Mittekill, Maria Taylor, Nothing But Thieves

mittekill-die-montierte-gesellschaftMittekill

Das derzeit interessanteste Durcheinander deutscher Herkunft stammt mal wieder von Mittekill. Auch auf seinem vierten Album kompiliert Friedrich Greiling – mittlerweile solo – 13 Stücke, die stilistisch scheinbar wenig mehr miteinander zu tun haben als den verspielten Aberwitz eines Soundbastlers aus Berlin, der aus dem schier unerschöpflichen Fundus seiner Rechner verknüpft, was der Kosmos des Synthiepops hergibt. Diesmal allerdings tut er es mit einem Leitthema, das sich bereits im Titel Die montierte Gesellschaft andeutet: Es geht um Flüchtlinge, denen Mittekill aus dem Herzen ihres kindlich verspielten Musikalität das Suffix “Krise” entziehen und durch politischen Dadaismus ersetzen.

In 4000 Kilometer etwa wird Migration mit Männerchor und Tuba zum absurden Theater, das ABC der Integration zwei Stücke weiter zum Technobeat gepaukt, und wenn die Bürokratisierung der (Un-)Willkommenskultur mit übertrieben ausländischem Akzent auf der Agenda steht, paart sich politischer Ernst mit hedonistischer Seriosität, die sogar tanzbar ist. Lacht kaputt, was euch kaputt macht: Mittekill hat selbst an dieser verheerenden Gegenwart im Kollektiv Betroffener Spaß. Freuen wir uns doch mit über dieses fabelhafte Experiment des fröhlichen Falismus!

Mittekill – Die montierte Gesellschaft (WELTGAST music)

tt-16-taylorMaria Taylor

Nicht ganz so experimentell, nein – überhaupt gar nicht experimentell, sondern mit Verlaub eher konventionell klingt hingegen jemand, deren Name allein schon so gewöhnlich wirkt wie hierzulande Thomas Müller. Dennoch ist es wichtig, ja unerlässlich, an dieser Stelle mal ausdrücklich all jene auf Maria Taylor aufmerksam zu machen, die sie nicht ohnehin bereits kennen, was trotz 25 ihrer 40 Jahren auf Erden im Musikgeschäft mit fünf Solo-Platten seit 2005 und einer ganzen Reihe von Bands durchaus möglich ist. Maria Taylor macht nämlich eine Art Indiefolk, die keinerlei Anspruch auf Exklusivität beansprucht, aber gerade dadurch unglaublich angenehm klingt.

Vom Trump-Land Alabama rechtzeitig nach Kalifornien gezogen, macht die zweifache Mutter nämlich auch auf ihrem sechsten Album unterm eigenen Namen dezent bandbegleitete Americana, mit der sie in keiner Fußgängerzone stören, aber in Windeseile zahllose Konsumenten kurz zum Verweilen einladen würde. Durch die ganze Tiefenentspanntheit einer Frau in den, pardon, besten Jahren bohrt sich In The Next Life mit Taylors gern gedoppelter, stets ausdrucksstarker Stimme nämlich direkt in die Seele. Und wenn es ein bisschen cheezy zu werden droht, nimmt sie etwas Tempo auf und macht aus dem Flower-Power-Pop alternativen Rock mit Anspruch und Ausdruck und Orgel aus dem Hamburger Grand Hotel van Cleef. Schön.

Maria Taylor – In The Next Life (Grand Hotel van Cleef)

Live in London

nothing_but_thieves_credit_sony-2Nothing But Thieves

Es gibt drei Voraussetzungen, die Weltbühne des Pop zu erobern: Man sollte möglichst massentaugliche Musik machen. Man sollte angloamerikanischer Herkunft sein und ganz wichtig: mindestens der Mensch am Mikro sollte maximal makellos sein, Tendenz Rampenschönheit. Bis auf Punkt zwei sind das keine idealen Voraussetzungen für Conor Mason, Sänger und Kopf einer Band, die durch alles Mögliche besticht, nicht aber Massentauglichkeit oder Schönheit an der Weltbühnenkante: Nothing But Thieves. Wie egal so etwas im Mutterland fast aller Sounds von heute sein kann, zeigte sich jedoch am Samstag in der Brxton Academy, einem dieser unzähligen Tempel des Londoner Musikolymps, jugendstilprächtig und voller Geschichte. Als der klitzekleine Connor mit dem zerknautschten Knuddelgesicht das fast hundertjährige Theater betreten hatte, geschah nämlich Seltsames: 5000 Besucher rasteten kollektiv aus, wie sie es schon bei den zwei Vorgruppen, ja selbst der gemeinsam mitgesungenen Pausenmusik vor Aufregung getan hatten.

Textsicher bis in die hinterletzte Reihe des riesigen Ranges, sang es praktisch jeden Track einer Band mit, die hierzulande kaum jemand kennt, in ihrer englischen Heimat aber ganze vier Jahre nach der Gründung längst zum Heißesten zählt, was dem Durchlauferhitzer britischer Gitarrenmusik zurzeit entfährt. Und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die fünf Mittzwanziger aus Essex einen sehr straighten, oft räudigen, jedenfalls konsequent analogen Rock’n’Rollnothing_but_thieves_credit_sony-1 durch die gewaltige Lichtshow hämmern, der immer wieder vom vielleicht seltsamsten Gesang des Popbiz konterkariert wird. Musikalisch irgendwo zwischen Arctic Monkeys und Arcade Fire, untermalt Connor Mason das Ganze stimmlich im theatralischen Volumen von Freddy Mercury oder Spandau Ballet. Und trotz aller Melodramatik sorgt diese seltsame Mischung in der Brxton Academy mehr noch als auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum für eine Rätselhaftigkeit, die selbst Außenstehende mitreißt. Von den seligen Gästen des rasend schnell ausverkauften Abschlusskonzerts ihrer britischen Tour ganz zu schweigen.

Ein wuchtiger, verträumter, manchmal zu pathetischer, aber durchweg stimmiger Auftritt daheim, wo die Band anschließend allen Ernstes ihre Familien im Backsagebereich zum Feiern begrüßte. „Das ist hier einer der größten Momente meines Lebens“, sagte Connor dort aus seiner sympathischen Knautschzone, größer noch, als voriges Jahr, beim Support der stilistisch artverwandten Muse in Köln vor 15.000 Besuchern. Demnächst dürften sie eigens für Nothing But Thieves kommen.


2 Bier – 1 Platte

marthe-boseDer Fall Böse & Tom Waits

Der Fall Böse feiern in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bandbestehen. Mit Phönix Baby! ist im Oktober das siebte Studioalbum der Jungs aus St. Pauli erschienen. Björn aka Burns ist nicht nur Sänger der Band, sondern auch DJ und das, was man wohl einen echten Musikjunkie nennt. Deshalb hat er sich mit mir auf zwei Bier im Haus 73 getroffen, um über eine Platte zu sprechen – nicht irgend eine, seine Lieblingsplatte.

Von Marthe Ruddat 

Dringende Empfehlung der Autorin: Legt genau jetzt Tom Waits’ Rain Dogs auf.

Björn aka. Burns: Eine besondere Platte, das hätten natürlich echt viele sein können. Ich bin vorhin noch mal meine Sammlung durchgegangen. Letztendlich habe ich mich aus vielerlei Gründen für ein Tom Waits-Album entschieden. Und zwar Rain Dogs.

Rain Dogs erschien 1985. Das Album wurde ein echter Kritikerliebling und vielfach als Meilenstein der 80iger betitelt. Die Songs Jockey Fullof Bourbon und Tango Till They’re Sore sind in Jim Jarmuschs Film Down by Law zu hören.

freitagsmedien: Warum muss es genau dieses Album von Waits sein?

Der Wichtigste ist eigentlich, dass es das erste Album war, das total anders klang, als alles andere, was ich bis dahin gehört hatte. Ich war damals noch total jung, 15 oder so. Ich hab nur Punk und Hardcore gehört und meine Protestnummer durchgezogen, wie man das halt so macht. Meine große Schwester und ihr Freund hatten eine riesen Plattensammlung, das war quasi meine musikalische Früherziehung. Und dann haben die plötzlich Rain Dogs aufgelegt und ich dachte nur: Krass!

Krass, weil…?

Ja, ich weiß, es ist Tom Waits. Aber man darf das ja mal jemanden erzählen lassen!

Zum Beispiel, weil der Schlagzeuger da mit irgendwelchen Klöppeln an Lampen haut, um die Beats zu machen. Solche Sachen passieren ganz viel auf diesem marthe-waitsAlbum. Und dann einfach diese Stimme von Tom Waits. Das war alles ein totaler Bruch mit der Musik, die ich vorher so gehört habe. Witziger Weise habe ich später herausgefunden, dass das Coverfoto und die Fotos im Album aus dem Café Lehmitz sind. Irgendein schwedischer Fotograf hat mal eine Fotoreihe über das Lehmitz gemacht und die ganzen besoffenen Pärchen da fotografiert. Und auf dem Cover der Rain Dogs ist genau so ein Pärchen zu sehen. Ich finde das besonders schön, weil wir unser erstes Konzert im Lehmitz gespielt haben und Anfang der 2000er sogar die Hausband dort waren. Das ist irgendwie eine ganz schöne Geschichte und die musste ich mir nicht mal ausdenken!

Der schwedische Fotograf heißt Anders Petersen. Sein Bildband Café Lehmitz erfährt immer noch große Anerkennung und wurde 2014 noch einmal neu aufgelegt.

Tom Waits ist für seine melancholisch-düsteren Texte bekannt. Worum geht es auf der Rain Dogs?

Auf der Rain Dogs geht es meistens um die verlorenen Leute. Es geht um Prostituierte, es geht um Trinker, es geht um Drogenabhängige, um eigentlich traurige Leute, die aber gar nicht wissen, dass es ihnen schlecht geht und sich auch nicht beschweren.

Wie laut.de schreibt, sagte Tom Waits einmal über den Titel seines Albums: „’Rain Dogs’ ist ein Begriff, den ich für jene armen Teufel schrieb, die ohne Heim in den Hauseingängen schlafen. Hunde im Regen verlieren ihren Orientierungssinn, weil das Wasser all ihre Markierungen und Geruchsspuren erbarmungslos hinfort spült. Du siehst diese Gestrandeten nach dem großen Regen überall auf den Straßen, wie sie den Kopf nach dir drehen, und ihre flehenden Augen bitten dich, ihnen den Weg nach Hause zu zeigen. Es ist aussichtslos. Genau wie sie sind all die besungenen Leute auf diesem Album miteinander verbunden. Zusammen genäht von einem Faden aus Schmerz und Unannehmlichkeiten.“

Fühlst du dich davon persönlich angesprochen?

Tom Waits erzählt auf diesem Album Geschichten und deshalb habe ich mich davon natürlich angesprochen gefühlt. Ich finde die kaputten Themen und Menschen einfach viel interessanter, als die leuchtenden Dinge des Lebens. Die interessieren mich nicht wirklich.

Marthe1Hat die Musik von Tom Waits deshalb auch deine eigene Musik beeinflusst?

Ja total, sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Der Fall Böse mache ich ja nicht alleine, da sind noch sechs andere, die auch ein Wörtchen mit zu reden haben. Aber Tom Waits’ Art, mit Sprache umzugehen hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert. Es geht darum, nicht immer nur das Naheliegendste zu suchen, sondern den Leuten und auch sich selbst Rätsel aufzugeben. Ja, das klingt ziemlich prall, ich weiß. Aber mein Ziel ist, dass die Leute, die unsere Songs hören, zum Nachdenken angeregt werden und ihre ganz eigenen Interpretationen für die Texte finden. Das ist ja auch viel spannender, als das alles so vorzukauen.

Wer die auf eurem neuen Album besungene Mathilda ist, ist also auch Interpretationssache?

Ja, Mathilda ist keine bestimmte Person. Eigentlich ist der Song tatsächlich eine Fortsetzung eines Liedes von Tom Waits, von Waltzing Mathilda. Genau genommen ist es keine Fortsetzung, aber als wir gerade einen Namen für den Song gesucht haben, habe ich Waltzing Mathilda gehört. Das ist ein sehr trauriges Lied und die Person in unserem Song ist auch sehr traurig. Deshalb bin ich darauf gekommen. Unsere Mathilda bekommt aber noch die Kurve, also vielleicht…

 

Tom Waits – Waltzing Mathilda aka Tom Traubert’s Blues

 

Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I’ve got what I paid for now

See you tomorrow, hey Frank, can I borrow a couple of bucks from you

To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

I’m an innocent victim of a blinded alley

And I’m tired of all these soldiers here

Noone speaks English, and everything’s broken, and my Stacys are soaking wet

To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

Now the dogs are barking and the taxicab’s parking

A lot they can do for me

I begged you to stab me, you tore my shirt open,

And I’m down on my knees tonight

Old Bushmill’s I staggered, you’d bury the dagger

In your silhouette window light

To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

Now I lost my Saint Christopher now that I’ve kissed her

And the one-armed bandit knows

And the maverick Chinamen, and the cold-blooded signs,

 

And the girls down by the striptease shows, go

Waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

No, I don’t want your sympathy, the fugitives say

That the streets aren’t for dreaming now

And mans laughter dragnets and the ghosts that sell memories,

They want a piece of the action anyhow

Go waltzing Matilda, waltzing Matilda,

You’ll go waltzing Matilda with me

 

Hat es Dir auch auf der Rain Dogs ein Song besonders angetan?

Hm, ich kann das gar nicht auf einen Song runterbrechen. Das ganze Album ist einfach toll. Grundsätzlich entwickelt jeder Song sein ganz eigenes Szenario, tief traurig, manchmal mit einem Dreh ins Positive, manchmal aber auch nicht. Es gibt einen Song, mit einer ganz spannenden Geschichte, Downtown Train. Tom Waits selber mochte das Lied gar nicht. Rod Steward hat es dann später gecovert und zu einem richtigen Welthit gemacht.

Rod Steward coverte nicht nur Downtown Train, sondern eben auch Waltzing Mathilda.

Wenn Du Tom Waits mal treffen würdest. Was würdest Du ihm sagen oder ihn fragen?

Da wäre ich wahrscheinlich… (überlegt kurz), ja ich wäre wahrscheinlich starr vor Angst. Irgendwie macht der Typ mir auch einfach Angst. Ich mag diesen Verehrungsbegriff nicht und idealisiere auch nicht gerne Menschen oder Dinge, aber ich habe einen solchen Respekt vor diesem Talent und diesem Irrsinn. Wenn ich es mir ausmalen könnte, dann würde ich unheimlich gerne einen sehr guten Whiskey aufmachen und eine Zigarre anzünden und das Gespräch einfach irgendwohin fließen lassen. Einzelne Fragen würden der Sache einfach nicht gerecht. Ein Traum von mir wäre tatsächlich, Tom Waits mal live zu erleben. Aber er spielt ja leider nur sehr wenige Konzerte, und wenn, dann irgendwo in Schottland unter der Erde oder so.

Der Fall Böse legen zum Glück eine andere Konzert-Mentalität an den Tag und sind gerade mit ihrem neuen Album Phönix Baby!auf Tour. Am 14.12.2016 spielen sie in Hamburg unter der Erde, im Mojo. Mathilda wird auch da sein. Weitere Infos und Tickets gibt’s hier.


Falsche Olympiaden & gefakte Dokus

TVDie Gebrauchtwoche

28. November – 4. Dezember

Nun ist es also amtlich: Katharina Blums Einsätze am Bodensee, vom Gros der Fans konsequent, aber fälschlich „Tatort“ genannt, der ja eigentlich ansehnliche Kriminalunterhaltung bezeichnet, sind seit vorigen Sonntag endlich Geschichte. Und dann noch das: die Olympischen Spiele, vom Gros der Medien konsequent, aber falsch „Olympiade“ genannt, die ja nur den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Spielen bezeichnet, werden bis 2024 ausschließlich von Sendern der Discovery-Gruppe gezeigt, hierzulande also neben Pay-TV vor allem: Eurosport.

Das ist in der Tat jene Zäsur, die ARD und ZDF nun angemessen lautstark beklagen, ohne in Tränen auszubrechen. Mehr als 150 Millionen Euro für ein paar Häppchen – und das ohne Digitallizenzen – waren beiden dann doch zu viel. Was zwei Folgerungen nahelegt: Fernsehsport ist für die Platzhirsche vor allem Fußball, der ihnen jeden noch so hohen (Gebühren-)Betrag wert ist. Und die private Konkurrenz? Will gar keine öffentlich-rechtlichen Partner im Boot, um das Publikum langfristig von ihnen zu entwöhnen.

Das hat drei Konsequenzen: Da Discovery rein wirtschaftlich tickt, wird es unwirtschaftliche Sportarten, sagen wir: Gehen, zugunsten lukrativer, sagen wir: Sprinten, in die hinterletzten Programmecken verbannen. Zumal (zweitens) Eurosport mitsamt des Mackerkanal DMAX alles andere als objektive Chronisten des Olympischen Events sind, sondern Teile desselben, die sich produktschädigende Berichte über Themen wie Doping oder Korruption tunlichst verkneifen werden. Was zum dritten Punkt führt: ARZDF können ihr hyperpatriotisches Jubelpersertum endlich durch distanzierte Analysen ersetzen und dem Staatsauftrag damit gerecht werden.

Schöne alte Medienwelt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. -11. Dezember

An die erinnert auch Blacktape. In seiner ZDF-Doku reist Sékou Neblett heute um 0.15 Uhr in die Zeit des öffentlich-rechtlichen Monopols, als Videos noch bei Peter Illmann statt MTV, geschweige denn Youtube liefen. Der Filmemacher sucht den Künstler Ti Gon, der vor rund 40 Jahren als Erster auf Deutsch gerappt haben soll. Begleitend zu Wort kommt auch das Who-Is-Who des hiesigen HipHop: Max Herre, Thomas D., Samy Deluxe, Haftbefehl – solche Kaliber. Gemeinsam jagen sie ihren legendären Vorreiter. Allein – den gibt‘s gar nicht! Nebletts Film ist eine Mockumentary, gibt sich mit Wackelkamera, Interviews und viel Musik also nur den Anschein dokumentarischer Authentizität.

Da Dichtung und Wahrheit Richtung Finale aber zusehends wild ineinander rauschen, wird Blacktape zur grandiosen Geschichtsstunde des hiesigen HipHop. Fiktion kann so wahrhaftig sein! Ein Motto, das wirklich nicht auf jede Erzählung dieser Woche zutrifft. Im Piloten der neuen Krimireihe Wolfsland zum Beispiel schickt die ARD am Donnerstag erneut inländische Ermittler ins Ausland – diesmal die Hamburger Kommissarin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) nach Görlitz, wo natürlich bizarr gemordet wird. Tags drauf deliriert sich Arte zur besten Sendezeit ein weiteres Frauenschicksal des Fin de siècle schön: Die Glasbläserin erfindet historisch verbürgt die Christbaumkugel, agiert dabei aber eher ahistorisch erträumt wie ein weibliches Rolemodel von heute.

Dann doch lieber dystopischer Realismus aus Spanien, wo sich der junge Drogenkurier Farid in Cannabis an gleicher Stelle ab Donnerstag um 21.45 Uhr mit seinem Boss anlegt – und dabei in zwei Dreifachfolgen die Abgründe des Gangstermilieus erlebt. Den Mythen der Realität spürt ab Freitag Netflix nach, wenn die Macher der Myhthbusters drei äußerst telegene TV-Wissenschaftler beauftragen, den Wahrheitsgehalt so genannter White Rabbits zu erkunden – Ereignissen und Erfindungen, die oft zu verrückt sind, um wahr zu sein. Verrückt genug um unwahr zu sein ist offensichtlich Dirk Gentlys Holistische Detektei, in der Samuel Barnett ab Sonntag ebenfalls auf Netflix als verschrobener, aber brillanter Amateurdetektiv mit seinem Assistenten (Elijah Wood) acht schräge Fälle löst. Für den nötigen Aberwitz sorgt da schon der Vorlagengeber: Douglas Adams.

Realen Irrsinn zeigt die Wiederholung der Woche in Farbe: Neue Vahr Süd (Montag, 23.15 Uhr, NDR), Hermine Huntgeburths großartiges Prequel von Sven Regeners Lehmann-Trilogie mit Frederick Lau als Bundeswehrrekrut im Kalten Krieg. Ebenfalls und immer wieder empfehlenswert: Apocalypse Now Redux, der Director’s Cut von Coppolas Vietnam-Klassiker (Mittwoch, 0.00 Uhr, HR). Schon wegen des Alters von fast 100 Jahren ein schwarzweißes Erlebnis besonderer Art: Der rote Halbmond (Montag, 23.50 Uhr, Arte) von 1919, Frühwerk des ungarischen Filmpioniers Alexander Korda um die Auseinandersetzungen seiner Heimat mit dem Osmanischen Reich. Ab heute neu: die Tatort-Wiederholung, zum Auftakt von 1996 Schattenwelt (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) mit Bruno Ganz frühen Leitmayr/Batic-Fall um einen toten Obdachlosen. Mit auch schon 50 Jahren noch älter ist das legendäre Album Pet Sounds der Beach Boys, dem Arte am Freitag (21.45 Uhr) ein Plattenporträt widmet.


Pete Doherty, Nosizwe, Sonaa

tt16-dohertyPete Doherty

Was will man machen – Pete Doherty, der vielleicht letzte große Herzensrüpel im Mainstream des Pop, sorgt verlässlich für weiche Knie, wann immer man ihm beim Singen zuhört. Mit den Libertines tat er es das Anfang des Jahrtausends robuster, mit den Babyshambles nach deren Split sodann etwas gezähmter, doch egal an wessen Seite: stets verband das offensiv drogenaffine Milchgesicht aus London eleganten Britrock mit seiner hinreißend schnodderigen Stimme so schön zum unvergleichlichen Doherty-Sound, dass man ihm in den Arsch treten und einen Moment später knuddeln möchte. Das zeigt er nun auch auf seinem Solo-Album.

Weil er es im Hamburger Cloud Hill Studio aufgenommen hat, heißt es Hamburg Demonstrations. Um die selbsterklärte Heimstadt des Mythos vom deutschen Cool im Rock’n’Roll geht es zwar nur am Rande; ein paar lautmalerische Textfragmente auf Deutsch im Opener Kolly Kibber hier, etwas St.Pauli-Aura dort – das war’s schon. Aber man merkt den neun Stücken doch an, dass Pete Doherty die Atmosphäre des Kindergarten der Beatles gesucht hat, dass er auf der Suche nach etwas Nostalgie im zeitgenössischen Indierock war. Die hat er gefunden. Hamburg Demonstrations klingt wie so oft bei ihm herrlich verschroben und dabei eingängig, bisschen versoffenes Hafen-Flair, bisschen britische Lässigkeit und über allem diese Stimme. Zum Herzerweichen.

Pete Doherty – Hamburg Demonstrations (Clouds Hill)

tt16-nosizweNosizwe

Die Heimat in sich zu haben und sein Idol nebenan, kann das Herz selbst fern von beiden erwärmen. Die Heimat vor Augen zu haben und sein Idol noch dazu, das gleicht indes schnell einem Feuer, das alles auftaut, was lange eingefroren war. Die südafrikanische Songwriterin Nosizwe zum Beispiel kam in Norwegen zur Welt, fühlte sich aber erst nach dem Umzug ins Land ihrer Eltern wirklich zuhause und reifte bald zur festen Größe der regionalen Soulszene. Vervollkommnet wurde ihr Glück allerdings erst, als sie mit Anfang 30 die gleichaltrige Multiinstrumentalistin Georgia Anne Muldrow aus L.A. traf, eine Heldin ihrer musikalischen Gegenwart, so betont sie gern.

Vor allem aber: Quell großer Inspiration. Gemeinsam haben sie nun ein Debütalbum produziert, das in jedem der zwölf Tracks spüren lässt: Hier ist eine angekommen, wo sie hingehört. Bereichert um elektronischen Pop ihres Geburtslandes, erinnert In Fragments vielfach an Lauryn Hills Fugees – elaborierter R’n’B mit Anflügen von Rap und Jazz im Mash-up der Neunziger, das sich zur afrikanischen Wurzel ebenso bekennt wie zur kosmopolitischen Gegenwart von Oslo bis L.A. Gäbe es den Begriff noch, es wäre wohl die wahre Weltmusik.

Nosizwe – In Fragments (Knirckefritt)

PO2-V1FZ-003.pdfSONAA

Wo wären wir, wenn es den Jazz nicht gäbe? Würde es ohne die radikale Abweichung von der klassischen Metrik überhaupt moderne Bandmusik geben, vom Rock mit all dem Post, Prog, Indie davor ganz zu schweigen? Systemisch bleibt das die ungeklärte Frage des Missing Link zur Gegenwart. Für die Sons of Noel and Adrian hingegen ist sie leicht zu beantworten: Ohne Jazz? Böte das Kollektiv unterm Akronym SONAA nur – Pop. Da die (von 13 auf 9 reduzierten) Mitglieder ihr zeitgenössisches Instrumentarium jedoch konsequent verjazzen, kreiert das Kleinorchester aus dem englischen Brighton auf dem offiziell dritten Album seit 2008 ein Stilkompendium, das es so – ehrlich! – noch nie gegeben hat.

https://soundcloud.com/kfrecords/01-perses

Viele, viele filigrane Streicher werden darin mit verzerrter E-Gitarre geschreddert, artifizielle Synthesizer-Fragmente drängeln sich an Horn, Klarinette, Flöten vorbei zum oftmals archaisch klingenden Schlagzeug und vereinigen sich dort mal mit weiblichem Feengesang, mal mit Jacob Richardsons melodramatischen Bariton zu einem klangvollen Durcheinander, dem der Bandgründer auf unerklärliche Weise Struktur verleiht. Und zwar spielend. Auf einem der ganz großen Exponate experimentellen Pops von heute.

SONAA – Turquoise Purple Pink (K&F Records)


Franziska Weisz: Tatortkarriere & Politresultat

weiszIch streite nicht gern

Seit Franziska Weisz an der Seite von Wotan Wilke Möhring die Hauptrolle im Norddeutschen Tatort spielt, steht die 36-jährige Wienerin voll im Rampenlicht; dabei ist die Quereinsteigerin schon ewig in der Filmbranche erfolgreich. Ihr prägender Auftritt im ARD-Politdrama Die vierte Gewalt (Foto: Marc Meyerbröker/NDR) hat also offenbar andere Gründe als die Krimireihe. Ein Gespräch über ihren Plan A Journalismus, den Plan B Schauspiel und warum sie Politik oder rote Teppiche eigentlich ganz gerne mag.

Von Jan Freitag

Frau Weisz, ist der Begriff „spröde“ in Österreich gebräuchlich?

Franziska Weisz: Ist er. Aber seit ich in Berlin wohne, spreche ich auch ganz gut Deutsch.

Klingt es aus Ihrer Sicht positiv, wenn jemand sagt, Sie hätten spröden Charme?

Sofern damit trockener Humor und leicht erschwerte Zugänglichkeit gemeint ist, klingt das richtig schön. So ein bisschen rissig, will überzeugt werden, nicht umschmeichelt. Ich finde ja meinerseits auch Menschen spannender, die ich ein bisschen knacken muss. Wer von vorneherein alles super findet, ist schnell langweilig. Finden Sie meinen Charme spröde?

In Ihren Rollen ja, Sie persönlich lerne ich ja jetzt grad erst kennen.

Aber meine Rollen, das bin schon auch oft ich. Man kann sein Naturell durchs Spiel ein Stück weit ergänzen, aber nicht völlig ändern. Dass meine Figuren nie total sonnig sind, sondern ein wenig sperrig, entspricht daher auch mir.

In Ihrer Staatssekretärin Katharina Pflüger schwingt eine Art optimistischer Melancholie mit…

Ein schöneres Kompliment hätten sie ihr und damit mir kaum machen können! Aber jemand, der sich auf dem Weg in ein politisch wichtiges Amt wie das einer Bundesministerin befindet, muss natürlich auch tough und ein Stück weit egoistisch sein, aber in diesem Fall eben nicht nur. Sie hat bei allem Ehrgeiz auch Ideale und Skrupel, das finde ich schön. Weil sie nicht gefällig ist, ist sie mir so sympathisch.

Sind gute Politiker darin guten Schauspielern ähnlich?

Absolut. Beide müssen angemessen eitel, aber auch teamfähig sein und den Mut haben, sich mit seinem Text selbstbewusst der Öffentlichkeit zu stellen. Auch unser Umgang mit Medien ähnelt sich, elegant zwischen Pragmatismus und Zielstrebigkeit.

Ein grundlegender Unterschied zwischen Politiker und Schauspieler ist hingegen, dass ein Skandal erstere zurückwirft, letztere aber voranbringt.

Kommt auf den Skandal an. Während man einem Politiker hierzulande Unehrlichkeit zumindest noch nicht verzeiht, darf ein Schauspieler zwar lügen, aber irgendetwas Kriminelles mit Kindern bedeutet für beide das Ende.

Aber wenn Margot Käßmann besoffen autofährt, ist die Karriere vorbei, wenn es Franziska Weisz tut, erhöht die zugehörige Berichterstattung sogar ihren Marktwert.

Zumindest bei Männern, stimmt. Aber Unterhaltung zu machen, ist zwar eine andere gesellschaftliche Verantwortung als das Land politisch zu lenken. Entertainer müssen sich jedoch ebenfalls ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Die muss man erkennen und annehmen.

Tun Sie das?

Ja! Zumal ich es als Chance sehe, durch meinen Beruf von den Menschen in meinem Handeln wahrgenommen zu werden. Ich kann wirklich was bewirken; und sei es nur, ein gutes Leben vorzuleben.

Gefährlich wird es nur, wenn man dadurch langweilig wird. Ein bisschen Glamour darf‘s schon sein oder?

Das gilt aber für immer mehr Bereiche der Gesellschaft. Vergleichen Sie mal Politiker vor 30 Jahren mit denen von heute; wie ich müssen die sich längst alle perfekt repräsentieren können. Am Ende haben Politiker aber die Aufgabe, das Land zu gestalten, und Schauspieler, das Publikum zu unterhalten. Punkt.

Haben Sie nicht das Gefühl, ein Film wie Die vierte Gewalt geht darüber hinaus? Die Verquickung von Medien und Politik darin ist doch Wasser auf die Mühlen derer, die „Lügenpresse“ krakeelen.

Das sehe ich anders: Der Film handelt von Individuen, die aus persönlichen Gründen so handeln müssen, wie sie es tun, dabei aber sehr wohl ständig abwägen, was das für andere bedeutet. So reißerisch Recherche und Berichterstattung dabei manchmal dargestellt werden – es gehtstets um Menschen in einem System gegenseitiger Abhängigkeit. Und wenn die Gesundheitsministerin ihren Einfluss geltend macht, um den todkranken Bruder zu retten, ist das politisch unzulässig, aber menschlich verständlich; sie tut es ja nicht aus Profitgier. Das hält uns allen den Spiegel vor.

Wie würden Sie in solch einer Situation wohl handeln?

Die Frage hab ich mir natürlich auch gestellt, konnte sie aber nicht beantworten. Was nochmals belegt, welchem Druck wir alle Politiker aussetzen, auf keinem Fall je aus persönlichen Gründen zu handeln, keine Fehler zu machen, jedes Wort genau abzuwägen.

Klingt, als wäre der Beruf nichts für Sie?

Das hab ich nicht gesagt! Aber Politik ist wahnsinnig kräftezehrend; Obama sieht nach acht Jahren Präsidentschaft nicht umsonst 20 Jahre älter aus… Außerdem bin ich kein allzu konfliktfreudiger Mensch und streite nicht gern; das sollten Politiker schon mögen. Trotzdem hab ich auch deshalb Politik und Medien studiert, weil mich beides ungeheuer bewegt.

War es demnach ein Unfall, dass Sie 1999 zum Film gekommen sind?

Unfall nicht, weil mein Kindheitstraum das Schauspiel war. Es erschien mir aber lange als so realitätsfern, dass mein Plan A politischer Journalismus war, bis ich 1999 eher zufällig zum Film gekommen bin.

Fehlt Ihnen ihr Plan A nicht manchmal?

Fehlen nicht, aber ich bin nach wie vor totaler Nachrichtenjunkie, auf richtigen Zeitungen aus echtem Papier. Trotzdem ist mein Beruf nun mal Schauspielerin, und das mit vollem Herzen.

Und dieser Beruf hat gerade einen ganz schönen Sprung gemacht oder?

Durch den Tatort? Ich empfinde es zunächst mal als Anerkennung, fast eine Ehre, in diesem tollen Format mitspielen zu können. Und man wird auch ganz anders wahrgenommen. Aber fragen Sie mich am besten noch mal in fünf Jahren.

Mögen Sie denn das neue Rampenlicht, nachdem Sie ja eigentlich auch vorher schon ständig Hauptrollen gespielt haben?

Ach mögen… So sehr, wie ich das Drehen mag, feier ich es halt auch gern. Und da gehört ein wenig Rampenlicht einfach dazu. Ich will nicht täglich über den roten Teppich, aber als mein erster Tatort im Kino eine Fan-Premiere hatte, fand ich das toll.


Globaler Emmy & nationaler Klassenkampf

TVDie Gebrauchtwoche

21. – 27. November

Die USA haben nicht erst seit Donald Trumps Wahlsieg den Hang, amerikanische Leistungen per se als weltmeisterlich zu deklarieren. Das ist ein wenig größenwahnsinnig, aber auch begründet. Die national Besten von Football bis Eishockey nennen sich angesichts der sportlichen Überlegenheit ihrer Ligen ja nicht zu Unrecht „Word Champions“. Das sollte unbedingt im Hinterkopf behalten, wer jetzt schier ausrastet vor Stolz über drei International Emmy Awards für deutsche Produktionen. Schließlich gibt es parallel noch die Primetime Emmys, bei denen fast ausschließlich englischsprachige Formate siegen, dieses Jahr: American Crime Story, die Politcomedy Veep und (natürlich) Game of Thrones.

Dennoch ist es aller Ehren wert, dass mit Matthias Bittners Geheimdienstdoku Krieg der Lügen, Christiane Pauls Rolle als Richterin in Unterm Radar und (natürlich) Deutschland 83 ein Drittel der Trophäen an deutsche Produktionen gingen und dazu noch: an solche des linearen Regelprogramms. Kann man schon ein bisschen stolz drauf sein. Ganz kurz. Und dann wieder zur Tagesordnung übergehen. Bitte? Dank!

In dem man sich zum Beispiel offen eingesteht, dass Unterhaltung und Sport langfristig das einzige sein werden, was über die alten Kanäle noch an Neuem entsteht. Und deshalb ist es auch unbedingt der Rede wert, dass Netflix selbst mit einer Fortsetzung der längst verflossenen Gilmore Girls super Zugriffe erzielt, während die ARD parallel vermeldet hat, dass mit Jessy Wellmer nächstes Jahr eine Frau den scheidenden Reinhold Beckmann als Moderatorin der Männer-Bastion Sportschau ersetzt und eine sehenswerte WDR-Serie in er Nische verödet. Sie heißt nach einem Gewässer, das in Dortmunds kaputte Stahlindustrie gekippt wurde, Phoenix-See.

0-FrischwocheDie Frischwoche

28. November – 4. Dezember

Wo Arbeiter wie Mike Neurath (Felix Vörtler) einst am Jobwunder kochten, genießen Manager wie Wirtschaftsanwalt Birger Hansmann (Stephan Kampwirth) nun ihren Shareholder-Kapitalismus. Statt das Gegensatzpaar arm/reich weiter auszuwalzen, entwickeln die ungleichen Nachbarn ab heute in Doppelfolgen jedoch ein Eigenleben fern tradierter Konfliktlinien. Sowohl der robuste Neurath als auch der elitäre Hansmann sind nämlich abstiegsgefährdet, was sie einander unvermeidbar näher bringt. Und so skizziert der Sechsteiler den modernen Klassenkampf als Familienmelodram in ernster, nie hoffnungsloser Atmosphäre.

So ähnlich funktioniert auch ein sehr gelungener Film, in der Die vierte Gewalt sehr differenziert als Subjekt und Objekt, Akteur und Getriebene der Mediengesellschaft dargestellt wird. Als notorisch klammer Journalist hofft Benno Führmann darin, durch den möglichen Sturz einer Bundesministerin endlich die ersehnte Festanstellung beim Online-Magazin Die Republik zu kriegen, verfängt sich dabei jedoch zusehends im Netzwerk gegenseitiger Interessen, die mal mehr mal weniger moralisch dem einen Ziel folgen: im Überlebenskampf durchzukommen. Klasse besetzt, Toll gespielt, mit der aufstrebenden Franziska Weisz zwischen allen Stühlen – ansehen!

Abschalten! gilt hingegen für das, was am Dienstag als Event angekündigt wird: Die Sat1-Version von Jack The Ripper, deren Untertitel bereits andeutet, was für ein Blödsinn da auf uns zukommt: Eine Frau jagt einen Mörder. Sie wird von der notorisch cleanen Sonja Gerhardt verkörpert, die als deutsche Immigrantin im London des Jahres 1888 alles bieten muss, was Frauen auch 2016 schwer fällt: cool, klug, stark, gebildet, sexy, smart, erfolgreich zu sein und sich damit in einer Männergesellschaft durchzusetzen. Opulent inszeniert, dramaturgisch auf Amöbenniveau.

Mit weit weniger Geld, aber viel mehr Hingabe ist da die erste Serienproduktion von ZDFneo gemacht: In Tempel spielt Ken Duken drei Doppelfolgen lang ab Dienstag (21.45 Uhr) einen Ex-Boxer, der sich durchs neue Leben schlagen muss und das auch – wie es nach den ersten Bildern scheint – mit großer Wucht tut. Schön zu sehen, dass Stars wie Thomas Thieme ihr Gewicht auch mal für schmales Geld, aber hohes Niveau in die Waagschale werfen. Schön aber auch, wenn das Fernsehen mal Leichtigkeit mit Anspruch zeigt, die sich einfach mal selbst genug ist. Die Arte-Reihe Stadtoasen will ab heute bis Freitag um 19.30 Uhr nichts anderes als zeigen, mit wie wenig Aufwand man auf schwierigem Terrain etwas Schönes erstellt, etwa wilde Gärten in Großstädten, angefangen mit Detroit, am Mittwoch dann: Leipzig.

Ebenfalls dokumentarisch, aber schwerere Kost: Der vertuschte Skandal, womit die ARD (Montag, 22.45 Uhr) das miese Geschäft mit dem Hormonpräparat Duogynon schildert, das vor knapp 50 Jahren massenhaft für Missbildungen sorgte. Für Rap-Fans arbeitet Netflix ab Donnerstag die HipHop Evolution auf. Musikalisch ist auch die schwarzweiße Wiederholung der Woche, der Gangsterfilm Noir Geheimring 99 (Mittwoch, 23.45 Uhr, HR) von 1955 mit viel Jazz und finsteren Gestalten. In jeder Hinsicht bunt ist Hansel & Gretel am gleichen Abend (23.55 Uhr) auf Tele5, eine Art melancholische Splatterversion von Grimms Märchen aus Japan. Und zum Schluss der Dokutipp: Samstag widmet sich ZDFinfo von 16.30 Uhr bis tief in die Nacht den NS-Netzwerken der Nachkriegsrepublik, darunter um neun die Doku Das Erbe der Nazis. Passt ganz gut in die Gegenwart…


Fai Baba, Mondo Fumatore, Jay Daniel

tt16-babaFai Baba

Wer ihn bis jetzt noch nicht kannte, wird ihn auch hiermit nicht ganz kennenlernen. Aus seinen wahren Namen macht Fai Baba nämlich ein ähnlich großes Geheimnis wie aus seiner sonderbar künstlichen Erscheinung. Und natürlich seiner noch viel seltsameren Musik. Sie entsteht, so viel scheint klar, in seiner Heimatstadt Zürich. Ansonsten aber bleibt dieser schmalbrüstig breitangelegte Psychopop auch auf der neuen Platte so rätselhaft wie auf den vier zuvor. Verschroben vor allem, ambivalent und nie vorhersehbar. Das Tempo ist stets getragen, wirkt aber trotzdem nie träge und so geht es sechs ausgedehnte Tracks weiter.

Die Gitarren sind verwaschen, aber vielfach von pointierter Klarheit. Das Schlagzeug seines Duett-Partners Domi Chansorm, angeblich der beste Drummer in ganz Zürich und überhaupt, scheppert rhythmusfest und zugleich fröhlich verspielt. Nichts kann sich wirklich je für eine einzelne Atmosphäre entscheiden und wirkt daher oftmals, als wäre da Roy Orbison versehentlich mit Franz Ferdinand im gleichen Proberaum gelandet. In diesen diffusen Zeiten klingt das Resultat jedoch nicht willkürlich, sondern angemessen durcheinander. Bisschen Berauschen wäre dazu aber schon besser, nur so als gut gemeinter Rat…

Fai Baba – Sad and Horny (A Tree In A Field Records)

tt16-monodMondo Fumatore

Wie lange darf man sich eigentlich mit Fug und Recht Garagenband nennen – solange man noch wirklich in Mamas und Papas Garage Gitarre, Schlagzeug, Bass malträtiert? Bis zum ersten Gig vor mehr als 20 Zuschauern? Mit einem Plattenvertrag in der Tasche? Bei einem Majorlabel gar? Oder doch nach einem Jahr? 5? 20? Beinahe so lang existieren nämlich mittlerweile die Berliner Mondo Fumatore und klingen im Kern doch noch immer ein bisschen wie 1998, als Rock noch als tot galt und allenfalls mit “Post” davor und möglichst vielen Samples darin einigermaßen akzeptabel war. Das ist nun zwei, drei Rockrevivals her, aber Mondo Fumatore sind immer noch da.

Und zwar unverdrossen, genau: garagig. Das belegt ihr erstes Album seit acht Jahren. Es trägt den hinreißenden, wenn auch leicht anbiedernd poppigen Titel The Yeah, The Yeah And The Yeah, der allerdings perfekt passt: als lägen immer noch die abgeranzten Perserteppiche unterm durchgedroschenen Schlagzeug, wenn sich Mondomarc und Gwendoline zwischen Wagenheber und Bierdosenstaplen treffen, um ihren alternativ verzerrten, amerikanisch intonierten Powerpunkpop mit mal weiblicher, mal männlicher Hallstimme rauszurotzen, dem sogar Mundharmonikas nie peinlich sind. Nicht mehr anders, immer noch schön.

Mondo Fumatore – The Yeah, The Yeah And The Yeah (Rewika)

tt16-jayJay Daniel

Electronica gleich welcher Art steht normalerweise nicht im Verdacht, sonderlich organisch zu klingen. So naturnah Musik mittlerweile auch am Rechner generierbar ist – das grundlegend Artifizielle am synthetisch erzeugten Sound lässt sich partout nicht ganz raus digitalisieren. Was allerdings kein Grund ist, es nicht immer und immer wieder zu versuchen. So wie Jay Daniel. Das – mit 25 Jahren ebenso junge wie erfahrene – Eigengewächs der Detroiter Elektroszene versucht sich unermüdlich an einer Neudefinition des Artifiziellen und hat daraus nach einer Reihe EPs und Kompilationen jetzt ein Debütalbum gebastelt, dass es durchaus in sich hat, besser sie: Die Natur.

Mit handwerklich eingespielten Drumsequenzen sorgt Broken Knowz für eine Tiefe im Multitrack-Mixing, für Wärme in der Kälte binärer Codes, für Leben, das so bei aller Unmöglichkeit, in diesem Genre den Überblick zu bewahren, selten ist. Das liegt vor allem am polyrhythmischen Ansatz der neun Tracks, die oft fast ethnologisch daherkommen, wie von der Straße gesammelt oder im Grünen. Es hat aber auch mit einem sehr feinen, oft bloß unterschwellig spürbaren Funk zu tun, den der weltweit gebuchte Live-Artist über die manchmal fast wavig klingenden Klanggespinste legt. Das klingt dann oft, als würde man normalen Songs die Gesangsspur herausschneiden. Meistens aber klingt es einfach toll.

Jay Daniel – Broken Knowz (Technicolour)