Verrückte Onkel & deutsche Barbaren

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Oktober

Vermeintliche Fake News können ganz schön gut recherchiert sein. Savannah Guthrie, promovierte Juristin in Diensten von NBC, wies Donald Trump beim Distanzduell gegen Joe Biden am Donnerstag nicht nur jede seiner Lügen nach, sie hatte dafür auch stets die passenden Dokumente parat, um den Kernsatz ihrer Moderation zu unterfüttern: „Sie sind der Präsident, und nicht irgendein verrückter Onkel, der jeden Schwachsinn retweeten kann.“ Das ist er natürlich doch und könnte damit sogar die Wahl gewinnen. Trotzdem lieferte Guthries Dialektik einen Beleg dafür, wie wichtig seriöse Medien in Zeiten des Wahnsinns sind.

Das haben zum Glück auch die Menschen in Deutschland begriffen und danken es besonders dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit gestiegenem Vertrauen von aktuell 80 Prozent, während immerhin zwei Drittel einer Umfrage den Medien generell Verlässlichkeit attestieren. Wenn Mark Zuckerberg wie angekündigt ernst macht und Antisemitismus nach jahrelanger Bigotterie endlich verbannt, könnten selbst Internet-Portale demnächst einen Glaubwürdigkeitsvorschuss erhalten.

Dass Facebook und zwischendurch auch Twitter einen tendenziös (un)recherchierten Text der konservativen New York Post über Joe Bidens angeblichen Amtsmissbrauch zugunsten seines Sohnes Hunter in der Ukraine blockiert haben, mag Donald Trump zwar schrecklich finden; nüchtern betrachet, steht es für einen Sinneswandel profitorientierter Plattformen zugunsten des Journalismus. Dass dem auch bei Privatsendern mittlerweile Bedeutung beigemessen wird, belegte am Mittwoch übrigens der Bayerische Fernsehpreis an Thilo Mischkes Reportage Deutschee an der ISIS-Front. Vom Rest der Preisträger hingegen wollen wir – Stichwort Club der singenden Metzger lieber schweigen.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Und uns den Kandidaten der Verleihung 2021 zuwenden – von denen diese Woche abgesehen von der 3. (und besten) Staffel Babylon Berlin nichts dabei sein dürfte. Stattdessen glänzt das Streaming-Geschäft mit Serien wie I May Destroy You, einer zwölfteiligen Milieustudie der Generation Tinder, die Regisseurin Michaela Coel als Hauptfigur des eigenen Drehbuchs ab heute auf Sky dabei beobachtet, wie sie Opfer und Täter sexueller Gewalt zugleich werden kann. Brillant!

Gleiches gilt zwar nicht unbedingt für Barbaren. Weil Netflix den germanischen Aufstand gegen Rom vor 2000 Jahren ab Freitag allerdings historisch flexibel, aber dramaturgisch spannend inszeniert, ist die aufwändige Geschichtsserie zumindest sehr unterhaltsam – was in etwa auch für die Fortsetzung von The Alienist an gleicher Stelle gilt oder auch die 3. Staffel von Masked Singer, ab morgen auf ProSieben. Ganz im Gegenteil zum neuen Sonntagsimportkrimi im Zweiten McDonald und Dodds, der zu stereotyp ist, um näher darauf einzugehen.

Deshalb ein Tipp aus der Nische: in Totally Under Control nimmt Hulu ab Dienstag das Corona-Krisenmanagement der USA unter die Lupe und fördert furchtbares Versagen zu Tage. Was auf einer weit weniger fatalen Ebene auch für den Bau-Report Murks in Germany gilt, in dem ZDFinfo das Scheitern deutscher Großprojekte von Stuttgart 21 bis zum BER seziert. Die Wiederholungen der Woche dürfen dagegen diesmal so richtig albern werden – mit einem MDR-Abend am Samstag rund um Adriano Celentano. Erst Der gezähmte Widerspenstige, dann Gib dem Affen Zucker, beide aus den Achtzigern wie der Tatort-Tipp Zweierlei Blut (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) mit, klar, Schimanski.


Feuerstein & Mannomänner

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Die Woche, die war, war trotz rasant steigender Infektionszahlen eine Woche der Verlustmeldungen. Herbert Feuerstein zum Beispiel, der große kleine Mann anarchistischer Fernsehunterhaltung, ist gestorben und hinterlässt ein hybrides Erbe aus mehr und weniger Wagemut zugleich. Nicht ab-, aber zurückgetreten ist dagegen Dieter Thoma, der sich über Jahre hinweg einen Überbietungswettbewerb mit Matthias Opdenhövel im Ersten bot, wer von beiden sportpatriotischer übers Skispringen giggelte.

Nur im Wunschdenken zynischer Politikfatalist*inn*en tot und verendet ist dagegen Donald Trump nach seiner Covid19-Diagnose. Stattdessen hat sich das ziemlich stabile Genie als unsterblich erwiesen und seine (vermeintliche) Infektion so gut weggesteckt, dass er zehn Tage später schon wieder Wahlkamp im Weißen Haus macht, also da, wo er mutmaßlich auch seinen Presseschießhund Kayleight McEnany und mehrere Dutzend Angestellte jeder Position angesteckt hatte. Ausdrücklich nicht darunter: Die Fliege auf dem Kopf von Mike Pence, der dem Vize-Duell einen Moment spürbarer Endlichkeit verliehen hat – schließlich liegt die Lebenserwartung von Musca domestica nur bei 28 Tagen.

Damit wird sie nur unwesentlich älter als der Typ Mädchen ist, mit dem Ballermann Michael Wendler seine Profilneurosen kompensiert. Dass er sich jetzt auch noch als Atilla Hildmanns Verschwörungspudel geoutet und dafür umgehend aller Ertragsquellen von DSDS bis PR entledigt hat, erklärt da einiges – und lässt hoffen, dass sich auch Dieter Nuhr endlich bald auch offiziell als Querdenker outet. Bis dahin lässt ihn die ARD aber gut gelaunt am demokratischen Grundgerüst sägen, indem er auf dort alles eindrischt, was aus seiner Sicht politisch korrekt, also volksverräterisch ist.

Die vorerst letzte, vom Umfang her größte Leiche ist allerdings Cineworld. Nach der Verschiebung des neuen 007, schließt der weltweit zweitgrößte Multiplex-Betreiber sämtliche Kinosäle in den USA und UK. Was für Kreativität und Niveau durchaus positiv klingen könnte, hat jedoch massive Auswirkungen auf den Fernsehmarkt, der auf Koproduktionen und Zweitverwertungen aus der Massenfilmhaltung angewiesen ist. Einen Sender wie Pro7 zum Beispiel kann man sich ohne Hollywood-Blockbuster kaum vorstellen.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Dessen Stammpublikum wird heute quasi in Mannomann porträtiert. Um 22.50 Uhr fragt die ARD-Doku Moderne Männer, wo seid ihr? und stößt dabei auch auf ewig Gestrige, die James Bonds Lizenz zum Töten für ein offizielles Dokument halten und The Fast and the Furious für Reportagen. Dass die RTL-Plattform TV Now parallel 20 schwule Männer zur Datingshow Prince Charming bittet, kann man da nur als Realsatire verstehen.

Bastionen männlicher Macht sind normalerweise auch deutsche Mehrteiler aus dem Milieu wirtschaftlicher Dynastien. Nicht nur, weil Breaking Even dieses Konstrukt unterhaltsam kollabieren lässt, ist der Sechsteiler ab Mittwoch auf Neo so sehenswert. Bei aller Melodramatik sorgen dafür nämlich zwei weibliche Hauptfiguren, deren Darstellung mehrere Klischees des Mainstreamfernsehen angreift. Klassisch inszeniert, aber doch gelungen ist hingegen Lars Kraumes exzellent besetztes Geschichtsdrama Das schweigende Klassenzimmer (Dienstag, 20.15 Uhr, ZDF), in dem DDR-Schüler 1956 Zivilcourage zeigen. Zu dumm, dass der Film gegen ein Fußballländerspiel im Ersten programmiert wurde.

Tags probiert Anja Reschke ein informationelles Mischformat aus. In Die Narbe werden eindrückliche Katastrophen wie Eschede oder Ramstein erst aus menschlicher Sicht aufgearbeitet, dann mit Zeitzeugen diskutiert. Und während Netflix die französische La Révolution am Freitag zum Schauplatz einer Horrorverschwörung verballhornt, bringt (kauft nicht bei) Amazon Prime das hochpolitische Broadway-Musical What the constitution means to me auf den Bildschirm und versucht sich zugleich mit Inside Flensburg Handewitt an der nächsten Sportdoku. Die Wiederholungen der Woche sind indes unpolitisch: im schwarzweißen Cowboy-Klassiker Red River von 1947 geht John Wayne mit Montgomery Clift (Freitag, 22.45 Uhr, BR) ins Duell, Dienstag zeigt K1 (22.30 Uhr) Der Exorzist von 1973 im Director’s Cut. Eine Stunde später taucht Schimi beim WDR ins Kielwasser eines Ökokrimis von 1984.


Ausreden & Rumspuken

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Es war ein denkwürdiger Satz, den Chris Wallace da am vorigen Mittwoch um drei Uhr früh MEZ am Bildschirm aussprach: „Ich denke, es würde unserem Land mehr nützen, wenn Sie sich ausreden ließen“, mahnte er seine zwei Gäste, als ihm die presidential debate zu entgleiten drohte. Besser konnte der Moderator nicht zum Ausdruck bringen, wie entwürdigend das politische Schauspiel vor gut 100 Millionen US-Amerikanern und einer ähnlich hohen Zahl in aller Welt kaum zum Ausdruck bringen.

Als der Moderator explizit an Donald Trumps Adresse „besonders Sie, Sir“ hinzufügte, wurde aber auch deutlich, wie erschöpft selbst Gesinnungsgenossen des US-Präsidenten mittlerweile vom US-Präsidenten sind. Chris Wallace nämlich stammt keinesfalls von Medien, die der Amtsinhaber als „Feinde des Volkes“ beschimpft, sondern ist Anchor seines Hofberichterstatters Fox News – weshab Trump wie ein Kleinkind im Sandkasten „er aber auch“ zurücknölte. Vielleicht ist das die beruhigendste Nachricht dieser grässlichen Nacht: Selbst in Trumps Umfeld existiert noch immer so etwas wie Expertise, Vernunft und Ethos.

Was das an der Präsidentschaftswahl ändern wird, bleibt zwar abzuwarten; die Gräben im Land jedenfalls scheinen zu tief für Kompromisse beiderseits der Fronten. Doch wie wichtig guter Journalismus fürs gesellschaftliche Miteinander ist, hat ein Profiteur der Diskursverrohung begriffen und lässt ihn sich sogar was kosten. Gut, drei Milliarden Dollar, die Google News Showcase über drei Jahre hinweg als Gegenleistung für Einkünfte aus journalistischem Content zahlen will, investiert der Mutterkonzern Alphabet vermutlich auch für kostenlose Softdrinks in Mountain View – aber es ist ein Anfang.

Die Frischwoche

12. – 18. Oktober

Ein Ende der Karriere von Millie Bobby Brown dagegen ist bislang völlig außer Sichtweite. Mit gerade mal 16 Jahren hat die Hauptdarstellerin von Stranger Things das nächste Netflix-Format eigenhändig produziert. In Enola Holmes spielt sie die Schwester des berühmtesten aller Detektive und macht das mit Helena Bonham Carter als feministische Mutter herausragend. Am Freitag startet der Marktführer dann Spuk in Bly Manor, setzt damit denselben in Hill House fort und macht die Woche endgültig zur Horrorshow.

Parallel setzt Sky in Swamp Thing die Tradition unheimlicher Sumpfmonster fort, bereits heute zeigt Amazon World Beyond, ein Spin-Off der Endlosserie Walking Dead. Horror ohne Geister liefert dagegen das ZDF um 22.15 Uhr in der südafrikanischen Serie Trackers um den verheerenden Blutdurst des Kapitalismus. Und wenn Magenta TV ab Donnerstag mit Ein guter Mensch die allererste Fiktion aus der Türkei in Deutschland zeigt, geht es beim Rachefeldzug eines pensionierten Gerichtsschreibers ebenfalls blutrünstig (und sehr, sehr ansehnlich) zur Sache.

Was sonst noch läuft: ab morgen (22.50 Uhr) im Ersten die komödiantische Talkshow Club 1, in der Gastgeber Hannes Ringlstetter seine Gäste erst zu Beginn der Sendung kennenlernt. Gut zwei Stunden früher startet bei One die EU-Komödie Parlament, in dem Christiane Paul mit den Mühen europäischer Bürokratie zu tun hat. Zwei Tage später zieht TNT in die lustige Patchwork-WG Close Enough ein, während die dänische Thriller-Serie Killing Mike dem Genre ab Freitag (23.30 Uhr, Neo) nichts Neues hinzufügt, aber schon auch spannend ist.

Dass die dritte Staffel Babylon Berlin ab Sonntag nun auch im Ersten läuft, klingt da schon ein wenig nach Wiederholungen der Woche. Was allerdings erst jene zwölf Klassiker der Weimarer Republik von Doktor Mabuse über M und Metropolis bis hin zu der Der Blaue Engel vollenden, die zeitgleich dazu in der ARD-Mediathek stehen. Bliebe also noch der Tatort, und weil er zeitlos toll ist, nehmen wir doch einfach Schimansiks Miriam von 1983, morgen um 22.15 Uhr im WDR.


Hello Forever, Nude Party, Aloe Blacc

Hello Forever

Es gibt ja bekanntlich komplizierte und, nun ja – weniger komplizierte Musik. Erstere wird Jazz genannt oder Mathrock, letztere firmiert unter Begriffen wie Easy Listening und etwas globaler betrachtet: Pop. Fragt sich also, ob es Hard Listening gibt, vielleicht sogar Mathpop und Jazzpop? Seit heute darf man mit Fug und Recht behaupten: Ja. Die kalifornische Band Hello Forever hat ihn erfunden. Wobei er besser mit Hard Listening Mathjazzpop beschrieben wäre.

In seine Einzelteile zerlegt, ist das Debütalbum Whatever It Is ein Mash-up von den Beach Boys über die Beatles bis We Are Scientists. Jede Sequenz für sich suppt geschmeidig ins Ohr wie eine Strandparty der Sixties. Weil das Kollektiv von Samuel Joseph die Soul-Samples und Rock-Schnipsel, Field-Recordings und Queen-Avancen per Stabmixer verrührt haben muss, döst man allerdings nicht in den Sonnenuntergang, sondern bleibt hellwach bis zum Schluss.

Hello Forever – Whatever It Is (Rough Trade)

Nude Party

Wo wir gerade beim etwas alternativeren Pop sind – der kann natürlich auch ganz leicht hörbar sein, wenn er zubereitet wird wie von Nude Party, die nicht umsonst ein bisschen so klingen wie The Strokes auf dem Grab von Velvet Underground. Mit einer sensationellen Mischung aus Rockabilly und Countryglam, Garagengeschrammel und etwas Punk, also dem echten, erinnern die sechs New Yorker an all das, was ihrer irren Stadt so entspringen kann.

Nicht nur, aber vor allem dank Patton Magees vorwitzigem Kneipengesang, reist man auf der zweiten Platte Midnight Manor durch die Bars der Umgebung, probiert in jeder davon einen anderen Schnaps, landet irgendwann wieder am Anfang und beginnt einfach von vorn. Zwölf Tracks wie zwölf Gelage mit Meat Loaf: voller Ausritte in einen Rock’n’Roll, der sogar “run, run, running wild” singen darf, ohne peinlich zu klingen.

Nude Party – Midnight Manor (New West Records)

Hype der Woche

Aloe Blacc

Eine der wichtigen Erkenntnisse im Musikzirkus lautet: Kreativität schützt vor Stumpfsinn nicht. Nehmen wir zum Beispiel Aloe Blacc, der den Soul Mitte des Jahrtausends Richtung Zukunft gepitcht hat. Dieser Tausendsassa der Transformation also singt auf seiner neuen Platte mit grandioser Schmusekratzstimme “My daddy told me how to fight / he said don’t beg down when you were right / my mama teached me how to love / she said always use your heart…” Weia. Wenn nach dieser Lektion in Geschlechterklischees auch noch die Nelly-Furtado-Erweckungshymne scheppert, könnte man All Love Everything (BMG) nach dem ersten Track getrost einstampfen. Muss aber nicht. Weil Aloe nunmal Blacc ist, schimmert unterm Stumpfsinn immer noch diese großartige Gefühl für Harmonie und Stil hindurch. Dennoch: irgendwie ein bisschen Eurodance für Connaisseure.


Tanja Wedhorn: Melodram & Rückgrat

Antwort gestrichen

Mit den Stars öffentlich-rechtlicher Leichtigkeit zu sprechen, ist immer heikel. Viele wünschen sich Anerkennung im Feuilleton, wollen aber ihr Stammpublikum nicht mit Realität überfrachten. Ein Paradebeispiel, wie Anspruch und Wirklichkeit kollidieren, liefert Tanja Wedhorn. Nachdem die talentierte Theaterschauspielerin 2004 als Bianca den Telenovela-Boom entfachte, bekam sie vor allem leichtere Rollen im Gefühlsfach. Bis die 48-Jährige endlich ihre Traumrolle als krebskranke Fritzie bekam, die ab morgen im ZDF gekonnt zwischen Gefühl und Wahrhaftigkeit wechselt. Es wäre ein Anlass gewesen, mit ein paar Klischees aufzuräumen. Im Gespräch war Wedhorn auch respektvoll und offen – bis sie das Transkript ihrer Aussagen las und fast nichts davon gesagt haben wollte. Nicht nur das: Sie verweigerte auch jeden Dialog darüber, ließ diverse Deadlines verstreichen und sorgte so dafür, dass drei Auftraggeber leer ausgingen, vom Interviewer ganz zu schweigen. Protokoll einer Rückgratlosigkeit.

Von Jan Freitag

Frau Wedhorn, wie lange haben Sie sich nach dieser Serie gesehnt?

Tanja Wedhorn: Lange. Und wie. Na klar.

Warum?

Wegen der Bandbreite der Figur, in deren Leben durch die Krebsdiagnose nichts mehr ist wie vorher. Egal ob sie zum Geburtstag ihres Sohnes einen Kuchen backt oder einkaufen geht – unter allem liegt die Diagnose und lässt den alltäglichsten Dingen eine neue Bedeutung zukommen. Ich hatte im Vorfeld durchaus Angst, dieser Diagnose Herausforderung nicht gerecht zu werden. Das hat mich fast in die Knie gezwungen.

Und wie sind Sie stehengeblieben?

Dank der Erzählung einer Bekannten, deren Schwester, Mutter und beste Freundin Brustkrebs hatten und damit jeweils sehr unterschiedlich umgegangen sind. Das zeigte mir: es gibt nicht den einen, womöglich gar richtigen Ansatz, dieses Schicksal darzustellen.

Haben Sie sich in Vorbereitung auf Fritzie die Frage gestellt, wie Sie selbst auf die Diagnose reagiert hätten?

Klar.

Und?

Im Gegensatz zu Fritzie würde ich zwar auch kämpfen wie eine Irre, aber erst mal zusammenbrechen. Und ich würde wohl sofort mit jemandem darüber reden, den oder die ich liebe.

Persönlich neigen Sie also nicht zum Verdrängen wie ihre Filmfigur?

In einem so lebensbedrohlichen Fall sicher nicht, nein. Bei harmlosen Dingen bin ich eine Vermeiderin: ich öffne Zuhause nur sehr ungern meine Post. Rechnungen und Bürokratiekram hasse ich. Erst wenn der Stapel bedrohlich hoch ist und ich einen guten Tag hab, gehe ich das dann an.

Florian interpretiert Fritzis Verdrängungskunst an einer Stelle falsch als Harmoniesucht. Sind sie selber eher harmonie- oder streitsüchtig?

Totale Harmoniesucht, ganz schrecklich. Nein, gar nicht schrecklich. Ich streite mich einfach nicht so gerne.

Kann man sich mit Ihnen trotzdem über die Qualität des Fernsehens streiten?

Jetzt? Das ist genau der Moment, in welchem ich lieber die Post öffne.

 

An dieser Stelle ging das Interview noch 20 Minuten weiter. Es lief gut, es lief fröhlich, es lief nicht nur harmonisch, aber so interessant, dass Tanja Wedhorn am Ende des Gesprächs sagte, wie nett sie es fand, auch mal härter gefragt zu werden. Ihre wahre Antwort auf die vorige Frage lautet also: 

Jetzt in diesem Moment würde ich zwar lieber die Post öffnen, aber Sie haben ja offenbar was auf dem Herzen, also schießen Sie los!

Klingt es aus Ihrer Sicht positiv oder negativ, wenn ich Sie als vielleicht beste Schauspielerin des vielleicht schlechtesten Fernsehens bezeichne?

ANTWORT GESTRICHEN

Nein, das nicht. Aber beim Rest, nun ja…

ANTWORT GESTRICHEN

Kalkulierendes, stereotypes Fernsehen, das niemandem wehtun will wie das Traumschiff, auf dem sie ja auch schon gefahren sind.

ANTWORT GESTRICHEN

Klingt da jetzt durch, dass Ihnen seit Bianca, vor der Sie erfolgreich am Theater gespielt haben, nicht so richtig gute Bücher geschickt werden?

ANTWORT GESTRICHEN

Da wartet man vielleicht für immer…

ANTWORT GESTRICHEN

Dafür sind Sie es ein bisschen bis heute!

ANTWORT GESTRICHEN

Sie haben also nichts zu bereuen?

ANTWORT GESTRICHEN

Meinen Sie denn, Fritzi könnte einen Meilenstein dorthin bilden?

ANTWORT GESTRICHEN

Mit dem Potenzial der Fortsetzung?

ANTWORT GESTRICHEN


Trumps Humor & Wedhorns Fritzi

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. September

Über Tote, heißt es, solle man nichts Schlechtes sagen. Auch das ZDF beherzigt diese Hybris bürgerlicher Pietät, kennt aber Wege, Verstorbenen dennoch eins mit auf den ins Jenseits zu geben. Anders als pietätlos ist es nämlich nicht zu bezeichnen, womit der Sender am Samstag des frisch verstorbenen Michael Gwisdek gedenkt: Einer Folge Traumschiff. Dem wollte die ARD nicht nachstehen und feiert den Toten – nein, nicht mit Andreas Dresens Nachtgestalten oder Jan Ole Gersters Oh Boy, für die er zu Lebzeiten preisgekrönt wurde, sondern der öligen Komödie Eins ist nicht von dir.

Fast scheint es, also wolle das Öffentlich-Rechtliche von toten Stars nur das Schlechte zeigen. Sendungen also, wie sie auch unter der Führung von Christine Strobl reihenweise bei der Degeto entstehen. Da sie die Süßstofffabrik trotzdem modernisierte, hat eine Breaking News vom Donnerstag durchaus Gewicht: Anfang 2021 beerbet Strobl den quotenbewussten Volker Herres als ARD-Programmdirektor und wird ihrerseits wohl vom noch viel quotenbewussteren NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber ersetzt.

Mit ihr an der Spitze, könnte die ARD an Bedeutung gewinnen, damit deutsche Preisträger bei den International Emmys nicht mehr von Streamingdiensten, sondern Fernsehsendern stammen. Die Ausbeute von Schitt’s Creek allerdings dürfte schon an der Sprachbarriere scheitern. Als erste Comedy überhaupt gewann die Serie in allen Genre-Kategorien und stellt sogar Game of Thrones in den Schatten – obwohl die Kleinstadt-Groteske der Großstadtkomiker Dan und Eugene Levy (hierzulande auf TV Now) vier Staffeln kaum bemerkt, geschweige denn nominiert wurde.

Am Beispiel TikTok zeigte sich derweil Trumps Humor: Erst drohte er seinem Sandkastenfeind China mit der Schaufel, warf aber nur ein paar Krümel und feierte sich sodann als Härtester im Hort. Schließlich übernimmt die Software-Fabrik des Trump-Fans Larry Ellison das US-Geschäft nur treuhänderisch und schafft zwar einige Jobs im Wahlstaat Texas, mag aber auch nicht dafür garantieren, dass Oracle keine Teenager ausspioniert, womit Ritter Donald seinen Kreuzzug gegen TikTok begründet hatte.

Die Frischwoche

28. September – 4. Oktober

Welche Wähler er damit gewinnen will, hätte man heute bei ProSieben gesehen. Quentin Tarantinos Django Unchained handelt schließlich von Amerikas Rassismus, auf dem die Macht des Präsidenten beruht. Aus gegebenem Anlass allerdings läuft stattdessen die Dokumentation Rechts. deutsch. radikal, in der sich Thilo Mischke zur besten Sendezeit unter Nazis mischt und dabei weit zur Mitte bürgerlicher Faschisten vordringt. Der AfD zum Beispiel, deren Fraktionssprecher im Bundestag Vergasungsfantasien äußerte und dafür sogar entlassen wurde.

Mit dieser Programmänderung zeigt sich ProSieben also abermals als vorletzte Stimme der Vernunft im Privatfernsehen, das meist nur noch auf Niveau des Comedy-Preises funkt, den Freitag erstmals Sat1 überträgt. 24 Stunden zuvor beweist das ZDF, das selbst der Krebs mit etwas Humor unterhaltsam sein kann. Wie Tanja Wedhorns Fritzi sechs Teile zwischen Therapie und Alltag, Trotz und Verzweiflung wechselt, ist bei aller Leichtigkeit verblüffend tiefgründig – und tausendmal bedeutsamer als der neue alte Passau-Krimi um eine Berliner Bullin im bayerischen Zeugenschutz, parallel dazu im Ersten.

Während aus der Welt des Streamings nur die 5. Staffel Billions, mittwochs auf Sky, ratsam ist, holt Tele 5 Samstag (23.10 Uhr) Handmaid’s Tale mit Elisabeth Moth als Gebärmaschine einer misogynen Retrozukunft aus dem Netz. Eine Gesellschaft, die sich allenfalls jene rassistischen Mörder herbeisehnen, denen Diane Kruger in Fatih Akins Aus dem Nichts heute um 22.30 Uhr Rache schwört. Abgesehen vom dänischen Achtteiler Kidnapping (Donnerstag, 21.45 Uhr, Arte) geht es aber vor allem um Deutsch-Deutsches zum 3. Oktober, das Info 45 Minuten zuvor mit einer Doku über Prostitution in der DDR feiert oder das ZDF mit dem Samstagsmelodram Zwischen uns die Mauer.

Pan Tau sieht Sonntag (10.10 Uhr) nur auf den ersten Blick nach einer Wiederholung der Woche aus. Tatsächlich passt das deutsche Remake die tschechische Legende der Gegenwart an. Richtig wiederholt wird dagegen Emmerichs Weltuntergangsschinken 2012 von 2009 (Sonntag, 20.15 Uhr, Neo), gefolgt von Paul Newman und Robert Redford als Butch Cassidy and Sundance Kid (23.20 Uhr, 3sat). Der Tatort, wieder Schimanski, wieder Dienstag (22.15 Uhr) im WDR: Kuscheltiere von 1982.


Yonder Boys, Aaron Taylor, Idles

Yonder Boys

Americana aus der Mark Brandenburg, das klingt ein bisschen wie TikTok made in Texas, also erstmal absurd, aber gut – wir haben komische Zeiten voll komischer Konstellationen, die früher mal unmöglich schienen, jetzt aber genauso realistisch sind wie ein Borderliner als US-Präsident oder wahlweise drei Männer aus Amerika, Chile, Australien, die sich im technoiden Berlin vereinigt haben, um nostalgischen Country-Punk zu machen.

Yonder Boys nennt sich das singende Gitarrenduo aus Jason Serious und David Stewart Ingleton, die der Tausendsassa Tomás Peralta um Kontrabass, Mandoline plus allerlei Schlagwerk ergänzt. Ihr Debütalbum klingt entsprechend nach Surf-Sound für die Prärie. Mit unbedingt lebensbehahender, sehr humorvoller Poesie reiten die Yonder Boys acht Stücke lang im Banjo-Stakkato durchs weite Land und zeigen damit, dass Herkunft nun wirklich nichts mit dem Leben von Menschen zu tun haben muss.

Yonder Boys – Acid Folk (Blue Whale Records)

Aaron Taylor

Während neu interpretierte Traditionals stets einem Konservatismus-Vorbehalt unterliegen, mäandert der Soul seit den Sechzigern so konsequent durch die Popmusik, dass niemand mehr zu sagen vermag, was daran neu ist und was alt. Ob Aaron Taylors Future-Funk also aus der Vergangenheit zu uns kommt oder der Zukunft – dem neuen Album des Londoners mit ghanaisch-karibischen Wurzeln ist das kaum  anzuhören.

Musikalisch zwischen André 3000 und Curtis Blow kratzt seine Schmuse-Gesang über retrospektive Motown-Harmonien, löst sie zwar gelegentlich im Säurebad schiefer Jazz-Sequenzen auf wie in Shooting Star feat. Benni Sings auf. Am Ende findet jeder der elf Tracks jedoch zurück in den hochsommerwarmen Mainstream dieses ubiquitärsten aller massentauglichen Sounds. Läuft gut rein, läuft gut raus, kriegt man irgendwie nie genug von.

Aaron Taylor – Icarus (Edenic Records)

Hype der Woche

Idles

Onomatopoesie ist die Versprachlichung bekannter Geräusche: Tiktak, Dingdong, Klippklapp, süß. Wobei die Wortbilder selbst dann oft arglos klingen, wenn sie wie Peng Schüsse vertonen. Die Onomatopoesie der Idles indes handelt nicht nur von Schießgewehren, sondern Krieg. Krieg auf den Straßen, Krieg in den Köpfen, Krieg überall. Wenn Joe Talbot “Clack clack clack a clang clang! That’s the sound of the gun going bang bang” oder “Tuka tuk tuk tuk tun tuka! That’s the sound of the drone button pusher” proklamiert und danach einfach bloß schreit, wissen wir also, dass sich nicht nur der Opener des dritten Albums im War befindet, sondern ganz Ultra Mono (Partisan Records). Seit ihrem Debüt Brutalism 2017 lässt kaum jemand die Wut über die Wut brachialer, aber auch bedächtiger, reflektierter, klüger raus als das Noise-Quintett aus Bristol. Permanent beschleunigt von Adam Devonshires Bass, geht’s bei aller Gewalt schließlich um Rassismus und Neoliberalismus, toxische Männlichkeit und Machtmissbrauch jeder Art. Großartig wie die Sleaford Mods mit Band. Bamm, Bamm, Bamm!

 


Fernseh-Feature: Dokus & Fiktionen

Im Firlefanz-Fernsehmeer

Wer das lineare Fernseh-Programm früherer Tage betrachtet, findet nicht nur mehr, sondern auch meistens sehr viel komplexere, leisere, anspruchsvollere Dokumentationen zur besseren Sendezeit. Ein Hilferuf gegen die Fiktionalisierung des Sachfilmgenres.

Von Jan Freitag

Wer Volker Herres von der ARD zuhört, könnte meinen, er sei gar keinem Staatsvertrag verpflichtet, sondern nur den Sehgewohnheiten des Publikums. Die könne man zwar „ein Stück weit prägen“, sagte der Programmdirektor mal zur Kritik am nächtlichen Asyl dokumentarischer Formate, „aber niemanden überlisten, geschweige denn nötigen“. Und weil Fernsehen „in hohem Maße daraus“ bestehe, was die Zuschauer davon erwarten, müsse sich auch seine Planung daran orientieren. Herres‘ Tipp an Sachfilmer, die solcherlei Liebedienerei monieren: „Schuster bleib bei deinen Leisten.“

Klingt forsch, klingt resolut, klingt auch ein wenig arrogant. Wonach es indes weniger klingt, ist realitätsfremd – zumindest, wenn man das Jahr 2020 zugrunde legt, in dem sein gereiftes, Spötter korrigieren: greises Kernpublikum Krimis, Krimis, Krimis und abseits des omnipräsenten Live-Sports noch Heimatfilme plus Volksmusik goutieren. Reist man jedoch zurück in jenes monopolistische Zeitalter, als ARD und ZDF das TV-Programm der Gegenwart kalibrierten, waren die Sehgewohnheiten noch andere als, sagen wir: an einem Freitag zur besten Sendezeit.

Im Ersten lief da kürzlich der ortsübliche Alpenkitsch vom Schnulzenhof Degeto, bevor nach den Tagesthemen ein uralter Tatort folgt. Das Zweite öffnet derweil Konserven von Fall für zwei und SOKO Leipzig, weshalb hinter heute-journal und True Crime à la Aufgeklärt erst um 23.15 Uhr Zeit fürs Kulturjournal Aspekte blieb. Und die Dritten? Verfüllten ihre Primetime wie immer mit Standort-PR von Expedition in die Heimat bis 50 Gründe, Südtirol zu lieben. Magazine, Reportagen, Dokus vor zehn? Fehlanzeige! Und übers parallele Angebot der Privatsender hüllen wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens. Ganz anders dagegen ein Freitag, vier Jahrzehnte zuvor.

Als Pro7, Youtube, Netflix allenfalls Illusionen marktradikaler Strategen im erstarrten TV-Betrieb waren, zeigte das Erste um 20.15 Uhr das Dokumentarspiel Manzanar über die Internierung amerikanischer GIs in Pearl Harbour, gefolgt von Plusminus und den Tagesthemen. Das ZDF sendete nach Der Alte ein geistreiches Porträt des Komikers Jerry Lewis, aber stolze 55 Minuten früher als heute Aspekte. Und die Dritten? Adelten ihre Primetime mit Sachfilmen über den NATO-General Gerd Schmückle und ein Schulprojekt in Nizza.

Gewiss, es war die Epoche dreier Kanäle. Den Feierabend diktierte die Hörzu und Rosamunde Pilcher wirkte noch fast so fern wie Stefan Raab, LED-Wände oder Game of Thrones. Trotzdem waren die Zuschauer vorm dualen System, das sie bald darauf lückenlos mit Rot- und Blaulicht versorgte, keineswegs anspruchsvoller, belesener, gar intelligenter als jene von heute, denen Programgestalter wie Volker Herres vorm Anbruch der Müdigkeit fast vollumfänglich leichte Kost meist mit, selten oder Mörder vorsetzt; sie besaßen nur – Obacht – andere Sehgewohnheiten. Fritz Wolf würde womöglich sagen: bessere.

Voriges Jahr hatte der Medienjournalist im Auftrag des Branchenverbandes AG Dok eine Studie zur Lage des Sachfilms am Bildschirm veröffentlicht und beim Deutschlandfunk grollend untermauert. Ganze sieben Prozent der untersuchten Formate, so Wolf, „behandeln gesellschaftspolitisch relevante Themen“, nur drei von 100 nähmen Bezug auf „Wissenschaft und Technik“. Falls sich der Kernbestand informationeller Grundversorgung doch mal ins öffentlich-rechtliche Abendprogramm verirrt, dann bei Nischenkanälen von 3sat bis Arte oder im engen Korsett normierter Reihen wie Menschen hautnah und 37°, wo die goldene Regel form follows function durch universelle Normenkotrolle ad absurdum geführt würde. Weil das Äußere also zusehends wichtiger werde als aller Inhalt, sei die künstlerische, schlimmer noch: die journalistische Freiheit der Kreativen massiv eingeschränkt. Mit Folgen auch fürs Publikum.

Anders als in Zeiten von Alexander Kluge, Edgar Reitz oder Harun Farocki, deren experimenteller Stil bis tief in die Achtzigerjahre hinein trotz sperriger Dramaturgie Topquoten erzielte, müssen sich ihre Nachkommen nicht nur ästhetisch am fiktionalen Film orientieren, um die Aufmerksamkeitsschwelle in Sichtweite zu behalten. Bei Terra X wähnt man sich daher im Actionthriller, während selbst die einst so betulichen Tierfilme meist scheppern wie von Hans Zimmer vertont. Ob Elefanten, Tiger & Co. oder ZDFzoom: Autoren, beklagt Fritz Wolf, seien „kaum mehr als Erfüllungsgehilfen eines Konzepts“, das eher aggressiv ergreifen soll als informativ berühren.

In dieser Art Firlefanz-Fernsehen gehen kompliziertere Dokus, stillere zumal, naturgemäß unter. Immerhin: es gibt sie noch. Das reflexive Medienstück „Wie Holocaust ins Fernsehen kam“ etwa erhielt Anfang des Jahres ebenso den begehrten Grimme-Preis wie die ausgezeichnete Seenotretter-Begleitung SeaWatch3. Bis zum (coronabedingt ohnehin gedimmten) Rampenlicht in Marl allerdings, mussten sich beide mit Erstausstrahlungen nahe Mitternacht begnügen – die Primetime von WDR und NDR war mit standardisiertem Infotainment belegt. Kein Platz also für Berichte mit Irritationspotenzial. Was übrigens selbst dann gilt, wenn Irritation das Grundgefühl einer ganzen Fernsehnation zu sein scheint.

Als Wladimir Putin für die Winterspiele mit tyrannischer Brutalität das subtropische Sotschi skisporttauglich gewalzt hatte, gab es durchaus kritische Abrechnungen mit der Vergewaltigung aller olympischen, demokratischen Werte. Doch während die akribische ARD-Studie „Putins Spiele“ fünf Tage vor der Eröffnungsfeier im Spätprogramm versteckt wurde, lief kurz danach inmitten der einschaltstarken Primetime die süßliche Tierschau „Wilder Kaukasus“. Fernsehen, sagte Volker Herres seinerzeit vorm Beginn der Selbstbeweihräucherung Top of the Docs in Berlin, wo sich die ARD jedes Jahr für monatlich gut 750 Sachfilmstunden aller ARD-Kanäle feiert, Fernsehen bestehe eben „einfach in hohem Maße aus Sehgewohnheiten“. Und der Montag sei halt Naturfilmzeit. Punkt.

Dass ihm die Gäste im prächtigen Meistersaal jeden Applaus verwehrten, während der Regisseur Arne Birkenstock für seine Forderung, „mal 90 Minuten Primetime pro Woche für unformatierte Dokus freizuräumen“, stehende Ovationen bekam, ficht den Hauptverantwortlichen dabei ebenso wenig an wie der gewaltige Bedarf nach seriöser Berichterstattung im Zuge von Covid-19. Über Wochen hinweg perforierten reichenweitenstarke Sondersendungen und Reportagen spielend jedes Programmschema. Dennoch dürfte dieser Bruch aller Sehgewohnheiten folgenlos bleiben. Während der kommerzielle Teil des dualen Systems Wirklichkeit ohnehin nur noch simuliert, sitzen dem bildungsbeauftragten schließlich die Streamingdienste im Nacken, deren Ästhetik global verwertbar sein muss.

Weltmarktführer Netflix zum Beispiel wird aus Sicht des Branchenkritikers Wolf „nur das verwenden, was sich monetarisieren lässt und kommerziell nutzbar ist“. Mit anderen Worten: formatierte Blockbuster-Ästhetik, aufgebaut wie Melodramen, geschnitten wie Thriller, orchestriert wie Musicals, gerne mit Tieren und Mördern oder wie im Fall der sensationell erfolgreichen Netflix-Doku Tiger King mit beiden. Die Fiktionalisierung der Sachlichkeit – wenn Sender wie ARD oder ZDF nicht bald mal gegensteuern, ist sie in Sichtweite der Zuschauer kaum noch aufzuhalten.


Reichelts Reich & Deutschlands 89

Die Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Eines muss man Mathias Döpfner lassen: Humor hat er ja, der mächtige Vorstandschef von Axel Springers merkwürdigem Erbe. Während sein Kettenhund Julian Reichelt journalistische Grundprinzipien wie gewohnt mit Sturmbannführerstiefeln tritt, um seine vulgärpopulistische Blut-und-Boden-Agenda von oben nach unten durchzusetzen, und Deutschlands Verschwörungsfront am Samstag gleich noch ein paar Brocken frisches Schlagzeilenfleisch (so leiden Kinder unter Corona-Maßnahmen) zuwarf, sagt sein Chef beim BDZV-Kongress ohne zu lachen, „wir Medien müssen Chronisten sein, Zeitzeugen der Realität, und nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes“.

Klingt schizophren. Aber vielleicht dürfen wir das ja als Zusage verstehen, die Bild einzustampfen und ihre Karikaturen gewissenhafter Journalist*inn*en alle für fünf Jahre zum Kehrdienst nach Moria abzukommandieren, nachdem sie vorher eine Woche lang 24 Stunden täglich das eindrückliche Video vom abgebrannten Flüchtlingslager auf Lesbos gesehen haben, mit dem Joko & Klaas am Mittwoch ihre 15 Minuten Sendezeit von ProSieben gefüllt haben: „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken“, fügte Döpfner schließlich hinzu, „dann braucht es uns nicht mehr.“ Stimmt – die Bild braucht niemand.

Noch viel weniger braucht allerdings irgendwer mit Restbeständen von Moral, Prinzipien, Ethos Fox News, die das rechtspopulistische Murdoch-Imperium als Streamingdienst für 7 Euro im Monat nach Deutschland exportieren will, damit sich Trump– und Putin-Fans hierzulande nicht mehr nur in grisseligen Youtube-Videos über die Welt da draußen informieren. Eine Welt, die in 5000 Stunden Endlosschleife weniger Wahrhaftigkeit besitzt als Maria Schraders Serie Unorthodox in jeder Sekunde, für die sie völlig zu Recht den International Emmy erhalten hat.

Die Frischwoche

21. – 27. September

Aus Zeit- und Termingründen müssen die Fernsehtipps dieser Woche angesichts dieser inszenatorischen Gewalt ausnahmsweise mal tabellarisch erfolgen:

Montag, 20.15 Uhr, ZDF: Totgeschwiegen, Franziska Schlotterers Drama um einen S-Bahn-Mord und wie die Eltern der Täter ihn vertuschen

Montag, UniversalTV: Pearson, ein Spin-Off der Anwaltsserie Suits

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD: Das Leben ist kein Kindergarten, Großstadtfamiliengroteske von und mit Oliver Wnuk

Mittwoch, Arte, 20.15 Uhr: Gundermann mit Alexander Scheer als Liedermacher im Stasi-Griff

Freitag, Netflix: Rohwedder, vierteilige True-Crime-Doku über den RAF-Mord am Chef der Deutschen Bank

Freitag, Amazon: Deutschland 89, furioses Finale der großen Spionage-Trilogie vor und nach dem Fall der Mauer

Freitag, 20.15 Uhr, Arte: Kranke Gesellschaft, Urs Eggers Drama über DDR-Patienten, die für Devisen als Versuchskaninchen missbraucht wurden

Wiederholungen der Woche

Dienstag, 22.15 Uhr, Servus: Wie ein wilder Stier, Robert De Niros 2. Oscar-Streich als cholerischer Slumboxer

Mittwoch, 22.45 Uhr, BR: Der blinde Fleck, Daniel Harrichs Reproduktion des Oktoberfestattentats von 1980

Tatort (Dienstag, 22.15 Uhr, WDR): Das Mädchen auf der Treppe, einer der legendärsten Schimanskis (1982)


Yellow Days, Midlife, Whoiswelanski

Yellow Days

Wer Funk und Soul nicht auf den Straßen Detroits der Siebziger aufgesogen hat, steht rasch im Verdacht, beides nur auszuschlachten, weil Funk und Soul nun mal noch immer die Dance-Musik beeinflussen wie kaum ein zweites Genre. Für Zeitzeugenschaft ist George van den Broek allerdings viel zu jung und dann auch noch aus Manchester, nicht Michigan. Die nostalgischen Sounds des britischen Stimmwunders könnten also gut als kulturelle Aneignung durchgehen – klängen sie sie nicht so hinreißend nostalgisch wie zuletzt nur bei Anderson .Paak.

Mit einer ganzen Gang Kollaborateure von Kanye West über Raphael Saadiq oder Weldon Irvine bis Shirley Jones und Mac DeMarco schafft es sein neues Album so zu klingen, als bade er mit den Fun Lovin’ Criminals in Barry Whites Jacuzzi. Alles daran ist strikt gestrig, aber nie verstaubt. Porn-Pop mischt sich da ölig schön mit Future-Funk. Selbst dort, wo Yellow Days mit Bishop Nehru Crooner-HipHop macht, atmet A Day in a Yellow Beat eine Art Motown-Duft des Hybrid-Zeitalters. Das Album der Woche für Gestrige von Morgen.

Yellow Days – A Day in a Yellow Beat (Columbia)

Midlife

Nur eine Handvoll Jahre nach den Ursprüngen von Yellow Days, wurzeln auch Midlife im Blumenbeet musikalischer Zitierfreude längst vergangener, aber nie vergehender Zeiten. Als würde das australische Quartett seinen Sound wahllos aus einem schlecht sortierten Filmarchiv der Siebziger angeln, vermischt auch ihr zweites Album kosmisch flatternde Syntesizer mit krautigem Postrock, bis nichts mehr zusammenzupassen scheint. Konjunktiv. Im Indikativ ist Automatik die Quintessenz des strukturierten Found Footage zum Tanzen.

In Vapour zum Beispiel treibt der Klang einer fiebrigen Querflöte Kevin McDowells Gesang über elegischen Blödsinn repitiver Zeilen wie Everybody wants and needs vor sich her, bevor Tomas Shanahan das analog housige Downstream im Anschluss mit funkigem Bass beträufelt, der hier wie dort im Captain-Future-Gedächtnis-Soundtrack durchs All zu hopsen beginnt. Automatisch ist hier gar nichts, es regiert organische Künstlichkeit, ein warm besseelter Space-Jazz der allerfeinsten Sorte, Liebe zum Chaos in kosmischem Ausmaß.

Midlife – Automatic (Heavenly Records)

Whoiswelanski

Und wo wir schon in der Kategorie Retro sind: wenn der Ekklektizismus unserer zitierfreudigen Tage das Wesen des Pop bestimmt, treibt ihn die oberbayerische Band mit dem halbenglischen Namen Whoiswelanski auf die Spitze. Ihr Debütalbum TALK spricht nämlich gar nicht, es sabbelt unablässig vor sich hin und sondert dabei Klang- und Wortzeugs ab, das aufs erste Hören unzusammenhängend wirkt, aufs dritte, vierte hingegen so schlüssig wie ein Nudelsalat mit allem drin, was die Küche grad noch so hergibt für die WG-Party.

Im Grunde pampig, schmeckt der ja auch dann am besten, wenn man sich gegen Mitternacht in Stimmung gesoffen hat. Die elf elektronischen Tracks, von denen fünf nach den Anfangsbuchstaben des Plattentitels, also im Grunde gar nicht benannt sind, klingen mit beliebiger Alltagsprosa unterlegt wie ein geselliger Rausch, von dem die beidenn Schulfreunde Josef Pötzinger und Tobias Weber vermutlich alle seit der 8. Klasse gemeinsam erlebt haben. Kein Werk für die Ewigkeit, aber eines, das den Moment mit wattiertem Gagapop feiert.

Whoiswelanski – TALK (Popup Records)