Charles M. Huber: Der Alte & Passau-Krimi
Posted: February 2, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |Leave a commentVon Micky Maus zu Karl Marx

Charles M. Huber (Foto: Elena Ternovaja) war weg vom Fernsehfenster. Fast 40 Jahre nach seinem Kommissar Johnson beim Alten aber spielt der afrikanische Niederbayer Figur im ARD-Krimi Gier nach Gold aus Passau, die ihm nicht unähnlich ist. Ein Interview über Herkunft, Vorbilder und wie man als Schwarzer Diplomatensohn Unionspolitiker wird.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Huber, Sie machen sich seit vielen Jahren rar am Bildschirm. Warum spielen Sie da ausgerechnet im Passau-Krimi „Gier nach Gold“ den unehelichen Sohn eines GI?
Charles M. Huber: Ich hatte mich eigentlich schon innerlich davon verabschiedet, nochmals für eine TV-Produktion zu drehen. Aber da es in Niederbayern spielt, empfand ich meine Figur, die noch dazu im Dialekt spricht, als ebenso charmant wie interessant.
Auch als Schwarzer im weißen Bayern, dessen Vater ebenfalls früh fort war?
Ich bin zwar Sohn eines Diplomaten aus dem Senegal; das wussten die Leute im niederbayrischen Dorf, wo ich aufwuchs. Mein Vater war also kein GI, der Frau und Kinder aus Deutschland wegen der Segregation gar nicht mit in die USA nehmen konnte. Die Situation war für uns aufgrund der Hautfarbe die gleiche. Aber diese Situation sogenannter Mischlingskinder fiel mir eigentlich erst beim Schreiben meines Buches auf.
Weltbühne Afrika: Zwischen Politik und Schauspiel.
Meine Identität wurzelt in Bayern, sie ist Teil einer geografischen und inneren Herkunft. Die meines Vaters spielt aber ebenfalls eine Rolle. Senegalesen haben einen ähnlich sturen Schädel wie Niederbayern, beide sind in der Regel aber auch höfliche Menschen, was mir in Großstädten wie Berlin manchmal ein bisschen fehlt. Im Alter wird man eben harmoniebedürftiger.
Vermittelnd waren Sie allerdings auch schon 1984 tätig, als Sie in „Der Alte“ die erste Serienhauptrolle eines Schwarzen außerhalb Amerikas gespielt haben.
Damals musste man sich als schwarzes deutsches Kind immer erklären, noch dazu, wenn man Dialekt sprach. Das schärfte früh mein analytisches und politisches Bewusstsein. Man sollte das Thema Hautfarbe aber auch nicht überbewerten. Niederbayern habe ich als Kind als empathisch und herzlich in Erinnerung. Oft merkte ich damals nur beim Blick in den Spiegel, dass an mir etwas anders war.
Wollten Sie davon unabhängig durch Ihren Weg von den Theaterbühnen ins Fernsehen etwas bewegen oder nur spielen?
Damals wurden Schwarze nur als Zuhälter und Drogendealer besetzt. Aber ich komme aus einer intellektuellen Familie, ein Verwandter war der erste Präsident des Senegals und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, mein Vater erhielt von Heinrich Lübke das Verdienstkreuz 1. Klasse – da stimmt das Konzept afrikanischer Klischees im deutschen Film einfach nicht. Ich komme aus der Hippie- und Babyboomer-Generation. Da fing man an die Welt mit etwas anderen, mit etwas offeneren Augen zu sehen.
Wann ging das bei Ihnen los?
Auf dem Gymnasium wechselte ich von Micky Maus zu Karl Marx. Wie damals üblich, widmete man sich früh anspruchsvoller Literatur. Schopenhauer, Erich Fromm, die Stoiker, aber auch Jimi Hendrix, Muhammed Ali oder Malcolm X – das waren für mich Chiropraktiker, die Blockaden eines verengten Blicks auf die Welt und sich selbst gelöst hatten.
Umso seltsamer, dass ihr Weg 2003 zur CSU führte.
Die CSU ist eine wirtschaftsaffine Partei. Nach mehreren Aufenthalten in Afrika – unter anderem als Berater des Tourismusministers in Äthiopien – fühlte ich mich als jemand, der schon vor meiner Zeit im Bundestag die wirtschaftlichen Beziehungen zu Afrika verbessern wollte, bei so einer Partei besser aufgehoben. Wer das seltsam findet, sucht den geraden Weg.
Zwischen gerade und umgekehrt besteht allerdings schon noch ein Unterschied…
Obwohl ich eher sozialliberal war, missfiel mir schon damals der mangelnde Pragmatismus der Entwicklungshilfe, die nicht auf Effizienz ausgerichtet war und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Drittstaaten eigentlich gar nicht gefördert hatte. Im Gegenteil: Resultat ist nun, das die Menschen ihr Land verlassen und Arbeit im Ausland suchen. Auch in Europa. Mein Ansatz war und ist daher, ein verstärkter Wirtschaftsdialog mit Afrika.
Deshalb sind Sie ja seinerzeit unter anderem auch in die Politik gegangen. War Ihre Popularität als Schauspieler bei diesem Quereinstieg eher hilfreich oder hinderlich?
Schauspieler werden häufig unterschätzt. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan waren auch Schauspieler und als Politiker erfolgreich. Ein Onkel war Botschafter im Vatikan, eine Tante Ministerin, ebenso ihr Ehemann. Mit dem Hintergrund meiner Vorerfahrung in Bezug auf meine Aktivitäten im Senegal und Äthiopien, sowie dem familiären Fundus an Erfahrungen kam ich eigentlich relativ komplett in den Bundestag.
Wie schätzen Sie Ihren Einfluss aufs Fernsehen denn ein – hat er dabei geholfen, Menschen anderer Ursprünge akzeptabler, gewöhnlicher zu machen?
Jein. In Bezug auf mich ja, in Bezug auf weniger populäre Kollegen weniger. Und insgesamt muss man sagen, dass die Akzeptanz in den Medien nicht analog zur Akzeptanz in der Gesellschaft verläuft. In der Werbung zum Beispiel gibt es ungleich mehr schwarze Menschen als in Führungspositionen. Das wird von vielen kritisiert, aber ich empfinde es als gerechtfertigt, da man die Existenz der schwarzen Deutschen über Jahrzehnte fast verschwiegen hatte. Wir waren eine Minorität ohne Stimme in der Politik und in der Gesellschaft.
Umso erstaunlicher war Ihr Kriminalkommissar bei Der Alte.
Schwarze gäbe es bei der Kripo nicht, hieß es. Ich habe jedoch gleich zu Beginn meiner Zeit beim „Alten“ einen kennengelernt. Raimund Eichner, von der Kripo München. Die 800.000 schwarzen Deutsche mussten erst von einer US-Organisation gezählt werden. Wenn es dich nicht gibt, wirst du auch nicht in Entscheidungsprozesse eingebunden.
Haben Sie sich – ob in Politik oder Fernsehen – je als Alibi-PoC zur Bestätigung der eigenen Aufgeschlossenheit empfunden?
Weil ich dafür bekanntlich ungeeignet bin, erübrigt sich Ihre Frage. Niederbayrische Schädel kann man nicht einfach in jede Richtung biegen. Ebenso wenig ich diese Herkunft verleugne, würde ich es mit meiner afrikanischen tun. Außerdem kann man 1984 nicht mit heute vergleichen, obwohl das gesellschaftspolitische Klima sich seit der sogenannten Flüchtlingswelle verschlechtert hat und junge Menschen mit einem anderen kulturellen Erbteil schmerzhafte Erfahrungen machen müssen. Dialekt ist nochmals ein besonderes Indiz für kulturelle Verwurzelung.
Warum? Einen Dialekt spricht man nicht nur, man lebt ihn irgendwie auch. Eine Rolle in einem Film wie Gier nach Gold hilft vielleicht, den Menschen klarzumachen, dass Menschen anderer Hautfarbe, ob sie TV sind oder nicht, sich auch selbst als Teil der Kultur verstehen. Viele von ihnen kennen auch keine andere. Nun bin ich nur noch gespannt, ob Ihr mich da oben im Norden ohne Untertitel versteht (lacht).