Uthoff, Kühl, Wagner: Danger & Die Anstalt

Fassungslos. Ungläubig. Wütend

Jens Hartmann/ZDF

Kurz vor ihrer umstrittenen Jubiläumssendung ohne Danger Dan haben sich die Hosts der Anstalt – Max Uthoff, Maike Kühl und Claus von Wagner zum Skandal um die ZDF-Selbstzensur geäußert – und den Zustand des Kabaretts ingesamt, 100 Folgen nach dem Debüt vor zwölf Jahren. freitagsmedien dokumentiert das DWDL-Interview in voller Länge.

Von Jan Freitag

Max Uthoff, Maike Kühl, Claus von Wagner – als kleines Jubiläumsgeschenkt hat Ihnen das ZDF den Jubiläumsgast Danger Dan wegen seines vermeintlichen Gewaltaufrufs im Song „Keine Angst” ausgeladen. Was war Ihre erste Reaktion darauf?

Claus von Wagner: Fassungslos.

Maike Kühl: Ungläubig

Max Uthoff: Und wütend. Ich habe versucht, schnell noch Klavier zu lernen.

Wagner: Ich singen.

Kühl: Ich kann beides einigermaßen… War trotzdem zu knapp.

Was war das aus Ihrer Sicht – perfekte PR, Selbstzensur, Hilfe beim Versuch der AfD, den ÖRR abzuschaffen?

Wagner: Das war vor allem unprofessionell. Das ZDF hatte lange genug Zeit, sich den Text anzuschauen.

Uthoff: In der Zeit hätte ich den Text auswendig lernen können.

Kühl: Hätten Sie nicht. 

Wagner: Im Ernst, weil Keine Angst eine Anleitung zum Widerstand gegen rechtsextreme Strukturen und Zeilen enthält, die zur Diskussion einladen, wollten wir genau das machen.

Kühl: Und nach dem Song über diese Zeilen reden, im Rahmen des geschützten Raums einer Bühne eine Diskussion führen, wie weit Kunstfreiheit reicht und wo vielleicht eine Grenze durch die Lyrics des Songs überschritten wurde. Das alles hat das ZDF nicht gewollt und den Künstler eigenständig, gegen unseren Protest, wieder ausgeladen. Alles weitere kann man in der Sendung selbst sehen. 

Wie genau werden Sie darauf denn in der 100. Sendung reagieren?

Kühl: Wir werden uns der Leerstelle von Danger Dan und dessen Text stellen.

Wagner: Wäre schön gewesen, wenn wir das mit dem Künstler gemeinsam hätten machen können.

Wo steht das Fernseh-Kabarett denn unabhängig von dieser Situation 99 Folgen nach ihrer ersten Anstalt?

Wagner: Nach der Absetzung von Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ fand im ZDF 30 Jahre lang kein Kabarett statt. Dann haben Urban Priol und Georg Schramm 2007 dankenswerterweise Neues aus der Anstalt aus der Taufe gehoben. Ein Neuanfang der ZDF-Satire, den die heute-Show, anfangs von der Popularität von Neues aus der Anstalt getragen, fortsetzen konnte. Dann kam Jan Böhmermann, wir… auch in der ARD gibt es Satire-Formate. Alles öffentlich-rechtlich. Die privaten Sender halten sich bei der Satire sagen wir mal vorsichtig, sehr zurück…

Kühl: Es steht also öffentlich-rechtlich – privat mindestens 6 : 0.

Wobei sich auch die ARD mit Dieter Nuhr als Aushängeschild nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Uthoff: Die ARD hat immerhin „Extra 3“, und Christian Ehring macht einen hervorragenden Job. Davon abgesehen driftet das Kabarett dort ab und an bedenklich ins Rechtspopulistische ab.

Wagner: Man hat das Gefühl, ein paar Redakteure im Ersten finden, es müsste unbedingt auch rechtskonservatives Kabarett im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben.

Die berüchtigte False Balance.

Uthoff: Vielleicht ist das Kabarett aber auch hier Spiegel der Gesellschaft. Das zeigt sich sogar noch mehr auf den Bühnen jenseits des Fernsehens. Mit der Konsequenz, dass wir einige Kolleginnen von früher heute nicht mehr zu uns einladen.

Lisa Eckhart und Monika Gruber zum Beispiel.

Kühl: Was mich noch mehr als Dieter Nuhrs Haltung wundert, ist, dass sie von seiner Redaktion offenbar nicht mal auf Fakten gecheckt und stattdessen durchgewunken wird.

Uthoff: Ist das Aufmerksamkeitsökonomie oder Überzeugung?

Kühl: Beides.

Wagner: Dieter Nuhr hat bezeichnenderweise mal bedeutungsschwanger herumgeraunt, bei unserer Sendung gäbe es „Korrektoren“. Ja. Aber wir nennen die halt Faktencheck!

Uthoff: Gäbe es den auch bei den Verantwortlichen von WDR und rbb, wären Nuhrs Pointen über Femizide nie durchgegangen. Wobei: Pointen? Unser Verständnis von Satire unterscheidet sich grundlegend von Nuhr, Eckhart, Gruber. Man tritt nach oben, nicht nach unten, fertig!

Kühl: Nach unten Treten ist halt einfacher, weil dazu nur Ressentiment, aber keine Information nötig ist.

Uthoff: Unsere Themen sind je nach Faktenlage durchaus konträr. Auch, wenn es mitunter anstrengend ist, lassen wir auch andere Argumente gelten.

Kühl: Und zwar schon während der Vorbereitung, wo wir uns Meinungen unterschiedlichster Expert:innen anhören, die unsere schon mal auf die Probe stellen.

Learning by Joking?

Uthoff: Sozusagen. Und dann Joking after learning.

Dann gehen wir doch mal auf Anfang der Anstalt zurück. Deutschland war Weltmeister, Obama US-Präsident, die AfD eine Splitterpartei und Deutschland ganz zufrieden. War das ein besseres oder schlechteres Biotop fürs Kabarett als die Dauerkrise von heute?

Uthoff: Schön Dank schon mal; erschütternder kann man die Niederlage der Anstalt als Ansporn gesellschaftlicher Verbesserung nicht zusammenfassen. Jede Satire antwortet auf ihre Zeit und muss dafür entsprechende Formeln finden. Ob es schwerer oder leichter war, weiß ich gar nicht, aber Satire ist immer möglich und nötig.

Wagner: Ich wehre mich dagegen, dass uns Donald Trump mit seiner Realsatire Arbeit wegnimmt. Satire hat aber immer eine Form, durchläuft einen Prozess der Reflexion. Und wir versuchen zudem, nicht nur tagespolitische Aussagen wiederzukäuen, sondern längerfristige Entwicklungen aufzuzeigen.

Die Themen der 2. Folge waren Rente, Ukraine, Alltagsstress. Wenn Alltag durch Hitze ersetzt, würde sie inhaltlich auch zur 100. Folge taugen.

Uthoff: Die Probleme liegen in einem System begründet, dessen Profitzwänge naturgemäß nicht darauf ausgerichtet sind, Gerechtigkeit zu schaffen. Und das prangert linkes Kabarett ebenso naturgemäß an, was die Arbeit für uns nicht leichter macht. Zum zehnten Mal die Rentendebatte neu abzubilden, ist zermürbend.

Kühl: Und manchmal genauso frustrierend wie die Tatsache, dass sich zwischen dem ersten und zehnten Mal so wenig geändert hat. Es geht uns des Öfteren so, dass wir überzeugt sind, etwas erzählen zu müssen und beim Betrachten alter Sendungen merken, wie oft wir das bereits getan haben.

Wagner: Ja, ich weiß nicht, wie oft wir die vom Bundesverfassungsgericht schon lange angemahnte Erbschaftsteuerreform thematisiert haben, ohne dass sich was getan hat. Aber, manchmal tut sich politisch ja wirklich was. Ich weiß noch, als wir – viel zu spät – unsere erste reine Klimasendung gemacht haben, war die Debatte darüber in der Gesellschaft echt überschaubar. Dann hat Fridays for Future Druck gemacht und daran mitgewirkt dass Klima-Forderungen in konkrete Gesetze eingeflossen sind und anschließend kommunales Verwaltungshandeln verändert haben.

Kühl: Als ich 2019 das erste Mal in der Anstalt war, ging es auch um den Klimawandel, und die neuesten Erkenntnisse, darüber waren eigentlich alle entsetzt. Trotz all des fantastischen Engagements ist das Tempo, in dem Politik und Gesellschaft auf diese Bedrohung reagieren, nicht hoch genug. Im Gegenteil. Man stumpft zusehends ab und zuckt mit den Schultern, wenn sich Wetter-Moderator*innen noch über Rekordtemperaturen freuen.

Ihre Vorgänger hatten noch wirres Haar, Lederhände, Herrenhandtaschen. Warum sind komödiantische Alter Egos in der Anstalt seltener geworden?

Uthoff: Weil Urban Priol, Georg Schramm und Frank-Markus Barwasser ihre Alter Egos mit in die Anstalt gebracht haben, während Claus und ich nie welche hatten. Ich kenne kaum jüngere Kollegen, die noch mit einer Bühnenfigur arbeiten. Selbst in der Comedy nimmt die Zahl künstlicher Figuren ab.

Wagner: Es gibt natürlich noch Leute wie Olaf Schubert oder Atze Schröder. Ich glaube, sowas geschieht in Wellenbewegungen. Manchmal schöpft die Satire ihr Komik aus Theatralik, manchmal aus der Sachlichkeit.

Kühl: Wobei auch wir regelmäßig in Rollen schlüpfen, nur eben keine festen. Wer Texte lernt und damit auf die Bühne steigt, abstrahiert aber fast immer von sich als Person.

Wie kommt es eigentlich, dass so viele dieser Personen wie Sie drei aus Bayern sind?

Uthoff: Machen wir uns nichts vor – außerhalb Bayerns gibt’s gar kein politisches Kabarett.

Kühl: Deshalb habe ich meinen Geburtsort Worms auch heimlich in München geändert.

Uthoff: Was?! Es könnte sein, Herr Freitag, dass Frau Kühl in der nächsten Sendung nicht die Anstalt betritt. Aber ernsthaft: Wenn wir aufzählen, wer nicht aus Bayern kommt, fangen wir mit Christian Ehring an, kommen zu Tobias Mann oder Christoph Sieber und hören noch nicht bei Volker Pispers auf…

Alle männlich, weiß, mittelalt und damit das, was das deutsche Kabarett seit Ewigkeiten prägt. Ist „Die Anstalt“ diverser, weil sie gezielt danach suchen oder weil die Branche diverser wird?

Uthoff: Beides. Wenn sich 30 Prozent Migrationshintergrund in Deutschland nicht mal im linken Kabarett spiegeln würden, wäre das geradezu grotesk. Und wir sind natürlich auch immer auf der Suche nach Kabarettistinnen und finden dabei überall lustige, haltungsstarke Kolleginnen wie Ana Lucia oder Teresa Reichl…

Kühl: Die wiederum andere anziehen. Ich sehe uns in der Pflicht, Vorbilder zu zeigen.

Uthoff: Zumal viele Veranstalter bei einer Kabarettistin noch immer sagen, wir hatten doch schon letztes Jahr eine

[Claus von Wagner bittet um die letzte Frage]

Okay, als wir uns vor der ersten Folge gesprochen hatten, meinte Herr Uthoff, Kabarett zu machen, bis er den Friedensnobelpreis kriegt. Kriegen Sie den vor oder nach Donald Trump?

Uthoff: Den will ich gar nicht mehr. Beim Streben nach der höchsten satirischen Auszeichnung, zieht es mich zum Nonplusultra, den Fifa Friedenspreis. Danach ist definitiv Schluss.

Kühl: Aber Herr von Wagner und ich bleiben.


Claudia Paganini: Andrea Kiewel & Danger Dan

“Das Dilemma des ZDF”

Was hat Andrea Kiewels rassistische Entgleistung im Fernsehgarten mit Danger Dans Ausladung aus der Anstalt zu tun? Ein Interview mit Claudia Paganini (Bild: Studio Matphoto), Professorin für Medienethik an der Unsiversität Innsbruck, über Beschwichtigungs-PR, Fehlerkultur und das informelle Vetorecht der AfD.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Paganini, kurz nachdem das ZDF eine rassistische Entgleisung im Fernsehgarten mit der Live-Situation entschuldigt hat, cancelt die Intendanz Keine Angst von Danger Dan. Was waren Ihre Reaktionen?

Bei Andrea Kiewel war ich über die halbherzige Entschuldigung irritiert. Die Live-Situation erklärt, dass nicht sofort reagiert wurde, aber weder den weiteren Verlauf noch rassistischen Gehalt. Bei Danger Dan war meine Reaktion vor allem Unverständnis über die Ängstlichkeit und Kurzfristigkeit der Entscheidung. Gleichzeitig sehe ich das Dilemma des ZDF, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter extremer Beobachtung und soll möglichst nie einen Fehler machen – gerade das erhöht aber die Gefahr, aus Angst vor negativer Bewertung Fehler zu produzieren.

Wie bewerten sie die beiden Fälle jeweils?

Bei Kiewel sehe ich einen spontanen persönlichen Fehler, der Fragen zur Haltung der Moderatorin aufkommen lässt und auf den institutionell nicht klar genug reagiert wurde. Bei Danger Dan sehe ich dagegen ein institutionell erzeugtes Problem: Aus einer möglichen problematischen Deutung wurde vorsorglich die Absage eines Kunstbeitrags. Der erste Fall verlangte eine bessere Entschuldigung bzw. Aufarbeitung, der zweite eine größere Bereitschaft sich mit Alternativen auseinanderzusetzen, sodass statt einer Absage eine redaktionelle Kontextualisierung erfolgen hätte können:

Haben die beide Fälle aus Ihrer Sicht miteinander zu tun?

Nicht ursächlich, aber durch die zeitliche Nähe entsteht eine eigenartige Optik. Bei Kiewel beruft sich das ZDF auf die gute Absicht, bei Danger Dan orientiert es sich an einer möglichen problematischsten Wirkung. Diese unterschiedlichen Maßstäbe wirken inkonsequent: Hier wird eine tatsächlich ausgestrahlte Entgleisung relativiert, dort ein noch gar nicht ausgestrahlter Beitrag sehr streng interpretiert.

Sind die unterschiedlichen Maßstäbe eher kommunikativer oder senderpolitischer Natur?

Kiewel ist vor allem ein Fall der Kommunikation und Fehlerkultur: Wie entschuldigt man sich, ohne den Fehler sofort wieder kleinzureden? Der Fall Danger Dan ist stärker senderpolitisch. Er berührt die Frage, wie autonom Redaktionen und Satireformate sind, wie viel Provokation ein öffentlich-rechtlicher Sender aushält und wie stark die Logik der Risikovermeidung das Programm bestimmen soll.

Haben diese beiden Reaktionsmuster mit der großen Gereiztheit zu tun, die Bernhard Pörksen der Kommunikation insgesamt unterstellt?

Zum Teil. In einer gereizten Öffentlichkeit wird jede Äußerung sofort moralisch bewertet, politisch eingeordnet und über soziale Medien vervielfacht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk befindet sich dabei in einer prekären Lage: Er muss Fehler vermeiden, obwohl Liveprogramm und Entscheidungen, die in Wechselwirkung zu gesellschaftlichen Debatten stehen, grundsätzlich nicht fehlerfrei sein können. Die Lösung kann aber nicht noch mehr Ängstlichkeit sein, sondern eine gute Fehlerkultur: Fehler eingestehen, erklären und korrigieren, ohne bei jeder möglichen Empörung in Panik zu geraten.

Ist Ehrlichkeit in der PR grundsätzlich besser als Beschwichtigung oder gibt es Ausnahmen?

Ehrlichkeit ist fast immer besser, aber sie bedeutet nicht, vorschnell jede Vermutung zu bestätigen. Gute Krisenkommunikation bringt deutlich und schnell auf den Punkt, was geschehen ist, was noch unklar und was daraus folgt. Beschwichtigung wird besonders dann zum Problem, wenn sie die Perspektive der Betroffenen übergeht. Der Satz „Es war nicht so gemeint“ kann daher invalidierend wirken und die Sache schlechter statt besser machen. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu einer Reviktimisierung der Betroffenen führen, die durch die in der „Entschuldigung“ spürbare Ignoranz ein weiteres Mal zu Opfern werden.

Wie viel haben die Fälle mit Angst zu tun, der AfD kein ideologisches Futter zu geben?

Vermutlich spielt diese Angst eine Rolle, auch wenn man die internen Motive von außen nicht bewerten kann. Öffentlich-rechtliche Sender wissen, dass jeder Fehler von rechts als Beleg für angebliche Parteilichkeit, Verschwendung oder moralische Bevormundung genutzt wird. Problematisch wird es, wenn die Angst vor solchen Angriffen das Programm indirekt mitbestimmt. Wer permanent vermeiden will, der AfD „Futter“ zu geben, räumt ihr am Ende eine Art informelles Vetorecht ein.

Wie hätte das ZDF jeweils medienethisch besser und medientaktisch klüger agiert?

Bei Kiewel wäre eine klare persönliche Entschuldigung sinnvoll gewesen: die Äußerung konkret benennen, ihre rassistische Wirkung anerkennen und erst danach erklären, dass sie nicht beabsichtigt war. Außerdem hätte man transparent machen können, wie der Vorfall intern aufgearbeitet und was unternommen wird, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden.

Und bei Danger Dan?

Wäre eine denkbare Lösung gewesen, den Song aufzuführen und die problematischen Passagen unmittelbar anschließend zu diskutieren. So entstehen Diskurs und Öffentlichkeit und es kann zu einer produktiven Auseinandersetzung mit der Frage kommen, welche Werte man gemeinsam in einer Demokratie hochhalten will. Sollte das ZDF den Auftritt allerdings für indiskutabel gehalten haben, hätte diese Entscheidung erheblich früher fallen und nachvollziehbarer erklärt werden müssen. Dass selbst das Team der „Anstalt“ von der kurzfristigen Absage überrascht wurde, verstärkt den Eindruck eines späten, eher planlosen Eingriffs der Senderführung.

Wie fängt das ZDF den Shitstorm jetzt wieder ein?

Am besten nicht durch einen PR-Trick. Das ZDF sollte möglichst offenlegen, wie man zu den problematischen Entscheidungen gekommen ist, bei Danger Dan die Kurzfristigkeit ausdrücklich als Fehler anerkennen und mit den Beteiligten öffentlich ins Gespräch kommen. Dass es eine Aspekte-Sonderausgabe produziert hat und der Anstalt erlaubt, die Ausladung im eigenen Programm zu kritisieren, sind richtige Schritte.

Halten Sie es für möglich, das ZDF habe die Reaktion kalkuliert, um für Aufmerksamkeit zu erhöhen?

Möglich ist vieles, plausibel erscheint es mir nicht. Der Imageschaden, der interne Konflikt und der Vorwurf eines Eingriffs in die Kunstfreiheit wären für eine geplante PR-Aktion sehr hohe Risiken. Wahrscheinlicher ist eine verspätete Eskalation innerhalb der Entscheidungsstrukturen: Je höher der Vorgang im Haus wanderte, desto stärker wurden offenbar die möglichen negativen Effekte des geplanten Auftritts gewichtet.

Aber ist ein Shitstorm am Ende nicht womöglich besser als gar keine Resonanz?

Für populistische Politiker vielleicht, für öffentlich-rechtliche Sender nicht. Aufmerksamkeit bedeutet nämlich nicht Vertrauen. Ein Shitstorm kann eine wichtige Debatte auslösen, aber er ist kein Erfolg, wenn beim Publikum vor allem der Eindruck von Ängstlichkeit, Inkonsequenz oder mangelnden redaktionellen Feingespürs hängen bleibt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt nicht primär von Reichweite, sondern von Glaubwürdigkeit.

Wie werden beide Fälle aus Ihrer Sicht weitergehen?

Der Fall Kiewel dürfte sich schnell beruhigen, sofern keine weiteren vergleichbaren Vorfälle hinzukommen. Er wird vermutlich als Negativbeispiel für etwas wie Entschuldigungs- oder Fehlerkultur und den schwierigen Umgang mit Alltagsrassismus in Erinnerung bleiben. Wichtig wäre hier zu diskutieren, wie im Vorfeld Schulungen oder der gezielte Austausch mit Menschen, die häufig diskriminierten oder rassistisch beleidigten Gruppen angehören, die Wahrscheinlichkeit derartiger Entgleisungen reduzieren können. Der Fall Danger Dan hat vermutlich das größere senderpolitische Nachspiel. Er dürfte noch länger Anlass für die Diskussion darüber sein, wie öffentlich-rechtliche Institutionen unter politischem Druck zu angemessenen Entscheidungen gelangen können. Entscheidend wird sein, ob das ZDF den Vorgang nur auf der Ebene der Kommunikation bearbeitet oder daraus Konsequenzen für frühzeitige Prüfungen, redaktionelle Zuständigkeiten und den Umgang mit künstlerischer Provokation zieht.


Himmlers Anstalt & Hiddlestons Vulkan

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Juli

Vielleicht waren das genau jene sieben Worte, die den Irrsinn der vergangenen Woche perfekt zusammengefasst haben: „Wir sind im ZDF gegen das ZDF“, sagt Maike Kühl in einer kurzfristig aktualisierten Fassung der Anstalt über die Sabotage ihrer 100. Ausgabe durch Intendant Norbert Himmler. Zwei Tage zuvor hatte er schließlich etwas Beispielloses getan und Danger Dan sowie den Pianisten Igor Levit von der Jubiläumsfolge am Dienstag ausgeladen. Der Grund: sein neues Lied rufe angeblich zur Gewalt auf.

Ob es das in Gestalt verklausulierter Anleitungen zum Widerstand gegen Rechtsradikale tut – darüber hätte Maike Kühl ebenso wie die Frage, ob der Song ge- oder misslungen sei, im Rahmen ihrer Sendung gern mit Max Uthoff und Claus von Wagner diskutiert. Allein: die ZDF-Führung zeigte das Gegenteil dessen, was Danger Dan bereits im Titel fordert: Keine Angst. Das ist besonders nach ihrem Umgang mit einer rassistischen Entgleisung im Fernsehgarten vor acht Tagen bemerkenswert.

Dass Andrea Kiewel darin lautmalerisch Chinesen verspottet, erklärt die ZDF-Pressestelle mit der Live-Situation. Während Kiwi angemessen zerknirscht um Verzeihung bat, sah sich das Zweite nicht zu irgendeiner Form der Abbitte genötigt. Das erinnert ein wenig an den MDR, der den völkischen Bierzelt-Schwurbler und Polizeiruf-Kommissar a.D. Uwe Steimle, bis 2019 im Programm geduldet hatte. Dass er bei einer AfD-Veranstaltung Tötungsfantasien gegen Friedrich Merz oder Angela Merkel äußerte, macht diese Geduld noch bedenklicher.

Fun Fact: Für Steimle wäre Graf von Stauffenbergs Attentat auf Merz dringlicher als jenes gegen Adolf Hitler einst war. Wer da noch denkt, man müsse das Publikum dringend vor Danger Dans Anleitung zur Selbstjustiz schützen, könnte mal einen Blick in die USA werfen. Dort hat die Trump-Administration journalistische Visa vom unbegrenzten Duration of Status auf 240 Tage limitiert – weshalb auch Himmlers ZDF-Reporter demnächst für regierungskritische Berichterstattung ausweisbar sind.

Parallel dazu ehrt Axel Springer den Demokratieverächter mit einem Preis für, tja, Demokratieverachtung. Und das AfD-Fanzine Berliner Zeitung verliert vor Gericht gegen Jan Böhmermann, der habe den Porschefahrer Ulf Poschardt „saure Froschfresse“ genannt. Angesichts so viel männlicher Besitzstandshysterie empfehlen wir mal einen Kinofilm: Die Dokumentation Was haben wir gelacht begleitet Komikerinnen wie Hella von Sinnen, Maren Kroymann und Esther Schweins durch die Frauenverachtung aasiger Alpharüden der 90er.

Die Frischwoche

20. – 26. Juli

Aber auch am Bildschirm läuft empfehlenswertes – und zwar nicht die lineare Ausstrahlung der Anstalt zur gewohnten Sendezeit um 22.15 Uhr im ZDF. Interessant ist in der dortigen Mediathek auch die deutsch-französische Drama-Serie Kabul. Oliver Demangel, Thomas Finkielkraut und Joé Lavy rekapitulieren darin mit teilweise deutscher Besetzung die letzten Tage der afghanischen Hauptstadt, bevor sie die Taliban 2021 zurückerobert haben.

Bedrückend, realistisch, relevant. Also das genaue Gegenteil des Realfilm-Blockbusters Masters of the Universe, ab Mittwoch bei Prime Video. Oder Stuart Fails to Save the Universe – ein Spin-off der legendären Sitcom Big Bang Theory. Weil die alten Hauptdarsteller*innen vermutlich zu teuer geworden sind, geraten Nebendarsteller*innen wie Brian Posehn, Kevin Sussman, Lauren Lapkus oder John Ross Bowie ab Freitag bei HBO Max ins Chaos einer merkwürdigen Maschine.

Immerhin erhellend ist die Dokudrama-Serie Pompeji, in der sich Antisuperheldenstar Tom Hiddleston vier Folgen lang bei Disney+ auf die Spuren dieser berühmtesten aller Naturkatastrophen begibt. Rein wissenschaftlich ist das zwar Historytainment auf Galileo-Mystery-Niveau. Der Host aber gibt sich Mühe, das Grundraunen fabulierter Geschichte unterhaltsam zu machen. Und zu guter Letzt, mal wieder was von Viaplay.

In All & Eva begibt sich das skandinavische Streamingportal seit Montag auf die Verpaarungsfährte der mittelalten Titelfigur (Tuva Novotny), die sich in den Samenspender ihres ungeborenen Kindes verliebt. Nicht nur dank ihrer tragikomischen Serie gilt die verantwortliche Showrunnerin Johanna Runevad bereits als Schwedens Antwort auf Phoebe Waller-Bridge.


Fotzenrap & Schafsmanko

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. Juli

„Tschüss, und lassen Sie es gutgehen.“ So verabschiedete sich Jörg Schönenborn nach seiner ersten Moderation der Tagesthemen vor einer Woche und ließ offen, ob er zwischen „es“ und „gutgehen“ bewusst das übliche „sich“ unterschlagen hat. So hatte sein Schlusswort genau jenen Schuss Fatalismus, der unsere Zei von Null bis 24 Uhr prägt. Und zwischendurch? Gibt’s das ZDF-Morgenmagazin.

Vorige Woche mit Ikkimel, die das Frühstücksformat mit kaum erträglicher Verächtlichkeit strafte und dabei herrlich irritierte Gesichter provozierte. Während die selbsterklärte „Fotzen-Rapperin“ genau wusste, worauf sie sich da einließ, wurde das Zweite offenbar komplett überrumpelt. Das würde man von RTL auch gern behaupten, nachdem ein Kandidat der dortigen Reality-Show Bad Boys sich so ganz nebenbei aus einem Fremdgehverdacht mit der Aussage herausredete, die potenzielle Gespielin sei Opfer eines Femizids geworden.

Dummerweise hat die Niedertracht in Köln Methode. Der zuständige Redakteur (unvorstellbar, dass es eine Redakteurin war), dürfte sich über die Instrumentalisierung männlicher Gewalt also absolut klar gewesen sein. Niedertracht gibt es aber auch außerhalb kommerzieller Brachial-Unterhaltung. Als während der Demos gegen den AfD-Parteitag in Erfurt ein Mitarbeiter von Apollo News krankenhausreif geprügelt wurde, gab es kein Wort der Reue.

Nur zur Erinnerung: Auch, wenn Journalist*innen rechter Schwurbel-Portale attackiert werden, ist das ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Punkt. Wenn CDU/CSU und SPD das Informationsfreiheitsgesetz abwickeln, also die Regierungskontrolle erschwert, ist das ebenfalls ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie. Wenn Konservative wie Karin Prien, Carsten Schnieder, Dorothee Bär und Mario Voigt KI-generierte bis -optimierte Gastbeiträge in FAZ oder Bild platzieren, ist das kaum weniger ein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie.

Die Frischwoche

13. – 19. Juli

Und den kann man mittlerweile fast nur noch durch elaborierten Eskapismus ertragen, der uns Sozialkritik allenfalls noch zwischen den Zeilen unterjubelt. Der halbanimierte ZDF-Fünfteiler Sheep zum Beispiel kommentiert die fleischsüchtige Überflussgesellschaft in einer Herde sprechender Schafe (u.a. Birgit, Minchmayr, Merlin Sandmeyer, Jella Haase), der die ziemlich komische Erkenntnis kommt, dass sie vom Menschen nur ausgebeutet werden.

An gleicher Stelle schickt Arne Feldhusen ein Theater-Kollektiv namens „Das Manko GbR“ seit Montag in eine Workplace-Groteske, deren elf Hauptdarsteller*innen vier Folgen lang praktisch kein klar artikuliertes Wort von sich geben und damit nebenbei das hierarchisierte Hamsterrad des mittleren Managements aufs Korn nehmen. Auch das Bowlingcenter-Chaos der Comedyserie Die Abräumer mit Stefanie Lamprecht läuft auf der Digitalplattform des Zweiten.

Und weil dort am Mittwoch zudem das importierte Historiendrama The Forsythes um eine Dynastie der 1880er Jahre startet, könnte man meinen, andere Sender stecken schon tief im Sommerloch. Falsch vermutet. Die Apple-Serie Lucky schickt Anya Taylor-Joy (Das Damen Gambit) zeitgleich als Kriminelle in den FBI-Dienst. Prime Video legt parallel in Ride or Die eine Art Thelma and Louise 3.0 auf. Bei Netflix kehr Will Ferrells Golfer Hawk ab Donnerstag gewiss brüllend komisch aus der Rente zurück.

Freitag dann wärmt der französische Sechsteiler Surface einen Cold Case mit Serienkillerbeteiligung in der ARD-Mediathek auf. Den Knaller aber zündet David Schalke. Nach 14 Jahren Pause geht seine Provinzposse Braunschlag in die zweite Staffel. Und wenn sich das österreichische Starensemble um Robert Pallfrader, Nina Proll und Nicholas Orczarek dabei ins Jahr 1986 kostümiert, wird es bei HBO beinahe so brillant wie 2012.


40 Jahre ZDF-Fernsehgarten

Der stationäre Schlagermove

Seit 40 Jahren hilft der ZDF-Fernsehgarten Schlagerfans bei der sonntäglichen Realitätsflucht. Ein Besuch auf dem Mainzer Lerchenberg, wo alle Krisen zwei Stunden Pause machen – einmal als Reportage, einmal als Rückblick

KNA-Mediendienst

Wer die Quintessenz der deutschen Fernsehunterhaltung sucht, sollte am Mainzer Hauptbahnhof die Straßenbahn 53 nehmen und nach 15 Stationen einer erstaunlich reizlosen Kulturlandschaft dort aussteigen, wo sich zehn Fußminuten später ein kulturlandschaftliches Donnerwetter ereignet. Hier oben nämlich, auf dem Lerchenberg, veranstaltet das ZDF seit genau 40 Jahren ein Hochamt der guten Laune, das es im Grunde gar nicht geben dürfte. Nicht mehr. Nicht an Tagen wie diesen.

Während (auch) der Klimawandel die 90.000 Quadratmeter Freifläche bereits um halb elf Uhr morgens auf brutale 40 Grad heizt und ringsherum Kriege, Krisen, Donald Trump wüten, herrscht im „Fernsehgarten“ ungetrübter Frohsinn. Auch Eskapismus genannt. „Das gibt heute viel Kreislauf“, warnt ein DRK-Sani, als 5000 Gäste das Gelände fluten. Vorerst jedoch gibt es nur erhöhten Puls. Vom künstlichen See stampft schließlich Lorenz Büffel zur Bühne. Und der Partyschlagerstar hat nicht nur Mia Julia nebst Malle Anja dabei, sondern 140 beats per minute, in denen nun also sieben Ballermänner und -frauen die Fans aufwärmen.

Ihre Fans, Daniela Kiewels Fans. Ein paar Minuten, nachdem der Einpeitscher im Hawaii-Hemd unter Hawaii-Schlips über Hawaii-Hose lautstark gefordert hatte, wenn er „Kiwi“ sage, „müsst ihr spontan ausrasten, als wenn ihr euch wirklich freut“, läuft die Moderatorin ein. Vorerst nur probeweise. Zu Wolfgang Petrys „Wahnsinn“. Aber was bitte macht das Publikum? Es rastet schon beim Warm-up „spontan“ aus. So, wie es auch beim Start der Sendung Punkt zwölf ausrastet. So, wie es die folgenden zwei Stunden live im Zweiten nahezu unaufhörlich ausrasten wird. Also so, wie es seit der Premiere am 29. Juni 1986 ausrastet?

Nicht ganz.

Damals nämlich, das Reaktorunglück von Tschernobyl hatte den Deutschen zumindest westlich der Mauer grad gehörig die Schwarzwaldklinik-Laune verhagelt, sah der Fernsehgarten noch ganz anders aus. Andrea Kiewels Vorvorgängerin Ilona Christen hatte zwar bombastische Brillen, aber dezenteres Programm. Statt hochtouriger Malle-Hits zum Mitgrölen gab es Spielmannszüge, Kammermusik, Varieté. Der Sound, die Choreo, das ganze Programm – bis auf den Lerchenberg erinnerte anfangs nur wenig an heute.

Gut 80.000 Sendeminuten verteilt auf 665 Sendungen später, seit 2000 unter Kiewels (acht Jahre später nur mal kurz schleichwerbeskandalbedingt unterbrochener) Leitung, ist der Fernsehgarten das Oktoberfest unter den TV-Shows. Ein stationärer Schlagermove für Aida-Passagiere beim Landgang quasi. Popkultureller Mainstream, purer Kommerz, und in der Tat: Wenn Wolles Sohn Achim Petry singt, wie „total verrückt wir sind“, und Patrick Lindner, was „der Wahnsinn will“, wenn Aileen Sager auf „rosa, rosa, rosaroten Wolken“ schwebt, Büffels Bierzeltkumpel Peter Wackel nur ein Gas kennt, „nämlich Vollgas“, und die Schlagerlegenden Amigos ein umjubeltes Medley brettern – dann ist die Hochkultur weiter vom ZDF entfernt als dessen Grünfläche vom Grimme-Preis.

Nur: so what? Oder wie Kiwi in ihrer entwaffnenden Art sagen dürfte: What the Fuck? Wer sommersonntagnachmittags über den begrünten Asphalt dieser TV-Institution geht, blickt mehrheitlich in glückliche, ja selige Gesichter eines ziemlich diversen Publikums aller Alters- und Steuerklassen. Der Pride-Regenbogen ist fast so präsent wie Deutschlandtrikots. Es gibt ab halb elf Aperol Spritz für 7 Euro und Pils für 2,50 weniger, aber selbst um zwei kaum besoffene Testosteronschleudern.

Trotz Dreiklassengesellschaft mit Stehbereich für alle, Tribüne für einige und Tischbedienung für wenige, sitzen halt alle im selben Boot eines Gemeinschaftserlebnisses mit Ritualcharakter. Die meisten der zahlenden Gäste verstehen sich deshalb nicht als passive Konsumenten, sondern aktive Protagonisten, deren Kostümierung wie die offizielle Ausstattung dekorativen Charakter hat. Salatkirmes Oberelsungen zeigt sich qua Oberbekleidung genauso herkunftsstolz wie die Kleeblatt-Gruppe, diverse TMT Schlager-Fans oder der zehnköpfige Girls Club, dem sogar ein Boy im Mädchendress angehört.

Der FC Südstern ist in Mannschaftsstärke da. Viele Sportskameraden haben zumindest ihr Mittelfeld delegiert. Und ob gefühlt 500 Bewohner vom mysteriösen Camp namens David mehr als ihre Kurzarmhemden gemeinsam haben, lassen wir hier mal offen. Aber auch, wenn der kollektive Frohsinn für Außenstehende bisweilen etwas Aufdringliches, geradezu Missionarisches verströmt: Er wirkt so glaubhaft, dass sieben Mittzwanziger in sieben Deutschlandtrikots bei der zaghaften Annahme, womöglich ironische Fernsehgartenbesucher zu sein, nicht mal die Frage verstehen.

Statt einer Antwort singen sie lieber spottfrei Sweet Caroline mit. Abseits ihrer aufrichtigen Leidenschaft fürs Tagesmotto „Discofox“, sind die Menschen hier nämlich vor allem dreierlei: sehr sangesfreudig, ziemlich textsicher, ständig am Klatschen und das sogar im Takt. Wenn ihre Vorsängerin Kiewel in den Talkeinlagen schwarzrotgoldene Milchshakes mixt, einer „Snailfluencerin“ Schneckengeheimnisse entlockt, beim Steht-Paddel-Polo abtaucht oder einem Geburtstagskind mit Discokugel-Tiara gratuliert, geht der Stimmungspegel zwar merklich nach unten.

Doch im Grunde nur, um sich im Selfie-Spalier für Stefanie Hertel anzustellen oder für die nächste Chorprobe Luft zu holen. Dass Kiwi die Fußball-WM am Tag nach „unserem“ 2:1 gegen die Elfenbeinküste ungeachtet obszöner Ticketpreise der totalitären FIFA vorbehaltlos feiert, gilt hier nicht als Makel. „Die meisten Medien“, sagt sie vorab zur Wirklichkeitsflucht am Mainzer Lerchenberg, „sind mit ihrer Sicht auf die Dinge des Lebens am Sonntagmittag Lichtjahre entfernt von dem, was unsere Zuschauer wollen“.

Anders gesagt: Wenn rund 5000 Leute vor Ort und durchschnittlich 1,67 Millionen am Bildschirm Eskapismus wollen, dann kriegen sie Eskapismus. Punkt. Kurz vor zwölf bringt das Partykollektiv GroßstadtEngel dieses Dienstleistungsentertainment voll auf die Zwölf: „Wir haben oben gute Laune, unten gute Laune, vorne gute Laune, hinten gute Laune, rechts gute Laune, links gute Laune, gute Laune einfach überall.“ Es ist die Quintessenz öffentlich-rechtlicher Gartenarbeit. Mittlerweile seit genau 40 Jahren. Ein Prosit der Geselligkeit.

Neues Deutschland

1986 war ein katastrophales Jahr. Von der dystopischen Putin/Trump/Orbán/Xi/Netanjahu-Gegenwart aus betrachtet, gab es seinerzeit zwar nicht nur dank Michail Gorbatschows Glasnost sanften Anlass zur Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber als erst das Atomkraftwerk Tschernobyl havarierte und bald darauf das Schweizer Chemiewerk Sandoz, da weinte die Bundesrepublik noch saurere Tränen als der Himmel auf sterbende Wälder. Selten war die Stimmung West wie Ost gedrückter – allerdings mit der ortsüblichen Unterhaltungskonsequenz.

Denn wann immer das Land der Wettsofas und Kessel Buntes Trübsal bläst, klatscht es sich die Wirklichkeit schöner als sie ist. Wenngleich nur selten im Takt. Und damit hinauf auf den Mainzer Lerchenberg. Dort nämlich bekam der Frohsinn Made in Germany vor vier Jahrzehnten neue, alte Struktur. In Wurfweite des eigenen ZDF-Sendezentrums wurde am 29. Juni 1986 der Fernsehgarten eröffnet und gab dem gegenwartsmüden TV-Volk die Gelegenheit, der rauen Realität sommersonntags zu entfliehen.

Ausgerechnet auf dem Sendeplatz der hochkulturellen ZDF-Matinee wird seither ab zwölf Uhr mittags zwei Stunden lang live zu massentauglicher Musik, kreuzfahrtschiffaffiner Akrobatik und drolliger Publikumsinteraktion getanzt, gesungen, geschunkelt und gern leicht neben dem Takt geklatscht bis der Traumschiff-Arzt aus der Schwarzwaldklinik (oder heutzutage eher: Sachsenklinik) kommt. Der Begriff dafür lautet Eskapismus. Praktisch nirgendwo blüht er unverwüstlicher als im Fernsehgarten. Und das war, Hand aufs orangefarbene Herz des Zweiten Deutschen Fernsehens, keinesfalls absehbar.

Als die deutsch-schweizerische Moderatorin Ilona Christen mit Riesenbrille und Bombenlaune zur Premiere ein paar Tausend Realitätsflüchtige im Betonbeet am Rande der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt begrüßte, überschlugen sich die Kritiken mit einer Häme, die bis heute anhält. Ungefähr mittig zwischen Bierzelt und Kaffeekränzchen hielt der ZDF-Fernsehgarten im Feuilleton für die Bräsigkeit aller Beteiligten her: Sender, Publikum, Kreative, Moderation. Alles richtig, alles aber auch nur die halbe Wahrheit.

Schließlich bringt es das Format in mittlerweile gut 660 Sendungen plus 175 Spezial- und Sonderausgaben auf stolze drei Millionen Gäste am Lerchenberg – von den durchschnittlich 1,7 Millionen TV-Zuschauern zu einer Tageszeit, die eigentlich zur eigenen Freilichtveranstaltung einlädt, ganz zu schweigen. Und auch, wenn die ganz großen Stars längst selten in Mainz vorbeischauen: bislang 5300 Musik-Acts bilden das Who-is-Who der deutschen Volksschlagerbranche ab.

Weil Giovanni Zarrella und Florian Silbereisen nicht nur die Primetime nach acht bieten, sondern höhere Gagen, fettere Produktionen, generationenübergreifende Zugkraft, kommen statt Roland Kaiser und Andrea Berg mittlerweile zwar allenfalls Peter Wackel oder Captain Jack. Aber auch deren Dreiviertel- bis Vollplayback versetzt gut 5000 Fans unterm Glasdach in das, was im bürgerlichen Party-Pop Marke Hermes House Band unter Eskalation firmiert – eher angestachelt als gebändigt von der alterslosen Dompteurin Andrea Kiewel.

Auch nach fast 500 Sendungen in 27 Staffeln peitscht „Kiwi“ – wie hier alle nur skandieren – das Publikum mit ungedrosselter Energie an. Beim Anblick ihrer Schäfchen, die das ZDF-Freigehege bis Ende September noch zwei Stunden pro Woche für 15 (Stehplatz) bis 30 Euro (Tischplatz) besiedeln, „verwandelt sich in mir alles zu purer Freude“. Klingt sehr nach selbsterfüllender PR-Prophezeiung. Wer Andrea Kiwel je live am Lerchenberg erleben durfte, hält sie allerdings für absolut authentisch. Und unersetzlich.

Bis auf schlanke 19 Ausgaben Ende der Zehnerjahre, in denen ihr Ersatz-Conférencier Ernst-Marcus Thomas die Dauergastgeberin wegen eines peinlichen (fürs ZDF aber offenbar nicht exkludierenden) Schleichwerbeskandals vertrat, war Kiwi immer dabei – seit 2017 sogar als Pendlerin aus Tel Aviv, wo die konvertierte Jüdin lebt. Der ZDF-Fernsehgarten und Andrea Kiewel – das sind trotz populärer Vorgängerinnen wie Ramona Leiß oder Einzelvertretungen wie Michael Schanze und Joachim Llambi faktisch Synonyme.

Auch, weil sie wie eine Löwenmutter um ihre Welpen kämpft. Als die profilneurotische Komiker-Attrappe Luke Mockridge Kiwis Stammpublikum jenseits der 66 einmal mit Banane am Ohr veräppelte, rief sie ihm ein wütendes „Shame on you“ hinterher und achtet nun noch mehr darauf, nur wohlgesinnte Stars oder Sternchen einzuladen. Deren Songs – kleiner Funfact für Altersdiskriminierende – übrigens erstaunlich viele Kinder und Enkel der diskreditierten Boomer auf dem Lerchenberg mitschmettern.

Dennoch wird die ebenso erfolgreiche wie beharrliche Mehrgenerationensause öffentlich-rechtlicher Art selbst im eigenen Stall nicht gewürdigt. Ilona Christen gewann 1988 den Goldenen Gong, Andrea Kiewel 2006 die Goldene Henne. Der Deutsche Fernsehpreis 15 Jahre später war bereits eher einer für Ausdauer als Qualität. Nur – wer sind wir, darüber zu urteilen, was gutes, was schlechtes Fernsehen ist? Wenn Unterhaltung von so ironiefreier Hingabe ist wie bei Andrea Kiewel, ihren Fans, deren Entertainern, entzieht es sich jeder Bewertung.

Die Liste der Show-Promis von Biggie Lechtermann und Oli P. bis Horst Lichter und Sally Özcan, die Kiwi seit einiger Zeit auf der 90.000 Meter großen Bühne als Ko-Moderatoren zur Seite stehen, liest sich zwar wie eine Bewerbungsliste fürs Dschungelcamp. Aber es geht im ZDF-Fernsehgarten schon lange nicht mehr um Starparaden. Ging es eigentlich noch nie. Das Format will Nähe schaffen, Verbindlichkeit, ein festes Ritual in volatiler Epoche. Mit Schlagerparty und Oktoberfest, Live-Schalte zur ISS und 41 Auftritten von Bernhard Brink.

Im Trommelfeuer von Klimawandel, Ukrainekrieg, Trump-Vandalismus ist so ein Anker der guten Laune für viele selbst dann einfach tröstlich, wenn sie ersteren leugnen, letzteren feiern und dazwischen Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten bezeichnen. Wem der Fernsehgarten also einfach zu unpolitisch ist, zu brachial, zu bieder, zu banal, zu blöde: Bitte einfach nicht einschalten! Sonntags Punkt zwölf bietet der Sommer ja reichlich alternative Open-Air-Veranstaltungen. Gartenarbeit zum Beispiel. Zuhause.


Nuhrs Haut & Funks Beat

Die Gebrauchtwoche

29. Juni – 5. Juli

Jetzt, da auch diese Weltmeisterschaft in der KO-Phase steckt, fällt besonders auf, wie dünn Haut und Nerven der größten Mäuler sind. Man konnte das perfekt bei Julian Nagelsmann beobachten, der ZDF-Reporterin Lili Engels nach dem WM-Aus gegen Paraguay am Spielfeldrand mit einer so trotzigen Larmoyanz attackierte, als kämpfe er ums bunteste Förmchen im Sandkasten.

Ob er einen Mann am Mikro ähnlich herablassend behandelt hätte, lässt sich hier nicht abschließend klären. Aber wenn man den Hohepriester der Misogynie betrachtet, könnte das Geschlecht zumindest nicht ganz unschuldig daran sein. Nachdem Dieter Nuhr im Ersten Gewalt gegen Frauen lächerlich gemacht hatte, ging der ARD-Komiker aller AfD-Herzen gegen den österreichischen Standard vor.

Der nämlich hatte in einem Kommentar kritisiert, Dieter Nuhr mache sich über Femizide lustig – was schon deshalb belegbar falsch ist, weil er keine Pointen drischt, sondern reaktionäre Propaganda. Und damit zurück zum Fußball, wo Bastian Schweinsteiger nach einem Spiel der Deutschen kommentiert hatte, die Elfenbeinküste habe „wild“ gespielt. Weil das ins französische „sauvage“ übersetzt wurde, hängt dem netten Basti also ein Rassismusvorwurf an.

Das wiederum ist ähnlich absurd wie ein viraler Post nach Deutschlands Ausscheiden im – neues Wort: Sechzehntelfinale. „Was für ein Spiel!“, faselte Friedrich Merz. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Fragt sich was peinlicher ist: die unfreiwillige Komik oder das Kanzleramtsstatement, es habe sich um eine „Kommunikationspanne“ gehandelt. Egal. Beides witzig. So witzig wie Berichte über Donald Trumps Great American State Fair in Washington.

Obwohl sich dort ausweislich unbestechlicher Fernsehbilder selten mehr als ein paar Dutzend Leute gleichzeitig tummelten, haben sie rechte Medien wie Fox zum Massenevent mit Hunderttausenden von Gästen aufgeblasen. Aber was sind schon Fakten gegen die Urteilskraft des US-Präsidenten, der Fußballfouls besser beurteilt als alle Schiedsrichter. Zur Medienpolitik: Axel Springer kauft die Mediengruppe Telegraph für 575 Millionen Pfund und zahlt damit einen Cent pro tendenziösen Bericht des Daily Telegraph zugunsten der Tories.

Die Frischwoche

6. – 12. Juni

Viel los also in der gedruckten, geposteten Welt. Mehr jedenfalls als in der gesendeten oder gestreamten. Besonders bemerkenswert ist dieser Tage daher vor allem ein fiktionales Format namens Between the Beats. Das Vertical Drama der öffentlich-rechtlichen Plattform funk erzählt eine strikt datengenerierte Liebesgeschichte im K-Pop-Stil mit K-Pop-Stars zu K-Pop-Songs und will damit wirklich nichts anderes als Klicks generieren.

Warum dieser Zuschnitt aufs hochkantige Medienkonsumbedürfnis der GenZ legitim sei, erklärte Produzent Gregor Sauter von Red Pony zuletzt beim Kölner Seriencamp. „Mikrodramen sind keine Kunst, sondern Schokolade“. In dieser Logik wären gehaltvolle Dokumentationen dann also Salat. Hood Stories zum Beispiel, eine Sozial-Reportage in vier Teilen, ab Mittwoch in der ARD-Mediathek.

Der hochgefallene Rapper $ick begleitet darin vier Kolleginnen und Kollegen auf ihrem Weg zum Erfolg und lässt dabei auch seine langjährige Drogensucht einfließen. Hochinteressant. Etwas ganz, nein völlig, nein komplett anderes ist hingegen ein Reboot der naheliegenden Art: Rund 50 Jahre nach dem Original legt Netflix die Familienserie Unsere kleine Farm wieder auf.

In den Siebzigern ein weitestgehend unpolitischer Feel Good Western mit christlicher Erweckungsbotschaft, bleibt die Neuauflage ab Donnerstag zwar leichtverdauliche Kost. Rassismus, Genozide, Willkür der amerikanischen Expansion im ausgehenden 19. Jahrhunderts allerdings kriegen mehr Raum – aber nicht zulasten der kindertauglichen Unterhaltung. Und damit zu einer alten, aber sehenswerten Serie: Arte.tv zeigt ab Freitag den neuseeländischem Sechsteiler After the Party von 2023. Es geht um sexuellen Missbrauch und Opferumkehr. Dieter Nuhr hätte seinen Spaß daran.


Meike Droste: Fernsehrollen & Hörspiele

Bügeln mache ich eh nicht so gerne

Seit ihrer Rolle als Dorfpolizistin in Mord mit Aussicht ist Meike Droste (Foto: Harald Fuhr) gut gebucht. Dass sie auch als Hörspiel-Regisseurin Erfolg hat, wissen hingegen nur wenige. Mit Und was macht das mit Ihnen? (Sprecherin: Karoline Herfurth) gibt die 46-Jährige am 25. Juni nun ihr Debüt beim Marktführer Audible. Ein Gespräch über die Faszination des Hörens, unzumutbare Synchronisationen, Gestikulieren am Mikro und ob sie eher auf Augen oder Ohren verzichten könnte.

Von Jan Freitag

Meike Droste, Sie haben als Schauspielerin bislang weder Serien noch Filme inszeniert, aber schon mehrere Hörbücher und Hörspiele. Was fasziniert sie als Regisseurin so sehr am Akustischen?

Meike Droste: Das hat zunächst mal mit Angebot und Nachfrage zu tun, also was vom Himmel fällt und ob ich es aufhebe. Hinzu kommt, dass ich in meinen Hauptberuf schon sehr oft Hörbücher gesprochen habe, wo es anders als in Hörspielen weder Nebengeräusche noch Musik gibt. Ich mag es einfach, alles allein mit meiner Stimme darstellen zu müssen. Diese fein abgestimmte Konzentration wie jetzt bei Und was macht das mit Ihnen? genieße ich sehr, weiß aber als Sprecherin ebenso wie als Regisseurin genau, wie schwierig es für die Sprecherin…

In diesem Fall Karoline Herfurth.

… ist, ohne das Spiel anderer oder überhaupt äußere Impulse in die richtigen Stimmungskanäle zu finden.

Heißt das, Hörbücher sind anspruchsvoller zu spielen und zu inszenieren als Filme?

Einerseits kommt zum Fehlen der optischen und akustischen Reize noch hinzu, dass man sich ohne Mimik und Gestik, Körperhaltung und den Raum ausdrücken muss, in dem Schauspieler agieren. Andererseits macht es das nicht unbedingt anspruchsvoller, aber schon fokussierter – auch fürs Publikum übrigens, dass nur einen der Sinne nutzen muss.

Was bei der Zuspitzung aufs Sprechen oft passiert, ist eine etwas anstrengende Überbetonung, die auch bei deutscher Synchronisation auffällt. Wie verhindert man es als Sprecherin und Regisseurin, dass das Gesprochene wie Waschmittelwerbung klingt?

Weil ich genau diesen Sound nicht mag, schaue ich Filme und Serien generell lieber im Original. Was aber auch damit zu tun hat, dass es wie der Name schon sagt, nun mal keine Kopie und damit authentischer ist. Als Regisseurin muss ich aber versuchen, die Balance zwischen Ausdrucksstärke und Erzählfluss oder Rhythmus zu finden, in den Sprecherinnen und Sprecher geraten. Bei 30 Stunden Rohmaterial wie hier muss man aber auch berücksichtigen, wie schwierig es ist, die Konzentration permanent hochzuhalten. Da versuche ich dann oft so wenig wie möglich einzugreifen.

Ist da aus Ihrer Sicht beim Schauspiel im Allgemeinen und beim Hörspiel im Besonderen weniger mehr oder darf man mangels anderer Impulse gern etwas überbetonen?

Das klingt jetzt so, als säßen die Leute beim Sprechen von Hörbüchern still auf dem Hocker und lesen ab. Aber wir bewegen uns, gestikulieren, grimassieren, als liefe die Kamera. Und das merkt man der Stimme an.

Heißt das im Umkehrschluss, je weniger Sprechende körperlich agieren, desto mehr Ausdruck legen sie in die Sprache?

Vermutlich schon. Aber manchmal ist mehr gut, manchmal ist weniger gut. Mir persönlich ist es weniger lieber; deshalb gehe ich auch über falsche Aussprache oder Versprecher gerne mal hinweg, weil es organischer, persönlicher, echter klingt.

Unvollkommenheit zulassen also.

Absolut. Die Kunst besteht in der organischen Einheit des Unperfekten mit der Präzision. Danach suche ich aber auch als Schauspielerin.

Sind sie als Teil des Publikums denn eher ein akustischer oder ein visueller Typ?

(überlegt lange) Kommt natürlich sehr aufs Medium an, aber ich bin schon sehr empfindlich für akustische Reize und versuche sie daher, sorgfältig zu dosieren.

Hypothetisch zugespitzt: könnten Sie eher auf Augen oder Ohren verzichten?

Sehr philosophische Frage. Weil das Hören fürs Verstehen des Semantischen aus meiner Sicht wichtiger ist, könnte ich glaube ich eher aufs Sehen verzichten. Aber ich bin so froh, beides zu können. Darf ich bitte beides behalten? (lacht) Gerade als Regisseurin wird es sonst schwer, das große Ganze im Blick zu behalten.

Okay, okay. Dann mit allen Sinnen – wie schafft man genau das, wie hält man die Konzentration hoch?

Indem man zum Beispiel weiß, ein Team um sich herum zu haben, auf dass ich mich verlassen kann. Ich bin überhaupt keine Einzelkämpferin. Und ich genieße es als Regisseurin sehr, zuzuhören und nicht selber zu sprechen. Das empfinde ich mitunter trotz aller Verantwortung fast als entspannend.

Dafür muss man delegieren können und multitaskingtauglich sein.

Oh ja.

Steckt das in Ihrer Persönlichkeitsstruktur oder mussten Sie beides mühsam lernen?

Ach, wir Schauspielerinnen haben anders als Außenstehende schnell meinen ja mehrere Skills anstatt bloß Texte aufsagen zu können: Soziale, psychologische, organisatorische. Es gibt natürlich auch in meiner Branche Inselbegabungen. Aber weil ich mich grundsätzlich als kommunikative Person bezeichnen würde, komme ich mit den Herausforderungen der Regie ganz gut zurecht. Sonst würde ich sie ja nicht machen (lacht).

Könnte es sein, dass Sie sich zulasten des Schauspiels künftig stärker der Inszenierung widmen?

Nee, nee. Ich bin viel zu dankbar, ständig die Perspektiven wechseln zu können, um mich auf eine davon zu beschränken. Deshalb mache ich seit Jahren Autorenlesungen, arbeite mit Orchestern zusammen, drehe Filme, mache Fernsehen, spiele Theater, habe mein eigenes Stück mit vier Frauen gemacht, mit dem wir gerade auf Tour sind. Diese Vielfalt empfinde ich als bereichernd. Neue Dinge zu entdecken, gibt mir die Möglichkeit, an ihnen und mir zu wachsen. Da möchte ich keine missen oder höher gewichten.

Sind solche Hörspiel-Inszenierungen dann trotzdem schon Probebühnen für die künftige Aufgabe, Filme oder Serien zu drehen?

Also Lust hätte ich total, das merke ich aber erst mit zunehmendem Alter. Vor zehn Jahren hätte mich das noch gar nicht gereizt. Da wären wir dann wieder bei Angebot und Nachfrage; wenn da etwas Gutes vom Himmel fällt, greife ich zu.

Dann letzte Frage zu Konzentration und Hören: Sind Sie der Typ Podcast beim Bügeln oder Hinsetzen und Augen zu?

Definitiv letzteres. Falls ich nebenbei zuhöre, egal was, dann nur mit halbem Ohr, also nicht richtig. Multitasking klappt hier nicht, nur hundertprozentige Konzentration auf alles, was dazu gehört. Und Bügeln mache ich eh nicht so gerne.


Wüstenfüchse & Mediterranean Noir

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Juni

Ägypter sind also Pharaonen, Japaner Samurai und Algerier Wüstenfüchse? Wer den Live-Kommentatoren bei der Fußball-WM so zuhört, erwartet häufig eher Trachtenvereine als Nationalmannschaften – die mitunter übrigens das Modewort des Mammut-Turniers haben oder auch nicht: Momentum. In der Spielanalyse mit Lea Wagner zum Beispiel hat der ARD-Experte Robin Gosens dieses alberne Ersatzwort für „Gunst der Stunde“ gefühlt fünfundzwanzigmal verwendet und das Erste damit ans Tabellenende der Moderationsrangliste gebracht.

Seit Jahren bereist unangefochten auf Platz 1: Per Mertesacker und Christoph Kramer im Zweiten, etwa bei der zweifelhaften Ehre, das deutsche Ausscheiden im – neues Vokabular: Sechzehntelfinale abzumoderieren. Dazwischen ein wenig außerhalb der Wertung: Die selbstverliebten Dampfplauderer Jürgen Klopp und Thomas Müller, denen sachdienliche Fakten bei Magenta TV nicht halb so wichtig sind wie provokante Punchlines und obendrein das sind, was nur seltene Ausnahmen mal durchbrechen: Männer.

Und damit zu Dieter Nuhr. Wie seine klammheimliche Sack- und Hoden-Partei AfD findet er, für Femizide sind zunächst mal Frauen selbst verantwortlich, die ihre Partner vorm Geschlechtsverkehr doch einfach mal besser kennengelernt hätten. Dämliche Weiber… In der Logik des misogynen Schwurbel-Komikers sind Miniröcke Vergewaltigungsgründe, die Juden ohnehin an allem Schuld und drei Tage Hitzerekorde am Stück halt Sommerwetter, aber kein Klimawandel.

Fragt sich umso mehr, warum die ARD inmitten des reaktionären Backlashs nur noch den Klimawandelskeptiker Nuhr als Witzbold beschäftigt, während das ZDF kurz vor der 100. Anstalt zum kabarettistischen Zentralorgan avancierte. Noch mehr fragt sich, warum ARD aktuell ausgerechnet an Gesundheit und Klima spart – zwei Themen, die Fridays 4 Future und Covid19 einst populär gemacht hatte. Nur werden sie vermutlich auch deshalb kaputtgespart, weil den Leuten die Realität zu viel wird – was wiederum ein Grund dafür ist, dass der ZDF-Fernsehgarten auch nach 40 Jahren noch immer so sensationell erfolgreich ist.

Die Frischwoche

29. Juni – 5. Juli

Das gilt nach halb so langer Zeit auch für eine Pop-Milliardärin, der sich die ARD-Mediathek in ihrer Dokumentation The Taylor Swift Years kurz nach einer baugleichen ZDF-Serie ab Mittwoch nähert. Nette Fan-Bespaßung, aber nichts Neues. Ganz im Gegensatz zu einer wirklich bedrückenden Analyse herrschender Verhältnisse: Erdoğan. Viermal 35 Minuten leuchten Michael Wech und Kristina Karasu den Werdegang des türkischen Diktators aus.

Das ebenso gelungene wie bedrückende Porträt einer demografischen Machtergreifung sollte im Angesicht des deutschen Wahlherbstes Pflichtprogramm aller Wahlberechtigten sein, die denken, mit der AfD könne man es ja mal probieren. Trübe Aussichten. Die auch fürs fiktionale Programm gelten. Portale und Sender graben gerade das, was im linearen Zeitalter mal als Sommerloch bekannt war. Um es zu füllen, hat Viaplay seit voriger Woche angeblich ein neues Genre kreiert.

Es heißt Mediterranean Noir und bläst in der griechischen Thriller-Serie Save Me zur Jagd auf einen Serienkiller am Mittelmeer. Nicht unbedingt innovativ, aber vor allem dank eines sehr weiblichen Casts um die kantige Ermittlerin Despina Loukidis (Elena Mavridou) herum auf angenehm unmännliche Art eigensinnig. Davon dürfte ab Mittwoch bei Prime Video im Serien-Ableger der Film-Reihe Natürlich blond 1-3 eher nicht die Rede sein.

Elle ist Feel Good. Fertig. Feel Bad will hingegen die indische Thriller-Serie Isapakatnam ab Donnerstag an gleicher Stelle liefern. Sie zeigt aber zunächst, dass der weltgrößte Filmmarkt mehr zu bieten hat als Bollywood. Und ab Freitag auf Arte, kleines Schmankerl: alle vier Staffeln der Tragikomödie Five Bedrooms um fünf Australier*innen, die sich beim Speeddating darauf einigen, gemeinsam ein Haus zu mieten.


Ulmens Interview & Clements Steve

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Juni

Könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis lauter schweigen als das von Christian Ulmen? Der toxische TV-Comedian und sein Staranwalt Christian Schertz haben mehrstündige Interviews mit der Zeit zu den Vorwürfen sexualisierter Gewalt gegen Collien Fernandes komplett zurückgezogen. Das macht niemand, der nichts zu verbergen hätte. Könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis später kommen als das von Wim Wenders?

Dessen Stiftung hat nach langer, sehr langer Bedenkzeit, fadenscheinigen Ausflüchten und einem höchst bedenklichen Auftritt beim Deutschen Filmpreis die Zugänge zu seinem Kinofilm Falsche Bewegung gesperrt, in dem der Regisseur die damals 13-jährige Nastassja Kinski halbnackt von einem dreimal so alten Mann verprügeln ließ – was zu keiner Zeit der Nachkriegsmoderne auch nur ansatzweise okay gewesen wäre. Und könnte ein vollumfängliches Schuldeingeständnis ekelerregender klingen?

Gianni Infantinos „Pressekonferenz“ im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft in den USA sowie zwei Ländern drüber und drunter, deren Name einem gerade nicht einfällt; die Audienz beim Fifa-Führer jedenfalls war eine so abstruse Aneinanderreihung von selbstgerechter Realitätsflucht, dass man sich fast schon auf den Fußball als Ablenkung von Infantinos Tyrannei freut. Aber eben nur fast. Und zu guter Letzt: könnte das Eingeständnis, keinen Schuss gehört zu haben, lauter knallen als bei der ARD?

Die Popkultur-Welle Cosmo durch ein haltungsschwaches Radiohybrid namens Street zu ersetzen, ist angesichts der vielen Dudelfunk-Folterkeller à la Joy oder NDR 2 nicht weniger als die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Sendeauftrags. Ach ja, und dann hat Trumps Administration noch die Übernahme von Warner durch Paramount für 111 Milliarden Dollar genehmigt. Womit das Schicksal von CNN als liberales Gegengewicht zum erwachenden US-Faschismus besiegelt sein dürfte.

Die Frischwoche

15. – 22. Juni

Bleibt wie so oft nur, sich niveauvoll zu sedieren. Mit der ebenso fabelhaften wie polarisierenden Hulu-Serie Alice and Steve zum Beispiel, die seit voriger Woche bei Disney+ läuft. Weil er etwas mit ihrer halb so alten Tochter anfängt, startet Alice (Nicola Walker) einen Freundschaftsrosenkrieg gegen Steve (Jemaine Clement), der sechs halbe Stunden dieser WrongCom lang rasend komisch und zugleich sehr gehaltvoll ist.

Nichts von dem ist die Prime-Serie Every Year After nach dem gleichnamigen GenZ-Bestseller. Aber wenn die bildschöne Hauptfigur darin an den kanadischen See ihrer bildschöneren Jugendliebe zurückkehrt und alte Wunden aufreißt, gibt es zumindest elegische Bilder plus gehaltvollen Eskapismus. Was wiederum irgendwie an die Viaplay-Serie Sisters 1968 erinnert, deren sechs Teile die Emanzipation schwedischer Frauen vor bald 60 Jahren rekapitulieren.

Zwei weitere Fiktionen dieser Woche behandeln obendrein das unverwüstliche Film- und Fernsehthema Jailbreak. Namentlich Nur für dein Leben um einen Mann, der Donnerstag bei Netflix aus dem Gefängnis ausbricht, um acht Teile lang seine Tochter zu retten. Und tags drauf schickt die ARD-Serie Prisoner einen Schwerkriminellen an der Seite seiner Wärterin in einen sechsteiligen Hinterhalt. Das Besondere: Inszeniert wurde der britische Sechsteiler neben Otto Bathurst auch von der Deutschen Pia Strietmann. Und als kleiner Tipp zum Schluss noch: Becoming Taylor Swift. Eine zweiteilige ZDF-Doku, die den Superstar seit voriger Woche in der Mediathek zwar konventionell, aber durchaus anspruchsvoll erklärt.


Wacken: Thomas Jensen & Holger Hübner

Mit Freunden ‘ne geile Zeit verbringen

Als Thomas Jensen und Holger Hübner 1991 auf ihr erstes Open Air veranstalten, ist nicht absehbar, dass 35 Jahre später 80.000 Menschen nach Wacken pilgern. Eine Magenta-Dokumentation zeigt jetzt, wie es so weit kommen konnte. Ein Interview mit den Gründern übers Familienfest auf der Wiese und was das mit beiden heute macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thomas Jensen, Holger Hübner – was ist mit Blick aufs Wacken Open Air surrealer: Dass es demnächst zum 35. Mal stattfindet, dass wieder 85.000 Gäste kommen oder dass ihr noch immer dabei seid?

Thomas Jensen: Alles daran ist absolut gleich surreal. Denn nichts davon war unsere Motivati-on, so ein Festival zu machen. Deshalb empfinden wir es auch als Geschenk, dass wir beide dieses Festival noch immer für so viele Leute machen dürfen. Wobei es ja nur 1993 mal kurz auf der Kippe stand.

Holger Hübner: Da kamen mehrere Tragödien zusammen. Thomas Mutter war gestorben, es gab finanzielle Probleme, wir hatten paar Konzerte vergeigt. Aber auch da sind wir durchgekommen und haben uns voriges Jahr nach 40 Jahren den Traum erfüllt, dass Guns’n’Roses in Wacken spielen. Mehr geht nicht. Deswegen sind wir vor allem dankbar und demütig, dass Wacken ist, was es ist, und wir mit über knapp 60 immer noch dafür brennen sowie uns freuen, Menschen Glücklich zu machen, mit dem was wir tun. Ein Dorf wird zur Marke und Metropole!

Jensen: Für unsere Utopie und ihre Heimat, so groß solche Worte auch klingen. Denn eigentlich steht Wacken für was ganz Kleines: Mit Freunden aus der gleichen Community gemeinsam ‘ne geile Zeit zu verbringen.

Hübner: Wacken ist das kleine gallische Dorf und die Musik, ihre Fans, alles drumherum und genießen unseren Zaubertrank gegen die Welt da draußen.

Bringt der Film von den Beetz-Brüdern dieses Gefühl aus Ihrer Sicht gut auf den Punkt?

Hübner: Auf jeden Fall. 100 Prozent.

Jensen: Schon, weil es ihnen und Regisseurin Cordula Kablitz-Post gelingt, die Masse an Infos so zu extrahieren, dass nicht alles, sondern das Wesentliche drin ist. Uns wär’s definitiv schwerer gefallen, Dinge auszusortieren, die nicht allen so wichtig sind wie uns. Am Ende ist das – um Lemmy Kilmister zu zitieren – nur Rock’n’Roll und keiner stirbt (lacht). Aber ist es auch gutes Entertainment? Ich glaub schon, bin aber auch bisschen nervös, ob das alle so sehen (lacht).

Ist es denn ein Porträt von Wacken oder seiner zwei Gründer?

Jensen: Ach, das lässt sich mittlerweile doch gar nicht mehr trennen. Hübner und Jensen ohne Wacken – das klingt für mich langweilig, gilt aber für die ganze Region. So viel wir beide in der Welt rumreisen: hier, südliches Holstein, liegen unsere Wurzeln, da gehören wir hin.

Hübner: Ich war zwischendurch in Hamburg, bin aber in der Pandemie – back to the roots – zurückgezogen gen Wacken.

Jensen: Du warst aber auch damals ständig hier. Das Festival und uns auseinanderzudividieren, wird schwer – das wusste die Regisseurin Cordula ganz genau. Und trotzdem kommt die Musik nie zu kurz. Das merkt man besonders in den Passagen mit Motörhead und Lemmys Tod – so traurig das alles war.

Was macht es da mit zwei Jungs vom Dorf, wenn sie zu weltbekannten Figuren der Popkultur werden, die Freunde wie Lemmy Kilmister haben?

Hübner: Gar nicht so viel, würde ich sagen. Wir sind eigentlich immer noch zwei Jungs vom Dorf, denn unsere Freunde ordentlich auf die Finger hauen würden, wenn wir uns selber wir Rockstars aufführen. Wir denken immer noch von Fans für Fans! Authentisch, ehrlich und laut!

Jensen: Bei mir hatte es für einen richtigen Rockstar nicht gereicht, aber die Leidenschaft zur Livemusik war und ist immer da. Wir haben das Festival angefangen, dass ja auch damals komplett mit Kumpels aufgebaut wurde. 

Hübner: Von denen viele seit 35 Jahren noch immer unsere Kumpels sind. Und zwar weil wir alle, die und wir, authentisch geblieben sind und mehrfach gemeinsam auf die Fresse gefallen, aber auch immer wieder aufgestanden sind. Klingt abgedroschen, aber so ist es doch. Deshalb erleben wir auch keine Katstrophen, sondern Krisen Herausforderungen und die kann man meistern. Wer schläft verliert!

Jensen: Wer uns am Boden gehalten hat, waren aber auch unsere Familys. Und die Tatsache, dass wir nicht schnell gewachsen sind, sondern organisch, mit zehn steinigen Jahren am Anfang und viel Kampf. Junge Künstler haben ja oft das Problem, zu schnell zu groß zu werden und mit dem Erfolg nicht umgehen zu können.

Aber wie verhindert man trotz langsameren Wachstums, dass Wacken vom Mythos zur Marke wird? Sie haben mittlerweile ja auch einen Finanzinvestor im Boot, der nicht den allerbesten Ruf hat.

Jensen: Ach, wir haben es doch wie in der ganzen Gesellschaft am Ende selbst in der Hand, sich klarzumachen, worum es uns geht? Wir wollen Menschen mit Musik verbinden, fertig. Denn bei uns stehen immer die Band und ihre Fans im Mittelpunkt aller Bemühungen. Wenn was nicht läuft, haben wir uns deshalb nie zwei Bier geschnappt und mal geguckt, sondern angepackt, dass es besser läuft. Denn so sehr wir das lieben, was wir hier machen: am Ende sind wir vor allem Dienstleister zwischen Bands und Publikum.

Hübner: Wichtiger als jeder Investor ist deshalb, dass immer wieder junge Leute mit demselben Mindset dazukommen.

Im Film sagen Sie einmal: Wir haben’s gemacht, als es keiner machen wollte, und wir machen’s auch noch, wenn es keiner mehr machen will. Wer macht’s denn, wenn Sie nicht mehr können – Ihre Kinder?

Jensen: Das hoffen wir natürlich beide. Meine sind aber noch bisschen zu jung. Holgers Tochter geht gerade schon so ein Stück Richtung Musikmanagement, aber wir werden beide sicher nicht unsere Verwandtschaft ins Festival zwängen. Am Ende haben wir schließlich auch jetzt schon ein Team, dass Verantwortung übernimmt. Für die, aber auch für alle Fans, versuchen wir Strukturen zu schaffen, die für die Ewigkeit halten.

Hübner: Damit es mit oder ohne uns immer weitergeht. Wir sind nach all den Jahren demütig genug zu wissen, wie schnell alles vorbei sein kann. Deshalb sind wir letztlich auch schmerz-frei, wer es übernimmt. Hauptsache es geht weiter.

Sind Ihre Kinder denn als Grundvoraussetzung wenigstens Metalheads?

Hübner: Meine Tochter leider nicht, da habe ich offenbar als Vater nicht genug aufgepasst (lacht). Aber sie ist jetzt 26, war schon ab dem frühen Teenagealter auf den Festivals dabei und auch als Kind schon immer präsent. Musikalisch hat es noch nicht wirklich gezündet. 

Jensen: Ach, ich finde es eigentlich ganz gut, dass die Leute heute musikalisch viel toleranter als Holger und ich in unserer Jugend. Die eine meiner Töchter hört eigentlich gar keine Musik, findet aber Organisation interessant und war auch schon ein paarmal mit mir unterwegs. Die andere hat einen sehr breiten Geschmack. Wer weiß, wo der noch hinführt.