Interview-Classic: Christiane Hörbigers 80.

Kitsch kann furchtbar schön sein

Kaum eine Schauspielerin hat in ihrer Karriere so viel, vor allem so viel Verschiedenes gespielt wie Christiane Hörbiger (Foto: Mona Film/Petro Domenigg). Von Ulk bis Tragik, von Schmonzette bis Weltkino war nahezu alles dabei. Jetzt wird die Wienerin 80 Jahre alt und dreht noch immer Filme wie den ZDF-Thriller Die Muse des Mörders am 8. Oktober. Zum Geburtstag zeigen die freitagsmedien hier ein Interview zum 75. vor fünf Jahren.

Interview: Jan Freitag

Frau Hörbiger, es ist immer etwas uncharmant, mit älteren Menschen über das Alter zu sprechen…

Christiane Hörbiger: Da haben Sie nicht Unrecht, aber weil es in diesem Film ums Altern und seine Konsequenzen geht, darf es notgedrungen auch gerne bei mir mal darum gehen.

Wie würde sich ein charmanter Wiener aus Ihrer Heimat an dieses Thema herantasten?

Ach, direkt. Schließlich habe ich das Publikum nie mit meinem Alter belogen. Das wäre ja nun wirklich ungleich peinlicher als 75 zu werden.

Spüren Sie wenige Tage davon entfernt, dass der Kopf manchmal hakt, wenn auch nicht so wie bei Ihrer Charlotte?

Gott sei Dank nicht. Ehrlich: ich hatte auch bei meinem vorigen Film trotz unzähliger Szenen nicht einen einzigen Hänger.

Bleibt diese Rolle als Alzheimer-Patientin, die nach und nach ihren Geist verliert, vollends abstrakt.

Das bleibt sie nicht. Ich konnte mir diese Krankheit schon vor Drehbeginn lebhaft vorstellen. Das ist allerdings auch dem genialen Drehbuch von Thorsten Näther geschuldet, der fast jede Bewegung, jede Pause, jeden Aspekt minutiös vorgeschrieben und somit fühlbar gemacht hat. Mich in diese Figur hineinzuversetzen, fiel mir also leicht, hat aber auch etwas damit zu tun, dennoch souverän über dem Text zu stehen und in die unbeschreiblichen Tiefen dieser Person vorzudringen.

Wie tief genau war das – sind Sie am Ende diese Figur?

Dement meinen Sie?

Frau Hörbiger…

(lacht). Also ich komme ihr äußerlich wie innerlich schon recht nah, nehme sie aber nicht mit aufs Hotelzimmer. Im Gegenteil – ich bin immer froh, nach dem Abschminken, erschöpft und müde, aber privat zu sein. Vielleicht denke vielleicht ich nach Drehschluss gelegentlich noch darüber nach, was ich hätte anders machen können, aber das ist rein beruflich. Dieses an sich Heranlassen passiert Laien, keinen Profis.

Ist Ihnen also früher in Ihrer Karriere eher widerfahren?

Durchaus, aber das ist länger her. Andererseits ertappe ich mich heute durchaus dabei, meinem Mann nach dem Einstudieren einer eifersüchtigen Ehefrau etwas misstrauisch gegenüberzutreten.

Zum Jubiläum sind Sie nun in grundverschiedenen Stoffen zu sehen: einem harten über Verfall und Tod, einem weichen über Neubeginn und Liebe. Was spielen Sie trotz aller Distanz lieber?

Ich spiele selbstverständlich das Positive lieber, die heitere Welle, alles wunderbar, alles herrlich. Wohlgemerkt: Spiele! Aber gehaltvoller ist ohne Frage Stiller Abschied, weil der uns irgendwie alle berührt, weil jeder Angst vor dieser Krankheit hat oder Betroffene kennt. Im Gegensatz zur Liebesgeschichte ist das die interessantere, allgemeingültigere, konfrontativere.

Auch erschöpfendere?

Natürlich! Diese Unberechenbarkeit, die Verhaltenssprünge waren extrem anstrengend.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Durch drei Fälle, die mir ein Münchner Arzt vorgeführt hat. Eine leichte, eine mittlere, eine schwere Erkrankung. Der leichte Fall hat mir erzählt, wie sie plötzlich die Autobahnausfahrt zu einem Ort verpasst hat, den sie nicht mehr erkannte, so dass sie ihren Sohn anrufen musste. Oder wie schwer es ihr fiel, von 20 rückwärts zu zählen. Der mittlere Fall wirkte eher wie eine schwere Depression. Und der schwere war offenbar so furchtbar, dass ich ihn auf Geheiß der Verwandten nicht getroffen habe.

Bereiten Sie sich auf Ihre Rollen immer so intensiv in der Wirklichkeit vor?

Nicht immer. Manchmal höre ich auch nur in mich selbst hinein: wo meine eigenen schlechten Eigenschaften liegen zum Beispiel, etwa, dass ich früher zuhause vor einer Premiere oft unausstehlich war. Mein verstorbener Mann sagte dann immer, er gehe mal lieber aus der Schusslinie. Dieses verdrängte Böse in mir versuche ich für manche Rolle nutzbar zu machen, denn ich muss da wirklich schrecklich gewesen sein.

Reizbar?

Und nervös. So sehr, dass ich meinen kleinen Sohn angefahren habe, wenn er beim Abfragen vom Einmaleins die Zwölfer nicht mehr konnte. In solchen Momenten habe ich die Verkäuferin im Kaufhaus beneidet, die parterre Parfüm anbieten, ein Beruf, in dem man keine Furcht vorm eigenen Verhalten haben muss und die Rollläden nach Feierabend einfach runterlässt.

Steckt darin auch die Sehnsucht nach dem einfachen Leben?

Allerdings. Aber wenn die Premiere dann geschafft ist, steht ja der Himmel wieder offen und alles ist so gut wie nach einem gelungenen Film.

Haben Sie eigentlich die Interpretation eines Alzheimer-Patienten von Ihrem Landsmann Klaus Maria Brandauer in Die Auslöschung gesehen?

Natürlich.

Hat sie das inspiriert?

Nein, denn das ist eine Liebesgeschichte, also ein völlig anderer Film als unserer. Wunderbar gespielt, aber fast noch eindrücklicher fand ich zudem Götz George als alzheimerkranker Busfahrer, der ständig die falschen Stationen anfährt. Grandios, auch sein Sohn, Klaus J. Behrendt. Stiller Abschied widmet der Familie ebenfalls den nötigen Raum, dieses Ignorieren, die Ausreden. Das wirft weit mehr die Frage auf, wer an der Krankheit eigentlich mehr leidet, in welche Grenzbereiche beide Seiten dadurch geraten.

Ihre letzten Rollen dringen ebenfalls zusehends in Grenzbereiche vor: Alkoholsucht, Sex im Alter, jetzt Alzheimer. Suchen Sie sich diese Themen ganz gezielt?

Nein, aber es folgt meinem Wunsch, dass eines schönen Tages etwas übrig bleibt von mir, dass mich die Zuschauer nach meinem Tod vor allem mit wesentlichen Themen in Verbindung bringen und vielleicht nach dem dritten Cognac ihrer Mutter sagen, Mutti, erinnere dich mal an diesen Film mit der Hörbiger. Da bin ich meinem Produzenten Trebitsch sehr dankbar, mich an solche Themen herangeführt zu haben. Und das ist mal wirklich ein Segen des Alters, dies erkannt zu haben, wie wertvoll diese Stoffe sind – selbst wenn die Quote dabei geringer bleibt als mit leichteren Themen.

Welcher Ihrer Filme, welcher Schaffensperiode, welche Rolle wird von Ihnen dann am meisten erinnerlich bleiben?

Ich bin der ARD sehr dankbar, in einer Woche zwei vollständig verschiedene Neuproduktionen mit mir zu bringen, die eher meine Bandbreite als meine Paraderolle zeigen. Ein einzelner Film fällt mir da nicht ein.

Schtonk vielleicht?

Ah ja, da sagen sie was. Es wäre schön, wenn etwas von mir bleibt wie dieser große deutsche Filmerfolg, der nahe am Oscar vorbeigeschrammt ist. Im Kino bleibt es leider Gottes wohl doch eher Hotzenplotz und bei den Fernsehspielen diese Kette sozialkritischer Stücke. Da hat der Thorsten Näther nächstes Jahr wieder was mit mir vor, dann zum Thema Altersarmut.

Puh…

Ja, puh. Das ist dann wirklich langsam so viel Schwermut, dass ich fast hoffe, noch mal eine Prinzessinnenrolle zu kriegen. So eine Putzfrau, die den George Clooney kriegt.

Wie stehen da die Chancen?

(lacht) Wenn er selber mitspielen soll, eher gering. Leider. Kitsch kann furchtbar schön sein.

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Maut-Nostalgie & Lanz-Gegenwart

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. August

Der Sommer, der eine Sauna war, war im Grunde ein Winter. Die European Championships nämlich, eine Kopfgeburt der kontinentalen Fernsehgemeinschaft EBU zum Wohle der Aufmerksamkeit für Randsportarten (und ein bisschen natürlich auch ihrer Einschaltquoten), haben in der Tat überproportional große Resonanz für Disziplinen von Triathlon bis Turmspringen erzielt. Man muss bei 35 Grad Außentemperatur zwar konstatieren, dass die Zuschauerzahlen hierzulande bis gestern vor allem bei der vergleichsweise populären Leichtathletik oder den Schwimmwettbewerben über die Millionenmarke stieg. Aber das Konzept könnte in der Tat Zukunft haben – und die Terminkalender der Sportfans nur auch jenseits der Fußball- und Biathlon-Saison mit Überfluss verfüllen.

Das wäre nicht nur angesichts all der Horrornews vom vorgezogenen Klimakollaps über den globalen Rechtsruck mal eine angenehm unspektakuläre Neuigkeit dieser Woche. Die beste allerdings kommt – hoppla! – vom Straßenverkehr. In den vergangenen paar Tagen hat es nämlich die Lkw-Maut mehrfach zur Spitzenmeldung seriöser Nachrichtensendungen geschafft. Zur Erinnerung: Als das Desaster ums Erhebungssystem der Firma Toll Collect vor 16 Jahren zum Skandal anwuchs, war weltpolitisch offenbar so wenig zu verlautbaren, dass es über Monate hinweg an erster Stelle vom verschobenen Start der Straßenbenutzungsgebühr berichtet wurde.

Es war eine Zeit, in der uns Apple allenfalls knubbelige Rechner verkaufte und Google schnelle Informationen. Jetzt ist ersteres ein Unternehmen dessen Marktwert eine Billion Dollar übersteigt, während sich letzteres den Zensur-Richtlinien der chinesischen Diktatur beugt, um rasch ähnlich viel wert zu sein. Es ist demnach eine Zeit, die medienpolitisch betrachtet nicht weiter von jener entfernt sein könnte, in der die ARD-Doku Kulenkampffs Schuhe spielt. Noch ein paar Tage lang erzählt sie uns in der Mediathek von den Fernsehshows vor rund 50 Jahren, in denen sich das kriegs- und naziversehrte wie -verseuchte Land seiner Unschuld versicherte.

Die Frischwoche

13. – 19. August

Vor dem Fernseher saß damals vermutlich auch der kleine Markus, bevor als großer Lanz mithalf, das gute alte Lagerfeuer der TV-Nation zu löschen. Als Talkmaster deutlich erfolgreicher, kehrt er morgen aus der Sommerpause auf seinen Sendeplatz um 22.45 Uhr ins ZDF zurück und wirft auch zehn Jahre nach seinem Debüt abermals und immer wieder die Frage auf, wie es das lineare Programm mit den Streamingdiensten aufnehmen will, wenn Gestalten wie Markus Lanz darin so lange Bestand haben und famose Dokumentationen wie das ikonografische Pop-Porträt Debbie Harry – Atomic Blondie auf Arte (Freitag, 21.55 Uhr) laufen…

Auf Netflix nämlich startet mit der neuen Anime-Reihe Disenchantment des Zeichentrickmagiers Matt Groening am Freitag in Gestalt diabolischer Märchenwesen mit grotesk-philosophischem Humor die Zukunft, während das Öffentlich-Rechtliche höchstens routiniert vor sich hin werkelt. Von den Privaten ganz zu schweigen. RTL zum Beispiel lässt – drei Tage nach der 3000. Folge seiner unverwüstlichen Daily-Soap Alles was zählt – ab Sonnabend zur totalen Primetime allen Ernstes die Fernsehfossile Günther Jauch und Thomas Gottschalk in einer angeblich improvisierten Game-Show antreten, die es unter andern Namen als Denn sie wissen nicht, was passiert! gefühlt 500 Mal schon gegeben hat – ob mit oder ohne Barbara Schöneberger als sexy schlagfertiger Sidekick.

Und auf RTL Nitro wird es selbst dann populistisch, wenn sich der Spartenkanal dem Groening-Genre im Manga-Stil widmet. Die Superhelden-Adaption Iron Man: Rise of Technorave, ist ab Dienstag um 23.35 Uhr nicht nur verglichen mit Groenings dritten Streich nach den Simpsons und Futurama so derart testoststerongeflutet martialisch, dass man sich die Glücksbärchis zurückwünscht. Oder zumindest ins Jahr 1990, das am selben Tag auf gleichem Kanal die Wiederholungen der Woche einleitet. Um 20.15 Uhr zeigt Nitro nämlich den ersten Werner-Film Beinhart!, dessen Spielszenen zwar komplett überflüssig waren; die Comicsquenzen sind dafür bis heute zum Niederknien.

Das gilt frei von jeder Art Leichtigkeit auch für Michael Ciminos Vietnam-Epos The Deer Hunter von 1978, der Freitag um 22.25 Uhr auf 3sat zeigt, wie der Horror des Krieges auch gänzlich ohne Gefühlsduselei inszeniert werden kann. Und weil schwarzweiß nichts zu empfehlen ist, gibt es diesmal gleich zwei Tatort-Tipps: Der frühe Abschied (Montag, 22.15 Uhr, RBB), ein besonders melodramatischer Fall des Hessischen Tagtraumduos Sänger und Dellwo von 2008. Und der Klassiker Schwarzes Wochenende (Dienstag, 22.10 Uhr), wobei das Baujahr (1986) und der Sendeplatz (WDR) schon darauf hinweisen, wie der Kommissar heißt. Gute alte Schimmi-Zeiten…


Lui Hill, PR Newman, Whiskey Shivers

Lui Hill

Lui Hill singt und zwar ausgesprochen gefällig. Seine Stimme klingt sanft und doch füllig, ohne sich und andere damit zu überfordern. Sie untermalt eine Art digitalen Weißbrotsoul mit Discoappeal, ein paar Eighties-Orgeln obendrauf und die unvermeidlichen Trap-Elemente – fertig ist ziemlich gediegener Indie-R’n’B, bei dem dennoch etwas fehlt, als hätte man ihm die High-hat geklaut oder alle Dur-Töne: Auf seinem selbstbetitelten Plattendebüt verwendet Lui Hill, der offenbar wirklich so heißt, Achtung: keinen Autotune. Null. Er lässt seinen Gesang allen Ernstes völlig unverzerrt wirken, was in diesem Genre seit zwei Jahren unter Todesstrafe zu stehen scheint. Nicht der einzige Grund, Lui Hill ernsthaft zu empfehlen. Trotz allem.

Viele der elf Stücke verströmen nämlich den bruttigen Dunst funkiger Harmoniesucht, wie sie die Charts von Platz 1 bis 99 so lieben. In seiner bittersüßen Eloge aufs kalifornische L.A. jedoch lotet der musikalische Vieleskönner nicht nur die dunkelsten Ecken seiner Heimatstadt aus; er macht daraus ein Konzeptalbum mit so vielen Hüpfern zwischen unzusammenhängenden Stilen, das etwas Autotune geradezu angemessen gewesen wäre. Pluckernde Basstupfen, metallische Gitarren, seifige Chöre, wirre Samples und immer wieder dieses Synthiegrummeln überm Soul: Man muss sich ein wenig hineinwühlen in Lui Hill, aber dann ist es der Magnet des Monats. Mindestens.

Lui Hill – Lui Hill (Filter Music)

PR Newman

Ach, was waren das für selige Zeiten, irgendwann in den Siebzigern, als die Technikgläubigkeit zwar Risse bekam, aber trotz Arbeitslosigkeit oder Terrorismus alles irgendwie im Griff zu sein schien, und falls nicht, zumindest weggefeiert werden konnte. Kein Wunder, dass damals Stile wie Disco, Funk und Glamrock entstanden sind, die der Miesepetrigkeit fröhlich den Marsch geblasen haben. Mit derlei nostalgischem Disco, Funk und Glamrock wedelt sich nun auch der amerikanische Ex-Punk Spencer Garland die Sorgen fort. Und weil er dafür unterm Pseudonym PR Newman auch noch Country, Folk, Mariachi unters Debütalbum rührt, ist Turnout der lustigste Kommentar auf die Spaltung seiner trumpgeschädigten Nation.

Wie Teenager mit zu viel Abschlussballbowle intus scheppert der blecherne Gesang über den galoppierenden Rock’n’Roll, bevor ein Stück später die Steelguitars wimmern als hätte Willie Nelson in der Schüssel gebadet. Und manchmal ist PR aka Punk Rock derart euphorisiert vom Optimismus im Unheil, dass er durch fröhliche Flamenco-Bläser zu pfeifen beginnt. „I been confused, misguided and blind but happy“, singt er in Everything stellvertretend für den Rest. Falls von der Droge was übrig ist, nur her damit…

PR Newman – Turnout (DevilDuck)

Whiskey Shivers

Über ein paar Bier und Bourbon hinaus brauchen Whiskey Shivers dagegen keine Drogen um auf dem gleichen Label wie PR Newman das Original zu liefern. Die fünf Freunde aus Austin machen total ironiefreien Bluegrass mit Kontrabass und Fidel und Waschbrett und Banjo und überhaupt allem, was Traditionalisten von dieser Art Folk erwarten. Wie gut, dass Andrew VanVoorhees, Bobby Fitzgerald, James Gwyn, James Bookert und Sänger Jeff Hortillosa aus allen Ecken der USA nach Texas gekommen sind, um die ortsübliche Nostalgie kosmopolitisch zu radikalisieren. Denn trotz des klassischen Instrumentariums schwitzt ihr fünftes Album Some Part of Something Elemente von Punk und Wave aus.

Unüberhörbar und unentrinnbar. Die ehrwürdige Washington Post schrieb dazu bereits von „apocalyptic Americana“, was die filigranen Arrangements jenseits der konservativen Überlieferung auch für die Ostküste nutzbar macht. Gewiss, man sollte schon einen Bezug zu dieser Art Volksmusik haben, um sie zu ertragen. Aber wenn sich rasanter Alternative-Country wie Like A Stone und No Pity In The Rose City mit pathetischen Traditionals über die Weite der Prärie reibt, ist horizontal zumindest für gute Abwechslung gesorgt.

Whiskey Shivers – Some Part of Something (DevilDuck)


Stella Sommer: Die Heiterkeit & Happiness

Songwriting ist immer einsam

Eigentlich ist Stella Sommer Kopf und Stimme der Hamburger Indie-Band Die Heiterkeit. Nach drei Platten hat sie nun jedoch ein Solo-Album aufgenommen. Wobei der Titel 13 Kinds of Hapiness trügt. Die 13 Tracks klingen getragen, melodramatisch, orchestral, also ganz anders als der ironische Diskurspop ihres Hauptprojekts. Ein Gespräch (vorab erschienen auf MusikBlog) mit der Alleskönnerin über autobiografische Lieder, englische Texte, künstlerische Inspirationsquellen und warum ihr Glück mit der Einsamkeit verwandt ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Stella Sommer, wenn man den Sound und die Texte von 13 Kinds of Hapiness mit dem vergleicht, was Die Heiterkeit macht, wirkt dein Soloalbum melodramatisch, manchmal fast pathetisch. Woher kommt diese Stimmungslage so plötzlich?

Stella Sommer: Ach, das ist gar nicht so plötzlich. Auf dem letzten Album der Heiterkeit gab es auch schon Stücke wie Die Kälte, die womöglich ins Melodramatische gehen. Wobei ich den Begriff sowieso ein bisschen komisch finde…

Nennen wir es Getragenheit. Kennzeichnet sie das Gegenteil jener unterkühlten Lässigkeit, mit der Die Heiterkeit sonst spielt?

Ich finde, die Stimmung dieses Albums rührt viel stärker als sonst von der Instrumentierung her. Bei der Heiterkeit hab ich schließlich immer nur Gitarre in einer klassischen Indieband-Konstellation gespielt. Jetzt ist alles ein bisschen größer, orchestraler. Durchs Klavier oder die Orgel nehme ich mir definitiv Freiräume, die auch emotional spürbar sind.

Sind mit dem Titel denn tatsächlich 13 verschiedene Glückszustände gemeint?

Der Ansatz war eigentlich eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ich mal gelesen habe. Ich fand diese Eleven Kinds of Loneliness zwar ein bisschen langweilig, aber die Idee dahinter, elf Erzählungen über die Einsamkeit zu schreiben, ganz gut. Deshalb habe ich das aufs Glück übertragen. Von Einsamkeit ist das schließlich gar nicht unbedingt weit entfernt.

Wird diese Verwandtschaft dadurch zum Ausdruck gebracht, dass du vermeintliche Glücksgefühle mit derart getragenem Sound verknüpfst?

Ganz genau. Ich spreche ja schon im Titelstück abwechselnd von 13 Kinds of Hapiness und Loneliness. Die Musik dazu soll zum Ausdruck bringen, wie austauschbar beide Begriffe oft sind.

Ist diese Austauschbarkeit autobiografisch geprägt?

Autobiografisch ist die Platte vor allem in dem Sinne, dass ich die Stücke über einen sehr langen Zeitraum angesammelt habe. Einige davon sind sicher zehn Jahre alt, stammen also aus einer völlig anderen Lebensphase von mir. Abgesehen davon, dass Liedtexte eigentlich immer auch ein wenig vom Texter erzählen, würde ich mich aus meiner Sicht viel zu angreifbar machen, wenn darin alles von mir und meinem Innersten handelt.

Ein vertontes Tagebuch ist das Album also nicht?

Nein, so weit will ich die Musik nicht an mich und das Publikum heranlassen. Es geht inhaltlich auch gar nicht um so persönliche Sachen. Die Stücke sind einfach Ergebnisse verschiedener Skizzen um Themen wie Einsamkeit oder Glück. Es gibt da noch viel mehr unveröffentlichtes Material von mir, aber der Rest passt bislang nicht richtig zueinander.

War denn beim Entstehen der ersten Stücke noch vor der Gründung von Die Heiterkeit absehbar, dass sie irgendwann mal Teil eines Konzeptalbums werden?

Eher nicht. Damals war ich ja noch nie im Studio, weshalb das Plattenmachen noch sehr weit entfernt war. Die Idee einer Band war seinerzeit zwar durchaus präsent, aber ziemlich schwer zu greifen. Ich habe mit elf oder zwölf angefangen, Lieder zu schreiben – damals noch überwiegend auf Englisch, weil ich damals halt viel britischen Folk gehört hatte. Erst, als ich mit 20 nach Hamburg gezogen bin, fiel mir auf, dass man Indie auch Deutsch singen kann, hatte aber dieses Arsenal von Texten in englischer Sprache – sehr schlechtem Englisch allerdings.

Und jetzt hat es sich so weit verbessert, dass es an die Öffentlichkeit darf?

Als ich an die Platte herangegangen bin, habe ich es eher als große Herausforderung empfunden, die Bruchstücke und Refrains auszuarbeiten und zu vervollständigen. Im Deutschen kenne ich mich gut aus, da bin ich zuhause. Sich eine andere Sprache anzueignen wie die eigene, ohne sich dabei lächerlich zu machen, das fand ich interessant und spannend. Letztlich war es dann aber gar nicht so großartig anders, nicht auf Deutsch zu schreiben.

Du hast nicht das Gefühl, verkünstelt zu klingen?

Also ich bin ganz zufrieden.

Gab es Momente, in denen du mit Deutsch weiter gekommen wärst, weil du dich nicht adäquat ausdrücken konntest?

Eigentlich nicht. Beide Sprachen sind in meinem Alltag so präsent, dass ich gar nicht groß differenziere. Bei Filmen zum Beispiel weiß ich hinterher oft nicht, ob ich sie im Original oder übersetzt gesehen habe. Ich hoffe, das überträgt sich auch auf meinen Gesang.

Ist es Zufall, dass der ein wenig an Andy Warhols Muse Nico erinnert?

Unterbewusst vielleicht. Als die Stücke entstanden sind, habe ich viel Musik aus den Sechzigerjahren wie Marianne Faithfull oder die Stones gehört. Es gibt aber auch andere Inspirationsquellen wie Nick Cave oder Tocotronic.

Inspirationsquellen oder schon Vorbilder?

Wo genau ist da der Unterschied?

An Vorbildern orientiert man sich, Inspirationsquellen macht man sich nutzbar.

Dann eher letzteres. Ich habe sie quasi ausgenutzt [lacht].

Und die Instrumente hast du alle selbst eingespielt?

Philipp spielt wie bei der Heiterkeit Schlagzeug, der Bass kommt teilweise von Pogo McCartney und ein Freund von ihm hat eine Gitarrenlinie beigesteuert. Ansonsten kommt alles von mir, ja.

Wenn du so viel Unterstützung hast – warum heißt es dann Solo-Album?

Weil ich alles alleine arrangiert und vorproduziert habe und es irgendwie lächerlich gefunden hätte, jetzt noch eine Band aufzumachen. Ich wollte mich nicht wieder abhängig machen von Leuten, bei denen unklar ist, ob sie nach der Platte wieder aussteigen. Als Stella Sommer hab ich alle Freiheiten und muss keine Kompromisse machen. Aber auch Die Heiterkeit weiß gar nicht so ganz genau, ob es überhaupt eine Band ist beziehungsweise was das überhaupt sein soll – eine Band. Vielleicht sind wir ein projektbezogenes Kollektiv.

Das es weiterhin gibt?

Ja, grad letzte Woche hab ich ein Album fertig gemacht, das im Grunde seit einem Jahr rumliegt.

Kommt man nicht durcheinander, wenn zwei Projekte nebenher laufen?

Nein, das geht. Es ist ja nicht zeitgleich passiert.

Was unterscheidet Die Heiterkeit musikalisch von Stelle Sommer solo?

Allein bin ich folkiger, zeitloser, vielleicht auch klassischer, nostalgischer. Ich finde es sehr angenehm, dem Band-Zusammenhang zu entkommen und jeden Song in jede Richtung zu denken, weil nicht alle Mitglieder beschäftigt sein müssen. Im Proberaum alles alleine gemacht zu haben, war schon eine neue Erfahrung. Aber Songwriting ist immer einsam.

Bist du trotzdem Teamplayer?

Doch. Schon. Aber ich habe es in 20 Jahren noch nie anders versucht.


ARD-Doku: Kulenkampffs Schuhe

Vergessenskultur

Die fabelhafte SWR-Doku Kulenkampffs Schuhe handelt heute um 22.30 Uhr in der ARD nur vordergründig vom biederen Showfernsehen der 60er und 70er Jahre. Regine Schilling erklärt damit die Fluchtinstinkte der jungen Bundesrepublik am Beispiel ihres eigenen Vaters, der sich vor lauter Wirtschaftswunder zu Tode geschuftet hat.

Von Jan Freitag

Die deutsche Samstagabendshow, so lautet ein Vorurteil übers Lagerfeuer der TV-Nation, das im Jahr sieben nach dem heiligen Gottschalk nur noch ein fahles Glimmen ist, hat sich nie allzu eifrig um die Nachrichtenlage davor wie danach gekümmert. Ganz gleich ob Torriani oder Frankenfeld, Carrell oder Elstner, Pilawa oder Pflaume, Lanz oder Winterscheidt: wann immer Deutschlands Entertainer zur Unterhaltung bliesen: Die Politik blieb draußen. Könnte man meinen.

Dann aber sieht man diese Doku und erstarrt vor Schreck. Erklärt der Kandidat einer grauweißen Quizsendung sein mögliches Schummeln da gerade beiläufig mit dem Satz, „ich habe bei Juden gelernt“? Sagt Hans-Joachim Kulenkampff in der östlich dekorierten Kulisse von Einer wird gewinnen wirklich, dies sei „das erste Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein?“ Singt Peter Alexander in seiner gleichnamigen Show allen Ernstes ein Lied übers zerbombte Land, in dem „das Hungern“ wenigstens „schön schlank“ mache. Und trägt der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal bei der Jubiläumsausgabe von Dalli Dalli am Jahrestag der Reichpogromnacht echt Trauerschwarz statt Quietschebunt wie 1975 üblich?

Ja! Ja! Ja! Ja! Ergo: Nein! Am Anfang der hiesigen Fernsehgemütlichkeit, so belegen die 91 Minuten von Kulenkampffs Schuhe eindrücklich, ging es doch nicht ausnahmslos so eskapistisch, wie es die Legendbildung hierzulande besagt. Genau das arbeitet die prämierte Filmemacherin Regine Schilling (Geschlossene Gesellschaft) in einer famosen Kollage aus Archivmaterial und Super-8-Filmen der sechziger bis siebziger Jahre heraus. Sie beschränkt sich dabei jedoch nicht auf den Abriss des televisionären Zerstreuungsangebots, sondern erstellt am Beispiel ihres eigenen Vaters ein autobiografisch gefärbtes Narrativ der späten Nachkriegsgesellschaft.

Geboren 1925, wie viele Showmaster jener Tage also ein relativ schuldbefreiter Jahrgang, durchlebt der lebenslustig strebsame Drogerie-Besitzer das abflauende Wirtschaftswunder in einer Mischung aus Aufstiegseuphorie und Abstiegsangst, bis der heillos überarbeitete Kettenraucher früh an einem Herzinfarkt verstarb. Zuvor allerdings lenkte er sich wie die meisten seiner Mitbürger tagtäglich drei, vier Stunden am Röhrenapparat vom harten Alltag ab. Mit Maria Schraders Stimme erzählt seine Tochter, geboren 1962, von den Samstagabenden ihrer Kindheit, an denen alle Sorgen des Daseins verfliegen, „der Vater rauchend mit Bier, Mutter ein Glas süßen Mosels“, dazwischen die kleine Regine – glücklich, behütet, aber ein bisschen verwirrt, wenn der Kriegsveteran Kulenkampff (im Beisein des EWG-Produzenten und SS-Hauptscharführers Martin Jente) mal wieder Witze über den Russlandfeldzug macht und Familie Schilling damit doch nie ganz aus der düsteren Vergangenheit entlässt.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: ein Showmaster, der seine Zuschauer nicht nur mit Weltstars in Tiermaske oder Schleichwerbung für Gummibärchen belästigt, sondern dem dunkelsten Kapitel der Menschheit oder Geschichten aus dessen zerbombten Erbe? Bei den Herren (Damen gibt es ja bis heute nicht) Kerner, Cantz oder Hirschhausen wäre das in etwa so denkbar wie ein Format ohne Kinderaugen! Natürlich bedienten auch die Gastgeber der Aufbruchsjahre vor allem Fluchtinstinkte. Ein seliges Publikum voller Bienenstock- und Brillantine-Frisuren im Saal, waren auch die Conférenciers der Aufbruchsjahre gnadenlos der guten Laune verpflichtet.

Besonders Hans Rosenthal, der die Kollektivschuld seiner arischen Nachbarn unterm Sofa einer Gartenlaube überstand, arbeitete das Trauma des Nationalsozialismus mit einem Frohsinn auf, der Dalli Dalli ab 1971 zum Inbegriff bürgerlichen Verdrängungsbedürfnisses machte. Wenn der jüdische Moderator jedoch zeitgleich beim empathischen Talk-Host Blacky Fuchsberger von seiner Todesangst im Berliner Versteck erzählt, zeigt sich, dass die Hochphase deutscher Fernsehunterhaltung mit Einschaltquoten nahe 100 Prozent doch ein wenig vielschichtiger waren als im Rückblick oft beklagt. Nur: damit hält sich Regina Schilling allenfalls am Rande auf. Im Kern kombiniert sie die Verdrängungskultur der Nachkriegszeit mit der Vergessenskultur des Wirtschaftswunders und einer neuen Erinnerungskultur nach den Auschwitz-Prozessen zu einer Kollage bundesdeutscher Befindlichkeiten, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.

Als Hans Rosenthal ausgerechnet am 9. November sein Sendungsjubiläum feiern sollte, da federte das ZDF diese Instinktlosigkeit im Anschluss mit der Vernichtungslagerdokumentation Nacht und Nebel ab, die 20 Jahre später erstmals ausgestrahlt wurde. Den einst so geliebten Fernseheskapismus konnte Regine Schilling danach nicht mehr ertragen. Schwer zu glauben, dass Markus Lanz die Sendung seinerzeit gesehen hat.


Jason Priestley: Beverly Hills & Private Eyes

Ich habe immer gearbeitet

Jason Priestleys Glück ist zugleich sein Problem: Die Hauptrolle in der 90er-Legende Beverly Hills, 90201 hat ihn zwar weltberühmt gemacht, aber auch langfristig auf den braven Sunnyboy festgelegt. Beim Privatsender 13th Street kehrt der 48-Jährige nun als Privatdetektiv in Private Eyes zurück. Ein Gespräch über seine Anfänge im Meer vor Vancouver, Ähnlichkeiten seiner Charaktere und ob er je als Brandon nach Beverly Hills zurückkehrt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jason Priestley, können Sie sich noch an ihren ersten Auftritt vor der Kamera erinnern?

Jason Priestley: Oh Boy, das ist lange her. Mehr als 40 Jahre, ich war damals noch ein kleines Kind und habe nach meinem Einstieg eigentlich nie aufgehört, zu drehen.

Wirklich? Hierzulande empfinden viele Ihren Auftritt als Privatdetektiv in Private Eyes sicher als Comeback…

Das ist es absolut nicht, ich habe immer gearbeitet. Und das im Gegenteil sogar immer und immer mehr. Deshalb ist vielleicht schwierig, sich an alles zu erinnern, was am Anfang passiert ist.

War es den zunächst Werbung, Fernsehen oder Kino?

Kann sein, dass ich zuvor schon mal einen Werbeclip gedreht habe, aber mein erster richtiger Auftritt als Schauspieler war in einem Drama, ganz ernster, schwerer Stoff. Und wahnsinnig anstrengend zu drehen. Ich musste im strengen Winter von Vancouver – und die Winter von Vancouver sind sehr streng – in den Ozean steigen und so tun, als würde ich ertrinken. Diese Kälte, die damals trotz dickem Badeanzug meine Wirbelsäule runterkroch, werde ich nie vergessen.

Ist es trotzdem eine gute Erinnerung?

Absolut. Aber wenn ich zurückblicke, kann ich mich eigentlich nur an gute Momente erinnern. Die schlechten habe ich wahrscheinlich frühzeitig verdrängt. Als Kind ist allerdings ohnehin immer alles aufregend, was man mit Erwachsenen machen darf.

Wollten Sie da schon Schauspieler sein oder war es noch eher Spielerei als Spielen?

Na ja, es hat mir gut gefallen und großen Spaß gemacht, sonst hätte ich damit ja nicht weitergemacht. Aber mich hat niemand dazu gedrängt, ein Schauspieler zu sein, geschweige denn dazu gezwungen. Es war meine eigene Entscheidung. Und als ich meiner Mutter sagte, einer werden zu wollen, hat sie sich sofort um einen Agenten gekümmert, der mich mit Vorsprechen versorgt hat und kleineren Jobs. In den 70ern hatte Vancouver eine wirklich kleine Filmindustrie, da war es schwer, Fuß zu fassen. Aber ich bin quasi mit ihr gewachsen und deshalb gut vorbereitet nach Los Angeles gegangen.

Wenn Sie jetzt auf diese fast 40 Jahre im Business zurückblicken – sind Sie genau da, wo Sie es sich beim ersten konkreten Plan vorgestellt hatten?

Wow, schwierige Frage. Ich glaube, die kann niemand aufrichtig mit Ja beantworten, oder? Wenn ich mir die Ziele eines Achtjährigen ansehe mit seinem begrenzten Horizont, wurden natürlich alle Erwartungen meilenweit übertroffen. Wenn ich den 21-Jährigen betrachte, der dachte, die Filmwelt von Beverly Hills aus zu erobern, wurden sie eher unterboten. Trotzdem bin ich überaus zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.

Welche Rolle spielt da eine Serie wie Private Eyes?

Eine große, wirklich. Das sage ich nicht nur zu Werbezwecken. Es ist mein erstes Format, das ich entwickelt, produziert und geformt habe – inklusive meiner eigenen Figur und ihrer Partnerin Angie Everett. Die kam im Drehbuch zunächst nämlich gar nicht vor. Wir wollten unbedingt starke Frauencharaktere, mit denen Matt Shade zusammenarbeiten, aber auch streiten kann. Das ist einerseits diese Privatdetektivin, aber auch seine Tochter. Erst in der Mitte dieses Dreiecks kann er sich voll entfalten.

Zu was genau?

Zu einem komplizierten, aber bodenständigen Mann, der immer an sich selbst glaubt, seinen Instinkten folgt und bereit ist, härter zu arbeiten als andere. Und auch wenn er seinen Porsche nicht verkauft hat, scheut er es auch nach seiner besten Zeit als Eishockey-Agent nicht, sich dreckig zu machen. Um ein guter Vater zu sein, ein guter Ex-Mann, ein guter Detektiv.

Kann man sich Matt Shade als eine Art erwachsenen Brandon Walsh vorstellen, der Sie vor einem Vierteljahrhundert auf einen Schlag berühmt gemacht hat?

Das ist ein schöner Gedanke. Aber darüber hinaus, dass beide irgendwie Nice Guys sind, die auf der guten Seite stehen und meistens nur das Beste für alle wollen, ist das schwer vorstellbar. Brandon war vielleicht ein bisschen zu brav, zu tugendhaft, zu rechtschaffen, um die jüngere Version von Matt zu sein, der im reiferen Alter all das wiedergutzumachen versucht, was er vorher verbockt hat. Umso mehr ist Brandon Geschichte für mich und meine Karriere.

Weil Sie auf diesen Charakter reduziert wurden?

Anfangs wurde das versucht, aber mit wenig Erfolg. Ich habe mein Leben lang sehr verschiedene Figuren gespielt, die zum Teil Lichtjahre weg waren von Brandon. Trotzdem betrachte ich Beverly Hills 90210 bis heute als Geschenk. Die Möglichkeit zu haben, bei einer weltweit so derart erfolgreichen Show mitzuarbeiten, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Diese Chance bietet sich echt nicht jedem Schauspieler. Das macht mich unendlich dankbar – gerade, weil die Serie für viele Menschen und die Branche jener Zeit äußerst bedeutsam war.

Inwiefern?

Es war die erste Serie überhaupt, die konsequent für Jugendliche zwischen 14 und 24 gemacht wurde, ohne ein Kinderprodukt zu sein. Aaron Spelling, der Sender Fox, den Autoren war früher als dem Rest des Metiers bewusst, wie radikal unterrepräsentiert die Altersgruppe von Beverly Hills 90210 im Fernsehen war. Leute um die zwanzig waren bis dahin höchstens Anhängsel ihrer Eltern. Hier dagegen standen sie voll im Fokus. Das war für uns ganz allein!

Wo Sie sich selbst offenbar zur Zielgruppe dazuzählen: Gab es zwischen dem jungen Jason und Brandon irgendwelche Ähnlichkeiten?

Nicht wirklich viele. Bis auf das Aussehen hatten Jason und Brandon echt wenig miteinander gemeinsam.

Wie ist es mit Matt Shade?

Als guter Kanadier hab ich natürlich wie Matt Eishockey gespielt, wenn auch nicht annähernd so gut. Wir sind beide Väter, trinken gern mal einen, sonst haben wir exakt so viel gemeinsam wie Männer unseres Alters in einer Großstadt nun mal gemeinsam haben können.

Versuchen Sie generell eher Bezüge zur Rollen zu finden oder bewusst davon zu abstrahieren, um größtmögliche Distanz zu erzeugen?

Um einen Charakter glaubhaft zu spielen, ist aus meiner Sicht unbedingt beides nötig. Wenn man ihn zu nah an sich ranlässt, wird er schnell melodramatisch, wenn er einem zu fern bleibt, artifiziell. Ich hoffe, diese Balance ist mir in Private Eyes gelungen. Denn wie gesagt: Es liegt mir wirklich sehr am Herzen.

Wird es weitere Fortsetzungen geben?

Wir sind gerade mitten in der dritten Staffel, und besonders in Kanada, aber auch den USA und Großbritannien ist die Serie echt populär. Wenn jetzt auch noch Deutschland dazukommt, sind das beste Voraussetzungen für weitere Staffeln.

Und wo wir uns gerade im Zeitalter des ewigen Sequels befinden: Wird es irgendwann eine Fortsetzung von Beverly Hills 90201 geben?

Haha! Wissen Sie was? Ich hab keine Ahnung… Bislang hat niemand mit darüber geredet, was aber nicht heißt, dass nicht morgen früh schon jemand damit ankommen könnte.

Und was würden Sie sagen, wenn jemand käme?

Was ich sagen würde? Natürlich!


Karin Baal & Tankstellenwitze

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Juli

Karin wer, bitteschön? Das dürften sich viele der rund zwei, drei Dutzend Zuschauer unter 65 gefragt haben, die das lineare Fernsehen frei von beruflichem Interesse auch hinter den Kulissen verfolgen, als der ersten Götz-George-Preis in Berlin verliehen wurde. Karin Baal, bitte sehr, lautet die Antwort. In der Zeit wöchentlicher Wallace-Verfilmungen ein Nachwuchsstar mit Bravo-Starschnitt, hangelt sich die 77-Jährige tapfer durch ein Spätwerk aus Episodenrollen mit mehr oder weniger Niveau. Vor acht Tagen taugte sie dennoch zur ersten Premierenträgerin einer Trophäe, die die heillos überalterte TV-Welt in etwa so dringend braucht wie noch mehr Chauvi-Scherze am Bildschirm.

Weil die das männlich dominierte Comedy-Genre indes nach wie vor mit tyrannischer Intelligenz-Verachtung dominieren, verpasst ihr das außergewöhnliche Comedy-Talent Sophie Passmann im aktuellen Zeit-Magazin eine Breitseite, die direkt im offenen Hosenstall von Mario Barth gelandet sein müsste. „Der Selbstanspruch großer deutscher Comedians ist es, beschämend viel Geld zu verdienen und ohne größeren intellektuellen Kollateralschaden durch ihr Programm zu kommen“, ätzt das Ensemblemitglied der humoristischen Revoluzzer vom Neo Magazin Royale und schiebt angemessen angepisst hinterher, der hiesige Zotenhumor sei mitverantwortlich dafür, „dass die kommerzielle Comedy-Szene in Deutschland in der kulturellen Belanglosigkeit vor sich hin krebst“.

Doch das hat sie, also die Szene, am Ende mit der kommerziellen Nachrichten-Szene gemein, die es geschafft hat, eine Schar verschütteter Jungs aus Thailand über Tage bis in die ehrenwerte Tagesschau hinein zur Top-News zu machen – obwohl nur ein paar Elendsquartiere abseits der Höhlenbuben Millionen Gleichaltrige in bitterer Armut verenden. Allerdings erst, nachdem sie noch rasch die Billigklamotten unseres Wegwerfwohlstands genäht haben. Aber gut, so funktioniert nun mal die mediale Auf- und Erregungsgesellschaft, in der mit #MeTwo nach #MeToo nun der nächste kurze Wirbel um Benachteiligte verpuffen wird wie ein bedächtiger Wortbeitrag im Talkshow-Getöse.

Die Frischwoche

31. Juli – 5. August

In dieser Atmosphäre findet dann auch überdrehter Internet-Trash wie Tanken seinen Weg ins Regelprogramm von ZDFneo. Ab Dienstag simuliert die Sitcom nach dem lausigen Drehbuch von Gernot Griksch und Julia Drache zwölf Teile lang Interesse an der Belegschaft einer Tankstelle im urbanen Randgebiet. Was ulkig gemeint sein soll, ist wöchentlich um 22.45 Uhr aber bloß spottbilliger Pennälerhumor auf Kosten Unterprivilegierter von fettleibig bis dement, unterläuft damit selbst das Niveau der Lochis spielend und wirft die Frage auf, warum sich ein Schauspieler wie Ludwig Trepte für solchen Müll hergibt.

Lohnenswert ist an gleicher Stelle dagegen die zweite Doppelfolge der sehr französischen Krimi-Serie Art of Crime am Freitag um 21.45 Uhr, in der nicht frei von Stereotypen, aber inhaltlich ungewöhnlich in der globalen Kunstszene ermittelt wird. In der globalen Hacker-Szene spielt dagegen heute (22.15 Uhr) im Rahmen des ZDF-Montagskinos Baran bo Odars Gegenwartsdystopie Who I am. Für Qualität sorgen dabei allein schon die Darsteller: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung und Wotan Wilke Möhring.

Morgen dann wird es tagespolitisch, wenn die ZDF-Doku Russlands Rückkehr von Stefan Brauburger und Christian Frey um 20.15 Uhr Russlands Rückkehr? weniger infrage stellen, als es das Satzzeichen suggeriert. Anderthalb Stunden später konstatiert die ARD ganz ohne solche Satzzeichen, dass wir Mit Vollgas in den Verkehrskollaps steuern. Arte steuert derweil aufs Finale ihres diesjährigen Sommerschwerpunkts zu, der sich Summer of Lovers nennt und einerseits belegt, dass sich dieses Konzept langsam totzulaufen scheint. Andererseits hat es aber noch immer tolle Formate in petto.

Freitag zum Beispiel um 21.44 Uhr ein umfangreich recherchiertes, schillernd präsentiertes Porträt von Freddy Mercury, gefolgt von der schwer skandalisierten und schon deshalb unfassbar zugkräftigen Doku In Bed with Madonna, die dem damaligen Superstar 1990 live und auf Platte Verkaufsrekorde einzufahren half. Am Sonntag dann endet die Wochenration Liebhaber zur besten Sendezeit mit einem seinerzeit ebenfalls skandalträchtigen Stoff: Ang Lees Western-Schwulen-Drama Brokeback Mountain von 2005. Und weil er am Sonntag aus der Sommerpause zurückkehrt, sparen wir uns die Wiederholung des Tatort und empfehlen den neuesten aus der Schweiz, der im Stile Hitchcocks daherkommt: Die Musik stirbt zuletzt ist ungeschnitten, also in einem Take aufgenommen. Theaterfernsehen. Schauen wir mal…