Trumps Triumpf & Lauterbachs Schatten

Die Gebrauchtwoche

TV

4. – 10. November

Der vorige Mittwoch ist hierzulande mehr als irgendwo sonst in die Geschichte des Nachrichtenwesens eingegangen – vergleichbar mit 11. September oder 9. November. Und zwar nicht nur, weil sich Donald Trump und Olaf Scholz mit unterschiedlich weltbewegender Wirkung ins Rampenlicht geschossen haben. Sondern weil diese Koinzidenz einiges übers perfekte Timing in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie aussagt.

Warum schließlich sollte der Bundeskanzler seinen Finanzminister nur Stunden nach der desaströsen US-Wahl verkünden, wenn nicht aus pressepolitischem Kalkül? Umso mehr fiel auf, dass die Tagesschau den Kollaps der Ampelkoalition statt Trumps Triumph zur Spitzenmeldung erkoren hat. Und zwar nach einer Nacht, in die Berichterstattung gezeigt hat, wie vielfältig ein pluralistisches System sein kann.

Während das ZDF drollige Gimmicks unter die überdrehte Studioband schaltete, sedierte Jörg Schönenborn das ARD-Publikum mit betulicher Langsamkeit, was allerdings noch gar nichts gegen den Stoizismus von CNN war, wo es stundenlang wirklich nichts anderes als rot-blaue Grafiken zu sehen gab. Das allerdings sind Geschmacksfragen im Vergleich dazu, was besonders der liberalen Presse unter der angekündigten Tyrannei eines Faschisten blüht.

Der cleverste Kommentar dazu kam übrigens von Philipp Bovermann, der Donald Trumps Erfolg zwei Tage später in der Süddeutschen Zeitung wie folgt erklärte: „Die Demokraten haben Follower, die Republikaner haben Influencer“. Damit haben beide im Grunde von beidem mehr als öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland, die irgendwie nix von alledem haben, dafür aber ganz schön ratlos sind, wie sie neues Publikum gewinnen, ohne altes zu verschrecken.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. November

Mit dem aktuellen ARD-Mittwochsfilm jedenfalls misslingt das eine wie das andere deutlich. Er heißt Ungeschminkt und erzählt von einer Frau, die nach jahrzehntelanger Abwesenheit in ihr bayerisches Dorf zurückkehrt, wo sie einst als Mann gelesen wurde und daher für reichlich konservative, wenn nicht gar reaktionäre Verwirrung sorgt. Das ist auch dank der burschikosen Adele Neuhauser ganz gut gemeint, was dummerweise ein Gegenteil von gut ist.

Das Gegenteil von schlecht war hingegen die deutsche Late-Coming-of-Age-Serie Deadlines, die am Donnerstag in der ZDF-Mediathek den 40. Geburtstag ihrer wankelmütigen Protagonistinnen feiert. Wieder gelungen. Wieder lustig. Aber eben auch schon Staffel 4 und damit ungefähr so abgehangen wie Boybands der Neunzigerjahre, denen die Paramount-Doku Larger Than Life am Mittwoch ein filmisches Denkmal setzt.

Tags drauf startet eine Literatur-Adaption, die Paramount+ vor seinem Abschied von deutscher Fiktion produziert und nun bei Sky untergebracht hat: In Peter Grandls Bestseller Turmschatten lässt Heiner Lauterbachs Holocaust-Überlebender Zamir das Publikum sechs Teile lang über Leben und Tod zweier Neonazis abstimmen, die er in seinem Hochbunker gefangen hält, nachdem sie in den Mord an seiner Adoptiv-Tochter beteiligt waren. Die moralische Debatte darin ist sogar relativ gehaltvoll – wäre die Story ringsum nicht so heillos mit Klischees überfrachtet.

Deshalb zum Abschluss noch drei sehenswertere Tipps: Am Mittwoch startet bei Disney+ die Crime-Serie Grotesquerie mit ermittelnder Nonne. Ab Donnerstag läuft an gleicher Stelle das neunteilige FX-Drama Say Nothing aus der heißen Phase des Nordirland-Konfliktes. Und Sonntag setzt Amazon Prime seine Porträt-Reihe deutscher Glamour-Krimineller mit Milliarden Mike fort.



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