Staatsdoping & Sprachinstitut

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Dezember

Das Jahr 2018 wird ein Sportjahr. So viel ist selbst dann abzusehen, wenn FIFA und IOC irgendwann mal Korruption oder Staatsdoping als Rechtsbrüche behandeln. Beides, die Sache mit dem Sportjahr und die mit der nachlässigen Behandlung schwerster Vergehen durch die verantwortlichen Verbände, sind fürs Fernsehen prima Nachrichten. Da das Publikum schwerfällig, faul und tendenziell hedonistisch ist, wird es sogar dann fleißig einschalten, wenn die ARD das Eröffnungsspiel der (des Staatsdopings verdächtigen) Nationalmannschaft des (der Korruption verdächtigen) Gastgebers Russland überträgt.

Nicht ganz so gute Einschaltquoten beschert dem Ersten hingegen die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft, eine Autorennserie der stumpfesten, umweltschädlichsten, chauvinistischsten Art. Dennoch wurde die Übertragung 18 Jahre lang mit Gebührengeldern finanziert. Bis jetzt: die DTM wandert ab 2018 zu Sat1. Das ist eine gute Nachricht. Umso mehr fragen sich Menschen mit Bildung und/oder Verstand, warum ein seriöses Vollprogramm wie die ARD benzinsüchtige Männer überhaupt so lange dabei gefilmt hat, wie sie stinkend im Kreis fahren. Brummbrumm. Herum, herum, herum. Ab und zu Bumm. Wie leicht Menschen doch zu unterhalten sind, sobald ihnen ein X-Chromosom mutiert…

Weil sie, wir, die Männer aber auch sonst ziemlich viel Unsinn machen, der dem Intellekt sogar noch etwas mehr wehtut als die Existenz der DTM, stockt YouTube demnächst die Abteilung zur Löschung jugendgefährdender, gewaltverherrlichender und sonstwie verwerflicher Inhalte auf gut 10.000 Mitarbeiter auf. Klingt viel, ist angesichts von derzeit 65 Jahren Inhalt, die dort jeden Tag hochgeladen werden, aber immer noch viel zu wenig für ein Netz ohne Dummheit. Apropos: RTL Crime, so wurde grad bekannt, gibt seine erste Serie in Auftrag.

Jetzt könnte man meinen, das wird irgendwas mit Männern, die im Kreis Auto fahren. Brummbrumm. Herum, herum, herum. Ab und zu Bumm. Aber Pustekuchen: der Sechsteiler ist ein Remake des schwarzweißen Klassikers M – Eine Stadt suche einen Mörder, und gedreht wird es von David Schalko, der das Fernsehen mit Altes Geld oder Braunschlag für den Aberwitz geöffnet hat. Darauf freuen wir uns also ebenso wie auf Stranger Things, deren Fortsetzung gerade von Netflix verkündet wurde.

Die Frischwoche

11. – 17. Dezember

Schon jetzt freuen dürfen wir uns aufs Serienfinale vom Club der roten Bänder, dessen dritte und letzte Staffel heute Abend auf Vox endet. Auch zwei Kinoadaptionen dürften diese Woche zumindest all jenen Freude bereiten, denen ein Viertel Sendezeit Werbung nichts ausmacht. Mittwoch zeigt Pro7 nämlich Daniel Brühl und Emma Watson im Griff der chilenisch-deutschen Sekte Colognia Dignidad. Und am Sonntag folgt RTL mit der jüngsten Tarantino-Groteske The Hateful Eight, in der Kurt Russell als Kopfgeldjäger viiiel Kunstblut spritzen lässt, das auch so aussehen soll.

Ganz ohne Ekelfaktor kommt hingegen der ARD-Filmmittwoch Hit Mom aus, den das Erste mit Mörderische Weihnachten untertitelt, damit die Geschichte um eine Putzfrau (Anneke Kim Sarnau) als unfreiwillige Auftragskillerin auch ja ein bisschen in der Zielgruppe der Krimifans andockt. Egal – trotzdem sehenswert. Das würde man von Das Institut auch gern behaupten. Aber die Nischenproduktion des BR, der den Achtteiler ab Mittwoch vorab in seine Mediathek stellt, ist weit weniger gelungen als der Plot einer deutschen Bildungseinrichtung am Kundus vermuten ließe. Schade eigentlich – Christina Große als Institutsleiterin müht sich wirklich redlich, der Culture-Clash-Komödie Leben einzuhauchen.

Das Prinzip online first vorgemacht hat zuletzt der Jugendkanal Funk. Dort begann vor gut einem Jahr die Mystery-Serie Wishlist, deren Fortsetzung am Donnerstag ins Netz geht, während das Erste die erste Staffel zwei Tage drauf um 0.10 Uhr wiederholt. Das sollte man sich beides ansehen, wirklich! Ebenso wie die Dokumentationen der nächsten Tage. Angefangen mit Der große Zampano, die am Dienstag um 22.45 Uhr im ZDF fachkundig und ein bisschen verspielt dem Medienmogul Leo Kirch gedenkt. Tags drauf dann beschäftigt sich der Ableger Info ab 20.15 Uhr in gleich vier Filmen am Beispiel von Reichsbürgern, Ökofaschisten oder US-Nazis mit dem Rechtsruck der Weltpolitik. Und irgendwie passend dazu zeigt Arte um 22.10 Uhr den Film Das Ende der Unschuld, in dem Zeitzeugen das Jahr des Epochewechsels in die Barbarei beschreiben. Abgesehen vom 25. Jubiläum des GZSZ-Fieslings Jo Gerner am Freitag blieben da also nur noch die Wiederholungen der Woche.

Zum 100. Geburtstag der UFA erinnert Arte am Montag um 20.15 Uhr an Kurt Gerrons Schwarzweißfilmlegende Der blaue Engel von 1930 mit Marlene Dietrich und Emil Jannings im fatalen Zusammenspiel, gefolgt von Veit Harlans Opfergang (22 Uhr) von 1944, in dem Hitlers Lieblingsregisseur mal nicht zum Durchhalten des Faschismus aufrief. Aus einer antifaschistischen Tradition geboren ist der Farbtipp Die verlorene Ehre der Katharina Blum, die kurz vorm deutschen Herbst unter der Regie von Volker Schlöndorff nur scheinbar fiktiv ins Visier von Staatsschutz und Boulevardpresse gerät. Kein Wunder, dass die Springer-Presse 1975 zum Boykott aufrief. Eher unpolitisch ist dagegen der wiederholte Tatort: Hendrik Handloegtens hessischer Fall Der Tote Chinese (Montag, 22.15 Uhr, RBB) mit dem brillanten Duo Dellwo/Sänger von 2008.

Advertisements

Jim James, Hey Ruin, Miss Li, Fettes Brot

Jim James

Mit Coverversionen ist das so eine Sache, und nur sehr selten eine gute. Neue Bands benutzen sie gern als Erinnerungsanker in eine Vergangenheit, die nicht die ihre ist, um etwas Aufmerksamkeit zu erregen. Schlechte Bands benutzen sie, weil ihnen nichts Neues mehr einfällt, was alten Bands manchmal ähnlich geht. Coverkapellen benutzen sie, weil sie nun mal Coverkapellen sind. Und manchmal, ganz selten, will jemand, der covert, den Gecoverten wirklich Tribut zollen, also die Ehre erweisen. Jim James hängt irgendwo dazwischen, und da hängt er  ziemlich gut. Als Frontman der Rocker My Morning Jacket eher für robustes Zeug verantwortlich, bringt er nun sein zweites Album mit Coverversionen raus und steht damit auf einer Stufe mit der fabelhaften Birdie, die dem Liedgut anderer einst zu neuen Höhen verhalf.

Das tut Jim James auf Tribute To 2 noch nicht mal; die elf Tracks entlocken den Originalen keine unerwarteten Seiten oder setzen sie in ein helleres Licht. Was ihm allerdings gelingt, ist es, mit Stücken von den Bob Dylan über Willie Nelson bis Irving Berlin eine Auswahl zu treffen, die exakt den besten Tonfall zwischen Nostalgie, Interpretation und einem angenehmen Hauch Ironie findet. Mit feinem Gitarren-Picking und seiner leicht quäkenden, aber sehr wandelbaren Stimme macht Jim James selbst aus dem seifigen Lucky Man von Emerson, Lake & Palmer etwas angenehm Zeitgenössisches und erinnert mit dem Opener I Just Wasn’t Made for These Times zwar hinreißend schön an die Pet Sounds der Beach Boys, bleibt aber ganz bei sich.

Jim James – Tribute To Vol. 2

Hey Ruin

Linke Haltung zu zeigen ist leicht dieser Tage. Schön über die AfD lästern, etwas auf Trump schimpfen, bisschen FDP-Bashing – von hart- bis halbrechts bieten sich zurzeit ja reichlich Gegner zur moralischen Selbstvergewisserung an. Wer da nicht den richtigen Tonfall trifft, klingt allerdings leicht mal moralinsauer. Voriges Jahr zum Beispiel, als Hey Ruin ihr Debütalbum veröffentlicht haben, suchten die fünf Punkrocker aus Köln und Trier spürbar verkrampft nach gerechtem Zorn mit poetischer Note. Ihr Indiesound wirkte unreif, der Gesang plakativ, der alternativen Systemkritik fehlte jedes Augenzwinkern, vor allem aber Geist. Nun aber schafft der Nachfolger Poly die Wende.

Es ist keine zur zeitlosen Brillanz, über die man noch in 100 Jahren bewundernd reden wird. Immerhin jedoch eine sehr achtbare zum melodischen Hardcore abseits phrasenhafter Parolen. Damit reiht sich Poly ein zwischen Captain Planet und Fehlfarben, die ihr falsches Leben im Falschen schon immer mit viel Eigensinn und Spielfreude vertonen. Wenn Sebastian Frost das Leid der Bootsflüchtlinge als Mord besingt und im Titeltrack „Feuerfeuerfeuerfeuer“ für die Verantwortlichen fordert, erreicht das zwar noch nicht die metaphorische Wucht der Referenzgrößen von Love A bis Die Nerven. Doch zur linken Haltung zählt auch: Der Weg ist das Ziel. Hey Ruin sind auf einem guten.

Hey Ruin – Poly (This Charming Man)

Miss Li

Vorausgesetzt, Haltung ist jetzt und schon immer ein Gebot der Stunde, fällt sie oft besonders dort auf, wo man es gemeinhin am allerwenigsten erwartet. Im Dancepop etwa, dem Spielplatz von Linda Carlsson. Als Miss Li tummelt sich die schwedische Grammy-Gewinnerin zwar stilsicher im Spannungsfeld von Disco und Trash, Nischentheater und Mehrzweckhalle. Dummerweise ist die Aufmerksamkeitsindustrie allerdings anfällig für ein schwerwiegendes Missverständnis: Wer sich als Frau darin optisch präsentiert wie, sagen wir: Lady Gaga, bedient schnell das Klischee inhaltlicher Leere. Man sollte also dringend an Miss Lis schillernder Fassade vorbeihören. Es lohnt sich. Versprochen!

Wenn der Titeltrack A Woman’s Guide To Survival zu Beginn im dissonanten Synthiegewand erklärt, wie schwer es für Mädchen in einer visuellen Welt ist, Substanz zu zeigen, hat ihr neues Album nicht nur dem Namen nach Rückgrat. Anstatt sich aber in Sack & Asche zu hüllen, gibt Miss Li weiter den Paradiesvogel mit Message. Produziert von denen, die schon Rihannas Grenzgang zwischen emanzipiert und sexy inszeniert haben, entspinnt sich ein Panoptikum aus Trap, Pop, R’n’B und EDM, in dem Songs wie The Day I Die durchaus Chartsappeal ausschwitzen. Doch mit rauer Stimme macht Miss Li daraus eine Demonstration der Selbstermächtigung. Zum Tanzen. Und Krafttanken.

Miss Li – A Woman’s Guide To Survival (Pistol Packin’ Music)

Hype der Woche

Fettes Brot

Fettes Brot mit einem Hype zu umschreiben, ist eigentlich Quatsch. Die Spaßrapper aus Hamburg mögen den Klamauk zwar zur Kunstform des HipHop und bis in die seriöse Oberschicht des Sprechgesangs hinein salonfähig gemacht haben. Aber Hype? Dafür ist Nordisch By Nature einfach schon zu alt. Zu gut. Und zu haltbar. Wie haltbar, zeigen die sicht- und spürbar gealterten Doktor Renz, König Boris und Björn Beton auf ihrer furiosen Live-Platte mit dem gewohnt lustigen, aber leicht kindischen Titel Gebäck in the Days (Fettes Brot Schallplatten) nebst zugehöriger Konzert-DVD und einer kleinen Bandbiografie in Filmform. Die 16 Tracks, aufgeführt in ihrer Heimatstadt, zeigen dabei, was Fettes Brot seit 25 Jahren kennzeichnet: Bedingungsloser Einsatz für den Moshpit mit viel Humor, Tiefgang und schier unerschütterlichem Optimismus. Einziger Makel dieses gelungenen Albums: Schwule Mädchen fehlt. Ansonsten gibt’s wie immer: außen Top-Hits, innen Geschmack.


freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Beatclub – das Wirtschaftswunder

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen bereits auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: das Wirtschaftswunder.

Von Jan Freitag

Kochen und Krimikost, Reklameblöcke und Ratespaß, Heimatfilme und Fußballernst, Die Hesselbachs und Das Halstuch, dazu Rotlicht/Blaulicht/Blitzlicht, erste Talk- und viele Familienshows – wer heutzutage ans Fernsehen des Wirtschaftswunders denkt, findet darin bereits reichlich Fernsehen der Dauerkrise von heute. Selbst ein Hauch von Reue weht 1960 kurz durchs Wohnzimmer, als Fritz Umgelters Am grünen Strand der Spree den Holocaust mal nicht sorgsam verdrängt, sondern realistisch schildert. Abgesehen von nackter Haut und blankem Horror in Farbe ist das Angebot schon damals fast komplett. Eines aber fehlt völlig: Die Jugend als Motor der Popkultur.

Falls Teenager vor der Gründung des ZDF 1963 auftauchen, sind sie artig, adrett, aber genötigt, die Musik ihrer Eltern zu hören. Noch während der Rock’n’Roll langsam zum Beat wird, bleibt das Leitmedium zwischen Operette, Schlager, Volkslied stecken. Gut, es gibt die Jugendstunde; doch wie in DDR-Pendents mit fetzigen Titeln à la Junge Pioniere lieben ihre Heimat, entsprang dem Magazin 1954 statt frischer Musik nur ein paternalistischer Singsang, was man zu tun, vor allem aber zu lassen habe. Etwa den Genuss forscherer Töne als Foxtrott, der 1964 die Tanzparty mit dem Ehepaar Fern des WDR eröffnete.

Und sonst?

Regiert die Oligarchie um Peter Alexander oder Anneliese Rothenberger einfach durch und hält es dabei schon für hip, wenn Bill Ramsey beim Playback Hawaiihemd trägt. Insofern gleicht es im Jahr drauf einer kleinen Palastrevolution, als das gewohntermaßen aufsässige Radio Bremen sein Mutterschiff ARD mit dem Beat-Club aufmischt. Nicht genug, dass die monatliche Live-Sause von einer Frau moderiert wird; Uschi Nerke infiltriert das hiesige Paradies sinnfreier Heile-Welt-Gesänge auch noch mit dem Teufel in Gestalt kurzer Röcke, rotziger Sprüche und ausländischer Gäste. Kein Wunder, dass konservative Kräfte sogleich zur Konterrevolution, genauer: Absetzung riefen, um die zarten Seelen der (dummerweise restlos begeisterten) Jugend zu behüten.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Blockwarte des Ordnungsfernsehens damit scheitern. Kein Jahr später nämlich kopiert das ZDF mit 4-3-2-1 – Hot and Sweet von der freizügigen Moderatorin bis zum britischen Importsound praktisch baugleich die ARD-Vorlage. Und da irgendwer den Verantwortlichen der Sendeanstalten zugeflüstert haben muss, dass deren Zielgruppe womöglich das Stammpublikum von morgen ist, geht es plötzlich auch bei den Arrivierten bunt zu, bisweilen psychedelisch. Rainer Holbes Starparade zum Beispiel ist atmosphärisch mit James Last am Taktstock voll und ganz auf die Generation Schwarzwaldmädel zugeschnitten. Stilistisch nähert sich das perfekt orchestrierte ZDF-Produkt bald nach der Premiere im schwarzweißen 1968 nun auch zur besten Sendezeit dem Zeitgeist und lässt das Fernsehballett schon mal bekiffte Tanzeinlagen zum Beatsound vollführen.

Von Ilja Richters fast schon aufdringlich halbstarker disco, mit der das ZDF ab 1971 wirklich mal ein popaffines Publikum anspricht, ist das dann nur noch eine Schlaghosenbreite entfernt. Dennoch blieb der Grundsound des Programms bis Ende der Siebziger eine Art Pfeifen im Walde der aufgewühlten Welt ringsum. Dem reifen Durchschnittsauditorium des musikalischen Regelangebots machte sie jedenfalls zu viel Angst, um etwas anderes als Liebeslieder und Humptattaa am Bildschirm zu verkraften. Während die Studenten vor der Studiotür im Stakkato schreiender Gitarren lautstark gegen Schweigekultur und Schweinesystem rebellieren, empfängt Dieter Thomas Heck 1969 also unverdrossen dieselben Schlagernasen zum Defilee und bekommt dafür 1971 allen Ernstes die Goldene Kamera als „Beste Sendung für junge Leute“ – obwohl von denen die meisten wohl nur zusehen, weil ihre Eltern aus drei Programmen halt dieses eingeschaltet haben.

Mitte der Siebzigerjahre ist der Weg zum Musikfernsehen, das den Namen auch verdient, halt noch annähernd so weit weg wie Ein Kessel Buntes von MTV Unplugged. Aber nicht mehr lange…


Schulz-Ende & Abendgeschichten

Die Gebrauchtwoche

27. November – 3. Dezember

Ach Mainz, du große Provinzhauptstadt, du kleine Hauptstadtprovinz, du Leuchtturm bundesdeutscher Betulichkeit im wilden Meer der Globalisierung, du Hort knuddeliger Comicmännchen und pfälzischer Innereiengerichte – da erschaffst du im mausgrauen Leitmedium der formierten Gesellschaft eine Talkshow ohne Phrasendrescherei, und was tust du in deinem Kleinmut mit Schulz & Böhmermann? Setzt das einzig experimentelle Talkformat der vierten Säule öffentlich-rechtlicher Grundversorgung neben Krimi, Krimi, Krimi und ein paar Nachrichten ab, einfach so. Tschüss.

Das allein wäre schon schlimm genug, würde das Abschiedsargument nicht wie so oft lauten, die Quote sei halt einfach unzureichend gewesen. Leider, leider. Schade. Äh, Quote? Bei ZDFneo? Dem kultiviert gemeinten Kanal für die Generation Discman, auf dem dann aber doch eher Wiederholungen aus der Generation Walkman laufen und nur sehr selten mal was für die Generation iPhone? Als Oli Schulz und Jan Böhmermann gestern letztmals die Regeln des Gesprächsgenres zertrümmert haben, war damit auch eins der letzten Reste Aberwitz mit Eigensinn für Zuschauer diesseits der 40 im linearen Programm Geschichte.

Das ist umso deprimierender, als Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei Pro7 einfach immer weitermachen mit der Unterwanderung tradierter Sehgewohnheiten – und das zur besten Sendezeit. Am Samstag zum Beispiel war Die beste Show der Welt zwar bis an den Rand der Unzurechnungsfähigkeit albern, dabei jedoch inspirierter, lustiger, vor allem glaubhaft leidenschaftlicher als alles, was ARD und ZDF fürs jüngere Publikum zustande bringen. Zumal erstere vor ein paar Tagen angekündigt hat, bald das nächste Reisebüro des TV-Kriminalwesens zu eröffnen.

Die Frischwoche

4 – 10. Dezember

Mit Hannes Jaenicke als Holländer. Beim Mörderjagen in Amsterdam. Es ist sooo ermüdend, so wahnsinnig ermüdend. Und diesen Donnerstag geht ja schon der nächste Kommissar auf Butterfahrt ins benachbarte Ausland, genauer: Über die Grenze. Zur besten Sendezeit leitet Thomas Sarbacher fortan eine deutsch-elsässische Polizeieinheit. Zum Auftakt beginnt das gleich mal erwartbar hölzern. Und auch, wenn das Ganze im Laufe der 90 Minuten durchaus Eigensinn entwickelt – das ARD-Motto bleibt adenauerhaft: Keine Experimente.

Dabei gibt es sie doch, die Momente kreativer Herausforderung, die Augenblicke unerwarteter Verstörung. Man muss sie halt nur etwas suchen. In der ARD zum Beispiel, wo Stephan Lamby und Egmont R. Koch heute Abend um 22.45 Uhr mit ihrer Dokumentation Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl abermals beweisen, wie viel Kraft investigativer Journalismus entfalten kann. Auch der NDR versteckt seine Perlen lieber zur Geisterstunde. Denn wenn der österreichische Satiriker Dirk Stermann am Freitag zum vierten Mal vier Gäste zur Geschichte eines Abends in ein verschrobenes Mietlokal auf St. Pauli lädt, wird es mit Ulrich Matthes, Karoline Herfurth, Mario Basler, Ina Müller abermals grandios. Grandios versoffen, grandios verraucht, grandios anarchistisch, auch mal grandios schweigsam, ergo: grandios grandios.

Tummeln wir uns also einfach weiter in den Abseiten des Fernsehens. Beim gleichen Sender etwa, wo am Dienstag zur selben Uhrzeit die eindrückliche Dokumentation Deportation Class von Carsten Rau und Hauke Wendler über eine Sammelabschiebung von der Planung über die Festnahme bis zu Ankunft im Fluchtland läuft. Ein artverwandtes Thema, allerdings mit erfrischend optimistischem Tonfall, behandelt der BR in der wunderbaren Reportage Girls Don’t Fly. Auf dem Dokumentarfilmplatz DoX handelt sie am Mittwoch um 22.45 Uhr von einer Gruppe junger Frauen, die im zutiefst chauvinistischen Ghana eine Flugschule besuchen, anstatt den vorgezeichneten Weg als Hausfrauen und Mütter zu beschreiten.

Den emanzipatorischen Sound darf man auf keinem Fall mit dem auf Vox vergleichen, wo sechs prominente Mütter von Ute Lemper bis Verona Pooth ab Dienstag ihr Leben Mit Kind und Karriere schildern. Das ist aus zwei Gründen strikt systemerhaltend: Zum Einen werden Menschen skizziert, die von Alltagssorgen weiter entfernt sind als RTL2 von einem Vollprogramm. Zum anderen müssen mal wieder Frauen erklären, wonach man Männer noch immer nie fragt: wie man Beruf und Brut vereinbart. Das alles manifestiert ein Geschlechterbild jener Epoche, die Netflix ab Freitag mit der 2. Staffel von The Crown beleuchtet: Das Nachkriegszeitalter der englischen Monarchie.

Das Kriegszeitalter des Faschismus koloriert die ursprünglich schwarzweiße Wiederholung der Woche nach. Zum 100. UFA-Geburtstag zeigt Arte heute (23.35 Uhr) Veit Harlans indoktrinierenden Durchhaltefilm über ein deutsches Städtchen namens Kolberg, dessen Bevölkerung sich tapfer Napoleons Truppen entgegenstellt. Ein subtiles Propagandawerk von 1944, das im Licht der Erkenntnis allerdings sehr sehenswert wird. Historisch parallel spielt Peter Weirs Blockbuster Master and Commander von 2003 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Augenscheinlich ein typischer Mantel-und-Degen-Film, entspinnt sich unter der Bildgewalt ein brillantes Psychogramm menschlichen Machtstrebens mit Russell Crowe als Kapitän auf Rachefeldzug. Weniger opulent, aber irgendwie auch psychoaktiv ist der Tatort-Tipp: Mittwoch (21 Uhr, HR) kehrt Ulrich Tukur nochmals in Das Dorf zurück, wo sein krebskranker Kommissar Murot 2011 den zweiten Einsatz hatte. Bizarrer geht’s kaum.


Babylon Berlin, Nabihah Iqbal, Cherry Dolls

Babylon Berlin

Filmmusik ohne den zugehörigen Film zu sehen, das gleicht meist einem exzentrischen Drei-Sterne-Menü für Schnupfenkranke, denen man auch getrost Stampfkartoffeln vorsetzen kann – sie kauen zwar, schlucken, verdauen. Schmecken tun sie nix. Und gerade in Zeiten wie dieser, wo vom Blockbuster bis zum Serienevent fast jedes Format mit einer lückenlosen Soundkruste überzuckert wird, wäre der Score ohne visuellen Reiz noch sinnloser als früher. Witzigerweise gibt es nun eine Ausnahme, die dramaturgisch Blockbuster und Serienevent vereinigt, tonal ab der ersten Sekunde vollumfänglich verkleistert wird – und dennoch einen Soundtrack hervorgebracht hat, der auch ohne Bildschirm funktioniert.

Die Serie heißt Babylon Berlin und hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit ihrer 38 Millionen Euro teuren Gangsterballade der Goldenen Zwanzigerjahre mit Hilfe von Sky kürzlich ein klein wenig revolutioniert. Und das liegt auch an einer Musik, die auch ohne Filme fabelhaft wirkt. Zusammengestellt vom Regisseur Tom Tykwer und seinem Tonmeister Johnny Klimek lassen die 34 Tracks der Doppel-CD nämlich nicht nur die Bilder vorm inneren Auge Karussell. Die mal wuchtige, mal feingliedrige, vielfach hypermoderne, aber angemessen nostalgische Arbeit des Leipziger Radio Symphonie Orchesters mithilfe der New Yorker Band Absolute Ensemble schafft es, sich angereichert um Chansons und Charleston jener Zeit vom Werk zu emanzipieren. Allerfeinstes Kopfkino.

Radio Symphonie Orchester Leipzig – Babylon Berlin OST (BMG)

Nabihah Iqbal

Schon klar, Google-Suchen sind wegen der kommerziell gesteuerten Algorithmen vergiftete Recherchen. Aber man kann es ja mal versuchen und den Begriff “Krautrockambient” eingeben. Trefferzahl: 137. Umgedreht ergeben die sphärischen Großklangwelten sogar 17 Hits weniger, darunter ein netter Konzertbericht über den Berliner Auftritt von Denzel + Huhn, was vermutlich eine Band ist. Das Kombi-Genre scheint also bislang eher unbekannt zu sein, aber die Überschrift der titelfreudigen taz macht schon mal ein schönes Angebot: “Wucherndes Klanggestrüpp”. Da nähern wir uns dann mit großen Schritten dem Debütalbum von Nabihah Iqbal, dessen Sound mit Krautrockambient keinesfalls ausreichend, aber doch annähernd beschrieben wird.

Vieles auf Weighing Of The Heart wäre einst wohl gut und gern als Filmsscore von Trainspotting durchgegangen, einiges erinnert an eine Jam-Session von Jean-Michel Jarre mit Tangerine Dream in der Hängematte von Bonobo und Sade. Wie beim unvergleichlichen Label Ninja Tune üblich, hat die Platte einen spürbar elektronischen Background. Schimmernde Synths und Samples grundieren jeden der elf Tracks mit lyrischer Tiefe. Darüber legt die britische Radiomoderatorin mit dem orientalischen Namen allerdings nicht nur ihren durchscheinenden Gesang, sondern auch eine Reihe echter Instrumente vom treibenden Bass bis zur wimmernden Santana-Gitarre. Das macht die Fusion aus Ambient und Krautrock so ergreifend. Vor allem aber: vielschichtig.

Nabihah Iqbal – Weighing Of The Heart (Ninja Tune)

The Cherry Dolls

Fliegersonnenbrille, Motorradlederjacke, Siebzigerjahrematte, dazu dreckig verzerrtes Gitarrengeschrammel, ein paarmal „Come on!“ im Chor und kräftig „Uaaahhh Yeah“ obendrauf: australischer Pubrock hat sich seit den Stadion-Ausgaben von AC/DC bis Rose Tattoo bereits mehrfach gehäutet, aber nie wirklich grundlegend geändert. Obwohl ihr Debütalbum Viva Los Dolls mit Psycho-Grooves und Sixties-Elementen durchsetzt ist, stehen demnach auch The Cherry Dolls in dieser Tradition. Mit stoischen Phil-Rudd-Drums und schlichten Bon-Scott-Vocals rotzt das Quintett aus Melbourne einen Sound zu Boden, der sich nie die Mühe macht, außergewöhnlich, elaboriert, gar intellektuell daherzukommen.

Tausendfach reproduzierte Refrains wie „I’m addicted to love“ führen das Metier eben lieber auf den Kern des Augenblicks zurück. Riffs, Refrain, Bridge darf, muss aber nicht sein, der polternde Bass wie eine Kneipenschlägerei, one-two-three-four ab die Post! Wenn Josh Aubry, Jacob Kagan, Jim Stirton, Brendan West und Thomas van der Vliet die Bühne betreten, tropft Whisky und Schweiß von der Decke, bis alles darunter klebt. Für Außenstehende ist das nichts als ein tausendfach reproduzierter Junggesellenabschied, für alle anderen die Quintessenz der Nacht.

The Cherry Dolls – Viva Los Dolls (Golden Robot Records)


Christian Bau: Koch des Jahres & Japan-Fan

Ein Hauch von nix

Seit er sich 2005 im saarländischen Spitzenrestaurant Schloss Berg den dritten Stern erkocht (und bis heute gehalten) hat, verbindet Christian Bau französische Klassik meisterhaft mit japanischer Küche. Dafür wurde der Schwarzwälder nun zum “Koch des Jahres” gewählt. Im freitagsmedien-Interview berichtet er vom Einfluss der Region auf seinen Stil, warum es darin keine Butter gibt und warum der 47-Jährige gern mal eine Currywurst isst.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bau, beschreiben Sie für Unkundige doch bitte mal Ihre Küche im Schloss Berg.

Christian Bau: Die Küche lässt sich schwer beschreiben, aber wenn Sie mich nach drei starken Worten dafür fragen, wären es: Leicht, zeitgemäß und weltoffen. Ohne uns der absoluten Moderne zuzuschreiben, haben wir uns von der Klassik sowohl im Saal als auch auf dem Teller gelöst. Wir präsentieren eine eigene Stilistik, die ins Hier und Jetzt passt.

Mit leichte Hang zum Asiatischen.

Einer großen Vorliebe sogar. Meine Frau und ich haben eine klassisch französische Ausbildung genossen, mit allen Basics. Die wollen wir mit einem Brückenschlag ins Japanische ergänzen.

Werfen Sie die Traditionen mitteleuropäischen Kochens damit über den Haufen?

Das merkt man ganz sicher am Menü. Die Hochprodukte der europäischen Küche – Steinbutt, Gänseleber, Trüffel, Kaviar, Hummer, Langustine – sind durchaus vorhanden. Doch wie wir sie bearbeiten – oder eben auch nicht bearbeiten – und mit speziellen Flavours versehen, das liegt jenseits vieler Gewohnheiten. Wir werfen also nichts über den Haufen, befinden uns aber auch jenseits verkrusteter Strukturen. Das merkt man schon am Alter unserer Gäste: Es gibt Abende, da liegt der Schnitt an acht oder neun Tischen unter 40 Jahren.

Gibt es bei alldem Verbindungen in die örtliche Küche des Saarlands und Lothringens?

Nein, das ist am Ende nur der Standort. Meine Prämisse lautet: ich möchte die besten Produkte haben. Was es da regional gibt, kaufe ich natürlich hier ein, aber wenn es etwas qualitativ Hochwertigeres aus Paris oder Hamburg gibt, beziehe ich es von dort. Das sind die Vorteile der Globalisierung. Und bestimmte Algensorten kriege ich in Tokio gewiss besser als im Saarland.

Fühlen Sie sich dennoch gut aufgehoben hier?

Sagen wir mal so – meine Frau und ich kommen beide aus dem Schwarzwald, sind hier also nicht gerade fest verwurzelt. Das zeigt sich auch durchaus in einer unterschiedlichen Lebenskultur. Nur: wir sind wegen unseres Jobs hergekommen und haben zur richtigen Zeit am richtigen Ort unseren Chef, den Herrn Ostermann kennengelernt. Obwohl ich damals erst 26 war, hat er uns die Möglichkeit gegeben, uns kulinarisch zu verwirklichen. Dabei kam uns zugute, welch große Rolle die Kuliniarik in dieser Region spielt.

Schon Ende der Neunziger?

Absolut. Dennoch sind wir im Schloss Berg bei Nullkommanull gestartet, es gab keine Auszeichnungen, keine Werbung, 1998 standen hier noch Trockenblumen auf den Tischen. Da mussten wir alles auf den Kopf stellen. Innerhalb von zwei Monaten war das Restaurant gut frequentiert.

Hatten Sie damals schon die heutige Kochphilosophie des Brückenschlags nach Fernost?

Nein, bis zum dritten Stern 2005 haben wir sehr klassisch gekocht, das war überhaupt nicht vergleichbar mit heute. Wir hatten getrüffelte Presspoularde mit Kartoffelpüree oder Gänseleber mit glasierten Äpfelchen zur Brioche. Der Saarländer ist ja ein halber Franzose; dem haben wir uns schon durch die Nähe zu den Benelux-Staaten angepasst. Ich sag’s offen: Da wir damals schnell über die französisch orientierten Restaurantführer Gault-Millaut und Feinschmecker Reputation erlangen wollten, haben wir uns an den Standards orientiert.

Mit Erfolg, kann man sagen.

Es hat sich bewährt, in der Tat. Mit meiner heutigen Art asiatischer Küche hätten wir niemals so schnell Erfolg gehabt. Gerade bei den Einheimischen.

Die ja seit jeher – trotz der robusten Prägung durch den Bergbau – einen guten Bezug zu feiner Küche hatten.

Das stimmt, trotz aller Sättigungsbeilagen. Aber ganz ehrlich: Ich beschäftige mich als Koch kaum regionalen Befindlichkeiten beim Essen. Lokale Küchen sind ja eher von Rustikalität und Deftigkeit geprägt. An dem Punkt kommt das erste Schlagwort unserer Küche ins Spiel: Leicht im Sinne von bekömmlich. Wir kochen komplett ohne Sahne und Butter. Es gibt zwar Milchprodukte wie Milch oder auch mal ein Löffelchen Crème Fraiche. Aber die Soßen basieren gänzlich auf Fonds, die wir allenfalls mit Ölen ergänzen und aufschäumen. In der deutschen Küche sind Sie nach zwei Gängen in der Regel pappsatt, bei uns sind es 16, 18, 20 und sie sind zwar satt, aber nicht voll. Der Umami-Sud zum Steinbutt aus Bonitoflocken und Kombualgen mit eingemixter Auster – das ist ja ein Hauch von Nix und trotzdem präsent.

Gab es dennoch einst den Forscherdrang, zu erkunden, was hier gibt?

Den gab es. Und die Soßen zum Hefekloß mit Speck im Saarland sind gewiss lecker, aber auch viel mächtiger, dazu fehlt mir jeder Bezug. Ich möchte, dass die Leute viel probieren und beim Aufstehen sagen, dass sie sich nicht nur satt, sondern auch wohl fühlen.

Mögen Sie privat ein saarländisches Bergmannsfrühstück mit Lyoner Wurst auf Brot?

Wenn Sie jeden Tag so feine Sachen wie wir verarbeiten, fällt der Zugang zur Hausmannskost naturgemäß schwerer – auch wenn wir in der Küche natürlich nicht löffelweise Kaviar aus der Dose essen; schon weil er dem Unternehmen gehört. Aber wenn ich montags mal mit meiner Frau essen gehe, suchen wir in der Tat eher einfache Kost. Und schon wegen unserer Kinder ist das Essen Nr. 1 zuhause natürlich Spaghetti Bolognese oder Geschnetzeltes  mit Pilzrahmsoße. Erst vorigen Dienstag war ich mit meiner im Dreisterne-Restaurant in Paris essen, aber wenn ich hier in der Stadt bin, ganz ehrlich, esse ich auch mal ‘ne gute Currywurst.

Wie groß ist der Anteil jener Gäste im Schloss Berg, für die das der Regelfall ist und Ihr 18-Gänge-Menü die absolute Ausnahme?

Hoch. Es gibt gewiss auch Stammgäste, die alle vier Wochen kommen. Aber wenn die ungewöhnliche Zubereitung edelster Produkte gewöhnlich wird, verliert sie ihren Reiz. Deftig ist halt manchmal auch lecker, das wissen selbst Feinschmecker.


freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Stille Nacht – Die Nachkriegszeit

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen bereits auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: Die Nachkriegszeit.

Von Jan Freitag

„Wo man singt, da lass dich nieder“, schrieb einst der Dichter Johann Gottfried Seume und erklärte sogleich, warum: „Böse Menschen haben keine Lieder.“ Ach, wenn das doch so einfach wäre… Schon als die Bilder auch am Bildschirm laufen lernten, kündigte die zeitgemäß blondgewellte Ansagerin des nationalsozialistischen „Fernsehenders Paul Nipkow“ dem Publikum „zum Ausklang des Abends Marschmusik“ an und beendete das Tagesprogramm mit einem zünftigen „Heil Hitler!“ So dunkel die Zeit, so wuchtig die Töne.

Zwölf Jahre, einen Krieg und Abermillionen Tote später sang die blutjunge Film- und Fernsehrepublik zwar weit weniger boshaft als gäbe es nach Vorhang oder Sendeschluss kein Morgen, geschweige denn ein Gestern. Doch leider war das Land wie sein neuestes Medium noch immer noch voll von den Menschen, deren Bosheit kurz zuvor den halben Globus in Brand gesteckt hat. Rein musikalisch also hätte es – träfe Seumes kleines Gedicht zu – totenstill sein müssen in den Trümmern des untergegangenen Reiches. War‘s aber nicht. Besonders am Bildschirm, der noch aus einer Röhre bestand.

Auf ihm wird schließlich seit jeher musiziert bis der Landarzt kommt oder wahlweise der Bergdoktor. Schon als die ARD-Keimzelle NWDR am 1. Weihnachtstag 1952 von einem Hochbunker in Hamburg aus ihr zweistündiges Regelprogramm startet, kündigt die Ansagerin Irene Koss ein TV-Spiel zum Festlied Stille Nacht, heilige Nacht an, dicht gefolgt vom lokalen Rundfunkorchester mit dem Tanzstück Max & Moritz. Fernsehen heißt zum Auftakt vor allem viel Erbauung bei wenig Belastung. Willy Millowitsch singt Kölsch, Heidi Kabel Platt, der ESC Chansons. Erst als die Tageschau 1956 ihre Fanfare erhält, wird sie zum Soundtrack der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Die Melodik des Fernsehens allerdings bleibt abgesehen von der schweren Klassik, die regelmäßig live übertragen wird, vorwiegend heiter. Während das Massenkino seine Besucher bis tief in die Sechziger hinein vornehmlich Heimatfilmsoße auf den Feierabendbraten kippt, sedieren sich auch die Besitzer der anfangs kaum 5000 Apparate gerne mit klingender Hausmannskost. Kein Wunder. Bevor Peter Frankenfeld der beliebteste TV-Conférencier im Wirtschaftswunderland wird, hat er die Moral seiner Wehrmachtskameraden hochoffiziell mit lustigem Liedgut gestärkt. Fürs kampfesmüde, erinnerungsfaule, entspannungswillige Nachkriegspublikum setzt die Frohnatur im Grobkarojackett das dann nur mit neuen Texten fort.

Doch anders als viele Künstler von Goebbels Gnaden hatte der erste Topstar des Leitmediums in spe stets Distanz zum Teufel gewahrt. Sein ulkiger Eskapismus klingt daher argloser als jener von Johannes Heesters, der schon unter Hitler weit besser singen als hinsehen konnte. Eher umgekehrt verhält es sich nun mit Frankenfelds Kollegen der Adenauer-Ära: Heinz Erhardt, Hans-Joachim Kulenkampff, Heinz Schenk, der besonders. Der pfälzische Gemütsmensch übernimmt 1966 neun Jahre nach der Premiere vom Blauen Bock die Blaupause sketchbasierter Fernsehmusik und chiffriert den Showbegriff so nachhaltig mit vergnüglicher Naivität, dass Florian Silbereisen damit bis heute Topfquoten scheffelt.

Als Schenk 30 Jahre darauf nach 208 Samstagen abtritt, lernt der lustige Erstklässler wohl gerade Akkordeon. Ansonsten hätte ihm sein Urahn gewiss die Bühne für Größeres bereitet wie einst für Vico Torriani, Caterina Valente, Chris Howland, Peter Alexander, große Kaliber mit klingenden Namen. All diese Importkünstler bekamen schließlich bald eigene Shows und brachten darin nicht nur ein wenig Glamour und Exotik zwischen Käse-Igel und Eichen-Anrichte. Sie prägten auch das Fernsehen als gut geschmierter Durchlauferhitzer jenes Saftes, in dem es schwimmt.

Sein Tonfall entwickelte sich dabei im Gleichschritt von der Begleitmusik zum Wesenskern des Gezeigten. War die Grenze zwischen Spielfilm und Musical bis Ende der Fünfzigerjahre noch so fließend wie die zwischen Show und Revue, werden Melodien für Millionen nun zügig zum Inhalt des Ganzen. In der Nachkriegsluft liegt also nicht nur Pulverdampf, sondern auch reichlich Musik.