Putins Analplug & Mälzers Pensionäre

Die Gebrauchtwoche

24. Februar – 2. März

Die Pressefreiheit war trotz ihrer Verankerung in jeder ernstzunehmenden Verfassung nie ein allzu resilientes Gut. Schließlich sind nur acht Prozent aller Nationen sattelfeste Demokratien. Und mit den USA schmiert davon die größte grad ab. Dass Donald Trump der Korrespondenten-Vereinigung die Besetzung der Pressekonferenz im Weißen Haus entrissen hat und zugunsten rechtspopulistischer Medien ausmistet, ist Teil seiner Agenda und kaum noch der Rede wert.

Besorgniserregender wirkt dagegen, wenn Jeff Bezos die Meinungsredaktion seiner Washington Post auf Trump-Kurs bringt und nur noch libertäre Kommentare duldet. Damit greift er nicht nur in die redaktionelle Unabhängigkeit ein, sondern vollzieht, was jeder radikalen Machtübernahme vorausgeht: die Gleichschaltung der Medien. Dass Angestellte dutzendfach Stellen kündigen und Tausende Abos abbestellt werden, ist Teil der Strategie, kritische Stimmen links der Rechten mundtot zu machen.

Dazu passt, wie deutsche Parteien zurzeit agieren, und nein – damit ist ausnahmsweise nicht die AfD gemeint. Erst erweiset sich Putins Analplug Sahra Wagenknecht als Trumpistin und schiebt ihre Wahlniederlage den Medien oder der Demoskopie (die das Bundestagswahl-Ergebnis mit einer Abweichung von durchschnittlich 0,33 Prozent prognostiziert haben) in die Schuhe. Dann attackiert Friedrich Merz Deutschlands Zivilgesellschaft mit 551 kleinen Anfragen, hat aber zufällig vergessen, wie die Süddeutsche Zeitung empfiehlt, Bauern- und Vertriebenenverbände zu erwähnen, die seit Jahren nahezu deckungsgleich mit CDU/CSU sind.

Ganz kleines Caro, kann man sagen. Anders als das „großartige Fernsehen“, von dem sein Merzens Stichwortgeber Donald Trump am Ende des größtmöglichen diplomatischen Eklats seit Jahrzehnten sprach, als er der westlichen Wertegemeinschaft in Gestalt des verdatterten Wolodymyr Selenskyi bei einer inszenierten Pressekonferenz im Oval Office offiziell den Krieg erklärte. And the Oscar for the best male actor goes…

… trotzdem to Adrian Brody. Wobei die Gewinner der heutigen Nacht ein bisschen im Schatten des nächsten Tabubruchs stehen: Denn mit The Brutalist und Emilia Pérez haben zwei Filme Oscars erhalten, deren Score nachweislich mit KI nachbearbeitet wurde – was im Abspann allerdings nicht zu sehen war.

Die Frischwoche

3. – 9. März

Wie von künstlicher Intelligenz gemacht, ist auch die Schleichwerbung der Woche: Thomas Müller – Einer wie keiner. Ein arschkriecherischer PR-Beitrag im Dienst des Bundesligatyrannen FC Bayern, den Amazon Prime ab Dienstag als neunzigminütiges Porträt seines drolligsten Multimillionärs feilbietet. Noch wütender macht Fans aller anderen Fußballvereine da womöglich nur noch die Comedy-Serie Ghosts.

Ab Freitag schafft es die ARD dabei in ihrer Mediathek, das englische Netflix-Original um ein Spukschloss 1:1 zu kopieren und dabei jedem Witz die Pointe zu nehmen. Lausiger hat das deutsche Fernsehen selten vom internationalen geklaut. Letzteres beschert uns deshalb die interessanteren Formate der nächsten sieben Tage. Das Historienmelodram Der Leopard zum Beispiel, ein sechsteiliges Remake des gleichnamigen Klassikers von 1963 um sizilianische Aristokraten der 1860er Jahre im Kampf mit der bürgerlichen Moderne.

Durchaus ansehnlich ist auch der dänische Politthriller Fatal Crossing, ab Donnerstag in der Arte-Mediathek. Oder parallel bei MagentaTV die Serienkillerjagd Krähenmädchen, in der es zwar durchaus mystische Stereotypen hagelt, aber dank des Drehorts Bristol einfach sehr viel glaubhaftere als in, sagen wir: Kreta, wohin uns der nächste Auslandseinsatz deutscher Krimis zeitgleich im Ersten entführt, bevor Hans Sigl in Flucht aus Lissabon zwei Tage später westwärts reist.

Das originellste Format made in germany ist demnach – abgesehen von der hochinteressanten Zoonosen-Doku Spillover (Mittwoch, ARD-Mediathek) Tim Mälzers neue Dokusoap. Nach dem Restaurant Zum Schwarzwälder Hirsch versucht er in Herbstresidenz nun ein Altersheim mithilfe intellektuell beeinträchtigter Menschen aufzumöbeln. Und das ist ab Mittwoch bei Vox und RTL+ wie immer im Privatfernsehen emotional unangenehm manipulativ, aber ziemlich anrührend – und vielleicht ja wirklich wegweisend.



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