Caren Miosga: Talkshow & Gesellschaft

Ich leite keine Therapiesitzung

Seit gut zwei Jahren leitet Caren Miosga die wichtigste Talkshow im deutschen Fernsehen. Ein Interview mit der 56-Jährigen über die Polarisierung der Debattenkultur, Menschlichkeit im Gesprächsrundengewerbe und wie man mit der AfD umspringt.

Von Jan Freitag

Frau Miosga, Sie sind vor ziemlich genau zwei Jahren aus den Nachrichten zur Talkshow gewechselt. Welche ihrer zwei Silben ist wichtiger – Talk oder Show?

Caren Miosga: Ich würde sie am besten beide ersetzen. Natürlich enthält unsere Sendung unterhaltsame Elemente; es soll ja auch niemand einschlafen vorm Bildschirm. Aber eine Show ist es definitiv nicht.

Wobei „Show“ ja keine Ableitung von „Schau“ im Sinne einer Vorstellung ist, sondern zunächst mal vom Begriff „Zeigen“ kommt.

Also rein etymologisch haben Sie natürlich recht, aber umgangssprachlich ist die Konnotation der Show auf Entertainment ausgelegt oder um mit dem Vokabular des Bundeskanzlers zu arbeiten: auf Rambozambo. Deshalb würde ich nüchterner „Gesprächssendung“ bevorzugen.

Zumal bei Ihnen anders als in den Siebzigern nun wirklich keine Gefahr besteht, dass geladene Spontis eine Axt zücken und das Studiomobiliar zerhacken.

Bis jetzt noch nicht (lacht). Wir führen Gespräche, die Orientierung darüber bieten sollen, was politisch gerade generell diskutiert wird. Erst der Dialog mit dem politischen Gast, dann eine kleine Runde mit Beobachtern oder Wissenschaftlern. Denn was in diesem Genre meist etwas untergeht, sind die Persönlichkeiten hinter den Politikerinnen und Politikern, ihre Beweggründe und Erwartungshaltungen. Mich interessiert eben auch der Mensch dahinter.

Aber ist dieser menschliche Faktor verglichen mit dem reinen Inhaltsdiskurs nicht exakt jenes Unterhaltungselement vom Boulevard, das sie Ihrer Gesprächssendung austreiben wollten?

Wenn der menschliche Faktor ein Selbstzweck bliebe, schon. Uns ist aber sein Erkenntnisgewinn fürs Politische wichtiger als umgekehrt. In einer der letzten Sendungen des vorigen Jahres war es daher sinnvoll, mit Jens Spahn zunächst allein darüber zu reden, warum er in seiner Fraktion bereits zweimal keine Mehrheit zustande gebracht hatte. Nach diesem Zwiegespräch haben wir mit ihm dann in der Runde fundiert über die Rentenabstimmung im Bundestag und die Zukunft der Rente gesprochen. Wer die politischen Schmerzpunkte finden will, muss auch verstehen, wie die Menschen denken, die politische Entscheidungen treffen, und was sie zu ihrem Handeln bewegt; so werden wir unserem Auftrag gerecht, Politik verständlich zu machen.

Welcher Auftrag gehört demnach nicht dazu – das Ersatzparlament etwa, von dem bei ihren Vorgängerinnen am Sonntag seit Sabine Christiansen gern die Rede war?

Alle Formate der politischen Debatte gehören zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und haben ihre Berechtigung. Aber als Zuschauerin politischer Talkshows frage ich mich gelegentlich, was ich wohl lernen kann, wenn Positionen nur konträr besetzt werden, um sie kollidieren zu lassen. Ich habe gar nichts gegen konstruktiven Streit. Aber nicht, wenn er um seiner selbst willen orchestriert und damit vorhersehbar wird. Wir leben in einer Zeit, in der nur noch wenig so ist, wie wir es jahrzehntelang kannten. Russland führt Krieg in Europa, die USA halten nicht mehr die schützende Hand über uns. Zudem funktioniert unser eigenes Land immer weniger, weil zu viel liegengelassen wurde. Das verunsichert viele Menschen. Deshalb versuchen wir eher zu erklären, zu hinterfragen, zu verstehen als ein Parlament zu simulieren.

Ist Ihnen das in 60 Sendungen so gelungen, wie Sie es im Januar 2024 geplant hatten?

Immer schwierig, sich selbst zu bilanzieren, oder? Aber im zweiten Jahr waren wir bestimmt trittsicherer als im ersten. Damals war ja noch alles neu: die Sendung selbst, das Team dahinter, die Technik. Sämtliche Abläufe mussten sich erst finden, um das Thema der Woche am Sonntag aufzugreifen und richtig zu bündeln.

Und das, so der dringliche Wunsch des Senders, mit guter Einschaltquote. Sind sie mit der zufrieden, obwohl es nach der Premiere ein bisschen bergab ging?

Ja. Wir hatten im ersten Jahr eine Durchschnittsquote von 14,4 Prozent bei rund 3,2 Millionen Zuschauern. Diese Quote konnten wir auch 2025 halten – trotz einer kleinen Delle nach der Sommerpause, die es bei allen politischen Talks gab. Manchmal wollen die Leute auch einfach nur mal von all den Krisen verschnaufen, aber bis Ende des Jahres wuchs das Bedürfnis nach jener Orientierung wieder, von der wir eben sprachen.

Ist diese Orientierung abgesehen von der Quote ihr Maßstab für Erfolg oder spielen da auch Faktoren wie Meinungsführerschaft und produzierte Schlagzeilen eine Rolle?

Relevanz ist auch wichtig, genau wie die Frage, wie viele Menschen wir erreichen. Aus unserer Sendung wird viel aufgegriffen, ich wundere mich manchmal, was alles. Aber wirklich etwas über die Hintergründe von Politik zu erfahren, ist mir lieber als jede Schlagzeile.

Hat Anne Will, um sie zum ersten und letzten Mal mir Ihrer Vorgängerin zu vergleichen, die Messlatte da hochgelegt oder mitgenommen, weil Sie Ihr eigenes Ding machen?

Anne Will war mit einem anderen Konzept sehr lange erfolgreich. Aber neue Formate brauchen frischen Wind und frische Angebote – zumal die Gesamtzahl des linearen Publikums sinkt und die digitale Nutzung immer wichtiger wird.

Bei relativ konstantem Talkshow-Personal. Ihre Lieblingsgäste wie Lars Klingbeil, Markus Söder oder Robin Alexander saßen auch bei Anne Will am häufigsten.

Das liegt in der Natur der Sache einer Sendung wie der unseren, die aus dem begrenzten Pool politischer Spitzenleute schöpft. Deshalb laden wir gelegentlich auch ehemalige Spitzenpolitiker ein, die nicht auf Partei- oder Fraktionsdisziplin achten müssen und freier reden können. Da entsteht sofort eine andere Atmosphäre, in der alle einander noch entspannter ausreden lassen.

Manchmal lassen Sie Gäste aber fast ein bisschen zu viel ausreden, wie man Ihnen gleich in Ihrer ersten Sendung mit Tino Chrupalla vorgeworfen hat.

Tino Chrupalla durfte genauso wie andere ausreden. Das sagt aber nichts über die Sendung als Ganzes, in der er sich vielen kritischen Fragen stellen musste.

Bei Sahra Wagenknecht wurde Ihnen umgekehrt einige Wochen später vorgeworfen, zu hart gewesen zu sein.

Die sachliche Auseinandersetzung mit Frau Wagenknecht war genauso kritisch wie mit Herrn Chrupalla. Er musste als Parteichef dazu Stellung nehmen, dass seinem Spitzenkandidaten für die Europawahl – Maximilian Krah – vorgeworfen wurde, Geld aus Russland und China angenommen zu haben. Damit haben wir ihn konfrontiert; was übrigens zur Folge hatte, dass Herr Chrupalla sich von seinem EU-Spitzenkandidaten öffentlich distanzierte. Dafür haben ihn nach seinem Auftritt bei uns sogar die eigenen Leute kritisiert.

Nur zeitlich oder auch kausal in Folge Ihres Interviews?

Auch kausal. Illoyalität der eigenen Partei gegenüber ist nirgendwo verpönter als in der AfD.

Der Vorwurf an Sie lautete eher, ihn mit einer geselligen Plauderei über seinen Vater als ganz gewöhnlichen, statt rechtsradikalen Gesprächspartner eingeführt zu haben.

Mit der Rechtsradikalität seiner Partei haben wir ihn sehr wohl konfrontiert – sei es durch diverse Zitate seines EU-Spitzenkandidaten oder die Wahlwerbung des AfD-Verbands in Sachsen-Anhalt. Die Frage nach dem Vater beziehungsweise dessen Beruf als Malermeister führte allerdings nicht zum gewünschten Ziel.

Dafür zeugte sie von ausgesuchter Höflichkeit. Bedingt journalistische Professionalität die aus Ihrer Sicht im Rahmen einer politischen Talkshow geradezu?

Ich finde grundsätzlich ja. Aber die Frage an Tino Chrupalla nach dem Malermeister verfolgte nicht den Zweck, Harmloses zu fragen, sondern ihn in seiner parteiinternen Rolle als „Pinsel“ zu verstehen, wie ihn Jörg Meuthen mal nannte, der Tino Chrupalla als Handwerker neben der Summa-cum-Laude-Volkswirtin Alice Weidel verunglimpfen wollte.

Wenn es die Thematik zulässt, würden Sie Ihn heute zum Einstieg also etwas ähnlich Harmloses fragen?

Wir haben aus vielen Einzelgesprächen gelernt, uns auf eine oder zwei entscheidende Fragen beziehungsweise Schmerzpunkte zu konzentrieren und bei diesen in die Tiefe zu gehen.

Haben die Gespräche mit dem sehr rechten Tino Chrupalla und der sehr nach rechts gerückten Sahra Wagenknecht generell Ihre Haltung dazu beeinflusst, ob Sie mit Rechten reden oder nicht?

Die AfD ist schlichtweg die größte Oppositionspartei. Mit der müssen wir als öffentlich-rechtliche Sendung reden. Natürlich diskutieren wir in der Redaktion sehr angeregt und nachdenklich, warum wir wen einladen und ob bestimmte Gäste konstruktiv argumentieren oder bloß konfrontativ, also überhaupt diskussionsbereit sind. Weil das bei vielen AfD-Politikern nicht der Fall ist, kann ich es nachvollziehen, wenn sich andere Redaktionen und Medien gegen Interviews mit ihnen entscheiden. Aber wir können sie nicht ignorieren.

Und verhindern dann wie genau, Ihnen auf den Leim zu gehen?

Indem wir beispielsweise die Diskrepanz dazwischen aufzeigen, was die AfD verspricht, wie etwa ein schnelles Wirtschaftswachstum, und was sich davon tatsächlich in ihrer Programmatik findet. Genau das haben VDA-Chefin Hildegard Müller und der Kollege Robin Alexander ja in der Sendung mit Alice Weidel getan, als sie ihr die Folgen von Abschottungspolitik und EU-Austritt in einem exportorientierten Land wie Deutschland sehr sachlich ausbuchstabiert haben.

Das klingt alles sehr nüchtern und distanziert. Aber was macht es mit Ihnen persönlich, mit Rechten zu reden?

Es geht eher um Frage, wie muss ich mich vorbereiten auf einen Gast, der alle Tricks an Ausflüchten, persönlichen Angriffen, Whataboutism und Lügen draufhat, der Interesse an einem echten Gespräch vermissen lässt. Zudem gibt es die Sorge, dass die AfD die Demokratie, so wie wir sie kennen, abschaffen will. Und da gibt es natürlich Grenzen. Wenn ihre Vertreter dezidiert völkisch-nationalistische Thesen vertreten, dann laden wir sie nicht ein.

Gibt es erlernbare Techniken, mit denen man die journalistische Distanz und einer höflichen Gesprächsatmosphäre dann austariert?

Ich wüsste jetzt keine. Sie sind doch jetzt zu mir auch höflich und keifen mich nicht an. Jeder und jedem wird mit demselben Respekt begegnet, und wenn sie oder er mich hinter die Fichte führen will, muss ich halt zehnmal unterbrechen und nachfragen.

Braucht man dafür nur ein dickes Fell oder auch Konflikttraining und Rhetorikkurse?

Also bei mir reicht dickes Fell. Und natürlich Erfahrung. Und es muss Ihnen Freude bereiten. Letztlich können Sie sich irgendeine andere anempfundene Art nicht überstülpen oder wie hat es der Schauspieler Matthias Brandt mal ausgedrückt: Fernsehen ist ein Gedankensichtbarkeitsapparat.

Was bedeutet?

Dass sich niemand komplett verstellen kann. Wenn ich also versuchen würde, die superkonfrontative Marktschreierin zu geben, würde mir das niemand abkaufen. In einer Live-Sendung muss man so oft innerhalb einer Sekunde entscheiden, ob man rechts oder links abbiegt oder geradeaus fährt. Sie müssen zuhören und intuitiv reagieren – dann helfen weder ausgedachte Rollen noch bis ins Detail durchdachte Fragenkataloge. Zwei Drittel meiner Notizen sind oft für die Tonne.

Sind Sie denn grundsätzlich streitfreudig.

Nee.

Und kompromissfreudig?

Ich kann mich an kaum eine meiner Sendungen erinnern, in der meine Gäste nicht letztlich respektvoll miteinander diskutiert hätten. Und gelegentlich fällt sogar der Satz: da hast Du einen Punkt, das muss ich zugestehen. Wenn wir uns in den klassischen Medien genauso fertig machten wie in den sozialen, dann können wir es gleich lassen. Diese vermeintliche Streitkultur in Social Media befeuert nicht nur die inflationär beschworene Polarisierung der Gesellschaft, sie erzeugt sie erst.

Sie glauben nicht, dass die Gesellschaft polarisiert ist?!

Nicht so tief, wie oft behauptet wird, dazu gibt es hochinteressante Forschungen. In Umfragen machen sich viele Leute mehr Sorgen vor der als über die Polarisierung. Die wenigsten sind ja komplett gegen oder komplett für geschlossene Grenzen, Ukraine-Hilfen, Corona-Impfungen, was auch immer. Es gibt viel zu viele Grautöne, um ausschließlich schwarzweiß zu denken. Dennoch jazzen wir mittlerweile jede Auseinandersetzung gleich zur Grundsatzdebatte hoch. Nehmen Sie Friedrich Merz Stadtbild-Äußerung.

Ja?

Unabhängig davon, wie gelungen diese Bemerkung war, sorgt die Aggressivität der anschließenden Debatte innerhalb der gesellschaftlichen Mitte möglicherweise auch dafür, dass sich Menschen von ihr ab- und den Rändern zuwenden. Deshalb finde ich die These nicht falsch, dass eine Sendung, in der politisch gestritten wird, gelegentlich auch eine versöhnliche Wirkung erzielen kann. Dafür müssen sich meine Gäste ja nicht an den Händen fassen und Ringelpiez tanzen, sondern bloß mal auf die Argumente der anderen einlassen. Ich habe den größten Respekt vor allen, die in einer Gesprächsrunde wie meiner auch mal zugeben, dass der politische Gegner Recht hat.

Empfinden Sie Ihre Funktion da auch als Mediatorin divergierender Meinungen und Interessen?

Nein. Ich bin Moderatorin. Ich leite keine Therapiesitzung (lacht).

Einen Lehrberuf aber auch nicht, oder?

Man lernt es durchs Machen. Ich habe zunächst im Radio, dann beim Fernsehen, zwischendurch beim Filmemachen, und natürlich in Kulturformaten wie ttt und den Tagesthemen immer wieder Interviews geführt. Als ich das Medienmagazin Zapp moderiert habe, war gleich mein erster Gast einer der streitlustigsten, Michel Friedman.

Harter Hund. Was war die Einstiegsfrage?

Ob ich ihn mal anfassen dürfe (lacht). Das war nämlich seine Strategie, ganz buchstäblich so nah an seinen Interviewgästen dran zu sein, dass er sie hin und wieder am Arm berührte. Ich wollte wissen, wie es sich für ihn anfühlt, wenn er auf der anderen Seite sitzt.

Hilft ein Faible fürs Plaudern oder wie sind Sie privat so als Gesprächspartnerin?

Das müssten Sie meine Freunde fragen. Ich habe schon immer gerne Fragen gestellt.

War der Wechsel vom Kulturmagazin in die Nachrichten diesbezüglich schwieriger als der Wechsel von den Tagesthemen zur Talkshow?

Ach, das ist doch alles gar nicht so weit voneinander entfernt. Kultur ist schließlich nicht nur Oper, Kino, Literatur. Und Politik sind nicht nur Wahlen, Wirtschaft, Koalitionsstreit. Beide Ressorts behandeln unablässig auch größere und gesellschaftspolitische Fragen.

Wenngleich von unterschiedlich wahrgenommener Bedeutung.

Stimmt, aber die allergrößte Veränderung war für mich am Ende nicht die Art der Bühne, sondern die Verlängerung meiner Bühnenzeit auf 60 Minuten, inklusive der langen Einzelgespräche. Die übrigens immer dann am besten sind, wenn sie sich vom Manuskript lösen und ihre ganz eigene Dynamik entwickeln. Bis ich diese Dramaturgie intus hatte – das hat schon ein bisschen gedauert. Und das Herausforderndste ist, in einer Live-Sendung wirklich jedes Wort wahrzunehmen, wach zu bleiben und dabei immer noch mein iPad im Blick zu behalten, auf den meine Redaktion zwischendurch mit mir in Kontakt bleibt.

Ist das schon der gefordert Faktencheck in Echtzeit?

Wir liefern ihn gleich am nächsten Morgen nach. Ein Echtzeit-Faktencheck ist in der Kürze der Zeit schwierig und in einer Live-Situation kaum zu schaffen. Dagegen war das Moderieren von Kulturmagazinen tiefenentspannt.

Inwieweit profitieren Sie als Talkshow-Host denn von denen?

Insoweit als ich von allem profitiere, was ich zuvor auf dem Weg dorthin gemacht habe. Dazu zählt sowohl mein Studium der Geschichte und Slawistik als auch jedes der Interviews, die ich für ttt beispielsweise mit Michel Houllebecq führen durfte. Der hat schon vor Jahren im Kern über jenen Kulturkampf geschrieben, der heute zu beobachten ist.

Bei ttt wäre um ein Haar aber auch Thilo Mischke einer Ihrer Nachfolger geworden, der wegen seiner bedenklichen Bücher und Aussagen zum Thema Frauen von der ARD verhindert wurde. War diese Entscheidung für Sie nachvollziehbar oder ein Beispiel dafür, wie die Polarisierung der Gesellschaft herbeigeredet wird?

Ganz ehrlich? Ich mag es überhaupt nicht, mich über Kollegen öffentlich zu äußern. Wenn Sie mich als nächstes also auch noch nach meiner Haltung zu Julia Ruhs fragen, gebe ich dieselbe Antwort: Dazu wurde von sehr Vielen schon sehr Vieles gesagt.

Dann nehme ich die konservative Journalistin Julia Ruhs und den misogynen Reporter Thilo Mischke als Anlass einer Frage, die in einer perfekten Welt gar keiner Erwähnung wert wäre: moderieren Frauen anders als Männer?

Die Frage hab‘ ich mir echt noch nie gestellt (überlegt lange). Ich moderiere bestimmt anders als Armin Wolf oder Louis Klamroth. Aber nicht, weil es Männer sind, sondern eben Armin Wolf und Louis Klamroth. Mit dem Geschlecht hat das wenig zu tun.

Aber vielleicht ja mit der Sozialisation, die Journalistinnen bereits als Mädchen womöglich weibliche Attribute wie Empathie oder Fürsorge anerziehen, Jungs hingegen eher Durchsetzungsvermögen und Mut.

Das mag sein, aber die Konsequenz sind nicht empathischere Moderatorinnen oder mutigere Moderatoren. Was aber manchmal vorkommt: dass männliche Politiker mit so einer onkelhaften Umarmungstechnik um die Ecke kommen und auf kritische Fragen erst mal mit „Frau Miosga, Sie können das nicht wissen, ich erklär Ihnen das mal kurz“ reagieren.

Mansplaining genannt. Womansplaining kommt nie vor?

Auch hier gilt: Bei den meistangewandten rhetorischen Taktiken gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ich frage nach A, er oder sie antwortet auf B, ich insistiere auf Antwort A, er oder sie antwortet auf C. Als Moderatorin bleibt mir dann oft nur übrig, zu konstatieren, der Politiker oder die Politikerin antwortet nicht auf meine Frage, deshalb fahre ich woanders fort. Anders verhält es sich aber natürlich damit, wie unterschiedlich in sozialen Medien auf Moderatorinnen reagiert wird.

Wo Sie mehr Hass ernten als Armin Wolf und Louis Klamroth?

Nicht unbedingt mehr, aber fast immer sexualisiert. Zum Glück hält mein Team derartige Online-Kommentare konsequent von mir fern und filtert zumindest all das, was zu krass und beleidigend ist.

Team heißt hier Ihre Produktionsfirma MIO Media oder die ARD?

Das Team unserer Produktionsfirma und auch die Redaktion beim NDR. Aber auch schon aus meiner Zeit bei den Tagesthemen kenne ich es, dass Frauen im Fernsehen anders betrachtet werden, Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Kommentare sich mit meiner Kleidung befasst haben. Und das hat gewiss nicht nur damit zu tun, dass Männer durch ihren Anzug uniformierter aussehen.

Es sei denn, sie haben so strahlend blaue Augen wie Claus Kleber, der permanent darauf reduziert wurde.

Echt? Tja, wir sind ein optisches Medium.

Lesen Sie sachliche Kritiken darüber, wenn es um Ihre Sendung geht?

Klar, schließlich erfahren wir dort sowohl im Positiven wie auch im Negativen Dinge über unsere Sendung, aus denen sich lernen lässt. Aber ich nehme mir nicht alles zu Herzen. Weil mir klar ist, dass eine reine Beschreibung dessen, was in einer Sendung gesprochen wird, in einer Rezension bisschen langweilig wäre, nehme ich es auch nicht zu persönlich, wenn sich Kritiker darin austoben.

Galt das bereits für Caren Miosga 2005?

Nicht im selben Umfang natürlich. Man braucht schon ein wenig Erfahrung, um damit souverän umzugehen. Aber wenn man den Job schon so lange macht wie ich, hat man die Medienmechanismen irgendwann verstanden oder zumindest gelernt, sie von sich persönlich wegzuhalten. Wie das Publikum mich sieht, ist nicht selten ja auch eine Projektionsfläche. Damit kann ich leben.

Zumal Sie dafür ganz gut bezahlt werden.

Ach, da fangen Sie jetzt erst mit an?! (lacht)

Besser spät als nie. Sie werden mir bestimmt auf den Cent genau sagen, was die ARD Ihnen pro Sendung bezahlt oder zumindest die 19.000 Euro bestätigen oder dementieren, die der Business Insider errechnet hat?

Sie wissen doch ganz genau, dass man über Verträge kein Wort verlieren darf. Und ich frage Sie ja auch nicht, was Sie verdienen.

Abgesehen davon, dass ich es Ihnen umstandslos sagen würde, wird mein Honorar auch nicht durch Rundfunkbeiträge finanziert. Verdienen die nicht ein anderes, höheres Maß an Transparenz?

Das ist richtig, und deshalb ist die Produktionssumme für die zuständigen NDR-Gremien, die unsere Arbeit beaufsichtigen und kontrollieren, aufgeschlüsselt und vollständig transparent. Ich erkläre daher gern, wie sich die Kosten zusammensetzen.

Nur zu!

Wir haben von unserem Auftraggeber, dem Norddeutschen Rundfunk, einen sogenannten Vollauftrag. Während andere Sendungs-Aufträge nur die redaktionelle Arbeit beinhalten, gehört bei uns auch alles andere dazu, was sonst noch Teil einer produzierten Sendung ist: neben dem angemieteten und ausgestatteten Studio auch Ton, Licht, Kameraleute, Cutter, Maske bis hin zum Sicherheitsdienst im Studio. Das macht so eine Sendung kostenaufwändig und im Minutenpreis auch teurer, als wenn es nur um den Teil der Redaktion geht. Und ja – auch ich werde bezahlt.

Aber ist es in Zeiten öffentlich-rechtlicher Sparzwänge unabhängig von Ihrem Honorar zu rechtfertigen, dass Sie nicht nur mehr, sondern das Vielfache andere Gewerke verdienen, deren Arbeitsbedingungen obendrein oft extrem prekär sind?

Also in unserer Produktion gibt es keine prekären Arbeitsbedingungen. Sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten bei uns eine großartige, unerlässliche Arbeit für die Sendung. Aber während sich die Arbeit bei Etlichen auf die unmittelbare Zeit der Sendung beschränkt, beginnt meine nicht erst am Sonntag, sondern oft schon zehn Tage vorher mit Recherchen und Redaktionssitzungen. Und weil wir unbedingt aktuell sein wollen, bereiten wir manchmal mehrere Themen und Sendungen parallel vor, um je nach Nachrichtenlage gegebenenfalls von Innen- auf Außenpolitik oder umgekehrt wechseln zu können.

Kommt das vor?

Das kommt sogar häufig vor. Es ist eine sehr intensive Arbeit. Und ich trage dafür die Verantwortung. Alle Kritik an der Sendung geht ebenso wie Lob auf meine Kappe. Ich stehe dafür gerade, hier bei Ihnen wie morgens beim Bäcker. Und wenn über Kosten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wird, fände ich es gut, auch über seine Bedeutung für die Medienlandschaft generell zu sprechen.

Die aus Ihrer Sicht worin genau besteht?

Weil in der Fläche immer mehr Regional- und Lokalzeitungen verschwinden, ist die unabhängige Berichterstattung von ARD und ZDF besonders im ländlichen Raum oft die letzte seriöse Informationsquelle. Deshalb brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diesen Zeiten umso mehr. Natürlich sind Sparmaßnahmen unerlässlich. Aber an der Reduzierung der Doppelstrukturen der neun Rundfunkanstalten wird ja längst gearbeitet.

Genau diese Konzentrationsprozesse bilden den Kern der anstehenden Reformprozesse, inklusive zusammengelegter Sender und Themenschwerpunkte. Kriegen Sie die Sparmaßnahmen der ARD dennoch auch als Produzentin Ihrer eigenen Sendung zu spüren?

Da rede ich ebenso wenig über konkrete Summen. Nur so viel: Die meisten Verträge und die damit verbundenen Sendungsbudgets sind heute deutlich geringer als früher. Auch das Budget für unsere Sendung ist deutlich geringer als das Budget für das Vorgängerformat. Der Spardruck ist schon zu spüren. Auch bei uns. Und das finde ich in Ordnung so.

Sagen Sie das als Unternehmerin, Beitragszahlerin, Bürgerin oder Mensch?

Als alle zusammen. Ich bin Moderatorin und Unternehmerin, die aus voller Überzeugung für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, den ich auch als Beitragszahlerin, Bürgerin und Mensch unbedingt erhalten möchte. 

Sie haben diesbezüglich schon seine Bedeutung für Demokratie und Pluralismus angesprochen. Welche hat er für die Presse und den Journalismus selbst?

Einen großen. Ich habe es unlängst mal versucht, einem Taxifahrer zu erklären, der fragte, warum er für „diesen Scheiß“ bezahlen solle. Ich habe „diesen Scheiß“ dann mit einer Krankenkasse verglichen, in die man ja auch ein Leben lang einzahlt – selbst wenn man niemals krank wird. Es ist ein Solidarbeitrag, der allen zugutekommt, allen etwas anbietet und unabhängige Berichterstattung gewährleistet. Warum die wichtig sei, wollte der Taxifahrer wissen. Ich habe gesagt, weil sie sich weder nach politischen noch kommerziellen Interessen richtet, und sich jeder so seine eigene Meinung bilden kann. Und der Vorwurf, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu links sei, hat nun wirklich so einen langen Bart.

Ist er nicht?

Nein. Und ich möchte auch nicht über politische Farben einzelner Kommentare diskutieren, sondern die journalistische Grundversorgung insgesamt. Wir haben gesinnungsfrei zu berichten, weshalb auch niemand weiß, was ich politisch denke und wähle. Es geht nicht mehr um diese Unterscheidung links oder rechts, es geht eher darum, dass wir für alle berichten, über Großstädte genauso wie über Dörfer, Kreise, Kommunen. Bei den Tagesthemen erzählen wir schon seit Jahren individuelle Geschichten ländlicher Räume, damit auch die Wünsche und Probleme dieser Leute gesehen werden.

Diversität hat also nicht nur mit Geschlecht und Herkunft zu tun?

Genau, und die Studios in Singapur oder Washington sind keinesfalls wichtiger als die in Dortmund oder Schwerin. Nur so erhalten wir die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Wie kann man den Journalismus, der auch dort entsteht, noch verbessern?

Indem man verschiedene Lebenswirklichkeiten unabhängig von der politischen Gesinnung in ihrer Gesamtheit abbildet. Und indem wir der wachsenden Desinformation digitaler Medien journalistische Qualität und Standards entgegensetzen – auch in Konkurrenz zu alternativen Medien und Wahrheiten, wie sie etwa der US-Präsident auf seiner eigenen Plattform Truth Social verbreitet. Damit die Leute nicht 1 und 1 zusammenzählen, aber auf 3 kommen, müssen wir besser sein als die und immer mindestens zwei Quellen parat haben. Das gilt natürlich auch für Sendungen wie meine.

In der das Themenspektrum stark zugespitzt ist, um nicht „eingeschränkt“ zu sagen. In den ersten 60 Sendungen ging es meist um Ukraine, AfD, Israel, Ampel und Groko, dazu Sicherheit und zuletzt gleich dreimal die Rente.

Und?

Welches Orchideenthema würden Sie sich dringend mal wünschen, das im politischen Alltag unterm Radar läuft?

Als studierte Slawistin würde ich natürlich sehr gern den Leuten eine Stimme geben, die komplett verstummt sind, den russischen Oppositionellen. Oder weil Bildung in Deutschland Ländersache ist, denken auch wir darüber nach, wie wir daraus eine Sendung mit bundesweit relevanten Gästen machen können. Und was haben Sie gegen die Rente?

Gar nichts. Aber sie betrifft wie Bildung und Bürokratieabbau gesellschaftspolitische Kernbereiche. Ich dachte eher daran, ob Sie mal mit Wolfram Weimer, Claudia Roth und Carsten Brosda über Kulturpolitik diskutieren wollen. Ach so, ja klar! Aber bevor ich mit Wolfram Weimer übers Sparen an der Kultur reden könnte, müsste ich ihn – und zwar nicht nur durch die Blume – fragen, wie er mit den Vorwürfen der Verflechtung von politischem Amt und privaten wirtschaftlichen Interessen umgeht. Danach gern über Theater, Film und Kunst – Themen, die übrigens viel mehr wert sein sollten als das schmückende Beiwerk der Orchidee.


Unschuldsvermutung & Geschichtsklitterung

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. März

Soll man da lachen oder weinen, sich amüsieren oder echauffieren? Über Tage hinweg wurde ein Finnwal zum Medienthema, das vieles andere in den Schatten stellte. Übers wegweisende Urteil eines US-Gerichts zur Suchtgefährdung sozialer Plattformen von Google bis Meta beispielsweise oder den Tod des Film- und Fernsehrevoluzzers Alexander Kluge war jedenfalls nicht halb so viel zu sehen, lesen, hören wie vom Koloss vor Wismar. Ein gestrandetes Tier, das bei denselben Menschen und Medien maximale Empathie entfacht, denen Nutztiere oder Meeresschutz ansonsten oft völlig egal sind.

Menschliche Hybris in a nutshell.

Während die Aufmerksamkeit für Putins Vernichtungskrieg in der Ukraine aktuell gegen null tendiert, knackt ein ähnlich belangloses Ereignis entsprechend Weltrekorde. Der Trailer des neuen Spiderman-Films mit Tom Holland und seiner Freundin Zendaya wurde am ersten Tag fast 800 Millionenmal geklickt und knackte Stunden später die Zehnstelligkeit. Immerhin: Das Interesse an der digitalen Vergewaltigung von Collien Fernandes durch ihren Ex-Mann blieb hierzulande im Vergleich ähnlich hoch.

Was wir gelernt dabei haben: die Unschuldsvermutung gilt zwar für männliche Täter – es sei denn, Friedrich Merz findet ihren Migrationshintergrund, dann aber ab in den Knast. Weibliche Opfer sind dagegen auch ohne Urteil gesichert straffällig. Während Geschlechtsgenossen Christian Ulmen bis zur juristischen Klärung freisprechen, unterstellten sie seiner Ex-Frau im Umkehrschluss auch ohne Richterspruch von übler Nachrede über Falschbehauptung bis zum Betrug schließlich unbeeindruckt alles erdenklich Kriminelle.

Männliche Hybris in a nutshell.

Die allerdings weibliche Unterstützung erfährt. Von Monika Gruber etwa, die auf X gefälschte Profile von sich geteilt und „Achtung: Diese beiden Profile sind Fake. Ich fühle mich virtuell vergewaltigt“ daruntergeschrieben hat. Ob sie zu dumm oder zu verblendet ist, das Wesen der Debatte zu begreifen, wissen womöglich ihre Fans von der AfD besser als die neurechte Verschwörungskomikerin.

Und damit zu einer eigentlich komplett unverfänglichen Serie: Mit elf Nominierungen ist Adolescence bei den BAFTA im Mai absoluter Topfavorit. Und zwar ungeachtet einer Tatsache, die auch der Fall Fernandes wieder ins Rampenlicht rücken sollte: Philip Barantinis Meisterwerk widmet sich voll und ganz dem Täter. Das Opfer? Bleibt wie so häufig im True Crime-Boom nahezu unsichtbar.

Die Frischwoche

30. März – 5. April

Das gilt wie so häufig aber auch in der Fiktion. Dort treibt abermals ein Serienkiller sein Unwesen. Und zwar an ungewohnter Stelle: im nationalsozialistisch besetzten Prag wenige Wochen vor Kriegsende. Im vierteiligen ARD-Krimi Sternstunde der Mörder wird der tschechische Polizist Morava (Jonas) also vom SS-Obergruppenführer Meckerle und dem Gestapo-Mann Buback (Nicolas Ofczarek) bewacht. Weil die Shoah allenfalls am Rande vorkommt, klingt die Romanverfilmung obendrein verteufelt nach Geschichtsklitterung.

Zumal Degeto den Vierteiler auch noch gemeinsam mit dem rechten Schwurbelsender Servus TV produziert. Das Ergebnis kann sich trotzdem sehen lassen. Auch wenn die Opfer des Ritualmörders ab Freitag im Ersten so namenlos bleiben wie das bei Adolescence. Abgesehen vom Abschied des ewigen Tatort-Duos Leitmayr/Batic am Osterwochenende wars das aber auch mit bemerkenswertem Fernsehen. Die deutsche Hunde-RomCom Eat Prey Bark ist ab Mittwoch bei Netflix jedenfalls kaum der Rede wert.

Gleiches gilt für Parshad Esmaeilis Gameshow Neo Match Up, in der die Stand-up-Komikerin bei der Suche nach Vorurteilen ab heute leider viel zu häufig auf Lautstärke statt Feinsinn setzt. Prime setzt das Erfolgskonzept Pumuckl zwei Tage später sechs Teile lang in einer Real-Life-Show fort. Und im Havelland-Krimi jagt das ZDF ab Freitag wie jeden Freitagabend Verbrecher – wenngleich mit Denenesch Zoudé als Staatsanwältin. Der Vollständigkeit halber: Heute startet bei Viaplay die ukrainische Crime-Serie Double Stakes. Mittwoch dokumentiert die ARD-Doku Kings of Scam das Phänomen Smishing. Zwei Tage drauf aktualisiert das ZDF sechs Folgen Astrid Lindgrens Feel-Good-Story Ferien auf Saltkrokan.


Mesut Özil: ZDF-Doku Zu Gast bei Freunden

Linksfuß und Rechtsruck

Mesut Özil (Foto: ZDF und picture alliance/Markus Gilliar) ist fraglos einer der besten Fußballer aller Zeiten. Und obendrein einer der umstrittensten. Die ZDF-Doku Zu Gast bei Freunden? nähert sich dem Zwiespalt einer außergewöhnlichen Persönlichkeit seit 20. März in der Mediathek drei Teile an – ohne ihn zu werten.

Von Jan Freitag

Markus vermutlich. Thomas natürlich. Oder wenigstens Jens. „Wir haben kurze Zeit überlegt, ob ich mich umbenennen soll“, erinnert sich ein Mann, der dummerweise weder Markus noch Thomas oder wenigstens Jens heißt, sondern anders, fremder, türkisch. Genau 100 Jahre nach seiner Vereinsgründung hätte Schalke 04 einen der, wenn nicht den besten Fußballer Deutschlands ja in die Jugendabteilung aufgenommen, falls sein Name eingeboren klänge. Reine Spekulation, gewiss.

Aber wie Mesut Özil im Sommer 2017, als alles noch irgendwie gut war, dem Sportreporter Frank Buschmann in London von seinem Karrierestart berichtet, da deutet sich schon irgendwie an, was noch auf ihn zukommen sollte. Mehr als genug jedenfalls fürs sanfte Gemüt eines begnadeten Linksfußes, der den Rechtsruck seiner vermeintlichen Heimat am eigenen Leib erfahren musste wie kaum jemand sonst im Rampenlicht. Mehr als genug also auch für eine Dokumentation, die beides ergründen möchte – den Linksfuß und den Rechtsruck.

Vorweg: es gelingt Regisseur Florian Opitz mindestens genauso gut wie in seiner brillanten Arte-Erkundung Capital B, die das wiedervereinigte Land vor drei Jahren fünf Teile lang am Beispiel der erwachenden Berliner Clubkultur nach 1989 erklärt. Jetzt also erklärt er das tiefgespaltene Land am Beispiel ihres besten Fußballers seit Kaiser Franz. Und schon das Satzzeichen am Ende des Titels macht deutlich, wie kompliziert diese Beziehung ist: Zu Gast bei Freunden? Daheim war er hier nämlich nie so ganz. Doch der Reihe nach.

Aufgewachsen in Rufweite des Schalker Stadions, die nur von PR-Beratern und Sport-Reportern „Veltins-Arena“ genannt wird, hat sich Mesut Özil über alle Klippen einer tendenziell xenophoben Mehrheitsgesellschaft hinweg nach oben gekickt. Als Gastarbeiterkind der dritten Generation 1988 in Gelsenkirchen geboren, behinderte Mesut Özils Buchstabenfolge nur anfangs den Aufstieg. Nach kurzem Exil bei Rot-Weiß Essen, erzählte er dem Sky-Reporter Buschmann vor neun Jahren im bislang unveröffentlichten Fernsehinterview, holte ihn sein Herzensverein doch noch in die U-19 von Schalke 04.

Und von da ab? Aufwärts, sonst nichts. 2006 erstes Ligaspiel. 2009 erstes Länderspiel. 2010 erstes WM-Spiel. Danach Wechsel zu Real und Arsenal, Landes- und Weltmeister, Megastar mit 100 Millionen Followern und Eigenmarke M10. The sky was the limit. Bis zum 14. Mai 2018. Da wurde ein Foto mit ihm (und Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündoğan) an der Seite von Recep Tayyip Erdoğan publik. Als türkischer Präsident auf dem Weg zum Diktator der denkbar schlechteste Bildbegleiter eines muslimischen Fußballers mit Migrationshintergrund. In einem Land zumal, das gerade hart nach rechts abgebogen war.

Mit stichhaltigen Zeitzeugen von Özils Vater und Manager Mustafa über Gesamtschullehrer, Jugendtrainer, Langzeitbeobachter, Spielerberater bis hin zu A-Promis Kategorie Löw, Bierhoff, Mertesacker grast das ZDF die Geschichte nach der üblichen Starporträt-Metrik ab: In drei Episoden à 45-60 Minuten folgt dem Aufstieg (Der will doch nur spielen) demnach die Ankunft (Staatsfreund Nr. 1), bevor es mit Das Foto abwärts geht.

Virtuos, aber (zum Glück) nicht übertrieben ehrgeizig montiert von Jamin Benazzouz und Marielle Pohlmann, verbindet Florian Opitz die Einzelteile seiner verblüffenden Karriere dabei zu einem Gesamtbild, das mehr über unsere Gesellschaft als Mesut Özil aussagt. Ohne Details zu spoilern, wurde der Rand des Puzzles vorm Winter 2015 gelegt, als seine Heimat offen, divers, liberal war wie nie zuvor und selten danach. Mit einem Weltmeister von so erfrischender Vielfalt im Herzen, dass selbst der rechte Rand ein bisschen mitjubelte.

Zumindest bis die „Flüchtlingskrise“ Ende 2015 auch das Innere eines Puzzles füllte – erst mit Pegida und dann einer rassistischen Partei, die mittlerweile 14 von 16 Landesparlamenten plus Bundestag besetzt. In dieser Atmosphäre bauschten AfD und Springerpresse, aber auch DFB und bürgerliche Parteien bis hin zu den Grünen Mesut Özils kurze Erdoğan-Visite so lautstark zum Landesverrat hoch, dass der Bruch kaum noch zu kitten war. Wer nicht alle Details dieser kollektiven Entfremdung kennt, dürfte daher besonders vom dritten Teil (negativ) überrascht werden. Die Stimmung jedenfalls, sagt der Sportsoziologe und Özil-Biograf Dietrich Schulze-Marmeling, wurde seinerzeit „immer hysterischer“.

Dass Florian Opitz den damaligen Bild-Sportchef Walter M. Straten nicht als publizistischen Brandstifter, sondern gewöhnlichen Berichterstatter interviewt, ist da zwar ebenso seltsam wie die ständige Einblendung seiner Zeitung als Wasserstandsmeldung der jeweiligen Debatte. Alle anderen aber machen verständlich, wie groß die ideologische Last auf dem kleinen Ausnahmekicker war. Die Spiegel-Korrespondentin Özlem Topçu und ihr Welt-Kollege Deniz Yücel etwa schaffen es souverän, Deutschlands Migrationsgeschichte mit Mesut Özils Einzelfall abzugleichen.

Besonders hoch ist Zu Gast bei Freunden? dabei anzurechnen, dass die meisten von Florian Opitz Gesprächspartnerin ihr Untersuchungsobjekt zur psychotischen Musik der Kölner Elektro-Avantgardisten Von Spar erst am Ende kurz bewerten. Mesut Özils politische Haltung bleibt somit Privatsache statt Gegenstand wilder Spekulationen. Ähnlich wie die Frage übrigens, was aus Mesut Özil geworden wäre, wenn er, sagen wir: Thomas Müller hieße. Ein schlechterer Fußballer vermutlich nicht.


Ulmens Absturz & Restles Abschied

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. März

Die Unschuldsvermutung ist – wie der Gesetzesvorbehalt oder das Willkürverbot – ein rechtsstaatlicher Grundpfeiler. Er stützt allerdings eher Gerichte als Redaktionen. Es ist daher nicht nur legitim, sondern legal, Christian Ulmen als das zu bezeichnen, was er nach journalistischem Ermessen nun mal ist: schuldig, seine Ex-Frau Collien Fernandes digital vergewaltigt zu haben – auch und gerade, wenn Ulmens Manosphere die juristische Unschuldsvermutung jetzt sogar für Privatpersonen einfordert.

Aktuell fragt sich daher, welcher Mann mit akuter Privilegienverlustangst am schnellsten Schmutzkampagne ruft: Manuel Hagel, Markus Lanz, Jens Spahn, Richard David Precht? Ebenso interessant: wo Christian Ulmen 2029 wahrscheinlich sitzt – im Knast? Im Parlament? Im Dschungelcamp? Alles denkbar, wobei Christian Schertz zumindest ersteres verhindern soll. Ein Medienanwalt, der sowohl Täter (Til Lindemann) als auch Opfer (von Dieter Wedel oder Julian Reichelt) frauenverachtender Männermacht vertritt.

Vorerst letztes Rätsel, das keins ist: warum schweigt Ulmens Jerks-Buddy Fahri Yardim erst ebenso laut wie Großteile der männlichen Film- und Fernsehbranche, um sodann ein wachsweiches Wischiwaschi-Statement abzugeben, während haltungsstarke Kolleginnen wie Pheline Roggan schnell und klar Stellung beziehen? Die Antwort war auch bei der Oscar-Verleihung zu hören, wo bis auf einen Dokumentarfilmer niemand lautstark gegen die aufkeimende Diktatur Donald Trumps aufbegehrte: Selbst Demokratien sind 2026 nicht mehr postheroisch, sondern postcouragiert.

Das zeigt sich auch und gerade in Deutschland, wo der leitkulturkämpferische Gesinnungsschnüffler Wolfram Weimer zwar Buhrufe in Leipzig erntet. Doch wenn sich liberale Medien von der Süddeutschen bis zur Zeit in der Branche umhören, dürfen sie nahezu niemanden namentlich zitieren. So groß ist die Angst vor Wolframs Weimerer Republik, in der nur klassische Opern, deutsche Landschaften und Arno Breker als artgerechte Kunst akzeptabel, also förderungswürdig sind.

Die Frischwoche

23. – 29. März

Was der hirschgeweihte Weimer demnach mögen dürfte: Vermutlich die Dokusoap Me, Myself, Mallorca, in der die ARD-Mediathek ab Dienstag fünf deutsche Frauen sechs Folgen lang beim konsumsüchtigen Entertainment Superreicher und Ballermänner auf Deutschlands liebster Insel beobachtet. Oder die zehnteilige Abenteuer-Serie Nautilus nach Jules Verne, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Nett – wie die Realfilm-Adaption von Lucky Luke, ab heute bei Disney+.

Dem WDR dagegen dürfte Weimer heimlich den Verfassungsschutz auf den Hals des linksgrünversifften Georg Restle gehetzt haben, der tags zuvor seine letzte Monitor-Sendung nach 26 Jahren moderiert. Mit dem Rest der Woche dürfte der patriotische Kulturstaatsminister allerdings schon wegen der Fremdsprachlichkeit fremdeln. So wie die US-Dramedy Bait von und mit Riz Ahmed als er selbst, ab Mittwoch bei Prime.

Oder der Netflix-Horrorserie Something Very Bad is Going to Happen tags drauf um ein verlobtes Paar, das vor der Hochzeit noch mal in der Waldhütte übernachtet. Schlechte Idee. Und natürlich das Sequel der Medical-Legende Scrubs (Mittwoch, Disney+, in dem die angehenden Ärzte endlich erwachsen, aber noch immer oft unreif sind. Im britischen Sechsteiler Code of Silence ermittelt ab Freitag (ARD-Mediathek) derweil ein tauber Kommissar. Und in der Netflix-Reihe Jo Nesbø’s Detective Hole ein hard boiled lonely wolf der ganz alten Schule. Eher unfreiwillig komisch.

Was Wolfram Weimer wohl so richtig auf den neurechten Zeiger geht? Das ARD-Projekt Banausen – Comedy. Theater. Chaos. Comedians wie Nico Stank, Tülin Sezgin oder Tom Böttcher verballhornen darin nämlich Theater-Klassiker wie Ein Sommernachtstraum. Frechheit! Skandal! Frevel! Wie das, womit der emsländische Windkraft-Schwindler Hendrik Holt in der ARD-Mediathek ab Freitag Investoren ausgenommen hat. Passend dazu zeigt Neo Sonntag die Animationsserie Kunz um einen übellaunigen Globus im Angesicht all der Krisen.


Taylor Sheridan: Cowboys & The Madison

Fliegenfischende Konsumgören

Wie in Yellowstone schickt Taylor Sheridans (Foto: Paramount) Neo-Western The Madison das Land ins letzte Gefecht mit der Stadt. So wurde er zum wirkmächtigsten Showrunner unserer Zeit. Und nebenbei auch zum umstrittensten. Porträt eines modernen Cowboys. 

Von Jan Freitag

Städter sind wankelmütige Wesen. So zäh der Asphalt durch ihre Adern fließt, so geduldig sie den Lärm tagheller Betonwüsten bei Nacht ertragen, so komfortabel die Infrastruktur urbaner Räume das Leben darin auch macht: Für den sehr amerikanischen Filmemacher Taylor Sheridan reichen normalerweise ein, zwei Nächte unterm Sternenzelt der unberührten Landschaft Montanas, um selbst eingefleischte Metropolengewächse zu renaturieren.

Wie lange es bei Preston Clyborn gedauert hat, lässt die Paramount+-Serie The Madison zwar zunächst offen. Doch so, wie der New Yorker beim Fliegenfischen aufblüht, kann es kaum länger gedauert haben als kurz darauf bei seiner Frau Stacy – obwohl die Umstände völlig andere sind. Während der reiche Logistik-Tycoon (Kurt Russell) in der Blockhütte seines genügsamen Bruders Paul Erholung sucht und Erlösung findet, wird Stacy (Michelle Pfeiffer) wenig später ins Madison River Valley zitiert, um die Leiche ihres verunglückten Mannes zu identifizieren.

Weil er – so legen zahllose Rückblenden in Telefongespräche der glücklich verheirateten Großstädter nahe – fest entschlossen war, in Montana leben und sterben zu wollen, nimmt sie ihre verhätschelten Töchter plus Anhang mit zu einem Abschied. Er entwickelt sich allerdings zu einer Ankunft. Denn besonders Stacy gerät rasch in den Bann einer unberührten Natur, die auch von ihrem Mann Besitz ergriffen hatte.

Warum, zeigt Showrunner Sheridan nach eigenem Drehbuch in exakt jener Bild- und Tonsprache, die seit fast einem Jahrzehnt seine Philosophie und damit das fiktionale Erzählen insgesamt prägt. Es ist ein Duell der Tradition gegen die Moderne, den er trotz tougher Frauen im Cast vornehmlich Mann gegen Mann austragen lässt. Dafür schneidet Christina Alexandra Voros die Gegensätze wie so viele seiner Regisseure zuvor geschickt ineinander.

Wenn Preston im Westen glückselig Forellen angelt, schwenkt ihre Kamera aus Montanas Stille 2300 Kilometer ostwärts zur affektierten Konsumgöre Paige, die mit Designertüten bepackt durchs verkehrsumtoste Manhattan stöckelt. Wenn ihr Vater mit seinem räumlich getrennten, aber seelisch verwandten Bruder im Mondschein angeregt über die Sinnlosigkeit überschüssigen Reichtums sinniert, glotzt ihre Verwandtschaft einen Schnitt weiter auf teure iPhones im New Yorker Sterne-Restaurant und hat sich partout nichts zu sagen.

Wer hier wem moralisch überlegen ist, bedarf da ebenso wenig weiterer Erklärungen wie in Sheridans Welterfolg Yellowstone. Kein Wunder: Anfangs war The Madison als Spin-Off des wuchtigen Neo-Westerns mit Kevin Costner als Rancher im ungleichen Kampf mit der globalisierten Marktwirtschaft gedacht. Dafür ist vor knapp zwei Wochen ein anders Sequel gestartet. Es heißt Marshals und begleitet John Duttons Sohn Kayce (Luke Grimes) bei der Arbeit als Bundespolizist im ungleichen Kampf mit – genau: der Gegenwart in Gestalt skrupelloser Turbokapitalisten.

Moral gegen Milliarden, Überzeugung vs. Profitgier – wer wäre da nicht auf Seiten der vermeintlich Schwächeren. Problematisch an Sheridans Metaphorik ist jedoch, wie sie das reaktionäre Narrativ eines romantisierten Urzustands im Würgegriff des dramatisierten Ist-Zustands an der Kluft zwischen Stadt und Land, Ost und West, gestern und heute bedient. „Hollywood hat keine Ahnung, wie Menschen außerhalb von Los Angeles leben“, klagt Sheridan. Deshalb schreibe er nicht für „Kritiker in New York“, sondern „Leute, die dort leben“. Kein Wunder, dass „Yellowstone“ in den Trump-States der US-Provinz am besten läuft.

Sheridan ideologisch einzuordnen, schlägt dennoch fehlt. Der texanische Farmersohn sieht zwar aus wie ein Bilderbuch-Redneck. Und wie glaubhaft er als Rodeo-Macho Travis in „Yellowstone“ reiten, fluchen, Linke verachten kann, könnte auf vererbten Konservatismus hindeuten. Seit der 1. Staffel allerdings, die 2018 alle Abruf-Rekorde bei Paramount+ bracht, schafft es der Mittfünziger, politisch neutral zu sein. Dabei ist seine Prärie seit dem Reservat-Thriller Hell or High Water zwei Jahre zuvor ein dermaßen schönes Aufmarschgebiet sympathischer Steak- und Waffenfanatiker mit seltsamem Freiheits-, Natur-, Gewaltverständnis auf panzerartigen Pickup-Trucks, dass sie perfekt in die Werbespots der abgesetzten Heimatschutzministerin Kristi Noem gepasst hätten.

Von Sons of Anarchy bis Marshals ginge Sheridans Werk demnach häufig als PR für die National Rifle Association durch. Und da Frauen in dieser testosterongesättigten Welt mitunter einflussreich, aber stets sexy sind, käme es auch bei Trad Wifes gut an. Andererseits zieht sich der Respekt für amerikanische Ureinwohner bei spürbarem Hass auf rechte Milizen durch jede seiner Fiktionen. So schafft es der Showrunner, den reaktionären Ultraliberalismus gleichermaßen zu untergraben und überhöhen.

Vielleicht gelingt es dem eingefleischten Landei ja deshalb so unterhaltsam, die Kluft der Großstadt zu seiner Wahlheimat Montana in ergreifende Geschichten zu packen. Michelle Pfeiffer zum Beispiel spielt das verwitwete It-Girl mit einer trotzigen Würde, die es dem Publikum schwer macht, ihren Snobismus zu verachten. Mit Stacys standesbewusster Sippe fällt das zwar etwas leichter; die frisch getrennte Abby (Beau Garrett) und deren zickige Schwester Page (Elle Chapman) sind schlicht zu elitär für echte Empathie.

Da ihr Sprung aus der Metropole in die Einöde ohne Komfort, dafür mit Hornissennest im Plumpsklo, noch größter wirkt als bei Mama, konzentriert man die Schadenfreude jedoch auf andere. Pages linkischen Mann Russell (Patrick J. Adams) zum Beispiel, den die Natur in den Grundfesten seiner unternehmerischen Selbstgerechtigkeit erschüttert. Selbst ihm schaut man aber gern dabei zu, sich wie bei einem Stromausfall durchs finstere Tal zu tasten. Nachdem ihre Eltern stundenlang über Vor- und Nachteile von Stadt oder Land diskutiert hatten, müssen sie die fremde Umgebung schließlich in Echtzeit akzeptieren. Wer sich das aus Hamburg, München, Berlin zutraut, werfe den ersten Stein!

Man muss Städter halt – so lautet Sheridans Mantra aus jeweils drei realisierten und geplanten Yellowstone-Ablegern – nur mal so richtig mit Gottes Schöpfung konfrontieren, dann renaturieren sie sich quasi von selbst. Und wenn es nicht automatisch klappen will, tut das manipulative Sensorium des kontrollsüchtigen Filmemachers eben ihr Übriges. Montana gibt es daher nur zu majestätischer Geigenmusik, New York ausschließlich mit kakophonischem Hupkonzert.

Keine Frage also, wo Taylor Sheridans Herz schlägt: Weder links noch rechts, sondern in der Mitte eines Flusses namens Madison River, der sein Land metaphorisch teilt, aber auch bewässert. Mit Menschen wie Stacy, die ans andere Ufer tritt und schaut, wie es sich dort anfühlt. „Honey, I’m a beach girl“, sagt sie einmal zu Preston, als er ihr ein Foto seiner neuen Liebe Montana schickt. Weil das Strandmädchen vor Ort Herz, Augen, Seele öffnet, wird es allerdings zur Landfrau. Die Natur, Taylor Sheridans große Liebe, sie kann das.


Hagels Schmutz & Benjamins Tod

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Keine drei Monate ist 2026 alt, da hat es schon sein Unwort des Jahres: Schmutzkampagne. Die nämlich haben Grüne aus Sicht ihrer Unterlegenen der Baden-Württembergischen Landtagswahl gegen den armen CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel geführt. Ein linksgrünversiffter Feldzug, befanden frühvergreiste Männer von Richard David Precht bis Jens Spahn bei Pinar Atalay oder Hart aber fair, die es in der bürgerlichen Mitte so nun wirklich noch nie zuvor gegeben habe.

Bis auf den linksgrünversifften Feldzug gegen die christdemokratische Verfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf mithilfe rechter Medien natürlich oder Robert Habecks Schmutzkampagne gegen Robert Habecks Heizungsgesetz. Und dann erdreistet sich der linksgrünversiffte Feminist Felix Banaczek auch noch, von einer Verschiebung der Debatte zu sprechen, nur weil erwachsene Männer wie Hagel im Angesicht minderjähriger Mädchen offenbar Beulen in der Hose kriegen.

Schmutzig, schmutzig, schmutzig. Wie gut, dass Wolfram Weimer dem grünen Kommunismus Kontra gibt. Nach zehn Monaten im Amt war der Kulturstaatsminister schon so einiges: eleganter Grüßaugust der neurechen Avantgarde, Steigbügelhalter wirtschaftlicher Eigen- und Partikularinteressen, Zwangsgebührenpopulist mit taz-Allergie, also eine Art Arno Breker des pangermanischen Kunstbetriebs. Aber ein jämmerlicher Feigling und Lügner?

Als solcher zeigte sich Weimer, als er den Verfassungsschutz auf drei wohlverdiente, aber missliebige Kandidaten des deutschen Buchhandlungspreises angesetzt, die linken Läden darüber belogen und danach noch nicht mal den Mumm besessen hat, sich einer öffentlichen Debatte auf der Leipziger Buchmesse zu stellen. Wenn uns Weimers kulturkonservativer Kult nicht flugs den Staatsschutz auf die Volksverräter-Hälse hetzen würde, müsste man glatt sagen: Leck Eier, Wolfram!

Das möchte man auch der Grimme-Jury für die Wahl der ebenso geist- wie anstandslosen Prime-Serie Gerry Star zur besten Unterhaltungsserie oder des sehr bedenklichen Haftbefehl-Porträts Babo zurufen. Stichhaltiger dagegen sind Trophäen für Tschappel, die Affäre Cum-Ex oder Golineh Atai. Und noch ein Hinweis an Tagesschau-Sprecherin Romy Hiller: dass Marine Le Pens Partei als „rechtspopulistisch bis rechtsextrem“ nur „eingestuft“ werde, ist weder neutral noch objektiv, sondern falsch. Der Rassemblement National ist von Herzen radikal.

Die Frischwoche

16. – 22. März

Und damit Teil jener Nazi-Internationalen, die der pluralistischen Demokratie spätestens seit 9/11 den Garaus macht. Neun Monate zuvor gab es einen Mord, der seinerzeit nicht nur Norwegen, sondern die halbe Welt erschütterte. Von ihm erzählt die ZDF-Serie After Benjamin ab Freitag. Es geht darin allerdings nicht sechs Teile lang um Real Crime zweier Neonazis, die den schwarzen Teenager Benjamin Hermanson umgebracht hatten; Mikael Diseth schildert die Ereignisse strikt aus Sicht der Hinterbliebenen im Osloer Vorort Holmlia.

Und das ist nicht nur ein wichtiger Perspektivwechsel zugunsten der Opfer. Der Sechsteiler ist auch eine Ode an die Freund- und Nachbarschaft, ohne jemals seifig zu werden. Thematisch verwandt damit ist die dreiteilige Doku Zu Gast bei Freunden?, in der die ZDF-Mediathek Aufstieg, Ankunft, Abschied von Mesut Özil schildert – und damit viel über eine Gesellschaft, in der Ausländer nur dann Deutsche sind, wenn sie angepasst, still und demütig bleiben.

Ansonsten gibt es diese Woche wenig Weltbewegendes zu empfehlen. Die Apple-Serie Imperfect Woman über drei amerikanische Freundinnen, von denen eine ermordet wird, was die anderen in Gewissensnöte bringt, klingt schon wegen Hauptdarstellerin Elisabeth Moss niveauvoll. Sie ist allerdings trotz hohen Production Values eher konventionell geraten. Sonst noch erwähnenswert? Ein Serienremake des 80er-Blockbusters Meine teuflischen Nachbarn, ab Mittwoch bei Sky. Das sechsteilige Biopic X-rated Queen über den Pornostar Teresa Orlowski, zwei Tage drauf bei HBO Max. Und Dienstag bereits das Magenta-Drama Der Salzpfad mit Gillian Andersen auf ehelichem Selbsterfahrungstrip.


Dimitrij Schaad: Känguru & Havelkacken

Naturalismus langweilt mich wahnsinnig

Seit seinem Durchbruch in den Känguru-Chroniken ist Dimitrij Schaad (li., Foto: Netflix) als Komödiant bekannt. Dabei ist der kasachische Berliner seit 20 Jahren schon ein Theaterstar, der eigene Stücke schreibt oder seinem Bruder Alex Drehbücher. Ihr neuester Streich: die Netflix-Groteske Kacken an der Havel. Ein Gespräch über ostdeutsche Ortsnahmen, betrunkene Schweden, magischen Realismus und warum er sich ständig Monologe schreibt.

Von Jan Freitag

Herr Schaad, haben Sie schon mal was von den Ortschaften Sauen, Motzen, Kotzen oder Scheißendorf gehört?

Dimitrij Schaad: Ja, klar. Und die haben mich auch zu dem Titel inspirier

Den Sie sich mit Ihrem Bruder Alex bekifft im Keller ausgedacht haben?

Schöne Idee. Die echte war aber noch schöner. Wir haben unserem Vater zum 60. Geburtstag eine Wohnmobil-Reise geschenkt. Im September 2020 sind wir also von Stockholm Richtung Lappland aufgebrochen, wollten eines Nachts so nah wie möglich an einen See mit besonders schöner Aussicht ran und haben uns voll im Sand festgefahren. Alex und ich hatten da schon was getrunken, unser Vater wurde zunehmend verzweifelter. Und am nächsten Morgen kam ein betrunkener Schwede mit einem großen Traktor vorbei und hat uns abgeschleppt.

So entstand die Frau ihrer Figur Johnny Carrera, die einen Abschleppdienst in Kacken an der Havel betreibt?

Die nächsten 500 Kilometer haben wir in voller Fahrt gefeilt und am Abend hatten wir dann alle Grundzüge der Idee zu Kacken an der Havel in einem Pitch ausgearbeitet.

Wenn der Bestand skurriler Ortsnamen in Brandenburg so groß ist – warum muss man sich da eigentlich überhaupt einen ausdenken?

In der Vorbereitung zur Känguru-Verschwörung hat mir Mark-Uwe Kling über diese tollen Ortsnamen in Brandenburg erzählt, und ich habe irgendwann Kacken an der Havel in mein Notizbuch eingetragen, wo ich mir Film und Serienideen notiere. Nach der Idee mit dem Abschleppdienst kam sie dann wieder zum Vorschein. Fiktive Orte geben viel größere Freiheiten als reale. Deshalb leben die Simpsons ja auch in Springfield.

Das kann überall und nirgendwo sein.

Und so lässt sich alles hineininterpretieren.

Im Fall Ihrer Serie: ein gescheiterter Rapper, der nach dem Tod seiner Mutter in die alte Heimat zurückkehrt, dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und nebenbei ein Album schreiben soll.

Gut zusammengefasst.

Ästhetisch wechselt es dabei zwischen Clipshow über Großstädter in der Provinz für die GenZ und Tragikomödie gescheiterter Träume. Was überwiegt aus Ihrer Sicht – Tragik oder Komik?

Das sollte sich bei jeder guten Komödie die Waage halten. Aber für mich ist es vor allem ein lustiger Abgesang auf Millennials der späten Neunziger und ihre Träume von Ruhm.

Ungefähr Ihre Alterskohorte. Geht’s also auch ein bisschen um Sie selbst?

Nicht in der Rolle meines Johnny Carrera, der ist schon eine reine Kunstfigur. Aber ich bin 40 Jahre alt, habe keine Familie und wollte mein Leben lang nichts anderes machen als auf Bühnen zu stehen und Geschichten erzählen – da steckt mehr von mir in der Hauptfigur Toni. Die Vorstellung, welche Wege das Leben hätte nehmen können, wenn als Jugendlicher irgendwas anderes gelaufen wäre, ist in der Tat sehr persönlich.

Nutzen Sie die Möglichkeiten Ihres Berufs also, sich interessante Alternativ-Biografien aufzuschreiben?

(lacht) Ich glaube, das macht jeder Autor ein bisschen. Die berührendsten Momente im Storrytelling entstehen aus Gefühlen, an die man als Geschichtenerzähler wirklich andockt.

Als Darsteller schreiben Sie sich angeblich gern Monologe in die eigenen Theaterstücke. Sind sie generell ein bisschen kontrollsüchtig?

Nein, das hat eher damit zu tun, dass mir oft bestimmte Elemente an Figuren fehlen. Am Theater habe ich das oft ergänzt mit einer Einordnung in die Gegenwart, einer anderen Perspektive oder Komplexität, die der Ursprungstext nicht liefert. Und ja, das würde ich am liebsten auch gerne in den meisten Drehbüchern machen, die ich so zu lesen bekomme. Die empfinde ich meistens nämlich als extrem öde.

Das gilt aber vermutlich nicht für Kleo?

Nein, das war ein echter Glücksfall. Ich habe das Projekt von Sekunde eins geliebt und auch da die Figur noch mit Humor und Widersprüchen angereichert, weil die Creator Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad mich das haben machen lassen.

Mit dem Ergebnis einer Art zu spielen, die fast schon Ihr Markenzeichen ist, so ein grotesker Realismus.

„Grotesker Realismus“ gefällt mir! Ebenso wie magischer Realismus. Ich suche in meinen Figuren vor allem alles, was nicht naturalistisch ist. So einen Schuss Expressivität. Naturalismus langweilt mich wahnsinnig. Reine Realität ist darstellerisch irre boring.

Das gilt seit den Känguru-Chroniken vor allem für Film- und Fernsehen, wo Ihre Figuren oft überdreht sind. Auf der Bühne spielen Sie viele ernstere Stücke, oft Klassiker.

Ja, ich persönlich ziehe aber auch gar keine Grenzen zwischen tragisch, grotesk oder magisch. Jede Figur braucht etwas anderes. Ich würde mir im Film auch mehr ernste und tragische Rollen wünschen, aber da die Branche da sehr eingefahren ist, kommen halt nur Anfragen für antriebslose Schluffis. Wenn die Figur in den ersten 20 Seiten eines Drehbuchs wie beim „Känguru“ Pyjama trägt, höre ich sofort auf zu lesen.

Na, da bringen Sie ja ideale Familienverhältnisse mit: Sie können sich Ihre Rollen selber schreiben und dann auch noch vom eigenen Bruder drehen lassen.

Der einfach ein sensationeller Regisseur ist.

Bringt es nur Vorteile, unter Verwandten 1. Grades zu arbeiten, oder auch Nachteile?

Ein Vorteil ist, dass man Durststrecken eher gemeinsam durchschreitet als getrennt abbricht. Diese Durststrecken gibt es fast immer. Und sie sind von der Stoffentwicklung bis zur Postproduktion oft lang. Im Fall von Kacken an der Havel fünf Jahre. Da hilft es sehr, dass wir uns nach der Arbeit auch noch mal darüber austauschen, was Mama zu Weihnachten kriegt.

Das sorgt womöglich für harmonische Festtage. Aber kann man einen Regisseur auch zu gut kennen, um mit professioneller Distanz zu arbeiten?

Deshalb bedeutet professionelle Distanz vor allem sehr, sehr viel Arbeit. Wenn wir dabei auf engstem Raum eingeschlossen sind, könnten entsprechend viele Befindlichkeiten, Verletzungen, Diskrepanzen zum Vorschein kommen. Also wir haben uns darauf geeinigt, dass Alex am Set der Chef ist, dem ich vielleicht im vertrauten Gespräch, aber niemals öffentlich widerspreche.

Ist das professionelle Demut, als Schauspieler und Autor eigene Grenzen zu kennen?

Genau. Ich kann nicht inszenieren! Und vor allem könnte ich es nicht aushalten, dass morgens am Set, wo mein Bruder und ich in der Regel die ersten und die letzten sind, sofort 70 Leute auf ihn einreden und Sachen wissen, Pläne verschieben, Entscheidungen haben wollten. Vorm ersten Kaffee würde mich das wahnsinnig machen. Ich bin nicht stressresistent. Dank dieser Erkenntnis kann ich mittlerweile auch besser Kontrolle abgeben als früher.

Reden Sie mit Ihrem Bruder eigentlich Deutsch oder auch Russisch wie als Kinder in Kasachstan?

Nur, wenn wir unsere Eltern imitieren oder Gefühle transportieren wollen, für die es im Deutschen keine so guten Begriffe gibt. Außerdem funktioniert russische Komik oft besser bei uns.


Martensteins Beule & Barbaras Shirin

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. März

Wie viel Fernsehprogramme pluralistische Länder brauchen, war noch nie Resultat rationaler Berechnungen. In der öffentlich-rechtlichen Monopolphase etwa wären ein paar mehr als zwei Programme wünschenswert gewesen. Danach war das duale System mit Kanälen wie 9live, Hope TV oder RTL2 am Rande der Kollektivverdummung übersättigt. Im digitalen Zeitalter nun geraten selbst seriöse Sender aufs Abstellgleis der Geschichte.

Namentlich: ARD alphatagesschau24 und One. Sie alle, das haben ARD und ZDF am Mittwoch verkündet, werden Ende 2026 abgeschaltet. Wenn die drei Spartenkanäle am Rand der Wahrnehmbarkeitsschwelle dann den Anforderungen des Reformstaatsvertrages zufolge in den Schwerpunkten Infotainment, Dokumentationen, Nachwuchs aufgehen, darf man das also – gerade für die Angestellten – als Einschnitt bezeichnen. Ein Kahlschlag ist es nicht.

Man muss im Gegenteil gespannt sein, wie er ÖRR dort Nachrichten künftig gewichtet. Merkwürdiger als während der Berichterstattung über Donald Trumps Angriffskrieg auf Iran jedenfalls kann es kaum werden. Der erste Rauch war kaum verzogen, da haben Tagesschau und heute ihre Hauptausgaben bereits mit deutschen Urlaubern und Energiepreisen eröffnet. Immerhin – als beide gestern die Landtagswahl in Baden-Württemberg begleitet haben, war das erstklassige Niveau politischer Berichterstattung wieder erreicht.

Besonders die ARD-Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer hat ebenso unterhaltsam wie fachkundig durch den Wahlabend geführt und gezeigt, was auch die Volksabstimmung zur Abschaffung der Rundfunkgebühr in der Schweiz gestern belegte: Öffentlich-rechtliche Medien sind und bleiben Leuchttürme im Gegenwind kommerzieller Konkurrenten. Aus welcher fauligen Ecke der weht, stank vorige Woche schließlich gleich zweimal zum Himmel.

Am Montag diskutierten der ostdeutsche Populist Holger Friedrich und der westdeutsche Propagandist Mathias Döpfner in Berlin über irgendwas mit Medien und warum sie (außer ihre eigenen Verschwörungsfanzines Ostdeutsche Allgemeine und Berliner Zeitung oder Bild oder Welt) an allem schuld sind. Zuvor hatte Harald Martenstein (172) in seiner Bild-Kolumne verteidigt, dass der Anblick Minderjähriger bei CDU-Politikern schon mal die Hose ausbeult. Es sei „kein Vergehen, Mensch zu sein“. Stimmt. Ein misogynes Arschloch, schon.

Die Frischwoche

9. – 15. März

Das ist offenbar auch Greg Russo, weshalb alle die Titelfigur der gleichnamigen HBO-Serie nur nach seiner Romanfigur Rooster nennen. Das englische Wort für „Gockel“ scheint den Bestsellerautor halt gut zu umschreiben, als er seine Tochter (Charly Clive) an deren Ostküsten-College besucht und selbst zum Dozenten wird. Ein toxischer Cis-Mann um die 60, der seine Bedeutungslosigkeit nicht akzeptiert. Der Original-Stromberg Steve Carell aber verleiht ihm eine brüllend komische Tiefgründigkeit, die Rooster jetzt schon zu einer der Comedy-Serien des Jahres macht.

Während Showrunner Bill Lawrence den Achtteiler also in luftige Höhen seiner Fußballserie Ted Lasso steigen lässt, soll The Madison an Taylor Sheridanes Yellowstone andocken. Wenn ein Trauerfall die verzogene New Yorker Jet-Set-Sippe Clyborn ins robuste Montana nötigt, lässt er mal wieder bildgewaltig Stadt und Land kollidieren. Trotz Michelle Pfeiffer als Witwe auf Trauerbewältigungstour, zündet die Serie ab Samstag bei Parmount+ allerdings nicht so richtig.

Das gilt – auch wegen Matthias Schweighöfer – ebenso für den britisch-französischen ARD-Thriller Vanished, ab Freitag sechs Teila lang in der Mediathek. Dank Nicole Kidman könnte das Prime-Drama Scarpetta um die legendäre Gerichtsmedizinerin zahlloser Romane ab Mittwoch hingegen respektabler werden. Gleiches gilt auch für die spanische Unfallflucht-Erzählung Jene Nacht ohne Stars, aber mit großer Atmosphäre. Hierzulande steht aber eh alles im Schatten von Barbara.

Vier Tage, nachdem die ARD-Mediathek heute Guido Westerwelle zu dessen 10. Todestag porträtiert, will Netflix ab Freitag das popkulturelle Hamburger HipHop-Phänomen enträtseln. Doch so interessant Becoming Shirin David auch ist – die 90-minütige Doku belegt vor allem den Trend zur vollen (Selbst-)Kontrolle porträtierter Superstars und Medien wie zuletzt auch Bushido oder Bild.


Falscher Schnitt & rechter Marshall

Die Gebrauchtwoche

23. Februar – 1. März

Jetzt also auch die ARD. Im Bericht aus Berlin wurde am Sonntagabend ein Beitrag falsch zusammengeschnitten. Nach der Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden, applaudierte plötzlich Angela Merkel – was sie zwar getan hatte, allerdings an einer anderen Stelle des Parteitags. Ist das bloß Fahrlässigkeit, schon Methode oder einfach nur dumm? Die Antwort geben leider keine nüchternen Analytiker, sondern reaktionäre Hetzer.

Im neuen AfD-Fanzine Welt zum Beispiel, wo der ehemals hochangesehen Journalist Hans-Ulrich Jörges als erster auf den falschen Schnitt hingewiesen hatte. Dass sein eigenes Blatt mittlerweile mehrheitlich mit Agenda-Setting, Manipulation oder schlicht rechter Hetze arbeitet, vergaß er da wohl einfach zu erwähnen. Aber mal ehrlich: dieser kleine Zank unter Medienmenschen in Deutschland bleibt angesichts der weltbewegenden Umwälzung von voriger Woche bestenfalls regional.

Nachdem Netflix sein Angebot zur Übernahme von Warner Bros. zurückgezogen hat, griff nämlich die Paramount Skydance Corporation zu. Die Verträge sollen angeblich schon unterschrieben sein. Und damit wäre dann womöglich auch das Schicksal seriöser Fernsehberichterstattung in den USA besiegelt. Denn PSC-Chef David Ellison zählt nicht nur zu einer Familie glühender Trump-Fans; er hat bereits Umbaumaßnahmen angedeutet.

Betroffen davon wäre vor allem das journalistische Flaggschiff CNN, das zur Manövriermasse des Multimilliarden-Deals gehört. Niemand im politischen Washington glaubt noch ernsthaft, dass dort fortan noch ernsthaft regierungskritisch informiert werde – zumindest, solange die Regierung aus Republikanern besteht. Nach dem Einknicken der Washington Post wäre das der nächste Schlag für den amerikanischen Pluralismus. Und womöglich der tödlichste.

Die Frischwoche

2. – 8. März

Schwer von hier aus ins Unterhaltungsprogramm zu schalten. Erst recht zum Yellowstone-Ableger Marshalls um den nahezu letzten Dutton Kayce (Luke Grimes) – schließlich wirkt es irgendwie ambivalent, gerade jetzt ein Format von Paramount+ zu empfehlen. Dann also lieber die volle Seifenbreitseite in Gestalt der südkoreanischen Liebesthriller-Serie Siren’s Kiss, seit Montag bei Prime. Oder noch öliger: die obstbäuerliche Sat1-Daily Ein Hof zum Verlieben, die genauso aussieht, wie sich ihr Titel anhört.

Gehaltvoller wäre da die tragikomische HBO-Serie DTF St. Louis mit Jason Bateman und David Harbour als Männer am Rande der Midlife-Crisis, aktuell bei HBO Max, das allerdings ja auch demnächst in Ellisons rechte Hände fällt. Oder die Prime-Serie Young Sherlock, in der kein Geringerer als Guy Ritchie die Jugend des Meisterdetektivs erzählt. Wobei auch Jeff Bezos ja eher gestern also heute die Demokratie einstampfen würde. Es ist kompliziert.

Letzter Versuch: die Drama-Serie Vladimir mit dem zuckersüßem Leo Woodall als Universitätsdozent, dem eine Englischprofessorin (Rachel Weisz) verfällt und dabei ihre Ehe aufs Spiel setzt. Sicher kein Arthaus-Streaming, aber immerhin vom Warner-Deal-Verlierer Netflix. Und mit dem spanischen Steuerbetrugsthriller Celeste macht man ab Freitag bei Arte schon mal gar nichts falsch. Vielleicht solle man sich aber gleich ganz sedieren. Mit zwei Medicals, ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek. Sie heißen Einfach Elli und Die Maiwald. Inhalt egal. Einfach nur weg aus dieser sognannten Realität.


Eren M. Güvercin: Druck & Banksters

Fragen zu meiner Identität machen mich müde

Seit seiner qenderfluiden Rolle in Druck und der anschließenden Drogenbiografie von Euphorie ist Eren M. Güvercin einer der imposantesten Schauspieler unter 25. Bei HBO spielt er nun einen Millennial auf räuberischen Abwegen – und zwar mit ähnlicher Energie wie fsat all seine Figuren, seit er Schultheater macht. Ein Gespräch über Banksters, böse Kapitalisten, Quoten-Kanaken, seine Screen-Time und die Bürde der GenZ.

Von Jan Freitag

Eren M. Güvercin, Sie sind 23, gelten als äußerst impulsiver Schauspieler und standen sogar schon auf der linken Berliner Volksbühne – haben Sie Ihren Marx schon gelesen?

Eren M. Güverci: (lacht) Hab‘ ich. Warum?

Können Sie sich neun Jahre später noch an seine Forderung erinnern, die Expropriateure zu expropriieren?

Also ganz ehrlich? Ich habe Das Kapital ungefähr mit 16 gelesen und eigentlich fast nichts verstanden. Was genau heißt das noch mal?

Sinngemäß ungefähr „beutet die Ausbeuter aus“, ein Slogan, der die HBO-Serie Banksters eigentlich ganz gut umschreibt.

Weil wir darin ausbeuterische Banker ausnehmen? Guter Gedanke. Darum geht’s darin durchaus. Meine Figur Yusuf nimmt ja auch deshalb die eigene Bank aus, weil sein Vater so riesige Schulden bei ihr hat. Er fickt also ein System, das zuvor auch ihn gefickt hat. Auf der inneren Reise ihrer Figuren geht es der Serie aber natürlich noch um mehr. Liebe, Freundschaft, Verrat – alles ebenso große Themen.

Ich wollte Banksters auch nicht auf ihre Gesellschaftskritik reduzieren. Aber so skrupellos, wie Banker darin gleich zu Beginn gezeichnet werden, scheint die Serie doch politischer zu sein als andere Heist-Movies.

Das war Bernd Lange definitiv wichtig. Zumal er die Serie auf Grundlage einer wahren Begebenheit Anfang der Nullerjahre in Berlin geschrieben hat.

Was hat Sie dann an seinem Drehbuch als erstes überzeugt: die Kapitalismuskritik, ihre Rolle darin oder das Bankraubgenre, in dem es seit Steven Soderberghs Oceans’s Eleven ja besonders bildgewaltig rund gehen darf?

Ocean’s Eleven war als Referenzgröße auf jeden Fall früh im Gespräch. Weil ich vorm Casting aber noch gar nicht so viel vom Drehbuch lesen durfte, hat mich persönlich vor allem die Challenge gereizt, eine so komplexe Hauptrolle in der ersten deutschen HBO-Serie spielen zu dürfen.

Was macht Ihren Yusuf denn so komplex?

Dass er ein hochintelligenter, extrem loyaler, zugleich aber eben auch krimineller Fuchs ist.

Der als türkischstämmiger Einser-Abiturient gegen den Strich tradierter Darstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Fiktion gebürstet ist.

Die Facette war zwar nicht mein größter Antrieb, ihn zu spielen. Aber angesichts der Art, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland normalerweise dargestellt werden, hatte die Darstellung eines intelligenten Jungen, der deutsch und Türke ist, fast etwas Provokatives, weil Deutschland diese Identitäten gerne prekär und dumm darstellt. Zumal die Serie außerdem einen Alltagsrassismus thematisiert, der 2004 noch viel ausgeprägter war als heute. Obwohl ich das ehrlicherweise nicht einschätzen kann, da immer mehr Menschen AfD wählen und alles brauner riecht. Dennoch kann ich mich in diese Erfahrungen als Nachfahre türkischer Migranten natürlich gut reinversetzen. Aber sie sind nicht entscheidend für die Serie oder meine Figur.

Haben Sie unabhängig davon dennoch das Bedürfnis, dieser Gruppe durch Ihre Rollen Sichtbarkeit und Repräsentation zu geben?

Schon. Zugleich macht mich die Frage zu meiner Identität aber auch müde und erinnert mich daran, dass ich nicht mit demselben Selbstverständnis in Deutschland lebe wie Biodeutsche. Ich spiele, was ich bedienen kann; deshalb heiße ich in Druck zwar Ismail, in Euphorie aber nicht Yusuf, sondern Jannis.

Eine wichtige Identität Ihrer äußeren Wahrnehmung ist es, wichtiger Teil, wenn nicht gar Aushängeschild der GenZ zu sein. Ist das okay oder nervig?

Obwohl es manchmal ganz cool ist, auch als Schauspieler mit dieser Generation identifiziert zu werden, finde ich es vor allem ein bisschen lustig, dass sie ständig zu einem Nepotismus-Club vereinheitlicht wird, in dem alle irgendwie gleich sein sollen. Das gilt aber wohl für alle Generationen. Und Banksters handelt ja auch eher von Millennials im Y2K-Fieber.

Angesteckt von einer Zeit, als bauchfreie Tops, Tamagotchis und Nokia-Handys angesagt waren.

Genau. Ich bin weder Millennial noch Nepo-Baby und hundert Prozent self made in Kreuzberg.

2004, im Jahr der Banksters, waren Sie keine zwei Jahre alt. Was haben Sie beim Drehen über die damalige Jugendkultur gelernt?

Ich mag es eigentlich nicht sonderlich, wenn transgenerationelle Debatten die Menschen verschiedener Epochen ständig miteinander abgleichen. Aber mir ist bei der Serie nochmals aufgefallen, dass man damals nicht in jeder Situation nach dem Handy gegriffen hat. Meine Generation muss jetzt dagegen in jeder Fiktion pausenlos am Smartphone hängen. Weil mich das extrem ankotzt, war es wirklich befreiend, einen Millennial zu spielen, der das nicht muss.

Hängen Sie selber privat denn auch nicht ständig am Smartphone?

Meine Screentime ist definitiv zu hoch.

Endlich mal was Persönliches! Ansonsten ist wenig über Ihr Privatleben bekannt.

Und das ist auch okay so.

Umso interessanter wäre das, was Sie angesichts von Rollen wie Druck und Euphorie, die ihre Altersgruppe explizit thematisiert haben, ganz persönlich in Ihre Rollen einfließen lassen!

Netter Versuch (lacht) Vieles und gar nichts. Ich finde generell Kolleginnen oder Kollegen interessant, die sich scheinbar überhaupt nicht mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Tilda Swinton zum Beispiel, Paul Mescal oder Phoebe Waller-Bridge. Ich präsentiere mich dort zwar auch mit meinem Instagram-Account, suche aber wie sie in meinen Rollen vor allem nach Wahrhaftigkeit. Am Ende des Tages sind Filme und Serien für mich keine selbsterteilte Therapiesitzung, sondern ein Prozess, Geschichten zu erzählen.

Muss ein Schauspieler, der wie Sie schon als Teenager auf Bühnen stand, aber trotzdem relativ kurz im Geschäft ist, automatisch mehr von sich selbst in Rollen einfließen lassen als alte Hasen, die dafür auch noch jahrzehntelange Berufserfahrung haben?

Ob Jugend impulsiver macht, meinen Sie? Ich hatte seit meinem ersten Job einen ehrlichen, direkten Umgang mit meiner Arbeit. Denke ich zumindest… Sich ehrlich zu zeigen, erfordert Feingefühl und Sensibilität. Sich fragil zeigen zu dürfen, erfordert obendrein auch noch Mut, vor allem wenn alle erwarten, dass man als Mann immer stark sein muss.

Wobei Yusuf verglichen mit dem queeren Isi in Druck, dem drogenaffinen Jannis in Euphorie oder dem überdrehten Amadeus in Mozart/Mozart fast schon ihre normalste Figur war, oder?

Mag sein. Vor allem aber war er die nächste Figur. Ich möchte mit jeder etwas Neues betreten, habe aber natürlich Traumrollen, die meine Freunde auch schauen wollen. Etwas Schamloses, das die meisten langweiligen, konservativen Macho-Filmemacher halt nicht wollen. Eine punkige, triste, nihilistische Geheimagentin zum Beispiel gekoppelt mit Martial Arts und nackig, weil ich auch boxe. Keine Komödie, soll sich aber selbst auch nicht zu ernst nehmen. Außerdem kein Side-Character und 100 Millionen Budget.

Wow, präzise Traumrollenbeschreibung!

Weil ich das Bild davon halt auch präzise vor Augen habe. Eine lange Perücke auf jeden Fall. Vielleicht kommt es davon, dass mich alle auf einmal als Quoten-Kanaken zeigen wollen und ich mich bei solchen Provokationen dann wehren will. Wahrscheinlich brauch ich einfach nur etwas Ruhe und Inspiration. Noch mehr als nach coolen Charakteren suche ich aber nach coolen Kreativen hinter den Projekten. Und vor allem Leute, die sich was trauen.

Wenn man sich das Wehklagen hochkultureller Feuilletons über Clara Zoë My-Linh von Arnims Mozart/Mozart in Erinnerung ruft, geht es dummerweise schnell nach hinten los, wenn sich Kreative wirklich was trauen.

Ich habe penibel umgesetzt, was Regie und Produktion von mir erwartet haben, also meinen Job gemacht und davon die Miete bezahlt. Alles fein! Ich freu mich auf den nächsten Film, der rauskommt.

Welcher Regisseur?

Fatih Akin.