Ibiza-Video & Miracle Workers

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Mai

Der jüngste Skandal um FPÖ-Vizekanzler Strache, der sich im längst berühmten Ibiza-Video vor versteckter Kamera von einer falschen Oligarchin bestechen ließ – was Jan Böhmermann Wochen zuvor angedeutet hatte, von der Presse aber bis kurz vor der Europawahl geheim gehalten wurde – zeigt erneut wie schwierig es ist, sich im Schützengraben journalistischer Grundprinzipien trittsicher zwischen Überparteilichkeit und Haltung, Pluralismus und Moral, Information und Selektion zu bewegen. Wenn gewissenhafte Reporter über jedes rechtsradikale Stöckchen springen oder im gegenteiligen Fall, die Meinungsfreiheit unterdrücken, wird schließlich gern von allen Seiten auf sie draufgehauen.

Der Bayerische Rundfunk hatte sich diesbezüglich ebenso wie der aus Hessen, Berlin-Brandenburg und Hamburg dafür entschieden, das Empörungsspiel der NPD nicht mitzuspielen und die Ausstrahlung ihrer rassistischen Europawahl-Spots zu  verweigern. Ethisch nachvollziehbar, presserechtlich weniger – so urteilte jetzt das Bayerische Verwaltungsgericht und verdonnerte die Verweigerer dazu, Wahlreklame der verfassungsfeindlichen, doch politisch irrelevanten Partei auszustrahlen. Denn darin wird zwar so über mordende Flüchtlinge gelogen, dass sich die EU-Parlamentsbalken biegen; da im Wahlkampf jedoch Waffengleichheit unterschiedlich einflussreicher Parteien zu herrschen habe, muss ein Fernsehsender und sein Publikum eben selbst Überspitzung am Rande der Volksverhetzung aushalten.

Zumindest, wenn sie nicht gar so drastisch wird wie jener bluttriefende NPD-Clip, den das ZDF nicht senden will und muss. Bei so viel braunem Kalkül, sehnt man sich manchmal fast in die Zeiten rosaroter Selbstberuhigungen zurück, als eine Doris Day mit ihrem unzeitgemäß berufstätigen, emotional indes oft reaktionärem Gefühlsbiedermeier zwei Jahrzehnte Kinokomödie geprägt hat. Dass sie nun im Alter von 97 Jahren gestorben ist, zeigt uns in Dutzenden von Wiederholungen ihrer Klassiker, wie gemütlich Weggucken gelegentlich sein kann. Wie unterhaltsam. Und wie verlogen.

Die Frischwoche

20. – 26. Mai

Während das ZDF nächsten Sonntag in Erinnerung an Days technikolorbuntes Lebenswerk den 150. Pilcher-Film zeigt, empfehlen wir daher explizit zwei 3sat-Dokus, die am Mittwoch eindringlich vorm drohenden Rechtsruck Europas warnen: um 20.15 Uhr Lost in Brexit, gefolgt von Wut auf Brüssel, was Arte tags zuvor zur besten Sendezeit mit Wahlkampf der Wutbürger und anschließend Hinter den Kulissen des Brexit eingeleitet haben wird.

Weil aber selbst in politisch deprimierender Zeit nicht alles bloß nüchtern und sachlich sein sollte, gibt es auch leichte Kost jenseits der Küsten von Cornwall zu sehen. Die neue Netflix-Serie What/if mit der abgetauchten Renée Zellweger in einer Art Unmoralisches Angebot revisited zählt ab Freitag zwar ebenso wenig dazu wie ein achtteiliges Remake von Jean-Jacques Annauds legendärer Romanverfilmung Der Name der Rose parallel auf Sky, die wirklich niemand braucht. Wirklich wunderbar sind aber Steve Buscimi und Daniel Radcliffe als Gott und Engel einer hinreißenden TNT-Serie namens Miracle Workers, die den Himmel als lausig geführtes Mittelstandsunternehmen mit etwas zu viel Einfluss karikiert. Oder auch die Neuauflage der Antikriegsgroteske Catch 22 als Sechsteiler von und mit George Clooney auf Starzplay.

Immerhin akzeptabel ist die ZDF-Komödie Hüftkreisen mit Nancy am Donnerstag (20.15 Uhr) um einen Mann in der Midlife Crisis, was zwar abermals aufwirft, warum Journalisten in der Fernsehfiktion stets entweder skrupellose Aasgeier oder desperate Wracks sind, aber die Fallstricke männlichen Alters sehr unterhaltsam verhandelt. In seiner popkulturellen Scheindramatik leicht wie ein Sommerhit ist die Arte-Doku From Fame to Shame (Freitag, 21.45 Uhr) über den Täuschungsskandal der deutschen Pseudostars Milli Vanilli. Eher gehaltvoll ist dagegen Grenzland vom neuen Stern am Regiehimmel Marvin Kren (4 Blocks). Mit seiner eigenen Mutter Brigitte als österreichische Ermittlerin verarbeitet er darin ebenso virtuos wie kreativ einen Mordfall im Dunstkreis der Flüchtlingsdebatte 2015.

Die Wiederholungen der Woche stammen ebenfalls aus einer Zeit globaler Zerrüttung, versuchten ihr allerdings mit politikfernem Entertainment zu entkommen. In Theo gegen den Rest der Welt zum Beispiel brillierte Marius Müller-Westernhagen 1980 als Antiheld eines herrlich nostalgischen Roadmovies (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat), das erstaunlicherweise nur fünf Jahre älter ist als Doris Dörries Männer 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle. Und weil es keinen Alt-Tatort von Belang gibt, empfehlen wir 48 Stunden danach dort Schimanski alias George in der Räuberpistole Die Katze (1987). Und damit das gesamte Recycling dieser Woche auf 3sat läuft, wird hier mal zu Ernst Lubitschs schwarzweißer Ménage à Trois Rosita von 1923 geraten.

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Axel Stein: Pudelmütze & Rainman

Ich habe noch viel auf der Agenda

Nach seinem Durchbruch mit Hausmeister Krause, drohte Axel Stein die ewige Pudelmütze mit Babyspeck. 20 Jahre später und 45 Kilo leichter überzeugt er in Filmen wie Die Goldfische oder Mein Freund das Ekel als seriöser Darsteller. Ein Gespräch über Kindheitsidole, Selbstbefreiung, Dürrephasen und warum er möchte, dass man sich an seinen Horrorfilm erinnert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stein, mit Hausmeister Krause hat Ihre Karriere 1999 eher ulkig begonnen und ging auch danach meist komödiantisch weiter. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass die Branche Ihnen auch ernstere, um nicht zu sagen: seriösere Rollen zutraut?

Axel Stein: Das war ein schleichender Prozess. Wer elf Jahre eine Sitcom mit Pudelmütze auf dem Kopf dreht, wird natürlich schon mal in Schubladen gesteckt. Aber ich habe auch zu Beginn meiner Karriere ganz andere Sachen gedreht, um die nur weniger Hype gemacht wurde.

Aber wenn man wahllos auf der Straße fragt, für welche Art Filme Axel Stein so steht, verweisen sicher 100 Prozent all jener, die Sie kennen, auf die Sachen mit dem Hype…

Mag sein. Aber auch, wenn die Branche das wohl differenzierter sieht, ist es absolut okay so. Ich liebe Komödien, weil ich es liebe, zu unterhalten. Der Großteil meiner Filme darf daher auch weiterhin lustig bleiben. Aber wenn man weiterhin in der Pudelmützenschublade steckt, obwohl die Bandbreite längst erweitert ist, wird halt deutlich, dass man‘s nie allen recht machen kann. Muss man ja auch nicht; ich habe mit dem, was ich tue, meine Mitte gefunden und lasse mich da von außen nicht beeinflussen.

Nein?

Nein.

Aber?

Es ist eben so, dass Komödien oft besonders erfolgreich sind, weil sich die Leute damit besser von der Realität ablenken als mit einem Drama. Das lässt sich gerade im Kino einfach schwerer vermarkten als was Lustiges.

Das heißt, Sie waren auch in Ihrer Pudelmützen-Phase stets mit ernsten Stoffen präsent, aber nur nicht so sichtbar damit?

Ja, natürlich. Auch wenn das erst mit zunehmenden Alter mehr wurde.

Mir persönlich ist der ernste Axel Stein als ernster Axel Stein erstmals bei Pastewka aufgefallen, als er das Gegenteil der ulkigen Titelfigur war.

Mit Christina do Rego, ich erinnere mich. Das ist auch schon 13 Jahre her und war seinerzeit genauso gewollt, um mich als Gegenteil meines eigenen Klischees zu zeigen. Hat gut funktioniert, finde ich.

So gut, dass Sie jetzt zwar immer noch Komödien spielen, aber mit komplizierterem Rollenprofil wie Ihr Autist „Rainman“ im Kinofilm Die Goldfische.

Genau, eine enorme Herausforderung – schon weil die Vorbereitung so umfangreich war. Wir haben uns monatelang mit Autismus in all seinen Ausprägungen beschäftigt, um uns über die Figur nie lustig zu machen und Betroffenen auf die Füße zu treten, sondern ernst zu nehmen. Das ist ein sehr schmaler Grat.

Bereiten Sie sich auf all Ihre Rollen so vor, um diesen Grat nicht zu verlassen?

Ich bereite mich in der Tat immer gut vor. Aber um den Rainman so hinzukriegen, wie ich mir das vorstelle, war schon noch etwas mehr als üblich vonnöten.

Ist diese Vorstellungskraft der wichtigste Maßstab Ihrer eigenen Qualitätsansprüche?

Weil ich es am Ende selber umsetzen muss, schon. Andererseits kommt es immer auf den Regisseur oder die Regisseurin an, wie viel Freiraum sie mir als Schauspieler gewähren. Bei Alireza Golofshan war er relativ groß; zumal viel von dem, was letztlich zu sehen ist, improvisiert war.

Das kommt dem Komödianten in Ihnen vermutlich besonders zupass; nichts ist unkomischer als abgelesene Witze!

Weil Improvisation weniger mit Humor als mit Timing zu tun hat, bin ich mir da gar nicht so sicher und halte mich auch generell gern ans Drehbuch, sofern das erforderlich ist. Unabhängig vom Genre kommt es darüber hinaus halt aufs Projekt an. Beim einen ist Improvisation verschwendete Zeit, beim anderen der Wesenskern. Die Kunst des Schauspielens besteht darin, zu wissen, wann was angebracht ist. Und manche Kollegen mögen Improvisation überhaupt nicht, andere blühen dabei förmlich auf.

Zum Beispiel?

Moritz Bleibtreu. Mit dem läuft so was super! Oder Dieter Hallervorden, eines meiner absoluten Kindheitsidole.

Neben dem Sie in der ZDF-Komödie Mein Freund, das Ekel allerdings mal wieder nur sich selbst als lustigen Sidekick spielen…

Was heißt nur? Ich spiele da mit einem der besten Schauspieler. Nach einem Buch, das ich sehr gut finde. Unter einem Regisseur, mit dem ich schon etliche Filme gedreht habe.

Wobei Dieter Hallervorden im hohen Alter eine ähnliche Entwicklung von der Ulknudel zum Charakterdarsteller gemacht hat und nun dafür kämpft, dass auch sein Frühwerk Anerkennung findet.

Zu Recht!

Stecken in Ihren Frühwerken bei tieferer Betrachtung auch anspruchsvollere Metaebenen oder waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung?

Größtenteils waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung. Ob ich dafür im Alter größere Anerkennung suche, ist dann vermutlich eine Charakterfrage. Aber es wäre schon auch schön, wenn man sich dann zum Beispiel an mein Regiedebüt „Tape_13“ erinnert, einen Horrorfilm, den zwar nur wenige gesehen haben, dem aber die Ehre zuteil wurde, auf der Berlinale zu laufen. Ansonsten lernt man mit jedem Projekt dazu und erweitert den Horizont. Das ist ja das Schöne an diesem Beruf.

Welches Projekt könnte da denn noch fehlen?

Ach, so einige. Ich bin diesbezüglich noch ziemlich hungrig, wage mich grundsätzlich in jedes Casting und drehe deshalb ab nächster Woche in Madrid meinen ersten internationalen Kinofilm, so eine Art spanisches Ocean‘s Eleven, mit mir als deutschen Hacker.

Sie sprechen Spanisch?

Nee, wir drehen Englisch. Und auch das wird mit Sicherheit eine Erfahrung, aus der ich lange schöpfen kann. Schließich hab ich noch unheimlich viel auf der Agenda und neige dazu, mehrere Sachen gleichzeitig anzupacken.

Neigen Sie angesichts der unsicheren Lage als Schauspieler denn auch dazu, lieber mal ein Projekt mehr anzunehmen als nötig, um für Dürrephasen vorzusorgen?

Kommt drauf an. Wir alle haben schon Filme gemacht, die man im Rückblick betrachtet besser mal gelassen hätte. Das hat allerdings oft eher damit zu tun, als Schauspieler den Einfluss aufs Projekt mit der Vertragsunterschrift abzugeben. Man weiß zwar nie genau, was am Ende rauskommt, aber auch da bleibe ich gelassen.

Sie werden also nicht nervös, wenn mal ein halbes Jahr nichts zu tun ist?

Ja. Obwohl selbst dann nicht untätig herumsitzen und auf Anrufe warten würde. Im Zweifel würde ich mir selber etwas entwickeln. Zurzeit versuche wir grad eine Serie an den Mann zu bringen, über die ich allerdings noch nichts sagen darf. Mir wird gewiss nicht langweilig.


Feindbild ORF & Feindbild Europa

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. Mai

Es ist ein besonders bizarrer Medienskandal einer an bizarren Medienskandalen überreichen Zeit. Während Jungsozialist Kevin Kühnert bis in dezidiert linke Medien hinein dafür gemobbt wird, jungsozialistische Forderungen zu stellen, macht der streitbare ORF-Moderator Armin Wolf in einer besonders bizarren Regierung eines an bizarren Regierungen überreichen Kontinents gerade nur seinen Job – und gerät dafür ins Visier seines Berichtsobjekts. Das kann passieren. Die öffentliche Kommunikation hat ihr (ungeschriebenes) Regelwerk schließlich auch in Österreich so der digitalen Realität angepasst, dass die lautesten Schreihälse jedes Argument niederbrüllen.

Bedenklich wird es allerdings, wenn dieses Berichtsobjekt die rechtsextreme FBÖ ist und vor laufender Kamera Journalisten bedroht, dafür aber vom vermeintlich bloß konservativen Koalitionspartner Sebastian Kurz nicht vom Hof gejagt wird. Wirklich absurd wird dieser Irrsinn jedoch, wenn ihn Armin Wolfs nicht immer diplomatische, aber ähnlich bissige Kollege Jan Böhmermann im ORF mit – zugegeben drastischem Vokabular – anprangert und dafür ausgerechnet vom regierungsamtlich attackierten Sender kritisiert wird. Der Lohn: Österreich rutscht im Ranking der Pressefreiheit ab und belegt, wie sehr sie selbst in Demokratien unterm Beschuss einer enthemmten Diskussionskultur steht.

Eine, an der selbstredend auch social networks schuld sind, jene Hasskatalysatoren, die sich nebenbei grad als Showmaster profilieren. Instragram zum Beispiel, sonst für bildreiche Belanglosigkeiten zuständig, hat mit The Story of Eva die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens im Nationalsozialismus fiktionalisiert und damit wohl mehr junge Menschen als jedes Bildungsprogramm erreicht. Auch Youtube erweitert derweil konsequent sein eigenproduziertes Programm. Und wenn die PR-Plattform Magenta TV mit der italienischen Coming-of-Age-Serie Meine geniale Freundin brilliert, wird deutlich, wie warm sich die Platzhirsche anziehen müssen.

Die Frischwoche

13. – 19. Mai

Sie tun dies immerhin auf einem Feld, das sonst niemand so nachhaltig beackert: seriöse Information. Wie alle öffentlich-rechtlichen Sender kümmert sich zum Beispiel das ZDF rührend um die Europawahl. Donnerstag überträgt es das #tvDuell der Spitzenkandidaten Timmermanns und Weber zur besten Sendezeit, gefolgt vom Schlagabtausch der Konkurrenz aus Grünen, AfD, Linke und FDP. Nachts zuvor um 0.45 Uhr stellt das Zweite dann die Frage Schafft Europa sich ab? und schreibt diese Bedrohung bereits am Dienstag um 20.15 Uhr jenen zu, die Laut, frech, national sind, also parallel dazu auf Arte die Demokratie unter Druck setzen mit ihrem Feindbild Brüssel, wie eine ARD-Doku heute zur Primetime entsprechend heißt.

All dies klingt zwar manchmal so alarmistisch, dass man sich zumindest ein paar Milligramm jener unbeirrbaren Europa-Euphorie wünscht, mit denen der ESC die kontinentale Glückseligkeit feiert. In den Halbfinals, Dienstag/Donnerstag ab 21 Uhr auf One, mehr aber noch beim Endspiel am Samstag live im Ersten, dient Europa aber dennoch wie gewohnt nur als Kulisse popkultureller Aufdringlichkeit. Wer in dieser kommerziellen Endlosschleife gefangen ist, wünscht sich bisweilen womöglich eine Zeitmaschine.

Die haben zwei afroamerikanische Nerds in der Netflix-Dramedy See You Yesterday erfunden, sie entkommen damit allerdings keinem Musikwettbewerb, sondern reisen ab Freitag unter Spike Lees Regie Richtung Vergangenheit, um die Welt zu retten. Wie knapp sie vor 33 Jahren zumindest teilweise vorm Kollaps stand, zeigt die HBO-Serie Chernobyl ab morgen auf Sky. Der halbfiktionale Fünfteiler zeichnet den SuperGAU vom April 1986 minutiös nach, stellt dabei aber nicht den Unfall selbst ins Zentrum, sondern das ignorante Versagen der sowjetischen Bürokratie – brillant verkörpert durch Stellan Skarsgård und Jarred Harris als Antipoden eines bizarren Kampfes gegen Verseuchung und Transparenz.

Mit so viel historischer Bedeutsamkeit können die zwei unterhaltsamsten Filme der Woche aus Deutschland natürlich nicht mithalten. Aber Michael Herbigs Bullyparade auf Sat1 und parallel dazu Joachim Król als eine Art Papa Alfred Tetzlaff ante Portas in der ZDF-Komödie Endlich Witwer sind im Kochtopf leichter Kost absolut vollwertig. Schwere Kost und dennoch unterhaltsam sind die Wiederholungen der Woche: Das legendäre DDR-Drama Jakob, der Lügner (Montag, 22.25 Uhr, 3sat) über einen Geschichtenerzähler, der sich und anderen Juden kurz vorm Einmarsch der Roten Armee 1944 in Polen Mut gemacht hat. Dafür gab es 30 Jahre später die einzige Oscar-Nominierung für eine DDR-Produktion. Lichtjahre von so was entfernt war im Anschluss Klaus Lemkes furioses Frühwerk Rocker, das der Kino-Anarchist 1972 mit echten Motorradhooligans gedreht hat. Jünger ist da der Tatort-Tipp Eine bessere Welt (Montag, 21.45 Uhr, HR) von 2011 mit Nina Kunzendorf und Joachim Król, die den formatüblichen Mord hier erst noch verhindern müssen.


Jamila Woods, Holly Herndon, Get Up Kids

Jamila Woods

Was es heißt, als farbige*r Künster*in im Umfeld weißer Dominanz aufzuwachsen, in einem Land zumal, dass sich auf dem Weg zur Gleichberechtigung auf halber Strecke rückwärts bewegt, statt vorwärts – wer also um die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft weiß, neigt noch stärker als die dazu, sich seiner Wegbereiter zu besinnen. Nachdem ihr erstes Album Heavn noch aus sich selbst zu kommen schien, widmet die politisch bewusste Sängerin Jamila Woods das zweite daher musikalischen Urahnen, ohne die sie – unabhängig von deren Hautfarbe – nicht wäre, wo sie ist. Der Titel lautet folgerichtig Legacy! Legacy! und dekliniert diesen Erbteil Vorname für Vorname durch.

In ZORA zum Beispiel setzt der afroamerikanischen Literaturikone Zora Neale Hurston ein sanft mäanderndes Soul-Denkmal aus dem dunstigen Hallraum des R’n’B. Mit milchigen Funk-Avancen huldigt sie kurz darauf FRIDA (Kahlo), in SONIA (Sotomayor) der lateinamerikanischen Bundesrichterin durch eleganten HipHop im Fugees-Style. Bei MILES (David) wird es wenig überraschend jazzig, durch MUDDY (Waters) weht eine verwitterte E-Gitarre. Und wenn die Aktivistin aus Chicago BALDWIN beehrt, klingt es schon deshalb so vielschichtig wie wahre Freundschaft, weil es um ihren Mann Jimmy geht. Was aber all die Hommages vereinigt: Jamila Woods kann betörend singen, betreibt aber nie Stimmakrobatik, sondern Gesangskommunikation. Gespräche zum Tanzen.

Jamila Woods – Legacy! Legacy! (Jagjaguwar)

Holly Herndon

Jamila Woods’ Landsfrau Holly Herndon dagegen unterhält sich auf ihrer neuen Platte mit niemandem. Ihre digital zerhechselten Vokalfragmente sind weder Kommunikation noch Gesang, ja im Grunde genommen nicht mal Teil einer kongruenten Sprache. Mit einer selbst entwickelten Voice-Processing-Technik montiert die Feldklangforscherin mit Doktorinnengrad der Philosophie Stimmfetzen mit Orchesterelementen zu einer Musik, die so selbst auf ihren vorherigen Arbeiten seit 2012 noch nie zu hören war. In einer Mischung aus Field Recordings und Bigbeat-Electronica erkundet die Wahlberlinerin aus Tennessee die Abseiten des Avantgarde-Pop. Und wird dabei fündig.

Das Thema auf PROTO ist dabei das Künstliche menschlicher Wesenszüge, artifizielle Intelligenz, Verfremdung und Rückaneignung. Die meisten der 13 Stücke klingen demnach wie wahllos zusammengewürfeltes Durcheinander, in dem Holly Herndon nach Struktur sucht und doch nur weiteres Chaos findet. Wer sich jedoch wirklich in ihr drittes Album hineinhört, womöglich gar fallen lässt, entdeckt darin die Schönheit vollsynthetischer Choräle und Sinfonien, denen offenbar kein Helicopterproduzent auf Zwang eine Richtung geben durfte. Der Begriff Harmonie erweist sich dabei als Chimäre unserer verbildeten Konsumhaltung. Hier ist alles Energie, Organik und dabei zum Niederknien fantasievoll.

Holly Herndon – PROTO (4AD)

Hype der Woche

The Get Up Kids

Nein, über The Get Up Kids muss man ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung als Emo-Garagenband in Kansas City nicht mehr viel sagen. Nicht, dass es immer ein bisschen heikel ist, wenn gealterte Skaterkids den selben ewig jungen Skaterkidpunk machen. Nicht, dass man besonders diesem Quintett ewig befreundeter Fourtysomethings irgendwie selbst ein Comeback aus Gründen der Geldnot gönnen würde. Nicht, dass der Sound ihres neuen Albums Problems (Big Scary Monsters) gebraucht klingt. Es ist einfach viel zu schön, Matthew Pryor dabei zuzuhören, wie er zu fröhlich geschredderten Fuzzgitarren unverdrossen vom Erwachsenwerden erzählt, das bei ihm auch auf den acht Alben zuvor so aufrichtig männerbewegt sympathisch klang, als sei er der einzige Kerl auf einer feministischen Poolparty. Nicht neu, nicht alt, nicht weltbewegend, nicht banal, einfach ewig The Get Up Kids.


Constantin Lieb: Arte, Eden & Dominik Graf

Fiktion ist subtiler

Obwohl der Nachwuchsautor Constantin Lieb (Foto: Antony Sojka) vor sechs Jahren noch weithin unerfahren war, hat ihn Arte für sein sechsteiliges Flüchtlingsdrama Eden verpflichtet, das derzeit mittwochs in der ARD läuft. Im Interview spricht der 32-Jährige über das europäische Großprojekt, amerikanisierten Kitsch in Serie und warum er gern mit Platzhirschen wie Dominik Graf arbeitet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lieb, während zeitgeschichtliche Ereignisse oft Jahrzehnte brauchen, bis daraus fiktionale Fernsehunterhaltung wird, hat es die sogenannten Flüchtlingskrise sofort zu Dutzenden von Spielfilmen und Seriengeführt. Woher rührt dieses Tempo?

Constantin Lieb: Es gab sogar vor Eden großartige Verfilmungen wie Maggie Perens Die Farbe des Ozeans. Unabhängig davon vollzieht mediale Berichterstattung sich aber generell in Wellen, die je nach Intensität auch das Thema Migration immer mal wieder an die Oberfläche spült – im Autorenkino der Siebziger etwa zum Thema Gastarbeiter.

Allerdings mit großer Verzögerung. Die Anwerbung von Gastarbeitern war schon 1973 beendet. Wie erklären Sie sich die Echtzeit, in der Migration derzeit verarbeitet wird?

Mit dem Hochdruck, unter dem dieses Thema unumgänglich ins kollektive Bewusstsein geraten ist. Es wurde in gewisser Hinsicht unmöglich, einfach wegzuschauen. Wir thematisieren ja etwas, das nicht Teil der Geschichte ist, sondern Tag für Tag für jeden relevant und damit die Politik zum Handeln zwingt. Sich damit nicht nur dokumentarisch auseinanderzusetzen, sondern fiktional, sehe ich als Chance. Fiktion ist emotionaler. Und subtiler. Für viele Menschen sind das unglaubliche Leid und die Strapazen auf der Flucht weiterhin abstrakt. Insofern ist die Fiktion auch eine Möglichkeit der Sensibilisierung.

Erwarten die Zuschauer womöglich sogar vom Fernsehen, ein derart schwelendes Thema umgehend auch fiktional aufzugreifen, um dafür sensibilisiert zu werden?

Erwartungen sind schwer einzuschätzen und noch schwerer zu erfüllen. In einem Land mit so starkem öffentlich-rechtlichen Rundfunk dürfen, ja sollten wir allerdings eine gewisse Erwartungshaltung an die Sender und ihre Verantwortung stellen – auch im Kontrast zu Privatsendern und Streamingportalen, also jenseits marktökonomischer Mechanismen. Dieser Auftrag ist auch eine Chance zur Profilbildung gegenüber dieser vermeintlichen Konkurrenz.

Gab es demnach Direktiven von Arte, das Thema in einer publikumswirksamen Tonalität und Stoßrichtung umzusetzen?

Was ich in der gesamten Entwicklungsphase nach meinem Einstieg in das Projekt erlebt habe, ist eine unglaubliche Offenheit hinsichtlich des dramaturgischen Zugangs und der politischen Haltung. Da haben wirklich alle an einem Strang gezogen, das Thema so realistisch und wertfrei wie möglich und konsequent multiperspektivisch zu erzählen. Es gab zu keiner Zeit Einwände, irgendwas könnte zu drastisch oder verharmlosend dargestellt werden.

Dennoch bedient Arte gewisse Zielgruppen stärker als RTL2. Sollten Sie der kultivierten Filterblase da nicht unterschwellig auch die Schattenseiten der Migration zeigen?

Es war stets unser Anliegen, nicht nur eine Seite dieses brisanten Themas zu zeigen. Dabei haben wir auch immer wieder darüber gesprochen, wie jene zu erreichen sind, die Ressentiments gegen Flüchtlinge hegen. Ich glaube nicht, dass Fernsehen Menschen in die eine oder andere Richtung nachhaltig beeinflussen, also politische Einstellungen verändern kann, aber es gibt Denkanstöße und regt zum Dialog an, ohne zu belehren. Aggressivität basiert ja in der Regel auf Angst, Unkenntnis, Distanz und Fremdheit; all dies kann Fiktion eindämmen. Allerdings nur, wenn man ein Thema wie dieses nicht ausnutzt, um rein unterhaltend zu sein.

Also eine Liebesgeschichte ins Zentrum stellen?

Das wollten wir keinesfalls! Es ging bei aller Komplexität um Augenhöhe aller Protagonisten. Worum es nicht ging: irgendeine Art Wahrheit zu präsentieren oder die Fiktion durch Schauwert, Cliffhanger, emotionalen Kitsch zu amerikanisieren. Ich finde es erschreckend wie sehr deutsche Serienmacher teilweise versuchen, einen bestimmten internationalen Style zu kopieren, der die eigene Identität ignoriert. In unserem Zentrum stehen die Motivationen und Konflikte unserer Protagonisten, ohne Hierarchie und Zuordnung von „richtig“ oder „falsch“.

Wie wird man bei so einem Thema sechsmal 45 Minuten nie pädagogisch?

Indem wir keine der Figuren bloß als gut oder böse darstellen. Eine Unternehmerin zum Beispiel, die ein Konzept erarbeitet hat, wie man Camps privat führt, ließe sich leicht als neoliberale Antagonistin selbstloser Helfer aufbauen. So einfach ist es aber nicht. Sie will in diesem Multimillionen-Markt zwar Geld verdienen, aber mit einem Weitblick, der auch das Wohl der Betroffenen im Auge behält, also nicht nur auf Wachstum gerichtet ist, sondern auch auf das Potential jener Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen.

Aber entstammt solch eine Figur nicht dramaturgischem Wunschdenken?

Nein, die gesamte Fiktion basiert auf akribischer Recherche. Wir hatten umfassenden Zugang zu Nichtregierungsorganisationen, der EU und verschiedenen Flüchtlingscamps, haben NGO-Mitarbeiter getroffen, Politiker, Rechtsexperten, Flüchtlinge und Menschen, die sich mit Schmugglern auskennen. Es war dem gesamten Team ungeheuer wichtig, keine Märchen zu erzählen, sondern der Wirklichkeit so nah wie möglich zu kommen.

Haben Sie in der kurzen Zeit, in der Sie als Autor tätig sind, je so umfassend geforscht?

Nie. Es war von Beginn an klar, dass man sich bei solch einem Projekt verpflichtet, ununterbrochen daran zu arbeiten und keine anderen Stoffe parallel entwickelt, wie es oft der Fall ist. Anfangs war ich daher kurz davor, abzusagen; der Respekt, fast die Angst vor der Komplexität war enorm. Gerade deshalb habe ich es aber doch gemacht; schon, um an dieser universellen, oft tagesaktuellen Herausforderung im permanenten Austausch mit allen zu wachsen.

Permanenter Austausch mit allen kann allerdings auch bedeuten, dass einem ständig andere in die Arbeit hineinreden!

Grundsätzlich ja, ich habe es allerdings zu keinem Zeitpunkt so empfunden. Mit etwas Erfahrung findet man heraus, wer bloß aus subjektiver Haltung statt inhaltlicher Beschäftigung Einfluss nimmt. Dies war aber bei keinem im Team der Fall. Eden war für alle Beteiligten ein Ausnahmeprojekt und für mich die Chance, mich zu beweisen und zu lernen.

Begonnen hat das Projekt allerdings mit anderen Autoren…

…richtig. Die Grundidee etwas über die politische Situation in Europa zu machen stammt von Felix Randau und Jano Ben Chaabane. Edward Berger hat dann als erster Regisseur mit Nele Mueller-Stöfen, Marianne Wendt und Laurent Mercier den Stoff entwickelt. Er ist allerdings ausgestiegen, um Patrick Melrose zu drehen. Damit hat sich auch die Autorensituation neu formiert.

Bis dahin war nur eins ihrer mittlerweile drei langen Bücher realisiert worden – Detlev Bucks Asphaltgorillas. Wie bitte kam ein Jungautor wie Sie zu diesem Riesenprojekt?

(lacht) Als Dominik Moll das Projekt als Regisseur übernahm und damit auch der ästhetische, narrative Zugang wechselte, sollte ich zunächst zwei Bücher schreiben. Der Produzent Felix von Boehm, mit dem ich schon lange eine große Vertrauensbasis habe, hat mich schließlich mit seiner Begeisterung fürs Projekt angesteckt und ich konnte mich mehr und mehr einbringen. Die Rolle des Headautors hat sich dann sukzessive herauskristallisiert, da Dominik und ich eine sehr gute Arbeitsbeziehung entwickelt haben. Außerdem bin ich ein Freund des multigenerationellen Arbeitens, das auch bei Detlev Buck und Dominik Graf gut funktioniert hat.

Spüren Sie dennoch ein hierarchisches Gefälle zu den Platzhirschen?

Überhaupt nicht, ehrlich. Das beste Argument gegen Hierarchien ist Qualität, Offenheit und Reflexionsvermögen. Auch Selbstironie sollte man nicht unterschätzen – egal mit wem und für was ich arbeite.

Sehen Sie Ihre Zukunft eher im neuen Kino Serie oder im alten Kino Kino?

Definitiv sowohl als auch. Ich kann und will Serie nicht ohne Kino denken. Es ist fatal, wenn man durch den sich weiter aufblähenden Hype das Kino als Medium vergisst. Als sozialer Ort des Erzählens ist es einmalig und wird es immer bleiben, egal wie groß die Retina-Displays dieser Welt auch sein werden.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen

24h Europe: Echtzeit & Wahrhaftigkeit

Europareise

Nach Berlin, Jerusalem und Bayern hat ein gewaltiges Team um den Filmemacher Volker Heise (Foto: RBB) den gesamten Kontinent in Echtzeit erkundet. Das Resultat steht seit Samstag in der Mediathek und ist nicht weniger als ein dokumentarisches Meisterwerk im Dienste vielfältiger Eintracht.

Von Jan Freitag

Der See, in den Rakel und Lovisa am Morgen einer durchwachten Mittsommernacht springen, ist trotz fast pausenloser Junisonne eiskalt –das spürt man am Nebel über Helsinkis Waldboden, das sieht man an den Augen der zwei Schülerinnen, das tönt aus jedem ihrer quietschvergnügten Schreie. Schließlich ist ein Bad um diese Zeit der ideale Wachmacher für sie, für uns, für alle. Denn wer den beiden beim Schwimmenin einem derAbertausend finnischen Gewässer zusieht, hat sich zwölf Monate später samstags vor sechs aus dem Bett geschält, um etwas Beispielloses zu erleben.

Bei Rakel und Lovisa ist es ein sensationell sorgloser, irgendwie aufregender, wiederholt wunderbarer Wochenendfrühsommertag, wie ihn wohl nur Teenager genießen. Bei ihrem Publikum hingegen ist es ein sensationell berauschender, irgendwie unfassbarer, wiederholt sehenswerter Beitrag des Kulturkanals Arte, der es zehn Jahre nach 24h Berlin wieder mal getan hat: einen Mikrokosmos so intensiv unter die Lupe zu nehmen, dass man buchstäblich nicht nur dabei ist, sondern wirklich mittendrin. In 24h Europe.

So heißt die Erweiterung von Volker Heises Panoptikum grundverschiedener, seltsam vertrauter Daseinsentwürfe, die von Deutschlands Hauptstadt übers welthistorisch noch wuchtigere Jerusalem nach Bayern führte und von dort aus nun kontinental erweitert wird. Statt Tempelhof und Tempelberg hat der versierte Dokumentarist am vorigen Samstag von 6 Uhr bis Sonntag um die selbe Zeit also gleich 26 Länder erkundet. Vergleichen mit den vorhergehenden Ausflügen in den Alltag grundverschiedener Menschen auf begrenztem Raum, sagt Volker Heise über diese Perspektiverweiterung, „war ein echter Quantensprung“.

Und weil der so gewaltig war, musste er sich Hilfe suchen. Nach drei vierundzwanzigstündigen Langzeitbeobachtungen als Showrunner hat der Produzent die künstlerische Verantwortung an Britt Beyer und Vassili Silovic abgegeben. Das Konzept jedoch bleibt identisch: Zwischen Island und Kreta, Atlantik und Ural begleiten 45 Teams 60 Protagonisten zwischen 18 und 30 Jahren im Spannungsfeld eines riesig kleinen Lebensraums von gut 10.000 Quadratkilometern Größe, den noch niemand zuvor in dieser Dichte beleuchtet hat.

Nach dem Anbaden der finnischen Schülerinnen zum Beispiel wandern die Kameras vom Plattenbau des russischen Stahlarbeiters Andreij zum Flüchtlingsschiff der italienischen Seenotretterin Chloé und zurück. Sie beobachten Taxifahrer und Geschäftsleute, Azubis und Arbeitslose, Bauern und Ingenieure, Ärzte und Patienten, Tagediebe und Workoholics, Naturliebhaber, Clubgewächse. Und während sich erstaunlich viele der jungenLeute in Empathie und Mitgefühl für andere üben, bereitet sich die hessische AfD-Aktivistin Marie ebenso wie ein polnisches Wehrsportgruppenmitglied eher aufs Gegenteil vor.

So widersprüchliche, zugleich jedoch engverbundene Einzelschicksale verbindet Arte also erneut zu einer soziokulturellen Echtzeitarchäologie, die im Licht der anstehenden Europawahl etwas Beispielloses versucht: Aus maximaler Differenz größtmögliche Nähe zu generieren. Es gehe um ein Gefühl von Verbundenheit, sagt Volker Heise. In 1440 Minuten Konzentrat Hunderter Drehstunden Sendezeit gelingt ihm das erneut mit verblüffendem Unterhaltungswert. Und das, obwohl sich der empathiefördernde Faktor Lokalkolorit auch aus deutscher Sicht auf einen Bruchteil der Charaktere reduziert.

Wie in der Dramaserie Eden, die das Megathema Migration – wenngleich bisweilen etwas konventionell – an gleicher Stelle fiktionalisiert, geht es Heises Team schließlich um neue Sichtachsen im Dienste des europäischen Projekts. Die permanenten Ortswechsel verlangen dem Zuschauer dabei zwar ein hohes Maß an Konzentration ab, der bis in den fünfzehnminütigen Abspann reicht. Wer bis zum Schluss dranbleibt, wird jedoch mit frischem Wind durchs brexit-, populismus, krisenwunde Gemüt belohnt und stellt sich unvermeidbar die Frage, wo das eigentlich noch hinführen soll – 24h Welt oder zurück ins Dorf? „Wir werden sehen“, sagt Volker Heise. Es klingt wie ein Versprechen.


Decibelles, Flamingods, Spelling

Decibelles

Angeschnauzt werden will ja eigentlich selbst dann niemand so richtig gerne, wenn ein wenig Distanz zwischen Absender und Adressat des Anschnauzens liegt. Wer sich das zweite Album der Decibelles anhört, spürt zudem sogar fast physisch, wie die Spucke durch den Raum fliegt – so derart ruppig schnauzt uns das Punktrio aus Lyon an. Und dann klingen dessen Riffs auch noch ein bisschen wie die dauernden Becken-Exzesse, ein einziger Hochfrequenzbrei, mit Schwung von der Bühnenkante ins Publikum geschleudert. Komisch, dass man sich dort trotzdem instinktiv hinsehnt wie auf ein eskalierendes Festival im warmen Sommerregen. Ist aber so.

Denn Rock Francais mag ein zwölfteiliger, punkgerecht dreißigminütiger Schlag in die Magengrube sein; was die zwei Jugendfreundinnen plus Kumpel aus Lyon da mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Gesang anstellen, der selten unter volles Brett brüllt, gilt nicht ohne Grund als Reinkarnation früherer Rrrriot Grrrls von Team Dresch bis Sleater Kinney mit ähnlich feministischem Furor, aber chaostheoretischer zubereitet. Mehr noch, als beim Vorgänger Tight nämlich schreddern Fanny, Sabrina und Emile ihren Hardcore mit Noise-Elementen, streuen aber auch immer mal wieder mal fast balladenartigen Edgy Pop à la Manger son Ex ein. So macht selbst Angeschnauztwerden doch Spaß.

Decibelles – Rock Francais (Surprise Records)

Flamingods

Nicht annähernd so brüllender Sound, aber ähnlich brillanter Name zu einer gigantischen Portion Aberwitz – das sind die Flamingods aus London. Nach einer epischen Weltreise durch alle Einflussfaktoren zeitgenössischer Musik, insbesondere in Afrika und Südamerika, wirft das Quartett auf seiner vierten Platte alles in die Klangschale, was Pop zu Pop macht, ohne Pop, also shallow, berechnend und blöde zu sein. Denn heillos überbrachtet mit Myriaden teils naturalistischer, teils hochtechnologischer Gerätschaften, filetieren Kamal Rasool, Charles Prest, Karthik Poduval und Sam Rowe das, was mal Weltmusik hieß, und machen daraus ein galaktisches Durcheinander.

Wie auf den Alben zuvor zeigt es sich Levitation als psychedelisches Discofunk-Kompendium, in dem alles möglich ist, aber nichts nötig, das bei aller Filigranität dem Chaos huldigt und doch nie manieriert, gar unfertig klingt. Schon der Opener Paradise Drive zeigt dabei, wohin die wilde Fahrt elf Tracks lang geht: auf einen Roadtrip entlang der Fahrbahnmarkierungen von Talking Heads bis Monster Magnet mit ein paar Abzweigungen Richtung Grizzly Bear, Foxygen, Tame Impala. Wer sich auf dem großvateralten Feld intrinsischer Rockmusik bewegt, muss mit Referenzgruppen leben; dennoch sind die Flamingods in ihrer synthiegemästeten Verschrobenheit einmalig. Ein bisschen zumindest.

Flamingods – Leviation (Moshi Moshi)

Spelling

Und wo wir grad beim Thema Psychologie sind: Auch Chrystia Cabral bewegt sich mit ihrem Projekt Spelling tief in den Abseiten ihrer eigenen Seele, dort also, wo selbst Fachleute nur mit Abertausend Sitzungen auf der Couch hingelangen. Wer sich ihr zweites Album Mazy Fly anhört, käme daher nie auf die Idee, sie würde aus der kalifornischen Bay Area stammen, wo selbst im Winter ständig die Sonne scheint und Strandpartys als Menschenrecht gelten. Eher schon verortet man den Sound im London der frühen Neunziger, als Bands wie Tricky oder Massive Attack aus HipHop und Electrowave konzentrierten Schwermut gemacht haben.

Dabei ist Mazy Fly gar nicht wesensmäßig, also grundsätzlich mies gelaunt; die getragenen, oft leicht opernhaften Arrangement klingen nur einfach, als seien sie in Opiumhöhlen auf Absinth entstanden und wühlen sich nun mühsam kriechend zurück ans Tageslicht. Golden Numbers zum Beispiel erinnert zwar an eine der düsteren Kellerkuren frühfreudscher Psychoanalyse, mit Wassertherapien und Zwingsessel; zugleich aber flirrt ein artifizielles Glockenspiel durch knapp drei Minuten, die fast ein wenige R’n’B verströmen, während Under the Sun kurz darauf eher nach Siebziger-Soundtrack als Trübsinn klingt. Trotz aller Drones und Cellos muss man darüber also nicht in Depression verfallen.

Spelling – Mazy Fly (Cargo)