Hannah Hollinger: Männer & Kriege

Ich arbeite gern in Köpfen anderer

Seit Ihrem Seriendebüt Aus heiterem Himmel vor bald 25 Jahren beweist die Drehbuchautorin Hannah Hollinger (60) erstaunliches Gespür für die männliche Befindlichkeiten. Im ARD-Mittwochsfilm Fremder Feind treibt sie diesen Zugang – auch dank Ulrich Matthes’ brillanter Darstellung eines Vaters, den der Soldatentod des Sohnes in die Einsamkeit einer Berghütte treibt – zu einer grandiosen Studie über Männergewalt gegen sich und andere. Ein Gespräch über  Geschlechterthemen, Romanadaptionen, Trauerarbeit und ihr selbstbestimmtes Leben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hollinger, warum zeigt die ARD Ihren Film heute Abend eigentlich nicht unterm Roman-Titel Krieg, sondern als Fremder Feind?

Hannah Hollinger: Tja. In Venedig lief er noch unterm Originaltitel. Der Regisseur und ich fanden ihn ebenso wie die Redaktion auch eigentlich ganz passend. Trotzdem verstehe ich die ARD, dass sie damit fremdelt. Für einen Mittwochabend ist das ja sehr martialisch, also nicht sonderlich breitenwirksam. Der mildere Titel tut aber auch niemandem weh, wie es manchmal im Fernsehen der Fall ist. Man will halt auch Frauen oder zartere Seelen ansprechen.

Zumal es in dem Film ja nicht nur um Krieg geht.

Genau. Es geht auch um Trauer, Gewalt, Männlichkeit vor allem. Was die Rolle der Frau darin etwas ungleich verteilt. Sie übernimmt den Part der Selbstkasteiung, also nicht des handelnden Subjekts wie die Männer, sondern des trauerndem Objekts.

Fällt es einer Autorin leichter, sich in die Rolle der Frau als derartiges Objekt hineinzudenken als in die Subjekthaftigkeit des Mannes – auch wenn sie in diesem Fall Täter und Opfer zugleich ist?

Bei einem Roman, der zudem von einem Mann geschrieben wurde, fällt das natürlich leichter, als wenn ich mir die Figuren ausgedacht hätte. Trotzdem fließt auch bei Adaptionen stets meine eigene Sicht mit ein. Und da fiel es mir überhaupt nicht schwer, mich ins Eingemachte einer männlichen Hauptfigur zu versetzen. Erstens, weil ich mich seit jeher viel mit Psychologie beschäftige. Zweitens steckt vieles Männliche ja auch im Weiblichen, wir leben es nur anders aus, oft weniger verdichtet. Ich kann mich daher ganz gut in Männer hineinversetzen.

Damit hat ja gewissermaßen Ihre Laufbahn begonnen, als Sie sich Mitte der Neunziger für die ARD-Serie Aus heiterem Himmel eine Patchwork-Männer-WG ausgedacht haben.

Das war zwar nicht meine Idee allein, aber stimmt schon – die Auseinandersetzung von Männern mit Themen wie Familie, Emotionen, Alltag interessiert mich seit jeher. Vor 20 Jahren war das allerdings noch viel seltener als heute und daher eine weit größere Herausforderung.

Die Regisseurin Brigitte Maria Bertele, mit der Sie bereits drei Filme gedreht haben, findet es sogar leichter, männliche Figuren zu inszenieren, weil sie nicht dauernd von sich auf andere schließen müsse wie bei weiblichen. Kennen Sie das auch?

Nein, denn anders als Brigitte integriere ich die männlichen Teile des Rollenverhaltens womöglich etwas mehr in meinen Alltag. Ich lebe alleine, habe früh meinen Vater verloren, dadurch fast zeitlebens für mich selber gesorgt und oft beide Rollenmuster mit gelebt. Weil ich dennoch versuche, möglichst selten in Kategorien wie „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ zu denken, trifft die Rollenverteilung in Krieg einen wunden Punkt bei mir: Die Frau richtet ihre Trauer über den Verlust des Kindes – typisch weiblich – gegen sich selbst und der Mann – typisch männlich – gegen andere. Nicht jedes Bild ist falsch, nur weil es ein Klischee ist, aber auch hier interessiert mich die psychologische Tiefe der Beteiligten weit mehr als die Frage, wie geschlechterspezifisch das Handeln ist.

Woher rührt denn Ihr Interesse an der Psychologie – sind Sie da erblich vorbelastet?

Nicht über die Berufe meiner Eltern, aber die Art meiner Sozialisation, in der sehr früh sehr viel von mir erwartet wurde. Und mitten in der Pubertät seinen Vater zu verlieren, sorgt für eine Art der Verarbeitung, von der aus der Weg zur Psychologie nicht weit ist. Ich habe dann immerhin Sozialpädagogik studiert, wo die Psychologie eine große Rolle spielt. Vielleicht macht es mir deshalb auch so großen Spaß, Romane zu adaptieren. Ich arbeite einfach gern in den Köpfen anderer, gehe mit deren Gedanken um, suche die Essenz dessen, was sie wollen.

Sie schreiben also selten Originaldrehbücher?

Nein, das hält sich ungefähr die Waage. Ich mag  beides.

Kommt man eher mit Ideen auf Sie zu oder bieten Sie eigene Idee an?

Auch das ist ausgewogen, wobei es mittlerweile häufiger vorkommt, dass Ideen an mich herangetragen werden – Krieg zum Beispiel. Umgekehrt wäre es so, dass die Auftragslage definitiv eine  bessere ist, wenn ich einen Roman adaptiere, weil sich die Produzenten unter einem Roman natürlich gleich mehr vorstellen können als unter einem fünfseitigen Exposé.

Brigitte Maria Bertele, ihr als Frau würden nach wie vor häufiger Liebes- und Familiengeschichten angeboten. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Das ändert sich schon. Wobei es bei mir schon sehr früh anders war. Auch dank meiner Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Matti Geschonnek. Man bietet mir in der Regel schwierige Themen an, in denen die Umsetzung nicht sofort auf der Hand liegt.

Das darf man als Kompliment betrachten oder?

Absolut.

Was ist da gerade in Planung?

Zunächst mal die Weiterführung des Schlöndorff-Films nach Friedrich Ani, wieder mit Thomas Thieme. Das muss der Sender aber erst entscheiden. Und was mich sehr interessiert: Die Verfilmung eines Sachbuchs vom Süddeutsche-Redakteur Ronen Steinke Der Muslim und die Jüdin. Das wäre mein nächstes Projekt.

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Freilassungen & Fremder Feind

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Februar

Er! Ist! Frei! 367 Tage nach seiner Inhaftierung wurde Deniz Yücel am Freitag entlassen und erhielt die ausstehende Anklageschrift. Sie! Sind! Es! Nicht! Mehr als 100 seiner Kollegen sitzen weiter willkürlich im Gefängnis, darunter zwei, die parallel zu Yücels plötzlicher Erlösung zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Das Regime behandelt die Medien konsequent mit wenig Rechtsstaatlichkeit, aber viel Diktatur. Auf welcher Seite die AfD da steht, ließ deren Sprecher Jörg Meuthen den Feind (Tagesschau) am Abend drauf wissen. Er hoffe, Yücel sei „in der Haft zur Besinnung gekommen“. Der nervigen Pressefreiheit abzuschwören nämlich, schwang in der kruden Aussage mit, und sich endlich zu Führer, Volk und Vaterland zu bekennen.

Im Angesicht dessen, steht alles, wirklich alles, was vorige Woche medial von Bedeutung war, voll und ganz im Schatten der national-populistischen Welle, die gerade über Europa hinweg rollt. Dass die Neuauflage von Bastian Pastewka als Bastian Pastewka bei Amazon Prime zum Beispiel mehr Schleichwerbung enthält als zehn Staffeln Heidi Klum als Heidi Klum – egal. Dass sich für Anne Wills Talkshow am Abend vorm Rosenmontag keine Gäste fanden, weil nun mal Rosenmontag war– völlig wumpe. Dass Claudia Neumann am Mittwoch als erste Frau ein ZDF-Spiel der Champions League kommentiert und dafür männlicherseits den üblichen Shitstorm geerntet hat – ach komm…

Selbst, dass Olympia-Reporter dauernd investigative Fragen à la „wie glücklich sind Sie nach der sensationellen Goldmedaille?“ stellen oder wie ARD-Ethnologe Wilfried Hark ein Biathlon-Rennen „rassig“ nennen, obwohl weder „Kaffer“ noch „Neger“ oder „Schlitzaugen“ mitmachen – im Vergleich zur anhaltenden Gefahr für die Demokratie auch fast einerlei. Trotzdem muss es ja weitergehen, darf es auch. Sogar mit Belanglosigkeiten im linearen Fernsehprogramm. Die haben ja durchaus ihre Berechtigung. Irgendwie. Manchmal.

Die Frischwoche

19. – 25. Februar

Obwohl – wenn die ARD am Donnerstag zur besten Sendezeit den künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig irrelevanten ESC-Vorentscheid überträgt und das ZDF zugleich mit großem Trara die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig belanglose Verleihung der Goldenen Kamera, während die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig bedeutsamere Verleihung der Goldenen Bären zwei Tage später (19 Uhr) zu 3sat abgeschoben wird – dann sind da doch ganz schön viele Koordinaten bedenklich verschoben.

Um das zu verstehen, hilft es ungemein, sich Dominik Grafs klugen Essay Verfluchte Liebe deutscher Film anzusehen, der allerdings leider nicht bei ARZDF läuft, sondern heute um 23.20 Uhr beim WDR. Deutschlands wichtigster Regisseur beleuchtet darin eindrücklich, wie der süffige Nachkriegsheimatfilm erst zum sperrigen Autorenfilm radikalisiert wurde, um dank mehrerer Konterrevolutionen im Traumschiff abzusaufen. Hoffentlich wird Dominik Graf so alt, um in zwei, drei Jahrzehnten auf unsere Gegenwart zurückzublicken.

Ein Zeitalter, dessen Zeitgeist einzig jene Streaming-Dienste prägen, die es vor zwei, drei Jahren noch gar nicht gab. In der ARD gibt‘s dagegen zwar honorige Naturdokus wie Der blaue Planet (montags, 20.15 Uhr) oder den gewohnt sehenswerten Mittwochsfilm Fremder Feind – ein wirklich sehenswertes Freiluftkammerspiel mit Ulrich Matthes als Vater, der den Tod seines Sohnes beim Afghanistan-Einsatz beim Feldzug gegen einen Unsichtbaren kompensiert, der sein selbsterwähltes Asyl auf einer Bergalm terrorisiert.

Doch selbst dieses Schmuckstück des Primetime-Fernsehens (Regie: Rick Ostermann, Buch: Hannah Hollinger) täuscht nicht darüber hinweg, dass die entscheidenden Formate der Woche bei Netflix laufen. Seven Seconds zum Beispiel spielt die regelmäßigen Aufstände, mit denen sich Afroamerikaner gegen die rassistische Mehrheitsgesellschaft der USA erheben, ab Freitag in einer spektakulären US-Serie durch. Zugleich startet Mute, der eigenproduzierte Spielfilm des Kinovisionärs Duncan Jones (Moon). Im Berlin des Jahrs 2052 gerät der stumme Barkeeper Leo (Alexander Skarsgård) bei der Suche nach seiner verschwundenen Freundin in die abgründige Unterwelt einer dystopischen Großstadt.

Und im alten Fernsehen? Zeigt ZDFinfo am Mittwoch den interessanten Dokumentarvierteiler Von der Keule zur Rakete. Geschichte der Gewalt, während die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele Sonntagmittag (ZDF/Eurosport) wieder Platz schafft für fiktionales Programm – wie die Wiederholungen der Woche. Heute um 23.55 Uhr schwarzweiß auf Arte und eigens für die Berlinale restauriert: Das alte Gesetz, ein Ufa-Klassiker von 1923 über den Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. 90 Minuten früher im ZDF zu sehen, aber 90 Jahre jünger und äußerst futuristisch – das ästhetische Weltraumdrama Gravity mit wenig Wort und viel Wirkung, Sandra Bullock und George Clooney. Im Tatort Verbrannt verabschieden sich Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller, nachdem sie 2015 (Dienstag, 22 Uhr, NDR) den wahren Fall eines verbrannten Asylbewerbers in Dessauer Polizeigewahrsam – der neuen Erkenntnissen zufolge tatsächlich ermordet worden sein könnte – fiktionalisiert haben.


Gordon Raphael, Superchunk, Pete Astor

Gordon Raphael

Nein, wir wollen uns nicht täuschen lassen von äußerem Schein und bunten Flitterkram, wir wollen vorm Vorurteil ins Innere schauen und allem Anschein wenig Beachtung schenken. Wir wollen also, gelobt sei der Tiefgang, Gordon Raphael trotz des geschmacksverirrten Plattencovers eine Chance geben. Sie lohnt sich. Als Produzent von den Strokes oder Regina Spektor bislang eher Backstage bekannt geworden, begrüßt uns seines Debüt als Solo-Musiker mit einer altrosa wabernden Krautrock-Hülle, die auch klanglich zugekiffte Gitarrenteppiche mit synthiebegleitetem Selbsterweckungsgefasel befürchten lässt. Gut, all dies gibt es auf Sleep On The Radio durchaus. Aber eben noch so viel mehr.

Der Wahlberliner aus Seattle schafft es nämlich, Stoner so funkensprühend mit LoFi-Pop zu verweben, dass daraus eine der charmantesten Platten des – zugegeben noch jungen – Jahres wird. Sein Meisterwerk Is This It klingt darin ebenso durch wie ein viriler Mix aus Iggy Pop, Joe Jackson, Frank Zappa und Velvet Underground, die allerdings allesamt so lange durch den Wolf moderner Studiotechnik gedreht werden, dass es glockenklar schön wirkt. Wenn man sich Gordon Raphael jetzt noch auf Tour mit seiner Live-Band Half Full Flashes vorstellt, die aus Kollegen von Die Nerven bis Sea & Air besteht, möchte man sofort reinhüpfen in diese Scheußlichkeit von Cover und auch was von dem Zeug haben, das darin verabreicht wird.

Gordon Raphael – Sleep On The Radio (Zero Hours Records)

Superchunk

Ein bisschen nach gestern und doch modern zu klingen, mag für neue Bands bisweilen heikel sein. Für Superchunk ist es das denkbar größte Lob. Schon als ein George Bush ohne W. dazwischen US-Präsident war, drosch sich das Quartett aus North Carolina den Frust über den Rechtsruck ihres Heimatlandes aus den Saiten. Drei Jahrzehnte später nun ist dieser Rechtsruck zum vulgärnationalistischen Irrsinn angeschwollen, und die vier Freunde haben mehr Grund denn je, optimistisch dagegen anzurocken. “Es wäre einfach seltsam gewesen, wenn eine Band wie unsere das ignoriert hätte”, sagt Mitgründer Mac McCaughan und erklärt das Erscheinen von What A Time To Be Alive. War er nicht erklärt: Wie man so schlecht gelaunt so fröhlich wirken kann.

Ähnlich dem knappen Dutzend Platten zuvor, strahlt auch diese hier nämlich einen gut gelaunten Trotz aus, der mit den geschredderten Fuzz-Gitarren oder McCaughans lustig hochgepitchtem Geschrei allein nicht erklärbar wäre. Superchunk haben sich einfach die unbeschwerte Leichtigkeit der College-Garage bewahrt, ohne dabei je den Ernst des Großen Ganzen davor zu vergessen. Und das Schönste: Endlich gibt es hier Punk, dem man kein verschämtes Post voranstellt, kein Wave, das aufs No folgt. Alles ist ohne Punkt und Komma einszweidreiviergo, dabei jedoch filligran genug, um sich abermals vom genregemäßen Dilettantismus zu lösen.

Superchung – What a Time to Be Alive (Merge)

Pete Astor

So richtig lange dabei, wenngleich in einem völlig anderen Genre, ist auch Pete Astor. Angefangen im Indiepop vor mehr als 30 Jahren, blieb der Frontmann von Indiepop-Bands wie The Weather Prophets oder The Loft auch solo dem Indiepop treu und macht bis heute, genau: Indiepop. Ein schwieriges Metier, stets am brüchigen Rand von Kitsch und Mainstream. Nur zu weit vorbeugen darf man sich da eben nicht. Peter Astor wagte sich manchmal gefährlich nah an die Kante. Aber eben nie zu nah, heute – mit bald 60 – weniger denn je.

Schon vor zwei Jahren schaffte es sein achtes Album Split Milk, Leichtigkeit so mit Tiefgang zu verlinken, dass man ihn kaum wahrnimmt, aber untergründig spürt. Und der Nachfolger One For The Ghost führt das nun fort. Die zehn Stücke klingen, als säße Lou Reed mit den Beach Boys im Countryclub. Dank Pete Astors alterungsresistenter, fast hippieesker Stimme erinnert das manchmal an Emorockjungs der Neunziger wie Better Than Ezra oder Deep Blue Something. James Hoare (Gitarre), Franic Rozycki (Bass) und Jonny Helm (Drums) holen den Sound aber zurück in die Gegenwart des Urban-Folk. Klingt heiter, fühlt sich gut an, hört man so weg. Schönes Album.

Pete Astor – One For The Ghost (tapete records)

 

 


Daniel Donskoy: Judentum & Fernsehpfarrer

Ich lache viel und laut

Die RTL-Serie Sankt Maik ist bestenfalls netter Durchschnitt. Weil Daniel Donskoy darin jedoch die Titelfigur – einen (tihi) falschen Pfarrer – spielt, muss man sie dennoch beachten. Der hyperkosmopolitische Schauspieler mit mindestens fünf Heimaten ist so ziemlich das erfrischendste, was das Mainstreamfernsehen derzeit zu bieten hat. Ein Gespräch über jüdische Wurzeln, internationale Produktionen und wie er mal an einem Tag als US-Offizier, SS-Scherge, schwuler Pianist gecastet wurde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Donskoy, Sie sind geboren in Moskau, aufgewachsen in Berlin, weiter gewachsen in Tel Aviv, zum Studium zurückgekehrt nach Berlin und von dort nach New York gezogen. Hab ich was vergessen?

Daniel Donskoy: London fehlt noch.

Sind Sie angesichts Ihrer vielen Stationen irgendwo heimisch?

Geografisch nicht. Ich bin schon da zuhause, wo es Menschen gibt, mit denen ich mich wohlfühle. Tel Aviv ist mir wichtig, weil meine Mama da lebt, bei meinem Vater in der Schweiz gibt‘s auch ein Zuhause. Weihnachten feiere ich seit zehn Jahren mit Freunden in Wien.

Fehlt da nicht manchmal ein Ankerplatz?

Nee. Schon deshalb nicht, weil ich selbst Köln zuletzt als einen betrachten konnte, weil ich da Sankt Maik gedreht hab. Was mich verankert ist letztlich meine russische Erziehung zweier Eltern, die mir die Chance gegeben haben, frei zu leben, mich frei zu bewegen. Dank ihnen ist mir klar, dass sich weiße Männer wie ich immer wieder mal vor Augen halten müssen, wie privilegiert sie eigentlich sind.

Dieses Privileg hat Sie jetztwieder zurück in den deutschen Sprachraum geführt. Fühlen Sie sich da womöglich schon sprachlich sicherer als im Ausland?

Zurzeit passt es, weil vieles zurzeit funktioniert. Grundsätzlich möchte ich gern überall auf der Welt arbeiten, auch wenn das viel Zeit erfordert. London, wo ich sehr international besetzt wurde, war auch toll. Aber das hier läuft grad noch toller. Ich darf eine Menge sehr verschiedener Dinge drehen. Den Mörder bei der SOKO Köln, einen Soldaten bei der SOKO Leipzig, einen Studenten bei Heldt, einen Womanizer im Tatort, dazu den Pfarrer Sankt Maik.

Wie es scheint, ist das Ihre erste wirklich komische Rolle.

Meine zweite. Aber der Humor in der englischen Serie Detectorists ist so britisch, dass er in Deutschland kaum bemerkt, geschweige denn verstanden wird. Deutsche Comedy ist da einfach offensichtlicher. Wobei wir bei Sankt Maik das große Glück hatten, dass es eine Dramedy ist; da mussten wir nicht ständig kalauernd auf den Putz hauen; der Witz entsteht eher aus Figuren als Worten

Sind Figuren wie Ihr Kleinkrimineller, der sich als Pfarrer ausgibt, realistisch?

Zunächst mal ist sie fiktional. Natürlich wäre so eine Figur in unserer Welt irreal, aber in der, die die Ufa da kreiert, ist sie stimmig und damit wahrhaftig. Außerdem machen wir hier kein Dokumentarfilmformat, sondern Unterhaltung für die ganze Familie. Ich finde, das ist etwas sehr Schönes, auch meine Rolle darin.

Entspricht dieser extrem exaltierte Gauner von der Art ins Leben zu springen auch Ihnen als Schauspieler?

Nein. Denn ich kann sein, wie ich bin.

Sehr fröhlich und offenherzig so scheint es.

Stimmt schon: mit weniger Selbstbewusstsein wär die Rolle nichts für mich. Ich lache auch viel und laut, schon weil die Welt zu traurig für noch mehr Trübsinn ist. Ich sehe die Dinge gern positiv, sonst wäre ich längst klinisch depressiv. Maik ist da ähnlich, aber er muss damit anders als ich ständig etwas überspielen, um andere zu täuschen. Deshalb ist es mir wichtig, klarzustellen: ich bin nicht Schauspieler geworden, um im Mittelpunkt zu stehen. Dass RTL einen Newcomer wie mich dennoch dorthin stellt, finde ich dennoch enorm mutig. Oh Mann, ich liebe diesen Beruf.

Warum genau?

Ach, als Biologie-Student hätte ich doch sonst nie die Gelegenheit gekriegt, so tief ins Leben eines katholischen Pfarrers einzutauchen. Oder den Zar von Russland zu spielen. Oder in was ich sonst so hineinschlüpfen darf. Schauspiel kommt da der Psychologie sehr nahe, weil man Charaktere wirklich verstehen lernt.

War dieses Bedürfnis, in Rollen einzutauchen, bei Ihnen familiär vorgeprägt?

Nee, aber es waren sehr aufgeschlossene Menschen. Mein Vater kommt aus dem IT-Bereich, meine Mama aus dem innenarchitektonischen. Sie hat mich mit 20 bekommen und kurz darauf getraut, der Sowjetunion den Rücken zu kehren, um woanders etwas Neues, Besseres zu finden. Diese empathische Weltoffenheit hat mich mehr geprägt als ihr Beruf. Außerdem ging bei uns zuhause viel um Bildung, kultiviert zu sein gehörte ebenso dazu wie ein Musikinstrument zu spielen. Mein Opa ist Geigenvirtuose, meine Oma Pianistin, die geben noch immer gern ein Duett, sobald Gäste kommen.

Also doch eine künstlerische Prägung.

Schon. Aber entscheidend ist: keinem in unserer Familie war je daran gelegen, sein Gesicht auf einem Plakat zu sehen. Es ging immer um den künstlerischen Ausdruck. Obwohl meine Mama fast ganz groß rausgekommen ist. Als sie mich mal am Set besucht hat, durfte sie als Komparsin durchs Bild laufen. Das fand sie nach kurzer Gegenwehr sogar lustig. Plötzlich fehlte jedoch eine Kleindarstellerin, weshalb die Regie fragte, ob Mama das machen kann. Sie durfte dann eine Pornoproduzentin spielen, die Viagras durch den Raum trägt. Das war’s aber auch mit dem Rampenlicht.

Bildet die Familie Ihrer Mutter den jüdischen Teil Ihrer Biografie?

Beide Familien. Vielleicht bin ich vom Glauben her deshalb so traditionell veranlagt.

Inwiefern traditionell?

Ich glaube zwar nicht an das, was im Alten Testament steht, gehe aber mindestens einmal im Jahr in die Synagoge. Am Judentum wie an jeder anderen Schriftreligion finde ich allerdings schwierig, dass ihre heiligen Bücher viel zu konkret gelesen werden, anstatt sie zu abstrahieren. Im Judentum zum Beispiel gibt es geschichtlich betrachtet keine säkulare Alternative zur Bibel, um sich seiner historischen Identität zu versichern. Ich betrachte sie dagegen eher als metaphorischen Leitfaden fürs Leben. Aber egal, ob ich in Tel Aviv, Neukölln oder London gelebt habe: Überall kamen so viele Ethnien zueinander, dass Herkunft und Kultur kaum noch eine Rolle gespielt haben. Das war überaus befreiend und hat meine jüdische Herkunft wieder ein bisschen relativiert.

Hat Ihnen Ihr Elternhaus dennoch was vom legendären jüdischen Humor mitgegeben?

Ja klar. Und die herrliche jüdische Streitkultur. Auf der Schauspielschule wurde ich mal gefragt: Hey Daniel, what do you think ist the essence of jewish humour?

Und was war die Antwort zur Essenz des jüdischen Humors?

(lacht) Frag einen Juden!

Werden Sie oft als solcher besetzt?

Kürzlich, ja. Als israelischer Soldat bei der SOKO Leipzig. Das war echt faszinierend und trotz einiger Fehlinterpretationen super recherchiert. Zumal es da mal nicht wie so oft um den Holocaust ging, sondern den Alltag – auch wenn darin Neonazis vorkommen. Ansonsten versuchen mich die Produzenten überhaupt nicht in die israelische Ecke zu besetzen, eher schon in die katholische (lacht). Die Vielschichtigkeit meiner Rollen könnte zu solch einem frühen Zeitpunkt meiner Laufbahn kaum größer sein. Ich wurde kürzlich morgens für eine Netflix-Serie als amerikanischer Sicherheitsoffizier gecastet, danach als SS-Offizier im besetzten Frankreich, zuletzt als schwuler Pianist. Drei derart verschiedene Figuren, alle an einem Tag.

Kommt man da nicht durcheinander?

Nicht, wenn du genau weißt, wer du bist und was du willst. Um immer wieder zu mir zurückzufinden, mache ich zum Ausgleich viel Sport und Yoga. Das ist grad für Schauspieler enorm wichtig.


Joko, Groko, SOKO & O.KO

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Februar

Die Top-News der vorigen Woche enden definitiv auf „oko“. Erst erlangte uns die irre Nachricht, dass Pro7 seinem ansehnlichen, aber einsilbigen Aushängeschild Joko (Winterscheidt) ab März mehr zutraut, als laut über die Witze von Klaas (Heufer-Umlauf) zu lachen, und ihm eine eigene Late-Nite-Show gibt. Dann nahmen die Koalitionsverhandlungen nach gefühlt 2000 Jahren ein vorläufiges Ende mit der Vorlage eines Groko-Vertrags, dessen Zustandekommen uns aber wohl auch die nächsten 2000 Jahre begleiten wird. Zwischendurch verkündete das ZDF dann noch, dass die unendliche SOKO-Reihe demnächst um den Standort Hamburg erweitert wird. Und zuletzt drohte Oli Welke fast der KO, weil er in der heute-show über jemanden gelästert hat, der stottert.

Gut, dieser angedeutete O.KO wurde nur deshalb zur Meldung, weil der, wie Welke flugs erklärte: versehentlich Verulkte mit Sprachfehler ein Mitglied der AfD war. Und die forderte im üblichen Stürmer-Jargon die unverzügliche „Entfernung“ des Moderators vom ZDF, was gewiss nur deshalb nicht „Ausmerzung“ oder „Vernichtung“ hieß, weil der zuständige AfD-Referent auf der Tatstatur ausgerutscht sein muss. Tatsache ist: Wenn es um sie selbst geht, haben Rechtspopulisten durchaus mal Probleme mit Menschenverachtung. KrOKOdilstränen der größten Fressfeinde von Anstand und Respekt – auch mal schön zu hören.

Ebenfalls mit „o“, aber ohne „ko“ war ein Sandkorn Nichtberichterstattung, das zum Gebirge eines Marketingscoops aufgeblasen wurde: In der Pause des Superbowl-Finales am vorvorigen Wochenende verkündete Netflix, das die mehrfach verschobene Fortsetzung der Cloverfield-Reihe mit dem Zusatz Paradox nun doch nicht auf Leinwand laufe, sondern ab sofort beim Streamingdienst. Das war in der Tat ganz schön überraschend. Medial betrachtet. Darüber hinaus jedoch ist Teil 3 der Science-Fiction-Horror-Dystopie über außerirdische Invasoren, die Daniel Brühl in der Hauptrolle vom Weltall aus beobachtet, nach einhelliger Meinung aller Beobachtenden zwar optisch sehr ansehnlich, inhaltlich dagegen alter Wein in neuen Schläuchen, ergo: komplett irrelevant – wie Das Ding des Jahres – die neue Show von Stefan Raab, in der angeblich tolle Erfindungen zur Abstimmung einer fröhlichen Jury aus einem Ex-Topmodel, Joko ohne Klaas und dem Werbepartner Rewe standen. Schnarch.

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Februar

Es passt so gesehen aber ganz gut ins Ganze des Fernsehens, das voll im Schatten der Olympischen Spiele steht, weshalb viele Sender in Konkurrenz zum wintersportlichen Dauerbeschuss auf Wiederholungen setzen. Arte dagegen macht das einzig Richtige und kontert die verlogene Goldjagd am Dienstag um 20.15 Uhr mit einer sehr sehenswerten Doku über Die Dopingspirale und haut im Anschluss auch noch ein wenig auf die Korruption der FIFA ein. Und ARZDF? Na ja, da hoffen wir mal, dass in der zweiten Wettkampfwoche zur sichtbaren Zeit kritisch übers teure Lizenzprodukt berichtet wird. Die ARD muss sich dank ihres Enthüllungsreporters Hajo Seppelt da ohnehin nichts vorwerfen. Und dass sie Mittwoch eine kreative Eigenproduktion gegen die Champions League im Zweiten ansetzt, spricht auch fürs Erste.

Kai Wessels düstere Vision Aufbruch ins Ungewisse beleuchtet die Migrationsfrage aus umgedrehter Perspektive: Weil ihre Heimat in einer sehr aktuellen Zukunft von Rechtspopulisten regiert wird, flieht der politisch verfolgte Randgruppenanwalt Jan (Fabian Busch) mit seiner Familie aus Deutschland nach Afrika. Das wirkt zunächst recht hanebüchen, entfaltet aber rasch eine beklemmende Sogkraft. Und gleicht darin Staffel 2 der famosen Serie Occupied (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), die in vier Doppelfolgen Norwegens Besatzung durch russische Truppen beschreibt. So richtig weit entfernt davon ist 24 Stunden vorher an selber Stelle dann auch der Berlinale-Gewinner Taxi Teheran von 2015 nicht. Regisseur Jafar Panahi fährt darin durch seine Stadt und spricht mit den Fahrgästen auf erstaunlich leichtfüßige Art übers Leben in einer Diktatur.

Im Anschluss (21.35 Uhr) befasst sich Deutschlands einflussreichster Arthausregisseur mit Massenwirkung, Dominik Graf, in Offene Wunde deutscher Film mit der hiesigen Kino- und Fernsehgeschichte. Und wenn einer seiner Nachfolger irgendwann mal auf das Programm von heute zurückblickt, wird er vermutlich nicht allzu nett über St. Josef am Berg reden, womit die ARD auf dem Degeto-Platz am Freitagabend in Reihe beweist, dass ihr eine dicke Schicht Heimatfilmsoße auf belangloser Drehbuchsülze immer noch lieber ist als Anspruch ohne Quotengarantie. Das gibt es dafür im Anschluss auf Arte, wo die Kollage Montage of Heck experimentell das Leben von Kurt Cobain erzählt. Und Freitag auf Sky nimmt Showrunner Alan Ball 17 Jahre nach seiner Seriensensation Six Feet Under in Here and Now wieder mal eine amerikanische Familie unter die Lupe, diesmal im Hipster-Eldorado Portland.

Womit wir bei den Wiederholungen der Woche sind. In Schwarzweiß immer wieder aufs Neue besonders: Es geschah am hellichten Tag (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte), 1958 noch mit zwei „l“ und einem Heinz Rühmann in so großer Form, dass man ihm die Vergangenheit als Göring-Liebling glatt verziehen hat. Politisch auf der richtigen Seite stand im selben Jahr Flucht in Ketten (Donnerstag, 21 Uhr, 3sat) mit Sidney Poitier und Tony Curtis, einer der ersten Blockbuster zum Thema Rassismus. Weniger ideologisch, aber bei allem Ulk durchaus tiefgründig war Ben Stiller als Model im Kampf um größtmögliche Selbstverliebtheit (Zoolander, Dienstag, 20.15 Uhr, Pro7Maxx) von 2001. Zehn Jahre jünger und gewohnt sozialkritisch: der Tatort-Tipp Mord in der Ersten Liga mit Maria Furtwängler, die es am Dienstag um 22 Uhr (NDR) mit Homosexualität im Profifußball zu tun kriegt.


Franz.Ferdinand.Hodgson.Leyya.Dead.Brothers

Franz Ferdinand

Was man über Franz Ferdinand unbedingt noch mal sagen müsste? Eigentlich nichts. Warum auch? Das Quintett aus Glasgow dürfte ohne eine messbare Zahl an Gegenstimmen zur besten Band der New Wave of New Wave zählen, die den Alternative Rock mit Post Punk zum neuen Genre vermengt hat, das mit Franz Ferdinand eigentlich ganz gut umschrieben wäre. Glamour, Garage, Sinfonik, Dreck, Charisma – alles vom ersten Album vor 14 Jahren an, die in keiner Liste der besten Platten des Pop fehlt, schon drin und nie wieder weg. Da ist es schwer, das Niveau zu halten, geschweige denn, zu steigern. Was Franz Ferdinand mit ihrer (tatsächlich erst) fünften Studio-Platte entsprechend nicht schaffen. Dass sie dennoch rundum gelungen ist, ein episches Meisterwerk des zeitgenössischen Indierock, spricht für sich.

Ohne den langjährigen Lead-Gitarristen Nicholas McCarthy, dafür mit dem Studiovirtuosen Philippe Zdar (Cassius) als Produzent, erinnert Always Ascending oft ans selbstbetitelte Debüt von 2004 und emanzipiert sich gleichsam von der Legende. Die Keyboards sind präsenter als damals, die Samples flächiger, die Riffs dafür etwas weniger voluminös. Alles klingt verkopfter, was bei einer derart ausgefuchsten Band mit einem Entertainer wie Alex Kapranos am Mikro schon was heißen will. Und dennoch treibt Paul Thomsons Schlagzeug die zehn Stücke vom Opener an zu so virtuoser Dynamik, dass man sich sofort in eines der unübertroffenen Live-Konzerte träumt. Wenn die Retorte nach ganz großer Bühne klingt, ist man ziemlich sicher im Himmel des Britrock. Bei Franz Ferdinand.

Franz Ferdinand – Always Descending (Domino)

Nick J.D. Hodgson

Wenn man einer der fabelhaftesten Bands des Britrock entstammt, liegt die Messlatte für eine Solo-Karriere höher. Nick Hodgson war bis 2012 Drummer der Kaiser Chiefs, die auch dank seines angenehm reservierten Schlagzeugs schon bei der Gründung erwachsener klangen als Gleichaltrige. Zu verdanken war dies auch seinem Songwriting, das ihm bei aller Melodramatik stets etwas Distanziertes, ja Rätselhaftes verliehen hat. Ähnlich wie Hodgsons H.D. zwischen Vor- und Nachname, unter denen er nun ohne die Kaiser Chiefs auf Reisen geht. Doch dann beginnt Tell Your Friends wie ein Sommerhit der frühen Siebziger: atmosphärisch noch Blumenkindern nah, musikalisch schon Glamrock.

Das klingt kurz ein bisschen durchlässig und dünn. Mit jedem Stück allerdings entfaltet dieses bemerkenswerte Debüt an der Seite von Musikern, die bis auf den Sänger laut Cover und Inlet offenbar nicht der Rede wert sind, eine sehr, sehr lässige Dynamik. Das Geigengespinst über der Single-Auskopplung Suitable zum Beispiel bedeckt nicht etwa den Staub ausgedudelter Westcoast-Harmonien, sondern schwelgt überaus eigensinnig im Augenblick. Tell Your Friends ist kein Evergreen wie vor 13 Jahren Employment, gewiss. Aber ein Bündel guter Songs mit frischer Aura.

Nick J.D. Hodgson – Tell Your Friends (Prediction Records)

Leyya

Mit einem Bündel solcher Songs kam 2015 auch Leyya aus Österreichs tiefster Provinz ums Eck der Club-Szene größerer Städte geschlichen und ist seither einfach drin geblieben. Spanish Disco hieß ihr Debütalbum vor knapp drei Jahren. Mit spielerischer, oft leicht arroganter Nonchanlance kreierte es seinerzeit einen putzigen Mix aus Trip-Hop und Engelspop, der in schlechteren Momenten an 2raumwohnung erinnerte, in besseren an Róisín Murphy mit mehr Verve. Mittlerweile ist das Duo nach Wien gezogen, wo Marco Kleebauer und Sophie Lindinger den Nachfolger Sauna produziert haben. Nun kann die große Stadt, das lehrt die Erfahrung, ebenso Mainstream bedeuten wie Subkultur. Eingeflossen ist beides.

einige der 13 Stücke wie Oh Wow quälen sich durch Quark gleich ins Unterbewusstsein und fordern durch disruptives Raunen Aufmerksamkeit. Das hittaugliche Dancepop-Gespinst Zoo dagegen dringt ohne Umweg ins Gemüt und flattert mit einer famosen Saxophonspur herum. Der Text verweist dann allerdings darauf wie das Duo weiter um Trotz bemüht ist: „Don‘t believe what they say about me / don’t believe a word“, haucht Sophie unter Marcos Electrowispern durch, „ don‘t believe a word“. Leyya, so sagt uns dieses Lied, will niemandes Liebling sein und ist es doch für viele. Könnte schlimmer kommen.

Leyya – Sauna (LasVegas Records)

Hype der Woche

The Dead Brothers

Ferner vom Mainstream, ferner überhaupt von Pop und Radio und allem, was der Konsumgesellschaft ohne Umwege übers Gehirn vom Ohr in den Geldbeutel springt, sind die Dead Brothers aus Genf. Das Quartett um den singenden Songwriter Alain Croubalian mischt seit fast 20 Jahren Country, Tango, Folk, Blues und Walzer zu einer Art alpinem Western-Chanson, der das Metier massenkompatibler Berechnung ganz klein und ärmlich erscheinen lässt. Auch das siebte Album Angst (Voodoo Rhythm Records) reitet in seinem deutsch-französischen Esperanto durch die Schweizer Berge und lässt dazu so beherzt Geigen, Tuba, Banjo, Wurlitzer, Zithern oder Dudelsäcke durcheinander rauschen, dass man diesen Soundtrack nie wieder abstellen will. Sicher, manchmal ist das ein bisschen betont folkloristisch. Darunter aber schimmert immer wieder der Wille durch, Musik in ihrer ursprünglichen Dringlichkeit zu zelebrieren. Das gelingt den Dead Brothers erneut zum Niederknien schön.

 


Vorstandsfrauen & Vorstadtweiber

Die Gebrauchtwoche

29. Januar – 4. Februar

Proporzregeln sind der Tod aller Gerechtigkeit, jeder Kreativität, von Kunst und Kultur insgesamt. Das macht den Deutschen Fernsehpreis verglichen mit dem aus Bayern oder der Grimme-Jury so himmelschreiend. Niemals zum Beispiel hätten eine Vox-Kochshow, eine RTL-Tanzshow oder eine Sat1-Lukeshow gewonnen. Niemals hätte der ausnahmslos brillante Vierteiler Das Verschwinden in weniger Kategorien gesiegt als die Sky-Serie Babylon Berlin, der bei angemessener Berücksichtigung des Verhältnisses von Investment und Output zudem weniger Pokale zustünden als den Low-Budget-Sensationen Hindafing oder jerks.

Und Der große RTL II Politiker-Check wäre in der Kategorie Information nicht mal nominiert worden, weil sie für ARD-Journalisten wie Hajo Seppelt reserviert bliebe, dessen Enthüllung zur russischen Doping-Affäre (trotz eines bemitleidend inkompetenten Interviews mit seinem Sportkollegen Matthias Opdenhövel am Sonntag) erneut gezeigt hat, wie weltbewegend seriöses Handwerk sein kann. Wo Proporz allerdings mehr denn je vonnöten ist: beim Kampf um Gleichberechtigung. Der Spiegel hat hier Die Zeit als Medium mit den meisten Frauen in Führungspositionen abgelöst, wobei 37 Prozent eher lachhaft sind, aber gut – immer noch besser als der Focus, bei dem Männer mit Einfluss nach Erhebungen von ProQuote noch mehr unter sich (90,9%) sind als voriges Jahr (77,1%). Besser auch als Bild, deren allererste Chefredakteurin zurzeit wieder durch einen Kerl ersetzt wird.

Das aber ist alles nicht so schlimm wie im Land der PiS. Jener Partei, die Frauen für Gebärmaschinen hält und Polen nicht nur darum Richtung Faschismus treibt. Das hindert den Vize-Präsident des EU-Parlaments, Ryszard Czarnecki, freilich nicht daran, die Arte-Doku Polen vor der Zerreißprobe als „Nazipropaganda“ zu beschimpfen und die porträtierte Oppositionspolitikerin Róza Thun als „Szmalcownik“, wie man NS-Kollaborateure bis heute nennt. Immerhin: das Parlament in Straßburg wird ihn dafür des Amtes entheben. Ohne Proporzquoten übrigens, sondern einfach, weil sich sein demokratischer Teil darüber einig ist.

Die Frischwoche

5. – 11. Februar

Was dagegen das eherne ARD-Prinzip, jedes noch so vorhersehbare Bayern-Spiel bei Gelegenheit live zu übertragen, mit Demokratie zu tun hat? Weniger als Münchens Tyrannei mit sportlichem Wettkampf. Deshalb ist es mehr als erstaunlich, dass beide Partien, die das Erste Dienstag und Mittwoch vom Viertelfinale im DFB-Pokal zeigt, ohne den Abo-Meister stattfinden. Da drängt sich die nächste Frage zum Thema Leibesübung auf: Was, bitteschön, haben die Olympischen Spiele mit Sport zu tun? Darüber dürften allein ARZDF ab Donnerstag Auskunft geben; der Lizenzgeber Eurosport hat leider zu viel damit zu tun, sein sündhaft teures Premiumprodukt zu feiern, um über Doping und so Zeugs zu berichten.

Vor der Eröffnungsfeier am Freitag, zur interessanten Fernsehzeit um 12 Uhr, gibt es aber noch mehr Positives von der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz zu berichten. Die dritte Staffel der glamourösen, intriganten, bitterbösen Vorstadtweiber etwa, dienstags nach den „Tagesthemen“. Schlicht zu gut, um nicht aus Österreich zu kommen. Intrigen, Glamour, Bitterboshaftigkeit aus den USA gibt‘s zwei Tage später in seiner Urform: Dann startet auf Netflix das Remake vom Denver-Clan, auch wenn es 37 Jahre nach dem Original in Atlanta spielt und (vorerst) ohne Alexis auskommt. Dafür gibt es ein Feuerwerk des Bling Bling, das mit dem staubigen Elitarismus von einst nur noch die Personen gemein hat.

Kurz nach der Dynasty-Premiere 1981 hatte übrigens eine andere TV-Legende das Licht des Flachbildschirms erblickt: David Letterman. Freitag interviewt er bei seiner Rückkehr zum Streamingdienst nun George Clooney, was in jeder einzelnen Sekunde unterhaltsamer zu werden verspricht als Der namenlose Tag nach dem Roman von Friedrich Ani. Im ZDF-Drama um Devid Striesow als Vater, der erst den Suizid seiner Tochter und dann deren Mutter verkraften muss, zeigt Volker Schlöndorff nämlich, dass seine Art introvertierter Regieführung doch besser ins Autorenkino der Siebziger gepasst hat.

Vor den Wiederholungen der Woche noch ein nur scheinbar lokalkultureller Tipp: In Die Höhle von Eppendorf porträtiert der NDR Dienstag um Mitternacht das Onkel Pö, einen Live-Club, der ab 1970 einen Hauch Weltkultur durchs Land wehen ließ, bevor er Mitte der Achtziger geschlossen wurde. Heute beherbergt das Gebäude im Herzen Hamburgs ein Kettenrestaurant. Vier Jahre vor der Öffnung des Pö hatte der schwedische Regisseur Ingmar Bergman eine bis dahin eher unbekannte Schauspielerin für sich entdeckt: Liv Ullmann. Nach ihrem ersten gemeinsam Film Persona (Mittwoch, 23.05 Uhr, Arte) aber, konnten die zwei kaum noch voneinander lassen. In Farbe zurück auf dem Flatscreen des Kulturkanals: Der Vorleser (Montag, 20.15 Uhr), die sehenswerte Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller mit dem blutjungen David Kross als Titelfigur und Kate Winslet als KZ-Wächterin, die ihr 2008 den Oscar einbrachte.

Den hätte John Malkovitch als John Malkovitch in Being John Malkovitch ebenso verdient. Aber auch ohne die Trophäe zählt Spike Jonzes Husarenritt durchs Unterbewusstsein des Schauspielers von 1999 (Dienstag, 0.15 Uhr, Nitro) zum Kreativsten der Filmhistorie. Zum Besten der Krimigeschichte zählt natürlich Horst Schimanski. In Unter Brüdern ermittelte er 1990 (Montag, 22.15 Uhr, RBB) im Tatort erstmals mit DDR-Kollegen.