Being Jérôme Boateng

Bolzplatz, Bayern, Boulevard

Jérôme Boateng war (Foto: ARD) schon vieles: Aufsteiger, Fußballstar, Stilikone, Rassismusopfer, Integrationsfigur, Frauenschläger, Straftäter. Eine ARD-Doku versucht gerade all seinen Persönlichkeiten gerecht zu werden. Besonders seine Gewalt gegen Frauen bleibt seltsam unterbelichtet. Auch deshalb distanzieren sich mittlerweile mehrere Gesprächspartner:innen von der Doku.

Von Jan Freitag

Wandlungsfähigkeit ist in der digitalen Unterhaltungsökonomie von unschätzbarem Wert. Seriencharaktere zum Beispiel, die sich von der ersten bis zur letzten Episode nicht verändern? Langweilig! Und warum bitte ist ein vielfach gefallener, aber ebenso oft aufgestandener Tennisstar aus Leimen fast drei Jahrzehnte nach seiner siegreichen Ära noch immer ständig in aller Munde? Weil er für großes Entertainment steht! Da lohnt sich ein Blick auf Boris Beckers lange Zeit schillerndsten Rampenlichtkollegen doch umso mehr.

Von Wilmersdorf zum Wedding, vom Bolzplatz zum Bayernstar, vom Weltmeister zum Trendsetter, vom Rassismusopfer zum Gewalttäter, vom Parvenü zum Paria – alles in einem Bruchteil jener Zeit, die unser Bobele bereits in der Achterbahn des hiesigen Boulevards sitzt: Jérôme Boateng. Landauf, stadtab sorgt allein sein Name fast sieben Jahre seit seinem letzten Länderspiel noch verlässlich für Schnappatmung. Man könnte also fragen, ob es nach all dem Klatsch & Tratsch, nach Biografien, Podcasts plus Abertausend Schlagzeilen eines weiteren Porträts bedarf. Anna Grün und Ulrike Schwerdtner meinen: Ja.

Denn weil sich im Porträtierten „gesellschaftliche Erwartungen und mediale Dynamiken“ spiegeln, wollte das Produzentinnen-Duo „diese komplexe Biografie erzählen“. Und dafür hat es nicht nur die versierte Co-Regisseurin Annette Baumeister gewonnen, sondern fast wichtiger noch: den Porträtierten selbst, der buchstäblich aus erster Hand erzählt, wie es ist, er selbst zu sein. Oder wie man neudeutsch titelt: Being Jérôme Boateng.“ Unter diesem Label hat die ARD schon ähnlich polarisierende Topsportler porträtiert. Jan Ulrich, zuletzt Franziska van Almsick, demnächst Katharina Witt.

Mit der genretypischen Chronologie von Aufstieg über Ankunft bis Abstieg, zeigt auch Annette Baumeisters Starschnitt, wie die aufmerksamkeitsindustrielle Revolution ihre Kinder erst zeugt, dann frisst und gegebenenfalls wiederkäut. In dieser Metrik begleiten wir Jérôme Boatengs steilen Weg über drei vierzigminütige Folgen vom fußballbegabten Scheidungskind im Berliner Problemkiez auf den Olymp seiner Sportart und, nun ja, zumindest ein Stück weit wieder herab, seit er gleich mehrfach für Gewaltdelikte gegen die Frauen an seiner Seite angeklagt worden war.

Zu Wort kommt dabei das branchenübliche Ensemble aus professioneller Beteiligung, Bewertung, Beobachtung. Freunde und Kollegen, Streetworker und Journalisten, Anwälte und Influencerinnen. Dazu Papa Prince, der unerlässliche Bild-Reporter und Prominente Marke Lukas Podolski, Horst Hrubesch, Marcel Reif. Im Wechsel mit der Titelfigur persönlich vertonen sie eine Mischung aus Milieu-, Gesellschafts- und Charakterstudie, die den Werdegang des kleinen Jérôme zum großen Boateng wirklich erlebbar machen.

Alles exzellent recherchiert, alles originell konstruiert, alles auch von der Titelfigur in respektabler Selbstreflexion kommentiert. Alles gut also? Beinahe. Was der Serie zur journalistischen Vollkommenheit fehlt, ist nämlich die dringend nötige Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext unserer postpostheroischen Epoche. Jérôme Boateng steht ja nicht nur für den nimmermüden Krach digitaler Erregungs- und Echoräume. Zugleich verkörpert er den reaktionären Backlash dessen, was man mal etwas altbacken das Patriarchat nannte.

Es ist zwar richtig, die öffentliche Figur nicht auf seine justiziablen Straftatbestände zu reduzieren. Jérôme Boateng war schließlich einer der besten Fußballer, die jemals für Bayern oder Deutschland, gespielt haben und auch als Integrationsfigur ungeheuer wichtig. Die richtungsweisende Sequenz der Serie folgt allerdings erst im dritten Teil und wird auf ganzen 40 Sekunden abgehandelt: Ein Post, in dem der verurteilte Gewalttäter Jérôme Boateng mit Till Lindemann die #MeToo-Bewegung feixend als Geschäftsmodell zu Lasten Unschuldiger wie, genau: Jérôme Boateng und Till Lindemann verunglimpft.

Schien es vor der Pandemie kurz so, als hätten die Emanzipationsbewegungen männliches Machtgebaren endgültig als Hauptursache weiblichen Leids in seine Schranken verwiesen, schlägt das misogyne Imperium längst zurück. Zuletzt mit Thomas Gottschalk als frauenverachtender Bambi-Laudator. Da hätte es der ARD weit besser zu Gesicht gestanden, Jérôme Boateng ein wenig härter anzupacken. Stattdessen aber machen seine Weggefährten regelmäßig die prekären Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist, für spätere Handlungen haftbar. Besonders Cathy Hummels nimmt den Teamkameraden ihres Ex-Mannes Mats irritierend oft dafür in Schutz, wie Geld und Ruhm im Milliardengeschäft Fußball „optikorientierten“ Jungs halt zu Kopf steigen, wenn sie plötzlich von bildschönen Girls umschwärmt werden.

Damit ist sie nur einen Schritt von der reaktionären Schutzbehauptung entfernt, weibliches Verhalten sei für männliche Gewalt irgendwie mitverantwortlich. Hätt’se mal keinen Minirock getragen… Wenn die ARD für Jérôme Boatengs Gewaltbiografie ganze zehn Minuten aufwendet und der Beklagte nach dem Suizid seiner öffentlich diskreditierten Exfreundin Kasia Lenhardt auch noch seinerseits beklagen darf, man habe ihm „das Recht zu trauern“ abgesprochen, öffnet die Doku jedenfalls erstaunlich viel Interpretationsspielraum zu Lasten der Objekte seines problematischen Verhaltens. Nicht umsonst haben sich mittlerweile gleich mehrere Talking Heads von der Serie distanziert. Alexander Stevens, das juristische Feigenblatt dieser Doku, wirft den Macherinnen vor, sie hätte “geschätzt 95 Prozent meines Interviews schlicht rausgeschnitten” und “drei kurze Statements, die völlig aus dem Kontext gerissen und zum Teil in neue Zusammenhänge hineinkopiert wurden” übrig gelassen. Alles im Dienste von Boatengs Exkulpation.

Dabei ist häusliche Gewalt weder „Rangelei“ noch Bestandteil einer „toxischen Beziehungen“ oder „Schlammschlacht“, wie es im Lauf mehrerer Prozesse mitunter hieß. Sie steht für eine Form nahezu ausnahmslos männlicher Aggressivität, die in letzter Konsequenz durchschnittlich einen Femizid pro Tag zur Folge hat. Was bei Boatengs daheim tatsächlich geschehen ist, da haben selbst verständnisvolle Zeitzeugen Recht, lässt sich seit dem Tod der Beteiligten nie mehr nachvollziehen.

Aber dass jemandem mit einer Prozessakte, die sogar noch größer ist als seine Vorbildfunktion als Fußballer und Stilikone, womöglich mehr alte Chancen verwirkt hat als neue verdient – dazu dürfte die Doku bei aller Objektivität gern klarer Stellung beziehen. Durch Interviews mit Frauenhaus-Betreuerinnen zum Beispiel oder Gewaltopfern, die weniger Durchsetzungskraft haben als alle Influencerinnen in Boatengs Schlafzimmern. Zumal auch dieser verhaltensauffällige A-Promi ebenso butterweich hochfallen dürfte wie Thomas Gottschalk, Didi Hallervorden oder Till Lindemann. In einer Doku über die Terroranschläge vom 13. Dezember 2015 saß er unlängst schon wieder als normaler Zeitzeuge vor der Sky-Kamera. Als wäre Jérôme Boateng einfach nur ein Fußballer von früher.



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