Presseopfer & Onlineserien

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Oktober

Am Jahrestag des Mordes an der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia, die aller Wahrscheinlichkeit nach wie der slowakische Journalist Ján Kuciak wegen ihrer Recherchen bis in die höchsten Regierungskreise das Leben verloren hat, wurde die bulgarische Fernsehreporterin Viktoria Marinowa furchtbar entstellt in einem Gebüsch gefunden. Ob sie einer Recherche zum Opfer fiel, ist bislang zwar offen; allein der Umstand aber, dass diese Möglichkeit selbst in europäischen Demokratien längst als naheliegend gilt, macht Angst.

Und die wird kaum dadurch geringer, dass sich ein versierter Antidemokrat zum Vorkämpfer der Pressefreiheit aufspielt: Ausgerechnet Reccep Tayyip Erdogan, unter dessen Willkürherrschaft mehr Journalisten inhaftiert sind als in jedem anderen Land, bemüht sich gerade um einen Reporter namens Kashoggi, der angeblich in Istanbuls saudischer Botschaft verschwunden ist. Ein Medienhasser als Medienretter? Wäre es nicht so bitter – man könnte sich köstlich über den Irrsinn dieser völlig durchgedrehten Welt amüsieren.

So oder so sind es demnach gute Zeiten für politischen Humor. Theoretisch. Praktisch allerdings gingen die wichtigsten Trophäen beim Deutschen Comedy-Preis wie immer an allerlei Schreihälse mit der Bissigkeit einer Samstagabendshow im ZDF. Caroline Kebekus zum Beispiel, die trotz ihrer femizisitischen Attitüde jedes Inhaltsloch mit Lautstärke verfüllt, was auch für Luke Mockridge und Mirja Boes gilt. Weil das RTL-Gewächs die RTL-Show dummerweise auf RTL moderiert hat, muss sie sich den RTL-Lorbeer mit anderen teilen, die teilweise – Obacht! – nicht von RTL kamen.

Wenn man sich einen größeren Witz gedankenloser Selbstbeweihräucherung ausdenken wollte, käme einem eigentlich nur noch in den Sinn, den reichsbürgerlichen Schmusesänger Xavier Naidoo zum Juror eines großen Musik-Castings zu machen, aber das traut sich ja vermutlich nicht mal RTL. Obwohl… Ach, es ist alles so unappetitlich – wenden wir uns lieber einer vergleichsweise leckeren Mediennachricht zu: Das Konzept der ARD, die herausragende Zeitreise Babylon Berlin erst beim Koproduzenten Sky und dann auch noch parallel zur eigenen Ausstrahlung in die Mediathek zu zeigen, ist voll aufgegangen. Fast Vier Millionen Videoabrufen stehen Einschaltquoten weit über Senderschnitt gegenüber.

Die Frischwoche

15. – 21. Oktober

Zurzeit sorgen zwar Online-Formate wie die dezent nervenzerreißende Grusel-Adaption Spuk in Hill House (Netflix), die historisierende Dramenreihe The Romanoffs (Amazon), die Fortsetzung von 4 Blocks (TNT) oder ab Dienstag auf Sky Lena Dunhams neue HBO-Sensation Camping (Sky) für Aufsehen; doch schon Donnerstag geht der Siegeszug des Kölner Sittenpolizisten Gereon Rath im hedonistisch verlotterten Zwischenkriegs-Berlin mit Doppelfolgen weiter. Ob die andere Zusammenarbeit dieser Tage ähnlichen Erfolg hat, darf man indes bezweifeln. Nachdem der Vorwendethriller Deutschland 83 hierzulande durchgefallen war, hat RTL die Fortsetzung an Amazon verhökert, wo Jonas Nay als Doppelagent drei Jahre später in aller Welt süß aussehen darf.

Dramaturgisch weit hollywoodaffiner könnte das Konzept aufgehen. Sehenswert, gar soziokulturell relevant ist die Aneinanderreihung von Actionsequenzen ab Freitag indes nicht mehr so recht. Das Gleiche gilt für die 2. Staffel der Koproduktion The Team ab Donnerstag auf Arte und drei Tage später im ZDF. Nahezu alles an dieser dänisch-deutsch-belgischen Jagd auf Kunsträuber zur Terrorfinanzierung ist klischeehaft, platt und so mies synchronisiert, dass selbst Jürgen Vogel vergebens gegen die öffentlich-rechtliche Kahlrasur allen Eigensinns annuschelt.

Da dürfte sogar die 14. Auflage von Bauer sucht Frau ab heute auf RTL gehaltvoller sein. Oder auch Eltons neue Samstagsshow namens Alle gegen einen um, tja, irgendwas mit Quiz auf ProSieben. Auch das mehrteilige Dokudrama Mars: Novo Mundo verspricht Elon Musks ressourcenfressend elitäres Weltraumtourismusprojekt SpaceX ab Dienstag um 20.05 Uhr auf dem Zeitungsableger Welt unterhaltsamer anzupreisen. Und wer vom kommerziellen Blick auf die Realität noch immer nicht genug hat: Ab Donnerstag zeigt RTL2 in Reeperbahn Privat! angeblich Das wahre Leben auf dem Kiez. Na gut – wer echten Realismus will, wird Samstag von der ZDF-Fiktion Die Protokollantin mit Iris Berben als Mutter eines verschwundenen Kindes, die einen Racheplan gegen die Vergangenheit fasst doch etwas besser versorgt. Und mit den Wiederholungen der Woche sowieso.

Heute zeigt Arte zur Primetime das US-Biopic Meister des Lichts von 2014 mit Timothy Spall als Industrialisierungsmaler Mr. Turner, der seine Epoche geprägt hat wie vor ihm Van Gogh (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte), den Bernhard Le Coq bereits 1991 beispielhaft verkörperte. Der alte Tatort hingegen ist neueren Datums, aber zeitlos toll: Borowski und der Himmel über Kiel bildete 2014 schließlich den Durchbruch von Elisa Schlott, die darin am Donnerstag um 20.15 Uhr im WDR als Crystal-Junkie brilliert, wie ihn nie zuvor jemand ergreifender gespielt hat.

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Neonschwarz, Th. Shitstorm, Hallouminati

Neonschwarz

Fette Bläser – darunter sollte es fetter Sound mit fetter Botschaft heutzutage besser nicht machen, um im HipHop Aufmerksamkeit zu erregen. Bisschen Toasting obendrauf, etwas Autotune, na klar, dazu die übliche Selbstbeweihräucherung des eigenen Namens im Titel: Wäre N.E.O.N. der Opener irgendeines Crossover-Rap-Acts mit Mehrzweckhallenpotenzial und vier, fünf “e” im Namen, Kenner nähmen das zugehörige Album wohl eher schulterzuckend zur Kenntnis. Hieße das Kollektiv dahinter nicht Neonschwarz und wäre gemeinsam mit ähnlich gepolten Bands wie K.I.Z. die Stimme lässiger Vernunft im deutschen Sprechgesang, zu der man trotzdem prima abgehen kann, ja muss!

Clash heißt die dritte Platte von Captain Gips, Marie Curry und Johnny aus Hamburg, wo sie gemeinsam mit dem DJ Spion Y seit fünf, sechs Jahren wuchtig und verspielt gegen Nazis, Kapital, die Gemütlichkeit der Mitte anrappen und damit das unterhaltsamste Sprachrohr einer zusehends selbstgerechten Poplinken sind – musikalisch Betonung auf Pop, textlich Betonung auf den Rest. Die Raps sind nämlich bei aller poetischen Schärfe wie üblich eher Oldschool und die Reime nicht immer so ganz auf den Punkt. Aber was Neonschwarz unvergleichlich, unersetzlich, unwiderstehlich macht ist ohnehin die Kraft der Freude, in der das Quartett gegen die Dummheit vor der Haustür anfeiert.

Neonschwarz – Clash (Audiolith)

Theodor Shitstorm

Dietrich Brüggemann ist ein echtes Inszenierungsgenie. Mit 3 Zimmer/Küche/Bad hat er der Generation X/Y eine Liebeserklärung von entlarvender Leichtigkeit gemacht, das Glaubensdrama Kreuzweg eroberte 2014 gar die Berlinale und dem alten Tatort verlieh sein Stuttgarter Fall im Stau zuletzt neuen Glanz. Da überrascht es kaum, dass dieser Wirklichkeitsdichter die Gründungsstory seiner Band als verkorksten Roadtrip auf den Balkan erzählt. Mit der Songwriterin Desiree Klaeuskens, so geht die Legende, bringt er dabei ein Baby namens Theodor Shitstorm zur Welt, das fortan den vielleicht besten Laber-Pop seit den Lassie Singers liefert.

Begleitet von Bass und Drums schildert Sie werden dich lieben das Leben unserer mulitoptional beengten Zeit mit beißendem, nie zynischem Spott, der unter die Haut durchs Zwerchfell zu Herzen geht. Wenn sie den Alltag ihrer Peergroup beschreiben, in dem Madenkolonien unterm Bett wohnen, Sex ein qualvolles Chaos ist und der Drogenmix sowieso, fragen Theodor Shitstorm daher süffisant: „Fühlst du dich so wohl?“, und antworten: „Du sagst Rock’n’Roll.“ Falls sich Thirtysomethings darin wiedererkennen: kein Wunder! Hier singt das neue Sprachrohr dieser verwirrten Alterskohorte.

Theodor Shitstorm – Sie werden dich lieben (staatsakt)

Hallouminati

Wer Bouzouki hört, hat vermutlich entweder Volksmusik aus dem letzten Korfu-Urlaub oder – bei älteren Semestern – womöglich Cindy & Bert im Kopf, aber nichts, das auch nur im Entferntesten an Hallouminati erinnern dürfte. Die Band von Emilios Georgiou-Pavli mag das Saiteninstrument seiner griechischen Herkunft schließlich als Nuance ihres multikulturellen Orchesterfolks nutzen; insgesamt aber stecken schlicht zu viele Einflüsse im Sextett aus London, um es auf den attischen Sound zu reduzieren. Reggea und Ska sind darin ebenso fest verwurzelt wie Afro-Beat, Balkan-Brass und jede Menge Funk.

Besonders letzterem ist es dabei zu verdanken, dass die Mischung vor acht Jahren aus der Nische des Ethnopops in die Clubs der Metropole befördert und dort zum schweißtreibenden Geheimtipp wurde. Nun erscheint ihr erstes Album Tonight, Is Heavy!, und weder wirkt daran alles neu noch makellos; dafür ist – wie so oft im Partyrocksegment – die Männerstimme bei einem Frauenanteil von 16,6 Prozent ein bisschen zu testosteronhaltig. Dennoch schaffen es Hallouminati, die Dynamik ihrer Konzerte ohne Energieverlust auf Platte zu bringen. Live sind sie trotzdem besser. Nehmen wir Tonight, Is Heavy! als Teaser…

Hallouminati – Tonight, Is Heavy! (Batov Records)


Ali von Wangenheim: SPD-PR & Politiksprache

Wir sind immer im Kampfmodus

Ausgerechnet am Tag der Strafbeförderung von Verfassungsschutz-Chef Maaßen findet Albrecht von Wangenheim Zeit für ein Interview über seine Arbeit als Leiter der SPD-Pressestelle, in der er seit 18 Jahren arbeitet. Eine aufreibende, aber erbauliche Tätigkeit – sagt Ali, wie ihn im politischen Berlin alle nur nennen, im Gespräch mit dem Medienmagazin journalist, das freitagsmedien hier in voller Länge dokumentieren. Nach dem Interview musste der auffallend weißhaarige Kommunikationsprofi übrigens sofort ins Kanzleramt, um das bislang größte PR-Desaster der GroKo zu präsentieren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr von Wangenheim, stimmt es, dass sie im politischen Berlin nur „Der weiße Ali“ genannt werden?

Ali von Wangenheim: (lacht) Hab ich auch so gehört, aber ehrlich gesagt, nein. Die Rheinische Post hat mal einen Artikel veröffentlicht, in dem das behauptet wurde. Im politischen Berlin nennt mich eigentlich jeder nur Ali.

Macht so ein Spitzname den Pressesprecher, der sich berufsbedingt ja hinter dem Objekt seiner Vermittlungstätigkeit auflösen sollte, nicht zu einer etwas exponierten Person?

Grundsätzlich stimmt das. Wir stehen naturgemäß im Hintergrund. Und ich versuche es über diesen Spitznamen hinaus auch tunlichst zu vermeiden, allzu sehr in den Fokus zu geraten. In meiner Position ist es natürlich nicht immer vermeidbar, auch mal in die Kamera zu blicken, aber wir sind dafür da, die Politiker und ihre Inhalte nach vorne zu bringen, nicht die eigene Person.

Entspricht dieses Zurücknehmen Ihrer Mentalität oder fällt es Ihnen manchmal schwer, sich in die zweite Reihe zu stellen?

Nein, nein – ich bin so und arbeite gerne genauso dort, wo ich seit Jahren bin und arbeite.

Was kennzeichnet diese Arbeit im Berliner Politikbetrieb, was muss ein Pressesprecher mitbringen, um darin erfolgreich zu sein?

Weil er Hintergründe erklären, Vordergründe vermitteln, Informationen verbreiten muss, sollte er zunächst unbedingt Vertrauen bei Journalisten, also der Presse genießen. Wenn ihm nicht geglaubt wird, hat jeder Pressesprecher ein Problem. Und sich dieses Vertrauen zu erarbeiten, funktioniert am besten über Erfahrung, also die Zeit.

Vertrauensvorschüsse gibt es nicht?

Selten. Außerdem ist es sinnvoll, so gut mit Sprache umgehen zu können, dass man komplexe Sachverhalte in verständlichen Worten ausdrücken kann, ohne die Komplexität dahinter zu simplifizieren. Dazu gehört, auch wenn viele wie ich selbst das nicht so gern hören, eine gewisse Verkaufsmentalität. Und da ist es in der Parteienkommunikation weit mehr noch als in der Unternehmenskommunikation günstig, wenn man für das, worüber man spricht, wirklich brennt. Parteisprecher brauchen daher dringend politische Überzeugungen.

Hat sich an diesem Bedarf in den 18 Jahren, die Sie mittlerweile für die SPD-Pressestelle tätig sind, etwas geändert?

Formell nicht. Weil der Zeitungsmarkt jedoch langsam, aber stetig abstirbt, während die Vielfalt neuer Medien gleichzeitig zunimmt, erhöht sich das Tempo der Branche enorm. Und die massive Digitalisierung beschleunigt dadurch auch unsere Arbeit massiv.

Das wären die technischen Gründe der Veränderung. Wie ist es mit dramaturgischen, also inhaltlichen Vermittlungsmechanismen?

Die haben sich fast im Gleichschritt verändert. Quantitativ treten wir über die neuen Medien viel öfter direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern in Verbindung, ohne dass die alten Medien als Vermittlerinnen hintergründiger Inhalte wegfielen. Und qualitativ zeigt sich, dass wir den Journalisten klassischer Medien unsere Politik noch immer deutlich häufiger im Hintergrund, also weniger oberflächlich erklären. Gleichzeitig gleichen sie sich der Kürze sozialer Medien im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit zusehends an. Und das empfinde ich als ungemein problematisch. Viele Ihrer Kollegen können sich schon aus Zeitgründen intensivere Recherchen kaum noch erlauben und sind darauf angewiesen, Sachverhalte in immer kürzeren Sätzen nahezubringen. Das verändert definitiv nicht nur die Medienlandschaft, sondern auch unsere Sprache als Pressesprecher.

Heißt das, auch Sie haben Ihre Art, zu kommunizieren, angepasst?

Durch meine langjährige Erfahrung womöglich ein bisschen weniger als junge Kollegen. Man lernt es, knapper zu formulieren, kürzer, prägnanter als früher. Im Kern ist meine Arbeitsweise aber absolut vergleichbar mit der des Jahres 2000, als ich aus der Fraktion in die Presseabteilung gekommen bin.

Damals stellte die SPD den Bundeskanzler und lag bei rund 40 Prozent. Heute hat sich dieser Wert mehr als halbiert und die Kanzlerschaft scheint unerreichbar. Wie vermittelt man den schleichenden Niedergang als Parteisprecher glaubhaft, aber mit Würde?

Na ja, Erfolg ist nicht nur eine Frage der Personalien und Wahlergebnisse, sondern auch der inhaltlichen Durchsetzung. Und nüchtern betrachtet, geht das mit dem schleichende Niedergang ja nicht nur uns, sondern auch der anderen Volkspartei so. Zumal der Bedeutungsverlust der SPD keinesfalls erst nach 1998, geschweige denn nach 1989, sondern bereits Ende der Siebzigerjahre eingesetzt hat, als sie den Kuchen der Meinungsvielfalt zunächst mit der Umwelt- und Friedensbewegung, dann den Grünen und der FDP, später der Linken und den Piraten, zuletzt sogar mit der AfD teilen musste, an die auch wir Wähler verloren haben. Wir waren schlicht prädestiniert dafür, kleiner zu werden.

Aber nochmals die Frage: wie vermittelt man schlechte Nachrichten als Pressesprecher über die Medien ans Wahlvolk?

Indem wir die Komplexität der Politik in Abgrenzung zu den genannten Parteien, die die ihre auf einzelne Probleme und Sachverhalte zuspitzen, gut wahrnehmbar und verständlich machen. Wenn uns das gelingt, wahren wir Würde und Glaubhaftigkeit in einem. Nehmen wir mal den Kohleausstieg, der gerade nicht nur wegen der Räumung des Hambacher Forstes heftig diskutiert wird: Die Grünen dürfen es sich da relativ einfach machen, wenn sie schlicht den schnellen Ausstieg fordern. Wir hingegen müssen uns auch noch um gesellschaftliche Folgen wie Stromversorgung oder Arbeitsplätze kümmern. Politik, hab ich mal in einem schlauen Artikel gelesen, beginnt dort, wo es um Ausgleich geht. Alles andere ist Lobbyismus. Und weil ich kein Lobbyist, sondern Pressesprecher sein will, bin ich dafür zuständig, den Ausgleich der Interessen angemessen zu kommunizieren.

Was allerdings im Angesicht populistischer Verkürzungen der politischen Wirklichkeit zusehends schwieriger wird oder?

Absolut. Die Verkürzung politischer Botschaften auf einen Post bei Facebook oder erst 140, jetzt 280 Zeichen lange Tweets, lässt kaum noch inhaltlichen Raum, diesen Interessenausgleich in den sozialen Medien zu verankern. Daran müssen wir also arbeiten, das ist die Herausforderung des Populismus. Es macht unsere Arbeit aber auch so spannend.

Sind politisch wie gesellschaftlich zerrüttete Zeiten wie diese für Pressesprecher demnach bessere Zeiten als solche, in denen die Politik mehr so vor sich hin dümpelt?

Also ich habe in all den Jahren meiner Tätigkeit noch nie Zeiten erlebt, in denen das anders war oder die Politik sogar mehr so vor sich hin gedümpelt ist. Phasen völliger Langeweile, glauben Sie mir, habe ich nicht einen Monat, ja nicht mal eine Woche am Stück erlebt.

Wissen Sie denn von Ihren Vorgängern, ob es mal ruhigere Zeiten gegeben hat?

Nein, das ist eine Illusion. Entscheidend ist aber ohnehin, dass man die innere Ruhe behält, um die verschiedenen Phasen der Unruhe im jeweiligen Kontext zu bewältigen.

Würden Sie den Job nochmal machen?

Jederzeit! Ich bin ein begeisterter Pressesprecher!

Woher rührt diese Begeisterung?

Ich habe bereits während meines Volkswirtschaftsstudiums für die SPD-Fraktion gearbeitet und wollte schon damals Journalist werden oder wie man es später ausdrückte: Irgendwas mit Medien machen. Weil ich einfach Spaß habe, mit Menschen und Sprache zu arbeiten, führte das dann irgendwie fast zwangsläufig in die Pressestelle der SPD. So habe ich gelernt, beide Seiten der Berichterstattung zu verstehen und eine Art vertrauensvoller Zusammenarbeit aufzubauen, von der alle etwas haben, obwohl man ja eigentlich auf verschiedenen Seiten steht.

Das klingt, als empfänden Sie sich eher als Mediator denn Interessenvertreter?

Da ist was dran. Ohne unseren Job zu überhöhen, empfinde ich mich wie Journalisten als integraler Teil der Medienlandschaft.

Allerdings ohne die gebotene Neutralität und Objektivität journalistischer Berichterstattung…

Da ich am Ende des Tages die Interessen meines Arbeitgebers vertreten muss und will, würde ich mich nie objektiv, gar neutral nennen. Andererseits kann ich mich gut genug in Journalisten hineinversetzen, um auch deren Interessen gegenüber meinem Arbeitgeber zu vermitteln. Insofern ist mir eher der Ausgleich zwischen beiden Anliegen durchaus wichtig, und das ist in der Branche, glaube ich, auch bekannt.

Und führt abgesehen vom „weißen Ali“ zu der verbreiteten Einschätzung, sie seien korrekt, verbindlich, gut vernetzt. Sehen Sie das ähnlich?

Letzteres bei aller Bescheidenheit auf jeden Fall, die anderen zwei Adjektive sollen lieber andere bewerten.

Sind „korrekt, verbindlich, gut vernetzt“ denn Grundvoraussetzungen, um diesen Beruf glaub- und gewissenhaft ausführen zu können?

Da gibt es ziemlich unterschiedliche Auffassungen vom Pressesprecher. In der Politik jedenfalls ist das Vertrauen noch wichtiger als in der Unternehmenskommunikation – wo ich auch deshalb nie tätig war. Da ist der Verkaufsaspekt höher, es geht ehrlicherweise um Reklame. Letztlich betreibe auch ich die für meinen Arbeitgeber. Würde ich aber zusätzlich nicht auch vieles erklären, fiele sowohl die Glaub- als auch die Gewissenhaftigkeit schwer. Trotzdem wünschte ich mir manchmal, ich würde den Aspekt des Verkaufens ein wenig besser beherrschen.

Welche Voraussetzungen braucht ein Pressesprecher sonst noch – Belastbarkeit?

Unbedingt, sowohl psychisch als auch physisch. Und das hat sich in den vergangenen Jahren, seit ich die Pressestelle leite, nochmals erhöht.

Sollte das Ego dafür eher groß oder klein sein?

Ich weiß, dass der eine oder die andere in meiner Branche mit einem durchaus großen Ego ausgestattet, aber bei mir spielt es eher eine untergeordnete Rolle. Den Kameras muss ich persönlich jedenfalls nicht unbedingt stellen.

Sie steht es mit Prinzipientreue?

Ja. Aber nur möglichst wenige Prinzipien, die man dafür umso treuer verfolgt.

Und Nibelungentreue?

So verschieden die Persönlichkeiten sind, für die ich gearbeitet habe, hatte ich stets das Glück, es mit viel Spaß und Überzeugung zu tun. Es gibt daher nicht einen einzigen Fall, in dem ich froh gewesen wäre, nicht mehr für sie tätig zu sein. Im Gegenteil. Die Vertrauensverhältnisse waren stets so gut, dass es zwar theoretisch in Richtung einer Art Nibelungentreue hätte gehen können. Ich bin allerdings nie in die Situation gekommen, das austesten zu müssen.

Ist Ihr Ethos, die eigene Sicht der Dinge jemals so mit denen der Partei kollidiert, dass es zu einem inneren, gar äußeren Zerwürfnis kam?

Nein, solch ein Zerwürfnis hatte ich eigentlich nie, also insofern, als ich etwas entgegen meiner eigenen Überzeugung vertreten musste. In Kleinigkeiten bin ich längst nicht immer einverstanden mit dem, was meine Partei oder die Fraktion macht. Aber alles war und ist nach meinem Dafürhalten bislang irgendwie erklärbar. Und sobald es das ist, kann ich es in meiner Funktion nicht rundweg ablehnen. Am Ende zählen auch für mich die besseren Argumente.

Sie sind jetzt auf dem Sprung zur Pressekonferenz, auf der die Zukunft von Hans-Georg Maaßen verkündet wird, dessen Absetzung als Verfassungsschutzchef die SPD gefordert hat. Schalten Sie angesichts dieses Erfolgs bei zwei Prozent Zuwachs der vorigen Sonntagsfrage in einen höheren Kampfmodus?

Wir sind eigentlich immer im Kampfmodus, aber sein Umfang entscheidet sich selten an Einzelereignissen; dafür sind unsere Aufgaben als Pressestelle zu vielschichtig und die Wahlumfragen zu variabel.

Haben Sie sich angesichts dieser dauernden Habachtstellung je gewünscht, dass Politik insbesondere für eine Partei wie die SPD bisweilen ein wenig langweiliger wäre?

Oh ja, ganz häufig! Unter der permanenten Anspannung bei stetig wachsender Geschwindigkeit kommunikativer Prozesse leidet nämlich definitiv das ruhige Nachdenken. Diese Zeit zur besonnenen Ausführlichkeit fehlt mir verglichen mit früher enorm. Wann lese ich schon mal die Seite 3 einer Tageszeitung? Aber das betrifft ja nicht nur den Beruf des Pressesprechers, sondern die Gesellschaft im Ganzen und die Politik im Besonderen.

Sie sagten eingangs, kein Lobbyist zu sein.

Ganz genau.

Weil Interessenvertretung dennoch gern über einen Kamm geschoren wird – hatten Sie je das Gefühl, ihr Beruf würde gesellschaftlich zu wenig anerkannt?

Nein, nie. Eben weil ich kein Lobbyist bin, sondern Sprecher einer Partei, zu der ich vollumfänglich stehen kann.


Chris Imler, Dissy, Peluché

Chris Imler

Wenn sich Schlagzeuger aus dem Hintergrund an die Bühnenkante wagen, fragt sich ja jedesmal, ob sie den Vordergrund eigentlich immer gesucht hatten, aber nicht hin durften, weil er halt besetzt war. Phil Collins ist da das berühmteste Beispiel, hat allerdings auch an den Drums schon gesungen. Dave Grohl ist das bessere Beispiel, muss aber auch bei den Foo Fighters eher schreiben. Bliebe noch Chris Imler, bei der Electropunkband Die Türen für den Takt verantwortlich und dort so unsichtbar, dass sein Solo-Ausflug Nervös vor vier Jahren viele schlicht umgehauen hat. Jetzt erscheint der Nachfolger dieses erstaunlichen Debüts und ist ernsthaft: umwerfend!

Auf Maschinen und Tiere macht der Berliner aus Augsburg abermals einen elektroalternativen Diskurs-Trash von nervenzerreißender Spannung, aber mehr noch als im Jahr vor der Flüchtlingskrise genannten Populismuskrise klingt er wie das Hintergrundrauschen einer disruptiven Gesellschaft auf der Suche nach Brücken über Gräben, die zertrümmert im Flussbett liegen. Das digitale Raunen und Grunzen und Fiepsen und Grummeln ist ganz ohne explizit politische Phrasen von so eindringlicher Aussagekraft, dass man überlegen sollte, AfD-Parteitage und Pegida-Demos fortan mit genau diesem Album in 120dB zu (zer)stören. Kein Album für den gemütlichen Sonntagskuchen, aber eines mit der Kraft, Gemüter aufzuwühlen.

Chris Imler – Maschinen und Tiere (staatsakt)

Dissy

Eine Jugend in Erfurt ist offenbar auch kein richtiges Zuckerschlecken. Die mittelgroße Stadt ist vielleicht nicht als Thüringer Chemnitz bekannt. Aber wenn Till Krücken in Rave On rappt, „seit der Pupertät befind ich mich im freien Fall / und feier‘ auf dem Parkplatz denn ich kam in die Disco nicht rein / mein inneres Kind ist verstoßen und im Heim / hier gibt’s Wodka und‘n Teil, um es wieder zu befreien“, dann klingt sein Debütalbum trotz fiebriger Beats nicht nach Clubkultur, sondern Bushaltestelle. Und genau da hat Dissy, wie er sich nennt, einen Hip-Hop kreiert, dessen Texte im Nebel düsterer Bässe und Drones dauernd nach provinzieller Ödnis klingen.

Langeweile reimt sich da schnell mal Steine oder Wald auf geil, und auch sonst rotzt Playlist 1 der Heimat von Catterfeld bis Clueso zehn Extraladungen Straßendreck ins Gesicht. Dass letzterer trotzdem zwei Tracks sein süßliches Gesangstimbre leiht, spricht allerdings dafür, wie gut man im Hinterland zusammenhält. Und wenn er in Die Welt Ist Bîse „Baby, ich glaube an das Glück“ beteuert, entdeckt Dissy selbst im kulturellen Nirwana Nischen der Selbstbehauptung. Ohne Hoffnungsschimmer ist die Provinz eben nicht nur öde, sondern schnell auch mal stockfinster.

Dissy – Playlist 1 (Corn Dawg Records)

Peluché

Welch emotionale Kraft Musik hat, zeigt sich am eindrücklichsten, wenn die Instrumente unserer Stimme besonders nah kommen. Das Plattendebüt des englischen Indiepoptrios Peluché etwa wird gleich zu Beginn von Saxofon-Fetzen zersägt, als seien es Hilfeschreie im EBM-Club. Nur ein Stück später erwecken Hi-Hat und Klarinette den Eindruck, jemand bitte zaghaft um Struktur im jazzigen Wirrwarr von Scared After All (Touch My Body). Bass und Gitarre hecheln anschließend wie Schnappatmung dem karibischen To Be A Bird hinterher. Und bei all der redseligen Gerätschaft ist vom ergreifenden, vielfach sirenenhaften Gesang der drei Londonerinnen noch gar nicht die Rede.

Auf Unforgettable zelebrieren Rhapsody Gonzales, Amy Maskell und Sophie Lowe einen orchestral aufgebrezelten Trip-Hop, dessen Bestandteile fortwährend miteinander kommunizieren. Meist klingt das dann, als wäre ihr Album kein Studioprodukt, sondern eine Art eskalierender Dinnerparty, auf der analoge Percussion mit digitalen Loops spricht und der Synthesizer gelegentlich ein wisperndes Piano über funkige Grooves tropfen lässt. Selten zuvor war derart rätselhafter Pop so mitteilsam und hörenswert.

Peluché – Unforgettable (One Little Indian)

 


Agar Agar, alt-j, Cher

Agar Agar

Wer in der elektronischen Musik nostalgisch klingen will und zugleich modern, ist gut beraten, sich entsprechendes Equipment zu besorgen. Weder zu analog noch zu digital – da schlägt dann unweigerlich die Stunde gebrauchter Synthesizer der Marke Korg oder Yamaha, monophone Keyboards, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre ebenso futuristisch klangen wie die legendäre Drummachine Roland TR-606 noch heute irgendwie unverwüstlich. Mit alldem und etwas Effektgerät jüngeren Datums hat sich das Duo Agar Agar nun an die französische Atlantikküste verzogen, um ein Album einzuspielen.

Dass es bei aller Vergangenheit nicht gestrig klingt, liegt auch am Instrumentarium. Vor allem aber liegt es an den Pariser Kunststudenten Armand und Clara, beide Mitte 20, die daraus ein wunderbares Plattendebüt gemacht haben. The Dog & The Future vereinigt zehn synthetische Tracks mit Claras melancholischem, amerikanisch vokalisiertem Gesang zu etwas, das in den Neunzigern mal ungemein dringlich klang und offenbar nur Pause gemacht hat: Ein jeanmicheljarriger Elektropop, den etwas Trashpop von Le Tigre bis Ms John Soda zum radiotauglichen Konzentrat einer Art Warp-Philosophie erhebt: experimentell, eingängig, elegant, wavig und schön, aber nicht gefällig.

Agar Agar – The Dog & The Future (Cracki Records)

 

alt-j

Das Mysterium der erstaunlich populären Indiefolk-Band alt-j kreist bekanntlich auch um den Namen. Als die Sprache vor elf Jahren noch am Anfang ihrer grundlegenden Überarbeitung zu Kürzeln, Codes, Symbolen stand, benannte sich das Quartett nach Apples Tastenkombination fürs griechische „Delta“, in der Wissenschaft ein Platzhalter für Differenz. Das vierte Album der Band aus Leeds dreht dieses Namensspiel nun gewissermaßen um. Eher mehr als weniger verschiedene Kollegen wie der Hardrap-Wizzard Danny Brown, Jimi Charles Moodey aus dem leichteren Pop-Fach, Synth-Bastler wie Twin Shadow, ja sogar ein Kontra K aus Deutschland erweisen alt-J ihre Referenz.

Gemeinsam machen sie aus deren dritter Platte Relaxer das Tributalbum Reduxer, auf dem Differenz als Gemeinsamkeit gefeiert wird und umgekehrt. Fast nichts erinnert darauf ans Original, fast alles verströmt den verlockenden Duft der Grenzüberschreitung. Das ist so variabel und spannend, dass selbst Puristen dürften darauf eher Herausforderungen als Gräben erkennen, also keinen Affront, sondern – trotz heftiger Entstellungen und einiger Autotune-Frechheiten – nur Experimente zur gegenseitigen Horizonterweiterung.

alt-j – Reduxer (Infectious Music)

Hype der Woche

Cher

Liebe Cherilyn Sarkisian, es ist natürlich nicht verboten, auch mit 72 noch seiner beruflichen Leidenschaft nachzugehen – selbst und besonders dann, wenn es die Musik ist. Fünf Jahrzehnte Popbiz sorgen schließlich für genug Erfahrung, ja Weisheit, um abschätzen zu können, was man der Welt noch zu geben hat und was nicht. Warum aber, bitteschön, nutzt die alterslos modellierte Cher nichts davon, um im Spätherbst ihrer Karriere resümierend süffisant aufs eigene Werk zu blicken, sondern macht ein Tribut-Album mit Liedern von Abba. Abba? Abba! Und nicht nur das: Dancing Queen trällert ausnahmslos Superhits nach und zwar so inspirationsfrei berechnend, dass man ihr doch ein warmes Plätzchen im Seniorenstift wünscht. Nicht eine Idee, kein Funke, statt Eigensinn nur Ödnis. Wenn jetzt nicht ganz schnell ein Chanson- oder Jazzalbum kommt, kann das nur heißen: Tschö Cher, war nett mit dir, aber jetzt wird’s peinlich.


Albrecht Schuch: Uwe M. & Kruso

In der Natur werde ich ruhig

In der atmosphärischen Roman-Verfilmung Kruso um eine Schar Freigeister auf Hiddensee, die Republikflüchtlinge zum Bleiben in der DDR ermutigen, spielt Albrecht Schuch heute Abend (20.15 Uhr) im Ersten die Titelfigur – und zeigt damit zum zweiten Mal in nur drei Tagen, warum er zum Besten zählt, was das deutsche Schauspiel derzeit im Angebot hat. Ein Gespräch über Heimat, Lyrik, Rückzugsorte und warum seine Figuren oft irre lachen.

Von Jan Freitag

Herr Schuch, Sie laufen innerhalb von drei Tagen zweimal zur besten Sendezeit im Fernsehen.

Albrecht Schuch: Der Polizist und das Mädchen, Dienstag vor Kruso, stimmt.

Liegt Ihnen einer der beiden mehr am Herzen?

Ich mag beide sehr, aber das Poetische an Kruso ist schon was Besonderes.

Sind Sie ein lyrischer Typ?

Wenn es bedeutet, länger über Gedanken zu sprechen und mehr auszudrücken als nötig, absolut. Ich habe spät, erst mit elf oder so angefangen mich mit Büchern zu beschäftigen und bin bis jetzt keine Leseratte, die 15 Romane im Jahr verschlingt. Aber mein zweites Buch war von Hermann Hesse; seine ausschweifende Art zu formulieren hat mich ungemein geprägt; ich schweife ja auch unglaublich aus.

Kannten Sie die Literatur-Vorlage von Kruso?

Nein. Und als ich sie gelesen habe, brauchte ich auch etwas, um reinzukommen. Aber dann bekam die Lektüre sowas Wogendes, als stünde man auf einem Schiff. Das hat fast körperliche Empfindungen bei mir ausgelöst.

Setzt der Film das bildlich um?

Ich wünsche mir bei Buchvorlagen zwar oft, sie nicht zu kennen – aber ja, unbedingt. Unter anderem, weil man den Film nicht konsumiert, sondern auf sich wirken lässt. Weil er keine Antworten gibt, sondern Fragen aufwirft. Weil er sinnlich ist, ohne berechnend zu sein. Um das einzufangen, haben wir auch nicht auf Hiddensee gedreht; mittlerweile zu verbaut. Sondern in Litauen. Kurische Nehrung. Wild, schön, Wahnsinn! Das sah da noch aus wie vor 30 Jahren und das Wetter hat fünfmal am Tag gewechselt… Ich versuche mich stets mit dem Drehort innerlich zu verbinden, das hat da wunderbar geklappt.

Mit welchen Mitteln?

Indem ich mir zum Beispiel ein uraltes Klapprad aus Sowjet-Zeiten gekauft habe und durch die Gegend gefahren bin, um die Menschen zu erleben. So hätte Kruso das auch gemacht. Er ist da zwar noch drei Stufen weiter, aber wir beide sind sehr sensitive Menschen, die eingreifen, wenn irgendwo Gefühle offen liegen. Und am Set lagen fast alle offen. Wir haben eigentlich alle ständig geheult (lacht).

Weil Sie sich so nahe waren?

Auch das. Die meisten Darsteller kannte ich noch vom Gorki-Theater, wo Anja Schneider mal selbst den Kruso gespielt. Das waren Jugendidole, die mich trotzdem nie spüren ließen, wie viel erfahrener sie sind. Dieses Familienfest merkt man dem Film glaube ich an.

Besonders wird er allerdings durch etwas anderes.

Was denn?

Er erzählt die DDR nach all den Flucht-, Rettungs- und Wendegeschichten erstmals als Verlust, dem nachzutrauern nicht nostalgisch, sondern menschlich ist.

Definitiv! Und das hat mich, nicht nur weil ich selber aus dem Osten komme, von Anfang an so fasziniert. In dieser Heimatliebe steckt ja etwas Universelles: Warum wollen wir stets weg von dem, was wir haben, und was erhoffen wir uns, woanders zu finden, das es nicht dort, wo wir sind, bereits gibt? Das hat natürlich was Räucherstäbchenumnebeltes, ist im Kern aber die Frage aller Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Macht das den Film im besseren Sinne zum Heimatfilm?

Kruso würde das mit einem Fragezeichen versehen: Wo ist Heimat?

Und?

In dir selbst. Das gilt für Kruso, der alle, alles verloren hat, diese Leerstellen ohne Wurzeln und Familie aber durch die Nähe zu Menschen seines Vertrauens zu füllen versucht. Das gilt für uns alle, mich eingeschlossen. Auch mein Heimatbegriff ist ja nicht mit einem Stück Land oder Erde verbunden, solang man sich dort nicht mit seinen Liebsten trifft, um es mit ihnen zu teilen. Ansonsten lenkt es nur davon ab, was uns wirklich wichtig ist.

Und dafür ist ja der „Klausner“, dieser selbstverwaltete, abgewrackte, liebevoll erhaltene Gasthof ein Synonym.

Genau.

Haben Sie auch so einen Ort außerhalb der eigenen Wohnung?

Berge. Ich lebe zwar die Hälfte meiner Zeit in der Stadt, aber Natur im Allgemeinen ist mein wichtigster Rückzugsort. Ich habe von Punk bis Skater alle Modeerscheinungen der Großstadt ausprobiert, aber sobald ich zurück auf dem Land war, fiel mir auf, wie wenig Substanz alles Äußere hat. In der Natur werde ich ganz ruhig.

Das steht im Gegensatz zu Rollen von Neue Vahr Süd über NSU-Komplex bis Bad Banks und Gladbeck, in denen Sie etwas Unruhiges, Fiebriges ausstrahlen, oft ausgedrückt durch so ein unkontrolliertes Lachen.

Die Wahrnehmung höre ich zum ersten Mal, ist aber hochinteressant; schön, das mal gespiegelt zu kriegen. Abgesehen vom Reporter in Gladbeck hab ich das bislang nämlich nie bewusst eingesetzt. Ich mag allerdings die Nähe von Melancholie und Wahnsinn, vielleicht findet das darin unterbewusst seinen Ausdruck, vielleicht ist das auch die Verbindung meiner Rollen zu mir, die ich stets suche. Nach meiner Rolle im NSU-Komplex brauchte ich daher ein Jahr, um mich von meiner Rolle zu reinigen.

Angeblich musste das der gesamte Cast, nachdem er vorher beim Drehen Sieg Heil brüllend durch die Straßen gezogen ist.

Genau, da brauchten wir alle erstmal ‘ne Seelendusche, das hat auch mit Selbstschutz zu tun – zumal die Glatzen ja fast ausschließlich von Antifas aus der Umgebung gespielt wurden. Da haben wir abends am Lagerfeuer erstmal alle zusammen „Nazis raus!“gebrüllt, krieg ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Umso verständlicher ist es, dass meine Begeisterung offenbar manchmal manisch wirkt. Darüber denke ich mal nach.


Unterhaltungsgipfel & Albrecht Schuch

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. September

Was war das für ein Starrummel beim selbsternannten ARD-Unterhaltungsgipfel am Hamburger Fischmarkt: Jörg Pilawa und Guido Cantz, Kai Pflaume und Eckart von Hirschhausen, Bernd Hoecker, Florian Silbereisen, ja selbst Elton ohne Nachnamen hatten sich im schicken Backstein-Loft mit Elbblick versammelt, um die heilige Kraft der öffentlich-rechtlichen Primetime mit Selbstbeweihräucherungen wie jener zu beschwören, dass es im Ersten und nur dort wirklich um den Menschen und ihre Wohlergehen gehe, nicht Rendite (oder gar Quoten, Gott bewahre!). Welch Manpower des humanistischen Entertainments. Und zwar buchstäblich.

Denn irgendwie hatte das Erste doch glatt vergessen, abgesehen von der Moderatorin Barbara Schöneberger auch ein paar unterhaltsame Frauen im Metier einzuladen. Okay, Caroline Kebekus stöckelte als komödiantisches Feigenblatt wie immer halsbrecherisch hochbehackt durch die geladenen Pressevertreter und Sendergranden. Und Mareile Höppner saß auch kurz auf dem Podium, ohne allerdings selbst so genau zu wissen, warum. Denn TV-Show ist bei ARZDF ebenso wie in RTLSat1Pro7 und überhaupt nahezu jedem publikumswirksamen Kanal der Galaxis eine reine Männerveranstaltung.

Die zog sich nach der PR-Sause übrigens ins unweit gelegene Ultraluxushotel Fontenay, zurück, wofür dessen Besitzer Klaus-Michael Kühne vom Ersten den Rundfunkbeitrag einiger Tausend Gebührenzahler eingestrichen haben dürfte – was angesichts der 33 Milliarden Euro, die das Kabelnetz Comcast für Sky bezahlt, allerdings fast schon erschwinglich klingt. Wobei sich zeigt, dass Anbieter jenseits der linearen Verbreitungswege langsam auch genauso viel wert sind. Davon zeugen die Emmy Awards 2018, bei denen Streaming- und Pay-TV-Dienste 23 Mal siegreich waren. Ganz vorn: die Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Meisel und wie immer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen: Game of Thrones. Nicht unter den Preisträgern dagegen: Ernie & Bert, was hoffentlich rein gar nichts mit der Erkenntnis zu tun hat, sie seien, wie man heute so schön sagt, sexuell flexibel!

Die Frischwoche

24. – 30. September

Wir outen uns demgegenüber als feuilletonistisch flexibel und erweisen einer Serie die Absolution als sehenswert, von der es niemand mit Geschmack wohl erwartet hätte: SOKO. Genau 40 Jahre nach der Münchner Premiere erweist sich das elfte Team in Potsdam ab heute um 18 Uhr nämlich anspruchsvoll wie sämtliche zehn vorherigen zusammen. Im Auftaktfall Saubere Geschäfte um einen Mord im Muskeldoping-Milieu zeigen Caroline Erikson und Katrin Jaehne als Kommissarinnen Luna Kunath und Sophie Pohlmann schließlich eine unterhaltsame Glaubwürdigkeit, die nicht nur am Vorabend rar ist.

Der Hauptabend dagegen steht dieser Tage voll im Zeichen von Albrecht Schuch. Zunächst spielt er heute Abend in Rainer Kaufmanns ZDF-Drama Der Polizist und das Mädchen die Hauptfigur, der seinen Job als Dorfpolizist dafür nutzt, einen selbstverschuldeten Unfall zu vertuschen. Schuch, der zuletzt als Gladbeck-Fotograf und NSU-Mörder brilliert hatte, überzeugt darin ebenso wie zwei Tage später als Titelfigur des ARD-Mittwochsfilms Kruso. In der Adaption von Lutz Seilers gleichnamigem Bestseller verkörpert der ostdeutsche Schauspieler einen Lebenskünstler auf Hiddensee, der Republikflüchtlinge davon überzeugen will, die DDR von innen heraus zu bekämpfen.

Es ist ein poetischer Film, sehr sperrig, äußerst bildgewaltig und trotz einiger Längen zutiefst unterhaltsam. Das hat er mit der dänischen Serie Ride upon the Storm ab Donnerstag auf Arte gemeinsam. Zehn Teile lang durchlebt Lars Mikkelsen als Pastor Johannes darin ein Familiendrama, das religiöse Prinzipien brillant mit gesellschaftlichem Alltag verknüpft. Ebenso heiß erwartet wurde die futuristische Fantasy-Serie Counterpart (ab Freitag, Amazon Prime). Stilistisch wie dramaturgisch nahe an Dystopien wie Matrix, spielt J.K. Simmons darin einen kleinen US-Angestellten, der eine Paralleldimension entdeckt, in der die Menschheit von der furchtbaren Realität abgelenkt werden. Das alles ist von der Relevanz her aber natürlich gar nichts gegen das, was der ARD ab Sonntag blüht.

Durch die Zweitausstrahlung der Zwischenkriegsserie Babylon Berlin nämlich steigt der öffentlich-rechtliche Sender in die Weltliga herausragender Serien auf und verdrängt dafür sogar den „Tatort“ vom angestammten Sendeplatz. Zum Ausgleich bleiben die Wiederholungen der Woche diesmal auf einen älteren der Extraklasse beschränkt. Mit Lars Eidinger als Stalker der perfidesten Art zählt Borowski und der stille Gast (Montag, 21.30 Uhr, HR) von 2012 zu den herausragenden Fällen seit Bestehen der Krimi-Reihe.