Haiyti, Mädness, Low Island

Haiyti

Über Ronja Zschoche alias Haiyti alias Germanys Best Trap-Model alias Mischung aus Nina Hagen, Falco und Haftbefehl ist eigentlich schon alles gesagt, seit die Hamburgerin dem Gangsta-Rap vor drei Jahren ein Feuer aus gewaltzem HipHop und Autotune-Kaskaden unterm Hintern machte. Jede Punshline seither: brillant. Jeder Track: gefeiert. Jedes Album: noch gefeierter.  Viel neues zu erzählen gibt es also selbst dann nicht übers Alleinerziehendenkind aus St. Pauli, wenn ihre Schmusestimme eine neue Plattenrille zerkratzt.

Trotzdem kann man Mieses Leben aber natürlich nicht einfach so an sich vorüberziehen lassen. “Oh mein Gott / ich grüße alle meine Dealer aus dem Block”, spachtelt sie in OMG über dronige Attacken aufs Harmoniegefühl “ich bin anscheinend doch mehr Smoke als Pop / alles funkelt aber düster in meim Kopf”. Damit wäre alles gesagt, was auch dieses Album so grandios macht: Der permanente Kontrast des falschen Lebens im Falschen, verdichtet auf 18 Stücke, die tieftraurig euphorisieren.

Haiyti – Mieses Leben (Hayati Records)

Mädness

Und gäbe es, was selbstverständlich nicht der Fall ist, ein männliches Äquivalent, das dem ghettofeministischen Multilayer-Zeugs von Haiyti auch nur annähernd das Wasser reichen könnte, wäre es vermutlich Mädness. Nicht ganz so streetcredible Herkunft (Darmstadt), aber ähnlich eigensinnige Genrezersetzung, rappt sich De Gude Hesse Marco Döll durch sein siebtes Album Mäd Love, als wäre sein Stil ein Zuckerbäckerladen mit brennender Mülltonne vorm Tresen und gelegentlichem Drive-by-Shooting in der Gummibärchenecke.

Kein Rapper mit dieser Ausstrahlung schafft es hierzulande, Agonie und Aufbruch glaubhafter in Reime zu kleiden. Hier verteilt er beide Mittelfinger an Faschisten, Antisemiten, Nationalisten, dort nennt er seine Grundzufriedenheit meinen größten Erfolg, gern schlendert er mit Mojo-Samples durch die Plattenbausiedlung und verortet sich entsprechend überall und nirgendwo. “Sie nennen es conscious nennen es Cro nenn’es Erwachsenen-Rap”, spricht er zum Auftakt in 2 Cent, “nenne es wie du willst / ich nenne es immer noch das was ich mach bis zuletzt”. Mach weiter!

Mädness – Mäd Love (Mädness/Groove Attack)

Low Island

Und einfach, weil wirs können, wird an dieser Stelle mal so mit dem Prinzip der stilistischen Grunstruktur gebrochen, dass völlig ironiefrei auf hochpolitischen Sprechgesang säuseliger Britpop folgt, der ohne Witz auch noch aus Oxford stammt, also irgendwie Ruderrennen und ondulierte Hecken atmet, die Leadsänger Carlos Posada allerdings gleich im ersten Stück des Debütalbums knapp unter Hüfthöhe mit der Kettensäge stutzt. Schon die konfusten Drums darunter zeigen, dass man auch hier seinen Ohren nicht trauen sollte. Und dann…

Dann folgend elf Tracks, in denen die englische Band alles Britpoppige so hinreißend schräg mit Synths aus dem Hecksler Marke Dubstep zerdeppert, dass Paul Weller die Trommelfelle bluten. Dass If You Could Have It All Again ihr Publikum dennoch unversehrt lässt, liegt dabei am Achtziger-Sound, der immer wieder tiefenentspannt durch die Disharmonien wandert und ein Album komplettiert, dass Haiyti vielleicht doch näher ist als Oasis.

Low Island – Don’t Let The Light In (Emotional Interference)


Haltungswut & Tonis Welt

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. April

Nee, nee – Rezo, dieses neue Video war kein Geniestreich. Seit deiner legendären CDU-Zerstörung giltst du zu Recht als Stimme einer wütenden Vernunft, der die Generationen X bis Z gleichermaßen zuhören. Dein Furor war faktenbasiert, der Jugendslang altersaffin. Jetzt aber zerhackst du gewohnt hochfrequent die Corona-Politik der Bundesregierung, doch so richtig und wichtig das ist: globalisierte Netzvokabeln wie ranten und wack und shady und was weiß ich in die Glasfaser zu keifen, ersetzt nicht das, was du eigentlich am besten kannst: verwertbare Informationen mit einer Mischung aus Wut und Haltung in die Köpfe zu dreschen.

Diesmal jedoch flog definitiv zu viel Geifer am Headset vorbei, diesmal warst du einfach zu zornig, um Nachhaltigkeit zu erzeugen. Und das ist angesichts deiner Kontrahenten, call them Feinde, die falsche Strategie. Von denen nämlich gab es auch in der vorigen Woche zu vernehmbare. Den BR-Komiker Helmut Schleich zum Beispiel, der sich im SchleichFernsehen schwarz angemalt hat, um einen afrikanischen Sohn von Franz Josef Strauß zu karikieren. Blackfacing! Im Jahr 2021! Und das auch noch beispiellos humorfrei!

Der öffentlich-rechtliche Rassismus ist aber nur halb so schäbig wie die Reaktion des Senders. Eine BR-Sprecherin verteidigt Schleichs AfD-Humor ja damit, „künstlerische Freiheit“ sei „ein hohes Gut, lotet aber manchmal auch Grenzen aus“ und die Aufgabe der Satire, „Dinge überspitzt darzustellen“. Gut, überspitzen wir’s mal so: Helmut Schleich ist ein Rassist, und wo wir beim Überspitzen sind: Hendrik Streeck ein Querdenker, weshalb es zwar überraschend war, dass der „Virologe“ seinen RTL-Podcast mit der „Journalistin“ Katja Burkart nach nur zwei Folgen aus „Termingründen“ einstellt, aber ein Grund zur Freude.

Das gilt indes nicht dafür, dass Linda Zervakis nach zehn Jahren die Moderation der Tagesschau abgibt – schon, weil Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung zur Hauptsendezeit jetzt wieder fest in blutsdeutscher Hand ist. Apropos Diversität: Nachdem die Sendung der Vorwoche mit The Mole auch schon eine Dokumentation war, ist der Tipp auch diesmal sachlicher Art.

Die Frischwoche

12. – 18. April

In Schwarze Adler schildert Thorsten Körner ab Donnerstag bei Amazon Prime das bizarre Schicksal farbiger Fußballnationalspieler, seit mit Erwin Kostedde in den Siebzigern erstmals einer mit dem titelgebenden Vogel auf der Brust spielte. Dabei sammelt der renommierte Medienjournalist nicht nur ergreifende Geschichten betroffener PoCs, sondern erstellt die Milieustudie einer Nation, die bis heute auf der Suche nach ihrem Umgang mit Andersartigkeit ist.

Mit weniger Realismus versucht das auch ein Spin-Off der Serienlegende Club der roten Bänder. In Tonis Welt kauft sich ein ehemaliger Stations-Insasse mit Asperger-Syndrom das Großelternhaus seiner Freundin mit Tourette-Syndrom. Auch, wenn die achtteilige Selbstbehauptungs-Dramedy ihren Diversitätshumor ab Mittwoch oft überzieht, entsteht daraus ein Dorfporträt von ähnlicher unterhaltsamer Wahrhaftigkeit wie Mapa. Voriges Jahr glänzte das Schicksal eines Witwers mit neugeborenem Baby bei Joyn+, Samstag ist es frei zugänglich in der ARD-Mediathek zu sehen.

Die Neustarts der Woche derweil im Schnelldurchlauf: Heute startet bei Sky die HBO-Superheldinnenserie The Nevers, eine Art retrofuturistischer Spionage-Mystery im viktorianischen Zeitalter. Ähnlich nostalgisch wirkt die Science-Fiction der Joyn+-Serie Strange Angels ab Donnerstag. Parallel dazu lässt Magenta eine Gruppenreise schwererziehbarer Jugendlicher in die Berge so eskalieren, dass Wild Republic nach zwei Folgen an Herr der Fliegen erinnert. Tag drauf startet Disney+ seinen Highschool-Basketball-Dreiteiler One Shot. Samstag porträtiert Judd Apatows fiktives Biopic The King of Staten Island auf Sky den Standup-Komiker Pete Davidson als Feuerwehrmann. Und bevor der dokumentarische Fünfteiler Interview mit einem Serienmörder die Woche bei Starzplay abschließt, empfehlen wir das fünfteilige 3sat-Porträt Wie ein Fremder am Samstag, 20.15 Uhr. Sechs Jahre hat der Filmemacher Aljoscha Pause dafür den Musiker Roland Meyer de Voltaire begleitet, dessen Band Voltaire 2005 als kommende Superstars gehandelt wurde, dann aber in sich zusammenbrach.


Merab Ninidze: Dr. Ballouz & Caroline Link

Filme sind nun mal Quatsch

Merab Ninidze stammt aus Georgien, lebt in Wien und ist seit dem KZ-Drama Hasenjagd von 1994 ein Star der stilleren Art, die ihn über Caroline Links Nirgendwo in Afrika zur HBO-Serie Homeland führte. Dass er nun den ZDF-Arzt Doktor Ballouz spielt, könnte ein Rückschritt sein – wäre sein seelenwunder Klinikchef nicht völlig anders als die meisten seiner Kollegen. Der 55-Jährige über Fernsehquatsch, Zeitkonten, seinen Akzent und wo er sich am heimischsten fühlt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Ninidze, der erste Satz von Doktor Ballouz beginnt mit den Worten „Ich schaff‘ das nicht!“. Hat sich ein deutscher Fernseharzt zum Einstieg schon mal so klein gemacht?

Merab Ninidze: Vermutlich nicht, aber ich bin auch kein Experte für Arztserien. Genau dieses Understatement gefiel mir jedoch sofort an der Rolle. Er ist zunächst mal Mensch, dann Mediziner.

Was unterscheidet ihn noch vom Rest seiner Branche im Fernsehen?

Sein völliger Mangel an Oberflächlichkeit. Ballouz ist komplett echt und unverstellt, schaut jedem in die Augen, ist nicht nur neugierig, sondern gelegentlich philosophisch und ergänzt das Fachliche ein bisschen spirituell, wie er mit seiner toten Frau redet. Das ist abgesehen von seiner Herkunft einmalig und soll auch kein Trick der Drehbuchautorin sein, um ihn interessant zu machen, sondern die Zustandsbeschreibung eines emotional verwirrten Mannes, dessen Schmerz unerträglich scheint.

Was in deutscher Fernsehfiktion weder sonderlich männlich noch sonderlich ärztlich ist.

Aber dafür sorgt, dass er sich gut mit seinen Patienten identifizieren kann, deren wesentlicher Grund, Ärzte aufzusuchen, ja genau das ist: Schmerzen, Ängste, Existenzängste, zuweilen Todesängste. Darin liegt ein wesentlicher Grund dafür, dass Dr. Ballouz so wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt, ob er also überhaupt wie ein erfolgreicher Chefarzt rüberkommt.

Ist es Ihnen wichtig, äußerlich wie ein erfolgreicher Schauspieler überzukommen?

Nein! Die Arbeit ist mir wichtig, die Entscheidung darüber, überlasse ich dem Publikum. Und Dr. Ballouz spricht ja auch nicht in dieser medizinischen Fachsprache, dafür fühlt er sich dem Leid seiner Patienten einfach zu nah.

Aber da liegt doch der Fehler im System. Von Stations- und Chefarzt über Gynäkologe und Psychologe bis hin zu Seelsorger und Personalchef ist Dr. Ballouz nahezu alles und zwar mit einem schier unerschöpflichem Zeitkonto, aus dem er ständig lange Einzelgespräche schöpft. Das ist doch völliger Quatsch.

Klar, aber Filme sind nun mal Quatsch! Das dürfen sie auch sein; wir erzählen ja Geschichten, keine Dokumentationen, allerdings im Rahmen der Wirklichkeit, sonst wären es Märchen. Bei den Regieanweisungen von Andreas Menck, der die ersten drei Folgen gemacht hat, habe ich öfter gesagt, Ballouz müsste doch wie jeder Mensch mal irgendwas Egozentrisches, Unangenehmes haben. Da meinte er: Nein. Unser Krankenhaus mag realistisch sein, aber Ballouz ist Meister Yoda. Sie wissen ja, woher ich stamme.

Ursprünglich aus Georgien.

In dem Land hatten Mediziner genau diesen Status. Es waren zwar keine Wunderheiler, aber für alles zuständig. Sie mussten daher auch alles einigermaßen gut können. Gynäkologen und Zahnärzte in einem, kein Problem. Hier mag das ein wenig märchenhaft klingen, aber so was gibt es.

Rührt seine innere Ruhe dabei eigentlich auch aus ihrer Persönlichkeit her? Man kennt Sie eigentlich nur so tiefenentspannt…

Glauben Sie mir, ich habe auch wildere Rollen gespielt, und weil es so wenige waren, liegen sie mir auch sehr am Herzen. Aber klar, ich würde mich selbst auch als ruhigen Menschen bezeichnen, der sich zwar schnell mal aufregt, aber umso schneller wieder beruhigt. Angesichts dessen, was ich in meinem Leben bereits durchgemacht habe, war das auch wichtig, um mich nicht zu verlieren. Und das strahlt natürlich auch auf meinen Rollen ab.

Die selten etwas wirklich Leichtes, gar Heiteres haben.

Dabei war ich als junger Mensch ein Clown, der Schauspieler geworden ist, weil er die Leute zum Lachen bringen konnte. Schon interessant, dass ich sie in dieser Serie eher zum Weinen bringe (lacht). Wichtiger an dieser Figur ist aber, Kranken die Angst zu nehmen. Dafür sind Ruhe und Herz unerlässlich. Deshalb – noch mal zurück zur Frage nach dem Realismus.

Ja?

Vielleicht sollten wir Dr. Ballouz nicht als wirklich, sondern wünschenswert sehen. Gerade in unserer Zeit könnte es inspirierend sein, dass da jemand in dieser Position nicht an Macht und Geld interessiert ist, sondern seinen Mitmenschen. Damit hat er auch in mir was Verborgenes, fast Archaisches geweckt – das Bedürfnis ganz pur, ehrlich, rein zu sein. Das ist in einem metaphysischen Beruf wie meinem, wo man ständig jemand anderes ist, heilsam.

Interessanterweise wird die Herkunft von Dr. Ballouz zumindest bislang kaum thematisiert. Spielt sie auch im weiteren Verlauf keine Rolle?

Ganz zu Anfang gab es mal die Idee, das zu tun. Mich hat das nicht nur deshalb erschrocken, weil ich selber aus Georgien stamme, sondern weil mir das so egal vorkommt. Ja, er hat einen Akzent, heißt anders als Müller und erwähnt manchmal, dass in seiner Heimat Krieg herrscht, aber was würde es der Geschichte bringen, das zu vertiefen? Am Ende hätte es von der persönlichen Geschichte, die wir erzählen, in eine Richtung abgelenkt, über die ohnehin zu viel geredet wird. Erinnern Sie sich an die Szenen in der Klinikkapelle?

Wo Dr. Ballouz gern mal seine Pausen verbringt?

Beim Drehen dort habe ich mal gefragt, welche Religion er eigentlich hat. Da haben zwar alle gelacht, aber niemand wusste die Antwort, einfach weil es egal ist. Das ist es bei meinen Rollen sonst anders. Bis auf Nirgendwo in Afrika von Caroline Link, wo ich ein deutscher Jude war, spiele ich ja ausschließlich irgendwie ausländische Figuren. Da fand ich es toll, wie wenig bedeutsam mein Hintergrund hier ist.

Spielt dieser Hintergrund in Ihrem Alltag denn eine Rolle?

Zuhause nicht, aber sobald ich im Supermarkt bin, natürlich schon. Bis heute neige ich dazu, mich dort für sprachliche Lücken zu entschuldigen. Das bleibt für einen Migranten wie mich wohl immer so. Aber das ist kein großes Problem, ich habe mich eigentlich fast nie diskriminiert gefühlt. Und wenn doch, versuche ich es nicht ernst zu nehmen.

Wo fühlen Sie sich nach je einer Hälfte Ihres Lebens in Georgien und Österreich oder Deutschland denn heimisch?

Ich bin sehr gerne in Berlin, das vermisse ich am schnellsten, wenn ich woanders bin. In Georgien fühle ich mich mittlerweile fremder als in Österreich, das mir mein Leben gerettet hat.

Inwiefern?

Durch die Arbeit entwickeln sich Netzwerke und persönliche Kontakte, die in der Mehrzahl in den letzten Jahren in Deutschland entstanden sind. Aber wissen Sie, wo ich mich am heimischsten fühle?

Na?

Bei Dreharbeiten!


Gesundheitsdoku & Dokumaulwurf

Die Gebrauchtwoche

29. März bis 4. April

Während eine sprunghaft steigende Zahl Einzelfälle der strukturkorrupten CDU/CSU die Pandemie zur Selbstbereicherung mit medizinischem Material nutzt, während Querdenkende aller Herren Lager dem Pflegepersonal ins Gesicht spucken, während ihm der bürgerliche Rest ab und zu mal gönnerhaft vom Balkon zuklatscht, hat Pro7 am Mittwochabend einmal mehr allen gezeigt, wohin sich Anstand und Ethik des Privatfernsehens verkrümelt haben.

Statt um 20.15 Uhr zweimal 9-1-1-Notruf L.A. und Seattle Fire Fighters zu zeigen, räumte der kleine Bruder von Sat1 seine Primetime für eine Reportage aus dem Uniklinikum Münster. Durch den Wackelblick ihrer Bodycam führt die Pflegerin Meike Ista vom Morgengrauen an sieben Stunden unsichtbar durch ihren Arbeitsalltag, während Kolleg*innen anderer Einrichtungen im Splitscreen schildern, wie kaputt das Gesundheitssystem ist, wie unterbesetzt, überlastet – und wie das Personal darin auf applaudierende Balkons pfeift, sofern man ihnen endlich Respekt, Geld, Zeit, Anerkennung spendet.

TV

Obwohl das Hauptprogramm an Ereignislosigkeit kaum zu unterbieten war, verbuchte ProSieben gut zwölf Prozent, in der Zielgruppe gar 17,2 Prozent Quote – gegen Fußball auf RTL und das Märchen eingefahrener Sehgewohnheiten, die angeblich ständiger Reizüberflutung bedürfen. Die qualitativ wie quantitativ abgestürzte Sendermutter Sat1 landete unterdessen mit Bullshit-Fernsehen à la Claudias House of Love in der Publikumsgunst hinter Nitro im Promillebereich.

Kurz, bevor Hape Kerkeling so auszusehen beginnt wie Jens Riewas Vater, hat RTL ihn wie zuletzt 2015 in Let’s Dance für einige Shows und Serien verpflichtet. Noch während sich der Komiker Helmut Schleich allen Ernstes das Gesicht dunkel färbte, um einen afrikanischen Sohn von Franz-Josef Strauß zu spielen, hagelte es Rassismusvorwürfe an den BR. Und nachdem CEO Julia Jäkel so auszusehen begann wie Sabine Christiansen, verlässt sie G+J, wo künftig ihr Vorstandskollege Stephan Schäfer (46) daran mitarbeiten wird, Bertelsmann mit RTL zu fusionieren.

Die Frischwoche

5. – 11. April

Ob das etwas daran ändert, wie belanglos der Ex-Marktführer ist? Schwer zu sagen. Aber in dieser Woche ist das Bemerkenswerteste die Intelligenzverachtung Pocher vs. Influencer ab Mittwoch. Zwei Tage zuvor macht es ZDFInfo: Für seine Frontaldoku The Mole schickte der dänische Filmemacher Mads Brügger den arbeitslosen Koch Ulrich Larsen nach Nordkorea, wo er mit dem falschen Milliardär „Mr. James“ illegale Waffendeals einfädelt. Das ist fast zu bizarr, um wahr zu sein, aber von der ersten bis zur 120. Minute so real, dass es schmerzt.

Gleiches gilt auf leichterem Niveau für einen Film der New York Times, die nun auch beim Streamen mitmischt. Framing Britney Spears porträtiert den weiblichen Megastar der Boygroup-Ära ab heute auf Amazon als selbstbestimmtes Opfer einer misogynen Branche, die es gezielt in den Abgrund gerissen hat. Ebenfalls auf der Sachebene gutgemacht dürfte der Late-Night-Ausflug des Podcasters Tommi Schmitt (Gemischtes Hack) sein. Ab Donnerstag leuchtet sein Studio Schmitt die Schnittmengen von Realität und Fiktion aus.

0-Frischwoche

Eine Schnittmenge, die auch Ralf Husmanns neuester Streich, bei dem das Lachen im Halse steckenbleibt, ab Donnerstag auf TVNow liefert: Mirella Schulze rettet die Welt acht Teile lang in Gestalt eines 13-jährigen Quälgeistes, der nicht nur optisch an Greta Thunberg erinnert, sondern zum Leidwesen ihrer Umgebung inklusive lokalem Chemiekonzern und eigener Familie auch noch ständig Recht hat mit ihrem Einsatz fürs Klima. Bei AppleTV trifft Oprah Winfrey dafür Mittwoch eine leibhaftige Freiheitskämpferin: Amanda Gorman.

Der Rest in Stichworten: Tom Hanks brilliert heute auf Sky als Der wunderbare Mr. Rogers. In der SyFy-Serie Resident Alien leben Außerirdische ab Donnerstag unter uns. Der Neo-Zwölfteiler Dead Pixels karikiert Freitag eine britische WG unverbesserlicher Gaming-Nerds. Und schon, weil es so selten ist: Doktor Ballouz hat tags zuvor mit der medizinischer Realität zwar so viel zu tun wie das Querdenker-Kuscheln der Stuttgarter Polizei mit Recht & Ordnung, aber einen so schön traurigen Chefarzt, hat die ZDF-Medizin noch nie gesehen.


Thorolf Lipp: Lovemobil & Wahrheit

Das ist ein echtes Problem

Die NDR-Prostitutionsdokumentation Lovemobil hat Protagonist*innen durch Schauspieler*innen ersetzt und damit einen Streit über Fakes im Sachfilm entfesselt. Ein Gespräch mit dem Filmemacher und Ethnologen Dr. Thorolf Lipp (48), der seit Jahren im Vorstand der AG DOK sitzt, von 2015 bis 2019 Sprecher des Deutschen Medienrates war und sehr strikte Ansichten über die Inszenierung der Wirklichkeit hat.

Interview: Jan Freitag

Herr Lipp, wann haben Sie erstmals die Dokumentation Lovemobil, für die Elke Margarete Lehrenkrauss Darsteller*innen als Prostituierte und Freir eingesetzt hat, ohne es zu kennzeichnen?

Thorolf Lipp: Tatsächlich schon bevor publik wurde, dass Frau Lehrenkrauss mehrere Protagonist*innen durch Darsteller*innen ersetzt hat. Und jetzt wollen Sie von mir bestimmt wissen, ob man das sehen konnte.

Konnte man?

In der Dreiviertelstunde, die ich aus Zeitgründen nur sehen konnte, fiel mir als Dokumentarist und Kameramann auf, wie extrem der Film ästhetisiert, also dass die Bilder sehr sorgfältig kadriert sind, bewusst mit Licht gearbeitet wurde, Dialoge spielfilmreif sind. Es fehlten erzählerische Unebenheiten, die für offene Formen des Dokumentarischen typisch sind und Apologeten des direct cinema wie Klaus Wildenhahn oder Frederick Wiseman in Kauf nehmen, statt etwas nachzustellen. Das macht es den an Spielfilmdramaturgie gewöhnten Zuschauer*innen aber mitunter schwermachen, sich im Film zurechtzufinden.

Ist dieses direct cinema identisch mit dem cinéma verité?

Nein. Das direct cinema ist rein beobachtend und postuliert, dass man Wirklichkeit unverfälscht abbilden kann. Das kann man, muss man aber nicht so sehen. Das cinéma verité vertritt die gegenteilige Auffassung, dass nämlich in dem Moment, wo ein Film gedreht wird, nichts wichtiger ist als der Umstand, dass ein Film gedreht wird. Sobald ich die Kamera anschalte, verändert sie die Wirklichkeit.

Also ist das Cinema Verité der aufrichtigere Ansatz des Dokumentarfilms?

Es ist vor allem der intellektuell anspruchsvollere und steht insofern im diametralen Gegensatz zu Dokumentarfilmen, die den Prozess des Erzählens nicht thematisieren oder sogar wie im Fall von Lovemobil bewusst verschleiern. In unserer komplexen, anstrengenden Welt will man sich von Spielfilmen ablenken lassen. Im Kino boomt im Grunde ausschließlich Illusionskino von Star Wars über Herr der Ringe bis Avengers. Diese erzählerischen Mittel, aber auch die glatte Oberfläche ohne die genannten Unebenheiten, erwartet der Zuschauer heute auch vom Dokumentarfilm, der deswegen mehr und mehr dem Spielfilm gleicht. Das ist ein echtes Problem.

Inwiefern?

Jeder Dokumentarfilmemacher weiß, dass es nicht reicht, die Kamera hinzustellen und Aufnahme zu drücken. Das ergibt keinen Film, sondern ein Dokument von vielleicht archivarischem Wert. Wer hingegen einen Film machen will, auch einen Dokumentarfilm, irrealisiert die Welt durch Verdichtung. Jeder Film ist also eine Ver-Wirklichung mit Mitteln der Kunst. Darüber herrscht Konsens in der Dokumentarfilmtheorie. Über den Grad an Inszenierung und Verdichtung kann man dann trefflich im Detail streiten. Hier aber ging es um etwas anderes: Es ging um die bewusste Lüge und Täuschung des Zuschauers, dem vorgegaukelt wird, echte Menschen mit echten Geschichten kennenzulernen, während es sich um bezahlte Darsteller*innen handelt. Dies wurde nicht kenntlich gemacht.

Das geht gar nicht?

Nicht in dieser Form! Nicht in dieser Zeit! Solche Lügen tragen massiv zur Erosion des Vertrauens in die Medien bei, und in einer Welt ohne Medienvertrauen macht das Dokumentarische als Genre keinen Sinn. So ein Fake beschädigt willentlich und wissentlich die Übereinkunft zwischen Filmemachern und Zuschauern einer erkennbaren Trennung dokumentarischer und fiktionaler Formen. Das Problem ist aber, dass diese Form der Dramaturgie und Ästhetik beim Zuschauer, bei Festivals und Kritikern gut ankommt. Im Grunde haben alle Profis bei der Bewertung des dokumentarischen Gehaltes versagt, was zeigt, wie weit auch in der Branche die Grenzen der Trennschärfe inzwischen verschoben sind. Dass das ein breiteres Phänomen ist, was insbesondere auch mit der Erwartungshaltung der beauftragenden Institutionen zu tun hat, in diesem Fall des NDR, sehen wir auch in anderen Fällen.

Wo zum Beispiel?

Nehmen Sie die Reportagen von Henning Relotius. Oder die gefakten Storys von Menschen hautnah im WDR, wo ebenfalls Darsteller auftraten. Oder Scripted Reality bei den Privatsendern. All das beschädigt das Vertrauen der Zuschauer ins Dokumentarische als reflektierte Blicke auf die Wirklichkeit. Ich sehe hier, wie gesagt, insbesondere auch ein Versagen des Systems.

Aber wie kommen wir aus der Zwickmühle von Angebot und Nachfrage je wieder raus?

Schwierig. Schon weil es andere unebene Darstellungsformen kaum noch gibt. Gehen Sie mal zu einem Sender und bieten ihm ein spannendes Thema, dass sie innerhalb der nächsten drei Jahre begleitend ins Offene drehen möchten. Anders als in den Siebzigern, Achtzigern, mit Abstrichen gar Neunzigern ist es so gut wie unmöglich, dafür von den Öffentlich-Rechtlichen ein angemessenes Budget zu erhalten.

Es sei denn, Sie legen sich auf die Lauer nach Schneeleoparden.

Tierfilme bieten die letzten Protagonisten, mit denen sich Aufwand und Ergebnis noch lukrativ ins Verhältnis setzen lassen. Tatsächlich kommen die meisten Tierdokus heute aber ohnehin aus dem Zoo. Selbst aus der Szene hat sich das deutsche Fernsehen, abgesehen von Koproduktionen mit der BBC, weitgehend zurückgezogen. Das ist den Sendern einfach zu teuer geworden. Insofern ist es verlogen, wenn der NDR nach Lovemobil behauptet, sich in der Tradition von Eberhardt Fechner nichts als dem Wahren, Wirklichen verpflichtet zu fühlen. Leute wie er oder Wildenhahn, die dann gerne genannt werden, waren festangestellt und lebten insofern in gesicherten Verhältnissen. Sie durften damals mit angemessenem Budget und ohne Zeitlimit arbeiten. All das gibt es heute nicht mehr.

Kennen Sie das Zeit- und Geldbudget von Lehrenkrauss‘ Lovemobil?

Der Co-Produktionsanteil des NDR betrug knapp 40.000 Euro. Das ist viel zu wenig, um über Jahre einen beobachtenden Film zu drehen. Insofern ist für mich klar, dass der NDR mit einer Aufarbeitung, bei der die Autorin alle Verantwortung trägt, während sich die Redakteure betrogen fühlen wollen, danebenliegt. AG DOK und ARD laden seit 2016 Produzent*innen, Regisseur*innen und Redakteur*innen zum jährlichen Branchentreffen, das ich von Anfang an federführend plane. Die strukturellen Probleme sind bekannt, da muss man jetzt nicht so tun, als sei man von so einem Fall überrascht und habe Gesprächsbedarf! Es war eine Frage der Zeit, bis sich die Probleme in so einem Supergau manifestieren. Dass der NDR jetzt großzügig die Hand zum Gespräch ausstreckt, dient am Ende vor allem dem Machterhalt.

Aber wie bringt man Anspruch und Wirklichkeit so zueinander, glaubwürdige Dokumentationen für viele Menschen zu machen?

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan hat gesagt, wir werden, was wir sehen. Das heißt: die Art und Weise, wie wir mit Wirklichkeit umgehen, ist in erster Linie von Konventionen geprägt. Und diese Konventionen fallen nicht vom Himmel, sondern werden durch systemische Rahmenbedingungen geschaffen. Wenn es einerseits wenig Mittel und andererseits eine Vorliebe für glatte, geschlossene äußere Formen gibt, kann ein Film wie Lovemobil entstehen. Deshalb brauchen wir gänzlich neue Produktionsmodi. Das Dokumentarische muss sich wieder von den Verwertungszwängen unserer Branche, mit wenig Geld in kurzer Zeit möglichst gefällige Lesarten zu produzieren, lösen.

Aber können Dokumentarfilmer*innen nicht auch im Falschen das richtige Leben führen?

Ich bin da inzwischen skeptisch. Deshalb erarbeite ich mit ein paar Kollegen in der AG DOK gerade ein Reformmodell namens Docs for Democracy. Es verfolgt einen Ansatz, den man mit Harald Welzer als „Heterotopie“ bezeichnen könnte: zwei Prozent des Rundfunkbeitrages sollen für ein neues Modell der Beauftragung und Bewertung von Dokumentationen und Dokumentarfilmen den bestehenden Anstalten entzogen und in Form von Direktbeauftragungen durch einen Medieninnovationsfonds vergeben werden.

Wie viel sind es denn bislang?

Die ARD lässt sich das gesamte Dokumentargenre zurzeit etwa 0,77 Prozent der kumulierten Gesamteinnahmen kosten, beim ZDF sind es mit 2,13 Prozent etwas mehr. Aber gemessen am gesellschaftlichen Mehrwert und der gesellschaftlichen Akzeptanz, den dokumentarische Medien für öffentlich-rechtliche Anstalten generieren, ist dieser Betrag verschwindend gering.

Zumal sich die ARD als Informationsgemeinschaft mit begleitendem Show-, Sport- und Spielfilmprogramm geriert…

Diese Schieflage ist ohnehin nicht tolerierbar. Wahr ist aber auch, dass Institutionen von Festivals über Gutachter und Kritiker bis zum Grimme-Institut den Betrug durch Lovemobil nicht bemerkt haben – oder nicht bemerken wollten. Meines Erachtens, weil er perfekt ins gelernte Bedürfnisraster passt. Und was vergessen wird: Den bezahlten Darsteller*innen wurde offenbar vorgegaukelt, es ginge um die Produktion eines Spielfilms. Auch das geht nicht! Die einzigen, die in diesem Spiel eine vergleichsweise gute Figur gemacht haben sind diejenigen, die nicht auftauchen. Die echten Prostituierten haben die Mechanismen offenbar am ehesten durchschaut und sich der Sache entzogen. Ich habe nicht mit ihnen geredet, aber daran lässt sich vielleicht ablesen, wie viel Schaden die Fiktionalisierung der Wirklichkeit bereits angerichtet hat.

Umso mehr nochmals die Frage: kommen wir da wieder raus?

Im bestehenden System nicht, nein. Ich glaube das geht nur durch einen partiellen Neustart!

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Doku-Fiktionen & Wirecard-Story

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. März

Was die Wahrheit ist, das gilt zurecht als schwer umstritten, was die Wirklichkeit ist, dagegen – trotz und grade wegen populistischer Quergedanken – weniger. Dachte man. Bis Anfang voriger Woche. Montag nämlich wurde publik, dass die preisgekrönte NDR-Dokumentation Lovemobil über die entwürdigende Sexarbeit am Rande niedersächsischer Städte zwar inhaltlich korrekt war, aber mit Schauspieler*innen besetzt. Ein Freier soll sogar zum Freundeskreis von Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss gehören. Nun ist der Ärger groß, die Grimme-Nominierung perdu und ein bisschen auch das Renommee faktenbasierter Unterhaltung.

Freuen wir uns also darüber, endlich mal offen über Realismus im Sachfernsehen zu reden. Der nämlich wird ja schon von der Themenauswahl beeinträchtigt. Auch Personal und Kameraführung, Drehbuch, Chronologie, gar Schnitt, Ton, Licht nehmen Einfluss aufs Tatsächliche. Die Wirklichkeit ist eben, was daraus gemacht wird. Normalerweise kann sie das ab. Es sei denn, die erwähnten Querdenker grätschen mal wieder von rechtsaußen rein.

Ein polnisches Gericht etwa hat das ZDF zu einer Entschuldigung für das Kriegsmelodram Unsere Mütter, unsere Väter verurteilt, da es Kriegsveteranen verunglimpfe. Das ist schon wegen der Kunstfreiheit staatspopulistischer Unsinn. In einem Land zumal, das Journalist*innen noch schlechter behandelt als Deutschland, wo voriges Jahr 69 Opfer meist rechter Angriffe gezählt wurden. Es verkennt aber auch, dass sich das ZDF eigentlich bei allen dafür entschuldigen müsste, die Deutschen in UMUV erneut fiktional von aller NS-Schuld reingewaschen zu haben.

Und damit zum Stühlerücken auf dem Boulevard populistischer Eitelkeiten. Dieter Bohlen meldet sich vorm DSDS-Finale krank und wird durch Thomas Gottschalk ersetzt. Nena outet sich als Verschwörungsfan und wird von Kathi Witt begleitet. Julian Reichelt darf weiter die Bild-Belegschaft tyrannisieren, kriegt jedoch Alexandra Würzbach zur Seite. Jan Hofer wechselt als Anchor zu RTL und Eva Herman, nein die bleibt Adolfs Eva Braun von heute.

Die Frischwoche

29. März – 4. April

Wie schön ist es da doch, sich mit gutem Entertainment vom Irrsinn abzulenken, und nein – damit ist nicht die RTL-Show I Can See Your Voice gemeint, in der ab Dienstag irgendwer irgendwas singt. Auch nicht die Kleider-Geschichten, mit denen Netflix Donnerstag die Kleiderordnung von Mary Condo nachspielt. Interessanter erscheint dagegen eine Echtzeitaufarbeitung unvollendeter Historie.

Noch bevor die Milliardenbetrüger Markus Braun und Jan Marsalek auch nur vor Gericht stehen, arbeitet TVNow Mittwoch die Wirecard-Story in einem Dokudrama von Raymond und Hannah Ley auf. Das fügt dem Kenntnisstand zwar 95 Minuten lang nichts Neues hinzu. Christoph Maria Herbst und Franz Hartwig aber leihen den Hauptschuldigen des größten Wirtschaftsskandals unserer wirtschaftsskandalträchtigen Tage allerdings sehr eindrückliche Gesichter.

Das gilt auch für die Free-TV-Premiere der Now-Serie Lambs of God, in der es drei spirituell wie räumlich entrückte Nonnen ab Mittwoch vier Folgen auf One mit der Zivilisation zu tun kriegen und dabei zeigen, wie drastisch sich der Glaube mitunter gegen die Gegenwart zur Wehr setzt. Realitätsgetreu lässt der BBC-Achtteiler The Serpent Freitag auf Netflix den Serienkiller Charles Sobhraj aus den Siebzigern auferstehen und parallel dazu die Bordellbesitzerin Madame Claude aus den Sechzigern.

Nachdem Sky bereits heute Tiger Woods ein Golf-Porträt widmet und dem berüchtigten Frauenarzt Dr. Quincy Fortier tags drauf bei die Missbrauchsdoku Baby God, freuen wir uns aufrichtig übers neue Format von Michael Herbig – obwohl er nur die Nebenrolle spielt. In Last One Laughing sieht Bully ab Donnerstag bei Amazon Humorprofis von Wigald Boning und Teddy Teclebrhan über Anke Engelke und Carolin Kebekus bis Torsten Sträter und Mirco Nontschew dabei zu, wie sie sich eingekerkert in eine Comedy-WG nicht gegenseitig zum Lachen bringen, was wirklich sehr komisch zu sein scheint.


Tune-Yards, Hearts Hearts, L’Impératrice

Tune-Yards

Ist es Funk? Ist es Jazz? Ist es Punk? Ist es Trash? Wenn bei neuer Musik alte Fragen wie diese im Kopf herumschwirren, hat die Band vermutlich einiges richtig gemacht. Wobei Band – sind die Tune-Yards überhaupt eine oder doch eher retrofuturistische Dekodierung des Kollektivgedankens? Sei’s drum – die kalifornische Klangverwirblerin Merrill Garbus hat seit der Gründung ihres Soloprojekts, Eigenschreibweise tUnE-yArDs, mit vielen Menschen musiziert, aktuell ist es der Percussionist Nate Brenner, und in jeder Kombination ist daraus ein Springbrunnen der Mehrdeutigkeit geworden.

Auf dem 5. Album sketchy etwa klettert ihr kehliger Gesang durch einen Hindernisparcours fiepsener, sägender, treibender, bremsender, lauter, leiser Soundfragmente, die sie in einen Kessel Buntes geworfen zu haben scheint und dann bei hoher Körpertemperatur durchgekocht, bis daraus pro Track zehngängige Menüs auf ein und demselben Teller wurden. Am prägnantesten bleibt darin dann eine Art autonom-feministischer Mojotechno, der sich permanent selbst karikiert. Noch prägnanter jedoch ist, wie wenig man sich beim Hören davon lösen kann.

Tune-Yards – sketchy (4AD)

Hearts Hearts

Falls es noch irgendwelche Zweifel an der Variabilität österreichischer Boybands gab: hier werden sie zerstreut – bei den Hearts Hearts. Nicht die neueste Band jenseits der Alpen, auch nicht die originellste, im Gegenteil, da sind Bilderbuch oder Voodoo Jürgens Lichtjahre weiter. Dafür haben die vier Freunde um den Sänger mit Namen Österle etwas, das selbst im vielschichtigen Wien ein echtes USP ist: sie machen zwar unspektakuläre, aber zum Niederknien schöne Popmusik.

Ein bisschen klingt das dann auch auf dem neuen, erst dritten Album Love Club Members in zehn Jahren wie Whitney im Duett mit Moldy Peaches. Verschroben schon, klar. Und Texte wie “All what I really want – so crazy / Had been a pile of junk / All what I really want- so crazy – uhuhuh / All what I really haunt – oh daily”, werden auch nicht sinniger, wenn man darin nach Metaebenen sucht. Aber dieser reduzierte Synthieteppich mit Pianotupfen und Gesang ohne Spirenzchen – a geh, der macht einfach niveauvoll Spaß.

Hearts Hearts – Love Club Members (Parramatta)

L’Impératrice

French House, das mag eine Fehlinterpretation sein, aber sie klingt irgendwie nett: French House war schon immer leicht japanophil. Dieses selbstironisch verspielte, ulkig audiophile, skurrilitätsbereite, aber dabei elegante Gefrickel auf Geräten ostasiatischer Herkunft (Yamaha!) – darin fand der Pop elektronische Vervollkommnung, die bei aller West-Prägung nach Tokio klang. Und dann stieg 2018 das französische Sextett L’Impératrice aus einer explodierenden Supernova und machte daraus das funkensprühendste Easy-Listening-Album seit Pizzicato Fives Happy End of the World Ende der 90er.

Drei Jahre nach ihrem Debüt nun folgt mit Tako Tsubo der – sogar japanisch betitelte – Nachfolger. In Schriftzeichen 蛸壺, auf Französisch piège à poulpe, was auf Deutsch ungefähr Tintenfischfang heißen könnte. Und so hören sich die 13 Stücke denn auch an: geigengezuckerte Tiefseetauchgänge. Orgeltropfen wie Ohrenkerzen, soundgewordene Strandparty am Stil, digitaler Soul zum Verlieben in jeder einzelnen Zeile, Note, Welle. Kopfsprung hinein und vergessen ist der fehlende Festivalsommer.

L’Impératrice- Tako Tsubo (microqlima)


8 Zeugen: Erinnerung & Lügen

8ZWorte statt Taten

In der sehenswerten TVNow-Serie 8 Zeugen sucht Alexandra Maria Lara als polizeiliche Gedächtnisforscherin in den Erinnerungen von Beobachtern einer Kindesentführung nach Spuren. Selten zuvor war Krimi konzentrierter auf Sprache und trotzdem aufregend. Was nicht nur, aber auch an grandiosen Darsteller*inn*en liegt.

Von Jan Freitag

Das Gedächtnis ist ein selektiver, unzuverlässiger, trügerischer Ort. „Erinnern“, wusste schon Günter Grass, „heißt auswählen“. Jasmin Braun geht noch einen Schritt weiter. „Jede Erinnerung ist falsch“, sagt die Gedächtnisforscherin zu Beginn der TVNow-Serie 8 Zeugen und erklärt: „Wir erleben etwas, und Sekunden danach beginnt es sich zu verändern.“ Wer seiner Festplatte im Kopf trauen will oder derjenigen anderer, sollte deshalb so wenig Einfluss wie möglich darauf nehmen. Gerade, wenn es um Leben und Tod geht.

Eben noch hat sie als Sachverständige vor Gericht die Befragungstechnik mehrerer Polizisten kritisiert, da trifft Dr. Braun (Alexandra Maria Lara) einige davon dort, wo drei Stunden zuvor die Tochter des Innensenators entführt wurde. Es herrscht also gegenseitige Skepsis im Berliner Naturkundemuseum: Hier der zupackende Einsatzleiter Dietz (Ralph Herforth) und seine Ermittler, da die tastende Psychologin Braun (Alexandra Maria Lara) und ihr Wissen, alle gemeinsam entzweit im Kampf gegen die Uhr.

Während die Polizei ihre Augenzeugen schnell auf den Pfad verdrängter Tathergänge schicken will, möchte die Wissenschaftlerin, „kein Teil des Gedächtnisprozesses werden, deshalb arbeite ich mit Transkripten, nicht mit Menschen.“ Anderseits sei es nicht ihre Art, Hilfsbedürftigen die Hand auszuschlagen. „So funktioniere ich nicht.“ Deshalb vergisst die Expertin das akademische Prinzip methodischer Distanz und fühlt den Anwesenden der Kindesentführung Folge für Folge auf den Zahn ihrer Erinnerungen.

Vom kolumbianischen Kindermädchen oder der profilneurotischen Studentin über den vorbestraften Wachmann und die Exfreundin des Tatverdächtigen bis hin zu dessen Vermieterin oder Jasmin Brauns früherem Professor versucht die fachlich geschulte Vernehmungslaiin also die komplizierte Balance zwischen Distanz und Nähe, Beobachtung und Intervention zu wahren. Es geht daher nicht um Täter und Opfer, es geht auch nicht um Action oder Blaulicht. In achtmal 20 Minuten geht es dieser Anthologie-Serie fast ausschließlich um Worte.

Fürs Videoportal eines strukturell oberflächlichen Privatsenders wie RTL ist das vielleicht ein wenig inhaltlicher als üblich. Beraten und inspiriert von der rechtspsychologischen Bestsellerautorin Julia Shaw bietet Showrunner Jörg Lühdorff folglich ebenso komplexes wie fesselndes Entertainment für Herz, Hirn und Magen. Vergleichbar dem gefeierten Netflix-Experiment Criminal, das Ende 2019 Verhörspezialisten aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien im selben Verhörraum auf Mörderjagd schickte, brilliert auch dieses Krimikammerspiel schließlich durch extreme Fokussierung auf verborgene Details, statt blutiger Spuren.

Getragen wird die bildgewaltige Zuspitzung aufs scheinbar Belanglose durchs kollegiale Duell von Alexandra Maria Lara und Ralph Herforth. Während der deutsch-rumänische Weltstar seine Psychologin zwischen fachlicher Kompetenz und fragiler Persönlichkeit zerreibt, lässt der westfälische Abo-Gangster seine Figur vor lauter Testosteron zwar förmlich dampfen; zugleich stellt Kommissar Dietz Misogynie und Mackertum so strikt in den Dienst der Falllösung, als hätte Herforth fünf Jahre in Mordkommissionen hospitiert.

Und so bleibt bei aller Konzentration aufs Wesentliche – nämlich das Mädchen zu finden – noch genug Raum für Nebenschauplätze: den unverwüstlichen Corpsgeist uniformierter Institutionen zum Beispiel. Clan-Kriminalität und wie viel sie mit Rassismus zu tun hat. Die zunehmende Bildungsverachtung einkommensschwächerer Schichten, gepaart mit wachsendem Standesdünkel einkommensstärkerer. Dazu das offene Geheimnis, Reden, Hören, Kommunikation seien noch immer die besten Problemlösungskonzepte. Und manchmal auch noch sensationell unterhaltsam.


Reichelts Kultur & Laras Zeugen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. März

Also echt mal: „Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen“, wie ein Sprecher der Menschenrechts-NGO Bild die völlig haltlosen Vorwürfe gegen den Friedensnobelpreisträger Julian Reichelt kommentierte, „ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar“. Amen. Jetzt könnte man natürlich denken, die Satire-Abteilung der ARD hätte sich in die PR-Abteilung von Europas weltgrößtem Boulevardblatt geschlichen. Aber letztere meint so was exakt so ernst wie es erstere ernst meint, wenn sie Dieter Nuhr Woche für Woche ein prominentes Portal seiner misogynen Weltsicht bietet.

Donnerstag hat er es nämlich wieder und wieder und wieder getan: Das Gendern zu bashen und dabei Fakten durch AfD-Argumente zu ersetzen. Armer, weißer, physisch junggebliebener, geistig greisenhafter Mann: wie schlaff müssen deine Testikel im Feinripp hängen, dass er immer und immer und immer wieder nach unten tritt, weil er sich nach oben zu treten ja schon lange nicht mehr traut und Konzepte wie Identitätspolitik halt einfach nicht versteht, sondern würde er ja versuchen, wenigstens ab und zu mal zu differenzieren.

Dass Dieter Nuhr vornehmlich von jenen noch Gelächter erntet, die auf der Kasseler Querdenken-Demo Samstag Journalist*innen attackiert haben, nimmt er da vermutlich längst schon nicht mehr nur in Kauf. Es zählt zu seinem Wirkprinzip. Darin ähnelt der Comedian Hendrik Streeck, der ähnlich viele Fahnen in den Wind der Querdenker hängt wie dessen komödiantischer Fürsprecher. Woraus sich Mittwoch übrigens ein ulkiger Disput mit Jan Böhmermann ergeben hat, dem ausgerechnet der Verschwörungsvirologe einseitige Polemik vorwarf.

Witzig. Lachhaft ist dagegen langsam nur noch der Dauerhinweis aller, wirklich aller Sportreporter (deren Gendersternchen mangels Reporterinnen überflüssig sind), wie öde es ohne Publikum im Stadion sei – schon, weil es so blöde ist, dass diese Stadien voller Sportprofis sind, die behaupten, keine Privilegien zu genießen.

Die Frischwoche

22. – 28. März

Donnerstag zum Beispiel hat der Fußball erneut keines, wenn er seine dauergetesteten Millionäre massenhaft zu Länderspielen durch ganz Europa schickt und damit jedes epidemiologische Konzept mit Füßen tritt. Ob RTL das am beim Spiel der Deutschen gegen Island erwähnen wird? Wohl kaum – Geschäftspartner kritisiert man nicht im Privatfernsehen. Schließlich herrscht nicht nur, aber besonders dort das Prinzip maximaler Affirmation im Umgang mit Verwertungsketten.

Wenn Disney+ tags zuvor 1. Geburtstag feiert, kann man dieses Prinzip bestens begutachten. Dort wird alles, wirklich alles aus dem Milliardenkonzern wiedergekäut. Freitag zum Beispiel die Mighty Ducks. Anfang der Neunziger machte Emilio Estevez als Coach eines Eishockeyteams voller Nerds und Looser drei Kinofilme lang Kasse. Jetzt kehrt er mit exakt demselben Prinzip als Serie auf den Bildschirm zurück. Es lebe das Fließband, an dem auch die – zugegeben divers männliche – Superheldenserie The Falcon and the Winter Soldier entstanden ist.

Ein anderes Format klingt dagegen eher nach Manufaktur Im starbesetzten Sixties-Melodram Godfather of Harlem lässt Disney zeitgleich das New York der Ära Malcolm X auferstehen (wobei das keine Eigenproduktion, sondern ein ABC-Ankauf ist). Extra für Amazon produziert wurden hingegen zwei parallel startende Prime-Serien: das Superheldenkinder-Animé Invincible. Und La Templanza. So heißt ein spanisches Weingut der 1860er Jahre, von dem aus zwei unterschiedliche Dynastien zehn Folgen lang auf Liebes-, Geschäfts- und Intrigenpfade gehen. Trotz allem Pathos sehr ansehnlich.

Das gilt auch für 8 Zeugen mit Alexandra Maria Lara als Erinnerungsexpertin, die in jeder Folge der TVNow-Serie einen davon durchleuchtet, um ein verschwundenes Kind zu finden. Noch zwei Arte-Formate zum Schluss: Der deutsch-französische Sechsteiler Frieden skizziert ab Donnerstag (21.10 Uhr) drei junge Menschen in der Nachkriegszeit. Und Samstag (22 Uhr) widmet der Kulturkanal dem Psychologen Oliver Sacks ein virtuoses Interviewporträt.


Maria Schicker: Ku’damm & Kostüme

Klischees geben uns Leitplanken

Mit Filmreihen wie Ku’damm ist das Historytainment ab Sonntag im ZDF mal wieder ganz in seinem Element. Verantwortlich für die Kostüme ist auch 1963 die mehrfach preisgekrönte Maria Schicker. Ein Gespräch mit der renommierten Kostümbildnerin über Authentizität und Sehgewohnheiten, High-Heels und Hosenträger, das Unterbewusstsein der Zuschauer und was die Figuren wohl in Ku’damm 71 tragen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schicker, wie kostümiert man eine Figur der 60er Jahre 2021 zeitgemäß?

Maria Schicker: Mit historischem Kostüm lasse ich glaubwürdig und authentisch Charaktere entstehen, dafür muss ich sowohl die heutigen Sehgewohnheiten als auch die Erwartungen des Publikums berücksichtigen, ohne den Look der Zeit in Frage zu stellen. So entstehen Kleiderschränke mit Geschichten und Geheimnissen für jeden Charakter.

Und was bedeutet das für die Ku’damm-Reihe?

Ein realistisches Bild zu erschaffen, das Charaktere erkennbar werden lässt. In den 50er und 60er Jahren hatten die Menschen andere Physiognomien und weniger Sport getrieben. Sie waren meist kleiner und die Ernährungsgewohnheiten andere. Während Männer oft fülliger waren und Hosenträger trugen, galt bei den Damen die schlanke Taille mit zeitgemäßen Accessoires als Idealbild. Diese Figur ändert sich 1963 in gradere und kürzere Linien.

Das deutsche Historytainment neigt dabei zur Überinszenierung. Müssen Sie mit Produzenten und Sendern darum kämpfen, dass die Form nicht ihre Funktion frisst?

Ich möchte kommunizieren, nicht kämpfen. Manchmal gelingt mir das. Es ist ein Trugschluss zu denken, wer sich morgens allein anzieht, kann Geschichten über Kostüme erzählen. Das ist meine Aufgabe als Kostümbildnerin. Im Historischem habe ich freiere Hand, meine Designangebote werden leichter akzeptiert. Die Kommunikation der Gewerke – Regie, Schauspieler, Kamera, Redaktion – macht das Ergebnis reicher, darf aber die Story nicht verwässern.

Wer ist dann dafür verantwortlich, dass Frauen in Film und Fernsehen anders als in der Realität fast immer High-Heels tragen – Männer, die es sich so wünschen?

Vielleicht weil es ein schlankes Bein macht und die Frau gerader steht? Da muss ich passen… Aber seit Lola rennt… habe ich eigentlich das Gefühl, dass alle permanent Turnschuhe tragen. Ich würde mir sogar wünschen, dass wir Frauen etwas differenzierter bei der Schuhwahl sind und nicht nur bereit zum Rennen.

Aber auch bei Ku’damm 63 sind doch besonders die Frauen extrem aufgebrezelt, obwohl Fotos und Filme jener Zeit meistens gewöhnlich gekleidete Menschen mit praktischer Kleidung statt Pelz und Pumps zeigen.

Als Leiterin einer Tanzschule und Gewinnerin vieler Preise im Standarttanz, ist Frau Schölack nun mal auf Äußerlichkeiten bedacht, so wurden auch ihre Töchter erzogen. Die gesellschaftliche Schicht der Tanzschule spielt also eine enorme Rolle. In Ku’damm 63 haben sich die Charaktere der Frauen trotzdem verändert. Monika hat endlich ihre Familie mit Kind, Eva orientiert sich als Galeristin an künstlerischen Persönlichkeiten der Berliner Avantgarde, Helga erlebt Trennung und Liebe mit großer Macht.

Kostüme orientieren sich also mehr am Drehbuch als am Zeitrahmen?

Der Autor lässt eine Story entstehen, ich versuche als Kostümbildnerin und Malerin daraus Bilder in Farbe, Form und Bewegung zu kreieren. Der Zeitrahmen mit seinen gesellschaftlichen Normen ist bei Ku’damm ein wichtiges Stilelement. Zeitrahmen und Drehbuch sind dabei gleichwertig. Wobei das Unterbewusstsein der Zuschauer umso unzuverlässiger arbeitet, je weiter der Zeitpunkt des Gezeigten von ihnen weg ist.

Ist es demnach leichter, historische Erzählungen zu kostümieren, weil die Erwartungen weniger konkret sind?

Dass wir in Klischees denken, wird so negativ konnotiert. Dabei geben sie uns wichtige Leitplanken, um Menschen zu verstehen. Die Grenzen sind klarer. So habe ich größere Freiheiten, sozial, gesellschaftlich oder bei Events zu kostümieren. Bei einer modernen Geschichte treffe ich Regisseure oder Schauspieler gern im privaten Umfeld. Ich sehe dann, wie sie sich kleiden und einrichten, das hilft mir enorm, ihren Stil, ihre Art zu verstehen.

Sind denn wenigstens historische Männerfiguren schon deshalb einfacher einzukleiden, weil sie im Zweifel Hemd und Anzug tragen?

Auch das hatte mehr noch als heute mit der Schicht zu tun. Die Details sind wichtig. Hat der Herr Geld für Accessoires? Und dann welche: Hut, Einstecktuch passend zur Krawatte, Manschettenknöpfe, Uhr mit Kette, Hosenträger, Sockenhalter, Gürtel? Die Liste kann lang sein.

Länger jedenfalls als bei Handwerkern.

Deren Uhr ist vielleicht ein Erbstück des Vaters, die Socken sind handgestrickt, er hat zwei Krawatten zum Sonntagsanzug und einen Sommermantel plus Winterjoppe. Heute dagegen legen selbst einkommensschwächere Schichten Wert auf Individualität, während erfolgreiche Geschäftsmänner Anzüge und Hemden einer Farbfamilie im Schrank haben. Es wird nicht unbedingt einfacher.

Ist für Sie jeder Film ein Kostümfilm?

Das Wort erinnert an Musikfilme der 50er Jahre, hat also einen komischen Nachgeschmack. Kostümbild ist eine eigenständige Profession, aber ich will ja keine Kostüme machen.

Sondern?

Charaktere einkleiden.

Sie bezeichnen sich aber schon als Kostümbildnerin?

Absolut, aber Kostümieren klingt nach Verkleiden, nach Fasching.

Wissen Sie, wie viele Filme Sie sei 1979 eingekleidet haben?

Viele, wissen Sie es?

Ich habe 72 gezählt. Ist Ihnen einer davon aus beruflicher Sicht besonders wichtig?

Genaugenommen sind es zwei, interessanterweise beides wahre Geschichten. Zum einen „Das Geheimnis des Totenwaldes“.

Die Rekonstruktion eines realen Mordfalls der Achtziger vom Frühjahr.

Nachdem ich die Hinterbliebenen kennengelernt hatte, wollte ich das Kostüm noch zurückhaltender nachempfinden, um die Ernsthaftigkeit dahinter zum Ausdruck zu bringen. Zum anderen Die Mühlviertler Hasenjagd, eine KZ-Ausbruchsgeschichte in Mauthausen. Ich war tief bewegt vom Mut der Bauern und den Erzählungen der Alten. Solche Arbeiten erzeugen eine eigene Form von Verantwortungsgefühl; da versuche ich noch mehr in die Leben der Protagonisten zu spüren, um deren Situation zu verstehen.

Hemmt diese Verantwortung gegenüber realen Figuren oder sorgt sie womöglich gar für Entfaltungsmöglichkeiten, weil man tiefer in die Psyche der Beteiligten eindringt?

Unbedingt Letzteres. Ich nehme mir noch mehr Zeit, alles Bedeutsame akribisch herauszuarbeiten. Einfühlungsvermögen, Respekt und Diskretion sind das Wichtigste.

Bei Formaten wie Ku’damm kommt dann aber noch die Beschaffung vergriffener Kleidung hinzu. Wie viel davon wird heutzutage noch eigens angefertigt?

Nach der Recherche beginnt sofort das Sourcing: wo finde ich was, in diesem Fall von Kopf bis Fuß für Damen und Herren. Danach leihe ich dann vieles in Kostümhäusern, ungefähr ein Viertel wird extra angefertigt, unter anderem für Kinder und Stuntszenen. Außerdem hat Berlin wunderbare Vintage -Stores, da lasse ich mich gern inspirieren und finde das eine oder andere schöne Teil, auch alte Stoffe, Knöpfe und Accessoires.

Hat sich das Budget dafür in den vergangenen Jahren verändert?

Das variiert nach Größe des Films und ist Verhandlungssache. Ku’damm hat in drei Teilen fast 1500 Kostümwechsel von der Unterhose bis zum Hut, da wäge ich ab, wie wichtig der perfekte Look in welcher Einstellung ist.

Anders gefragt: Wäre Ku’damm 63 vor 20 Jahren entstanden – hätten Sie mehr Geld zur Verfügung gehabt?

Vielleicht, aber Leihkostüme haben sich im Preis kaum verändert, und das ist der größte Teil des Budgets.

Wie ziehen Sie Eva, Monika, Helga samt Mutter und Männern bei Ku’damm 71 an?

Sie glauben also, dass die Reihe weitergeht? Nun, 56 war alles aus Tüll und Baumwolle. 59 gab es enge Hosen und Röcke, die Mode konsolidierte sich. 63 ist gerader, klare Farben, kürzere Röcke. Für die Jüngeren dürfte es 71 wilder, bunter, psychedelischer werden, aber die älteren, konservativeren Jahrgänge bleiben sicher ihrem Stil treu. Eine schöne Herausforderung.

Auf die Sie sich offenbar freuen.

Ja, ich lass mich gern überraschen.