Besserverdienende & Schlechterspielende
Posted: October 7, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
30. September – 6. Oktober
Wo an dieser Stelle eigentlich eine Medienkolumne mit Fernseh- und Streamingschwerpunkt beginnen würde, bitten wir um ein Gebet zum Wohle all jener, für die der hl. Vater Friedrich Merz völlig zu Recht mehr Demut, Anerkennung, Respekt fordert: Besserverdienende. Habt also ergebensten Dank für eure exorbitanten Einkünfte aus Gewinnbeteiligungen, Vorstandsboni, Erbschaften oder Aktienbesitz. Nach dieser Andacht der Minderwertigen für höhere Wesen mit Geld, kommen wir aber dann doch zu denen, die sie wirklich verdient haben.
Heute vor einem Jahr haben palästinensische Terroristen die Shoah im Kleinen kopiert, fast 1.100 Israelis sowie 71 Ausländer ermordet und 251 Personen von Säugling bis Greis verschleppt. Seither hat sich die israelische Reaktion zum Flächenbrand ausgewachsen und dabei auch hierzulande vor allem eine Erkenntnis zutage gefördert: Als hilflose Opfer erfahren jüdische Menschen durchaus Solidarität. Sobald sie sich wehren, gewinnt auch medial allerdings mal offener, mal humanitär verbrämter Antisemitismus die Oberhand.
Gut zu sehen am Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah. Denn seine Tötung wird nicht etwa als israelische Notwehr beschrieben; die Tagesschau nannte sie stattdessen Worst-Case-Szenario, so als sei er ein gewöhnlicher Player auf dem Spielfeld des Nahost-Konflikts, kein erbarmungsloser Warlord mit dem Ziel, Israel und alles Jüdische darin zu vernichten. Schlimmer noch: als trage in diesem Konflikt allein Israel Verantwortung für das, was darin passiert.
Wenn sich Medien aller Oberflächen dieser Tage mit dem Jahrestag beschäftigen, wird es also wieder seltsam einseitig zugehen in der Bewertung dessen, was darauffolgte und folgt. Eine Ausnahme bildet – kurzer Vorgriff auf die Frischwoche – Buch zwei der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende oder ab sofort in der ARD-Mediathek (und 23.20 Uhr im Ersten) die Dokumentation Israel und Gaza – Die Opfer von Terror und Krieg, wo das unendliche Leid aller Betroffenen eines endlosen Machtspiels skrupelloser Potentaten beider Seiten ausgeleuchtet wird.
Die Frischwoche
7. – 13. Oktober
Gar nicht so leicht, davon auf leichtere Unterhaltung überzuleiten. Weshalb wir mit ein wenig schwererer beginnen: Der Langzeitstudie Inside Bündnis Wagenknecht, wo das ZDF Mittwoch in der Mediathek den kometenhaften Aufstieg des BSW von der linken Abspaltung zur Regierungsbeteiligung begleitet – und dabei unerwartet nah an die Parteiführerin heranrückt, die sich allerdings auch nirgends wohler zu fühlen scheint als im Scheinwerferlicht ihrer eigenen PR.
Von einer weiteren, wirklich erhellenden Doku namens TerraXplore, die sich ab heute an gleicher Stelle drei Teile lang um unser aller Essen bemüht, geht es dann aber doch ins Fiktionale, und das mit einer echten Überraschung: Jürgen Vogel. In der NDR-Serie Informant soll sein Ermittler Donnerstag bei Arte und ab Freitag in der ARD-Mediathek einen islamistischen Anschlag auf die Hamburger Elbphilharmonie verhindern. Natürlich spielt ihn Jürgen Vogel mit zwei der drei Gesichtsausdrücken, die seiner eingeschränkten Mimik zur Verfügung stehen.
Drumherum allerdings hat Matthias Glasner ein sechsteiliges Netz klug verwobener Politthriller-Elemente gesponnen, das selbst sein Hauptdarsteller nicht zerreißen kann. Überraschung zwei: die ZDF-Serie Love Sucks mit Damian Hardung und Rick Okon als Vampire einer popkulturell aufgeblasenen Gothic-Version von Romeo & Julia, die zwar oberflächlich ist, aber gerade deshalb sehr schön anzusehen. Zumindest gilt auch die 2. Staffel der sagenhaft dummen Agenten-Sause Citadel in seiner italienischen SciFi-Fassung anno 2030, ab Donnerstag sechs Teile lang bei Amazon Prime.
Schön anzusehen, aber ein bisschen gehaltvoller dagegen: Joan, einer britischen Juwelendiebin, die zeitgleich bei Magenta auf Beutezug geht. Und noch ein Tipp aus der Kategorie Superstar auf Serienpfaden: Im Siebenteiler Disclaimer ist Kate Blanchett ab Freitag bei AppleTV+ eine Journalistin, die ihre dunkelsten Geheimnisse in einem Roman unbekannter Herkunft enttarnt und damit in gewaltige Schwierigkeiten gerät – was nach Ansicht der ersten Folge absolut beeindruckend ist.
Being Dead, Hamburg Spinners, Memorials
Posted: October 6, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBeing Dead
Übers Sterben und dem, was danach kommt, gibt es viele Theorien. Erstaunlich viele sind hoffnungsfroh, andere deprimierend, einigen kann man sich darauf, dass Leichen den Lebenden weniger zu geben haben als umgekehrt, aber wenn Tote ihren Zustand so schön besingen wie Being Dead aus Austin, ist das auch egal. Das Trio der subkulturellen Exklave des reaktionären Trump-Bistums Texas macht einfach die Nacht zum Tage und das Dunkel taghell.
Eeels heißt ihr versponnene Konglomerat psychedelischen Surf-Punks im Garagen-Stil. Und es klingt, als würde jemand die Beach Boys mit der Family of the Year auf einem kaputten Plattenspieler herumeiern lassen, bis der entstandene Sound Wüstensand hustet, was bei Falcon Bitch und Shmoofy allerdings klingt wie die durchgeknallten Texte: pumperlgesund und munter wie ein Festival-Opener unter Bäumen im Nachmittagssonnenschein.
Being Dead – Eels (Cargo)
Hamburg Spinners
Die Hamburg Spinners tragen Geisteszustand und Herkunft dagegen bereits im Namen. Das Quartett um den als Erobique szenekundigen Carsten Meyer verortet sein drittes Album zwar Im Schwarzwald, stammt aber trotz badischer Aufnahme aus dem Norden und frönt dort einer Form retrospektiver Nostalgie, die es Mod-Jazz nennt und so aus der Zeit gefallen ist, dass es fast schon wieder modern wirkt.
Gitarrist Dennis Rux pickt dabei so frickeligen Funk unter Erobiques Keyboardpeitschen, dass Bass (David Nesselhauf) und Drums (Lucas Kochbeck) fast mäßigend aufs Sammelsurium wattierter Sixties-Beats und Twenties-Adaptionen einwirken. Gelegentlich fehlt der Gesang, um die melodiöse Vielfalt richtig schätzen zu wissen. Aber auch so wünscht man sich einen Nierentisch mit quietschbuntem Longdrink am Pool, um sich dazu im Takt des Gestern zu wiegen.
Hamburg Spinners – Im Schwarzwald (Buback)
Memorials
Und um an diesem sonnigen Frühherbstspätsommertag ausnahmslos Musik zu feiern, die zeitgenössische Hörgewohnheiten mit antiquierter Verve umkurven, noch ein wirklich ganz fantastisches Debütalbum: Memorial Waterslide vom englischen Duett Memorials, ein retrofuturistischer Punkpop, der ein bisschen an Nico auf Speed erinnert, also seiner Zeit ziemlich voraus ist und zugleich atemlos hinterherhechelt.
Verity Susman und Matthew Simms, zuvor gemeinsam bei Electrelane und Wire aktiv, surfen irgendwie aufgeregt und nervös, zugleich aber zielstrebig durch übersteuerte Gitarren- und Orgelgewitter, dass die Ohren fiepsen. Aber es ist ein gutes, energisches Fiepsen. Ein disharmonisch-eleganter Tinnitus wie die Filmmusik knisternder C-Movies der 70er, regelmäßig gelindert durch zarte Balladen wie Name Me und deshalb: vielfältig gut.
Memorials – Memorial Waterslide (Cargo)
Heike Makatsch: Where’s Wanda
Posted: October 4, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentQuereinsteigerin von wo?!

Drei Jahrzehnte nach Viva dreht Heike Makatsch längst alles. Jetzt etwa die drollig-verzweifelte Mutter in Where’s Wanda, der ersten deutschen Serie bei AppleTV+. Ein Gespräch über vermisste Töchter, überwachte Häuser und ihre Moral von der Geschicht.
Von Jan Freita
freitagsmedien: Frau Makatsch, in Where’s Wanda verwanzt Ihre Carlotta die halbe Stadt und dringt sie tief ins Privatleben Unbeteiligter ein. Heiligt der Zweck, die vermisste Tochter finden zu wollen, aus Ihrer Sicht die Mittel?
Heike Makatsch: Das muss natürlich jeder für sich entscheiden. Ich kann jedoch verstehen, dass Familie Klatt sich an jeden Strohhalm klammert – angesichts der Notsituation, dass die eigene Tochter verschwunden ist und die Polizei die Suche nach ihr aufgegeben hat. Auch, wenn es am Ende reiner Aktionismus ist, um irgendwie nicht die Hoffnung zu verlieren. Deshalb kann ich es menschlich gut nachvollziehen. Ist für Sie da die rote Linie schon überschritten?
Absolut. Zumal es die aktuell sehr hitzig geführte Diskussion berührt, wie viel unserer Privatsphäre wir für vermeintliche oder tatsächliche Sicherheit zu opfern bereit sind.
Ich denke, dass kann man schwer vergleichen. Im Fall der Familie Klatt kommt ja dazu, dass die Beobachteten ihre Privatsphäre nicht freiwillig opfern und zu keiner Zeit das Gegenteil suggeriert wird. Die Überwachung wird stets als illegal und noch nicht einmal als zielführend dargestellt. Von daher hinkt der Überwachungsstaatenvergleich. Mir persönlich ist jedenfalls gesellschaftspolitisch sicher nicht jedes Mittel recht, um vermeintliche Sicherheit zu erlangen. Denn daraus entwickelt die Gesellschaft eine Atmosphäre des Misstrauens, der Unfreiheit, also dem genauen Gegenteil von Sicherheit.
Entsteht dieses Verständnis für Carlottas Situation auch aus der Perspektive einer Mutter mit drei eigenen Töchtern?
Ich schaue auf jede meiner Rollen nicht nur als Schauspielerin, sondern als Mensch mit einer gewissen Erfahrung, der zum Verständnis all seiner Figuren in die eigenen Ängste, Trigger, Abgründe schaut, um sie daraus zu speisen. Insofern blicke ich nicht nur theoretisch auf Carlottas Situation bei Where’s Wanda, sondern auch ganz praktisch und emotional, als Heike.
Glauben Sie, dass die Verantwortlichen mit der Serie ein Statement für oder gegen diese Überwachung abliefern, oder bleibt sie am Ende reines Entertainment?
Ich kann für die Verantwortlichen der Serie nicht sprechen, aber uns allen gemeinsam war wichtig, verzweifelte Menschen in der bizarren Extremsituation zu beobachten, die ebenso planlos wie akribisch der Idee nachzugehen, ihre Tochter wiederzufinden. Und ohne jetzt spoilern zu wollen: richtig viel trägt die Überwachung am Ende zur Auflösung gar nicht bei. Die Moral von der Geschicht‘ ist also definitiv nicht, dass uns weniger passiert und wir endlich in Sicherheit leben, wenn wir alle verwanzt werden.
Aber Sie suchen offenbar schon die Moral von der Geschicht‘?
Klar mache ich mir Gedanken darüber, was erzählt wird. Natürlich ist auch in einer Serie letztlich alles politisch und transportiert dabei vielleicht keine Message, trägt aber irgendwie bei zum gesellschaftlichen Klima und deren Sichtweisen.
Oder kommentiert beides unterschwellig.
Zum Beispiel. Von daher achte ich schon darauf, was meine Geschichten erzählen – in diesem Fall übrigens weniger von Überwachung, als von dem System Familie und wie es durch Einflüsse von außen und innere Verlustängste aus den Fugen geraten kann, wie eigentlich sehr konventionelle Persönlichkeiten plötzlich Lügner oder Kontrollfreaks werden und ihr zweites Kind vernachlässigen, um das erste zurückzugewinnen.
Und die Moral von der Geschicht‘ ist nun?
Dass Familienzusammenhalt am Schluss stärker ist und niemand ein schlechter Mensch, nur weil er oder sie dunkle Geheimnisse hat. Was ich an dieser Serie so sehr mag, ist dass sie darüber nicht urteilt und anerkennt, dass wir alle so gut es uns gelingt mit dem Leben ringen. Manchmal geht dann eben auch etwas schief.
War das der Grund, warum Sie die Serie gemacht haben?
Darum und wegen ihrer Vielschichtigkeit, der Spannung, dem Genremix, meiner Figur darin. Und ganz wichtig: dass bei allem Slapstick das Drama nie aus dem Fokus gerät. Für mich ist das Unterhaltung auf höchstem Level mit Liebe zu Figuren, die nicht perfekt sein müssen.
Und das, in Ihrer ersten Arbeit für einen Streamingdienst.
Es ist zumindest die bislang größte für einen Streamer.
Wenn Sie es mit Serien für andere Plattformen vergleichen – bei RTL+ zuletzt Herzogpark oder für die ARD Zero: Arbeiten reine Streamer wie Apple TV+ anders als private oder öffentlich-rechtliche Sender?
Der Unterschied zwischen Serie und 90-Minüter besteht erst einmal darin, dass der erzählerische Bogen ein sehr viel größerer ist. Aber spielst du mit deinem Kollegen erst einmal deine Szene, ist es am Ende des Tages überall gleich – egal, ob Streamer, Sender, Serie, Film. Natürlich kommt es auch auf die Zahl der Drehtage im Rahmen des Budgets an oder wie preisgekrönt Kollegen, Regie, Autoren sind. Aber man will überall gleichermaßen die Wahrhaftigkeit der Essenz, die du aus deiner Figur gewonnen hast, einfließen lassen.
Mit dieser hier waren jetzt Ihre letzten fünf, sechs Produktionen keine linearen mehr, sondern allesamt digitale, und den Freiburger Tatort haben Sie auch beendet…
Na ja, den hat der Freiburger Tatort beendet…
Aber täuscht der Eindruck, Sie verlassen grad das sinkende Schiff öffentlich-rechtlicher Rundfunk?
Ich würd’s gerne so sehen (lacht). Aber das klänge, als könnte ich ständig die Drehbücher toller Projekte in die Ecke pfeffern, weil mir der Kanal nicht passt. Wo etwas läuft, ist für mich daher zunächst mal kein Entscheidungskriterium. Obwohl ich die Königsdisziplin Kino zugegeben immer noch am meisten liebe, ist für mich am wichtigsten, ob die Geschichte gut ist und zu mir passt. Als ich dort letztens für Bibi Blocksberg die böse Hexe gespielt habe, kam daher alles zusammen.
Was abermals zeigt, dass Ihr Repertoire für eine Quereinsteigerin erstaunlich breit ist…
Quereinsteigerin? Nach 30 Jahren? Quereinsteigerin von wo?!
Keine Sorge, ich komme nicht auf Viva zu sprechen. Aber gelernt haben Sie den Schauspielberuf nicht!
Der aber ja ein kreativer ist. Meine Ausbildung habe ich durch viel Erfahrung erlangt.
Gibt es da eine, die Ihnen noch fehlt, wo Sie mittlerweile bereits böse Hexen spielen?
Eine Erfahrung? Bestimmt. Und ich bin gespannt, was da noch alles kommt.
Sonst haben Sie keine Agenda?
Nur die, mit dem übereinzustimmen, was ich drehe. Ich habe einen starken inneren Kompass.
Treutlers Phoenix & Zweiflers Preise
Posted: September 30, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
23. – 29. September
Deutschland hat im Lauf der Nachkriegsgeschichte Fernsehfiguren der skurrilsten Art hervorgebracht. Dittsche und Atze, Hallervorden oder Feddersen, Ekel Alfred und Ina Müller, Dieter Bohlen oder Trude Herr und jetzt ganz neu, quasi alles in einer einzigen Fernsehfigur: Jürgen Treutler. Wer bisher nicht wusste, wo Phoenix auf der Fernbedienung ist, dürfte es nun nie wieder vergessen, seit der kurzzeitige Alterspräsident des Magdeburger Landtag auf dem Nischenkanal gute vier Stunden für beste Unterhaltung sorgte.
Nicht missverstehen bitte: Was der geistig schlichte Politiklandser dort am Donnerstag zur Aufführung brachte, war mit Parlamentsverachtung noch einigermaßen mild umschrieben. Es hat aber auch gezeigt, dass Pluralismus absolut entertainmenttauglich ist, sofern es den Protagonist*innen von der AfD abgesehen von rassistischer Demokratiezerstörung ausnahmslos um eben genau das geht: Entertainment.
Wer es allerdings lieber ohne Konzentrationslager und Volksgerichtshöfe hätte, ist bei den Siegern der Deutschen Fernsehpreise aktuell definitiv besser aufgehoben als bei Höckes Sturmabteilung. Dort nämlich hat ausgerechnet das jüdische Alltagsepos Die Zweiflers abgeräumt. Nach vier Trophäen für Aaron Alteras und Sunnyi Melles, Kamera und natürlich die beste Dramaserie fragt sich nur, warum der Sechsteiler nicht auch den Rest zehn möglichen Pokale erhalten hat.
Während der Vorjahresabräumer Netflix diese Mal komplett leer ausging, hat RTL in Gestalt von Die Verräter und Let’s Dance sogar doppelt zugeschlagen. Spitzenreiter war allerdings das ZDF mit zwölf Auszeichnungen, unter anderem für Schlecky Silbersteins Browser Ballett bei Neo – was der letzte Plexiglasobelisk gewesen sein könnte. Wie Horizont berichtet, droht im Zuge anstehender Beitragsverhandlungen öffentlich-rechtlicher Kahlschlag, an dessen Ende sogar Arte zur Disposition stehen könnte.
Die Frischwoche
30. September – 6. Oktober
Für die private Konkurrenz – ob gestreamt oder gesendet – wäre das womöglich ein gefundenes Fressen, um Überlebenskämpfe wie die 4. Staffel von 7 vs. Wild, ab heute bei Amazon Prime und FreeVee präsenter zu machen. Bis dahin aber erfreut uns der Kulturkanal ab Mittwoch mit grandioser Fiktion wie der französischen Serie Rematch, wo Ex-Weltmeister Garri Kasparov sein legendäres Duell gegen den Schachcomputer Deep Blue von 1997 nachspielt.
Ebenso geschichtsträchtig ist Pia Stratmanns ARD-Reenactment vom RAF-Anschlag auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen anno 1989. Zwei Teile à 100 Minuten lang schliddert Der Herr des Geldes Dienstagabend langsam in die Fänge des linken Terrors jener bewegten Tage. Das ist zwar ab und an ein bisschen freundlich zum profitorientierten Investmentbanker, aber dank Oliver Masucci als Titelfigur sehr ergreifend.
Auch das dritte Biopic der Woche hat es buchstäblich in sich. Ich bin Dagobert skizziert ab Mittwoch bei RTL+ den Weg des Berliner Lackierers Arno Funke zu Deutschlands meistgesuchtem Verbrecher ohne Terror-Hintergrund Anfang der Neunzigerjahre. Und trotz einiger Stereotypen macht Friedrich Mücke den Kampf des Kaufhauserpressers mit Polizisten wie Mišel Matičevićs hemdsärmeligen Cowboycop hervorragend. Im Gegensatz zur denkbar größten Farce der Woche: Where’s Wanda.
Die erste deutsche Streamingserie von AppleTV+ ist trotz oder wegen Heike Makatsch und Axel Stein als Provinznestpaar auf der Suche nach seiner vermissten Tochter so berechnend ulkig, dass wir den weiteren Inhalt hier einfach mal ignorieren und zu zwei aufrichtigen Tipps kommen: Die deutsche Migrationskomödie Made in Germany, ab Freitag in der ARD-Mediathek. Und die tschechische Akte-X-Persiflage Whe’re On It Comrades, parallel in der ZDF-Mediathek.
Zamperonis Komparsen & Lieblings Kreuzberg
Posted: September 23, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
16. – 22. September
ARD und ZDF – dafür reicht ein Blick in Abertausend Romanzen, Krimis, Vorabendformate – mögen dramaturgisch hier und da von irritierender Schlichtheit sein, während das Gebaren mancher Intendantinnen und ihrer Hofstaaten bisweilen an Cäsarenwahn grenzt. Aber so richtig dumm, also deppert im Sinne von doof, sind in den Landesrundfunkanstalten eher wenige, schon gar nicht Ingo Zamperoni. Seine Redaktion allerdings sollte sich bei Gelegenheit mal einem Intelligenztest unterziehen.
In Zeiten verschwörungstheoretischer Attacken von rechts Komparsen zu engagieren, denen in der vermeintlich demoskopischen, also objektiven NDR-Show Die 100 AfD-kritische Haltungen diktiert werden – das ist öffentlich-rechtliche Ignoranz auf Claas-Relotius-Niveau. Kein Wunder, dass Alice Weidel bei allem gespielten Entsetzen hellauf begeistert ist – daran konnte auch der frisch verkündete Sparkurs nichts ändern, demzufolge der ÖRR die Hälfte seiner Spartenkanäle und diverse Radiosender streichen wird.
Auch die rundfunkgebührenfeindliche Bild ritt natürlich feuchtfröhlich auf jenem PR-Debakel herum, das die Verhandlungen der nächsten Beitragserhöhung Anfang 2025 kaum erleichtern dürfte. Wobei die Axel Springer SE aktuell selbst Teil wilder Spekulationen ist. Die Gruppe soll schließlich aufgespalten werden in einen Familienverlag und einen eCommerce-Konzern in Heuschreckenhand. Wobei letzterer den Großteil jener 14 Milliarden Euro ausmachen würde, auf die sich der Wert des Unternehmens in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt hat.
Gar so viel ist der zweitteuerste deutsche Privatfernsehanbieter RTL nicht wert. Aber mit Stefan Raab hat er sich immerhin ein uraltes Zugpferd vom teuersten (ProSieben) geholt und hält sich seit dessen völlig verpatzter Actionquizshow um eine Million, die er nicht rausrücken will, beharrlich in den Kommentarspalten – was aus regulären Werbeetats kaum zu finanzieren wäre.
Die Frischwoche
23. – 29. September
Aus dem hat die ARD seit Wochen bundesweit Plakate für etwas gehängt, das ebenfalls sehr, sehr alt und zugleich neu ist: Kanzlei Liebling Kreuzberg mit Luise von Finckh als Enkelin von Manfred Krugs Serienanwalt, die ab Mittwoch in der Mediathek (und freitags linear) für Rechtsempfinden in Opas gentrifiziertem Kiez sorgt. Das ist schon okay so weit, aber halt weder frisch noch originell, sondern einfach nur Eigenreceycling fürs Stammpublikum ab 66.
Daran richtet sich auch das ZDF-Biopic Kati – Eine Kür, die bleibt mit Lavinia Nowak als Eiskunstlauf-Ikone Katharina Witt und ihre Comeback-Versuche im wiedervereinigten Deutschland. Auch das: schon okay, aber halt… Ähnlich wie der ARD-Thriller Die stillen Mörder, Samstag um 20.15 Uhr und zuvor bereits online. Darin geht es um dubiose Business-Methoden im Altenpflegebereich und auch dort gilt: nicht ganz schlecht, aber ganz schön altbacken.
Die mexikanische AppleTV+-Serie Midnight Family hingegen zeigt tags zuvor, dass man auch mit herkömmlichen Medicals um eine Medizinstudentin mit Nebenerwerb im Rettungswagen souverän unterhalten kann. So wie das Erste seine Stärken nun mal im Dokumentarischen hat – was die dreiteilige Rekonstruktion des rechtsextremen Anschlags auf eine Synagoge in Halle namens 158 Minuten ab Mittwoch eindrücklich unterstreicht.
Fiktional nennenswert wäre dann noch die niederländisch-belgisch-deutsche Coming-of-Age-Erzählung This is gonna be great um einen holländischen Schauspieler in Berlin ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Dazu an Samstag der subtile Horrorfilm Appartment 7a, den Natalie Erika James nach eigenem Drehbuch als Prequel zu Roman Polanskis Klassiker Rosemaries Baby für Paramount+ inszeniert hat. Und zum Wochenabschluss das deutsch-französische Drama France mit Léa Seydoux als Starjournalistin in existenzieller Lebenskrise.
Brezel Göring, Peter Thomas, Bright Eyes
Posted: September 22, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBrezel Göring
Es ist immer schwierig, sich die Einzelteil eingespielter Duos isoliert vorzustellen. Und falls diese Duos auch noch für brillanten Dilettantismus stehen, fällt das umso schwerer, ist aber möglich – sofern es sich um Brezel Göring handelt, Mastermind von Stereo Total und damit gleichermaßen Nachlassverwalter der unfassbar früh verstorbenen Francoise Cactus und in eigener Sache. Wie gut, dass ein Solo-Album weder nach dem einen noch dem anderen klingt.
Friedhof der Moral wildert zwar eifrig im Trashpop des Berliner Underground-Projektes der hedonistischen Millennials. Die 13 Hardcore-LoFi-Tracks blasen Görings Sound allerdings so auf und specken ihn zugleich ab, dass daraus ein sehr eigensinniges, retrofuturistisches Kammerspielorchester für alle jene entsteht, denen Stereo Total am Ende doch zu poppig war. Auf dem Friedhof der Moral ruht daher auch das Cheezige von früher. Gut so.
Brezel Göring – Friedhof der Moral (Stereo Total Records)
Peter Thomas
Wer den Retrofuturismus musikalisch zur Perfektion brachte, ist einer von Brezel Görings heimlichen (weil womöglich unbekannten) Helden: Peter Thomas. Nie gehört? Nur dem Namen nach vermutlich. Denn als Komponist der Titelmelodie des SciFi-Trashs Raumpatrouille Orion und ähnlicher Absurditäten wie Edgar-Wallace-Soundtracks war er eine Weile in aller Ohren und hat dort ein imposantes Gesamtwerk orchestral verspleenter Sixties-Sinfonien hinterlassen.
Damit die wiederentdeckt werden können, hat Mocambo Records gemeinsam mit Backseat das Werk des deutschen Henry Mancini kurz vor dessen 100. Geburtstag zu einer fantastischen Platte gebündelt. The Tape Masters Vol. 1 – Library Music enthalten dabei alles, was Thomas’ Epoche kennzeichnet: schrille Beat-Gewitter, elegante Cocktailparty-Harmonien, existenzialistischer Souterrain-Jazz, Hammondorgel-Spektakel der Extraklasse. Unbedingt anhören, durchhören, weiterempfehlen.
Peter Thomas – The Tape Masters Vol. 1 – Library Music (Mocambo Records)
Bright Eyes
Um zum Schluss die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und doch daraus zu schöpfen, gibt es hier noch mal eine Art Supergroup, die seit bald 30 Jahren aus den Vollen ihrer vielen Mitglieder und Features schöpfen kann: Bright Eyes, das ewige Start-up des umtriebigen Conor Oberst, für das er auf seiner neuen Platte mal wieder das Who-is-Who alternativer Americana von Cat Power, The National, Matt Berninger oder Alex Orange Drink um sich schart.
Gemeinsam erschaffen sie ein Kompendium skurriler Pop-Texturen, die ebenso unfertig wie übersteuert klingen und damit größtenteils fantastisch. Das liebevoll verfrickelte, bläserlastig aufgeplusterte, jederzeit funkensprühende Five Dice, All Threes schafft es dabei vor allem dank Obersts proklamatorisch zerkratztem Gesang heiter und melancholisch, anrührend und ironisch, psychisch labil und dabei seltsam durchsetzungsstark zu wirken.
Conor Oberst – Five Dice, All Threes (Dead Oceans)
Stefan Raab: Schläge & Fragen
Posted: September 20, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a commentSchlaf den Raab

Es ist das Comeback des Jahres: Stefan Raab moderiert wieder Fernsehshows, jetzt bei RTL. Leider kommt ihm bei Du gewinnst hier nicht die Million!!! (Foto: RTL) der leidige Zeitgeist dazwischen – und sein unverwüstliches Ego.
Von Jan Freitag
Vor knapp neun Jahren, nein – da war die Welt natürlich auch schon längst nicht mehr in Ordnung. Banken, Klima, Staaten, selbst VW steckte dank Dieselskandalen tief in der Krise. Und dann geschah obendrein das Unfassbare: Stefan Raab trat von der Bühne, die er seit 1993 geprägt hatte wie kaum ein anderer vor ihm in Deutschland und gewiss keiner danach. Da war es buchstäblich ein Paukenschlag, als das ProSieben-Gewächs vorigen Samstag parallel zum Schlagabtausch mit Regina Halmich sein Comeback bei RTL verkündete.
Und gestern war es dann auch schon so weit: Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ging Du gewinnst hier nicht die Million!!! auf Sendung, raabgerecht nur echt mit den drei Ausrufezeichen plus Selbstbeschreibung, in den nächsten 90 Minuten nicht weniger als die „erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt“ abzuliefern. Große Worte eines großen Entertainers, die er mit dem Großmaul-Rocksong „Stefan Raab is back in town / jetzt gibt’s ‘n paar aufs Maul“ untermalte.
Fast wäre man geneigt zu sagen: als wäre er nie weg gewesen. War er aber. Und zwar für die Verhältnisse unserer rasenden Zeit lange. Zu lange. Lange genug jedenfalls, damit die einzige Innovation im Grunde darin bestand, dass der Buzzer, mit dem Raab seine merkwürdigen Einspielfilme abgespielt hatte, durch ein Tablet ersetzt wurde. Auf Fingerwisch sondert es nun Zitate von Florian Silbereisens Traumschiff-Kapitän ab. Schon lustig. Aber auch ziemlich gebraucht. Wie nahezu alles an der Sendung.
Nur der Form halber zur Erklärung von Du gewinnst hier nicht die Million, das erste Entertainment-Quiz-Competition-Show der Welt, kurz DGHNDMDEEQCSDW: Nach einer halben Stand-up-Stunde müssen fünf Kandidaten eine Frage aus eben der beantworten, um jenen Platz zu ergattern, auf dem der Sieger – zum Auftakt Oliver aus Karlsruhe – auf seinem Weg zum Millionengewinn eine Mischung aus Multiple-Choice-Fragen und Spieleaction bewältigen muss. Einige davon im direkten Duell mit dem Moderator.
Klingt schwer nach einer Kombination aus Schlag den Raab und Wer wird Millionär mit einer Auftaktprise TV total. Zumal er sich von ProSieben nicht nur Sebastian Pufpaffs Studioband Heavytones zurückgeholt hat, sondern als Schiedsrichter den unvermeidlichen Elton. Und so bittet der Ex-Praktikant seinen Ex-Ausbilder darum, sich durch Maschendrahtzäune zu schneiden oder Reifen zu wechseln.
Es sind Jungsdinge, die ihm einst den Ruf des ehrgeizigsten Showmasters aller Zeiten eingebracht hatten. Ein musikaffiner Kindskopf mit dem Geschäftssinn eines Investmentbankers, der früher als alle anderen seine eigenen Ideen produzierte und damit Einfluss, ja Macht erlangte. Der die Aufmerksamkeitsindustrie um Wok-Weltmeisterschaften, Böörti Vogts und Lena Meyer-Landrut bereicherte. Der Quotenerfolge am Fließband produzierte und dennoch stets aus voller Überzeugung handelte. Der also, mit zwei Worten, ein großartiger Entertainer war. Vergangenheitsform.
Denn von alledem ist praktisch nichts mehr geblieben. Mit fast 58 ist sein Körper zwar ähnlich intakt wie sein spektakuläres Gebiss; mit dem aber kann er nicht mehr so kraftvoll zubeißen wie in seiner Glanzzeit der Nullerjahre. Wenn Raab Witze über Peter Maffays Warze, Harald Glööklers Botoxunfälle und immer, immer, immer wieder Regina Halmichs Kampfwunden macht, wirken sie aus der Zeit gefallen wie sein altbackener Kampfbegriff „Tussi“, den niemand außer ihm mehr benutzt. Der Kameraschwenk ins Publikum landet da verlässlich auf einer Vielzahl Gäste mit versteinerter Miene, die während der endlosen Spiele vermutlich ebenso sanft weggedöst sind wie bei einer minutenlangen Reportage aus der Umkleidekabine vorm Halmich-Fight.
Dass RTL ihm dafür statt Gage ein Streamingabo zahlt, war demnach vielleicht ernster gemeint als all die selbstreferenziellen Flachwitze über Jürgen Milski, deutsche Schlager und Herzzeichen, die für ihn der neue Stinkefinger sind. Puhh. Als DGHNDMDEEQCSDW nach einer sagenhaft öden Autoreifenwechsel-Challenge (und natürlich ohne Millionen-Gewinner) endet, wirkt daher nicht mal Stefan Raab selbst sonderlich enttäuscht über die Abschlusssirene. Sie klingt ein wenig nach Erlösung. Leider nur bis nächsten Mittwoch.
Katia Saalfrank: Supper Nanny & Helft uns!
Posted: September 19, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentEs gibt keine kurzen Antworten
Nach langer Fernsehpause ist Super Nanny Katharina alias Katia Saalfrank zurück auf dem Bildschirm. Heft uns! Die Familienretter heißt ihr tägliches Hilfsformat (16.05 Uhr) bei RTLZwei. Ein Gespräch über Erziehungsprobleme, Fernsehzynismus und ihre eigene Kindheit.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Saalfrank, Sie waren Anfang der Zehnerjahre das Aushängeschild, wenn nicht die Mitbegründerin der Reality-Sparte Help TV. Seit dem Ende der Super Nanny 2011 hat man aber wenig von Ihnen gehört und gesehen. Wo waren Sie bloß?
Katia Saalfrank: Seit 2009, parallel zur öffentlichen Arbeit für RTL, habe ich meine private Praxis für Eltern- und Familienberatung gegründet. Im Mittelpunkt der Beratung und der therapeutischen Arbeit steht immer die Beziehung zum Kind.
Die Sie auch in mehreren Büchern zum Ausdruck bringen.
Kindheit ohne Strafen etwa, was mir sehr am Herzen liegt und großen Zuspruch gefunden hat. Außerdem ist mir die Aus- und Weiterbildung von Eltern und Fachleuten in meiner Kursreihe Kinder Besser Verstehen wichtig. Ich habe eine Ausbildung zum Bindungs- und Beziehungsorientierten Eltern- und Familienberater konzipiert. Auch mein Podcast Familienrat mit Katia Saalfrank macht mir ebenso viel Freude wie Helft uns! Die Familienretter.
Hatten Sie dem Reality-Genre nicht auch deshalb den Rücken gekehrt, weil es auch bei Ihnen zusehends gescripted war und selten ohne den Zusatz „zynisch“ auskam?
Helft uns! ist sicher nicht zynisch! In der Sendung werden alltägliche Konflikte zahlreicher Familien in Deutschland gezeigt. Ich versuche dahinterliegende Strukturen zu analysieren und ihre Dynamiken besser zu verstehen. Hierbei fließen Aspekte und Informationen aus der Wissenschaft ebenso ein wie allgemeine Impulse für die Zuschauer, die aus jeder Sendung etwas mitnehmen können, auch wenn sie sich nicht selbst in der Situation befinden.
Aber was machen Sie denn anders als in anderen Ratgeber-Formaten?
Ich reagiere von außen aufs Geschehen, ordne pädagogisch und psychologisch ein, kommentiere, fühle mit, versuche für alle Seiten Verständnis aufzubringen und nehme den Zuschauer mit auf eine kleine emotionale Reise von Verstehen, statt Empörung. Und weil die Geschichten von Schauspielern und Komparsen nach- und dargestellt werden, kann ich komplexe Familiensituationen beleuchten und Dynamiken nachvollziehbar machen.
Helft uns! drohen also nicht dieselben Vorwürfe wie der Super Nanny, das Elend anderer bloßzustellen und strenge Erziehungsmittel zu propagieren?
Nein, die Konflikte sind an die Wirklichkeit angelehnt, werden aber dramaturgisch zugespitzt und machen so meine Erklärungen, die Wissensaspekte, die Hinweise und Impulse für den Zuschauenden nachvollziehbar. Wir versuchten, authentisch aktuelle Familienkonstellationen und gesellschaftliche Themen aufzugreifen.
Zum Beispiel?
Was ist, wenn die Eltern den Freund der Tochter nicht mögen? Wie gehen sie damit um, wenn der Sohn sich in Frauenkleidung wohler fühlt? Wie wird verantwortungsvoller Umgang mit viel Social-Media begleitet? Die Welt für Familien hat sich verändert, Eltern sind im Wandel, aber die größte Veränderung ist der Perspektivwechsel, den viele von ihnen zu machen bereit sind. Eltern fragen heute seltener „was kann ich tun, wenn mein Kind sich auf den Boden schmeißt“ als „warum macht mein Kind das?“. Sie wollen besser verstehen.
Und verstehen sie besser?
Leider sind verhaltensorientierte Maßnahmen und Sanktionen im veralteten Schulsystem aber auch in der Kita noch sehr weit verbreitet. Ich wünsche mir auch in staatlichen Systemen Perspektivwechsel im Sinne von Kindern. Für mich hat das, was die tun, immer einen Sinn und wird wie jedes menschliche Verhalten von Freude, Scham, Wut, Ärger, Schmerz oder Angst motiviert und von emotionalen Basis-Grundbedürfnissen nach Verbindung, Sicherheit, Autonomie, Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit gespeist.
Auf all dies zu achten, kann für Eltern ganz schön anstrengend sein.
Ja, denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine der größten Herausforderungen. Der Umgang mit dauerhafter Gleichzeitigkeit von Einflüssen und ständige Erreichbarkeit macht es Eltern schwer, im Hier und Jetzt Priorität auf die Beziehung zu ihren Kindern zu legen. Auch der Umgang mit den vielfältigen Medien ist immer wieder ein großes Thema in Familien. Ich freue mich über die Möglichkeit, meine Gedanken und wissenschaftliche Erkenntnisse durch Bewegtbilder und Formate in die Welt zu senden.
Bieten Reality und Help TV dafür heute andere Voraussetzungen als vor 13 Jahren?
Das könnten Medienwissenschaftlicher besser beantworten, aber ich wünsche mir mehr Familie im Fernsehen. Schließlich kommen alle aus einer, viele haben Kinder und die, die keine haben, waren mal welche. Zu reflektieren, was sie ausmacht und an Bindung, an Beziehung brauchen, erzählt uns die Wissenschaft seit Jahrzehnten zunehmend dezidierter und differenzierter. Wir habe also kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsthema. Mit diesem Format wünsche ich mir daher, dass die Frage, wie wir Beziehung gestalten können mehr in den Mittelpunkt rückt und so auch hilfreich für alle Zuschauer sein kann.
Würden Sie selbst denn Formate wie Helft uns! zur Hilfestellung nutzen oder bleibt es reine Unterhaltung?
Das Interessante an dem Format ist ja, dass es Aufklärung, Einordnung und Dimensionen hinter dem Gesehenen einordnet, also Hilfestellung sein kann und gleichzeitig Unterhaltung. Ich freue mich sehr, dass die Mischung so gelungen ist. Es sind nachgestellte Szenen und Konstellationen, angelehnt an echte Familiensituationen, aber für mich gibt es keine Vorgaben; ich ordne das ein, was ich sehe.
Dennoch fragt sich, warum Sie das 13 Jahre nach der Super Nanny nochmals machen?
Zum einen hatte ich Lust, wieder in eine Produktion einzusteigen, zum anderen nutze ich einfach immer gern alle Möglichkeiten und Sendekanäle in die Öffentlichkeit, um familiäre Mechanismen zu analysieren und aufzuklären, was Kinder brauchen, um psychisch und physisch gesund aufzuwachsen – ob durch Bücher, Artikel, Podcasts oder das Fernsehen. Ich bin dankbar, dass es wieder eine Sendung gibt, die Familie und Kinder in den Mittelpunkt stellt.
Ihre eigenen vier Kinder sind inzwischen alle erwachsen…
Stimmt. Wobei ich den Vorteil habe, dass die Ablösung bei vier Kindern ein längerer Prozess ist. Da ich nach wie vor eine nahe und warme Beziehung zu allen habe, bin ich gut damit klargekommen, dass sie ihre eigenen Wege ins Leben gefunden haben.
Erkennt man Sie eigentlich noch auf der Straße?
Es gab Zeiten, da war es schwierig, sich privat in der Öffentlichkeit zu bewegen. In den letzten Jahren ist das mehr möglich gewesen. Dennoch werde ich immer noch ab und zu erkannt – etwa neulich, als ein älteres Paar mein Praxisschild studiert hat. Wir haben kurz gesprochen und ein Selfie gemacht. Das freut mich, weil es ja heißt, dass gute Botschaften in Erinnerung bleiben und mit mir verknüpft werden. Auch ohne große Fernsehpräsenz kommen Menschen weiterhin auf mich zu und erzählen, welche Bedeutung für Sie Die Super Nanny hatte und wir kommen schnell in persönliche Gespräche.
Auch mit der Bitte um ein bisschen familientherapeutischer Hilfe?
Manchmal kommt die Bitte um einen schnellen Blick aufs Familiensystem und das beschriebene Symptom. Aber wenn man sich das anschaut, gibt es keine kurzen Antworten, denn es ist wichtig, sich das gesamte Beziehungsgeflecht anzusehen und in alle Beteiligten einzufühlen. Trotzdem kann ich Impulse zur Frage geben oder auch einen kleinen Wissensaspekt aus dem, was die Wissenschaft uns zu dem Thema sagt. Die Begegnungen sind oft kurz und dann doch intensiv.
Als Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Sprachheilpädagogik und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sind Sie beruflich bestens fürs Help TV geschult. Waren ein Pfarrer und eine Lehrerin als Eltern ebenso gute Coaches fürs Coaching?
Ich war als Kind oft an der Nordsee und wir haben am Strand gebuddelt, Sandburgen gebaut, im Meer gebadet und im Strandkorb gepicknickt. Es war ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit, an das ich mich gern erinnere. Als ich älter war, bin ich bei Wanderungen mit meinem Vater dann über mehrere Tage von Hütte zu Hütte gelaufen; auch das sind Erinnerungen, die ich als glücklich und erfüllend in mir gespeichert habe. In meiner Arbeit heute, ist mir auch wichtig, dass Eltern vor allem viele gute und neue Erfahrungen in der Beziehung zu ihren Kindern machen können.
Trumps Katzen & Fahris Upir
Posted: September 16, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
9. – 15. September
Der Aufmerksamkeitsökonomie sind Schlagworte bekanntlich lieber als Inhalte. Söders Bart krieg aktuell daher mehr mediale Aufmerksamkeit als Wind und Wetter, während über die Krise der deutschen Autoindustrie ungleich mehr berichtet wird als über das, was sie befeuert: ein Klimawandel, dem wir am Wochenende gefühlt die fünften Jahrhundertregenfälle seit Januar verdanken. Sogar das Versagen bei VW steht allerdings im Schatten des dominierenden Dauerthemas: Ausländer rau… Pardon: Migration.
Der Tipp bis tief in liberale Kreise und Medien lautet: Grenzen eher mehr als weniger dicht, dann gibt’s auch keinen Terror mehr. Das klingt zwar, als hätte man der sozialdemokratischen Vorwärts 1933 empfohlen, mit dem antisemitischen Stürmer im Chor zu hetzen, dann wäre schon kein SPD-Mitglied ins KZ gekommen, aber gut – Politik hat ja bekanntlich nichts mit Überzeugungen, sondern Umfragen zu tun. Und seit neuestem: Katzen.
Seit Donald Trump sie in der presidental debate voriger Woche zur Leibspeise haitianischer Flüchtlinge erklärte, sind Messenger und Portale voller Memes. Allerdings nicht halb so unterhaltsame wie seine anderthalbstündige Demütigung durch Kamala Harris, die sodann auch noch offizielle Unterstützung von Taylor Swift erhielt. Gut 60 Millionen Clicks’n‘Views in den USA beweisen übrigens, welchen Sog das alte Fernsehen noch immer entfalten kann.
Gar so viele sahen Samstag zwar nicht zu, als Regina Halmich Stefan Raab beim Final Fight verdroschen hat. Der Vorgeschmack auf seinen Fünfjahresdeal mit Raab Entertainment brachte RTL mit acht Millionen aber gleich mal einen Tagessieg auf Länderspielniveau ein. Exakt das Achtmillionenfache dessen übrigens, was Luke Mockridge zurzeit bei Sat1 erreichen kann. Für seine Behindertenfeindlichkeit leistet er nun ein wenig Abbitte, hat jedoch von Dieter Nuhr gelernt, dass Zuspruch von rechts am billigsten ist.
Der toxische Lümmel wird also bald auch bei Sat1 wieder gegen alles pesten, was seiner privilegiert weißen Alphamännerwelt zuwider ist. Sein Sender braucht ja alles, was Quote bringt, und wird auch deshalb beim Deutschen Fernsehpreis (hoffentlich) so leerausgehen wie Maxton Hall (während Baby Reindeer, Shogun und The Bear völlig zu Recht bei den Emmys abgeräumt haben) von der nur die Jury weiß, warum sie die Seifenoper neben Deutsches Haus, Zweiflers, Liebes Kind und Push als beste Dramaserie nominiert.
Die Frischwoche
16. – 22. September
Auch die 51. Folge des Sende- und Streamingpodcasts Och eine noch ist da ratlos, aber nicht verstummt. Lieber diskutiert sie über zwei neue Serien, und zwar mit Schaudern. Beim ARD-Zweiteiler Wäldern hat das am Mittwoch allerdings weniger mit dem Gruselstoff des Cold-Case-Gefuchtels mit Rosalie Thomass zu tun, sondern der unfreiwilligen Komik, die das lachhafte Klischeegewitter entfaltet. Richtig zum Fürchten ist parallel auch das zweite Spukformat der Woche nicht, wirkt aber immerhin gewollt komisch – und das mit großer Hingabe.
Als Der Upir spielt schließlich Fahri Yardim bei joyn das gebissene Opfer des Berliner Vampirs Igor (Rocko Schamoni), dem er 30 Tage, verteilt auf acht Folgen à 22 Minuten, zu Diensten sein muss, um wieder ein Mensch zu werden. Peter Meisters Buch und Regie dahinter sind von so dilettantischer Absurdität, dass nahezu alles daran irre ist. Irre komisch vor allem. Das sollte auch die Superduper Show beim Mutterkanal ProSieben sein.
Wer jedoch Edin Hasanovic oder die Kaulitz-Brüder zu Hosts einer gelungenen Idee – Kinder denken sich ulkige Fernsehspielchen für Erwachsene aus – macht, kriegt dienstags zur Primetime eben viel zu laute Selbstbefriedigung eitler Rampensäue zu sehen. Schade eigentlich, aber gut – gibt ja noch genug bessere Unterhaltung ohne Childwashing zu sehen. Die kulinarische ARD-Rundreise durch deutsche Küchen ausländischer Herkunft Alles außer Kartoffeln zum Beispiel, dienstags um 23.30 Uhr (WDR/BR/HR/SR).
Was sonst noch passiert? Die Fortsetzung der Monster-Reihe, mit der Netflix außergewöhnliche Killer porträtiert. Ab Donnerstag: Der unfassbare Elternmord von Lyle und Erik Menendez. Ausnahmsweise ohne reales Vorbild startet Freitag das zehnteilige Modebranchendrama La Maison bei Apple, während So long, Marianne ab Sonntag sehr anrührend und wahrhaftig die Lovestory des Sängers mit der Norwegerin nacherzählt – und deshalb natürlich Lichtjahre vom Batman-Ableger The Penguin mit Colin Farrell zwischendurch bei Sky ist.
Pochers Mockridge & Saalfranks Hilfe
Posted: September 9, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
2. – 8. September
Und wenn man denkt, das Niveau könne nicht mehr sinken, wenn man denkt, unsere Selbstgerechtigkeit sei bodenlos genug, wenn man denkt, sogar männliche Alphahammel würden sich irgendwann mal in einer frühen Vorform von Reflexion und Demut üben, dann kommt Luke Mockridge um die Ecke und gewinnt den Oliver-Pocher-Preis für besonders schäbiges Abwärtstreten.
Kurz vorm Start wurde bekannt, dass sich der Comedian mit offenbar ohnehin bedenklicher Gewaltaffinität zum Start der Paralympics abfällig über behinderte Athlet*innen geäußert hatte. Und weil Sat1 ihm daraufhin eine dieser völlig egalen Fernsehshows entzog, hat er sich zwar halbgar entschuldigt. Aber es geht für den Grüßaugust deutscher Fans von Frauenfeinden wie dem – irrsinnigerweise frisch freigesprochenen Harvey Weinstein – ja auch um geldwerte Aufmerksamkeit.
Andererseits haben die Paralympics kurz vor der gestrigen Abschlussfeier wenigstens mal ein wenig medialer Aufmerksamkeit erhalten. Ansonsten nämlich mussten Sportinteressierte die meisten Wettkämpfe mit der Lupe suchen – auch, wenn ARD und ZDF ihre verblüffend konsequente Nicht-Berichterstattung aus Paris mit spärlichen Weltbildern erklären. Was wohl Lutz Hachmeister darüber geschrieben hätte…
Leider ist der frühere Leiter des Grimme-Instituts und begnadete Medienanalytiker kurz vorm 65. Geburtstag gestorben und lässt uns mit Hasserfüllungsgehilfen digitaler Portale allein. Wobei ihnen ja ein paar Aufrechte entgegentreten, etwa der brasilianische Richter Alexandre de Moraes. Dass dessen Sperrung von Elon Musks Giftschleuder X richtig war, zeigt dabei nicht zuletzt eine Demo des faschistischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro dagegen.
War noch was? Ach ja – der rbb ist und bleibt on fire. Vorigen Dienstag ist der Verwaltungsrat Benjamin Ehlers wegen eines „eklatanten Vertrauensbruchs“ im Sendergremium zurückgetreten und zeigt damit erneut, wie weit der öffentlich-rechtliche Weg zur moralisch-betriebswirtschaftlichen Konsolidierung des Skandalsenders noch ist.
Die Frischwoche
9. – 15. September
Apropos Skandalsender: Als RTL sein übelstes Trash-Fernsehen noch nicht so konsequent auf der eigenen Abraumhalde mit II/2/Zwei am Ende verklappt hatte, stand Katharina Saalfrank ein paar Jahre lang für relativ seriöses Help-TV. Zuletzt wurde der Super Nanny vornehmlich menschenverachtendes Zeug in die Geschichten geskriptet. Aber so erbärmlich, wie ihr neues Format Helft uns! Die Familienretterin ab heute werktäglich um vier Realität simuliert, war es in den Nullern eigentlich nie.
Damals gab es aber auch noch keine Streamer, die den Sendern Beine machten. Apple zum Beispiel, wo Mittwoch die Thriller-Serie Disclaimer des fünffachen Oscar-Gewinners Alfonso Cuarón mit Kate Blanchett als Journalistin auf der Suche nach dunklen Geheimnissen rund um Kevin Kline startet. Oder Netflix, dessen RomCom Romance in the House ab Sonntag reihenweise die nächste Runde K-Pop eröffnet, nachdem kurz zuvor schon die Dramaserie Ein neuer Sommer mit Nicole Kidman als furchterregende Geldadels-Mum angelaufen war.
Disney+, damals für riesige Vergnügungsparks und noch größere Vergnügungsblockbuster zuständig, stellt Freitag das dokumentarische Filmporträt In Vogue über die Chefin des gleichnamigen Modemagazins, Anna Wintour, online. Sky, wo ab Freitag ein bemerkenswertes Klitschko-Porträt läuft, hatte seinerzeit statt eigener Serien nur Kino-Filme oder Fußball gezeigt. Und das Öffentlich-Rechtliche fand natürlich noch ausnahmslos linear statt.
Also nicht in der ARD-Mediathek, wo Mittwoch ein paar seifenfiktionale Feuerwehrfrauen abrufbar sind und tags drauf Charlotte Links Psychothriller Ohne Schuld, bevor sich der Weltspiegel dort am Sonntag Deutschen in Ungarn widmet, die vor unserer Diktatur ausgerechnet zum Demokratie-Verächter Viktor Orbán geflohen sind. Und zwischendurch versammelt die ZDF-Mediathek Vertreter dreier Religionen in einer WG namens Against all Gods.

