy Teclebrhan (Foto: Amazon Prime Video) definitiv der anarchistischste. Jetzt sogar mit eigener Unterhaltungsshow bei Amazon Prime. Ein Gespräch über gespaltene Persönlichkeiten, improvisierende Stars und die neue Lust am Scheitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Teddy, kannst du mir deine Show kurz erklären? Ich habe zwei der sechs Folgen gesehen, bin aber weit davon entfernt, das Konzept dahinter zu verstehen…

Teddy Teclebrhan: Der beste Weg, sie zu verstehen, ist vermutlich, es gar nicht erst zu versuchen, sie zu verstehen. Die Geschichte hinter der Show war ja, dass ich bei Prime Video war, den Vertrag unterschrieben habe, und als sich die Tür hinter mir geschlossen hat, standen da drei Typen und fragten: Okay, und was ist mit uns?

Weil Ihre Unterhaltungspersönlichkeit gleich vierfach in Teddy Teclebrhan, Ernst Riedler, Antoine Burtz und Percy gespalten ist?

So kann man das interpretieren. Prime hat den Vertrag mit mir gemacht und die anderen drei wollten halt ihren Anteil daran. Aber brauchen Sie das Konzept der Show für Ihr Leben oder das Interview?

Eher letzteres.

Dann einigen wir uns darauf, dass es kein Konzept gibt, okay?

Okay, aber in dieser Konzeptlosigkeit hat mich Ihre Show dennoch ein bisschen an Filme von Bully Herbig oder Otto Waalkes erinnert, die im Grunde Verdichtungen früherer Sketche waren…

Bei mir war es anders. Ich habe die Fernsehshows so gebaut, wie ich auch meine Liveshows baue: So konzipiert wie nötig, so organisch wie möglich.

Und das wussten auch deine Gäste mit klangvollen Namen von Iris Berben über Megaloh und Caprice bis Heiner Lauterbach?

Wer mich kennt und von mir eingeladen wird, dürfte sich darüber im Klaren sein, dass meine Nummern improvisiert sind. Die wussten das also, und alle sind professionell genug, damit umgehen zu können.

Also gegebenenfalls in den Pointen-Battle mit einem Improvisationsprofi wie Ihnen einzutreten?

Nee, denn es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang.

Aber ja schon einen Schlagfertigkeitszwang, sonst tritt das Schlimmste einer Live-Sendung ein, nämlich peinliches Schweigen.

Genau deshalb sind alle Schauspielerinnen und Schauspieler, die wir eingeladen haben, richtig gut in ihrem Fach.

Der Regisseur Jan Georg Schütte sammelt mit dieser Art Impro-Fiktion gerade so viele Film- und Fernsehpreise, dass die größten Stars mittlerweile bei ihm vor der Tür scharren, um mitmachen zu dürfen. Gibt es eine neue Lust an Fallhöhe, der Chance zu scheitern?

Die Lust war immer da, aber jetzt gibt es viel mehr Formate als früher, in denen sie sie nutzen können. Mir ist allerdings fast noch wichtiger, dass man nicht erkennen kann, ob es gescripted oder improvisiert ist. Dieses Überraschungsmoment mag ich sogar noch mehr als gut aufgeschriebene Witze.

Als Schauspieler musst du dich aber vermutlich streng an Texte halten – etwa in deiner Rolle als Erzieher Robert in Nora Fingscheidts Meisterwerk Systemsprenger.

Da gab es zwar ein Drehbuch, aber auch da ist man mit der Regisseurin ständig im Austausch darüber, ob man was mundgerecht anpassen kann – manchmal sogar in der Szene selbst. Aber richtig improvisieren kann man da natürlich nicht.

Was hat dich eigentlich so früh daran fasziniert, ohne schriftliche Fahrbahnbegrenzung gegen die Wand fahren zu können?

Die Möglichkeit, in Momenten der Unsicherheit etwas wirklich Besonderes zu finden, ist wesentlich höher als mit Netz und doppeltem Boden eines Drehbuchs. So wie wir jetzt miteinander reden, ist ja auch nichts gescripted und kann daher in jede Richtung gehen. Improvisation ist Leben. Deshalb habe ich keine Angst, gegen diese Wand zu fahren.

Weil Sie generell ein angstfreier Typ sind?

Nein, nein. Ich bin kein angstfreier Typ, aber ich weiß ganz gut, wie ich mit Ängsten umgehen sollte. Um keine Angst vorm Scheitern zu kriegen, habe ich sie deshalb von einer Gefahr zum Wegweiser umdefiniert, der kein unerwünschtes Ziel, sondern nur die Richtung vorgibt. Einiges vom Scheitern bleibt daher auch im Programm, anderes fliegt raus – aber nicht etwa, weil ich mich dafür schäme, sondern weil ich mein Energielevel nicht erreicht habe.

Ist dieses Energie-Level am Ende eines deiner Humor-Prinzipien?

Unbedingt.

Und was noch – vielleicht das Aushalten von Schmerzpunkten hinausgezögerter Pointen, die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo es wehtut, auch wenn der Umweg eventuell leichter ist?

Ja. Wobei ich gemerkt habe, dass dieser Schmerzpunkt bei anderen nicht nur früher kommt als bei mir; ich empfinde ihn oftmals gar nicht.

Damit hast du gerade ziemlich genau mein Leiden angesichts einiger Momente der Teddy Teclebrhan Show beschrieben…

(lacht) Sehen Sie? Mich entspannen solche Momente eher…

Das dritte und letzte Prinzip könnte sein: Dein Humor ist radikal unpolitisch. Ist er das?

Schon, und zwar als bewusste Entscheidung. Wenn es mal ein bisschen politischer wird, überantworte ich das gerne an die ältere Figur Ernst Riedler, denn ich als Teddy mache schon deshalb durch und durch Unterhaltung, weil meine gesamte Existenz auch ohne darüber zu reden schon politisch ist. Vom Zwang, mich politisch äußern zu müssen, habe ich mich dementsprechend frei gemacht. Folge 5 der Show handelt allerdings von Heimat und ist somit ein wenig politischer.

Hat sich Amazon Prime diesbezüglich eingemischt?

Null, denn die Leute bei Prime haben Bock auf was Neues. Wenn sie sich eingemischt hätten, hättest du am Anfang womöglich nicht nach dem Showkonzept gefragt. Natürlich gab es auch mal Diskussionen, aber am Ende haben Sie mich meinen Style machen lassen. Die akzeptieren mich so, wie ich bin. Wie schön ist das denn?!

Aber würde Prime als renditeorientiertes Unternehmen denn auch einen Misserfolg akzeptieren?

Das müssen Sie dort fragen, aber ihr Glaube an mich und uns war jederzeit spürbar. Ich feiere die Shows gerade so sehr, weil ich konsequent mein Ding machen und alles komplett Teddy ist.

Auch das Knopfdruck-Gelächter des eingepeitschten Publikums?

Da sprichst du was an (stöhnt)… Das war nicht meine Idee und hat mich echt genervt – gerade, weil ich jemand bin, der mit Stille spielt oder dem, was Sie vorhin peinliches Schweigen genannt haben. Das war auch für mich eine Herausforderung (lacht). Beim nächsten Mal machen wir das safe ohne Publikumsanimation.


Heidis Männer & Teddys Show

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. Februar

Gott ist das öde, einfallslos, berechenbar: Um die Verfassungsfeindlichkeit der AfD zu belegen, hat Maybrit Illner am Donnerstag allen Ernstes Alice Weidels „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“ aus der braunen Grube gezerrt. Deren Friedhofsgärtnerin Beatrix von Storch zeigte sich entsprechend „dankbar für diese Einspieler“ und konnte sich im weiteren Verlauf spöttisch lächelnd darauf verlassen, dass sie allenfalls von Kevin Kühnert mal mit substanzieller Kritik konfrontiert wurde.

Und das nebenbei einen Tag nach dem Abbruch des politischen Aschermittwochs der Grünen durch einen rechtsradikalen Bauernmob und einen Tag vor dem politischen Mord an Alexej Nawalny durch Putins Schergen. Letzterer dominiert seither weltweit die Medien. Zumindest außerhalb Russlands, wo es mit dem Segen der AfD längst schon kein freies Medium mehr gibt. Es sind halt dunkle Zeiten für Pressefreiheit und Pluralismus.

Einziges Licht am Horizon: Germanys Next Topmodel gibt’s jetzt – hipphipphurra – auch mit Männern. Ein wahrhaft herrlicher Quotenbringer. Wenngleich nicht auf dem Niveau der Super-Bowl-Übertragung, die RTL stolze 80 Prozent Marktanteil brachte. Wobei: was in aller Welt haben eigentlich die anderen 20 Prozent Montag um zwei Uhr früh gesehen? Was sie demnächst zur Primetime sehen, wird hingegen von einer anderen Entscheidung geprägt.

Nico Hofmann – einer der profiliertesten Fernsehmacher im Land – verlässt die Ufa und wechselt zu Jan Mojtos Beta, wo er wieder eigenständig Filme produzieren will. Ob sie ihr Jahrzehnt ähnlich prägen wie Frühwerke von Flucht bis Dresden Mitte der Nullerjahre sei mal dahingestellt, aber wo Hofmann drinsteckt, kommt Bedeutung raus. Wenigstens wenn die Etats gut gefüllt sind.

Genau das allerdings bezweifeln viele angesichts von Claudia Roths Reformvorhaben der Filmförderung. Bislang ein schwer durchschaubares Geflecht löchriger Gießkannen, soll sie künftig strukturierter werden und vor allem: deutsche Produktionen finanziell bevorzugen, die auch in Deutschland produziert werden. Damit ist Roths Branche natürlich keineswegs zufrieden. Aber gut – das ist halt der generelle Gemütszustand am Privilegienstandort D.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. Februar

Privilegien, die beim Anschauen einer fabelhaften Serie ab Mittwoch in der ZDF-Mediathek womöglich auf den Prüfstand gerät. Vorerst fünf Teile lang fährt eine Ukrainerin darin Landsleute In Her Car aus den Kriegsgebieten zur polnischen Grenze und kommt dabei mit ihnen ins Gespräch. Dieses Kammerspiel auf vier Rädern ist in jeder 30-minütigen Folge von einer brüllenden Stille, die zugleich fasziniert und verstört.

Damit wäre auch ein ganz und gar unpolitisches Format gut beschrieben. Der Moderator sagt zwar übers neue Unterhaltungsformat, seine Existenz als schwarzer Deutscher sei per se politisch. Die Teddy Teclebrhan Show allerdings ist in ihrer dadaistischen Sehgewohnheitsverachtung ab Dienstag so aberwitzig, dass einem dafür ohnehin keine Adjektive einfallen außer: Teddy. Ob seine Grenzgänge auch für drei neue Pro7-Shows gelten, von denen Mittwoch die erste startet?

Wer weiß. Auf andere Art überwältigend ist jedenfalls die Apple-Serie Constellation. Ein Mystery-Drama, das irgendwo zwischen Gravity und Dark bildgewaltig die Grenzen der Wahrnehmung auslotet. Noomi Rapace kehrt darin als ISS-Astronautin aus dem Orbit in ihre Kölner Gegenwart zurück, die der Vergangenheit nicht mehr richtig ähnelt. Von Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel inszeniert, ist der Achtteiler somit zugleich auf realistische Art rätselhaft.

Nichts davon ist die Echtfilm-Variante der Zeichentrickserie Avatar um vier Elemente im Fantasy-Krieg, ab Donnerstag bei Netflix. Sie bestätigt aber die Erkenntnis, dass nicht jeder Hype ein Sequel rechtfertigt. Ansonsten läuft das irritierend gute Großstadtporträt Tokyo Vice ab Freitag in der ARD-Mediathek, während das ZDF zwei skandinavische Serien online stellt: Das dänische Elitesoldaten-Drama Oxen und die schwedische Paartherapie-Aufstellung Out of Touch.

Zum Schluss noch zwei Dokus: Aquaman Jason Momoa stellt ab Donnerstag in der Discovery-Reihe On the Roam originelle Handwerksberufe vor. Und zwei Tage zuvor erkundet die dreiteilige NDR-Doku Bin ich schön? auf dem ARD-Portal unseren Selbstoptimierungswahn.


Omni, Theodor Shitstorm, Pet Needs

Omni

Muss das wirklich sein: noch eine retrofuturistische Indieband, die im Stil der Neunziger den Achtzigern Referenzen erweist und dabei ein bisschen nach Zwanzigern klingt, die irgendwer als Siebziger verkleidet? Muss eigentlich fast schon seit Franz Ferdinand und Art Brut nicht mehr sein – es sei denn, sie heißt Omni und zaubert einen Sound aufs vierte Album , der vier Popdekaden zerkaut, ausspuckt und fröhlich darauf rumtritt.

Wenn über Phil Frobos Gagatexten à la “Are you hydrated, baby? / What are you, a tall drink of water? / Would you go away with me? / Well, we could but why bother / When you know / When you know / When you know” hochgepitchte Gitarren New Wave simulieren und dabei gelangweilt im Postpunk-Quark rühren, kann man abseits vom Duo aus Atlanta unter “öde” abheften: Hier spielt die Musik. Es ist eine verschroben schöne.

Omni – Souvenir (Sub Pop)

Pet Needs

In dieselbe Kerbe schlagen bereits zum dritten Mal die südenglischen Highspeed-Shoegazer Pet Needs: alles schon mal irgendwie so gehört, alles also nicht neu, alles aber trotzdem auf beschleunigte Art toll und mitreißend. Vergleiche stinken, schon klar. Aber sich beim zum Quartett gewachsenen Brüderduo aus Essex an Jamie T auf Speed, Koks und drei Hektoliter Red Bull erinnert zu fühlen, muss schon mal erlaubt sein.

Wobei sich solche Stromgitarrengewitter im Cockney-Style sonst nicht mal Jimi Tenor traut. Alles immer auf 380 bei Johnny und George Marriott, alles zwar oft auf dubiose Art funpunkrockig, komische Choräle inklusive. Aber weil alles nebenbei so scheppernd nach DIY klingt, im Opener How Are You sogar Geigen unter A Capella schnürt, nur um das anschließende Seperation Anxiety dreifach hochzutouren, ist dieser Retrosound von vorne bis hinten – sorry: geil.

Pet Needs – Intermittant Fast Living (Xtra Mile Recordings)

Theodor Shitstorm

Dass Österreich popkulturell berlinert, liegt an Ja, Panik. Wenn Berlin dagegen österreichisch klingen soll, liegt es an Theodor Shitstorm. Das Quartett um die singende Schauspielerin Desiree Klaeukens und den mitsingenden Drehbuchautor Dietrich Brüggemann steht für leicht sarkastischen, textbasierten Orchester-Pop, wie es ihn sonst nur aus Wien gibt. Auf der neuen Platte zeigt es nun Gefühle und heißt auch so.

Wobei Zeigt Gefühle dieselben natürlich nicht allzu ernst nimmt, weshalb das Album eher wirkt, als würde Stefanie Sargnagel besoffen über Sven Regener in Wandas Proberaum stolpern. Es bringt mittelbrandenburger Emocore wie “Ich bring dich ins Bett / aber schlafen musst du selber / ich geb’ dir Feuer / aber rauchen muss du selber” hervor. Und gegen Nazis sind sie natürlich auch. Selten klang die Adoleszenzverweigerer der GenZ orchestraler, klüger, deeper, lustiger, österreichischer.

Theodor Shitstorm – Zeigt Gefühle (Tonfisch)

Theodor Shitstorm spielen am 6. April live in der Molotow SkyBar in Hamburg und am 9. April im Dresdener OstPol


Anne Will: Sportschau & Ersatzparlament

Danke für Ihre Ruhe

Will-Artikel

Im Dezember hat Anne Will (Foto: Marlene Gawrisch) nach 553 Ausgaben die wichtigste Talkshow der Fernsehrepublik an Caren Miosga abgegeben. Ein Interview über 16 Jahre Ersatzparlament im Ersten, den Unterschied zwischen Grillen oder Fragen und was für ein Medienland sie Branche, Land, Gesellschaft hinterlässt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Will, verspüren Sie sonntags zwischen Tatort und Tagesthemen mittlerweile eigentlich eine Art medialen Phantomschmerz?

Anne Will: Nein, es gefällt mir, dass der Sonntag jetzt wieder mir gehört. Ich fand es schön, dass ich vorige Woche auf dem Sofa liegend mal wieder linear den Polizeiruf gucken konnte. Wenn überhaupt, dann hatten Freundinnen und Bekannte sowas wie einen Phantomschmerz. Jedenfalls kamen so 21.46 Uhr SMS, wo ich denn bitte sei, jetzt sei doch eigentlich meine Sendung (lacht).

Kontern Sie das Ende Ihrer Talkshow da gewissermaßen mit unpolitischen Krimis?

Nein, ich habe am selben Abend auch noch Bericht aus Berlin und Berlin direkt gesehen und danach die Tagesschau. Ich muss ja jetzt nicht plötzlich vom politischen Weltgeschehen detoxen, oder sowas, im Gegenteil: Ich habe jetzt wieder Zeit, breiter, themenunabhängiger zu gucken und zu lesen. Bislang war ich Richtung Ende der Woche auf das jeweilige Thema der Sendung fokussiert und habe mit einem klaren Verwertungsinteresse gelesen. Mir fehlte manchmal schlicht die Zeit, auch noch alles links und rechts davon zu lesen.

Sie verspüren als keine News Fatigue oder gar News Avoidance nach 553 Sendungen in 16 Jahren?

Nee, das kenne ich nicht.

Was macht es eigentlich mit Mensch und Journalistin, wenn beide sich tagein tagaus an den Frontverläufen der Weltpolitik aufhalten?

Naja, das ist ja mein Job. Und Politik interessiert mich. Mir ist zu Beginn meiner Tagesthemen-Zeit aber was klar geworden, was man in diesem Job, wenn Sie so wollen, als Mensch mitbringen sollte. Nämlich: Ruhe auszustrahlen. Ich habe im April 2001 angefangen, die Tagesthemen zu moderieren, war gut ein halbes Jahr dabei, als es die Terroranschläge vom 11. September gab. Wir haben tagelang gesendet, eine Sondersendung nach der anderen. Und dann erreichten mich – damals noch per Fax – etliche Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern, die da lauteten: „Danke für Ihre Ruhe“. Da habe ich gecheckt, dass es darum also auch geht.

Das Chaos hat Sie ruhiger gemacht?

Ich bin sowieso ein ruhiger Typ. Ich habe in dem Moment nur etwas Zusätzliches über meine Rolle verstanden: Wenn ein Ereignis weltweit für derart große Verunsicherung sorgt, müssen in den Top-Nachrichten- und Politiksendungen auch Grundton und Ausstrahlung der Moderatorinnen und Moderatoren sitzen. Ich habe mir rund um 9/11 auch die Frage gestellt, ob es angemessen ist, die Sendung mit einem angedeuteten Lächeln zu beginnen oder ob das dem Ernst der Lage nicht gerecht wird. Und ich habe mich entschieden: Doch, ein freundlicher Einstieg ist richtig. Und das habe ich auch all die Jahre beibehalten. Darin sehe ich auch eine meiner Aufgaben als Moderatorin.

Aus der heraus es sowohl bei Nachrichten also auch Gesprächssendungen wichtig ist, zunächst mal eine kommunikative Wohlfühlatmosphäre zu schaffen?

Wohlfühlatmosphäre trifft es nicht. Es geht um ein leises Lächeln, einen freundlichen Eindruck, den man zu Beginn macht. Mehr nicht.

Mussten sich Lachen und Ruhe dennoch gegen die weltpolitische Krisenhaftigkeit Ihrer gesamten Laufbahn im politischen Journalismus durchkämpfen oder kam beides quasi von innen aus dem Gemüt heraus?

Weiß ich nicht so genau. Ruhe ist wichtig, Souveränität, journalistische Kompetenz und gute Vorbereitung sowieso, darüber brauchen wir nicht zu reden. Lachen, wenn es passt, und Pausen können eine gute Moderationstechnik sein, die es Zuschauerinnen und Zuschauern gestattet, wenn man so will, mitzufühlen. Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das allerdings auch aus dem Jahr 2001 stamm…

Nur zu.

Es war ein paar Tage nach den Anschlägen vom 11. September. Wir hatten einen Beitrag über die Feuerwehrleute am Ground Zero im Programm. Und einer davon kommt total erschöpft über und über mit dieser weißen Asche bedeckt aus den Ruinen des World Trade Centers auf die Kamera zu. Es war der Tag, an dem klar war, dass die Bergungsarbeiten eingestellt werden, es also keine Hoffnung mehr gab, noch Überlebende unter den Trümmern zu finden. Und dieser Feuerwehrmann, ein großer, kräftiger Mann, kommt nun also auf die Kamera zu, und man sieht, wie er einem Kollegen in die Arme fällt und bitterlich zu weinen beginnt. Das war das letzte Bild des Beitrags, den ich vorher nicht kannte, danach war ich wieder im Bild und musste mich echt zusammenreißen, um nicht auch in Tränen auszubrechen.

Ein menschliches, aber heikles Gefühl, weil es an der journalistischen Distanz kratzt…

Genau! Ich habe dann kurz innegehalten, habe bewusst eine Pause gemacht. Einerseits, um mich zu sammeln, andererseits, um den Zuschauerinnen und Zuschauern Zeit zu lassen und damit auch der Situation Respekt zu zollen. Stille zuzulassen, Pausen zu machen, kann bei aller gebotenen Distanz ein starkes journalistisches Mittel sein, finde ich. Das habe ich auch in der Talkshow häufiger gemacht, hab‘ gewartet, wenn jemand nach Worten rang, bin nicht dazwischen geplatzt. Das kann man dann machen, wenn man der eigenen Frage traut und sicher weiß, dass der Ton stimmt.

Und wie lautet ihr Rezept, beides zu schaffen?

Na ja, indem man bei sich bleibt. Ich habe außerdem mein Team gebeten, mir sofort einen Hinweis zu geben, wenn ich daneben liege. Da hat mir im Zweifel auch mal jemand aufs Ohr gesagt: „bleib dran“ oder „guck nicht so streng“ oder „lass ihn jetzt mal raus, du hast ihn gestellt, mach weiter mit der Runde“. So ein Hinweis aus der Regie kann helfen. Zum Beispiel auch, wenn es darum geht, ob man gänzlich ungeübten Gästen mit dem richtigen Ton und der passenden Ansprache begegnet. Die muss man ja ein bisschen anders befragen als super erfahrene Spitzenpolitikerinnen.

Na?

Ich lege normalerweise Wert darauf, jeweils nur eine Frage zu stellen und nicht acht oder zwölf auf einmal. Bei ungeübten Gästen, die vielleicht noch nie in einer Fernsehsendung waren, habe ich Fragen aber oft verstolpert, um dem- oder derjenigen das Gefühl zu geben, dass es erlaubt ist, nach Worten zu suchen oder sich zu verhaspeln, dass hier lauter Leute sitzen, die Fehler machen und auch Fehler machen dürfen.

Und das ließ sich auf die Sportschau genauso anwenden wie auf die Tagesthemen oder Anne Will?

Das lässt sich immer anwenden und funktioniert formatunabhängig. Eigentlich geht es darum, jemandem den Raum zu lassen, den er oder sie braucht, um sich verständlich zu machen. Genauso wie man das in jedem anderen Gespräch außerhalb eines Fernsehstudios ja auch macht. Man lässt Platz, gibt Raum, man hört geduldig, im besten Fall empathisch zu. Nur sitzt man da halt in einer höchst unnatürlichen Situation, die nochmal mehr danach verlangt, sowas wie Sicherheit vermittelt zu bekommen. 

Hatten Sie dennoch das Gefühl, ihr medienpolitischer Einfluss war im Ersatzparlament Talkshow nochmals größer als in den Tagesthemen, von der Sportschau ganz schweigen?

Ich finde ja nicht, dass Talkshows Ersatzparlamente sind, fand ich noch nie. Die Talkshow am Sonntagabend hat allerdings eine große Reichweite, die größte von allen. Da dreht man das ganz große Rad, haben wir im Team gerne gesagt und gemeint: Es hat einen Einfluss, wenn unsere Sendung drei bis fünf oder sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht. Was da besprochen wird, wissen tags darauf dann mindestens so viele. Hinzu kommt: Zeitungen berichten im Nachklapp, Nachrichtensendungen zitieren daraus, das, was bei uns gesagt wird, verbreitet sich weiter. Das wussten wir und waren uns der Verantwortung bewusst. Und zwar in beiderlei Hinsicht: Dinge positiv zu beeinflussen, aber auch gehörig daneben liegen zu können.

Inwiefern?

Na ja, es ist uns auch nicht immer alles super gelungen. Aber wenn wir es gut gemacht haben, wie zuletzt mit unseren Nahost-Sendungen, dann konnte man in den Tagen darauf natürlich beobachten, wie sich der Diskurs verändert.

Haben Sie diesen Einfluss nur toleriert, weil politische Entscheidungen ja eigentlich in Parlamenten getroffen werden sollten, oder wollten Sie ihn auch aktiv nutzen?

Also, wir haben natürlich keine politischen Entscheidungen getroffen, waren uns als Redaktion aber unserer Reichweite und unseres Potentials bewusst. Das meinte ich. Die Fragen, die wir an Themen gestellt haben, sollten schon sitzen, die sollten was offenlegen, Dinge einordnen, Weltlagen verständlich machen. Wenn Sie vor Millionen Menschen live ein irrsinnig heikles Thema wie den neuen Gaza-Krieg diskutieren, dann sollten Sie das besser mal präzise machen und sauber abwägend, denn wir wissen alle um die aufgewühlte Stimmung, den Hass, den neu aufflammenden Antisemitismus weltweit und nicht zuletzt auch in Deutschland.

Ausgerechnet in Deutschland!

Da haben wir uns als Team echt viele Gedanken darüber gemacht, wie wir das Thema angehen, um zum Beispiel rhetorische Figuren wie das unsägliche „ja, aber…“ zu vermeiden. Da muss man konzentriert sein. Denn über 60 Minuten in einer Live-Sendung kann einem natürlich sprachlich immer mal was verrutschen, darf es hier aber nicht. Zumal, wenn der israelische Botschafter mit in der Runde sitzt, dem deutlich anzumerken war, wie verletzt er und sein gesamtes Land sind, aber auch wie aufgebracht und erschöpft er war. Ich wollte, dass mir da jetzt bitte kein einziger Satz missrät. Ist mir aber auch nicht passiert.

Aber wie schafft man es dann, selbst einer solchen Person kritische Fragen zu stellen?

Indem man die Fragen zum Beispiel einfühlsamer einfliegt als sonst.

Also nochmals zurück zur Frage der Bedeutung einer politischen Talkshow im Kontext einer Mediendemokratie: Muss man sich als Moderatorin solch bedeutender Debatten dennoch ab und zu mal wachrütteln und selbst versichern, nicht die Parlamentspräsidentin des Deutschen Bundestags zu sein, sondern bloß ein Talkshow-Host?

Nein. Ich weiß und wusste schon, was ich da tue und was meine Rolle und die meines Teams ist. Wir sind Journalistinnen und Journalisten. Wir sagen, was ist. Und mit dem, was ist, müssen wir kritisch umgehen. Mal knallhart, mal tastend und nach Erklärungen suchend wie zum Beispiel während der Pandemie.

Als anderthalb Jahre lang gefühlt jede Talkshow von Corona handelte.

Bei uns waren es mindestens 30 Sendungen in Folge, ich weiß es gar nicht mehr genau. Aber sie trafen durch die Bank auf riesiges Interesse. Es war halt eine Phase großer Verunsicherung, in der sich Millionen Menschen auch von uns Erklärung und Orientierung erhofft haben. Parteipolitischer Streit dagegen, den die Zuschauerinnen und Zuschauer sonst ganz gerne bei uns geguckt haben, schien völlig fehl am Platz. Die Menschen wollten wissen, wie es weitergeht, was die Virologinnen und Virologen sagen, wann der Spuk endlich mal vorbei ist. Aus dieser Wissbegierde entstand ja zum Beispiel auch der große Erfolg von Christian Drostens NDR-Podcast.

Coronavirus-Update, später mit seiner Kollegen Sandra Ciesek.

Es gab einfach ein riesiges Bedürfnis nach Aufklärung und Information, wie lange nicht mehr, weil jede und jeder unmittelbar betroffen war und irgendwie versuchte, mit der verwirrenden Situation klarzukommen.

Wobei das Durcheinander seither nur noch größer geworden. Der Titel Ihrer letzten Sendung am 3. Dezember lautete daher: „Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“

Wichtiger war uns sogar der Halbsatz davor: „Die neue Weltunordnung“ hatten wir die Sendung überschrieben, und dann: „Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“. Wobei Navid Kermani, der Schriftsteller und Friedenspreisträger, der zu Gast war, gleich gesagt hat, die Fragestellung sei jetzt nicht so rasend gut gelungen, weil sie das Grunddilemma deutscher Debatten zeige: Wir würden egal, was weltweit passiert, immer alles als deutsche Nabelschau betrachten.

Als ginge es immer nur um uns?

Ja. Ich fand den Titel trotzdem gut. Er passte, um nochmal alle losen Fäden des katastrophalen Jahres zusammenzubinden. Und wenn man dann gleichsam die Großwesire des Reiches zu Gast hat, wie eben Navid Kermani, die Zukunftsforscherin Florence Gaub und den Historiker Raphael Gross, dann kann man das machen.

Ein verblüffend unpolitischer Cast fürs Finale…

Immerhin ergänzt um Vizekanzler Habeck, der sich auf solche Überblicksthemen ja auch einlässt. Mit einer thematisch so breit angelegten Sendung aufzuhören, war natürlich riskant. Aber wir wollten fürs Finale die Latte eher zu hoch als zu niedrig legen.

Und wie würden Sie die Titelfrage nach den Herausforderungen Deutschlands ein paar Wochen nach dem Finale beantworten?

Dass Deutschland diesen Herausforderungen eher nicht gewachsen ist. Nehmen Sie die Landesverteidigung: Wenn Boris Pistorius neuerdings sagt, wir müssten „kriegstüchtig“ werden, müssten Putins Drohungen ernstnehmen und hätten noch fünf bis acht Jahre, uns als Land und NATO-Mitglied auf einen möglichen Angriff vorzubereiten, dann sagt er das, weil Deutschland alles andere als kriegstüchtig ist. Und die Lage dürfte sich weiter verschärfen, wenn die USA ihre Militärhilfe für die Ukraine zurückfahren. Dann kommt es ja nochmal mehr auf uns an. Die Lücke kann Europa aber nicht füllen, geschweige denn Deutschland alleine.

Und da wären wir noch lange nicht beim sehr viel komplizierteren Gaza-Krieg.

Tja, da müssten wir uns eigentlich fragen, was denn die vielbeschworene Staatsräson konkret bedeutet. Was wäre denn, wenn es zum Beispiel einen noch größeren Krieg etwa mit dem Iran gäbe. Enthält sich Deutschland dann nicht mehr bei UN-Resolutionen? Unterstützt es Israel mit Waffen? Und falls ja: womit genau? Wir haben dafür weder Material noch Manpower …

Es ist interessant, dass Sie auf die Frage nach den Herausforderungen Deutschlands zunächst außen- und sicherheitspolitisch antworten, statt innen- und gesellschaftspolitisch, wo es vom Klimawandel über den Fachkräftemangel bis hin zur rechtspopulistischen Gefahr mindestens ebenso große Gefahren gibt.

Das liegt sicherlich daran, dass Außenpolitik das Thema der letzten Sendung war, ist aber dennoch ein guter Hinweis. In Ihrer Auflistung fehlt nur noch der anhaltende Haushaltsstreit. Und bei keinem dieser Konfliktfelder hat man den Eindruck, Regierung oder Opposition handelten visionär oder wie aus einem Guss.

Gehen der Mensch und die Journalistin Anne Will auch damit unterschiedlich um?

Also diese Trennung, die Sie da machen, verstehe ich nicht. Wenn ich privat diskutiere, bin ich sicherlich aufgebrachter. Etwa in Sachen Unterstützung der Ukraine oder auch beim Umgang mit der Klimakrise. Da hatte ich mir von der Bundesregierung mehr versprochen als das, was jetzt auf den Weg gebracht ist. Als Journalistin bin ich da nüchterner und mache halt meinen Job: Recherchieren, analysieren, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger konfrontieren, nachhaken.

Aber kommt jetzt denn der Mensch Anne Will stärker zum Tragen als die Journalistin, zeigen Sie mehr Gefühle, Haltung, Subjektivität?

Nee, die Journalistin wird bei dem, was ich als Nächstes mache, stärker zum Vorschein kommen als bislang in meiner Rolle als Moderatorin der Talkshow. Moderieren ist ja nur eine Spielform unseres Berufs. Da war ich schon auch sehr der Neutralität verpflichtet. Überparteilichkeit braucht es in unserem Beruf eh, das ist ja klar, aber wer eine so genannte „Rundendiskussion“ moderiert, der muss nochmal anders arbeiten. Der oder die darf sich auf keine Seite schlagen, sollte neutral bleiben, muss am besten bei jeder Frage die jeweilige Gegenposition zur Position der Befragten einnehmen, um die Diskussion in Gang zu bringen. Man darf nicht riskieren, plötzlich selbst zur Diskussionsteilnehmerin zu werden. Dann killt man die Debatte und verliert jede Steuerung.

Ihre viel jüngere, aber höchst erfahrene Kollegin Sophie von der Tann hat dazu gesagt, sie möge den Begriff Neutralität nicht und würde ihn gern durch Objektivität ersetzen.

Klug!

Ist es schwierig, neutral oder objektiv zu bleiben, wenn viele ihrer Gesprächspartnerinnen und -partner das genaue Gegenteil davon sind?

Ob schwierig oder nicht: Objektivität ist das Nonplusultra. Darum müssen sich Journalistinnen und Journalisten immer bemühen. In meiner speziellen Rolle passte das Bemühen um Neutralität den Positionen der Gäste gegenüber aber noch besser. Eine Korrespondentin wie Sophie von der Tann hat einen anderen Job. Wer über einen so aufgeladenen Konflikt mit so viel Leid berichtet, der oder die kann nicht neutral, im Sinne von: unbeteiligt berichten. Aber es gilt objektiv zu bleiben, sonst handelt man ganz schnell nicht mehr journalistisch, sondern aktivistisch. Spätestens das wäre der Punkt, an dem man den Beruf an den Nagel hängen müsste.

Und wie ist es als Moderatorin?

Das habe ich ja versucht, zu erklären. Aber mal ehrlich: Ich habe das jetzt mehr als 16 Jahre gemacht, ungefähr dreimal so lang wie jeden meiner Jobs zuvor. Jetzt ist erstmal gut mit Moderatorin einer Talkshow; ich will wieder stärker als Journalistin kenntlich sein. Darauf freue ich mich total.

Wobei man beim Querschauen ihrer Talkshows auch selten das Gefühl hatte, Sie würden allzu subjektiv agieren. Haben Sie in all den Jahren überhaupt mal jemanden richtig à la Lanz gegrillt?

Ich bin nicht sicher, ob „Grillen“ eine Technik ist, die in Journalismus-Seminaren gelehrt wird (lacht), weil dabei gern mal eine gewisse Unfairness mitschwingt. Aber wenn Sie es auf „hartnäckig nachfragen“ bringen, dann habe ich das dauernd gemacht. Man darf und muss Leute nachdrücklich zur Verantwortung ziehen für Dinge, die sie zu verantworten haben. Im Fall von Sahra Wagenknechts Russland-Bild etwa habe ich das zuletzt mehrfach getan. Und kurz, nachdem Alexander Gauland gesagt hatte, niemand wolle Jérôme Boateng als Nachbarn haben…

Während der sogenannten Flüchtlingskrise in einem FAZ-Interview.

…habe ich ihm bei mir in der Sendung den Mitschnitt einer seiner Reden vorgespielt, bei der er was Kritikwürdiges gesagt hatte. Und was behauptet Gauland? „Das hab‘ ich nicht gesagt!“ Da habe ich ihm die Stelle nochmal vorgespielt und immer wieder gefragt, er könne doch jetzt nicht behaupten, es nicht gesagt zu haben, wir hätten es ja nun alle gehört. Irgendwann platzte Heiko Maas, damals Bundesjustizminister, der Kragen, der mit in der Runde saß.

Was hat Sie als Medienkonsumentin da persönlich mehr geprägt: Kragenplatz-Pranger wie Der heiße Stuhl mit Ulrich Meyer oder einfühlsames Abtasten à la Heut‘ Abend mit Blacky Fuchsberger?

Beides hatte seine Daseinsberechtigung, lässt sich aber nicht miteinander vergleichen. Es kommt, wie ich finde, drauf an, was man gerade macht. In den Tagesthemen zum Beispiel habe ich in der Regel hart konfrontativ gefragt. Etwa den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mir danach kein Interview mehr geben wollte.

Ein Ritterschlag?

(lacht) Eher ein bisschen schade; ich hätte ihn später – jetzt nicht mehr – gern wieder zu Gast gehabt, aber er hatte sich ungerecht von mir behandelt fühlte. Das war es aus meiner Sicht nicht; er hatte halt nur nicht damit gerechnet, dass ich bei einer Schalte nach Washington mit dem ungeschriebenen Gesetz breche, Kanzler bei Auslandsbesuchen nicht innenpolitisch zu befragen.

Worum ging es dabei?

Um die Vertrauensfrage, die er tags zuvor angekündigt hatte. Ich wollte wissen, ob er damit rechnet, damit durchzukommen und hab das mit der zugegeben etwas übertriebenen Behauptung begründet, 80 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger würden das jetzt echt gern von ihm wissen. Ein Teil von denen fand es im Anschluss unbotmäßig, so mit dem Bundeskanzler zu reden, der andere Teil meinte das Gegenteil. Aber das war weder Heißer Stuhl noch Heut‘ Abend, sondern einfach kritischer Journalismus.

Dann zwei andere Referenzgrößen zur Auswahl: Michel Friedman und Reinhold Beckmann, also eher Konfrontation oder Einfühlungsvermögen?

Eher Konfrontation, aber eben auf meine Art. Ich will mich da aber gar nicht mit Kolleginnen und Kollegen vergleichen, die allesamt herausragende Fähigkeiten haben.

Hatten, haben Sie denn so etwas wie Vorbilder?

Hatte ich. Allen voran Juliane Bartel. Als ich Anfang der Neunzigerjahre volontiert habe, war sie Radio-Moderatorin bei SFB2 und neben Giovanni di Lorenzo Gastgeberin bei 3 nach 9. Ihre knallhart fragende Lässigkeit wollte ich mir abgucken. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Berliner Immobilienhai, der sich irgendwann nur noch bitterlich über ihre Fragen beklagte. Dann hörte man sie lange an der Zigarette ziehen, genüsslich ausatmen und dann sagen: „Ach, Herr Bendzko, mir kommen die Tränen.“ Sensationell!

Aber weder neutral noch objektiv!

Dafür sausouverän von der Palme runter auf den Boden der Tatsachen geholt.

Als Frau einer männerdominierten Zeit zumal, in der Journalistinnen generell in der Minderheit waren und auch eher mit defensiv assoziiert wurden.

Total. Schon deshalb hatte ich mir Juliane Bartel zum Vorbild genommen, bis aufs Rauchen wollte ich genauso werden. Wahnsinnsstimme, tolle Präsenz, in meinem Verständnis als 26-jährige Volontärin eine echte Vorreiterin.

Wobei Sie das auch waren. Sie haben als erste Frau die Sportschau moderiert und den prominentesten Sendeplatz der Talkshow-Landschaft übernommen.

Aber Herr Freitag, haben Sie da jetzt nicht jemanden vergessen?

Herrje – Sabine Christiansen natürlich, die auch Ihre Vorgängerin bei den Tagesthemen war. Trotzdem waren Sie früh prominent in einer Branche vertreten, die seinerzeit noch männlich dominiert war. Was war für die Gleichberechtigung da einschneidender: Ihre Rolle im Sportjournalismus oder der politischen Debattenkultur?

Wenn überhaupt, dann habe ich mit der Sportschau noch was freigekämpft. Denn da sah ich mich tatsächlich noch mal mit spießigsten Zweifeln konfrontiert, ob Frauen sowas überhaupt können. Im Politjournalismus hatte aber zum Beispiel Sabine Christiansen bereits etliche Schlachten geschlagen, die bei den Sportkommentatorinnen ja bis heute andauern.

Claudia Neumann kriegt heute noch bei jedem kommentierten Fußballspiel einen Shitstorm, als lebten wir in den Fünfzigern…

Tja, traurig, aber wahr, der Kampf um Gleichstellung ist eben längst nicht gewonnen, da muss man dranbleiben. Deshalb wollte ich auch immer möglichst viele, auch junge Frauen im Team haben – egal, mit wie vielen Schwangerschaften man dann als Arbeitgeberin umgehen muss. Das sage ich nur, weil das ja immer noch manchen Einstieg verhindert. Und ich sage es auch, weil sich in dem Zusammenhang in den zurückliegenden 16 Jahren tatsächlich was zum Besseren verändert hat.

Zum Beispiel?

Dass mittlerweile dann doch ein paar mehr Männer in Elternzeit gehen, und zwar auch mehr als die üblichen zwei Monate. Und: Manch einer kündigt so einen Plan selbstverständlich ungefragt auch schon beim Vorstellungsgespräch an. Als mir das passierte, war ich wirklich baff und fand es super. Eine meiner Mitarbeiterinnen sagte mal, wahre Gleichstellung hätten wir erst, wenn Arbeitgeber auch bei jungen Männern als erstes damit rechneten, dass sie demnächst sicher in Elternzeit gehen. Recht hat sie. So weit sind wir aber nicht. Da gibt es ja mit der neuen Elternzeitregelung eher wieder eine Form von Backlash. Umso wichtiger ist, auch an der Repräsentation von Frauen zu arbeiten. Wir hatten uns deshalb die Regel gesetzt: mindestens zwei Frauen in der Runde zu haben.

Inklusive oder exklusive Ihrer Person?

Exklusive. Und das klappt auch. Leicht ist es allerdings immer noch nicht. Denn Männer sind in Entscheidungs- und Leitungsfunktionen nun mal weiterhin in der Mehrheit. Nehmen wir die Parteien: Bei FDP und CDU/CSU kommt man da, anders als bei Grünen und SPD, schnell an Grenzen, weibliche Vorsitzende in eine Sendung einladen zu wollen.

Gibt es geschriebene oder ungeschriebene Regeln, wie genau Talkrunden zusammengesetzt sein sollten oder besser nicht, also was das Verhältnis von Männern und Frauen, Wissenschaft und Politik, Biodeutschen und Zugewanderten, Prominenten und Ottonormalverbraucherinnen betrifft?

Nein, das gibt es nicht. Besetzungen von Runden sind rein journalistische Entscheidungen. Es geht darum, unterschiedliche Positionen und Perspektiven vertreten zu sehen. Terminfragen von Wunschgästen können noch eine Rolle spielen. Mindestens zwei Frauen dabei zu haben, war halt unsere Regel. Jemand von der Regierung und der Opposition dabei zu haben, kann nicht schaden, muss aber nicht sein. In der letzten Sendung war nur ein Politiker dabei. Geht auch. Aber eine Pandemie-Ausgabe ohne Virologin oder Virologen? Schwierig! Wichtig ist, was die Person beizutragen hat, weniger wen sie repräsentiert.

Hatten Sie je persönliche Präferenzen, mit wem Sie lieber sprechen?

Am liebsten spreche ich mit eloquent argumentierenden, lebendigen, leidenschaftlichen Menschen. Da ist mir ihre Funktion erstmal herzlich egal. Menschen, die sich reinwerfen in die Thematik, denen ich sowas wie Wahrhaftigkeit abnehme und die am Ende womöglich sogar die Größe haben, sich vom besseren Argument überzeugen zu lassen.

Trifft all dies auf Laien, die verglichen mit früher zusehends häufiger in Talkshows sitzen, eher zu als auf Profis?

Da mache ich keinen Unterschied. Und so neu ist die Entwicklung hin zu Gästen ohne Kamera-Erfahrung auch gar nicht. Wir jedenfalls haben damit schon 2007 begonnen. Wir haben ihnen damals sogar einen eigenen Platz zugewiesen, der dann gleich mal geringschätzig „Betroffenensofa“ genannt wurde.

Puh.

Tja (lacht). Wir sind irgendwann davon abgekommen, in jeder Sendung eine Betroffene zu haben, und haben dann doch wieder mehr auf Multiplikatoren gesetzt. Bürgermeister zum Beispiel, Gewerkschafts- oder Städtetagvertreterinnen, die nicht nur für sich, sondern für viele sprechen können. Aber wir haben in 553 Sendungen und mehr als 1300 Gäste wirklich alle möglichen Gäste bei uns gehabt – vom zu Unrecht wegen Mordes Verurteilten bis hin zur Supermarktverkäuferin, die wegen eines angeblich geklauten Pfandbons über 20 Cent ihren Job verloren hatte.

Wen hätten Sie denn – prominent oder nicht – gern mal in Ihrer Sendung gehabt, aber nie bekommen oder es gar nicht erst versucht?

Lustigerweise habe ich mich in der Tat jahrelang darum bemüht, einmal Navid Kermani in die Sendung zu bekommen, der tatsächlich noch nie in einer Talkshow war. Sein erster Auftritt in meiner letzten – das hat mich riesig gefreut.

Und sonst so?

Na ja, da sagt man dann üblicherweise: der Papst, Joe Biden, Barack Obama. In Wahrheit habe ich aber gar nicht von grandiosen Namen, sondern von bestmöglichen Runden zu richtig guten Themen geträumt.

Könnten Sie sich vorstellen, noch mal in einer anderen Talkshow an anderer Stelle bestmögliche Runden zu richtig guten Themen zusammenzustellen?

Klar, kann ich mir das vorstellen. Ich habe meine Sendung ja gerne moderiert, rasend gerne sogar. Sonst hätte ich es auch nicht so lange gemacht. Aber das ist aktuell nicht das erste auf meiner Liste.

Wovor haben Sie denn diesbezüglich mehr Angst: Unterforderung und Langeweile oder einen Preis fürs Lebenswerk zu kriegen?

Sehr schöne Frage. Für den Lebenswerkpreis bin ich zu jung und gegen Unterforderung und Langeweile werde ich schon was tun. Bei beidem besteht also vorerst kein Grund zur Sorge.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist/in erschienen

Bauernregeln & letzte Tabus

Die Gebrauchtwoche

TV

5. – 11. Februar

Qualitätsjournalismus unterscheidet sich vom Boulevard vor allem darin, dass ersterer echte Realitäten nüchtern beschreib, letzterer gewollte dagegen emotional. Umso mehr fällt auf, wenn seriöse Medien boulevardesk wirken. Nach Plagiatsvorwürfen gegen die Süddeutsche-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, wurde sie erst verteufelt, dann vermisst, schließlich gefunden. Alles ganz schön deftig.

Was neovölkische Beobachter wie Julian Reichelt ebenso lieben wie die AfD, deren Talkshow-Präsenz mal wieder im Fokus steht. Markus Lanz Gestammel neben Tino Chrupalla zeigte zuletzt, wie wenig Rechte das wohlfeile Aufzählen ihrer Tabubrüche juckt. Besser wären da konkrete Antworten, ob und wie sie auf dem Weg zum Führerstaat Verwaltung, Justiz, das Wahlsystem und nicht zuletzt: die Medien umgestalten.

Dafür brächte Reichskanzler Höcke flugs alle Bahnhofsbuchläden in Parteibesitz, damit Elsässers Stürmer compact dort wieder erhältlich wäre. Danach ließe er Putins Hofberichterstatter Tucker Carlsen wohl Gefälligkeitsgutachten erstellen. Und zur ermächtigungsgesetzlichen Absicherung könnte die AfD noch jene um Hilfe bitten, denen sie zuvor sämtliche Subventionen gestrichen hätte.

Weil sie ihnen zu unbotmäßig berichten, haben wütende Bauern Redaktionen wie die Allgäuer Zeitung oder die Druckerei von Bild und Abendblatts bei Hamburg blockiert. Für diese Pluralismusverachtung hat Markus Raffler sogar Verständnis. „In Summe“, so der AZ-Redaktionsleiter, „waren die Bauern wohl ein wenig hilflos, wie sie mit uns ins Gespräch kommen“. Wollen wir mal hoffen, dass er seine Verteidigung der Angriffe auf die Pressefreiheit ironisch meint.

Und damit zum Sport. Dort haben sich praktisch alle Fußball-Reporter geeinigt, dass nun aber mal gut sei mit Fan-Protesten gegen DFB-Deals. So werden drei Pfiffe beim Zweitligaspiel gegen Tennisball-Würfe zur absoluten Stadionmehrheit umgedeutet, denen solche Spielunterbrechungen zu weit gehe. Wenn man Sky sein teures Premiumprodukt madig macht…

Die Frischwoche

0-Frischwoche

12. – 18. Februar

Da könnte man erwähnen, dass Chefredakteurin Juliane Eßling mangels Erfolg entlassen hat. Aber Sat1 ist mittlerweile so egal, dass hier wie immer kein Format empfohlen wird. Empfehlenswerter ist stattdessen Manfred Oldenburgs spielfilmlange Doku Das letzte Tabu, worin er Dienstag bei Prime Video einen Skandal aufdeckt: Der globale Fußball bringt es bei 500.000 Profis auf sieben aktive homosexuelle Kicker. Sieben… Also noch nicht mal der deutsche Talking Head Thomas Hitzlsperger, der sein Coming-Out nach dem Abschied hatte. Umso wichtiger ist die Milieustudie von der ersten bis zu 90. Minute.

So lange dauert auch die Aufwärmphase der österreichischen Horror-Groteske Beasts like us, Mittwoch auf gleichem Portal. In den ersten drei Folgen erreicht die Komödie um paarungswillige Mittzwanziger in einer Stadt voll alltäglicher Vampire, Zombies, Mutationen bestenfalls Schultheater-Niveau. Mit der Zeit aber entwickelt sich der Achtteiler zum Kommentar auf rechtspopulistische Bewegungen, was ihn trotz Pipikackapimmel-Witzen soziokulturell durchaus originell macht.

Weder mit Politik noch Pennälern will die Netflix-RomCom Liebeskümmerer zu tun haben. Gut so. In freudloser Zeit erinnert die Lovestory einer beziehungsgestörten Paartherapeutin (Rosalie Thomass) mit Laurence Rupps Macho alter Schule angenehm harmlos an Romanzen der 90er, als die Welt noch in Ordnung schien. Weitere 40 Jahre zurück reicht das Biopic The New Look, in dem Apple ab Mittwoch neunmal Haute Couturiers wie Coco Chanel und Christian Dior porträtiert.

Erschreckend gegenwärtig ist das Courtroom-Drama Sie sagt. Er sagt. Nach Motiven Ferdinand von Schirachs kämpft Ina Weisse ab Freitag in der ZDF-Mediathek 100 Minuten gegen Godehard Gieses potenziellen Vergewaltiger. Wie so oft bei Matti Geschonnek entsteht daraus ein totenstilles, lauthals brüllendes Kammerspiel, das Stellung bezieht, ohne Stellung zu beziehen und deshalb einfach nur brillantes Fernsehen wird.


Aggregat, The Dead South, Brittany Howard

Aggregat

Basislager und Bergankunft der Musik liegen womöglich Jahrmillionen auseinander, aber auch letzter ist ein Weilchen her. Der steinzeitliche Ursprung war rhythmischer Art, sein barocker Gipfel klassischer Natur. Grenzgänger wie Hauschka, Den Sorte Skole oder OhOhOhs klettern zwar schon länger zwischen den Steilwänden umher, aber niemand tut es verschwitzter als Aggregat. Der analoge Techno des Hamburger Trios fusioniert den ältesten Musikstil schließlich nicht nur mit dem sinfonischsten.

Es kombiniert physische Drums so mit Elektrobeats und Kontrabass, bis daraus etwas Unerhörtes und zugleich Vertrautes wird. Ein Kammerclubsound für Herz, Hirn, Bauch, Beine, der manchmal trancig ist, oft housig, gelegentlich ein bisschen Jazz einstreut und dabei mit etwas Fantasie an den hypnotischen Realismus Sergei Rachmaninoffs erinnert. So weit die Theorie. Die Praxis: einfach geiles Tanzzeug.

Aggregat – Origins (Poly Unique/Aggregat)

The Dead South

Um die Blue-Grass-Band The Dead South geil zu finden, hätte man früher Amerikas rostig-reaktionären Westerngürtel bewohnen, Trump wählen und Kohle statt Hirn im Kopf haben müssen. Ein günstiger Umstand der Popgeschichte allerdings hat das kanadische Quartett auf der Welle von Mumford & Sons vor Jahren bereits in den Mainstream befördert. Jetzt sind seine Traditionals nicht nur grenzübergreifend erfolgreich.

Sie bleiben auch auf dem vierten Album Chains & Stakes von einer filigranen Vielgestalt, dass Banjowirbel und Gesangsmelanchole mit so epischer Wucht an den Alternative-Country eines Mojo Nixon – R.I.P.! – docken, als läge Texas in Brooklyn. Augenscheinlich konservativ, schafft es der Hochgeschwindigkeits-Country von Dead South somit abermals, ein paar Gräben dieser zerklüfteten Nation kurz mal zuzuschütten.

The Dead South – Chains & Stakes (DevilDuck)

Brittany Howard

Diese Brückenbautätigkeit ist aber noch gar nichts gegen die ausgestreckte Hand von Brittany Howard – eine Universalkünstlerin, deren angebots- und nachfrageentkoppelter Multilayer-R’n’B praktisch jeder einzelnen Anspruchshaltung widerspricht und dennoch (oder deshalb) selbst Grammy-Bühnen rockt. Schon als schwarze Gitarristin der Garage-Band Alabama Shakes war sie einfach zu divers um wahr zu sein.

Ihr zweites Soloalbum ist hingegen eine so neugierige Expedition ins Dickicht von Fusion-Funk, Neo-Soul und Glam-Rock – da könnte es passieren, dass sie Kollegen wie Anderson .Paak am Wegesrand findet, der nach dem richtigen Abzweig in die echt spannenden Areale fragt und bei Brittany fündig wird. Fast alles an What Now beschreitet schließlich Umwege, die direkter als jeder Highway ins Herz der Musik führen.

Brittany Howard – What Now (Island/Universal)


Klamroths Volk & Ferchs Afrika

Die Gebrauchtwoche

TV

29. Januar – 11. Februar

Aktuell wird viel darüber diskutiert, wie viel Volkes Stimme publizistisch geboten ist und was davon populistische Anbiederung. Bei Hart aber fair steht sie Volkes Bestimmenden paritätisch im Raum gegenüber. Klingt ausgewogen, kann aber nicht darüber hinwegtäusche, dass Louis Klamroths groß angekündigter Radikalumbau mit neuer Produktion (Florida) seltsam unausgegoren wirkt. Sein Mobiliar trennt Otto-Normal- und Premium-Verbraucher zwar in Lager.

Die üblichen Verdächtigen äußern jedoch übliche Beschwichtigungen. Und dass es die ARD als hart aber fair to go für die Mediathek halbiert, klingt eher nach Clickbaiting als Konzept und definitiv anbiedernd. Im Stern haben sich gut 30 Promis von Roland Kaiser bis Bully Herbig nirgendwo angebiedert, sondern klar Stellung gegen rechts bezogen. Einige. Anderen ging „AfD“ oder auch nur „rechts“ schon deshalb nicht über die Lippen, weil ein Gutteil ihrer Kundschaft beidem zuneigt.

Statt die Feinde beim Namen zu nennen, verurteilt Helene Fischer „Extremismus“ und Florian Silbereisen „Menschenverachtung“. Trotzdem ernten beide auch für halbgare Haltung Hass. Im Dschungelcamp gehört der zum Spiel, er garantiert Quote und macht Achtelberühmtheiten viertelbekannt. Wer gewonnen hat (Lucy) ist abseits der RTL-Promirutschen zwar schon wieder egal. Was bleibt, sind aber wundervolle SZ-Sottisen.

Etwa jene, Fabio und Mike seien „Obelix nach einem Training zur gewaltfreien Kommunikation“ und „wandelndes Kirchenfenster“ mit „Namen einer Kinderüberraschungsfigur“. Während IBES 2025 verlässlich wiederkommt, müssen wir uns von anderen verabschieden: Judith Rakers, die Mittwoch nach 19 Jahren ihre letzte Tagesschau moderiert hat. „Einen schönen Abend noch, Tschüss“, könnte es nach der nächsten Bundesliga-Bieterrunde auch für die Sportschau heißen.

Und nebenbei deutet sich auch ein Ende des Streaming-Booms an: Laut DWDL plant nach Magenta und Sky nun Paramount+ den deutschen Kahlschlag. Veröffentlichte Serien wie Der Scheich oder A Thin Line sind bereits offline, abgedrehte wie Zeit Verbrechen oder Turmschatten gehen nicht online. Konzernchef Bob Bakish versichert zwar, dass er hier weiter produzieren lässt. Aber der radikale Sparkurs, um Video-on-Demand profitabel zu machen, trifft gerade Deutschland hart.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

5. – 11. Februar

Internationale Produktionen wie die 2. Staffel den sündhaft teuren SciFi-Bombast Halo wird es bei Paramount+ allerdings auch weiterhin geben und ab Donnerstag wieder weltweit Abermillionen Zugriffe generieren. Eine Abruf-Etage tiefer spielt sich demgegenüber buchstäblich naturgemäß die Sky-Doku Whale with Steve Backshall, worin der britische Tierfilmer ab heute vier Teile lang unter Wasser geht.

Nach globalen Maßstäben kaum noch messbar sind aber ein paar deutsche Produktionen für öffentlich-rechtliche Mediatheken. Was gleichwohl wenig über deren Qualität aussagt. Mit komplettem Desinteresse gestraft werden sollte dringend der unfreiwillig komische Umwelt-Thriller Tod in Mombasa mit Heino Ferch als Heino Ferch, der ein hilfloses Land namens Afrika stoische 90 ZDF-Minuten mit seiner mitteleuropäischen Hilfsbereitschaft ehrt.

In Mannheim hilfsbereit ist schon dem Serientitel nach Die Notärztin – was fürchterlich nach deutschem Medical klingt. Dank seiner Hauptdarstellerin Sabrina Amali aber bringt der Sechsteiler die Schwierigkeiten großstädtischer Rettungsdienste ab Dienstag in der ARD-Mediathek durchaus differenziert auf den Punkt, während allein die Tatsache, dass sie aus Österreich stammt, School of Champions Freitag an gleicher Stelle ansehnlich machen könnte.

David Schalko hat das achtteilige Drama um ein alpines Ski-Internat sogar mitproduziert. Es besticht allerdings nicht durch skurrilen Humor, sondern präzise Beobachtungen des kapitalistischen Leistungssports und liefert nebenbei cleveres Coming-of-Age-Entertainment. Routinierte Skandi Noir bietet dagegen tags drauf die schwedische Cold-Case-Reihe Iris mit der unvergleichlichen Sofia Helin, bekannt aus Die Brücke.


Ja, Panik – LUCI – J Mascis

Ja, Panik

Nicht singen zu können, war einst ein guter Grund, es – wenigstens außerhalb von Karaokebars und Duschen – zu lassen. Es ist daher ein Wink der Musikgeschichte, dass ein Großmeister des windschief Denglischen am schlechtesten singt, daraus aber das denkbar Beste macht. Wie Andreas Spechtl, Mastermind der Berlin-Wiener Artrock-Band Ja, Panik, und als solcher auf ewiger Mission, die Popkultur zu schreddern.

Das 7. Album Don’t play with the rich kids ist demnach Englisch betitelt, mehrheitlich Deutsch gesungen, aber sprachliche wie tonal ein disharmonisch poetisches Durcheinander, das zugleich überwältigend und verstörend ist. Wozu Textzeilen wie “Kleiner Dude auf der Strada / Nimmt einmal ein Naserl / Und greift nach den Stars dann / Aber nix” die passende Metrik liefern. Alles zu viel, alles zu wenig, alles lauter als zuvor, alles leiser auf der neuen Ja, Panik. Wie immer. Wie immer großartig.

Ja, Panik – Don’t play with the rich kids (Bureau B)

LUCI

LUCI dagegen kommt aus den USA, singt ausnahmslos englisch, tickt amerikanisch und liefert auf ihrem Debütalbum  They Say They Love You dennoch ein Panoptikum verschiedener Stile, das es mit Ja, Panik mangels Kenntnis vermutlich nicht aufnehmen will, aber kann. Geboren im republikanisch geprägten North Carolina ist sie für ihr Debütalbum ins liberale Los Angeles gezogen und hat dort zehn grandios verschiedene Tracks produziert.

Die nämlich passen auch horizontal selten zusammen, werden von Produzenten wie Louallday (Outkast) oder Edmund Irwingsinger (Glass Animals) aber so passend gemacht, das auf They Say They Love You alles aus einem Guss ist. Mehr noch. Mit ihrer wuchtigen, ja opernhaften Stimme durchdringt sie von HipHop bis TripHop und einer Prise Punk plus Pop alles, was sie durcheinander schleudert und neu verkleistert. Fast nichts daran ist eingängig, nahezu alles genial.

LUCI – Say They Love You (Don’t Sleep)

J Mascis

Joseph Donald Mascis Jr., besser bekannt als J Mascis, noch viel besser bekannt als Sänger der Melogrunge-Legende Dinosaur Jr. und hätte er vor bald 40 Jahren deren Angebot angenommen am bekanntesten als Drummer von Nirvana, ist ungefähr viermal so alt wie LUCI, hat sich aber auch auf Solopfaden die Inselbegabung bewahrt, beim Singen wie ein melancholischer Trotzkopf zu klingen.

Zweite Inselbegabung: Gitarren-Soli, die nicht breit-, sondern o-beinig klingen, also irgendwie eher nach kindlichem Überschwang als testosterongetränkter Selbstgerechtigkeit. Und so ist auch What Do We Do Now, sein fünftes Album ohne Dinos, ein liebevoll zerdeppertes Emorock-Sammelsurium altersloser Ergriffenheit, die uns J Mascis gern noch 50 Jahre mehr in die Fresse streicheln darf. Forever young!

J Mascis – What Do We Do Now (Sub Pop)


Charles M. Huber: Der Alte & Passau-Krimi

Von Micky Maus zu Karl Marx

Charles_M._Huber,_Frankfurter_Buchmesse_2023

Charles M. Huber (Foto: Elena Ternovaja) war weg vom Fernsehfenster. Fast 40 Jahre nach seinem Kommissar Johnson beim Alten aber spielt der afrikanische Niederbayer Figur im ARD-Krimi Gier nach Gold aus Passau, die ihm nicht unähnlich ist. Ein Interview über Herkunft, Vorbilder und wie man als Schwarzer Diplomatensohn Unionspolitiker wird.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Huber, Sie machen sich seit vielen Jahren rar am Bildschirm. Warum spielen Sie da ausgerechnet im Passau-Krimi „Gier nach Gold“ den unehelichen Sohn eines GI?

Charles M. Huber: Ich hatte mich eigentlich schon innerlich davon verabschiedet, nochmals für eine TV-Produktion zu drehen. Aber da es in Niederbayern spielt, empfand ich meine Figur, die noch dazu im Dialekt spricht, als ebenso charmant wie interessant.

Auch als Schwarzer im weißen Bayern, dessen Vater ebenfalls früh fort war?

Ich bin zwar Sohn eines Diplomaten aus dem Senegal; das wussten die Leute im niederbayrischen Dorf, wo ich aufwuchs. Mein Vater war also kein GI, der Frau und Kinder aus Deutschland wegen der Segregation gar nicht mit in die USA nehmen konnte. Die Situation war für uns aufgrund der Hautfarbe die gleiche. Aber diese Situation sogenannter Mischlingskinder fiel mir eigentlich erst beim Schreiben meines Buches auf.

Weltbühne Afrika: Zwischen Politik und Schauspiel.

Meine Identität wurzelt in Bayern, sie ist Teil einer geografischen und inneren Herkunft. Die meines Vaters spielt aber ebenfalls eine Rolle. Senegalesen haben einen ähnlich sturen Schädel wie Niederbayern, beide sind in der Regel aber auch höfliche Menschen, was mir in Großstädten wie Berlin manchmal ein bisschen fehlt. Im Alter wird man eben harmoniebedürftiger.

Vermittelnd waren Sie allerdings auch schon 1984 tätig, als Sie in „Der Alte“ die erste Serienhauptrolle eines Schwarzen außerhalb Amerikas gespielt haben.

Damals musste man sich als schwarzes deutsches Kind immer erklären, noch dazu, wenn man Dialekt sprach. Das schärfte früh mein analytisches und politisches Bewusstsein. Man sollte das Thema Hautfarbe aber auch nicht überbewerten. Niederbayern habe ich als Kind als empathisch und herzlich in Erinnerung. Oft merkte ich damals nur beim Blick in den Spiegel, dass an mir etwas anders war.

Wollten Sie davon unabhängig durch Ihren Weg von den Theaterbühnen ins Fernsehen etwas bewegen oder nur spielen?

Damals wurden Schwarze nur als Zuhälter und Drogendealer besetzt. Aber ich komme aus einer intellektuellen Familie, ein Verwandter war der erste Präsident des Senegals und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, mein Vater erhielt von Heinrich Lübke das Verdienstkreuz 1. Klasse – da stimmt das Konzept afrikanischer Klischees im deutschen Film einfach nicht. Ich komme aus der Hippie- und Babyboomer-Generation. Da fing man an die Welt mit etwas anderen, mit etwas offeneren Augen zu sehen.

Wann ging das bei Ihnen los?

Auf dem Gymnasium wechselte ich von Micky Maus zu Karl Marx. Wie damals üblich, widmete man sich früh anspruchsvoller Literatur. Schopenhauer, Erich Fromm, die Stoiker, aber auch Jimi Hendrix, Muhammed Ali oder Malcolm X – das waren für mich Chiropraktiker, die Blockaden eines verengten Blicks auf die Welt und sich selbst gelöst hatten.

Umso seltsamer, dass ihr Weg 2003 zur CSU führte.

Die CSU ist eine wirtschaftsaffine Partei. Nach mehreren Aufenthalten in Afrika – unter anderem als Berater des Tourismusministers in Äthiopien – fühlte ich mich als jemand, der schon vor meiner Zeit im Bundestag die wirtschaftlichen Beziehungen zu Afrika verbessern wollte, bei so einer Partei besser aufgehoben. Wer das seltsam findet, sucht den geraden Weg.

Zwischen gerade und umgekehrt besteht allerdings schon noch ein Unterschied…

Obwohl ich eher sozialliberal war, missfiel mir schon damals der mangelnde Pragmatismus der Entwicklungshilfe, die nicht auf Effizienz ausgerichtet war und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Drittstaaten eigentlich gar nicht gefördert hatte. Im Gegenteil:  Resultat ist nun, das die Menschen ihr Land verlassen und Arbeit im Ausland suchen. Auch in Europa. Mein Ansatz war und ist daher, ein verstärkter Wirtschaftsdialog mit Afrika.

Deshalb sind Sie ja seinerzeit unter anderem auch in die Politik gegangen. War Ihre Popularität als Schauspieler bei diesem Quereinstieg eher hilfreich oder hinderlich?

Schauspieler werden häufig unterschätzt. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan waren auch Schauspieler und als Politiker erfolgreich. Ein Onkel war Botschafter im Vatikan, eine Tante Ministerin, ebenso ihr Ehemann. Mit dem Hintergrund meiner Vorerfahrung in Bezug auf meine Aktivitäten im Senegal und Äthiopien, sowie dem familiären Fundus an Erfahrungen kam ich eigentlich relativ komplett in den Bundestag.

Wie schätzen Sie Ihren Einfluss aufs Fernsehen denn ein – hat er dabei geholfen, Menschen anderer Ursprünge akzeptabler, gewöhnlicher zu machen?

Jein. In Bezug auf mich ja, in Bezug auf weniger populäre Kollegen weniger. Und insgesamt muss man sagen, dass die Akzeptanz in den Medien nicht analog zur Akzeptanz in der Gesellschaft verläuft. In der Werbung zum Beispiel gibt es ungleich mehr schwarze Menschen als in Führungspositionen. Das wird von vielen kritisiert, aber ich empfinde es als gerechtfertigt, da man die Existenz der schwarzen Deutschen über Jahrzehnte fast verschwiegen hatte. Wir waren eine Minorität ohne Stimme in der Politik und in der Gesellschaft.

Umso erstaunlicher war Ihr Kriminalkommissar bei Der Alte.

Schwarze gäbe es bei der Kripo nicht, hieß es. Ich habe jedoch gleich zu Beginn meiner Zeit beim „Alten“ einen kennengelernt. Raimund Eichner, von der Kripo München. Die 800.000 schwarzen Deutsche mussten erst von einer US-Organisation gezählt werden. Wenn es dich nicht gibt, wirst du auch nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden.

Haben Sie sich – ob in Politik oder Fernsehen – je als Alibi-PoC zur Bestätigung der eigenen Aufgeschlossenheit empfunden?

Weil ich dafür bekanntlich ungeeignet bin, erübrigt sich Ihre Frage. Niederbayrische Schädel kann man nicht einfach in jede Richtung biegen. Ebenso wenig ich diese Herkunft verleugne, würde ich es mit meiner afrikanischen tun. Außerdem kann man 1984 nicht mit heute vergleichen, obwohl das gesellschaftspolitische Klima sich seit der sogenannten Flüchtlingswelle verschlechtert hat und junge Menschen mit einem anderen kulturellen Erbteil schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Dialekt ist nochmals ein besonderes Indiz für kulturelle Verwurzelung.

Warum? Einen Dialekt spricht man nicht nur, man lebt ihn irgendwie auch. Eine Rolle in einem Film wie Gier nach Gold hilft vielleicht, den Menschen klarzumachen, dass Menschen anderer Hautfarbe, ob sie TV sind oder nicht, sich auch selbst als Teil der Kultur verstehen. Viele von ihnen kennen auch keine andere. Nun bin ich nur noch gespannt, ob Ihr mich da oben im Norden ohne Untertitel versteht (lacht).