Christian Schwochow: Bad Banks & The Crown

Es war wie im Paradies

Der Deutsche Christian Schwochow durfte an einer britischen Netflix-Serie mitarbeiten, die schon vor ihrer 3. Staffel legendär war: The Crown. Ein Interview mit dem Regisseur von Serien wie Bad Banks über gemachte Nester, kreative Freiräume, lebendige Filmfiguren und was das Biopic der Queen mit dem Brexit zu tun hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schwochow, wenn ein Regisseur die neue Staffel einer erfolgreichen Serie wie The Crown mitgestalten darf – legt er sich ins gemachte Nest oder baut ein ganz neues?

Christian Schwochow: Durch den Erfolg der ersten zwei Staffeln von The Crown war das Nest von Peter Morgan, einem der besten Drehbuchautoren der Welt, und seinem sehr eingespielten Team natürlich schon mehr oder weniger fertig gemacht.

Aber?

Der Qualitätsanspruch ist sehr hoch. Es geht bei jedem Arbeitsschritt um Perfektion. Und die erzielt man nicht, indem man sich auf Erfolgen ausruht, sondern durch unablässige Weiterentwicklung. Peter Morgan sucht nie Erfüllungsgehilfen, sondern Partner.

Innerhalb des historischen und dramaturgischen Korsetts gab es also kreative Freiräume?

Viele sogar. Nachdem wir intensiv über meine Folgen, das Casting, die Schauspieler geredet hatten, konnte ich auch mithilfe des Kameramanns, den ich selbst mitgebracht hatte, die Ästhetik erweitern. Uns war zwar klar, dass wir die Grammatik von The Crown bedienen, aber trotzdem gab es viel Raum für meine Art zu erzählen. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, die Bildsprache und Inszenierungsweise in Frage zu stellen.

Warum nicht?

Weil wir dann womöglich genau das verändert hätten, was ich an der Serie so liebe. Insofern war die Erfüllung bestimmter Gesetze auch keine Bürde für mich.

Aber welche genau hat man sich denn vom deutschen Regisseur erhofft, der eine urbritische Institution darstellt?

Einen anderen Blick auf eine Monarchie vielleicht, die ihre Königin mit Privilegien überhäuft und gleichsam in einem Käfig gefangen hält. Für solche Freiheitsverluste bringe ich als Ostdeutscher, der in einer Diktatur groß geworden ist, womöglich eine besondere Sensibilität mit. Zum einen waren die Macher oft verblüfft über meine Sicht der Dinge, zum anderen haben sie ihre eigene auch dadurch erweitert, dass ich ständig Verständnisfragen zu Land und Leuten hatte. Das erweitert für alle den Horizont.

Man muss das Leben in einer Monarchie also gar nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, um glaubhaft davon zu erzählen?

Nein, aber das gilt ganz grundsätzlich. Wenn man als Regisseur autobiografische Bezüge zur jeweiligen Arbeit bräuchte, könnte ich über viele Themen ja keine Filme machen. Vor „Bad Banks“ hatte ich schließlich auch nie irgendwas mit der Finanzbranche zu tun. Weil ich mich mit Haut und Haar hineingeworfen habe, ist aber trotzdem was dabei rausgekommen. Und das gilt hoffentlich auch für The Crown.

Umso mehr, als die Arbeitsbedingungen in England gewiss besser sind als hierzulande…

Sensationell sogar! Ich bin schon vier Monate vor Drehbeginn nach London gezogen, habe viel gelesen, Zeitzeugen getroffen, Experten befragt, fast schon journalistisch gearbeitet. Vor allem aber gab es eine Rechercheabteilung mit Topleuten, die alles wissen und falls nicht, alles herausfinden. Es war wie im Paradies.

Haben diese paradiesischen Zustände vor allem mit Geld zu tun, von dem pro Folge ja mehr investiert wurde als bei jeder Netflix-Serie zuvor?

Auch, klar. Schließlich wissen Netflix und Sony genau, dass man eine Serie im Buckingham Palace nicht mit gewöhnlichen Budgets erzählen kann. In England merkt man aber auch Projekten, die am Ende weit günstiger sind als The Crown, oft an, wie viel Personal, Zeit und Mittel bereits in die Drehbuchentwicklung gesteckt werden. Dieser Qualitätswahnsinn steht anders als bei uns über allem. Toll!

Aber nehmen Sie diesen Wahnsinn jetzt nicht mit in die nächste deutsche Produktion und machen ihr das Leben schwer?

Ich könnte mir schon vorstellen, bestimmte Qualitätskriterien an Personal und Material fortan deutlicher zu machen als zuvor. Aber meine Ansprüche waren diesbezüglich auch in Deutschland stets hoch, sie finden durch die Arbeit an The Crown nur noch mehr Bestätigung. Auch wenn man hier nie ein solches Budget zusammenkriegt, könnte es also härter werden mit mir.

Mit so einem Referenzprojekt im Gepäck dürfte ihre Verhandlungsposition aber auch deutlich gestärkt sein.

Schon. Aber weil ich bereits durch die tolle Erfahrung mit Bad Banks ein inhaltliches Level erreicht habe, unter dem ich nicht mehr arbeiten kann und will, wird es trotz der besseren Verhandlungsposition nicht leichter, Projekte zu finden, die auch nur annähernd so vielschichtig und so gut entwickelt sind wie The Crown.

Das dabei eher an House of Cards als klassische Königshausserien erinnert. Geht es in der parlamentarischen Monarchie wirklich so intrigant zu?

Aus den Sechzigerjahren, die wir in dieser Staffel erzählen, leben jedenfalls noch genug Zeitzeugen, die das bestätigen. Natürlich sind, gerade was die Privatsphäre der Queen betrifft, oft Lücken mit Interpretation zu füllen. Aber wenn Sie die britische Politik von heute betrachten, wirkt The Crown doch fast harmlos. Das Ausmaß boshafter Schlammschlachten ist damals wie heute also sehr realistisch.

Ist die Analogie zur Verrohung des Königreichs im Zuge des Brexit demnach gewollt?

Kalkül steckte zwar nicht dahinter, aber seit ich im Juli vier Monate nach dem Zuschlag für zwei Folgen nach London gekommen bin, machte jede Nachricht vom Brexit deutlicher, wie Geschichte sich doch wiederholt. Und als wir bemerkten, wie viel die Verschwörung um Lord Mountbatten, von der ich zuvor noch nie was gehört hatte, mit uns und unserer heutigen Zeit zu tun hat, haben wir natürlich nach Analogien von Vergangenheit und Gegenwart gesucht.

Eine der vornehmsten Aufgaben historischer Fiktion.

Genau. Auch um uns und dem Publikum zu ermöglichen, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Verändert es die Arbeit, wenn historische Fiktion von lebendigen Personen handelt?

Es macht definitiv demütiger. Vor allem, was die Genauigkeit betrifft. Bei uns im Team arbeitet deshalb Major David, der 35 Jahre im Buckingham Palace für die Queen tätig war und fast alle Menschen in ihrem Umfeld kennengelernt hat. Durch ihn und andere Berater können wir sehr an der Realität erzählen. Olivia Colman standen wie allen anderen ein Movement- und Vocal-Coach zur Seite, mit dem sie bis ins Detail Gesten, Mimik, Sprache der Queen studiert hat. Obwohl viel Hollywood in The Crown steckt, fühlt es sich daher sehr wahrhaftig an.

Aber kann Akribie nicht zu einer Verbissenheit führen, die der Erzählung schadet?

Im Gegenteil: je besser die Vorbereitung ist, desto freier kannst du erzählen. Und das gilt sogar für all jene Episoden und Begebenheiten, von denen selbst in England kaum jemand weiß – geschweige denn ich als Deutscher.

Ist es aus ihrer Sicht vorstellbar, dass jemand aus England umgekehrt ein Biopic über Nationalheiligtümer wie, sagen wir: Helmut Schmidt oder Thomas Gottschalk dreht?

(lacht) Also davon abgesehen, dass sich in England vermutlich keiner für Thomas Gottschalk interessiert, ist dieser Perspektivwechsel nicht nur denkbar, sondern überaus wünschenswert.

Welche Figur der Zeitgeschichte würde Sie persönlich denn interessieren?

Weil ich gerade zweimal historisch gearbeitet habe, würde mich zunächst mal eine frei erfunden der Gegenwart interessieren.

Schreiben Sie sich die im Zweifel selber oder warten lieber auf Angebote?

Witzigerweise entwickle ich da tatsächlich gerade selber etwas mit den Produzenten von The Crown.

Sagen aber vermutlich nicht, worum genau es sich dabei handelt.

Genau, sorry.


Doppelpässe & Rampensäue

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. November

Wenn sich die Mächtigen vom Penthaus unter den Wolken ins soziale Tiefgeschoss begeben, empfindet der Pöbel das oft als Anteilnahme oder schlimmer noch: Ehrerbietung. Man konnte das gut am – na ja, relativ reichen, verglichen mit Bayern München aber bitterarmen Thomas Helmer sehen, als Uli Hoeneß beim Doppelpass auf Sport1 anrief, um mehr Respekt für den FCB einzufordern. Während seine Majestät Uli I. am Telefon teils namentlich die Talkrunde des Moderators beschimpfte, reagierte Helmer mit einer Zahnlosigkeit, die andere Speichelleckerei zum revolutionären Akt macht. Der Kotau gipfelte darin dass Hoeneß eine Einladung zur nächsten Sendung mit den Worten quittierte, das käme drauf an, „welche Qualität sonst noch eingeladen wird“, worauf der Ex-Bayer buckelte: „Wir sind bemüht und lernfähig.“

Obwohl er damit vor laufender Kamera seine eigenen Gäste beleidigte, ist von Eigenkritik des Senders nichts überliefert. Schöne neue feudale Welt des Sportjournalismus, in der es statt Gesprächs- nur noch Geschäftspartner gibt… Ob sich das ändert, wenn der Haushaltsausschuss des Bundestags ab 2020 die Zustellung von Tageszeitungen mit bis zu 40 Millionen Euro subventioniert, bleibt da ebenso abzuwarten wie die Folgen von Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit auf Inhalte der Berliner Zeitung, die der verlegerische Quereinsteiger kürzlich erworben hat. Tatsache aber ist, dass Medien, insbesondere am Bildschirm und nicht nur im Fußball, ein Problem mit Alphatieren haben.

Beispiel Pro7. Das Travestie-Casting Queen of Drags geht dort zwar weit verantwortungsvoller mit Diversität um als befürchtet, nicht aber Jurychefin Heidi Klum, der es auch in dieser Show um eins allein geht: ihren Kontostand.  Das teilt sie allerdings mit den ganz großen Unterhaltungs- und Techkonzernen, die nun auch im Streaming mitmischen. Wobei die erste AppleTV-Serie For All Mankind um sexy Astronautinnen im Space Race mit Russland fast noch flacher ist als die Schmonzette The Morning Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon an gleicher Stelle. Zumindest qualitativ dürfte das Platzhirschen wie Netflix also kein Kopfzerbrechen bereiten.

Die Frischwoche

18. – 24. November

Im Gegensatz dazu, was Vox abermals mit vergleichsweise wenig Geld, aber viel Chuzpe zustande bringt. Ab Mittwoch spielt Jasna Fritzi Bauer für die Kreativschmiede von RTL eine verkrachte Schauspielerin von 30 Jahren, die dank ihrer kindlichen Optik als Undercover-Cop in einer Schule eingesetzt wird. Rampensau ist von der ersten Minute an so hingebungsvoll inszeniert, gefilmt, vor allem aber gespielt, dass man von der vielschichtigen Geschichte um Männermacht und Frauenrevolte kaum genug kriegen kann.

Das Gegenteil gilt für die Agenten-Serie West of Liberty, in der Wotan Wilke Möhring ab Sonntag im ZDF sechs Folgen lang als verkrachter DDR-Spion ein Nachwendeleben als bester Gast seiner billigen Kneipe mit der Jagd nach einen Whistleblower (Lars Eidinger) auffrischt. Das ist auch dank der beiden Hauptdarsteller noch nicht mal schlecht gemacht, aber so konventionell, dass es vom Bildschirm staubt. Nichts anderes hätte man auch von der ARD-Reihe Bonusfamilie erwartet. Doch das Frauenteam um Regisseurin Jana Filip inszeniert ab Mittwoch nach schwedischem Vorbild eine Patchworksituation, die zwar sehr seifig beginnt, ein wenig klischeehaft bleibt, aber mit zunehmender Dauer Eigensinn und Würde der Figuren wahrt.

Wenn die ARD von beidem auch im Entertainment Restbestände hätte, würde sie sich die Übertragung des Bambi am Donnerstag sparen. So aber schenkt sie dem Regenbogenverlag Burda abermals drei Stunden Werbung in der werbefreien Zeit. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen Hermann Vaskes Doku Why we are creative ansehen, wo 3sat heute um 22.25 Uhr dem Antrieb künstlerischer Gestaltungskraft nachspürt. Ebenfalls sachlich sehenswert: Kleine Germanen, womit Arte tags drauf um 20.15 Uhr Kinder in der rechtsextremen Szene beobachtet, denen ein spezielles Comeback gewiss besser täte als Nazi-Propaganda: 28 Jahre nach der letzten Originalfolge und weitere 32 nach der ersten des Sandmännchens kehrt die DDR-Legende Pittiplatsch am Donnerstag in die Vorschulsendung zurück.

Ähnlich lang her ist die erste Wiederholung der Woche, wobei Joseph Vilsmaiers Versuch, die Schlacht um Stalingrad 1993 schonungslos nachzustellen, in einer dubiosen Wehrmachtsexkulpation endet, die man sich Dienstag (20.15 Uhr) irritiert auf Nitro ansehen kann. Noch älter ist die schwarzweiße Wiederholung Der Vagabund und das Kind, Charlie Chaplins erster Langfilm von 1921 (Mittwoch, 21.40 Uhr, Arte. Und der Tatort Ausgelöscht blendet Dienstag (20.15 Uhr, BR) ins Jahr 2011 zurück, als Bibi Fellner (Adele Neuhauser) noch die neue Assistentin von Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) war.


Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)

 


Jasna Fritzi Bauer: Angry Young Rampensau

Langsam mal ausgesechzehnt

Seit sie in Barbara oder Ein Tick anders ständig auf 180 sein muss, ist die Burgschauspielerin Jasna Fritzi Bauer (Foto: Stefan Erhardt) Deutschlands Angry Young Woman vom Dienst. Ein Gespräch über männliche Machtstrukturen, das Teeny-Image der 30-Jährigen und was sie sonst noch mit der gleichaltrigen Shiri gemeinsam hat, die sich als Polizeispitzel in der Vox-Serie Rampensau (ab 20. November, 20.15 Uhr) ständig mit allen anlegt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jasna Fritzi Bauer, wie oft haben Sie beim Drehen von Rampensau den Satz „ich bin 30!“ gebrüllt?

Jasna Fritzi Bauer: Keine Ahnung (lacht). Haben Sie mitgezählt?

Das nicht, aber es müssen geschätzt allein im ersten Teil zehnmal gewesen sein.

Witzig. Das ist mir wahrscheinlich deshalb nicht aufgefallen, weil ich es auch im Alltag ständig sage. Inzwischen hat es sich zwar etwas gelegt, aber früher musste ich echt dauernd klarmachen, älter zu sein als ich aussehe. Als ich in der Drehpause Zigaretten kaufen wollte, hatte ich meinen Ausweis vergessen und die Verkäuferin sofort so geguckt, wie die Leute halt gucken, wenn sie mich nicht kennen.

Und?

Ich meinte, wenn ich lügen würde, würde ich doch 19 sagen, nicht 30. Hat geklappt… Aber es nervt, für so jung gehalten zu werden, dass ich nicht mal problemlos Kippen kriege.

Wobei Ihre Branche generell eher Frauen wegen ihres zu hohen als zu jungen Alters diskriminiert oder?

Ja, es ist definitiv schwerer für zu alt gehalten zu werden. Trotzdem ist der Mangel an Vorstellungskraft, mich auch mal über 20 zu besetzen, irritierend.

Kriegt die Maske Ältere denn leichter jung oder Jüngere leicht alt?

Ach, das geht beides. Aber es wird langsam mal Zeit, dass es überhaupt mal jemand bei mir versucht. Zum einen, weil ich gar nicht mehr so jung aussehe, zum anderen, weil es genug talentierte Kolleginnen und Kollegen in dem Alter gibt. Außerdem fällt mir mit der Erfahrung eines halben Extralebens zunehmend schwer, mich in Teenager reinzuversetzen. Ehrlich – es hat sich langsam mal ausgesechzehnt!

Wenn Ihnen was spürbar auf die Nerven geht, kriegen Sie fast die gleiche zornige Stirnfalte wie Shiri in der Serie, wenn sie mal wieder auf 180 ist…

(lacht) Ach, die krieg ich auch beim Nachdenken oder wenn die Sonne scheint. Aber stimmt schon – so sehe ich auch in echt aus, wenn ich sauer bin. Meine Oma versucht mir die dann immer so weg zu massieren, wenn sie mich sieht.

Kommt Shiris permanente Wut daher mehr aus Ihnen als dem Schauspiel?

Aus beidem. Schließlich steckt in jedem von uns steckt reichlich Wut oder wie es die Autorin und Hauptdarstellerin der Israelischen Serienvorlage Bat Hen Sabag ausdrückt: ein verwundetes Tier. Aber weil wir beide nicht immer von allen für voll genommen werden, kann ich mich mit Shiris Wut vielleicht besser identifizieren als andere. Trotzdem war es Spiel – was sich schon darin gezeigt hat, wie fertig mich die Rolle den ganzen Sommer über gemacht hat.

Hat Ihr Image als Angry Young Woman eigentlich auch damit zu tun, dass Sie von Ein Tick anders über Elise bis Scherbenpark gleich zu Beginn der Filmkarriere ständig welche gespielt haben?

Bestimmt sogar. Ich dachte ja, mit Axolotl Overkill würde ich mich endgültig davon verabschieden, aber für diese Vorstellungskraft sind die Schubladen in Deutschland doch zu tief.

Andererseits hört man von vielen Ihrer Kollegen mittlerweile, dass Schubladen auch für lukrative Alleinstellungsmerkmale sorgen.

Klar, das kann einträglich sein, aber in meinem Fall auch stinklangweilig, zum 37. Mal die Rotzgöre zu spielen.

Na ja, wie…

… in dieser Serie, ich weiß. Aber die verhandelt das finde ich schon auf sehr besondere, eigenständige, interessante Art und Weise.

Und handelt am Ende eher von männerdominierten Machtstrukturen als Altersfragen.

Absolut, und ziemlich realistischen, finde ich. Am wichtigsten ist mir persönlich aber, dass es insofern vom Einheitsbrei abweicht, als wir Diversität zum Thema machen. Etwa bei Lorna Ishema, die eine dunkelhäutige Polizistin mit dem völlig dunkelhäutigen Namen Anja Rudnik spielen darf, deren ebenfalls farbiger Ex wie sie nur in den Ferien mal in Afrika gewesen sei.

Oder Shiris WG, in der absolut niemand dem heteronormativen Mainstream entspricht.

Solche Figuren bildet das deutsche Fernsehen ansonsten überhaupt nicht ab, im Gegenteil. Bei mir dagegen entspricht es voll und ganz meiner Lebensrealität, mich mit der gesamten Bandbreite menschlicher Unterschiede zu umgeben. Da stecke ich zwar definitiv in meiner Berliner Blase, aber mir wäre es lieb, wenn sie irgendwann mal die Blase des Landes ist, in dem ich lebe.

Ist die Thematisierung von Themen wie Diversität oder Sexismus nur Nebeneffekt Ihrer Filme oder ausschlaggebend, um darin mitzuspielen?

Unbedingt ersteres, ich wähle meine Rollen nach dem Drehbuch aus, nicht nach der Botschaft darin. Trotzdem finde ich es toll, wenn diese Drehbücher meiner Lebensrealität entsprechen – damit sich was ändert und das Unnormale in Deutschland endlich mal normal wird.

Würden Sie ein gutes Drehbuch auch dann annehmen, wenn darin zum Beispiel ein total antiquiertes Frauenbild transportiert wird?

Abgesehen davon, dass es dann vermutlich kein gutes Drehbuch ist, schon. Hängt immer vom Kontext ab, gerade in Komödien. Andererseits habe ich auch schon Castings abgesagt, weil mir das Grundthema der Sachen zu 1950 waren.

Haben Sie selbst schon Castings erlebt wie in Rampensau, wo Ihnen Sophie Rois als Theaterregisseurin aus 30 Metern Entfernung die Leviten liest oder ein Filmregisseur aus nächster Nähe zwingt, sich selbst zu erniedrigen?

Obwohl ich fürs Theater weit seltener bei Castings war als beim Film, kommt zumindest das, was Shiri am Theater passiert, der Realität schon sehr nahe.

Auch dieses totale Ausgeliefertsein, bei dem die Schauspielerin zum reinen Objekt der Regisseurin als handelndes Subjekt wird?

Klar. Im hierarchischen Regierungssystem Schauspiel bin ich immer das Objekt.

Und das ändert sich auch nicht, wenn man wie Sie gleich zu Beginn Preise gewinnt, mit Christian Petzold dreht und danach weiter Erfolg hat?

Natürlich ist meine Macht, besser: mein Einfluss größer als zu Beginn. Aber ich bin echt gerne Teil eines Ensembles, das nennt man vermutlich Teamplayer. Am Set ist mir wichtig, dass es allen gleichermaßen gut geht. Da geht es nicht um mich.

Lassen Sie Neulinge umgekehrt manchmal spüren, selbst schon etabliert zu sein?

Das müssten andere beurteilen, aber ich kann es mir nur schwer vorstellen, weil ich so eigentlich nicht ticke. Einfluss versuche ich nur dann zu nehmen, wenn ich damit was Positives bewirken kann. Diese Männermachtspiele sind mir persönlich echt zu doof.

Glauben Sie, dass die jemals beendet sind?

Nein.

Nie?

Auch wenn man stets jeden Einzelfall betrachten muss und die Wachsamkeit dank #MeToo sicher gewachsen ist, werden sich die Verhältnisse auch in ferner Zukunft keinen Millimeter bewegen.

So misanthropisch?

So realistisch. Es darf und muss aus meiner Sicht sogar Hierarchien geben, aber dummerweise werden sie wohl auch weiterhin überwiegend von Alphatieren an der Spitze gelenkt, die meist männlich sind. Wobei Frauen in solchen Machtpositionen schlimmer sein können als Männer. Wir brauchen da gesellschaftliche Veränderung, sonst gibt es keine im Schauspiel.

Sie mussten im Rahmen dieser Machtverhältnisse aber noch keine Erniedrigung ertragen wie Shiri im Film-Casting, wo sie Brotkrümel vom Boden auflecken soll?

Glücklicherweise nicht, aber wenn doch, würde ich wohl reagieren wie Shiri.

Und ihm in die Eier treten?!

Hoffentlich.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Influencer & Drag Queens

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Ob Youtube, Vimeo, Twitch inhaltlich irgendwann konkurrenzfähiges Fernsehprogramm im Kleinformat bieten oder doch nur vorwiegend belanglosen Zeitvertreib von und für junge Menschen mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne, lässt sich wohl erst in ein paar Jahren, wenn nicht Jahrzehnten abschätzen. Tatsache aber scheint es, dass mittlerweile selbst ein seriöses Wirtschaftsportal wie Kurzgesagt – In a Nutshell zehn Millionen Youtube-Abonnenten zählt. Und obwohl nur jede*r zehnte den reichweitenstärksten Online-Kanal aus Deutschland auch in Deutschland anklickt, ist das eine überaus heikle Situation für lineare Konkurrenten.

Die von ProSiebenSat1 konnten den Umsatz zwar grad neuerlich steigern – im abgelaufenen Quartal um vier Prozent auf 926 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte davon erwirtschaftet der Medienkonzern allerdings jenseits vom Fernsehen. Während die Erlöse mit TV-Reklame zugleich um weitere sechs Prozent gesunken sind, wuchs die Streamingplattform Joyn auf knapp fünf Millionen installierter Apps. Und wenn Netflix dem Shoppingkanal mit gelegentlicher Kinderprogrammunterbrechung (SuperRTL) parallel die Programmleiterin (Janine Weigold) abwirbt, zeigt sich, wie redundant traditionelle Medien langsam werden – zumindest aus dramaturgischer Sicht.

Arbeitsrechtlich dagegen herrscht dort verglichen mit Tech-Konzernen weiterhin das Paradies. Wie die Influencer-Gewerkschaft (ja, das gibt’s wirklich!) Youtuber Union in Kooperation mit der staubig alten IG Metall herausgefunden hat, fördert das weltgrößte Videoportal vor allem verlinktes Fernsehen wie Tonight-Shows, die verlässlich höhere P-Scores erzielen (mit denen die Werbewirksamkeit eingestellter Inhalte bewertet wird) als genuiner Content. Statt Talente zu fördern, setzt Youtube also auf Altbewährtes – und schlug zudem ein Gesprächsangebot mit Betroffenen über miese Arbeitsbedingungen aus. Schöne neue Welt.

Die Frischwoche

11. – 17. November

Aus der seit gestern Stephen Spielberg berichtet. Im Dokusechsteiler Warum wir hassen reist der Superregisseur als Superproduzent durch die weite Welt extremistischer Unerbittlichkeit. Und wer das nicht jeden Abend um 20.15 Uhr auf ZDFinfo sehen will, kriegt Dienstag zur gleichen Zeit im Zweiten ein 45-minütiges Konzentrat. Um Gewalt anderer Art geht es Mittwoch in der Michael Schumacher-Story mit anschließenden Top Ten der angeblich größten Momente mit dem Rennfahrer. Dass RTL 25 Jahre nach Schumis erstem Sieg auch nur einem Moment auf dessen Beitrag zu Klimawandel, Raserei oder Steuerflucht verwendet, darf allerdings ähnlich bezweifelt werden wie ein respektvoller Umgang von Heidi Klum mit ihrer neuen Castingzucht.

Tags drauf nämlich sucht Deutschlands zugkräftigste Antifeministin sechs Donnerstage lang die Queen of Drags. Angesichts der Menschenverachtung in Heidis Zirkus Maximus erschüttert die plumpe Kopie des US-Originals Ru Pauls Drag Race auf ProSieben im Vorfeld sogar große Teile der LGBTQ-Szene, die nicht zu Unrecht entwürdigende Zurschaustellung psychisch biegsamer Travestie-Künstler*innen erwarten. Dabei kann Fernsehen so schön sein. Etwa, wenn der WDR Dienstag um 23.40 Uhr Julia Kellers tolle Milieu-Studie der PR-Branche Jetzt. Nicht mit Godehard Giese als PR-Manager zeigt, der bis in die Tiefschlafphase alles dem Job unterordnet – bis ihn die plötzliche Kündigung aus der Bahn wirft.

Oder 20 Minuten später beim NDR: Die Verwandlung, Michael Harders Porträt von 20 mehr oder weniger bekannten Schauspielern wie Jörg Schüttauf, Ulrike Krumbiegel, Alexander Jovanovic und Franziska Petri. Vorm intimen Blick der Kamera gewähren sie allesamt tiefe Einblick ins Seelenleben unterschiedlichster Menschen, die zur Unterhaltung des Publikums kurz die eigene Persönlichkeit hintanstellen, gar verleugnen. Das könnte man auch vom Star der besten Historienserie unserer Zeit sagen: Queen Elizabeth II. Die 3. Staffel von The Crown wartet Sonntag auf Netflix mit neuer Königin (Olivia Colman), neuem Prinz (Tobias Menzies), neuer Margret (Helena Bonham Carter) auf und ist – zwei Folgen unter der Regie von Christian Schwochow – fast noch besser als die ersten zwei Staffeln.

Noch besser als viele der zahllosen Meisterwerke von Alfred Hitchcock war die farbige Wiederholung der Woche, heute um 22.15 Uhr: Der zerrissene Vorhang mit Paul Newman, der 1966 geheime Formeln von Ost nach West schmuggeln wollte. In einer Zeit, als der Weltkrieg nicht kalt, sondern heiß war, spielen die schwarzweißen Kanonen von Navarone (Donnerstag, 20.15 Uhr, Tele 5) mit Gregory Peck, David Niven, Anthony Quinn und überhaupt fast allem, was das Monumentalschlachtengenre vor 60 Jahren an Stars vor die Kamera lockte, um der Waffengewalt als Mittel gegen die Waffengewalt zu huldigen.


FKA twigs, French 79, Kele

FKA twigs

Wenn ein experimentelles Popalbum wie bei Tori Amos anfängt, ist das für Experimentalpopalbumfans womöglich verstörender als ein Kaossilator beim Bluesrockfestival, aber auch mit dieser Einstiegssequenz wäre mal wieder bewiesen, dass Musik eben mehr Geduld benötigt als die Rausschmeißimpulse der Generation Spotify zulassen. FKA twigs jedenfalls klingt am Anfang echt esoterisch, also – nun ja, nicht so richtig innovativ. Nachdem die britische Soundsammlerin ein paar Takte voran gekommen ist, wird es allerdings außergewöhnlich, versprochen!

Magdalene heißt der Nachfolger ihres preisgekrönten Debüts LP1, und wieder schimmert dieser leicht waldbodenfeuchte Grundsound unter den Samples, Footages, Spielereien hervor. Doch so sehr man sich manchmal an Kate Bush im binären Fieberwahn erinnert fühlt, so ergreifend ist die klangliche Vielfalt der neun Tracks, die hörbar von Digitalfreaks wie Skrillex, Future, Nicolas Jaar produziert wurden. Gut, manchmal nervt das Melodrama in FKA twigs’ Stimme; aber die Konstruktionen dahinter sprühen vor lauter Wahnsinn.

FKA twigs – Madeleine (Young Turks)

French 79

Über French House ist, seit Daft Punk, Kid Loco, Air oder Cassius vor einem Vierteljahrhundert aus zappelig elektronischer Musik geschmeidig elektronische Musik gemacht haben, schon so viel – oft auch dummes Zeug – erzählt worden, dass niemand mehr genau weiß, was genau French House eigentlich sein soll. Simon Henner weiß es ziemlich genau. Und hat sich deshalb vorsorglich French 79 genannt, was eines der nachhaltigsten Jahre des Pop (Specials! HipHop!! Bobby Brown!!!) im Titel trägt und auch sonst die Messlatte angemessen hochhängt. Eine Messlatte, die Joshua LP buchstäblich spielend überspringt.

Der Nachfolger des eher mäßig beachteten Debütalbums Olympic verirrt sich nämlich so herrlich gedankenverloren in synthetisierter Nostalgie, dass diese Art French House eher an den New Wave der frühen Achtziger erinnert und dabei dennoch fröhlich durch die Electronica der Gegenwart spaziert. Einerseits wühlen sich ja andauernd brummbassige Orgeln, elegische Streicher und Bontempi-Tupfer durch Simon Henners Flokatiteppich; zugleich sorgen elegante Frauenvocals und ein dezent treibender Four-to-the-Floor-Beat allerdings für zeitgenössische Energie – und zwar endlich mal ohne HipHop-Avancen. Wehmut zum Tanzen.

French 79 – Joshua LP (Alter K)

Kele

Wer es schafft, ein Ausnahme-Projekt wie Bloc Party, nein – natürlich nicht vergessen, aber doch zur Randepisode einer Musikbiografie zu machen, der muss fürwahr Großes in sich tragen. Kelechukwu Rowland Okereke jedenfalls hat sich bereits 2010 von seiner damals irre erfolgreichen Britrockband teilemanzipiert und erzeugt seither unterm Vornamenskürzel Soloplatten, die jede für sich etwas Eigensinniges hinterlässt, dem man Bloc Party dank Keles Stimme natürlich anhört, aber ohne davon erdrückt zu werden. Das gilt auch und gerade fürs neue Album mit dem futuristischen Titel 2042.

Nach seinem vollakustischen Vorgänger Fatherland erweitert der Londoner aus Liverpool sein Repertoire um eine Art ethnisch angehauchten Emolectropop, der alles Gute von Bloc Party in alles Bessere des Enddreißigers Kele integriert: lässige Gitarrenslaps, erzählerischen Sprechgesang, cheesigen Experimentalsoul, quirligen Retrowave, gelegentlich gar hardcoreverzerrte Riffs, die sich in My Business mit verschrobener Kapitalismuskritik mischen. Das ist nicht immer leicht verdaulich, weckt aber die Hoffnung, dass Kele als nächstes ein technoides Bigband-Metal-Album macht. Es dürfte grandios werden.

Kele – 2042 (KOLA Records)


Tyrannenwerbung & Freiheitspreise

Die Gebrauchtwoche

28. Oktober – 3. November

Mark Zuckerberg macht gerade ernst mit dem öffentlich geleisteten Schwur, Demokratie und Pluralismus zu fördern. Nachdem Twitter-Chef Jack Dorsey medienwirksam angekündigt hat, fortan keine politische Werbung mehr zu schalten, hat der Facebook-Chef noch etwas lauter ins Netz geblasen, er werde dies auch weiterhin tun, weil es sich für Privatunternehmen nicht „geziemt, Politiker zu zensieren“. Klingt honorig. Doch indem es Steve Bannons rechtes Propagandaportal Breitbart in den Nachrichten-Feed News Tab aufnimmt, verschafft Facebook einer explizit antidemokratischen, antipluralistischen Stimme noch mehr Kraft.

Wenn Zuckerberg diesen Schritt nun mit Meinungsvielfalt erklärt, zeigt er damit allerdings nur eines: Faschismus offenbar für eine Meinung, kein Verbrechen zu halten. Aber gut – damit befindet er sich ja in Gesellschaft amtlicher Potentaten wie Jair Bolsonaro. Weil ihn Enthüllungen des TV-Senders El Globo mit dem Mord an einer Journalistin in Verbindung bringen, drohte Brasiliens rechtsextremistischer Präsident Medien, die gegen ihn recherchieren, in einer geifernden Videobotschaft ganz offen damit, ihnen nach der Wahl 2022 die Lizenz zu entziehen sofern er, Zitat, bis dahin nicht tot sei.

Weil ihm Medien, die überhaupt von irgendwas anderem als seiner unermesslichen Weisheit berichten, suspekt sind, hat Bolsonaros russischer Kollege Putin derweil die Errichtung eines nicht ganz so world Wide Webs namens Runet dekretiert. Womit er angeblich Hackerangriffe umgehen könne, eignet sich aber natürlich auch prima zur digitalen Kontrolle unliebsamer Äußerungen, also Menschen. So richtig weit entfernt von der real existierenden Tyrannei jener Zeiten, deren Ende vor 30 Jahren gerade senderauf, senderab gedacht wird, sind die wütenden weißen alten Männer damit also nicht mehr.

Die Frischwoche

4. – 10. November

Das ZDF etwa fiktionalisiert sie von heute bis Mittwoch mit dem Dreiteiler Preis der Freiheit, der interessanterweise von wütenden weißen jüngeren Frauen handelt. Nicolette Krebitz, Nadja Uhl und Barbara Auer spielen darin drei Schwestern, die auf unterschiedlichste Art ins Wirtschaftssystem der untergehenden DDR involviert sind. Das ist wie so oft im deutsch-deutschen Historytainment häufig arg moralisierend, dank des – auch männlicherseits – großartigen Ensembles aber auch sehr sehenswert.

Was die selbstherrliche Einverleibung des Ostens in den Westen angerichtet hat, lässt sich ja gerade gut an den Wahlerfolgen der AfD erleben. Wobei das Erste damit fiktional einen bemerkenswerten Umgang gefunden hat: Wenn der Erzgebirgskrimi am Samstag den überschwemmten Krimimarkt weiter flutet, suchen Stephan Luca und Lara Mandoki Tote im Stollen einer sächsischen Provinz, in der gierige Wessis eingeborene Bergmänner ausbeuten und die AfD schlichtweg nicht vorkommt. Einen selbstkritischeren Umgang mit dem Facettenreichtum regionaler Strukturen zeigt da der BR, dessen sensationelle Provinzpolitiksatire Hindafing ab Donnerstag auf Arte in zwei Dreifachfolgen weitergesponnen wird.

Überhaupt ist es die Woche der Sequels, Bootlegs, Spin-Offs. Am Mittwoch verlegt Fox das vielfach ausgewalzte SciFi-Drama Krieg der Welten erstaunlich zurückhaltend ins Smartphone-Zeitalter. Bereits heute zeigt Netflix die zweite Staffel der wunderbar absurden Pubertätserzählung The End of the F…ing World, was Sky parallel mit der Serienadaption der Graphic Novel Watchman garniert, bevor dort vier Tage später das halluzinogene Fantasygeschichtsepos Britannia fortgesetzt wird. Und während der Sorgentelefonist Domian nach drei Jahren Pause am Freitag (23.30 Uhr) – diesmal mit Livegästen vor Publikum – zum WDR zurückkehrt, beginnt Samstag die nächste ARD-Themenwoche, diesmal zur digitalen Bildung.

Einmalig ist die Partie der deutschen Fußballnationalspielerinnen, ab Freitag um 18.30 Uhr auf Eurosport vor der Rekordkulisse von 90.000 Fans im Wembley-Stadion. Das könnte auch die Zuschauerzahl der klugen Milieustudie Back for Good sein, mit der sich das Trash-TV Mittwoch (22 Uhr, SWR) selbst auf die Schippe nimmt. Die Wiederholungen der Woche handeln dagegen allesamt von Mördern: Sonntag (20.15 Uhr) treibt Die Filzlaus den Profikiller Lino Ventura (mit anschließendem Arte-Porträt) in den Wahnsinn. Heute zeigt der Kulturkanal Hitchcocks letzten Film Familiengrab um eine Hellseherin, die Erben sucht, aber Profikiller findet. Und zwei Stunden später sucht Manne Krug im herrlich staubigen Tatort Schmutzarbeit von 1989 beim RBB einen, genau: einen Profikiller.