Disneys KI & Primes Sophie

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Dezember

Es ist unserer umwerfenden Zeit nicht so leicht zu sagen, welche Medienentwicklung nur disruptiv ist oder schon destruktiv. Dass nach Netflix zuletzt auch Paramount Skydance in den Bieterstreit um Warner eingestiegen ist, lag noch irgendwo in der Mitte. Doch wenn David Ellison mit sagenhaften 108 Milliarden Dollar den gesamten Entertainment-Konzern inklusive CNN erwirbt, wäre das für die Branche, mehr aber noch die Demokratie zwar unfassbar einsturzgefährdend. Momentan deutet sich aber ein Zuschlag für Netflix an.

Anders sieht es bei einer Kooperation der günstigeren, aber wirkmächtigeren Art: Für den vergleichsweise bescheidenen Betrag von einer Milliarde Dollar sichert sich Disney weitere Anteile von OpenAI und vertieft dadurch auch die Nutzung von ChatGPT für eigene Inhalte. So unvollkommen künstliche Intelligenz vorerst noch ist: für die Streaming- und Filmbranche ist der strukturierte Einsatz künstlicher Intelligenz geradezu ein Umsturzversuch mit Ansage.

Den nimmt parallel dazu auch Donald Trump vor, der die BBC wegen eines kleinen Schnittfehlers in seiner Dokumentation über den Sturm aufs Kapitol 2021 auf surreale zehn Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Nicht, dass er juristisch damit auch nur den Hauch eine Chance hätte; der kleptokratischer Nepotismus versetzt ihn allerdings in die Lage, jedes missliebige Medium pleite zu klagen. Und seit er mit dem britischen Sender erstmals die USA dafür verlassen hat, könnte es auch deutsche Verlagshäuser treffen.

Axel Springer allerdings nicht. Denn dort treibt der AfD-affine Trump/Musk/Thiel-Fan Döpfner seine reaktionären Blätter so weit nach rechts, dass mit Robin Alexander einer der letzten seriösen Journalisten die Welt verlässt. Burda Media hingegen schon eher, die der CEO Philipp Welte nach gut 30 Jahren 2026 nicht wie geplant in den Aufsichtsrat, sondern ganz verlässt. Bei seiner Ankündigung gab es Tränen im Kollegium. Ob man die auch dem ESC nachweinen sollte, ist ebenso Ansichts- und Geschmackssache wie das frisch verhängte Social-Media-Verbot in Australien.

Dennoch macht die Boykottwelle gegen den Song Contest natürlich viele traurig. Aus Protest gegen die Teilnahme Israels bleiben ihm mit Spanien, Slowenien, Irland, Island und den Niederlanden schließlich (vorerst) fünf Länder fern. Dass sie die Beteiligung rechtsextremer Diktaturen in spe wie Ungarn oder Serbien von einer Reise nach Wien abgehalten hätte, nicht überliefert.

Die Frischwoche

22. – 28. Dezember

Kommen wir zu etwas konsistenterem: Dem Streaming-Angebot der Woche. Gestern hat sich ja bereits Denis Moschitto in die Riege all jener, ach was: annähernd aller Schauspielerinnen und Schauspieler eingereiht, die im Tatort mitwirken. Bei Sky/Wow ging gestern auch die relativ werkgetreue Serienversion von Milos Formans Amadeus mit dem White-Lotus-Star Will Sharpe in der Titelrolle online, nachdem Prime Video am Mittwoch bereits Fallout fortgesetzt hat und bei Arte die elegische Biopic-Serie Being Karen Blixen startete.

Zum Start der Weihnachtstage dann macht die ARD-Mediathek den real existierenden Öl-Boom in der Lüneburger Heide vor 125 Jahren zu einer Historytainment-Serie. Trotz Starbesetzung mit Harriet Herbig Matten und Jessica Schwarz als Entrechtete im Kampf gegen Tom Wlaschiha und Henny Reents als Privilegierte allerdings überzeugt Schwarzes Gold nur optisch. Inhaltlich sind die sechsmal 45 Minuten ziemlich berechenbar melodramatischer Gefühlsquark.

Ein wenig besser, wenn auch nicht perfekt, macht es die Prime mit dem Prequel zur Silvester-Legende Dinner for One. Ab heute erzählen Tommy Wosch und Dominik, wie Miss Sophie (Alicia von Rittberg) ihr Schloss nach dem 1. Weltkrieg mithilfe einer lukrativen Heirat vorm Gläubiger retten will. Wenn Moritz Bleibtreu, Jacob Matschenz, Frederick Lau und Christoph Schechinger als Mr. Pommeroy, Sir Toby, Mr. Winterbottom und Admiral von Schneider einen Wettstreit um die Adelige veranstalten, ist die Idee allerdings bisweilen witziger als ihre Umsetzung.

Dennoch hat der Sechsteiler mehr heitere als peinliche Momente und bietet mit Kostja Ullmann als Love Interst James Fortsetzungspotenzial. Das dürfte mit Staffel 4 der Ku’damm-Saga im Jahr 1977 ab Samstag schon deshalb endgültig ausgereizt sein, weil sich die Berliner Tanzschul-Sippe echt nicht noch älter schminken lässt. Parallel dazu läuft mit Bis in die Seele ist mir kalt der nächste Heimatkrimi aus Österreich im ZDF – einer Filmreihe, die ungleich besser ist als ihr dämlicher Titel.


30 Jahre Harald Schmidt Show

Zwischen Hildebrandt und Mario Barth

Vor ziemlich genau 30 Jahren lief bei Sat1 die erste Harald Schmidt Show. (Foto: Sat1) Nach ein paar Pleiten mit Gottschalk und anderen, war die erste echte Late Nite ein absoluter Wendepunkt in der deutschen Fernsehunterhaltung. Zum Guten wie zum Schlechten.

Von Jan Freitag

Das Feuilleton, dieses hochkulturelle Scherbengericht der Mediendemokratie, ist traditionell nicht allzu gut aufs Privatfernsehen zu sprechen. Bevor unterhaltsame Moderatoren wie Joko und Klaas sogar fürs öffentlich-rechtliche Wettsofa in Frage kamen, gehörte es daher zum guten Ton angesehener Kulturressorts, über Kommerzkanäle wie ProSieben bestenfalls die Nase zu rümpfen. Normalerweise jedoch herrschte ein Tonfall kultivierter Verachtung. Bis zum 5. Dezember 1995.

Damals betrat einer der Ihren die Bühne des – vergleichsweise seriösen – „Kanzlersenders“ Sat1 und wagte den dritten Versuch, amerikanische Late Night Shows einzudeutschen. Die RTL-Herren Gottschalk und Koschwitz, beide wie in Dax-Vorständen üblich Thomas mit Vornamen, waren daran zwar gescheitert. Ein katholisches Kind sudetendeutscher Schwaben aber brachte neben seiner öffentlich-rechtlichen Erfahrung in der WDR-Comedy „Schmidteinander“ noch etwas anderes, weitaus wohler gelittenes mit: sein Bildungsbürgertum.

Als Harald Schmidt vor 30 Jahren erstmals die selbstbetitelte Show moderierte, war das Feuilleton folglich nur kurz geschockt. Anders als seine US-Vorbilder wie Jay Leno begann er die Premiere mit einer losen Folge billiger Zoten. Viele davon übers Liebesleben des virilen Fußballers Lothar Matthäus. Der saftelnde Sound (gern zulasten marginalisierter Gruppen) sollte allerdings nicht nur sein Debüt prägen; er blieb das Markenzeichen von „Dirty Harry“, wie Harald Schmidt bald darauf gern genannt wurde.

„Witzeln, nicht Witz, Tusch statt Pointe“, klagte der jetzige Zeit-Herausgeber Josef Joffe seinerzeit in der Süddeutschen Zeitung über die „misslungene Letterman-Kopie“, wie das Sonntagsblatt sekundierte. Darüber hätte Programmchef Fred Kogel nur milde gelächelt – wären die Einschaltquoten, damals wie heute Goldstandard des dualen Systems, besser gewesen. Anfangs bei fast zwei Millionen Zuschauern, sanken sie bald auf sechsstelliges Niveau und verharrten dort.

Offenbar wirkte das deutsche Publikum nicht reif fürs formatierte Late-Night-Besteck aus Stand-up, Sketchen, Talkshow. Vielleicht sahen es viele als unverfroren an, ein zugeschaltetes Interview von Thomas Gottschalk mit dem neuen 007 Pierce Brosnan brachial abzuwürgen. Vielleicht war ihnen Helmut Zerletts peitschende Studioband zu amerikanisch. Vielleicht fanden sie Blondinenwitze à la „Hausfrauenkongress Madrid. Programmpunkte sind: autogenes Training gegen Kalkpanik, Rückwärtseinparken und – seit Monaten ausgebucht – Was ist Abseits?“ auch einfach nicht witzig.

Tatsache ist: Schmidts „sexuelle, aggressive, tendenziöse Komik gegen Frauen, Polen, Ostdeutsche“, die der Münchner Mediensoziologin Karin Knop auf den Keks ging, lief monatelang unter der Aufmerksamkeitsschwelle. Wer sich schon damals auf die breiten Schenkel klopfte, sah zwar womöglich auch wohlwollend über Gottschalks Knie-Fummeleien hinweg und hielt „Tutti Frutti“ für gute Unterhaltung. Aber es waren halt schlicht zu wenige. Bis das Feuilleton einsprang.

Für seine Jubiläumssendung vom 5. Dezember 1996 nämlich wurde Harald Schmidts Show vom Grimme-Institut gewürdigt. Und weil ihm fortan reihenweise Fernsehpreise zuteilwurden, begann die Hochkultur der Tiefkultur zu huldigen. Popliterat Rainald Goetz verglich den gelernten Kirchenmusiker sogar mit Adorno. Und dass er Bochums Sinfonieorchester im Studio begrüßte, Prince am Mikro oder den Ruhepol Manuel Andrack als Sidekick, ließ selbst sittenstrenge Kritiker die heitere Niedertracht dahinter tolerieren.

Misogynie und Rassismus, „Die dicken Kinder von Landau“ und Mohrenköpfe, Ossi-Bashing, Bodyshaming und das volle Programm kultureller Aneignung: Schmidts politisch unkorrekter Provokationshumor machte ihn zu einer Art distinguierter Maßanzugausgabe des Rammstein-Frontschweins Till Lindemann ohne Groupies unter und Pimmel auf der brennenden Bühne. Doch obwohl er – abgesehen von Juden – auf alle(s) und jede(n) abwärts der eigenen Komfortzone eintrat, mündete Schmidts Kloake mit dem Wechsel zur ARD 2004 endgültig im bürgerlichen Mainstream. Nur leider nicht rückstandslos.

Zu einer Zeit nämlich, als Emanzipationsbewegungen im rot-grünen Fahrwasser erstmals seit Willy Brandt die Deutungshoheit über die Profiteure soziokultureller Privilegien erlangten, galt seine Impertinenz als Akt der Befreiung gegen vieles, das heute unter „woke“ firmiert. Bei Harald Schmidt lachte sich die Mehrheitsgesellschaft ihre Minderheitenverachtung schön und kaschierte es mit einem „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“, die jede Kritik daran als „Man-darf-ja-gar-nichts-mehr-sagen“ abbügelt.

Nur weil der WDR vor Passagen alter Schmidteinander-Folgen warnt, die „heute als diskriminierend“ gelten, ist deren Urheber natürlich kein Nazi – da kann er sich noch so fröhlich beim Sektempfang mit Rechtsaußen wie Hans-Georg Maaßen anstoßen. Sein kalkulierter Slalom durch Hochkultur und Tabubruch, Dieter Hildebrandt und Mario Barth, Jungliberale und CSU-Stammtisch sprengt allerdings bis heute Grenzen des Sagbaren. Das gefällt Björn Höcke wohl besser als Klaas Heufer-Umlauf, Ralf Husmann oder Ralf Kabelka, die seinerzeit an Schmidts Humor gefeilt haben.

Der war übrigens oft ebenso gut wie seine Talkshow-Gespräche. Harald Schmidt hat nachweislich frischen Wind durch die verstaubte Nachkriegsunterhaltung geblasen. Nur dass man sich daran dank seiner Polarisierung kaum noch erinnert. „Im deutschen Fernsehen muss man entweder kochen, singen oder im Dschungel verrotten“, sagte er nach dem Aus seiner Show bei Sky vor elf Jahren und fügte hinzu: „Ich habe mich für den Ruhestand entschieden.“ Möge er ihn auch künftig in der Freiheit genießen, alles sagen zu dürfen, was ihm beliebt.

Leck-mich-Faktor auf XXL-Format

Mit seiner Late Night Show wurde Harald Schmidt vor 30 Jahren zum Posterboy tabufreier Unterhaltung. Hat er damit womöglich den Rechtsruck befördert? Ein würdigender Denkanstoß.

Von Jan Freitag

Es war ein, nun ja – nicht gerade ein Erdbeben, aber doch schon ganz schön erschütternd, was am 5. Dezember 1995 auf dem ehedem (Ältere erinnern sich dunkel) sehr relevanten Privatsender Sat.1 geschah. Ein graumelierter Mann mit viel zu weitem Jackett über viel zu gemusterter Krawatte betrat da ein typisches Neunzigerjahre-Studio und begrüßte sein Publikum mit „mein Name ist überraschenderweise Harald Schmidt“. Die zugehörige Show trug zwar nicht als erste den Namen des viel zu lauten Moderators. Danach aber war das Unterhaltungsland der Gottschalks, Elstners, Kulenkampffs ein anderes. Was angesichts anderer Umwälzungen jener dualen Fernsehtage schon einiges heißt.

Vor exakt 30 Jahren war es schließlich bereits gehörig in Unordnung geraten. Die werbefinanzierten TV-Frischlinge um RTL herum hatten das Revier öffentlich-rechtlicher Platzhirsche mit Heißem Stuhl, Daily-Talks und „Tutti Frutti“ bereits rücksichtslos untergraben – da schoss ihnen der schwäbische Kirchenmusiker nach Schmidteinander und Pssst… die nächste Ladung despektierlichen Schrots in das öffentlich-rechtliche Gewissen. „Sie hat mich reingelegt: Väter wider Willen“, zitierte er zum Auftakt der bis heute wirkmächtigsten Late Night Show die aktuelle Nachmittagserniedrigung seines angeblichen Vorbilds Hans Meiser.

Es folgte der erste von gefühlt 1800 Zoten aus dem Liebesleben von Lothar Matthäus, die auch in gut 1800 Folgen danach das Durchschnittsniveau der Harald Schmidt Show mitgeprägt haben: die heitere Verachtung gesellschaftlich marginalisierter Gruppen ohne Gift und Galle sexistischer Rassisten oder umgekehrt. Denn anders als so viele Brachial-Entertainer ihrer Zeit, wurde der Sohn streng katholischer Sudeten nicht nur ins Neu-Ulmer Herz der nivellierten Wirtschaftswunderrepublik hinein geboren. Fast 40 Jahre später hob er sie mit bildungsbürgerlichem Gestus aus den Angeln.

 

Wenn Männer schwanger werden können, heißt das dann umgekehrt, Frauen können in Zukunft auch Auto fahren?

Im US-erprobten Ablauf von Stand-up, Live-Musik, Schlagzeilenanalyse und Einzeltalk jonglierte „Dirty Harry“ virtuos zwischen „Hochkultur und Stammtisch-Zote, Falschwitz und tiefgründigem Gespräch“, wie es die Medienpädagogin Barbara Hornberger in ihrem Essay „Harald Schmidt als Meister der Distanz“ mal beschrieb. Im Gegensatz zu David Letterman oder Jay Leno trat er allerdings dorthin, wo es seine Vorbilder kaum je taten: nach unten. Und dafür muss man noch nicht mal „Die dicken Kinder von Landau“ bemühen. Es reicht ein Blick nahezu in jede seiner – zumindest frühen – Shows.

Trotz (oder wegen?) verheerender Quoten im sechsstelligen Bereich ließ ihn Sat1 ein Jahr lang Ausländerwitz an Blondinenwitz an Ossiwitz an Unterschichtenwitz reihen. Mit seiner „tendenziösen Komik“ der „kalkulierten Grenzüberschreitung“, meint Barbara Hornberger, habe er „bewusst die Grenzen und Tabus“ übertreten und sich damit „einerseits Aufmerksamkeit, andererseits öffentliche Empörung“ verdient. Dass auch die Stars und Sternchen auf seinem Sessel vor Schmidts Respektlosigkeiten nicht verschont blieben, führte zwar zu ungeheuer originellen Interviews. Es änderte aber wenig am Kernproblem der Harald Schmidt Show: Sie wurde zum Hochamt des gediegenen „Das-wird-man-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen“.

In Polen gibt es jetzt auch Viagra. Viele Polen nehmen es gar nicht selbst, weil – sie haben in der Hose kein Platz für noch ‘ne zweite Brechstange.

Parallel zur Popularisierung der Volksmusik durch Superhits von Herzilein bis Holzmichl und dem Aufstieg misogyner Stand-up-Patriarchen wie Mario Barth oder Atze Schröder, half Harald Schmidt dem grassierenden Populismus damit zumindest auf die Sprünge. Den Operetten-Fan mit „Traumschiff“-Kabine deshalb ins recht(sradikal)e Eck zu stellen, wäre trotz anhaltender Attacken auf Genderwahn, Sprachpolizei und Feminismus zwar überinterpretiert. Nur weil Harald Schmidt beim Sektempfang der nationallibertären Schweizer Weltwoche mit Hans-Georg Maaßen und Matthias Matussek plaudert, ist er noch lange kein Steigbügelhalter selbsterklärter Alternativen für Deutschland.

Doch ohne die intellektuell verbrämte Banalisierung diskriminierender Witze über alles, was Alice Weidels Weltbild widerstrebt, hätte sie es womöglich nicht so weit ins Rampenlicht der Demokratie geschafft. Dass Harald Schmidt seine Show – die er als einer der ersten Entertainer mit seiner Produktionsfirma Bonito auch eigenhändig herstellte – spätestens seit ihrem Wechsel zur ARD 2004 sprachlich abgerüstet hat, ändert wenig an dieser beiläufigen Ursünde des kommerziellen Unterhaltungsprogramms.

Zumal er bis heute wenig bis gar keinen Hang zur Selbstreflexion zeigt. Im Gegenteil. „Keinen einzigen“, antwortet er zackig, als ihn das österreichische Magazin profil vor drei Jahren nach Witzen fragt, die er bereue. Damit stimmt der 68-Jährige in den Chor seiner Generation um Hallervorden, Gottschalk, Dieter Nuhr ein, die sich in Ermangelung jedes Privilegien-Bewusstseins als Verfolgte einer feindlich gesinnten, linksliberalen, woken Moderne betrachten.

Zirkus Krone hat ein Solarium für Pferde. Man hat nämlich festgestellt, dass Pferde gesünder sind, wenn sie regelmäßig unter dem Solarium stehen. Es ist also bei ‘Krone’ wie im ganz normalen Sonnenstudio – alles voller Araber.

Das ist auch deshalb schade, weil die Harald Schmidt Show immer dann herausragend unterhielt, wenn ihr Host Zynismus kurz mal durch Ironie ersetzt und damit Entertainment auf Augenhöhe geboten hat. Das zeigte er schon bei der Premiere anno 1995, als er ein inhaltsleeres Interview des zugeschalteten Thomas Gottschalk mit dem Bond-Darsteller Pierce Brosnan geringschätzig, aber völlig zu Recht abwürgte. Perfekt auf den Punkt brachte er es dann allerdings knapp 13 Jahre später. Damals machte er seinen Sidekick Oliver Pocher dafür öffentlich rund, dass „so’ne kleine miese Type“ wie üblich nach unten trat, im Mega-Ego der Rapperin Lady Bitch Ray aber die Falsche traf.

Ob sein Chef mit diesem Affront vor laufender Kamera am Ende ein Stück weit auch sich selber meinte, sei mal dahingestellt. Es deutet aber an, was Harald Schmidt nicht zum ersten, aber besten Late-Night-Talker im Land der Primetime-Plauderer machte: die elaborierte Regelverachtung. Oder wie er es im profil-Interview ausdrückt: „Leck-mich-Faktor auf XXL-Format“. Hätte er dieses Talent nicht nur zur passiv-aggressiven Selbstbeweihräucherung genutzt: hier stünde jetzt ein anerkennender Nachruf auf eine der einflussreichsten Fernsehsendungen der linearen Epoche.

Schließlich haben sich all seine Epigonen von Anke Engelke über Kurt Krömer bis Edin Hasanovic vergeblich am Monolith des geselligen Grenzübertritts abgearbeitet, aber niemals seine Leichtigkeit erreicht. So aber warnt der WDR irgendwie stellvertretend für alle anderen Formate von und mit Harald Schmidt unter archivierten Schmidteinander-Ausgaben, sie enthielten „Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“ Kleiner Hinweis noch nach Köln: das wurden sie damals auch. Es war Harald Schmidt bloß bestenfalls egal.


Being Jérôme Boateng

Bolzplatz, Bayern, Boulevard

Jérôme Boateng war (Foto: ARD) schon vieles: Aufsteiger, Fußballstar, Stilikone, Rassismusopfer, Integrationsfigur, Frauenschläger, Straftäter. Eine ARD-Doku versucht gerade all seinen Persönlichkeiten gerecht zu werden. Besonders seine Gewalt gegen Frauen bleibt seltsam unterbelichtet. Auch deshalb distanzieren sich mittlerweile mehrere Gesprächspartner:innen von der Doku.

Von Jan Freitag

Wandlungsfähigkeit ist in der digitalen Unterhaltungsökonomie von unschätzbarem Wert. Seriencharaktere zum Beispiel, die sich von der ersten bis zur letzten Episode nicht verändern? Langweilig! Und warum bitte ist ein vielfach gefallener, aber ebenso oft aufgestandener Tennisstar aus Leimen fast drei Jahrzehnte nach seiner siegreichen Ära noch immer ständig in aller Munde? Weil er für großes Entertainment steht! Da lohnt sich ein Blick auf Boris Beckers lange Zeit schillerndsten Rampenlichtkollegen doch umso mehr.

Von Wilmersdorf zum Wedding, vom Bolzplatz zum Bayernstar, vom Weltmeister zum Trendsetter, vom Rassismusopfer zum Gewalttäter, vom Parvenü zum Paria – alles in einem Bruchteil jener Zeit, die unser Bobele bereits in der Achterbahn des hiesigen Boulevards sitzt: Jérôme Boateng. Landauf, stadtab sorgt allein sein Name fast sieben Jahre seit seinem letzten Länderspiel noch verlässlich für Schnappatmung. Man könnte also fragen, ob es nach all dem Klatsch & Tratsch, nach Biografien, Podcasts plus Abertausend Schlagzeilen eines weiteren Porträts bedarf. Anna Grün und Ulrike Schwerdtner meinen: Ja.

Denn weil sich im Porträtierten „gesellschaftliche Erwartungen und mediale Dynamiken“ spiegeln, wollte das Produzentinnen-Duo „diese komplexe Biografie erzählen“. Und dafür hat es nicht nur die versierte Co-Regisseurin Annette Baumeister gewonnen, sondern fast wichtiger noch: den Porträtierten selbst, der buchstäblich aus erster Hand erzählt, wie es ist, er selbst zu sein. Oder wie man neudeutsch titelt: Being Jérôme Boateng.“ Unter diesem Label hat die ARD schon ähnlich polarisierende Topsportler porträtiert. Jan Ulrich, zuletzt Franziska van Almsick, demnächst Katharina Witt.

Mit der genretypischen Chronologie von Aufstieg über Ankunft bis Abstieg, zeigt auch Annette Baumeisters Starschnitt, wie die aufmerksamkeitsindustrielle Revolution ihre Kinder erst zeugt, dann frisst und gegebenenfalls wiederkäut. In dieser Metrik begleiten wir Jérôme Boatengs steilen Weg über drei vierzigminütige Folgen vom fußballbegabten Scheidungskind im Berliner Problemkiez auf den Olymp seiner Sportart und, nun ja, zumindest ein Stück weit wieder herab, seit er gleich mehrfach für Gewaltdelikte gegen die Frauen an seiner Seite angeklagt worden war.

Zu Wort kommt dabei das branchenübliche Ensemble aus professioneller Beteiligung, Bewertung, Beobachtung. Freunde und Kollegen, Streetworker und Journalisten, Anwälte und Influencerinnen. Dazu Papa Prince, der unerlässliche Bild-Reporter und Prominente Marke Lukas Podolski, Horst Hrubesch, Marcel Reif. Im Wechsel mit der Titelfigur persönlich vertonen sie eine Mischung aus Milieu-, Gesellschafts- und Charakterstudie, die den Werdegang des kleinen Jérôme zum großen Boateng wirklich erlebbar machen.

Alles exzellent recherchiert, alles originell konstruiert, alles auch von der Titelfigur in respektabler Selbstreflexion kommentiert. Alles gut also? Beinahe. Was der Serie zur journalistischen Vollkommenheit fehlt, ist nämlich die dringend nötige Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext unserer postpostheroischen Epoche. Jérôme Boateng steht ja nicht nur für den nimmermüden Krach digitaler Erregungs- und Echoräume. Zugleich verkörpert er den reaktionären Backlash dessen, was man mal etwas altbacken das Patriarchat nannte.

Es ist zwar richtig, die öffentliche Figur nicht auf seine justiziablen Straftatbestände zu reduzieren. Jérôme Boateng war schließlich einer der besten Fußballer, die jemals für Bayern oder Deutschland, gespielt haben und auch als Integrationsfigur ungeheuer wichtig. Die richtungsweisende Sequenz der Serie folgt allerdings erst im dritten Teil und wird auf ganzen 40 Sekunden abgehandelt: Ein Post, in dem der verurteilte Gewalttäter Jérôme Boateng mit Till Lindemann die #MeToo-Bewegung feixend als Geschäftsmodell zu Lasten Unschuldiger wie, genau: Jérôme Boateng und Till Lindemann verunglimpft.

Schien es vor der Pandemie kurz so, als hätten die Emanzipationsbewegungen männliches Machtgebaren endgültig als Hauptursache weiblichen Leids in seine Schranken verwiesen, schlägt das misogyne Imperium längst zurück. Zuletzt mit Thomas Gottschalk als frauenverachtender Bambi-Laudator. Da hätte es der ARD weit besser zu Gesicht gestanden, Jérôme Boateng ein wenig härter anzupacken. Stattdessen aber machen seine Weggefährten regelmäßig die prekären Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist, für spätere Handlungen haftbar. Besonders Cathy Hummels nimmt den Teamkameraden ihres Ex-Mannes Mats irritierend oft dafür in Schutz, wie Geld und Ruhm im Milliardengeschäft Fußball „optikorientierten“ Jungs halt zu Kopf steigen, wenn sie plötzlich von bildschönen Girls umschwärmt werden.

Damit ist sie nur einen Schritt von der reaktionären Schutzbehauptung entfernt, weibliches Verhalten sei für männliche Gewalt irgendwie mitverantwortlich. Hätt’se mal keinen Minirock getragen… Wenn die ARD für Jérôme Boatengs Gewaltbiografie ganze zehn Minuten aufwendet und der Beklagte nach dem Suizid seiner öffentlich diskreditierten Exfreundin Kasia Lenhardt auch noch seinerseits beklagen darf, man habe ihm „das Recht zu trauern“ abgesprochen, öffnet die Doku jedenfalls erstaunlich viel Interpretationsspielraum zu Lasten der Objekte seines problematischen Verhaltens. Nicht umsonst haben sich mittlerweile gleich mehrere Talking Heads von der Serie distanziert. Alexander Stevens, das juristische Feigenblatt dieser Doku, wirft den Macherinnen vor, sie hätte “geschätzt 95 Prozent meines Interviews schlicht rausgeschnitten” und “drei kurze Statements, die völlig aus dem Kontext gerissen und zum Teil in neue Zusammenhänge hineinkopiert wurden” übrig gelassen. Alles im Dienste von Boatengs Exkulpation.

Dabei ist häusliche Gewalt weder „Rangelei“ noch Bestandteil einer „toxischen Beziehungen“ oder „Schlammschlacht“, wie es im Lauf mehrerer Prozesse mitunter hieß. Sie steht für eine Form nahezu ausnahmslos männlicher Aggressivität, die in letzter Konsequenz durchschnittlich einen Femizid pro Tag zur Folge hat. Was bei Boatengs daheim tatsächlich geschehen ist, da haben selbst verständnisvolle Zeitzeugen Recht, lässt sich seit dem Tod der Beteiligten nie mehr nachvollziehen.

Aber dass jemandem mit einer Prozessakte, die sogar noch größer ist als seine Vorbildfunktion als Fußballer und Stilikone, womöglich mehr alte Chancen verwirkt hat als neue verdient – dazu dürfte die Doku bei aller Objektivität gern klarer Stellung beziehen. Durch Interviews mit Frauenhaus-Betreuerinnen zum Beispiel oder Gewaltopfern, die weniger Durchsetzungskraft haben als alle Influencerinnen in Boatengs Schlafzimmern. Zumal auch dieser verhaltensauffällige A-Promi ebenso butterweich hochfallen dürfte wie Thomas Gottschalk, Didi Hallervorden oder Till Lindemann. In einer Doku über die Terroranschläge vom 13. Dezember 2015 saß er unlängst schon wieder als normaler Zeitzeuge vor der Sky-Kamera. Als wäre Jérôme Boateng einfach nur ein Fußballer von früher.


Gottschalks Abschied & Schneegespür

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Dezember

Die gute Nachricht einer Woche voller nicht ganz so guter Nachrichten: Thomas Gottschalk ist weg. Mit der letzten RTL-Ausgabe von Denn sie wissen nicht, was passiert hat der peinliche Onkel das Familienfest Samstagabendshow – parallel zur nächsten, als Herz für Kinder, getarnten, ZDF-Dauerwerbesendung für die rechtspopulistische Bild – verlassen. Bleibt nur zu hoffen, dass ihr Posterboy auch abseits der Bühne die Klappe hält und sich dabei von seiner Krebserkrankung erholt. Vielleicht erinnert man sich seiner dann ja doch noch als Entertainer, der das Medium vorm geriatrischen Rechtsruck wirklich bereichert hatte.

Aus Zeiten übrigens, in denen fast niemand den Rundfunkbeitrag kritisierte. Das hat sich allerdings so massiv geändert, dass die KEF dessen Erhöhung wider jede Vernunft niedriger ansetzt als dringend nötig, um den ÖRR als pluralistisches Gegengewicht gegen demokratiefeindliche Medien zu erhalten. Wozu das führen kann, erlebt man – wo sonst – gerade in den USA. Dort hat Donald Trump einen Pranger eingeführt, an den er vermeintlich unseriöse Medien und ihre Journalist:innen stellt – allesamt wenig überraschend solche, die ihn kritisieren.

Die öffentliche Anklagebank steht aber auch hierzulande längst sehr solide, wie ein absurder Vorwurf gegen Sophie von der Tann plus anschließendem Shitstorm zeigt. Weil sich die deutsche ARD-Korrespondentin erdreistet, Netanjahus Krieg im Gazastreifen differenzierter zu sehen, wurde sie vor der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises als Antisemitin beschimpft. Es ist soo ermüdend, in der aktuellen Medienhysterie objektiv zu bleiben…

Da lobt man sich doch die Nüchternheit, mit der Tanns Kollegen vom heute-journal bis Sport1 Gianni Infantinos 87-minütige Propaganda-Parade zu Trumps Ehren begleitet, bevor dann doch noch WM-Gruppen ausgelost wurden. Ebenso lobenswert geriet die TeleVisionale nach ihrem Umzug aus Baden-Baden nach Weimar. Als beste Serie wurde Lamin Leroy Gibbas queer-migrantisches (Selbst)Porträt Schwarze Früchte ausgezeichnet und die Filmtrophäe gewann das Pädophilie-Drama No Dogs Allowed.

Weil der 3sat-Publikumspreis obendrein ans hinreißende Abschiedslied Sterben für Beginner ging, der MDM-Debütpreis an Chabos und der Studierendenpreis an Uncivilized, haben die Jurys vor allem das öffentlich-rechtliche Spektrum deutscher Fiktionen prämiert. Ob sie damit gegen internationale Streamer wie Netflix bestehen, der sich mal eben für 72 Millionen Dollar mal eben Warner einverleibt hat, bleibt dennoch mehr als fraglich.

Die Frischwoche

8. – 14. Dezember

Welche Investitionen der Marktführer mittlerweile tätigen kann, zeigt ja nicht zuletzt Noah Baumbachs Meisterstück mit George Clooney als eigenes Alter Ego Jay Kelly auf Erkenntnistrip nach Italien. Ohne Übertreibung dürfte der Vorspann dieses großartigen Melodrams mit dem überraschend fantastischen Adam Sandler mehr kosten als die gesamte Fortsetzung der ARD-Serie Asbest, während fünf Minuten des siebenteiligen Netflix-Westerns The Abandons teurer sind als komplette Komödien wie Bjarne Mädels Prange im Ersten.

Und das will schon deshalb was heißen, weil die starbesetzte Story um ein paar widerständige Frauen in den USA der 1850er Jahre von Kritik und Publikum förmlich zerfetzt werden. Das immerhin droht der zweiten Kino-Kurzauswertung bei Netflix ab heute nicht. Wake Up Dead Man, Daniel Craigs dritter Einsatz als moderner Hercule-Poirot-Verschnitt Benoit Blanc Detektiv, ist ein grandioses Krimi-Kammerspiel, dem man die Multi-Millionen-Investition schon in der Ausstattung ansieht. Deutlich günstiger dürfte die deutsch-dänische Drama-Serie Smillas Gespür für Schnee sein, der Magenta das altbackene Fräulein abgenommen und durch eine Überdosis mystischer Melodramatik ersetzt hat.

Deutlich weltlicher gerät hingegen das sechsteilige Frauenfreundschaftsporträt Little Disasters mit Diana Krueger, ab Donnerstag bei Paramount+. Ebenfalls mit vier Frauen in zentraler Rolle brilliert das ZDF-Spektakel Danke für nichts, ab Freitag in der ZDF-Mediathek, wo parallel auch die finnische Gangsterinnen-Serie Queen of Fucking Everything startet. Und zeitgleich ebenso weiblich dominiert: Die ARD-Serie Mozart/Mozart mit Havanna Joy als Wolferls Schwester ohne Anspruch auf historische Authentizität, aber wirklich äußerst unterhaltsam.


ZDFneo: House of Bellevue

Kurzweilige Selbstermächtigung

Die sechsteilige ZDF-Serie House of Bellevue (Foto: Daniel Lwowski/ZDF) macht nicht nur Berlins queer-migrantische Ballroom-Tanzszene sichtbar. Sie gibt den Figuren darin auch vielschichtige Gesichter jenseits ihrer intersektionalen Diversität. Das ist zwar manchmal stereotyp, aber ungeheuer empowernd. Und hat gestern völlig zu Recht den Serienpreis der TeleVisionale in Weimar gewonnen.

Von Jan Freitag

Voguing, progressive Wirtschaftswunderkinder West erinnern sich womöglich dunkel, war ein expressiver Tanz der Siebzigerjahre. Damals trat New Yorks queere Community aus ihrer gesellschaftlichen Nische ins Rampenlicht tagheller Diskotheken und verschwand ebenso wenig von dort wie Drogenkonsum, Diversität oder elektronische Beats. Drei, vier Befreiungsbewegungen später könnte man also meinen, weil die Emanzipation seither auch hierzulande schier unaufhörlich vorangeschritten ist, wäre Voguing kaum noch der Rede, geschweige denn Fernsehserien wert. Ein schöner Traum. Und ein trügerischer.

Das Rampenlicht der Siebzigerjahre leuchtet nämlich noch immer eher jenseits des heteronormativen Mainstreams. 2025 gönnt sich zwar jeder Vorabendkrimi ein paar schwule Randfiguren und mitunter gar Hauptkommissare. Halbwegs authentische Subkulturen aber schaffen es normalerweise nur als Dekorationen oder Opfer und Täter ins Drehbuch. „Ballrooms“ genannte Sammlungen verschiedenster Performances, bei denen sich marginalisierte, meist migrationshintergründige Gruppen wie vor 50 Jahren im Big Apple bei Battles von Fashion über Beauty bis Tanz miteinander messen, gibt es daher höchstens mal im Spartenprogramm von Arte.

Mit der ZDF-Serie House of Bellevue arbeiten sie sich jetzt allerdings ins Unterhaltungsprogramm des ZDF vor. Zunächst zwar nur in der Mediathek zuzüglich nächtlicher Neo-Ausstrahlung drei Tage drauf. Aber immerhin – es ist Teil des öffentlich-rechtlichen Angebots an alle. Rein inhaltlich zieht der Schwarze Emm (Ricco-Jarret Boateng) darin vom ereignisarmen Lausitzer Provinznest Spremberg ins pulsierende Berlin, um Vogue-Performer zu werden. Sein erster Versuch auf dem Laufsteg endet ähnlich enttäuschend wie der Einzug in ein überteuertes, abweisendes, dunkles Plattenbau-Zimmer. Doch weil er bald darauf Gleichgesinnte trifft, geht es für ihn danach erstmal bergauf.

Die einflussreiche Ballroom-Organisatorin Lia (Nora Henes) fördert den bisexuellen Frischling in ihrer eigenen Tanzschule. Auch Mother Calista (Florence Kasumba), als offiziell amtierende Königin aller deutschen Vogue-Events geradezu anbetungswürdig, erkennt Emms Potenzial. Und der angehende Modedesigner Djamal (Abed Haddad) gewährt ihm Asyl in seiner bezahlbaren, einladenden, lichtdurchfluteten WG plus tiefe Freundschaft auf Augenhöhe. So tanzt sich der 19-Jährige rasch aufwärts in der Hierarchie dieser schillernd-schönen Party-Blase. Und das ist für sich genommen schon sehr amüsant.

Der Writers Room von Kai S. Pieck zeichnet den Berliner Ballroom schließlich als bodypositive Version von Heidi Klums Supermodel-Zucht bei ProSieben, spart trotz aller Diversität aber nicht an deren Eifersucht, Drama und Zickenkrieg. Weil selbst Tanzfilme von Flashdance bis Dirty Dancing nicht ohne Handlung auskommen, war der Hauptautor obendrein gut beraten, seinen Co-Regisseuren Gabriel B. Arrahnio und Toby Chlosta mehr als dufte Musik mit an den Set zu geben. In House of Bellevue geht es daher mindestens nebenbei auch noch um Spielarten intersektionaler, also mehrfacher Diskriminierung, denen die Charaktere hier ausgesetzt sind.

Zumal einer der Stoffentwickler dieser deutschen Pose-Variante (bis zu seinem Ausstieg) Lamin Leroy Gibba war, der mit Schwarze Früchte Ende 2024 mindestens 99 Thesen entwaffnend ehrlichen Empowerments ans staubige ARD-Kirchenportal genagelt hatte. Sein anfänglicher Einfluss hat der Serie womöglich den Philorassismus ausgetrieben – jene wohlmeinende, aber leicht ölige Schonhaltung, mit der besagte Vorabendkrimis gelegentlich Vielfalt simulieren, statt abzubilden. Die queeren Zuwandererkinder dagegen dürfen unangenehm auffallen. Die Schwarze Lia zum Beispiel ist von ähnlichem Ehrgeiz zerfressen wie ihr afrodeutscher Vater, der sie gern in den Fußstapfen seiner eigenen Architektur-Karriere gesehen hätte.

Auch Emm sieht in Leas House of Bellevue eher Sprungbrett als Safespace, weshalb er selbst Freunden oder Verwandten ständig vor den Kopf stößt. Und die sexuelle Identität des irakischen Ballroom-Stars Mo (Kawian Paigal) ist ebenso dubios wie sein Umgang mit Rauschdrogen. Damit zeigt Producer David Ekow Herman, wie nah seine Crew dem Thema kommen wollte – und konnte. Selbst als Ballroom-Promoter aktiv, ging es ihm nach eigener Aussage schließlich um einen Raum für „respektvollen und offenen Austausch“, in dem „Individualität gefeiert und kollektive Kreativität gestärkt“ werde.

Ob es ein „tiefes Verständnis für Schwarze und Latinx-queere Kultur, Körperbewusstsein und Selbstinszenierung“ erzeugt, „das sich aufs Publikum überträgt“, bleibt allerdings abzuwarten. Weil das ZDF einerseits wie immer viel zu feige ist, so ein Format auch mal in der linearen Hauptsendezeit auszustrahlen, dürfte House of Bellevue ja vor allem für Gläubige predigen. Weil es (vermutlich mangels Budget) andererseits oft leicht schäbig ausgestattet wurde und dabei (wohl eher aus Bevormundungs- als Kostengründen) öfter das Drehbuchpapier raschelt, könnte es allerdings selbst in der eigenen Gemeinde auf Kritik stoßen.

Schließlich ist die Serie, der es abseits allen Entertainments auch um Beseitigung kulturkreisüblicher Klischees geht, manchmal ihrerseits stereotyp. Dass Emms gierige Vermieter im Märkischen Viertel zwei queerphobe Knalltüten wie aus dem AfD-Katalog sind, hätte sich Kai S. Piecks Team jedenfalls ebenso verkneifen dürfen, wie das wiederkehrende Starren auf Fotos oder Smartphones, um Emotionen zweidimensional zu machen. All das sind aber allenfalls handwerkliche Mängel.

Dazwischen und außerhalb verbirgt sich aber ein ersichtlich empathisches Bemühen um Ausgewogenheit mit Unterhaltungsanspruch, vor allem jedoch Haltung. Oder wer hat sich außerhalb der entsprechenden Community schon mal gefragt, wofür eigentlich der letzte Buchstabe im sprechenden Diversitätskürzel LGBTQIA+ steht? Hier gibt die scheinbar einsame DJ-Ikone TJ (Ilonka Petruschka) darüber angenehm unaufgeregt, vor allem aber ohne erhobenen Zeigefinger Auskunft.

Damit sorgt die Serie des jungen Berliner Produktionsunternehmens Don’t Panic Films im Kreis eines absolut typgerecht zusammengestellten Ensembles (Casting: Liza Stutzky und Jan Nwattu) für etwas, das selten ist im deutschen Regelprogramm: Diversität für alle Interessierten kurzweilig sichtbar zu machen. Und mal ehrlich: Eine Serie, die Alice Weidel nach Lage der Dinge hassen dürfte, kann nicht ganz schlecht sein.