Breitbeinigkeit & Beischläfer

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Mai

Mia san mia. Dieser Spruch bayerischer Breitbeinigkeit gilt seit jeher nicht nur in Bierzelten und Fußballclubs, sondern auch im Fernsehen. Schon als es um NS-kritisches Fernsehen wie Holocaust, religionskritische Justiz wie im Kruzifix-Urteil oder einfach grundlegend kritischen Humor wie beim Scheibenwischer ging, hat sich der BR aus dem ARD-Programm geklinkt. Und nun bitte dreimal raten, welcher Landessender ausschert, wenn die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von Sachsen-Anhalt aus gemeinsam mit ZDF und Deutschlandradio ein digitales Kulturangebot bündelt?

Genau! Genau! Genau!

Vordergründig geht es BR-Intendant Ulrich Wilhelm zwar um irgendwas mit Gebühren. Darunter jedoch steckt fraglos ein gottgewollter Erhabenheitsgestus, der bayerische Medienpolitik seit jeher prägt. Mit dem im Rückgrat endet Loyalität halt gern am eigenen Testosteronspiegel. Der war offenbar auch bei Kevin Meyer gefährlich hoch, als Disneys mächtiger Streaming-Chef parallel verkünden ließ, er werde künftig die chinesische Plattform TikTok leite und gleichzeitig das operative Geschäft des Mutterkonzerns Bytedance.

Vom größten Unterhaltungskonzern freiwillig zum dubiosesten Netzplayer – da muss der Amerikaner aber mal ernstlich in seiner Männlichkeit angekratzt worden sein, Bob Iger doch nicht wie erwartet an der Disney-Spitze zu folgen. Apropos dubiose Unternehmen: der Amazon-Kanal Prime hat am Montag überraschend Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen ohne Zusatzkosten von Eurosport übernommen. Klingt banal. Ist es auch. Aber banal mit Folgen fürs Gefüge im künftigen Rechtepoker um Live-Lizenzen.

Die Frischwoche

25. – 31. Mai

Bis dahin darf Amazon mit Sky die englische Geisterspielwoche zeigen, was für den profitfreudigen Versandhändler neueres Neuland ist als Fernsehen. Wie man das vermasseln kann, zeigt er allerdings Freitag in Der Beischläfer. Das Komödienstadl um den bayerischen Autoschrauber Charlie (Markus Stoll), der als Schöffe ans Amtsgericht der süßen Richterin Julia (Lisa Bitter) berufen wird, ist in seiner verschwörungstheoretischen Justizverachtung so blöde, dass selbst der absurde Weltraum-Roadtrip Vagrant Queen tags zuvor auf SYFY oder die intergalaktische Netflix-Sitcom Space Force ab Mittwoch realistischer wirken.

Ein wenig mehr Realismus hätte auch die Joyn-Serie Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers vertragen. Kostja Ullmann gibt sich zwar ersichtlich Mühe, sechs Taxitouren unterschiedlicher Passagiere durch Hamburg mit authentischer Empathie zu füttern. Das Ausbeutungssystem Uber kommt dabei jedoch nicht mal am Rande zur Sprache. Aber gut – wer reine Sachlichkeit erwartet, sollte vielleicht Dokumentationen wie Rabiat (heute, 22.45 Uhr, ARD) über die bizarre Welt des Rechtsrocks sehen oder den zweiteiligen Blick 1968 auf Die globale Revolte, morgen um 21.45 Uhr auf Arte, sehen.

Trotzdem dürfen Fiktionen mit Wirklichkeitsbezug schon auch mal so wahrhaftig sein wie der Mittwochsfilm Das freiwillige Jahr mit dem großartigen Sebastian Rudolph als Vater einer Tochter, die ihre Provinz partout nicht zur Verwirklichung seiner geplatzten Träume verlassen will. Und auch Staffel 1 des italienisch-britischen Finanzkrisenthrillers Devils mit Patrick Dempsey als Strippenzieher darf ab Donnerstag auf Sky beanspruchen, die Wirklichkeit ebenso zum Maßstab zu nehmen wie der deutsch-schwedische Wirtschaftskrimi Hidden Agenda, dessen acht Teile Neo Freitag um 22 Uhr am Stück zeigt.

Noch was? Ach ja: die Bitte, Oliver Pochers eitler RTL-Late Night Gefährlich ehrlich noch weniger Beachtung zu schenken als Balls – für Geld mache ich alles, inmer Dienstag nach Joko & Klaas. Lieber Wiederholungen der Woche zu sehen. Etwa Michael Hanekes Meisterwerk Das weiße Band übers bigotte Deutschland vorm 1. Weltkrieg von 2009 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), um 0.25 Uhr gefolgt vom Schwarzweißklassiker Dieb von Bagdad, der 1924 den unbekannten Douglas Fairbanks zum Weltstar machte. Und der Tatort-Tipp: Das letzte Rennen, Frankfurter Perle mit Sawatzki/Schüttauf von 2006 aus dem Marathonmilieu.


Ferge X Fisherman, Love-Songs, K.v.Schleicher

Ferge X Fisherman

Rap-Jazz ist weder neu noch speziell, geschweige denn ungewöhnlich. Schon, als HipHop noch recht jung war, haben ihn Künstler von Gang Star über The Jungle Brothers bis hin zum Küchenkollektiv Jazzmatazz in die Ursuppe des Urban Pop gemischt, was einer wie Anderson .Paak gerade massentauglich nachwürzt. Ferge X Fisherman wäre demnach nur eine Schaumkrone der Welle, die schon lange geritten wird – käme das Duett nicht aus Nürnberg und würde dennoch Fusionjazz von Weltruf machen.

Produzent Luka (Ferge) und Rapper Kolja (Fisherman) sind ja nicht nur Virtuosen ihres Fachs, sie haben sich mit den Lakesideboys eine Liveband organisiert, dank deren musikstudierter Hilfe das Debütalbum Blinded by the Neon zu einer Perle des antiquierten Sounds für intellektuelle Hipster wird. Allein schon ein Stück wie Anna Nicole, das die schwülstige Clubeleganz mit Psychogitarren unterwandert, zeigt was HipHop aus dem Jazz kitzeln kann und umgekehrt.

Ferge X Fisherman – Blinded by the Neon (Eigenlabel)

Love-Songs

Weniger distinguiert und doch von großer Filigraneität, dabei national gesehen aus einer Metropole, im globalen Kontext aber doch Provinzgewächse, versucht sich das Hamburger Trio Love-Songs seit acht Jahren auf dem schwierigen Feld electroakustischer Beats und hat es dabei allenfalls zu lokaler Bekanntheit gebracht. Und nach ein paar EPs dürfte auch das Debütalbum diesen Dunstkreis kaum nennenswert erweitern, dafür ist ihr Sound schlicht zu hintergründig.

Dennoch ist Nicht Nicht ein Stück weit die Antithese des eigenen, nihilistischen Titels. Ihr flächiger Mix aus Electro, Percussion und Bass wirkt schließlich wie eine Art achäologischer Struktursuche, bei der Thomas Korf, Sebastian Kokus und Manuel Chittka tief im Boden des Pop wühlen und von Field Recordings über Improvisationen bis hin zu dadaistischen Vocals dauerhaft fündig werden. Es kostet auch beim Zuhören Mühe, in dieses Gespinst der Töne vorzudringen. Aber sie lohnt sich.

Love Songs – Nicht Nicht (Bureau B)

Hype der Woche

Katie von Schleicher

Wer Kate Bush zu verstiegen findet, sich jedoch gelegentlich gern in popferne Sphären träumt, wer Tori Amos zu esoterisch findet, ab und zu aber ein Bedürfnis nach bodenständiger Entrückung verspürt, wem (weiblicher) Folkpop also entweder zu verkopft oder gefühlig ist, manchmal aber auch von beidem unterversorgt, der/dem bietet bietet eine Songwriterin aus Brooklyn seit Jahren Stoff zur Versöhnung beider Pole: Katie von Schleicher. Ihr sedierter Gitarrenrock vollführt das Kunststück, abwesend und raumgreifend in einem zu sein. Auch das fünfte Album Consummation (Full Time Hobby) klingt demnach wie ein Kellerkind mit Platzangst, mittig zwischen Fern- und Heimweh, was jedes ihrer selbstgespielten Instrumente gleichermaßen opulent und schüchtern umschmeichelt. KvS liefert also nicht weniger als die Quintessenz urbanen Pops, nur eben im Feenwald aufgenommen.


Michael Mittermeier: Pointen & Wuchtln

Humor ist immer gleich wichtig

Dank seiner Gabe, Stand-up mit Kabarett zu versöhnen, ist Michael Mittermeier ein Lichtblick im trüben Comedy-Teich. Bei 3sat läuft nun sein Solo-Programm Lucky Punch. Ein Telefonat mit dem 54-Jährigen über Lachen in der Krise, miese Corona-Witze, den Charme der Wuchtl und was er von seiner Tochter gerade fürs Leben lernt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Michael Mittermeier, zu Beginn Ihres Bühnenprogramms Lucky Punch, das noch vor der Corona-Krise aufgezeichnet wurde, sagen Sie heute Abend auf 3sat, wir müssten uns in dieser Zeit einfach unseren Humor bewahren.

Michael Mittermeier: Und er stimmt auch heute, denn Humor ist immer gleich wichtig.

Aber ist er in einer globalen, alles umfassenden, unkalkulierbaren Krise wie dieser jetzt womöglich noch ein bisschen wichtiger als zuvor?

Es mag sein, dass er in weniger krisenhaften Situationen leichter fällt. Aber als ich vor zehn Jahren in Burma einen Komiker besuchen wollte, der dort im Gefängnis saß, befand ich mich zum einzigen Mal in meinem Leben wirklich in Gefahr und wusste ihn besonders zu schätzen, als wir dort von Bewaffneten verfolgt wurden. Deshalb gilt der Satz auch und grad jetzt. Wobei ich das große Glück hatte, die Show im März, zwei Tage bevor alle Bühnen geschlossen wurden, noch aufzeichnen zu können.

Obwohl Corona schon in aller Munde war, kommt das Virus darin allerdings nicht vor.

Ganz bewusst. Ich hatte die Wochen davor ein bisschen damit improvisiert und gelästert, dass die Ellbogengesellschaft in der Ellbogenbegrüßung ihre Vollendung findet. Aber als ein Kollege bei einer Open-Mike-Veranstaltung wie wild gehustet hat, fiel mir auf, dass alle acht Komiker dasselbe Mikro benutzen. Deshalb habe ich bei Lucky Punch dazu improvisiert. Weil die Krise da allerdings schon Fahrt aufnahm, haben wir im Schnitt entschieden, es rauszunehmen; das hätte sonst rückblickend in die Irre geführt. Und ich meine – Klimawandel, Harvey Weinstein, der Brexit haben ja kein bisschen an Aktualität verloren.

Aber was haben diese Themen Ihres Programms den Zuschauern inmitten der laufenden Krise denn zu geben?

Ich bin selbstbewusst genug, zu sagen: das ist einfach ein geiles Standup-Special zu den Fragen der Zeit, die sich auch durch Corona kein bisschen gebessert haben. Und dabei wird passieren, was immer passiert: die einen reflektieren die Gegenwart, andere entfliehen ihr damit für einige Minuten, alle fühlen sich dabei auch ohne Corona hoffentlich gut unterhalten. Denn ehrlich: ich habe so viele auf die Schnelle geschriebene Witze darüber gehört, dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Warum nicht?

Weil ich es nicht erproben könnte. Früher bist du mit deinen Ideen durch kleinere Formate gegangen und hast sie vor wenig Publikum ausprobiert. Heute gibt’s kein Publikum. Und wer Witze direkt vom Blatt aufnimmt, macht den Humor nicht besser.

Sind Sie trotzdem aktiv und arbeiten an Programmen von übermorgen?

Nein. Kurz vorm Lockdown habe ich bei Dieter Nuhr noch eine Nummer darüber gemacht, wie ich mit meiner zwölfjährigen Tochter zuhause sitze, Serien gucke und merke, dass es draußen aussieht wie bei der Zombie-Apokalypse von Walking Dead. Seither beschäftige ich mich auf Facebook und Instagram mit anderen Dingen.

Nämlich?

Die Gespräche mit meiner Tochter, das ist ein Stück Krisenbewältigung für beide. Denn wer hört den Jüngeren sonst schon wirklich zu? Selbst in meiner Branche gibt es höchstens Witze über die Pubertät. Auch deshalb rede ich jetzt unter anderem auf Instagram mit meiner Tochter über die Französische Revolution und höre, wie sie Ludwig XVI. mit Donald Trump vergleicht. What?!

Sie führen diese Gespräche also nicht als Komiker?

Das versuche ich zumindest und lerne dabei seit zwölf Folgen ohne Drehbuch, nur aus dem Gespräch heraus enorm dazu. Trotzdem ist das hoffentlich nicht nur ehrlich, sondern amüsant.

Ihr Programm trägt im Untertitel das österreichische Wort „Wuchtl“ für unverhoffte Schlagfertigkeit. Ihre social-media-Gespräche basieren also eher auf Wuchtln als Pointen?

Ganz genau. Wenn ich mit meiner Tochter Star Wars sehe und sie sagt, hör mal, der hat sein Beatmungsgerät immer dabei, dann ist das eine Wuchtl in Reinform.

Arbeiten Sie beruflich eher mit impulsiver Wuchtl oder gescripteter Pointe?

Ich lasse mich immer ein aufs Publikum, weshalb manche Themen fünf Minuten dauern, andere das Dreifache. Fürs Fernsehformat werden die sichtbarsten Improvisationen zwar reduziert, aber im Grunde entstehen meine Programme auf der Bühne. Ich bin keiner, der vorher lange schreibt, sondern habe Ideen und nehme sie mit.

Welche Ideen kämen Ihnen angesichts der Corona-Krise, die vermutlich auch bei Ihnen Teil kommender Programme sein wird?

Also kürzlich dachte ich, dass dieser Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann nur deshalb veganer Koch geworden ist, weil er wirklich daran glaubt, dass Bill Gates und George Soros Krisen wie diese nutzen, um billig an Kinderfleisch zu kommen. Man kann der Absurdität nur mit noch mehr Absurdität begegnen. Trotzdem kann ich nicht sagen, welche Witze ich irgendwann darüber mache. Vielleicht merke ich das während der Autokino-Shows, die jetzt gerade aufpoppen.

Sind die denn adäquater Ersatz für echte Live-Shows vor Publikum?

Nicht annähernd, aber auch dort kann man kleine Momente der Wahrhaftigkeit schaffen. Und um die geht es mir. Humor ist wie Wasser: du kannst ihn nie ganz aufhalten. Auch das wurde mir in Burma bewusst, wo sich die Gefangenen so lange Witze erzählt haben, bis sie vor der Knastmauer gelandet sind. Diese Kette konnten wir tatsächlich nachvollziehen! Und als wir auf der Flucht einmal schnell das Hotel verlassen mussten, bin ich an einem roten Telefon an der Wand vorbeigelaufen, das plötzlich klingelte. Da sagte ich zu mir, jetzt bist du wirklich in der Matrix gelandet, und musste lachen.

Sind Sie denn rangegangen?

Dafür war leider keine Zeit, aber schon dieses Lachen hat mir gutgetan. Lachen hilft immer.

Gibt es dennoch Dinge, über die sich das Lachen oder Witzemachen verbietet?

Billige Lacher auf Kosten Schwächerer, wie sie einige meiner Kollegen gern machen, schon. Ansonsten ist alles erlaubt; das zeigte sich besonders im jüdischen Humor zur NS-Zeit, der vielfach für Erleichterung gesorgt hat. Trotzdem maße ich mir nicht an, zu entscheiden, welche Art Witz worüber erlaubt sein soll. Das Gremium müsste man mir noch zeigen, das dazu befugt wäre. Wenn Jesus oder Gandhi auferstehen, würde ich es mir von denen vielleicht vorschreiben lassen. Aber auch nur, wenn sie Humor haben.


Männerwelten & Homecoming

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Mai

Aha, ein „strukturanalytisches Element“ – das ist es, was Caroline Fetscher vom Tagesspiegel an den 15 Minuten von Joko & Klaas vom Mittwoch bei ProSieben fehlte, als die beiden eine entlarvende Ausstellung namens Männerwelten aufgebaut haben. Anders gesagt: obwohl der Sondersendung am Mittwoch ganze 900 Sekunden zur Verfügung standen, sah auch das Missy Magazine einen Mangel an hermeneutisch-historischer Gesamtbetrachtung aller soziokulturellen Aspekte männlicher Gewalt gegen Frauen seit Beginn der Jungsteinzeit.

Es ist echt ein Kreuz mit der Emanzipation: Wenn zwei Spaßvögel über ihre Lichtkegel springen und einen Spaßkanal mit relevanter Ernsthaftigkeit zum gesellschaftlichen Missstand fortgesetzter Misogynie füllen, ist auch wieder alles doof. Dabei gibt es gewiss Kritikpunkte an der Kunstausstellung struktureller Frauenverachtung, durch die Sophie Paßmann das Publikum führt: Protagonistinnen weiß, Ambiente dramatisch, Inhalt verkürzt. Trotzdem könnte man auch einfach mal würdigen, welchen Einfluss so ein Film auf Menschen hat, die in ihrer Filterblase sonst selten mit Wahrhaftigkeit belästigt werden.

Menschen, die den Pegida-Comedian Dieter Nuhr nun für seine Virologen-Schelte feiern. Menschen, die befriedigt grunzen, wenn Donald Trump wegen der kritischen Nachfrage einer chinastämmigen Reporterin sein Pressebriefing abbricht. Menschen, die auf Hygiene-Demos über Schlafschafe blöken. Menschen also, die am Ende dafür mitverantwortlich sind, was Christian Bräuer befürchtet: Da viele Kinobetreiber bei der Neueröffnung mit reduzierter Platzzahl womöglich in jedem Saal Blockbuster für schlichte Gemüter zeigen, wird es aus Sicht des der AG Kino zur „brutalen Verdrängung“ anspruchsvoller Filme für klügere Geschmäcker kommen.

Leidtragender wäre mittelbar ein Fernsehen, das die Geisterspiele der Fußballbundesliga am Samstag am Ende doch noch etwas bereichern konnte. Weil Kino-Koproduktionen mittelfristig die Leinwand zur Rechtfertigung von Filmförderung fehlen könnte, macht sich schon jetzt das Fehlen oder Verschieben hausgemachter Formate im Programm bemerkbar.

Die Frischwoche

18. – 24. Mai

Um den Herbst nicht vollends auszudünnen, zeigt das Erste etwa anstatt des wichtigen Mittwochsfilms eine Wiederholung von Schnitzel de Luxe, während das Zweite am Samstag immerhin die ermittelnden Brüder Schwartz & Schwartz zeigt. Aber gut – obwohl Golo Euler und Devid Striesow dank der Humorbegabung von Regisseur Alexander Adolph auch im dritten Einsatz wunderbar dissonant harmonieren, geht Krimi natürlich immer in Deutschland.

Was ebenfalls immer gut geht, sind Biopics starker Frauen wie Astrid Lindgren, der die dänische Nachwuchsschauspielerin Alba August am Donnerstag (20.15 Uhr, ZDF) trotz fürchterlicher Synchronisation spürbare Dringlichkeit verleiht. Und das? War’s schon mit bemerkenswerter Fiktion des koproduzierenden Network-Fernsehens. Selbst die Dokumentarabteilung dämmert mit Die großen Kriminalfälle der Bundesrepublik vor sich hin, wenn das ZDF am Dienstag zum 2064. Mal den Mord an Rosemarie Nitribitt aufrollt.

Also, mal wieder, die Streamingdienste: der 18-teilige Krimiklumpatsch Stumptown um eine bildschöne (gähn), megatoughe (supergähn), beziehungsgestörte (megagähn), spielsüchtige (gigagähn) Privatdetektivin mit Militärbiografie ist ab Dienstag auf Sky womöglich deshalb noch so plump, weil er von der alten ABC stammt. The Plot Against America dagegen schreibt die Geschichte zwei Tage später an gleicher Stelle hochinteressant um: die Serie denkt sich ein Amerika aus, in dem 1940 der Faschist Charles Lindbergh an die Macht kommt und das Leben einer jüdischen Familie beeinflusst.

Und dann wäre da Teil 2 des Veteranen-Thrillers Homecoming auf (kauft nicht bei) Amazon-Prime. Ohne Julia Roberts, aber mit viel Mystery, wühlt sich Janelle Monaé ab Freitag durchs Geflecht eines dubiosen Pharmakonzern. Und das ist fast so exzellent wie die Karriere von Clint Eastwood. Zum 90. Geburtstag des schweigsamsten Action-Stars, schenkt ihm 3sat Sonntag (22 Uhr) zwei Wiederholungen der Woche: Sergio Leones Italowestern Für eine Handvoll Dollar von 1964 und die Fortsetzung Für eine Handvoll Dollar mehr. Ohne Umschweife zum Tatort: Borowski und die Rückkehr des Stillen Gastes von 2015 (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR) mit Lars Eidinger als Stalker mit Todesfolge.


Grafi, Sleaford Mods, Jerry Paper

Grafi

Auch und gerade als jemand, der die zeitgenössische Musik in ihrer ganzen Bandbreite auf dem Schirm zu haben glaubt, muss man oft einräumen, etwas wirklich Spannendes übersehen zu haben. In diesem Fall: Grafi. Der Berliner hat vor ein paar Jahren das Kunststück vollbracht, HipHop mit Black Metal zu kombinieren. Das Ergebnis war ein Hybrid, in dem brüllende Gitarrenbretter des Metelheads Nikita Kamprad auf mal ölige, mal brachiale Vocals von Grafi eindreschen, bis sie zwar manchmal wie etwas zu breit getretene Samples wirken, die Raps dabei aber eher auf- als abwerten.

Auch auf dem dritten Album Ektoplasma klingt das dann oft, als wären Bilderbuch am Set von Saw gelandet, in dessen Stahgefängnis Folterelemente wie überproportional eingesetzte Autotunes und selbstreferenzielle Doublebassgewitter um Fluchtwege kämpfen. Wenn erstere überwiegen, wird das dann zu einer etwas seifigen Trapvariante, wenn es letztere tun, ist das Produkt aus dem Studio von KCVS eines der unterhaltsamsten Mash-ups unserer mixfreundlichen Zeit.

Grafi – Ektoplasma (Geistermusik)

Sleaford Mods

Was willste machen: Du hörst Sleaford Mods und kriegst die übliche Drones ins Unterbewusstsein gedrückt. Du hörst Sleaford Mods und hast wie seit zwölf Jahren schon Jason Williamson skelettierte Übellaunigkeit vor Augen. Du hörst Sleaford Mods und kaufst dem Bierdosenmastermind Andrew Robert Lindsay Fearn am Kassettendeck die Langeweile nicht ab. Du hörst Sleaford Mods und verstehst mal wieder bestenfalls die Hälfte. Du hörst also Sleaford Mods und alles klingt bekannt, was beim Raritätensampler All That Glue auch kein Wunder ist. Nur: alles ist eben auch wieder absolut grandios.

Das elfte Album seit der Gründung und Nummer 6 nach dem Durchbruch mit Austerity Dogs kriecht gewohntermaßen durch die Abgründe ihrer aufgewühlten Systemverachtung und knetet dabei den ewig gleichen Teig aus Bass, Beat, Industriesound ins Unterbewusstsein, bis man sich damit in irgendein sauerstoffloses Kellerloch wünschst, um darin kollektiv zu dehydrieren. Oder in diesem Fall: loslaufen, All That Glue kaufen, Vinyl auflegen, durch die Wohnung hüpfen, ins Regal stellen, aufs nächste Album warten und alles wieder von vorn. Es ist eine Sucht. Die beste unserer Tage.

Sleaford Mods – All That Glue (Rough Trade)

Jerry Paper

Weil die Welt in dieser verstörenden Zeit nicht nur verstörende Musik braucht, sei hier ausdrücklich auf Jerry Paper hingewiesen. Nicht dass sich der popmusikalische Avatar des Songwriters Lucas Nathan aus L.A. irgendeiner Form von vorgestanzter Harmonielehre verpflichtet fühlen würde, im Gegenteil. Aber das neue Album namens Abacadabra ist genau das, was der Titel verheißt: ein kleiner Zauberzylinder, aus dem Jerry Paper verschieden große Popstrukturen zieht, die seltsam vertraut klingen und doch völlig neu sind.

Textlich im Niemandsland elaborierten Wahnsinns zwischen Partherapie für Singles und Drogentrips ohne Rauschgift, wird man davon geschmeidig eingelullt. Wann immer Jerry Paper seine fünfköpfige LoFi-Bigband mit wattiertem Gesang über lässigen Bullshit sediert, entsteht eine Ballsaalatmosphäre, die alleine im Wohnzimmer ebenso gut funktioniert wie unter Leuten im Beachclub. Weil letzteres gerade schwieriger ist als ersteres, kann man Abracadabra also nur wärmstens empfehlen. Der nächste Shutdown kommt bestimmt. Machen wirs uns gemütlich.

Jerry Paper – Abacadabra (Stones Throw Records)


S. Brauburger: Hitlerknopp & Kriegsgedenken

Die Deutschen insgesamt

Als der latent revisionistische Guido Knopp die ZDF-Redaktion für Zeitgeschichte 2013 verließ, übernahm sie sein Mitarbeiter Stefan Brauburger (Foto: ZDF/Bänsch). Unter dessen Leitung wird seither ein weit differenzierteres Bild der deutschen Kollektivschuld an Nationalsozialismus, Krieg und Shoah gezeichnet. Ein Interview übers Gedenken 75 Jahre nach der Kapitulation, Knopps Hitler-Obsession und wie man in Zeiten des Rechtsrucks Geschichtsfernsehen macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brauburger, wer genau hat heute vor genau 75 Jahren eigentlich den Krieg verloren – Hitler, das Regime, Deutschland oder die Deutschen?

Stefan Brauburger: Es war auf jeden Fall Nazi-Deutschland und damit Hitler, sein Regime und die Deutschen insgesamt. Das kann und konnte man angesichts der engen Verbindung von ‚Volk und Führer‘ nie wirklich trennen.

Bei Ihrem Vorgänger, dem Sie vor sieben Jahren als Leiter der ZDF-Zeitgeschichtsabteilung nachgefolgt sind, hatte man zuweilen schon das Gefühl, er würde die Schuld an Diktatur, Krieg und Shoah eher bei Adolf Hitler und seiner Führungsriege suchen…

… Entschuldigung, aber diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Dass wir uns unter der Leitung meines Vorgängers eine Zeitlang besonders dem NS-Regime und dessen Trägern gewidmet hatten, mögen vielleicht manche so interpretiert haben, wie Sie es sagen, aber wir hatten immer auch das Ganze im Blick, um zu zeigen, welche Verstrickungen und Bindungen es gab zwischen Regime und Volk. Das zeigen unsere Film-Produktionen der vergangenen Jahre besonders deutlich.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie die szenische Dokumentation Die Suche nach Hitlers Volk, in der die Autoren anhand amerikanischer Aufzeichnungen zeigen, wie sehr die NS-Ideologie in Teilen der Bevölkerung verankert war. Oder unsere Dokus über Privatfilme der NS-Zeit, die auf vielfältige Weise nationalsozialistische Einstellungen spiegeln und an die These von der Zustimmungsdiktatur erinnern.

Da klingt jetzt aber schon durch, dass Ihre Redaktion Guido Knopps Hitler-Obsession überwunden und einen differenzierteren Blick auf die deutsche Kollektivschuld gewonnen hat…

Eine solche Obsession gab es nicht. Auch, weil ich seinerzeit in viele Projekte involviert war, möchte ich zudem keine Zäsur zwischen meiner Zeit und der von Guido Knopp feststellen. Man sollte darum eher von einer zeitgemäßen Weiterentwicklung beim Blick auf den Nationalsozialismus sprechen – unter anderem, weil sich durch die Forschung und Quellenfunde neue Zugänge anbieten, auch weil es immer weniger Zeitzeugen gibt, die ihre Sicht der Dinge schildern können. Viele unserer Formate weisen mittlerweile mehr wissenschaftliche Analyse und Archivmaterial auf. Das historische Dokument erhält wieder größeren Raum.

Wenn man sich das aktuelle Gedenken im Fernsehen ansieht, sind diese Zeitzeugen auch dann, wenn sie vor 75 Jahren noch Kinder waren, jenseits der 80. Welchen Einfluss hat das auf die Erinnerungskultur insgesamt?

Zum einen ist es ein Unterschied, ob Angehörige so genannter Erlebnisgenerationen in Filmen noch über ihre Erfahrungen berichten können oder nicht. Es ist aber auch ein Unterschied, ob die Zuschauer bestimmte historische Erfahrungen, in denen es in den Filmen geht, noch selbst miterlebt haben oder nicht. Auf beides müssen wir bei unserer Arbeit achten, bei der Erinnerungsarbeit generell.

Könnte das Aussterben der Zeitzeugen auch zur Renaissance opulenter Dokudramen geführt haben, die unter Guido Knopp stilbildend fürs öffentlich-rechtliche Programm waren?

Wo es keine Zeitzeugen mehr gibt, bietet das szenische Format einen Ausweg, etwa beim Dokudrama Kaisersturz zu den Ereignissen im November 1918. Doch das bleibt die Ausnahme. Unsere aufwendigen Dokumentarfilme kombinieren meist Zeitzeugnisse, Archivmaterial und szenische Sequenzen. Auch bei unserem 90-minütigen Film Ein Tag in Auschwitz, in dem Opfer und Täter auch szenisch gegenübergestellt wurden, gibt es diese Elemente. Dieses Muster halte ich hier für zweckdienlicher als das große Dokudrama, wie Sie es beschreiben.

Welche Rolle spielt denn das Anspruchsdenken des Publikums bei der Frage, wie viel Entertainment History verträgt?

Aus meiner Sicht kann die Frage der Unterhaltung und übrigens auch die der Einschaltquoten bei Themen wie Zweiter Weltkrieg oder NS-Verbrechen kein Kriterium sein, auch auf unserem Sendeplatz um 20.15 Uhr nicht. Umso mehr hat es uns gefreut, dass Ein Tag in Auschwitz auch zu dieser konkurrenzstarken Zeit mehr als zwölf Prozent der jungen Zuschauer erreicht hat. Dieser Erfolg gibt uns Recht.

Die Frage nach Angebot und Nachfrage stellt sich derzeit auch deshalb, weil rechtspopulistische Begriffe wie „Schuldkult“ oder „Schlussstrich“, die zwischenzeitlich längst ausgeräumt schienen, mittlerweile selbst im Bundestag zu hören sind.

Das ist tatsächlich ein Phänomen, von dem auch ich nie gedacht hätte, dass wir uns 75 Jahre nach Krieg und Diktatur nochmals damit befassen müssen. Angesichts völkischer Rhetorik und rassistischer, antisemitischer Hetze sind wir dringend aufgerufen, uns damit auseinanderzusetzen, wie etwa in der zweiteiligen Dokumentation über die Geschichte der Juden in Europa, Exodus mit Christopher Clark oder in unseren Sendungen über den Rassismus und den Holocaust. Niemand kann der Generation derer, die nach dem Krieg geboren wurden, irgendeine Schuld für die Verbrechen der NS-Zeit zuweisen. Aber dass es eine Schuldigkeit gibt, an das Geschehene weiter zu erinnern, gilt es mit aller Klarheit zu vermitteln.

Kennt historisches Fernsehen denn so etwas wie Trends, Mode oder Konjunkturen, an denen es seinen Inhalt orientiert?

Von Trends oder Moden würde ich nicht reden. Wir schauen uns aber möglichst genau an, wo es Klärungsbedarf gibt, bereiten auf dieser Basis zum Beispiel gerade ein Werk über die Traditionslinien des Extremismus der letzten 150 Jahre vor. Da geht es also nicht um Konjunkturen, sondern um aktuelle Relevanz geschichtlicher Ereignisse.

Wann beginnt Geschichte denn überhaupt, Geschichte zu sein? Wie groß sollte die zeitliche Distanz zum Ereignis mindestens sein, damit Ihre Redaktion sich damit befasst?

Ach, letztlich beginnt Geschichte gleich nach dem Ereignis, wenn nicht gar währenddessen, wenn zum Beispiel Akteure mit Blick auf ihr Bild in künftigen Geschichtsbüchern in Aktion treten. Wann ein Thema historisch virulent wird, kann sich nach 100 Jahren oder schon nach wenigen Wochen zeigen. Prinzipiell geht es uns darum, aktuelles Geschehen auf seine Ursprünge hin zu reflektieren.

Bezogen aufs Corona-Virus widmet sich Ihre Reaktion also früheren Pandemien, um die jetzige verständlich zu machen?

Ja, zumindest, um Vergleiche zu ermöglichen. Abgesehen von einer Dokumentation, die wir dazu bereits gesendet haben, widmen wir uns demnächst den großen Wirtschaftskrisen, denn die ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie sind jetzt schon gravierend. Wenn ein aktuelles Ereignis absehbar eine historische Zäsur markieren wird, richten wir jetzt schon unser Augenmerk darauf, übrigens auch, um es in der künftigen Gegenwart besser erklären zu können.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Dispatches from Elsewhere: Norm & Wahnsinn

Wege aus dem Mittelmaß

Die bizarr schöne Mysteryserie Dispatches from Elsewhere schickt seit voriger Woche scheinbar mittelmäßige Menschen bei Prime-Video auf die Suche nach dem Glück und fragt nebenbei mit der gebotenen Portion Wahnsinn, was das denn überhaupt sein soll – Glück.

Von Jan Freitag

Nein, das Leben dieser Menschen aus der Mitte Amerikas verläuft alles andere als zufriedenstellend. Die betuliche Janice überspielt mit ihrer guten Laune ein nagendes Empty-Nest-Syndrom. Fredwynns Missmut entspringt seiner Furcht vor staatlicher Verschwörung. Simones Ängste werden durch die soziale Ächtung ihrer Transsexualität auch nicht besser. Und Peters Mangel an Selbstachtung macht ihn so langweilig, dass selbst seine Therapeutin beinahe einnickt.

Was also könnte ihn und seine Leidensgenossen aus dem Trott ihrer Alltagsneurosen holen? Die Antwort lautet: Dispatches from Elsewhere. Übersetzbar mit „Meldungen von anderswo“, pflastert der Kabelsender AMC den Weg dieses verhaltens(un)auffälligen Quartetts so lange mit Botschaften einer Geheimgesellschaft namens „Jejune-Society“, bis es sich gemeinsam auf einer Reise ins Wesen seiner Wünsche befindet. Heute nun holt (boykottiert!) Amazon das wundervolle US-Format nach Deutschland. Und bei aller anfänglichen Tristesse: Von Beginn an strömt ein Gefühl wohliger Wärme durchs Zuschauerherz, das zu keiner Zeit wirklich abkühlen mag.

Doch der Reihe nach.

Peter zum Beispiel, mit ihm beginnt die zehnteilige Anthology verwobener Einzelschicksale, fristet ein kleines Dasein von großer Gleichförmigkeit im riesigen Philadelphia. Morgen für Morgen läuft er zur selben Uhrzeit scheuklappengeschützt durchs selbe Getümmel derselben Route, um am selben Arbeitsplatz dieselben Computerhandgriffe zu tätigen, bevor er im selben Kiosk dasselbe Abendessen kauft und allein vorm Fernseher demselben Tag entgegendämmert. „Ein Dasein ohne Risiko, ohne Schmerz, ohne Freude“, beschreibt es ein gewisser Octavio Coleman Esq. in eloquenter Deutlichkeit aus dem Off. „Nur existieren, nicht leben.“ Eine Tragödie in endlos vielen Akten.

Um ihr zu entfliehen, lockt der charismatische Geheimgesellschaftsführer den spröden Peter auf eine Schnitzeljagd für Mystiker. Die flamboyante Transgenderschönheit Simone (Eve Lindley) hält sie für ein Spiel, der paranoide Fredwynn (André Benjamin) für ein Komplott und die harmoniesüchtige Janice für Schabernack. Peter hingegen will oft erfolglos, aber verbissen an dieses Fenster aus seiner mediokren Existenz glauben und kennzeichnet das mit einer Mimik zwischen Faszination, Panik und Zuversicht, die sein Darsteller Jason Segel bereits als Hauptfigur in How I Met Your Mother zur Perfektion getrieben hatte.

Und auf dem weiten Feld rauschhafter Gegenwartsfantasy, bittet der Regie-Debütant Segel nach eigenem Drehbuch auch sein Ensemble in ein Fernsehvarieté der Extraklasse. Dabei erinnert es zwar inhaltlich an die Abenteuerrallye The Game, optisch an den Retrofuturismus von Maniac, personell an das moderne Märchen Big Fish und dramaturgisch an den strukturierten Wahnsinn in Dirk Gentlys holistischer Detektei. Ungeachtet solcher Referenzen aber ist Dispatches from Elsewhere eine zutiefst eigensinnige Irrfahrt ins Glück, die sich den Anschein harmloser Feelgood-Movies zum Glück mit gehöriger Tiefe entledigt.

Denn natürlich lauert hinterm schönen Schein des selbsterklärten Glücksgurus Octavio (Richard E. Grant) das Rätsel, warum er so viele heillos entfesselten Jünger auf die Jagd nach dem „Geheimnis der göttlichen Nonchalance“ schickt und wer eine mythisch verklärte Heilsbringerin namens „Clara“ wohl ist. Wenn der hauptamtliche Rapper Benjamin aka André3000 aka Outkast das Panoptikum sprechender Fische, Yetis, Brillen, Häuser als „Ablenkung von irgendwas Größerem“ bezeichnet, dürfte das also nicht nur Fredwynns Verfolgungswahn geschuldet sein.

Umso mehr fasziniert es, wie die Serie ihr Publikum zwischen all dem unterhaltsamen Aberwitz permanent mit der Frage konfrontiert, was die Mittelmäßigkeit mit uns allen, dem Publikum, so macht. Ob wir damit glücklich sind. Was das überhaupt sein soll – Glück. Nach 450 Minuten voller Mitteilungen von irgendwo fällt sie ein bisschen leichter, versprochen.