Hofers Schwäche & Gottschalk liest

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. März

Die Tagesschau, daran hat sich im Vergleich zur öffentlich-rechtlichen Monopolphase wenig geändert, ist das Hochamt informationeller Grundversorgung. Als Beleg dient abgesehen vom Nachrichtennutzwert der vorige Freitag, als Medien landauf landab über Jan Hofers Schwächeanfall vor laufenden Kameras berichtet haben – was nebenbei die Selbstauskunft der Redaktion nach sich zog, für die Moderation ihrer Hauptnachrichten genau 259,89 Euro zu zahlen. Noch stärker ins Auge sticht es allerdings, wenn sie ihr Niveau so drastisch unterläuft wie zwei Tage zuvor.

Da nämlich berichtete die ARD zur Primetime, dass der Angeklagte eines Mordprozesses geständig war. Mehr nicht. Warum in einer ereignisüberreichen Welt schwebende Verfahren, in denen trotz Geständnis bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt, zur Topmeldung taugen, ist weit bedrohlicher als die Tat an sich, also der Tagesschau unwürdig. Denn dass der mutmaßliche Mörder eines Mädchens aus dem Irak stammt, macht die Berichterstattung zum Kniefall vor Rechtspopulisten, die jede Nichtberichterstattung zum Volksverrat aufblasen würde.

Rechtspopulisten wie all jene, die ungewohnt schweigsam waren, nachdem einer der ihren in Neuseeland zwei Massaker an Muslimen begangen und live bei Facebook gestreamt hatte. Rechtspopulisten wie eine Frau, die am Mittwoch das ZDF-Morgenmagazin gestürmt und Dunja Hayali mit „Lügenpresse“ beschimpft hat, worauf sie der Wutbürgerin zwar anbot, zu reden, was die – hoppela – gar nicht wollte, sondern nur pöbeln. Einen Tag später holte die shitstormerfahrene Moderatorin dann übrigens Deutschlands Chefpopulistin ins Frühstücksfernsehen und ließ Alice Weidel darin selbstsichere Übellaunigkeit verbreiten.

Nicht minder rechtspopulistisch verhielt sich das türkische Regime, als es die Presseakkreditierung des ZDF-Korrespondenten Jörg Brase Anfang der Woche so grundlos erteilte, wie sie ihm zuvor verweigert worden war. Noch nicht populistisch, aber schon irgendwie undemokratisch verhielt sich der DFB-Präsident. Weil ihm Florian Bauers Fragen zur Fifa nicht passten, brach Reinhard Grindel ein Interview mit der Deutschen Welle ab. Kritische Fragen! Von einem Journalisten!! Sowas aber auch!!!

Die Frischwoche

18. – 24. März

Da kann Arte ja noch mal von Glück sagen, dass der Filmemacher Michael Wech für seine Doku über Die globale Antibiotika-Krise Gesprächspartner gefunden hat. So wurde Resistance Fighters zum Wissenschaftsthriller, der Dienstag um 20.15 Uhr zwar lehrreich ist, vor allem aber Angst macht, wie die Tierindustrie zum finalen Genozid ansetzt, dem künftig nach WHO-Schätzungen zehn Millionen Menschen pro Jahr zum Opfer fallen werden. Bis unser Konsumverhalten endgültig klar Schiff gemacht hat auf der Erde, lenken wir uns aber noch kurz bei Wilde Dynastien davon ab. Wie so oft in BBC-Dokus erzählt von Sebastian Koch, zeigen sie ab heute fünf Montag zur besten ARD-Sendezeit Tiere, von deren Sozialverhalten wir uns ein Scheibchen abschneiden sollten, um das Klima vielleicht doch nicht gegen die Wand zu fahren.

Ein paar Verbrauchertipps dagegen hat ab morgen an gleicher Stelle um 16.10 Uhr jemand parat, den man an dieser Stelle womöglich nicht erwartet hätte: Oliver Petszokat. Als Seifensänger Oli.P hatte er eine recht lukrative Popkarriere; jetzt moderiert der der frühere GZSZ-Star das Trödel-Format Hallo Schatz, in dem vermeintlich unnütze Gebrauchtgegenstände upgecycelt, also aufgewertet werden. Klingt dann doch ein bisschen nachhaltiger als sein beruflicher Werdegang… Nach Aufwertung leicht abgenutzter Gebrauchtwaren klingt auch das Band-Porträt The Dirt , mit der Netflix den Hair-Metallern Mötley Crüe Freitag huldigt. Und das Gleiche gilt irgendwie auch für die Rückkehrs eines anderen Fossils des haarigen Zeitalters.

In Gottschalk liest liest Gottschalk ab Dienstag um 22 Uhr nämlich im Bayrischen Rundfunk Bücher und gibt damit den Hans-Joachim Kulenkampff, der seine Karriere auch einst als Märchenonkel zur Nacht ausklingen ließ. Beim erstaunlichen Nischensender TNT bereitet sich die Nachfolgegeneration am gleichen Tag auf eigenen Nachwuchs vor. Die Mockumentary Andere Eltern erzählt von Helikopter-Hipstern in Köln, die sich ihre eigene Kita errichten. Das ist zwar oft klischeehaft, aber öfter wahrhaftig. Ähnliches gilt für die Langzeitbeobachtung Wir sind Jane, in der der US-Kabelkanal A&E ab Samstag die neun Persönlichkeiten einer schizophrenen Mutter schildert.

Zumindest zwei Leben hatte dagegen Deutschlands Dichter-Gott der Zwischenkriegszeit. Mit Tom Schilling als jungem und Burghart Klaußner als altem Brecht, porträtiert der Dokudramen-Gott Heinrich Breloer den Dramatiker in seiner hybriden Vielschichtigkeit. Arte zeigt den Zweiteiler Freitag am Stück und schiebt noch einen Film über Brechts Wirken am Berliner Ensemble nach. Viel Hochkultur zum Wochenende. Das ein bisschen Popkultur als Gegengewicht verträgt. Die Wiederholungen werden daher Mittwoch um 20.15 Uhr auf Nitro von George Lazenby eingeleitet, der 1969 seinen einzigen Einsatz als 007 hatte. Montag läuft Corinne Marchand in Erwartung einer Krebsdiagnose als Cléo durchs schwarzweiße Paris 1962 (Arte, 21.55 Uhr. Und Neo zeigt ab Freitag um 13.45 Uhr die Ursprünge des multiphobischen Ermittlers Monk von 2002.

Advertisements

Night Laser, Scarlxrd

Scarlxrd

Wenn man als Musiker so richtig wütend ist und dies unbedingt rausbrüllen muss, gibt es von Death Metal über HipHop bis Screamo und Punk eine Unzahl an Genres, es zu tun. Weil Marius Lucas-Antonio Listhrop offenbar so richtig wütend ist, aber zugleich etwas entscheidungsschwach, um sich für eines der angesprochenen Genres zu entscheiden, hat er einfach den Mittelweg gewählt und alles ineinandergekippt, bis daraus Scarlxrd geworden ist – ein ungeheuer vielschichtiges, sensationell grimmiges Solo-Projekt des Mittzwanzigers aus dem englischen Wolverhampton, der nicht ohne Grund nebenbei noch Frontman der Nu-Metal-Band Myth City ist.

An Haut, Haar und Kleidung so dunkel, wie seine Seele zu sein scheint, brüllt er auf dem zweiten Album seinen Hass aufs Dasein bürgerlicher, biederer, beliebiger, anteilnahmsloser Existenzen auf Platte, dass man beim Hören unvermeidbar aufgekratzt wird. Umwabert von düsterem Trap und Elementen aus Metal, Hardcore, TripHop gibt es zwölf Stücke lang nicht den leisesten Versuch, der Harmonielehre zu gehorchen. Alles an Infinity ist Furor, alles daran ist aber auch ein sensibles Gespür für Struktur im Chaos. Keine Album zum Entspannen, im Gegenteil. Aber wer will das schon, in Zeiten wie dieser…

Scarlxrd – Infinity (Universal)

Gig der Woche

Night Laser

Heavy Metal, sagen Außenstehende übers geschrammelte Pathos in Nietenleder, Heavy Metal is more fun doing than listening. Selbst für Außenstehende stellt sich jedoch gehöriger Spaß ein, wenn Heavy Metal auch optisch so richtig die Sau rauslässt. Und genau das haben die Lokalmatadoren Night Laser am Mittwoch mit drei artverwandten Bands im Hamburger Logo gemacht. Mit Cowboystiefeln und Röhrenjeans, Augenkajal und Tropfensonnenbrillen, Wind in den Matten und Groupies am Bühnenrand trieb das Quartett den heiligen Unernst des thrashigen Glamrock auf die Spitze, ohne ihn lächerlich zu machen. Textzeilen von “trouble in the neigbourhood” bis “boys are running wild” legen zwischen all den Gitarrensoli um Benno Hankers’ Opernfalsett zwar das Gegenteil nah. Aber dafür sind Max Behrs Drums viel zu virtuos, Hannes Vollraths Riffs zu unprätentiös. Und der Rest? Eine gigantische Show. Nicht nur für Metalfans. Aber für die besonders.


ProSieben: Erfindergeist & Alltagssexismus

Das Geschlechterding des Jahres

In der ProSieben-Show Das Ding des Jahres wird fraglos auch viel Sinnvolles erfunden. Allerdings meistens von Männern. Frauen kommen auch im Finale am kommenden Dienstag meist nur mit textilem Lifestyle daher (Foto: Pro7/Willi Weber) und giggeln dazu servil. Eine Emanzipationskritik mit Nachhaltigkeitsschlenker.

Von Jan Freitag

Die Welt da draußen ist voller Probleme. Manipulierte Diesel verpesten unsere Luft, populistische Hetzer den Umgangston, Plastikmassen das Meer und Treibhausgase die Welt im Ganzen. Aber das alles ist noch gar nichts dagegen, was Jennifer, Ulrike und Larissa so umtreibt. Ihnen nämlich lässt die dringlichste aller Sorgen partout keine Ruhe. „Man hat einfach nicht für jedes Outfit die passende Handtasche.“ Bis jetzt. Denn die drei Designerinnen haben eine mit austauschbarer Deckklappe in „vielen tollen Farben und Mustern“ entwickelt und nebenbei eine Plattform gefunden, sie kostenlos zu bewerben: Das Ding des Jahres.

Um diesen Titel und 100.000 Euro Preisgeld kämpfen auf ProSieben grad fünf Dienstage lang Erfinderinnen wie Jennifer, Ulrike und Larissa. Wobei es analog zur Premiere 2018 vor allem Erfinder sind. Und falls sich doch mal weibliche Tüftler unter die männliche Übermacht mischen, haben sie so sicher wie Schleichwerbung bei der Wok-WM irgendetwas mit Kochen, Mode, Styling kreiert. Im zweiten Duell der dritten Folge bekam es das Taschentrio daher mit Katrin Liebers austauschbaren Pumps-Hacken zu tun. Die Herren der Alltagsschöpfung befassen sich dagegen mit Computergadgets, Transportsystemen und sonstiger Hardware. Schöne alte Geschlechterwelt.

Weil die Herren der Warenschöpfung auch Babymilch-Portionierer oder Silikonbackformen erdacht haben, weist ProSieben-Sprecher Christoph Körfer den Sexismus-Vorwurf zwar von sich. „Wenn Sie wollen“, kommentiert er weibliche Erfindungen männlicher Protagonisten auf DWDL-Anfrage „können Sie da gerne ein klischeehaftes Rollenbild hineininterpretieren“. Um männliche Entfaltungsmöglichkeiten geht es allerdings gar nicht, es geht um die Beschränkung der weiblichen. Etwa wenn der schmächtige Mittsiebziger Ernstfried den Mehrwert einer leichten Hundebox damit erklärt, wie eine Frau das schwere Standardmodell denn bitte ins Auto heben solle und Moderatorin Janin Ullmann dazu im schrittkurzen Minirock giggelt, als säßen wir uns noch im Fernsehzeitalter dekorativer Assistentinnen honoriger Conférenciers.

Als solche fungiert auch die Frau des Glasers Rolf. Gaby muss zwar vor seinem Spiegel mit digitaler Rückansicht posieren, aber schön die Klappe halten. Dass Heidi Klum in der Pause für ihre Modelzuchtshow wirbt, passt ins Bild einer Sendung, die das Rad der Emanzipation trotz paritätischer Jury um zwei, drei soziale Bewegungen zurückdreht. Nur zwei Wochen also, nachdem Maria Furtwänglers MaLisa-Stiftung belegen konnte, wie stereotyp Rollenbilder nicht nur in Film & Fernsehen, sondern auf Plattformen wie YouTube oder Instagram sind, erhob ProSieben das Klischee erneut zum Markenkern.

Schon 2018 stammten von 32 Erfindungen ja ganze sieben von Frauen, die bis auf ein Schuhgrößenmessgerät nichts als Textilien verarbeitet haben. Wenn ihr Anteil heute Abend in Folge 4 zurück auf Vorjahrsniveau fällt, werden die Damen – sofern sie nicht Teil gemischter Erfinderteams ist – ausnahmslos Lifestyle ersinnen. Ein mobiles Nagelstudio etwa oder kein Scherz: Sohlen-Tattoos für Stöckelschuhe. Mehr noch als beim Sendungsdebüt, das seinerzeit als „Trullala-Version“ der Höhle des Löwen kritisiert wurde, trifft klassische Geschlechterkonstruktionen also auf einen Konsumfetischismus, dem ernste Problemlagen im Zweifel halb so wichtig sind wie die passende Handtasche für jedes Outfit. Und diese Besinnungslosigkeit findet nirgendwo besser seinen Ausdruck als im „Smart Mirror“ von Max und René, der den akuten Kommunikationsoverkill nun auch ins Badezimmer trägt.

Dass Männer beim Rasieren ihre Business-Termine am digitalen Spiegel sortieren und Frauen beim Schminken Makeup-Tutorials betrachten, könnte der Jury um den heiteren Skeptiker Joko nun ein paar Fragen zu Ressourcenverbrauch und medialer Erschöpfung entlocken. Doch in dieser Art Dauerwerbesendung geht es ihm wie dem Supermodel Lena Gehrcke oder der Erotik-Versandhändlerin Lea-Sophie Cramer einzig um Verkäuflichkeit. Eine ProSieben-Pressemitteilung feierte gestern entsprechend stolz „Verkaufsrekorden“ mehrere Webseiten teilnehmender Start-ups. Da hat Rewe-Verkaufsleiter Hans-Jürgen Moog im Jury-Sessel keine weiteren Fragen, als im Bildschirmeck der dritten Folge „unterstützt durch Produktplatzierungen“ aufpoppt.

Kurz vorm echten Reklame-Break gibt es dann noch einen SUV mit 178 PS zu gewinnen, den die Generation sorglos als „urbanen Crossover“ verharmlos. Und dass ein Tragegurt für Plastikflaschengebinde nicht nur den Wegwerfkonsum im Land der weltbesten Trinkwasserqualität erhöht, sondern „von Hausfrauen gemacht“ wird, wie der Erfinder arglos die Produktionsbedingungen schildert – hey: We love to entertain you! Obwohl das Ding des Jahres nachhaltig sein könnte wie ein revolutionärer Fahrradschlauch oder Einweggeschirr aus Laub, ähnelt der sexistisch grundierte Fortschrittsoptimismus in Stefan Raabs Format dem von Galileo, wo Fun stets schwerer wiegt als Verantwortung.

Um ProSieben nicht Unrecht zu tun: Sein Personal ist jünger, weiblicher, migrationshintergründiger als bei der Konkurrenz. Ähnliches gilt für viele Serien oder Shows. Zugleich aber (ent-)kleiden sich selbst Meteorologinnen wie Frischfleisch vorm Bachelor, von Moderatorinnen der Gossip-Magazine ganz zu schweigen. Wie heißt es in der MaLisa-Studie: „Sie sind dünn, langhaarig und beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty.“ Gemeint sind damit die Influencer digitaler Plattformen. Bei ProSieben gilt das auch für Erfinderinnen.


AKKs Kirche & Rojinskis Raps

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. März

Dass die Kirche selbst im Dorf immer leerer wird, liegt zwar nicht an CDU und CSU, hat aber gravierende Folgen für Parteien, die das Christliche im Label führen. Der Schwund des religiösen Antriebs, sie zu wählen, hat für beide aber auch positive Seiten. CDU und CSU müssen sich nicht mehr um Ärgernisse wie Nächstenliebe bemühen, weshalb sie Hilfsbedürftige jeder Art unterbuttern, abschieben oder zumindest lächerlich machen dürfen. Trotzdem sollte man die Kirche angesichts von Annegret Kramp-Karrenbauers karnevaleskem Tritt in den Schritt des dritten Geschlechts mal im Dorf lassen.

Was die Öffentlichkeit da nämlich kurz vorm Brennpunkt zum Sieden brachte, war weder ausgesprochen bösartig noch kreativ, sondern bloß die Schleimspur, auf der bürgerlicher Anstand gerade dem populistischen Herdentrieb entgegen schlittert. Ein Herdentrieb, der auch dafür sorgt, dass alle Medien vom Mordfall der armen Rebecca berichten, als bestünde der größere Skandal unserer Tage nicht darin, wie unser Konsumverhalten Kindern wie ihr bei vollem Verstand den Planeten verwüstet. Und zwar so unverdrossen, dass sie womöglich Umweltflüchtlinge von morgen sind, die dann andernorts untergebuttert, abgeschoben, lächerlich gemacht werden.

In diesem Sinne könnte man den Samstagabend empfehlen, an dem das Erste ab 20.15 Uhr fünf Stunden lang Roland Kaiser huldigt. In seinem Metier ist der Schlagerstar schließlich fast der einzige, der sich offen gegen rechte Hetze positioniert und damit Einnahmen gefährdet. Aber so weit, einen geselligen Abend mit Florian Silbereisen zu bewerben, wollen wir hier dann doch nicht gehen. Wovon bei aller Güte allerdings sogar strikt abzuraten ist, ist die Dauerwerbesendung Das Ding des Jahres auf Pro7. Frauen erfinden da Accessoires und Lifestyle, Männer Maschinen und Technik, gewählt wird, was dämlich ist wie selbstkühlende Biergläser, und die Jury stellt nie, nie, nie Fragen zu Nachhaltigkeit, Sexismus oder tieferem Sinn, sondern ausschließlich nach Preis, Markt,Rendite.

Die Frischwoche

11. – 17. März

Ab Dienstag gibt‘s um 20.15 Uhr also wieder Fernsehen für die Generation sorglos, der vorigen Montag einer der populärsten Darsteller verloren ging: Luke Perry, in den Neunzigern Superstar der hartnäckig unpolitischen Teeny-Serie Beverly Hills, 90210, ist an einem Schlaganfall verstorben.Aus derselben Epoche stammt etwas, das ein Kanal, der mit „Music Television“ übersetzt wurde, bevor er nur noch Seifenopern zeigte, nach fast 25 Jahren Pause aus der eigenen Versenkung zerrt: Yo! MTV Raps. Ende der 80er für die Popkultur, was man heute Influencer nennen würde, erweckt Palina Rojinski das HipHop-Magazin ab Samstag auf einem Sender zum Leben, dessen Fortbestand fast noch mehr überrascht als die Moderatorin.

Ob die Show zwischen Hyperkommerz des Sprechgesangs und Abspielstationen wie Spotify bestehen kann, wird sich zeigen, aber es wäre ihr echt zu wünschen.Aus der MTV-Phase zwischen Kommerzialisierung und Bedeutungslosigkeit stammt auch eine Band, die Neflix am Freitag in der Doku The Dirt porträtiert: Mötley Crüe. Nicht nur für Metal-Fans sehenswert.Zumindest für Testosteron-Fans lohnend ist ab heute die zweite Staffel der Superhelden-Serie American Gods auf Prime-Video. Ebenfalls computeranimiert, doch dabei auf menschliche Art anzüglich: die 18-teilige Netflix-Anthologie Love, Death & Robots um eine Schar künstlicher Kreaturen, deren wildes Treiben am Freitag eine Altersfreigabe ab 18 nach sich gezogen hat.

Davon kann beim Achtteiler Turn up Charlie auf gleichem Kanal zur selben Zeit nie die Rede sein. Die Coming-of-Age-Story eines amerikanischen Nesthockers ist absolut harmlos und dabei recht lustig. Gar nicht lustig ist, was die ARD in ihrer Montagsdokumentation Die Akte BND 90 Minuten ab 22.45 Uhr aufdeckt: In welcher Kaltschnäuzigkeit der deutsche Geheimdienst weltweit in unmoralische Waffendeals verstrickt ist. Dass diese Art der Enthüllung politische Folgen hat, darf bezweifelt werden. Sie zeigt aber, wie wichtig öffentlich-rechtliche Recherchen sind. Dazu gehört allerdings auch fiktionale Unterhaltung – auch wenn die sich gut mit Relevanz anreichern lässt.

Arte etwa porträtiert heute im Rahmen seiner Reihe über starke Frauen Danielle Darrieuxund zeigt vorweg – als schwarzweiße Wiederholungen der Woche – zwei Klassiker der französischen Kino-Legende: Madame de… (1953) sowie Diebe und Liebe (1940). Am Mittwoch widmet sich Kabel1 einem Mann, der anfangs Testosteron versprühte, dann aber geläutert schien: Clint Eastwood. Schon alt und bedeutsam ist er um 20.15 Uhr in Ein wahres Verbrechen (1999) zu sehen, noch jung und unterhaltsam in Dirty Harry (1971), bereits reif, aber bedeutungslos in Dirty Harry V (1988). Aber vielleicht lehnen wir uns parallel im MDR auch einfach zurück und erfreuen uns um 22.10 Uhr an Nora Tschirners und Christian Ulmens zweitem Tatort: Der Irre Iwan von 2014.


Sasami Ashworth, Alice Phoebe Lou

Sasami

Sasami Ashworth ist gar nicht da. Rein physisch mag die Songwriterin aus Los Angeles zwar anwesend gewesen sein, als ihr fabelhaftes Debütalbum nahezu im Alleingang entstanden ist. Psychisch jedoch, also geistig und mental, hat sie beim Einspielen der zehn Stücke offenbar kurz mal ihren Körper verlassen, ist hoch in Kaliforniens strahlend blauen Himmel entschwebt und sich dort im Palmenhain ihrer angenehm aufgewühlten, aber watteweichen Arrangements verflüchtigt. Umschwurbelt von fuzzigen Gitarrenriffs, leicht bekifften Keyboards und einer Portion Aberwitz in Drums und Samples, schildert sie ihr Seelenleben, als sei es das einer anderen.

Dieses Seelenleben ist zum Glück zwar ein bisschen liebeswund, aber niemals larmoyant. Das Tollste aber: SASAMI, so heißt dieses bezaubernde Wunderwerk des Alternative-Pop, kommt nie entrückt, geschweige denn esoterisch daher. Stattdessen lädt es uns ein, knappe 45 Minuten lang mit ihr auf derselben Wolke zu sitzen und herunterzuschauen auf eine Welt, in der es längst so irre zugeht, dass man seinen Fluchtimpulsen ruhig mal ein Weilchen folgen darf. Diese Zeit da oben mit dieser Multiinstrumentalistin mit Flügelhorn ist wie in der Lieblingsbar beim Lieblingsdrink mit Lieblingsbarflies zu sitzen und nichts zu tun außer – sein.

Sasami – Sasami (Domino)

Alice Phoebe Lou

Die Grenze zur Esoterik ist, seien wir ehrlich, bei Alice Phoebe Lou hingegen schon ein wenig näher gerückt als bei der äußerst weltlichen Sasami Ashworth vom anderen Kontinent. Schon wie die Wahlberlinerin aus Südafrika aussieht – ein bisschen wie aus dem Elbenwald von Mittelerde oder einem isländischen Vulkan entsprungen, leicht anämisch, seltsam entrückt, nicht ganz von dieser Welt jedenfalls. Und so klingt dann auch ihr zweites Album mit dem sprechenden Titel Paper Castles. Zu Anfang jedenfalls. Stück für Stück jedoch entfacht es einen versteckten Schwung, der klingt wie eine Big Band in einem Pool voller Wackelpudding.

Die meisten der zehn Lieder scheinen sich ihrer hintergründigen Kraft fast ein wenig zu schämen, so verträumt haucht Alice Phoebe Lou ihren Inhalt in die Welt. Leicht windschief, aber ausdrucksstark und schön zittert sie sich durch karibische Klangfragmente im jazzigen Swing-Gewand, kiekst dazu wie in Galaxie schon mal wie auf einer Überdosis Absinth und singt überhaupt so hinreißend schräg, ohne schräg klingen zu wollen, dass man spontan in den Wackelpuddingpool dazu springen möchte. Kreativ, verschroben, verträumt und virtuos – der perfekte Sound zum Weltfrauentag.

Alice Phoebe Lou – Paper Castles (Motor)


Christoph Schneider: Amazon & Prime Video

Wir konkurrieren um Zeit

Nach teils hohen Positionen bei Kirch und Burda, ProSieben und Maxdome, baut der erfahrene Medienmanager Christoph Schneider (Foto: Prime Video) seit ein paar Jahren erfolgreich bei Amazon Prime Video das Geschäft mit digitalen Videos auf. Ein – vorab beim journalist veröffentlichtes – Interview mit dem 52-Jährigen über Streamingdienste und Linearkonkurrenz, Marktbereinigungen, Dokumentarfilme, Vollprogramme und wie er selbst als Kind ferngesehen hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schneider, haben Sie angesichts der Entwicklungen am Streamingmarkt eigentlich ein bisschen Bammel vorm nächsten Jahr?

Christoph Schneider: Nein, gar nicht. Ich weiß ja, was wir alles in der Pipeline haben, und bin daher zuversichtlich, damit auch erfolgreich zu sein. Wir sehen schließlich, dass unser Programm bei den Kunden gut ankommt. Die Entwicklung der vergangenen Jahre jedenfalls wart toll. Da bin ich mir sicher, dass es im nächsten Jahr ähnlich weitergehen wird.

Das angekündigte Auftreten neuer Big-Player im Video-on-Demand-Geschäft wie Disney und Warner bereiten Ihnen also kein Kopfzerbrechen?

Ach, angesichts der vielen Pläne, von denen andauernd zu hören ist, muss man erstmal sehen, was davon am Ende des Tages wirklich umgesetzt wird. Das meiste startet ohnehin zunächst in den USA, wo die Leute im Durchschnitt glaube ich 2,4 Dienste abonniert haben. Ungefähr zwei Jahre später dann kommt es zu uns, wo die Kunden erst langsam dazu übergehen, mehrere Dienste nebeneinander zu nutzen. Die Entwicklung wird mittelfristig auch in Deutschland immer stärker in die Nutzung mehrere Streamingdienste nebeneinander gehen.

Also keine Marktbereinigung?

Keine, aus der ein einziger Sieger hervorgeht. The winner takes it all– das gilt in unserem Segment nicht. Deshalb müssen wir uns umso mehr aufs eigene Geschäft konzentrieren und dafür sorgen, dass die Kunden zufrieden sind. Konkurrenz belebt das Geschäft, wie man so schön sagt;wir müssen deshalb daran arbeiten, jeden Tag ein Angebot zu kreieren, wegen dem die Menschen bei uns bleiben. Mein Wunsch wäre, dass wir in jedem Haushalt sind. Wenn Amazon Prime dabei ist, darf jeder gern noch ein, zwei Dienste mehr haben.

Heißt das, eine Sättigung des Segments ist bislang nicht absehbar?

Sogar noch lange nicht. Es wird garantiert eine Konsolidierung geben. Der Kunde wird also vermutlich nicht sechs verschiedene Anbieter haben, sondern ein bis drei, wo er alles findet, was er sucht. Auf diesem Niveau müssen sich die Neuen dann erstmal bewähren, denn viele davon haben ja mit B2C keine Erfahrungen, sondern nur mit B2B.

Also im Kundengeschäft.

Und das müssen viele Firmen, die es gewohnt sind unter ihres gleichen zu arbeiten, erst lernen. Dieses Kleinteilige unterschätzt man schnell.

Haben Sie als Teil des weltumspannenden, vom klassischen Wettbewerb längst entkoppelten Amazon-Konzerns überhaupt so etwas wie Konkurrenzdenken?

Ich müsste lügen, würde ich sagen, die anderen interessieren mich alle nicht; natürlich schauen wir uns genau an, was die Konkurrenz tut und kriegen von ihr oft wichtige Impulse. Am Ende des Tages konzentrieren wir uns aber auf unsere Kunden und deren Zufriedenheit – und die ist gemessen am Feedback, das wir täglich kriegen, sehr hoch. Unsere Rückkopplung zeigt uns aber auch, wo es Probleme gibt. Vom bloßen Blick auf die Wettbewerber wird Prime Video nicht besser, sondern nur vom Blick auf die Wünsche unserer Kunden.

Aber sehen Sie sich denn überhaupt als echter Wettbewerber genuiner Streamingdienste und Fernsehsender oder können Sie sich davon als Teil eines Handelskonzerns, der Amazon Prime unablässig mit Abonnenten füttert, frei machen?

Ersteres, denn wir konkurrieren vor allem um Zeit. Von der hat jeder Mensch nämlich nur ein begrenztes Kontingent, das sehe ich ja Tag für Tag an mir selbst. So gesehen steht Prime Video nicht nur mit Sendern und Streamingdiensten, sondern auch mit Theatern oderRestaurantbesuchen im Wettbewerb. Das hat mit dem Handelskonzern hinter uns zunächst wenig zu tun.

Ist messbar, wie viele Amazon-Kunden über Prime zum Versandhandel gelockt werden oder umgekehrt vom Versandhandel zu Prime?

Wir locken nicht, wir versuchen den Menschen attraktive Angebote zu machen. Dabei kommt es für uns weniger auf den einzelnen Dienst, als auf das komplette Paket an: Prime Video gibt es als eigenständige Mitgliedschaft unabhängig von Prime.

Ach, das geht mittlerweile?

Ja, es zwingt Sie keiner, bei Amazon einzukaufen. Aber es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, warum man auf das komplette Prime-Angebot inklusive Versandvorteilen oder Musikstreaming verzichten sollte. Viele Video-Kunden nehmen die Zugabe der Versandvorteile mit, andere sehen die Versandvorteile im Vordergrund und Prime Video als willkommene Zugabe. Wir wissen aber, dass Mitglieder, die Prime Video nutzen, die zufriedensten Prime-Mitglieder sind. Sie erneuern ihre Mitgliedschaft öfter. Und Serienfans, die noch nie von Prime Video gehört haben, sind vermutlich eher selten.

Gibt es eigentlich inhaltliche Verzahnungen zwischen Videoportal und Versandhandel?

Im Moment nicht. Ich könnte mir in absehbarer Zukunft durchaus sinnvolle Verzahnungen vorstellen. Aber dass der Kunde zum Beispiel spontan etwas haben will, was die Schauspielerin oder der Moderator in einer unserer Sendungen anhat, und wir ihm dafür eine Verkaufsplattform bieten – diese Art verstecktes Verkaufen kann ich mir nicht vorstellen. Mein Vater hat immer gesagt, man solle niemanden für dümmer halten, als man selbst ist. Die Leute zahlen uns dafür, beste Unterhaltung zu kriegen. Wir jubeln ihnen nichts unter.

Wäre es denn vorstellbar, dass Prime Video ein Format produziert oder lizensiert, in dem der Versandhandel kritisch unter die Lupe genommen wird, etwa die Verödung der Innenstädte oder die schlechten Arbeitsbedingungen, was beides regelmäßig mit Amazon in Verbindung gebracht wird?

Ich teile die Vorwürfe in ihrer Frage nicht, aber unabhängig davon: Sie werden auf Prime Video schon heute zahlreiche Dokumentationen finden, die sich mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen, warum auch nicht? Wir orientieren uns mit unserem Angebot daran, was die Menschen interessiert und bewegt. Momentan sind das Lizenzprodukte. Wenn ein Programm sich unvoreingenommen mit Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auseinandersetzt, dann kann das auch im Rahmen eines Prime Originals passieren.

Sie haben es ja gerade erwähnt, dass Prime Video demnächst sein Angebot um Dokumentarfilme erweitern könnte. Wie stellen sie sich im neuen Jahr inhaltlich auf?

Wir werden unsere Stärken weiter akzentuieren aber auch neue Dinge ausprobieren. Wir sind ja 2014 erfolgreich ausschließlich mit fiktionalem Programm gestartet; zunächst mit Filmen, die wir bald nach dem Kinostart zur Verfügung gestellt haben, danach mit Lizenz-Serien. Also Erstausstrahlungen von Formaten wie Vikings oder Lucifer, um nur die Bekanntesten zu nennen. Ziemlich bald kamen aber auch von Amazon Studios in den USA produzierte Prime Originals hinzu, die wir mit eigenen deutschen Prime Original Serien wie You Are Wanted, Beat, Pastewka oder Der Lack ist ab ergänzt haben. Generell wollen wir ein möglichst breites, werbefreies, jederzeit zugängliches Portfolio anbieten. Darüber hinaus sind wir sehr stolz auf unser zeitunabhängiges Kinderprogramm ohne lästige Reklame. Da drehen wir zum Beispiel nächstes Jahr ein Serien-Spinoff von Bibi & Tina.

Was gibt es darüber hinaus in deutscher Sprache?

Da sind weitere in Planung, worüber wir nur noch nicht sprechen wollen. Aber wir erkennen durchaus Interesse an nicht gescripteten Formaten, haben sehr gute Erfahrungen mit unserer Sport-Dokureihe All or Nothing gemacht, und die Auto-Show „The Grand Tour“ gehört zu Prime Videos erfolgreichsten Programmen weltweit. Auf dem Feld werden wir in absehbarer Zeit auch hierzulande aktiv. Und Sport bleibt interessant. In Großbritannien haben wir die US Open übertragen und Rechte für die Premier League gesichert.

Sie wollen DAZN Konkurrenz machen?

Nein, aber wir testen verschiedene Inhalte in verschiedenen Ländern. Fußball gibt es in Deutschland bisher über den Prime Video Channel Eurosport Player zu sehen, den Prime Kunden als Zusatz-Abo buchen können, um etwa die Freitagsspiele der Bundesliga live zu sehen. Wir testen und experimentieren gern, müssen dabei nicht überall alles machen, erweitern aber kontinuierlich unser Angebot.

Um letztlich ein Vollprogramm zu werden, das lineare Anbieter verdrängt?

Das ist nicht unser Ziel. Prime Video als echtes Vollprogramm? Das wage ich im Moment zu bezweifeln. Es geht nicht um Verdrängung, sondern Ergänzung. Ich höre mich immer öfter sagen, dass es die linearen Fernsehsender noch ewig geben wird. Die Frage ist nur, mit welcher Art von Formaten. Wir sehen doch, dass Zuschauer Serien heute lieber on demand als linear sehen und sich die Free-TV-Sender stärker auf Events wie Shows, Sport oder eben die täglichen Nachrichten konzentrieren.

Gibt es bei Prime Video denn redaktionelle Strukturen mit echten Journalisten, die daran etwas ändern könnten?

Wir haben derzeit keine solchen Strukturen. Meine Teammitglieder verstehen sich als Programmmacher, nicht Journalisten. Ähnlich wie Lizenzeinkäufer bei klassischen Fernsehsendern, die das Angebot sichten und entscheiden, was Sinn macht, und was nicht. Wir schauen sehr genau auf das, was anderswo funktioniert – vergleichbar mit Kuratoren, die dem Kunden bei der Auswahl aus der wachsenden Menge Filmen und Serien helfen. An Weihnachten stellen wir aus derzeit rund 30.000 Titeln daher andere Sachen in den Vordergrund als an Halloween und für jemanden, der Horrorfilme liebt, sicher etwas anderes als das Traumschiff.

Wie kam es da zur Entscheidung, die Sat1-Serie Pastewka unter eigener Regie fortzuführen?

Ganz ehrlich? Weil es meine Lieblingsserie war?

Ernsthaft – Entscheidung von oben?

Ein Stück weit vielleicht (lacht). Wir schauen immer nach Familien-Content, und da hatte ich nicht zuletzt meine eigene als Anschauungsobjekt vor Augen. Vom kleinsten bis zum größten Schneider fanden alle Pastewka toll. Bei Prime Video hatten wir die alten Staffeln ohnehin längst im Angebot und dadurch genug Daten um zu sehen, wie die Serie bei unseren Kunden ankommt. Da Sat.1 damit wohl mangels Halb-Stunden-Slots mit einer Verlängerung zögerte, ergab sich für uns die Chance, eine von Fans geliebte und Kritikern geschätzte Kultserie fortzusetzen. Das haben wir uns als Team nicht entgehen lassen.

Wie ist sie gelaufen?

Sehr gut. Pastewka hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen. Die erste Staffel legte den stärksten Start aller Zeiten einer Comedyserie bei Prime Video hin. Es ist uns gelungen die Fans aus dem Free-TV zu behalten und neue Fans hinzuzugewinnen.

Was heißt das in Zahlen ausgedrückt?

Die kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.

Diese Schweigsamkeit wäre noch etwas, das Prime Video von einem Vollprogramm unterscheidet…

Aus gutem Grund: wir treffen unsere Entscheidungen bei Prime Video nach dem, was unseren Kunden Vorteile bringt. Ob etwas von ein paar Tausend oder Millionen gesehen wird, hat für ihn weit weniger Bedeutung als unser Bewertungssystem, die Empfehlungen anderer Kunden zum Beispiel. Wer hat denn am Ende wirklich ein Interesse an Zuschauerzahlen? Fachjournalisten vielleicht und die Werbeindustrie. Wir verkaufen keine Werbung. Und wenn sich lineare TV-Sender nicht durch Gebühren oder Werbegelder finanzieren würden, bestünde garantiert wenig Interesse, Zuschauerzahlen aggressiv zu kommunizieren.

Sie finden das aggressiv?

Je mehr Wind um die Quoten gemacht wird, desto besser sind die Tausenderkontaktpreise gegenüber Werbekunden zu rechtfertigen.

Andererseits sind Einschaltquoten unabhängig von der dubiosen Erfassung durch 5000 Testseher der Gesellschaft für Konsumforschung auch ein Indikator für soziokulturelle Relevanz und zudem ein Ausdruck von Transparenz, die besonders einem umstrittenen Konzern wie Amazon gut zu Gesicht stünde oder?

Transparenter als die direkten Meinungen von Kunden zur Qualität einer Serie in Form von Rezensionen geht es nicht. Daneben haben wir unzählige Parameter für Erfolg, die von Serie zu Serie verschieden sein können: Wie viele neue Kunden hat eine Serie für Prime Video gewonnen, welche bislang unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen konnten wir dadurch ansprechen, wie viele Zuschauer haben alle Folgen der Serie gesehen? Das sind zusätzlich zu den absoluten Zuschauern, Kritikerfeedback und Preisen nur einige unserer Erfolgsmaßstäbe. Und die soziokulturelle Relevanz drückt sich nicht in der Publikation von Zahlen aus, sondern wie viel über ein Programm gesprochen wird. Sei es in den sozialen Medien, der Presse, am Arbeitsplatz oder auf dem Schulhof.

Kann man denn sagen, dass das deutsche Publikum auch deutsche Serien goutiert?

Schwierig zu sagen. Jüngere Zuschauer stehen vermutlich eher auf amerikanische Produkte und ältere eher auf deutsche. Aber letztendlich ist es immer die Qualität, die zählt.

Und hilft diese Qualität Ihrer Meinung nach dabei mit, das angeschlagene Image von Amazon zu verbessern?

Ich sehe kein angeschlagenes Image von Amazon. Das Image besteht aus der Summe einzelner Interaktionen zwischen Konzern und Kunden. Sie nutzen die Angebote von Amazon gern und geben gutes Feedback zu ihrem Kontakt mit unserem Unternehmen. Wenn sie wissen wollen, welche Auswirkungen die Erfahrungen unserer Kunden mit Prime Video auf ihre Zufriedenheit mit Amazon als Ganzem haben: Wir haben über alle Konzernteile hinweg dieselben Standards: Große Auswahl, vernünftige Preise, schnelle Problemlösung, Konzentration auf den Kunden statt den Wettbewerb. Insofern sehe ich Prime Video als Bestandteil der positiven Kundenerfahrungen mit Amazon, also nicht als konzerneigenes Imageprogramm, sondern integralen Bestandteil von Prime.

Wird das hiesige Publikum wie das amerikanische irgendwann drei, vier Dienste gleichzeitig abonnieren oder widerspräche das deutschem Effizienzdenken?

Ich halte das für denkbar, schon weil die Streaming-Services ihr Programm gleichzeitig erweitern und spezifizieren. Linear schauen ja auch die wenigsten Zuschauer nur RTL oder ARD allein. Die Bereitschaft, für guten Inhalt zu bezahlen, wächst kontinuierlich, aber die Frage des Geldes bleibt auf dem freien Markt natürlich elementar.

Zurzeit bieten Sky und Netflix eine Doppelmitgliedschaft zum niedrigeren Preis an. Planen Sie da ähnliches?

Im Moment nicht. Aber was Sky und Netflix da machen, ist ja zunächst mal eine Marketingaktion. Mal sehen, ob das auf Dauer ist. Kooperationen werden generell wichtiger. Prime Video hat etwa für Deutschland86 mit Fremantle und  RTL kooperiert. Davon profitieren alle.

Profitieren Sie persönlich bei einem Video-Portal wie Prime Video davon, dass Sie zuvor für ProSiebenSat1 oder die Kirch-Gruppe, also auf verschiedenen Ebenen des Fernsehens gearbeitet haben?

Sicherlich. Es geht schließlich am Ende um die gleichen Kunden, die ihre Vorlieben und Sehgewohnheiten nicht von heute auf morgen ändern. Die Zahl derer, die ausnahmslos linear oder online fernsehen, ist ja doch noch immer begrenzt. Von daher waren meine früheren Arbeitgeber absolut hilfreich für meine jetzige Arbeit. Wobei ich bereits vor fast sieben Jahren hier angefangen habe. Da waren wir noch ein DVD-Versender.

Kann man die Arbeitsweisen analoger und digitaler Anbieter wegen der Zeitspanne zwischen Ihren Engagements überhaupt miteinander vergleichen?

Schon – soviel sich gerade im Bereich Technik und Infrastruktur auch gewandelt hat. Als ich vor etwa zehn Jahren im on-Demand-Geschäft begonnen habe, war noch nicht absehbar, wie umfassend der Durchbruch heute bereits sein würde. Das beginnt bei der Internetverbindung. Als ich bei maxdome beschäftigt war, waren die Voraussetzungen komplett andere. Wer erinnert sich nicht an das langatmige Ruckeln und Buffern früherer Übertragungsraten… Auch der verfügbare Content war nett, aber überschaubar. Und dass es auf der Playstation mal Videos gibt oder man via Smart TV mit einem Streamingdienst ins Wohnzimmer gelangen kann, hätte damals keiner gedacht.

Sie auch nicht?

Ich auch nicht. Und die Bereitschaft, dafür sogar noch zu bezahlen, war damals entsprechend gering. Aber wer heute einmal sechs Episoden einer Serie, die er wirklich schätzt, ohne Übertragungsprobleme am Stück gucken, aber auch unterbrechen kann, ohne auf die Werbepause zu warten, wenn das Kind schreit, die Schwiegermutter anruft oder Sie plötzlich Durst kriegen, der möchte das irgendwann nicht mehr missen und ist schneller bereit, dafür zu zahlen. Deshalb hat sich Video-on-Demand durchgesetzt.

Erzählen Sie da grad aus dem Nähkästchen, wie Ihre Leidenschaft für Streamingdienste entstanden ist?

(lacht) Ja, das ist mir alles oft passiert. Die Entwicklung hat aber auch schlicht mit veränderten Alltagsabläufen und Arbeitszeiten zu tun. Die Zeiten, wo mein Vater um sechs nach Hause kam, dann gab’s Abendessen und zur Tagesschau um 20 Uhr saß man gemeinsam vorm Fernseher und hinterher kam das Abendprogramm – diese Planung nach Programmzeitschrift, mit der auch ich aufgewachsen bin, um nur ja die Kinderstunde am Sonntagmittag nicht zu verpassen, ist doch schon länger vorbei als es Streamingdienste gibt. Wer ist denn heute immer um Punkt sieben bereit für den Feierabend?

Die Älteren.

Sehen Sie. Die Flexibilität der Berufswelt hat die Menschen dazu gebracht, sich ihre Freizeit was kosten zu lassen. Aber selbst mein Onkel, der demnächst 80 wird, meinte kürzlich zu mir, er sehe kaum noch fern, und falls doch, wolle er keine seiner Wanderungen unterbrechen, nur weil es um fünf oder sechs oder wann auch immer etwas in der ARD gibt.

Und dann haben Sie ihm Prime Video installiert?

Ich habe ihm einen Fire-TV-Stick geschenkt, wo natürlich wir drauf sind, aber auch andere Dienste und die Mediatheken von Arte, ARD, ZDF. Seitdem guckt er wieder begeistert fern, und zwar keineswegs nur Prime Video. Aber eben auch keine Gameshows oder Soaps, die ihn nicht die Bohne interessieren.

Wenn Sie diese Entwicklung so betrachten: Gibt es in Ihrer Persönlichkeit Platz für die Eitelkeit, stolz darauf zu sein, sie zumindest hierzulande mit angeschoben zu haben?

Wenn ich lügen wollte, würde ich jetzt empört „Nein“ sagen. Aber wenn ich mir den Amazon-Slogan „Work hard, have fun, make history“ ansehe, hätte es nur wenig Projekte gegeben, bei denen ich hätte mitarbeiten können, um wirklich was mit harter Arbeit und so viel Spaß zu verändern. Dass ich mit meinen Teams etwas dazu beigetragen habe, Streaming in Deutschland populär zu machen, macht mich daher schon ein Stück weit stolz.

Wäre es für Sie da denn denkbar, nochmals zurückzugehen und den alten Sendern auf dem Weg in die digitale Zukunft ein bisschen frischen Schwung zu verleihen?

Das ist keine Frage, die ich mir stelle. Ich bin hier sehr glücklich.

Andererseits weist ihr beruflicher Lebenslauf so viele Stationen auf, dass ein Wechsel in absehbarer Zeit jetzt auch nicht völlig unrealistisch klänge…

Das mag sein, aber die Zeiten, in denen man als Azubi bei Siemens angefangen und mit der Rente wieder verlassen hat, sind ja nun für uns alle längst passé. Ich habe meine Passion bei vielen Medienkonzernen ausgelebt, und man soll ja auch niemals nie sagen, aber im Moment habe ich hier meine Berufung gefunden. Und die bleibt garantiert noch eine Weile spannend.


Karnevalswitze & Kostüm-Kitsch

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 3. März

Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.

Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.

Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.

All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.

Die Frischwoche

4. – 10. März

Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.

Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.

Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.

Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.