Maurice Summen, Buben im Pelz, St. Vincent

Maurice Summen

Es ist Zeit, Maurice Summen Dankeschön zu sagen. Dankeschön für dein wunderbares Label Staatsakt, das progressiver Popmusik aus Deutschland seit langem ein traurig schönes Schaufenster bietet. Danke für deine Hausband Die Türen, deine Radioshow Die Sendung, all den Einsatz für hintersinnige Nischenkultur also, der du seit zwei Jahrzehnten Beine machst. Zugegeben, am Anfang einer Kritik so lobzuhudeln, klingt leicht ranschmeißerisch, muss aber sein. Denn für den Einstieg in dein neues Soloalbum gibt es nur zwei Worte: Fick dich!

Denn so hintersinnig Summens rockelektronischer Eklektizismus durch Paypalpop schimmert: wie er seine Kreativität hier immer und immer und immer wieder mit Autotune verkleistert, ist nicht originell, ist nicht interessant, ist schon ganz und gar nicht ironisch, sondern einfach nur Bullshit. Vor allem aber beraubt es der anderen Hälfte dieser vielfältigen Platte ihrer diskursiven Wucht und sorgt bei seiner eigenen Altersgruppe für etwas fast schon verwerfliches: sich greisenhaft zu fühlen. Trotzdem schönes Album. Trotzdem scheiße.

Maurice Summen – Paypalpop (Staatsakt)

Die Buben im Pelz

Was soll man machen – Prinzipien reiten? Korinthen kacken? Sich selbst verleugnen? Wer langsam mal die Goschen voll hat vom ewigen Zufluss österreichischer Popkulturerretter*innen, wer also auch mal scheiße finden will, was aus Wien, Graz, dem Burgenland unablässig über die Alpen nordwärts rauscht, fände bei den Buben im Pelz gute Angriffsflächen für ein wenig Austrophobie. Knarzige Schweinegitarren, gepaart mit Reval-ohne-Gesang und einem Bandnamen aus dem Hitparadeneck der NDW – alles objektiv eher Wolfgang Ambros als Bilderbuch. Aber genug gemeckert.

Denn das neue Album der sechsköpfigen Retrorockband vom Naschmarkt mag gelegentlich klingen wie besoffene Fußballfans im Bierzelt; dass Alexander Hacke ersichtlich an Geisterbahn mitgearbeitet hat, ist auch nicht ganz zu leugnen. Dank ihm stürzen ständig akustische Neubauten über den Krautflächen ein und bohren so vielgestaltig industrielle Löcher in den Wiener Schmäh, bis sich selbst das totgenudelte Bella Ciao anhört, als käme es aus dem Wutzentrum der Kapitalismuskritik.

Die Buben im Pelz – Geisterbahn (Noise Appeal Records)

Hype der Woche

St. Vincent

Wenn jemand klingt wie ein Hybrid aus Tori Amos und Lady Gaga, kann er, besser: sie nicht so viel verkehrt gemacht haben. Wobei: Dass Annie Clark alias St. Vincent überhaupt mal irgendwas falsch machen könnte, klingt ja ohnehin abwegig. Seit ihrem Debüt vor 14 Jahren hat sie Grammys verschiedenster Kategorien ergattert, bei Nirvana Kurt Cobain ersetzt, David Byrnes Horizont erweitert und vier weitere Platten aufgenommen, die Gefälligkeit struppig definieren wie kaum je ein Popstar zuvor. Jetzt also Daddy’s Home (Loma Vista). 14 Stücke, 14 Heimorgelreiseberichte. Das virile Pay Your Way in Pain fährt gleich zu Beginn nach Minneapolis, um dort mit Prince zu flirten. Das cremige Somebody Like Me klingt später wie ein Karibik-Urlaub in Detroit. Jeder Track tingelt sommerlich beschwingt durch die Orchestergräben, nimmt hier mal eine Marimba mit, dort einen Moog und vernäht alles zu melodramatisch-fröhlichen Netzwerken wie den funkig verschwitzten Titelsong, den St. Vincent zum schlechteren Verständnis scheinbar durch Quark gezogen hat. Wackelpuddingpop. Lecker.


Lisa Bitter: Schlafschafe & Beischläfer

Schlafschafe_1620395225383633_v0_l

Irgendwann hilft nur noch Abgrenzung

In der Neo-Serie Schlafschafe spielt Tatort-Kommissarin Lisa Bitter (36) eine Frau, die zur Verschwörungsideologin wird und damit ihre Familie zu zerstören droht. Ein Gespräch über Querdenker und Schmerzgrenzen, Cobra 11, Instant-Dramas oder wie es ist, in der Pandemie die Pandemie zu spielen

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Lisa Bitter, in der Neo-Serie Schlafschafe spielen Sie eine Frau, die während der Pandemie tief ins Querdenker-Milieu abgleitet. Kennen Sie solche Menschen persönlich?

Lisa Bitter: In meinem engeren Umfeld hat sich glücklicherweise niemand in dieser Weise radikalisiert. Darüber hinaus höre ich natürlich schon von Freundschaften, die zerbrochen sind oder Paaren, die sich trennen. Weil ich selbst keine Kinder habe, kriege ich zum Beispiel das in der Serie aufgegriffene Thema Maskenverweigerung in Kita oder Schule nicht so hautnah mit.

Wie würden Sie denn damit umgehen, wenn Ihr eigener Mann anfinge, Masken zu perforieren und Rauchmelder abzunehmen?

Ich würde vermutlich wie Lars bei Melanie im umgekehrten Fall versuchen, ihn mit allen Mitteln auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen oder zumindest im Gespräch zu bleiben. Ab einem bestimmten Punkt scheint mir das allerdings unmöglich. Eine Erkenntnis dieser Arbeit ist, dass Querdenker demokratische Spielregeln von Information und Teilhabe, auf die wir uns in einer funktionierenden Demokratie geeinigt haben, so ad absurdum führen, dass echter Austausch unmöglich wird.

Weil Gegenargumente nur als Indizien der jeweiligen Blindheit gelten?

Genau. Das macht dieses Dilemma schier unauflösbar und so dramatisch, weil die Gefahr, Menschen zu verlieren, die man liebt, gewaltig ist. Da hilft irgendwann nur noch Abgrenzung.

Grenzen Sie sich auch von 53 Kollegen und Kolleginnen ab, die unter #allesdichtmachen Figuren wie Lars und Sie als „Schlafschafe“ bezeichnen, Medien als gleichgeschaltet kritisieren und Lockdowns als übertrieben?

Ich distanziere mich von Haltungen, die zur Spaltung der Gesellschaft beitragen und empfinde die gesamtgesellschaftliche Stimmung da als sehr angespannt. Umso wichtiger erscheint es mir, mit Bedacht und Feinfühligkeit in die Kommunikation zu gehen.

Geht dieser Vorwurf auch an Ihre Kollegin Ulrike Folkerts vom Ludwigshafener Tatort, die anfangs auch mitgemacht hat?

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Bietet die Serie denn Strategien im Umgang mit Querdenkern an oder ist sie so fatalistisch, wie Sie gerade klingen?

Ich glaube, die Serie will nur abbilden, was in dieser Konfliktsituation passieren kann und wie schwer es ist, sich daraus einvernehmlich zu befreien. Kompliziert wird es für Leute wie Lars ja, weil sich Melanie aus einem Gefühl von Angst und Sorge auch um ihr Kind auf den Weg ins Dunkel macht; diese Ängste kann man ja nicht ignorieren. Ebenso wenig wie das Bedürfnis, auf Fragen einer komplizierter werdenden Welt simple Antworten zu suchen. Darin steckt ja das Perfide der Verschwörungsideologie, die zugleich für systematische Immunisierung gegen vielschichtige Betrachtungen sorgt.

Hat Ihre Figur demnach die Opfer- oder Täter-Funktion der Serie?

Verglichen mit Lars, der vor allem reagiert, ist sie in jedem Fall die Tätige im Sinne von Handeln. Wobei die meisten Verschwörungsgläubigen sich anfangs vermutlich in einer Opferrolle sehen, aus der sie sich befreien wollen. Eine gewisse Ohnmacht der sie scheinbar ausgeliefert sind. Der „Befreiungsakt“ und die Radikalisierung lässt sie dann eventuell zu Tätern werden.

Wie hat es sich für Sie denn angefühlt, das zu spielen – eher gut oder eher böse?

Mit dieser Form von Wertung tue ich mich als Schauspielerin generell schwer; schon, weil interessante Rollen nur selten das eine oder das andere sind. Da ich als „Tatort“-Kommissarin seltener mit dem Bösen assoziiert werde, habe ich mich unglaublich auf diese Figur gefreut, aber eher, weil ich ihre Denk- und Handlungsweise privat so ablehne. Trotzdem hatte ich bei ihrer Ausgestaltung kein Gefühl von gut oder böse, eher von stringent und logisch. Ich versuche meine Rollen nicht zu werten, sondern glaubhaft zu machen.

Wie war es denn dabei, in der Pandemie die Pandemie zu spielen?

Sehr befriedigend. Einen Themenkomplex von dieser aktuellen Relevanz habe ich zuvor noch nie gedreht. Oft war es so, dass die Nachrichtenlage vom Vortag morgens direkt in die Arbeit eingeflossen ist. Weil jeder eine Haltung dazu hatte, herrschte bei allen Beteiligten besondere Aufmerksamkeit für diese Art „Instant Fiction“, wie sie das ZDF nennt. So nah am Thema zu sein, finde ich toll, das darf sich gern wiederholen.

Glauben Sie, die Echtzeit-Verarbeitung der Realität macht Schule und wir sehen nach der Pandemie mehr Instant Fiction?

Das wäre doch mal ein cooles Überbleibsel einer Zeit, in der ich ständig denke, das Gröbste sei jetzt aber mal überstanden und alles wird besser, nur um sofort eines Besseren belehrt und wieder enttäuscht zu werden. Wer weiß: vielleicht ist die Pandemie nie ganz weg, vielleicht bleiben uns Masken und Abstand erhalten. Warum sollte uns da nicht auch diese Art der fiktionalen Erzählung erhalten bleiben? Das empfände ich als Zugewinn.

Spielen Sie generell lieber zeitgenössischen Realismus wie Schlafschafe als heitere Belanglosigkeit wie Beischläfer?

Ich finde, alles ist auf seine Art wichtig – Leichtigkeit und Humor genau wie Wahrhaftigkeit und Ernst. Trotzdem gefällt es mir schon besonders, wenn wir zum Beispiel im Tatort reale und aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen und mit guter Unterhaltung verbinden. Man spürt regelmäßig an der Resonanz, wie viel intensiver Medien und Publikum darauf reagieren. Dennoch ist mir die Unterschiedlichkeit der Genres, mit denen ich mich beschäftigen darf, sehr willkommen.

Also auch Cobra 11, was vor zehn Jahren eher bei Ihnen vorkam als heute der Tatort Ludwigshafen oder Schlafschafe?

Ich bin jetzt seit 15 Jahren in dem Beruf und gerade am Anfang der Karriere ist es wichtig, viel zu arbeiten, um in möglichst vielen Genres Erfahrungen zu sammeln und das Handwerk zu schulen. Natürlich gibt es Formate, die einen eher künstlerisch ernähren, und solche, die es mehr finanziell tun. Diese Waagschale ist fair und völlig in Ordnung.

Aber wo wäre da denn Ihre Schmerzgrenze?

Nicht bei Cobra 11 jedenfalls. Das ist ein supererfolgreiches Format, bisschen Kindergeburtstag für Schauspieler*innen: es brennt, kracht, es knallt. Ihre Frage ist absolut berechtigt, zumal es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer noch einen Bildungsauftrag gibt. Dem Publikum handwerkliche, hochwertige Unterhaltung zu bieten, ist völlig okay.

Sie pflegen also keinen Dünkel gegen Trash?

Keinen. Deshalb habe ich meine Agentur mal gebeten, mir Bücher nur ohne Nennung des zugehörigen Formats und Senders zu schicken, damit ich unvoreingenommen auf den Inhalt blicke. Wobei nein sagen zu können, ein Privileg ist.

Können Sie öfter Nein sagen, seit Sie 2014 Tatort-Kommissarin geworden sind?

Definitiv. Es verbessert aber nicht nur die Verhandlungsposition, sondern sorgt in meinem unsteten Beruf auch für mehr Planungssicherheit. Wer zwei Filme dieser Größenordnung dreht, kann in der Zwischenzeit sorgsamer auswählen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Funktionieren Schauspielerinnen demnach wie Verlage, die sich literarische Perlen mit Massenware finanzieren?

Ein bisschen ist das so – obwohl ich es weniger drastisch formulieren würde. Auch in der Masse gibt es schließlich Perlen.

Zwei Tatorte im Jahr heißt dennoch: auch mal ein Studentenfilm ohne große Gage.

Sehr gerne sogar.


Bruchs Basis & Schlafschaf Lisa

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 8. Mai

Wäre Mark Zuckerberg nicht selbst eine so obskure Figur der Megaprofitmaximierung, man könnte meinen, er brächte grad Licht ins digitale Dunkel. Just nämlich, als auch seine Macht- und Geldmaschine droht, durch die geplante globale Unternehmenssteuer so etwas Bürgerliches wie Steuern zahlen, also dem Gemeinwohl dienen zu müssen, darf Facebook dem Nutzer auch weiterhin die Accounts sperren, der das mit allen Mitteln verhindern wollte. Nur um den Namen nach einer Zeit der Stille hier mal wieder hinzuschreiben: Donald Trump.

Ja, den gibt’s noch. Nur ist er eben kaum noch zu hören, seit ihm Twitter, Instagram und Facebook die Lautsprecher gekappt haben. Das dürfte Rassisten wie Jens Lehmann, den Sky dank der Beleidigung seines Moderationskollegen Dennis Aogo endlich rausgeschmissen hat, vermutlich ebenso missfallen wie Volker Bruch, der nach seiner als Meinungsbeitrag getarnten Demokratieattacke #allesdichtmachen nun folgerichtig bei der Querdenker-Partei Die Basis um Aufnahme gebeten hat. Womit ihn das größte Querdenker-Blatt im großen Bild-Interview aber nicht weiter behelligen wollte.

Derweil bejubelt Bruchs Buddy Jan Josef Liefers auf Twitter 14 Millionen Zuschauer des Tatort Münster. Schließlich hält er die Topquote für einen Beleg der bürgerlichen Akzeptanz seiner Gleichschaltungssuada und nicht das, was es eher sein dürfte: eine Art Populism Porn derer, die wissen wollten, ob sich JJLs Sicht auf Corona und Medien bei Professor Boerne wiederfindet. Tut sie nicht. Aber den neofeudalen Allwissenheitsdünkel teilen sich Figur und Darsteller schon.

Apropos Figur und Darsteller: Indem sich Billie Eilish halbnackt mit Fick-mich-Blick auf dem Vogue-Cover räkelt, schlägt die Body-Positive-Ikone all jenen Mädchen ins Gesicht, denen sie bislang das Bodyshaming austreiben konnte. Jetzt dürft ihr euch wieder schön schämen, nicht so dünn, sexy und fuckable zu sein wie euer Vorbild, liebes Click- and Pay-Vieh. Und damit wieder zurück zu Volker Bruchs Realitätsverdrehung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

10. – 15. Mai

Die nämlich erhält ab morgen bei Neo fiktionale Weihen einer Instantserie. In Schlafschafe spielt Lisa Bitter eine Mutter, die während der Pandemie sechs Teile lang tiefer in Verschwörungsideologien abdriftet, bis ihre Familie (fabelhaft: Daniel Donskoy) auch an den Lügen eines Querdenkers (auch toll: August Zirner) zerbricht. Das ist auf ähnlich beklemmend, aber natürlich nicht annähernd so opulent wie Underground Railroad.

Oscar-Gewinner Barry Jenkins (Moonlight) verwandelt Colson Whiteheads gleichnamigen Roman dabei ab Freitag auf Amazon in ein achtstündiges Epos über die amerikanische Sklaverei vor knapp 200 Jahren, das einiges über die Situation Schwarzer in den USA George Floyds und Donald Trumps erzählt. Ebenfalls von PoC auf dem Weg der Emanzipation handelt eine Starzplay-Serie, die dennoch unterschiedlicher kaum sein könnte. Ab Sonntag erzählt Run the World die Geschichte vier Schwarzer Frauen um die 30 in New York – allerdings in einem Glamour, der an Sex and the City erinnert.

Umso erstaunlicher, dass die Charaktere beim Shoppen, Ficken, Schönsein Zeit haben, Rassismus und Misogynie anzuprangern – wenngleich sehr subtil. Eher ulkig geht die TNT-Serie The Mopes ab morgen mit einem Trendthema ohne Humorlobby um. Nora Tschirner spielt eine Fleisch gewordene Depression, die im Auftrag der Abteilung für psychische Krankheiten dafür sorgt, Betroffene wie einen gescheiterten Musiker zur Leidenseinsicht, also Therapiebereitschaft zu bringen. Ästhetisch auf Wes-Anderson-Niveau, ist das fast zu grotesk, um tiefgründig zu sein. Aber eben nur fast.

Geradezu grotesk komisch ist Joseph Vilsmaiers Amazon-Komödie Der Boandlkramer ab Freitag mit Bully Herbit als Tod und Hape Kerkeling als Teufel. Bierernst dagegen bleibt das Platzangst-Drama The Woman in the Window auf Netflix, wo parallel folgendes startet: die 2. Staffel der irren Kurzfilmreihe Love, Death & Robots, der holländische Gangsterfilm Ferry mit Huub Stapel sowie die deutsche Kino-Übernahme Und morgen die ganze Welt mit Mala Emde als verliebte Linksextremistin. Kleiner Tipp am Rande: Arte zeigt Mittwoch Der unverhoffte Charme des Geldes – ein Brennpunktmärchen um den gebildeten Pierre-Paul (Alexandre Landry), der als Paketbote arbeitet – bis er an die Beute eines Millionenraubes gerät…


Andreas Spechtl: Ja, Panik & Die Gruppe

Poesie muss nicht verständlich sein

Seit ihrem Umzug nach Berlin vor 15 Jahren zählen Band Ja, Panik zu den Stars im deutschsprachigen Pop-Underground. Stets im Rampenlicht: Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist, Texter und Außenminister des notorisch schwarzgekleideten Quartetts aus dem Burgenland. Ein Interview mit dem 36-Jährigen über Popkulturepochen, seine Politisierung durch G8-Gipfel, ein Musikerleben in der Merkel-Ära und warum das erste Album seit sechs Jahren schlicht Die Gruppe heißt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas Spechtl, gibt es für Musik so etwas wie Konjunkturen, also gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die sie begünstigen?

Andreas Spechtl: Ich denke schon, dass jede Zeit ihre Musik hat, aber interessanter finde ich die Frage, was zuerst da war – die Zeit oder ihre Musik. Macht Kultur Epochen oder machen Epochen Kultur?

Na, das ist ja mal ein kulturoptimistischer Ansatz zu glauben, Musik hätte die Möglichkeit, ihre Zeit zu prägen…

Ich meinte das eher im Sinne, dass die Kunst dafür geschaffen ist, Welten zu erfinden, in denen sich die Realität, wenn schon nicht verwirklicht, dann wenigstens verbildlicht. Kunst hat die Möglichkeit, ungedachte Ideen in die Welt zu setzen. Das merkt man schon daran, wie viel Underground irgendwann im Mainstream, gar in der Werbung landet. Am Ende ist es aber insofern ein Geben und Nehmen, weil man Kunst und Zeit gar nicht komplett voneinander trennen kann.

Gab es demnach gesellschaftliche, politische, kulturelle Umstände, die 2005 quasi organisch zur Gründung einer Band wie Ja, Panik geführt haben?

Die gab es bestimmt, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber wenn die Umstände so prägend wären, würden wir noch dieselbe Musik machen wie damals. Obwohl wir in Bewegung waren, aus dem Burgenland nach Wien von da aus schnell nach Berlin, ist Ja, Panik eher aus einem persönlichen Zusammenhang als äußeren Umständen entstanden. Andererseits war damals gerade Genua passiert.

Ein G8-Gipfel, der 2001 in unfassbarer Polizeigewalt gipfelte.

Damals habe ich mich überhaupt erstmals als politisches Wesen wahrgenommen.

Hat sich dieses abrupte Ende der Neunziger, deren Hedonismus in 9/11, Dotcom-Blase, Finanzkrise und Genua explodierte, also auch auf euch als Band ausgewirkt?

Wenn die gesamte künstlerische Schaffensperiode deckungsgleich mit der Ära Merkel ist, wird das wohl so sein (lacht). Die verordnete Alternativlosigkeit ihres politischen Handelns spiegelt sich als Gegenimpuls gewiss auch in Ja, Panik wieder.

Passt das neue Album Die Gruppe demnach zum Ende der Ära Merkel, das ja spätestens durch die aktuelle Nachfolgedebatte in der CDU eingeläutet wird?

Eigentlich nicht, denn die Stücke sind anders als bei den Alben zuvor über einen so langen Zeitraum hinweg entstanden, dass einige davon ungefähr so alt sind wie die laufende Legislaturperiode. Als wir dann damit ins Studio gegangen sind, hat die Pandemie zwar alles verändert. Aber weil vorher auch schon vieles im Krisenmodus war, ist das einzig neue dieses Virus, das von Populismus bis zur Krise des Gesundheitssystems alles Virulente unserer Zeit wie unterm Brennglas sichtbar macht. So läuft es auch mit Ja, Panik: Die Gruppe beschäftigt sich zwar mit den Themen ihrer Zeit, aber auch über die kann man besser sprechen, wenn sie ein wenig zurückliegen. Ich finde es grundsätzlich interessanter, wie es zu etwas kommen konnte, als wie es gerade ist.

Klingen Stücke wie Gift oder On Livestream also nur zufällig nach Pandemieverarbeitung oder sind sie tatsächlich währenddessen entstanden?

Die sind interessanterweise älter. On Livestream ist während meiner Residency in Teheran entstanden, das Goethe-Institut hatte mich zwei Monate dorthin eingeladen. Mein Leben mit Lockdowns, in denen man meistens zuhause ist – dieses Leben hatte ich seinerzeit im Iran kennengelernt. Dort passiert eigentlich alles Private daheim, die Straße ist ein feindlicher Ort. Dass das nun auch für Berlin gilt, war beim Schreiben des Songs nicht zu erwarten, zeigt aber zum einen, welche Latenz Poesie haben kann, zum anderen, dass unser Leben schnell so werden kann wie jenes im Iran, wo der Lockdown quasi ein Dauerzustand ist.

Heißt das, die Pandemie hat auch ihr Gutes, weil man das eigene Leben mal kritisch hinterfragt und mit dem Rest der Welt ins Verhältnis setzt?

Unbedingt. Was unsere Normalität von damals bedeutet, merken wir womöglich erst jetzt und werden es nochmals neu entdecken, wenn wir wieder zu ihr zurückkehren. Das kann sehr erhellend sein.

Wie ist abgesehen von dieser Möglichkeit dein aktueller Seelenzustand?

Bis Ende 2020 war es für mich gar nicht so schlimm, weil ich intensiv an der neuen Platte gearbeitet habe und so gesehen im selbstverordneten Lockdown war. In der Jahreszeit bin ich eh relativ asozial, da war ich manchmal froh, mich einigeln zu können. Seit das Album fertig ist und der Platz im Kopf frei für normales Leben, schlägt sich die Pandemie aber schon auch darin nieder.

Sind eure Platten also, zurück zur Eingangsfrage, Spiegelbilder deiner inneren Verfassung oder der äußeren Umstände?

Der Grundversuch der ja, panischen Poesie war immer, die Welt durch die innere Verfassung von uns selber als kleinstem Teil darin ein bisschen besser zu verstehen. Völlig frei von den Verhältnissen über mein Gefühlsleben zu schreiben, hat mich noch nie interessiert. Ich kann mich ja nicht ohne das System denken, in dem ich lebe.

Umso erstaunlicher ist es, wie viel ihr den Zuhörer*innen abverlangt, diese Gedanken zu verstehen. Wollt ihr euer Publikum verwirren oder bin ich nur zu begriffsstutzig?

Letzteres würde ich niemandem unterstellen. Wir nehmen unsere Hörer*innen sehr ernst. Aber ich verlange von Musik, also Poesie überhaupt nicht, verständlich zu sein. Auch ich verstehe nicht alles, was ich schreibe. Auch bei anderen interessiert mich Kunst erst dann so wirklich, wenn sich ihr Sinn nicht sofort offenbart. Ich möchte nicht alles durchschauen. Die Welt hat ohnehin so viele ihrer Geheimnisse verloren, da finde ich es schön, nicht alles auf den ersten Blick zu begreifen. Entsprechend schade ist es, wenn jemand unsere Texte Wort für Wort auseinandernimmt.

Du verlierst dich also gern mal in der Schönheit der Sprache oder dem, was der HipHop Punshlines nennt?

Ich glaub jedenfalls fest an die Poesie der Schönheit. Wer sich mit einer konkreten Idee an Dinge setzt, vermittelt selbst dann Inhalte, wenn sie schwer zu begreifen sind. Das ist glaube ich das Wesen von Ästhetik.

Was sagt der maximal konkrete, gleichsam diffuse Titel „Die Gruppe“ da über den Inhalt aus?

Dass wir uns erstmal wieder darüber im Klaren werden wollten, was Ja, Panik überhaupt war, was an der Gruppe erhaltenswert, was erneuerungswürdig ist. Wir sind jetzt Ende 30. Da stellt man sich schon mal die Frage, welche Richtung unsere Existenzen nehmen. Zugleich geht der Titel über uns hinaus und stellt die Frage, wie Arbeit im Kollektiv generell funktioniert. Jeder hat seine Gruppen.

Meine Deutung war zunächst, Ja, Panik möchte sich und uns beweisen, dass sie mehr ist als Andreas Spechtl.

Das würde voraussetzen, es gäbe Klarstellungsbedarf. Ich bin nun mal eine Art Außenminister der Gruppe, darauf hätte niemand sonst Lust. Frag mal Stefan, ob er Interviews geben möchte! Der macht lieber das Cover, ein anderer die Tourposter. Ja, Panik funktionieren wie ein kleiner Staat mit Ressorts, in denen jeder seine Stärken ausspielt. Wir sind damit sehr zufrieden.


Wolfsrudelführer & Jenke.Crime

Die Gebrauchtwoche

26. April – 2. Mai

Liebe #Allesdichtmacher*innen – da euch fürs Marketing jedes Mittel recht ist, sollt ihr es kriegen. Trotz aller Stürme von links machen weiterhin die effektivste AfD-Reklame des ganzjährigen Wahlkampfes: Volker Bruch, Nina Gummich, Cem Ali Gültekin, Felix Klare, Vicky Krieps, Thorsten Merten, Maxim Mehmet, Wotan Wilke Möhring, Nina Proll, Miriam Stein, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Hanns Zischler – um nur die populärsten zu nennen. Ruhm und Ehre, wem Ruhm und Ehre gebührt…

Pasquale Aleardi dagegen, Peri Baumeister, Meret Becker, Martin Brambach, Ken Duken, Inka Friedrichs, Ulrike Folkerts, Heike Makatsch, Richy Müller, Nicholas Ofczarek, Trystan Pütter, Manuel Rubey und Kostja Uhlmann, um auch hier nur bekanntere aufzulisten, haben ihre Videos teils zerknirscht zurückgezogen. Die Wolfsrudelführer Jan Josef Liefers und Dietrich Brüggemann, wollen uns zwar weismachen, das sei allein aus Angst vorm Lynchmob linksradikaler Schlafschafe geschehen; doch wir glauben eher an Verstand, Empathie und etwas, das Mittfünzigern wie Liefers fremd ist: Selbstreflexion.

Daran dürfte sich auch nichts ändern, nur weil ihm Jan Böhmermann – Hobbysatiriker*innen aufgepasst: ironisch, statt populistisch – die Leviten liest (was man sich übrigens auch von Oli Welkes heute-show gewünscht hätte). Im Gegenteil, Liefers feuilletonistischer Deutschland-erwache-Move wurde ja noch dadurch geadelt, dass ihn Die Zeit zum Gedankenaustausch mit Jens Spahn lud und der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin idiotischerweise ein Auftragsverbot forderte. So viel Reputation für so wenig Substanz – vielleicht sollte man an dieser Stelle Corona kurz ganz leugnen, dann gibt’s womöglich ein Dinner mit Angela Merkel im Ersten.

Wobei: die erste Geige nachrichtlicher Relevanz spielt bald die Konkurrenz. Inmitten der Shitstorms um Meinungs- und Medienkorridore wurde publik, dass die Lügenpressevertreterin Linda Zervakis endlich aufgewacht ist und mit Matthias Opdenhövel zum deutschen CNN ProSieben wechselt, um dort im Herbst ein Wahlmagazin zu moderieren. Der Maskenverweigerer Volker Bruch könnte dasselbe dann ja mit dem abstandsverachtenden Dietrich Brüggemann und ihrem demokratiekritischen Spindoktor Paul Brandenburg für Jürgen Elsässers CompactMagazin machen oder gleich direkt in der AfD-Zentrale.

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Mai

Der zivilisatorische Impuls könnte nun gebieten, die Wochentipps mit Warnhinweisenzu versehen, was mit Allesdichtmachern besetzt wurde. Wir bleiben aber journalistisch und empfehlen ungeachtet aller Personalien folgendes: Jenke.Crime. Obwohl der Selbsterfahrungsreporter bei Pro7 ähnlich robust wie bei RTL die Grenzen der Objektivität übertritt, ist seine Talkshowreportage (dienstags, 20.15 Uhr) schon deshalb erhellend, weil er vier Verbrechern mit insgesamt 57 Jahren Knasterfahrung auf Augenhöhe begegnet, ohne ihre Opfer zu vergessen.

Von RTL kommt auch Eric Stehfest. Nie gehört? Null Problem! Der C-Promi war nur Fans von GZSZ oder Let’s Dance bekannt. Dann machte er seine Meth-Sucht publik. Sein Roman 9 Tage wach wurde ansehnlich für Pro7 verfilmt. Ab heute begibt er sich bei TVNow in Therapie, wobei Eric gegen Stehfest einen verblüffend reflektierten Mann Anfang 40 zeigt. Und weil es offenbar die Woche unterhaltsamer Selbstdarstellung ist: Donnerstag startet Joyn die Personality-Show Achtung, Aaron! mit einem Influencer namens Troschke.

Linear könnte man noch Goldjungs empfehlen. Als Groteske über die Insolvenz der Herstatt-Bank von 1974 getarnt, reproduziert der Mittwochsfilm aber doch nur den öffentlich-rechtlichen Drang zum Kostümfest. Origineller ist da, was öffentlich-rechtliche Mediatheken ab Freitag zeigen: die vierteilige Dramedy All You Need über schwule Millenials in Berlin (ARD) oder die heterosexuelle Sadcom Lu von Loser (ZDF), in der sich Regisseurin Alice Gruia nach eigenem Drehbuch als Schwangere mit Bindungsängsten inszeniert.

Zum Schluss drei Netflix-Streams: Mittwoch startet die vierteilige Serienkiller-Doku Sons of Sam, Donnerstag das Drama Monster! Monster? um einen Schwarzen Teenager, der zu Unrecht des Mordes beschuldigt wird, Freitag die Superheldenkinderserie Jupiter’s Legacy, begleitet von Staffel 2 der ulkigen Gamer-Comedy Mythic Quest bei Apple+.


Fernsehquerdenker & Rollergirls

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. April

Puh. Also. Hmm. Sagen wir mal, auf dem Weg vom We Love to Entertain You zum We’d like to Inform You ist noch reichlich Luft nach oben. ProSieben mag mit Jan Hofer, Linda Zervakis oder Matthias Opdenhövel gerade öffentlich-rechtliches Fachpersonal fürs Journalistische horten – was Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock direkt nach ihrer Nominierung am vorigen Montag im Exklusiv-Interview abverlangt haben, war – hüstel – doch eher gut gemeint als gelungen.

Natürlich kann ein bisschen frischer Wind das Info-Genre ähnlich auflockern wie Jörg Kachelmanns Blumenkohlwolken einst den Wetterbericht. Aber ob man den siegreichen Teil einer grünen Doppelspitze fragen muss, ob sie nicht im Duo mit Robert Habeck antreten wolle, ob ihr der Arsch auf Grundeis gehe und Eierstöcke vonnöten seien, vom Applaus am Ende ganz zu schweigen – nun ja… Aber wie ARZDF auf die Hoffnungsträgerin vom Trampolin reagiert haben, lässt auch nichts Gutes bezüglich der Überparteilichkeit befürchten.

Selbst Claus Kleber behandelte Baerbock so zahm, dass Caren Miosga in den Tagesthemen als einzige jenen Biss zeigte, der sie weiter östlich ins Fadenkreuz demokratiefeindlicher Regime rücken würde. Während die Pressefreiheit in Russland, Polen, Ungarn stirbt, ist diesbezüglich aber auch Deutschland abgerutscht. Für Reporter ohne Grenzen sie nur noch gut statt zufriedenstellend. Während der Journalismus vielerorts unter staatlichem Sperrfeuer steht, wird er hierzulande allerdings eher vom rechten Pöbel angegriffen.

Ach ja, und von Jan Josef Liefers. Unterm Hashtag #allesdichtmachen brachte er 52 Kolleg*innen dazu, ulkige Videos gegen die Corona-Politik zu drehen. Vorgeblich wollte der diktaturerfahrene Dresdner mit seiner „Ironie“ gegen „die Medien“ den Meinungskorridor erweitern; doch produziert vom populistisch auffälligen Konrad A. Wunder wühlen TV-Stars von Wotan Wilke Möhring bis Ulrich Tukur (weibliche von Heike Makatsch bis Ulrike Folkerts ziehen ihre Videos grad reuig zurück) so tief im Verschwörungssumpf, dass es Applaus nur von der AfD und ihrer SA aus Pegida, Querdenkern, Bild-Zeitung hagelt.

Bis auf Liefers, der sich bei 3 nach 9 zuschalten ließ und die BRD im WDR-Interview unterschwellig mit der DDR gleichsetzte, offen debattiert haben nur Gegner der Aktion wie Kida Khodr Ramadan, die meisten der Allesdichtmacher*innen allerdings ließen Presseanfragen unbeantwortet und origineller noch: ihre Kommentarspalten gesperrt. So viel zum Thema, man wolle zu einer offenen Debatte anregen.

Die Frischwoche

26. April – 2. Mai

Leider kann man sich nicht mehr wünschen, sie landen alle bei Promis unter Palmen: die heutige Fortsetzung hat Sat1 nach einer Reihe homophober Mobbing-Skandale abgesetzt. Ist eh interessanter, zeitgleich den ZDF-Film Das Versprechen zu sehen, in dem Regisseur Till Endemann gleich zwei soziokulturelle Tabuthemen behandelt: Alleinerziehende Väter und männliche Depression – beides eigentlich rein weiblich besetzt Themen, also für Schauspielerinnen wie Tanja Wedhorn.

In der zweiten Staffel Fritzie wächst das Telenovela-Pflänzchen parallel im ZDF weiter zum ernstzunehmenden Schauspielbaum heran. Jan Josef Liefers dürfte das alles zu modern sein, weshalb wir ihm hier lieber das konventionelle Vorwende-Melodram Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution empfehlen. Leicht ostalgischer Pathos – genau sein Stil. Und im Anschluss deckt sein Soulmate Maria Barth bei RTL auf.

Für Leute mit mehr Geschmack als Sendungs- und Marketingbewusstsein und gäbe es folgendes: Die spanische Magenta-Serie Alive and Kicking, in der ab Dienstag vier verhaltensauffällige Teenager aus der Psychiatrie fliehen und sich selbst entdecken. Ebenfalls im Coming-of-Age-Spektrum mit unerwartetem PoC-Faktor spielt ab Freitag die amerikanische Netflix-Serie Concrete Cowboy, bevor Neo (23.25 Uhr) den französischen Zehnteiler Derby Girl aus der französischen Rollerball-Szene zeigt. Und zwischendurch verpflanzt der Psychothriller Things Heard & Seen ein New Yorker Ehepaar am Donnerstag in ein Vorstadthäuschen, das sich als House of Horrors entpuppt – alles wie das SciFi-Stück Voyagers (Freitag, Amazon) garantiert Liefersfrei.


Internat. Music, Dinosaur Jr., Eydís Evenson

International Music

Wenn man Ja, Panik und Wanda mit viel Bilderbuch in den Dampfgarer schmeißt und einen Löffel Tauchen Prokopetz darunter rührt, müsste das eigentlich klingen, als entstünde das Mahl in Wien, also tendenziell sehr weit südlich vom Ruhrgebiet. Dabei kommt die Austropopband der Stunde aus Essen, wird aber auch nicht ganz zufällig in Ostberlin produziert. Dort hat das weltbeste Label Staatsakt vor ein paar Jahren International Music entdeckt, und ihr zweites Album belegt, warum es die aktuell weltbeste Gitarrenrockband ist. Mindestens.

Wie auf Die besten Jahre vor drei Jahren, nur noch viel facettenreicher, leuchte Peter Rubel, Pedro Goncalves Crescenti und Joel Roters mit der klassischen Instrumentierung den Resonanzraum des bombastischen Minimalismus bis in den hinterletzten Winkel aus und entdecken dort Klangstrukturen, von denen niemand geahnt hätte, wie geordnet das Chaos klingen kann. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang, bisschen Keyboards und deutschsprachiger Postpunk hat den steinigen Weg von der NDW zur Hochkultur endgültig geschafft.

International Music – Ententraum (staatsakt)

Dinosaur Jr.

Weil die hinterletzten Winkel bombastisch minimalistischer Resonanzräume aber auch mal anstrengend sind, lohnen sich gelegentliche Abstecher auf jene Lichtungen populärer Musik, die schon immer unkompliziert und angenehmm gut beleuchtet waren. Von Dinosaur Jr. zum Beispiel. Seit 1984 singt Joseph Donald, genannt J, Mascis mit seiner querzerkratzten Wiegenliedstimme davon, wie sehr ihm das Leben zu schaffen macht. Wenn er dazu wie immer die Indie-Klampfe scheppern lässt, klingt das fast 40 Jahre später also schwer angestaubt – und sowas von schön!

Postrock ist längst Alternative ist längst Grunge ist längst Crossover ist längst in 1000 Richtungen mal zarter mal harter Riffs zerfasert, aber J, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph machen weiter das, was sie halt machen, nur faltiger als zuvor auf dem Dutzend Platten zuvor. Die neueste heißt Sweep it into Space und abermals schafft das Trio den Spagat zwischen breitbeinigen Gitarrensoli und androgyner Selbstbeschränkung mit einer melancholischen Fröhlichkeit, die im Sitzen mitreißt.

Dinosaur Jr. – Sweep it Into Space (Jagjaguwar)

Eydís Evensen

Und damit wir zwischen ziemlich neu und ganz schön alt, zwischen irgendwie eigensinnig und eigenartig vertraut, zwischen Dadapop und Indierock noch ein paar Zwischentöne setzen, kommt hier etwas aus dem Herzen orchestraler Kammermusik: Island. Hoch im Norden der Insel, wo die Sommer kurz sind und die Winde rau, hat Eydís Evensen das Klavierspielen gelernt und später in London oder New York zur Perfektion gebracht. Wenn eine Isländerin Klassik macht, klingt das allerdings wie selbstverständlich völlig anders als im großen Saal der Elbphilharmonie, wenn er denn wieder öffnet.

Ihr Debütalbum Bylur ist eine Ode an die Natur, vertont mit dem sinfonischsten aller Instrumente, aber mit urbanem Gespür für Ästhetik und Sound. Aufgenommen von Valgeir Sigurðsson im Greenhouse Studio, wo der ortsansässige Komponist bereits mit Björk oder Ben Frost produzierte, mäandern die 13 Stücke stilistisch durch Fjorde und Gletscher, klingen aber stets auch nach Reykjavík, dem heißesten Hotpot atmosphärischer Popmusik. Postklassisches Piano für Hirn und Herz denaturierter Stadtbewohner – extrem wohltuend.

Eydís Evensen – Bylur (XXIM Records)


Prinz Philip & Brennpunkt Wedding

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. April

Sieben. Was nach einem Drama von David Fincher klingt, ist die Zahl der Sender, denen das Begräbnis von Prinz Philip Übertragungen wert war, Spitzenmeldung bei Tagesschau und heute inklusive. Das Ableben eines Greises, der seine Privilegien, den Reichtum, all die feudale Selbstherrlichkeit auf Usurpation entrechteter Untertanen, Völker, ganzer Nationen begründet, sollte das Jahr 2021 zwar pietätvoll verschweigen, aber gut: zuvor hatte sich Prinz Marcus von Anhalt, Herzog zu Sachsen und Westfalen, mit Drittnamen nicht zufällig Adolf getauft, auf Sat1 so homophob geäußert, dass es die Woche verachtenswerter Aristokratie in den Medien war.

Zumindest in solchen, die Jan Böhmermann tags zuvor im ZDF Magazin Royal als erlogenen Auswurf skrupelloser Verlage entlarvte oder wie er ihn nennt: Quantitäts-Journalismus. Mit dem nämlich belügen Bauer, Burda, Funke, Klambt ihr Publikum nach Strich und Faden, bis auch die Reputation des Qualitäts-Journalismus an den Abgrund des demokratiefeindlichen Rechtspopulismus gerissen wird. An dieser Stelle sind wir gar nicht weit weg von der neofeudalen Kleptokratie unzähliger Unionspolitiker*innen, denen die Schlammschlacht zwischen Armin Laschet und Markus Söder sehr gelegen kam.

Seit sich die Alpharüden der strukturkorrupten CDU/CSU öffentlich um den Eisernen Thron zanken, ist von Maskendeals bestechlicher Mandatsvergewaltiger nicht mehr die Rede. Die Presse liebt nun mal den aktuellen, nicht verachtenswertesten Skandal, weshalb der kleinere um Elke Lehrenkrauss ins Feuilleton der Zeit abgewandert ist, wo die Filmemacherin dem NDR-Redakteur ihrer inszenierten Doku Lovemobil eine Teilschuld zuschob. Der habe sie vernachlässigt. Einmal nur sei er vorbeigekommen. „So baute sich keine vertraute Atmosphäre auf“, sagt Lehrenkrauss.

Lügen wegen Unterbehütung? Muss man auch erst mal drauf kommen. Worauf vor kurzem auch noch niemand gekommen wäre: dass der oder die grüne Spitzenkandidat*in heute nicht ins Hauptstadtstudio von ARZDF zum Antritts-Interview geht, sondern – kein Scherz: zu ProSieben. Aber da gehen neben Baerbock/Habeck ja jetzt auch Leute wie Linda Zervakis hin…

Die Frischwoche

19. – 25. April

Auch interessant: es ist abgesehen von Joko & Klaas gegen ProSieben am Dienstag das einzig bemerkenswerte Angebot der Woche beim Entertainmentkanal. Fast schon uninteressant: Stattdessen bestimmen Streamingdienste das Geschehen. Etwa TNT, wo Özgür Yıldırım nach 4 Blocks die nächste Berliner Kiez-Serie liefert. Herausragend an Para ist dabei nicht nur, wie authentisch seine Hauptfiguren die Sehnsucht des Brennpunkts Wedding nach Krümeln vom Kuchen der Wohlstandsgesellschaft suchen. Herausragender ist, dass es vier erfrischend derbe Frauen sind, die hier im (klein)kriminellen steilgehen.

Nachdem Martin Freeman ab morgen als verklemmter Bibliothekar der Sky-Liebeskomödie Ode to Joy die Richtige sucht, hört Christoph Maria Herbst als vereinsamter Pädagoge Tilo Neumann zwei Tage später bei Now auf innere Stimmen, um sein tristes Dasein umzukrempeln. Zeitgleich wandert derselbe Hauptdarsteller vom gleichen Portal zu RTL, wo Der große Fake mit anschließender Doku zur Wirecard-Story im Free-TV läuft. Tags drauf gibt es mit der Netflix-Serie Shadow & Bone Fantasy-Futter für Fans der Roman-Trilogie Legenden der Grisha, während Sky mangels ausreichender Kino-Auswertung bereits Christopher Nolans Lockdown-Meisterwerk Tenet zeigt.

Anything else? Nicht viel. Ab Freitag (23.30 Uhr) unterhält sich der Berliner Schauspieler Daniel Donskoy in der WDR-Latenight Freitagnacht Jews ausgerechnet am Ruhetag Schabbat mit Glaubensbrüdern und -schwestern über jüdisches Leben in Deutschland. Zwei Tage, nachdem ProSieben die bedrückende SuperGau-Serie Chernobyl fortsetzt, zeigt Arte am Mittwoch um 20.15 Uhr seine themengleiche Dokufiktion Die letzten Tage Luxemburgs. Und Freitag zeigt der Kulturkanal die ganz und gar wunderbare Christina Hecke beim nächsten Einsatz als Kommissarin Mohn der Krimi-Reihe In Wahrheit. Darüber hinaus bieten die realen Krimis vom Führungsstreit der Union bis zum Kampf der Inzidenzwerte aber ja schon genug reales Entertainment.


Haiyti, Mädness, Low Island

Haiyti

Über Ronja Zschoche alias Haiyti alias Germanys Best Trap-Model alias Mischung aus Nina Hagen, Falco und Haftbefehl ist eigentlich schon alles gesagt, seit die Hamburgerin dem Gangsta-Rap vor drei Jahren ein Feuer aus gewaltzem HipHop und Autotune-Kaskaden unterm Hintern machte. Jede Punshline seither: brillant. Jeder Track: gefeiert. Jedes Album: noch gefeierter.  Viel neues zu erzählen gibt es also selbst dann nicht übers Alleinerziehendenkind aus St. Pauli, wenn ihre Schmusestimme eine neue Plattenrille zerkratzt.

Trotzdem kann man Mieses Leben aber natürlich nicht einfach so an sich vorüberziehen lassen. “Oh mein Gott / ich grüße alle meine Dealer aus dem Block”, spachtelt sie in OMG über dronige Attacken aufs Harmoniegefühl “ich bin anscheinend doch mehr Smoke als Pop / alles funkelt aber düster in meim Kopf”. Damit wäre alles gesagt, was auch dieses Album so grandios macht: Der permanente Kontrast des falschen Lebens im Falschen, verdichtet auf 18 Stücke, die tieftraurig euphorisieren.

Haiyti – Mieses Leben (Hayati Records)

Mädness

Und gäbe es, was selbstverständlich nicht der Fall ist, ein männliches Äquivalent, das dem ghettofeministischen Multilayer-Zeugs von Haiyti auch nur annähernd das Wasser reichen könnte, wäre es vermutlich Mädness. Nicht ganz so streetcredible Herkunft (Darmstadt), aber ähnlich eigensinnige Genrezersetzung, rappt sich De Gude Hesse Marco Döll durch sein siebtes Album Mäd Love, als wäre sein Stil ein Zuckerbäckerladen mit brennender Mülltonne vorm Tresen und gelegentlichem Drive-by-Shooting in der Gummibärchenecke.

Kein Rapper mit dieser Ausstrahlung schafft es hierzulande, Agonie und Aufbruch glaubhafter in Reime zu kleiden. Hier verteilt er beide Mittelfinger an Faschisten, Antisemiten, Nationalisten, dort nennt er seine Grundzufriedenheit meinen größten Erfolg, gern schlendert er mit Mojo-Samples durch die Plattenbausiedlung und verortet sich entsprechend überall und nirgendwo. “Sie nennen es conscious nennen es Cro nenn’es Erwachsenen-Rap”, spricht er zum Auftakt in 2 Cent, “nenne es wie du willst / ich nenne es immer noch das was ich mach bis zuletzt”. Mach weiter!

Mädness – Mäd Love (Mädness/Groove Attack)

Low Island

Und einfach, weil wirs können, wird an dieser Stelle mal so mit dem Prinzip der stilistischen Grunstruktur gebrochen, dass völlig ironiefrei auf hochpolitischen Sprechgesang säuseliger Britpop folgt, der ohne Witz auch noch aus Oxford stammt, also irgendwie Ruderrennen und ondulierte Hecken atmet, die Leadsänger Carlos Posada allerdings gleich im ersten Stück des Debütalbums knapp unter Hüfthöhe mit der Kettensäge stutzt. Schon die konfusten Drums darunter zeigen, dass man auch hier seinen Ohren nicht trauen sollte. Und dann…

Dann folgend elf Tracks, in denen die englische Band alles Britpoppige so hinreißend schräg mit Synths aus dem Hecksler Marke Dubstep zerdeppert, dass Paul Weller die Trommelfelle bluten. Dass If You Could Have It All Again ihr Publikum dennoch unversehrt lässt, liegt dabei am Achtziger-Sound, der immer wieder tiefenentspannt durch die Disharmonien wandert und ein Album komplettiert, dass Haiyti vielleicht doch näher ist als Oasis.

Low Island – Don’t Let The Light In (Emotional Interference)


Haltungswut & Tonis Welt

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. April

Nee, nee – Rezo, dieses neue Video war kein Geniestreich. Seit deiner legendären CDU-Zerstörung giltst du zu Recht als Stimme einer wütenden Vernunft, der die Generationen X bis Z gleichermaßen zuhören. Dein Furor war faktenbasiert, der Jugendslang altersaffin. Jetzt aber zerhackst du gewohnt hochfrequent die Corona-Politik der Bundesregierung, doch so richtig und wichtig das ist: globalisierte Netzvokabeln wie ranten und wack und shady und was weiß ich in die Glasfaser zu keifen, ersetzt nicht das, was du eigentlich am besten kannst: verwertbare Informationen mit einer Mischung aus Wut und Haltung in die Köpfe zu dreschen.

Diesmal jedoch flog definitiv zu viel Geifer am Headset vorbei, diesmal warst du einfach zu zornig, um Nachhaltigkeit zu erzeugen. Und das ist angesichts deiner Kontrahenten, call them Feinde, die falsche Strategie. Von denen nämlich gab es auch in der vorigen Woche zu vernehmbare. Den BR-Komiker Helmut Schleich zum Beispiel, der sich im SchleichFernsehen schwarz angemalt hat, um einen afrikanischen Sohn von Franz Josef Strauß zu karikieren. Blackfacing! Im Jahr 2021! Und das auch noch beispiellos humorfrei!

Der öffentlich-rechtliche Rassismus ist aber nur halb so schäbig wie die Reaktion des Senders. Eine BR-Sprecherin verteidigt Schleichs AfD-Humor ja damit, „künstlerische Freiheit“ sei „ein hohes Gut, lotet aber manchmal auch Grenzen aus“ und die Aufgabe der Satire, „Dinge überspitzt darzustellen“. Gut, überspitzen wir’s mal so: Helmut Schleich ist ein Rassist, und wo wir beim Überspitzen sind: Hendrik Streeck ein Querdenker, weshalb es zwar überraschend war, dass der „Virologe“ seinen RTL-Podcast mit der „Journalistin“ Katja Burkart nach nur zwei Folgen aus „Termingründen“ einstellt, aber ein Grund zur Freude.

Das gilt indes nicht dafür, dass Linda Zervakis nach zehn Jahren die Moderation der Tagesschau abgibt – schon, weil Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung zur Hauptsendezeit jetzt wieder fest in blutsdeutscher Hand ist. Apropos Diversität: Nachdem die Sendung der Vorwoche mit The Mole auch schon eine Dokumentation war, ist der Tipp auch diesmal sachlicher Art.

Die Frischwoche

12. – 18. April

In Schwarze Adler schildert Thorsten Körner ab Donnerstag bei Amazon Prime das bizarre Schicksal farbiger Fußballnationalspieler, seit mit Erwin Kostedde in den Siebzigern erstmals einer mit dem titelgebenden Vogel auf der Brust spielte. Dabei sammelt der renommierte Medienjournalist nicht nur ergreifende Geschichten betroffener PoCs, sondern erstellt die Milieustudie einer Nation, die bis heute auf der Suche nach ihrem Umgang mit Andersartigkeit ist.

Mit weniger Realismus versucht das auch ein Spin-Off der Serienlegende Club der roten Bänder. In Tonis Welt kauft sich ein ehemaliger Stations-Insasse mit Asperger-Syndrom das Großelternhaus seiner Freundin mit Tourette-Syndrom. Auch, wenn die achtteilige Selbstbehauptungs-Dramedy ihren Diversitätshumor ab Mittwoch oft überzieht, entsteht daraus ein Dorfporträt von ähnlicher unterhaltsamer Wahrhaftigkeit wie Mapa. Voriges Jahr glänzte das Schicksal eines Witwers mit neugeborenem Baby bei Joyn+, Samstag ist es frei zugänglich in der ARD-Mediathek zu sehen.

Die Neustarts der Woche derweil im Schnelldurchlauf: Heute startet bei Sky die HBO-Superheldinnenserie The Nevers, eine Art retrofuturistischer Spionage-Mystery im viktorianischen Zeitalter. Ähnlich nostalgisch wirkt die Science-Fiction der Joyn+-Serie Strange Angels ab Donnerstag. Parallel dazu lässt Magenta eine Gruppenreise schwererziehbarer Jugendlicher in die Berge so eskalieren, dass Wild Republic nach zwei Folgen an Herr der Fliegen erinnert. Tag drauf startet Disney+ seinen Highschool-Basketball-Dreiteiler One Shot. Samstag porträtiert Judd Apatows fiktives Biopic The King of Staten Island auf Sky den Standup-Komiker Pete Davidson als Feuerwehrmann. Und bevor der dokumentarische Fünfteiler Interview mit einem Serienmörder die Woche bei Starzplay abschließt, empfehlen wir das fünfteilige 3sat-Porträt Wie ein Fremder am Samstag, 20.15 Uhr. Sechs Jahre hat der Filmemacher Aljoscha Pause dafür den Musiker Roland Meyer de Voltaire begleitet, dessen Band Voltaire 2005 als kommende Superstars gehandelt wurde, dann aber in sich zusammenbrach.