Gottschalks Abschied & Schneegespür
Posted: December 8, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
1. – 7. Dezember
Die gute Nachricht einer Woche voller nicht ganz so guter Nachrichten: Thomas Gottschalk ist weg. Mit der letzten RTL-Ausgabe von Denn sie wissen nicht, was passiert hat der peinliche Onkel das Familienfest Samstagabendshow – parallel zur nächsten, als Herz für Kinder, getarnten, ZDF-Dauerwerbesendung für die rechtspopulistische Bild – verlassen. Bleibt nur zu hoffen, dass ihr Posterboy auch abseits der Bühne die Klappe hält und sich dabei von seiner Krebserkrankung erholt. Vielleicht erinnert man sich seiner dann ja doch noch als Entertainer, der das Medium vorm geriatrischen Rechtsruck wirklich bereichert hatte.
Aus Zeiten übrigens, in denen fast niemand den Rundfunkbeitrag kritisierte. Das hat sich allerdings so massiv geändert, dass die KEF dessen Erhöhung wider jede Vernunft niedriger ansetzt als dringend nötig, um den ÖRR als pluralistisches Gegengewicht gegen demokratiefeindliche Medien zu erhalten. Wozu das führen kann, erlebt man – wo sonst – gerade in den USA. Dort hat Donald Trump einen Pranger eingeführt, an den er vermeintlich unseriöse Medien und ihre Journalist:innen stellt – allesamt wenig überraschend solche, die ihn kritisieren.
Die öffentliche Anklagebank steht aber auch hierzulande längst sehr solide, wie ein absurder Vorwurf gegen Sophie von der Tann plus anschließendem Shitstorm zeigt. Weil sich die deutsche ARD-Korrespondentin erdreistet, Netanjahus Krieg im Gazastreifen differenzierter zu sehen, wurde sie vor der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises als Antisemitin beschimpft. Es ist soo ermüdend, in der aktuellen Medienhysterie objektiv zu bleiben…
Da lobt man sich doch die Nüchternheit, mit der Tanns Kollegen vom heute-journal bis Sport1 Gianni Infantinos 87-minütige Propaganda-Parade zu Trumps Ehren begleitet, bevor dann doch noch WM-Gruppen ausgelost wurden. Ebenso lobenswert geriet die TeleVisionale nach ihrem Umzug aus Baden-Baden nach Weimar. Als beste Serie wurde Lamin Leroy Gibbas queer-migrantisches (Selbst)Porträt Schwarze Früchte ausgezeichnet und die Filmtrophäe gewann das Pädophilie-Drama No Dogs Allowed.
Weil der 3sat-Publikumspreis obendrein ans hinreißende Abschiedslied Sterben für Beginner ging, der MDM-Debütpreis an Chabos und der Studierendenpreis an Uncivilized, haben die Jurys vor allem das öffentlich-rechtliche Spektrum deutscher Fiktionen prämiert. Ob sie damit gegen internationale Streamer wie Netflix bestehen, der sich mal eben für 72 Millionen Dollar mal eben Warner einverleibt hat, bleibt dennoch mehr als fraglich.
Die Frischwoche
8. – 14. Dezember
Welche Investitionen der Marktführer mittlerweile tätigen kann, zeigt ja nicht zuletzt Noah Baumbachs Meisterstück mit George Clooney als eigenes Alter Ego Jay Kelly auf Erkenntnistrip nach Italien. Ohne Übertreibung dürfte der Vorspann dieses großartigen Melodrams mit dem überraschend fantastischen Adam Sandler mehr kosten als die gesamte Fortsetzung der ARD-Serie Asbest, während fünf Minuten des siebenteiligen Netflix-Westerns The Abandons teurer sind als komplette Komödien wie Bjarne Mädels Prange im Ersten.
Und das will schon deshalb was heißen, weil die starbesetzte Story um ein paar widerständige Frauen in den USA der 1850er Jahre von Kritik und Publikum förmlich zerfetzt werden. Das immerhin droht der zweiten Kino-Kurzauswertung bei Netflix ab heute nicht. Wake Up Dead Man, Daniel Craigs dritter Einsatz als moderner Hercule-Poirot-Verschnitt Benoit Blanc Detektiv, ist ein grandioses Krimi-Kammerspiel, dem man die Multi-Millionen-Investition schon in der Ausstattung ansieht. Deutlich günstiger dürfte die deutsch-dänische Drama-Serie Smillas Gespür für Schnee sein, der Magenta das altbackene Fräulein abgenommen und durch eine Überdosis mystischer Melodramatik ersetzt hat.
Deutlich weltlicher gerät hingegen das sechsteilige Frauenfreundschaftsporträt Little Disasters mit Diana Krueger, ab Donnerstag bei Paramount+. Ebenfalls mit vier Frauen in zentraler Rolle brilliert das ZDF-Spektakel Danke für nichts, ab Freitag in der ZDF-Mediathek, wo parallel auch die finnische Gangsterinnen-Serie Queen of Fucking Everything startet. Und zeitgleich ebenso weiblich dominiert: Die ARD-Serie Mozart/Mozart mit Havanna Joy als Wolferls Schwester ohne Anspruch auf historische Authentizität, aber wirklich äußerst unterhaltsam.