Bayern-Tyrannei & Bodyguard-Serie

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Oktober

Wäre George Orwalls Animal Farm ein Freistaat, dort hieße es vermutlich, alle Menschen seien gleich, einige davon aber doch a bisserl gleicher. So dachten einst die Könige Ludwig und Strauß, so denken ihre Thronfolger von Söder bis Seehofer, so halten es zwei weitere Regenten von Bavarias Gnaden: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. In einer denkwürdigen Pressekonferenz vom vorigen Freitag forderten sie zwar die Achtung der Menschenwürde und zitierten dafür gar das Grundgesetz. Allerdings nur, um sodann zu dekretieren, es gelte natürlich ausschließlich für Aktive des FC Bayern München, an denen weder Passive des FC Bayern München noch die Presse Kritik zu üben haben.

Amen, Sakradi!

Recht fordern, Willkür säen, Sündenböcke suchen, Gegner einschüchtern – was Despoten halt so machen, wenn sie ihre Despotiebedroht sehen. Das mag man angesichts der notorischen Würdeverletzung anderer (Özil oder Bernat)durch „große Demokraten“ (Hoeneß über Hoeneß) als realsatirischen Anflug altersstarrsinniger Unzurechnungsfähigkeit ansehen – würde dieser Angriff in Zeiten, da die Pressefreiheit überall unter Beschuss gerät und missliebige Reporter in Botschaften ermordet werden, nicht so erschreckend an populistische Potentaten wie Orbán oder Putin erinnern.

In dem Licht darf man daher durchaus auch die Forderung der Medienstaatssekretäre von Brandenburg und Schleswig-Holstein sehen, öffentlich-rechtliche Medien müssten „Profil gewinnen, sich stärker auf Information, Bildung, Beratung sowie Kultur fokussieren“. Es gebe schließlich keine Legitimation dafür, „mit dem Geld der Beitragszahler die Preisspirale der Übertragungsrechte im Profisport, insbesondere im Fußball, in schwindelerregende Höhen zu treiben“, schrieben Thomas Kralinski und Dirk Schrödter im Vorfeld der Tagung der Rundfunkkommission am Mittwoch. Sowas treibt dem vorbestraften Wurstmillionär aus Ulm zwar nicht die gleiche Zornesröte ins Gesicht wie vier sieglose Partien. Aber an Hoeneß‘ Allmachtanspruch kratzt es schon.

Am Allmachtanspruch analoger Medien alter Schule kratzt derweil Monat für Monat für Monat der Digitalrevoluzzer Netflix, dem im vergangenen Quartal sieben Millionen neue Nutzer zuteilwurden – ein Drittel mehr als kalkuliert. Und obwohl der betriebswirtschaftlich verschwiegene Konzern offenbar dennoch rote Zahlen schreibt, investiert er damit weiterhin fleißig in Content, vornehmlich Serien.

Die Frischwoche

22. – 28. Oktober

Ab Mittwoch zum Beispiel verlegt Bodyguard Whitney Houstons Bewachung durch Kevin Kostner ins britische Politik-Milieu, also dorthin, wo Personenschutz mehr ist als Eheanbahnung mit Actionelementen. Die Fortsetzung von Babylon Berlin beweist zwar am Donnerstag im Ersten, dass Serien auch aus deutscher Produktion gehaltvoller sein können als parallel dazu Lena Lorenz im ZDF. Dort allerdings setzt man am Ende doch immer noch am liebsten auf Heino Ferchs monolithische Fünfzigerjahre-Mimik, mit der er den Montagskrimi Ein Kind wird vermisst verödet. Oder auf den neuen Samstagskrimi Schwartz & Schwartz um zwei – hey! – grundverschiedene Ermittler, von denen der junge Golo Euler immerhin die Rolle mit dem arrivierten Devid Striesow tauscht und den biederen Familienvater im Clinch mit seinem flatterhaften Bruder spielt.

Das erste feiert tags zuvor zum 750. Geburtstag der Filmreihe derweil die lange In-aller-Freundschaft-Nacht und liefert damit ein neuerliches Argument, doch lieber das Internet in Erwägung zu ziehen, wo funk ab Mittwoch seine drollige Sitcom Klicknapped um zwei getrennte Youtuber zeigt, die ein Fan durch Entführung wieder zusammenbringen will. Unterhaltsam lehrreich ist derweil das heutige ARD-Dokudrama Die Aldi-Brüder, obwohl Aufstieg und Zerwürfnis der zwei Multimilliardäre, gespielt von Arnd Klawitter und Christoph Bach, weit mehr thematisiert werden als Lohndumping, Verpackungswahn, Preiskrieg oder die Verödung der Innenstädte durchs Discounter-Imperium. Alles Dinge, die auch bei der Hessischen Landtagswahl am Sonntag eine Rolle spielen sollten, ginge es live im Ersten und Zweiten (die Privatsender sind, hüstel, jetzt nicht sooo interessiert an Faktenfernsehen) nicht vor allem um die Berliner Groko und Flüchtlinge allüberall…

So bleibt als einzig ansehnliches Format des linearen Programms die Debütfilmreihe Nordlichter. Ab Donnerstag um 22.45 Uhr zeigt der NDR drei eigenproduzierte Horrorfilme junger Regisseure. Den Auftakt bildet Damian Schipporeits Erstlingswerk Tian über ein mystisches Geheimnis im ehemaligen Chinesen-Viertel von St. Pauli. Das Besondere: der Film ist Teil einer medienpädagogischen Initiative zur Stadtteilkultur und wird an Hamburger Schulen gezeigt – was tatsächlich helfen könnte, junge Zuschauer ans alte Medium zu binden. Das dürfte mit den Wiederholungen der Woche eher nicht so gut gelingen. Sehenswert sind sie dennoch.

Etwa John Frankenheimers Schwarzweiß-Klassiker Der Mann, der zweimal lebte von 1965 mit Rock Hudson als Banker, der seine Midlife-Crisis für viel Geld mit einer komplett neuen Identität bekämpft (Montag, 22.05 Uhr, Arte). In Farbe läuft vier Tage später auf gleichem Kanal um 23.10 Uhr Wes Cravens Horror-Frühwerk Hügel der blutigen Augen, in dem es eine Familie 1977 mit den Opfern amerikanischer Atomwaffenversuche in der Wüste Kaliforniens zu tun kriegt. Der Tatort-Tipp Jetzt und alles stammt heute (20.15 Uhr) im MDR aus dem Jahr 1994, als der Fall verunglückter Crash-Kids, in dem die Ost-Kommissare Kain & Ehrlicher ermitteln, gerade bundesweit den Boulevard erzürnte.

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Nico Hofmann: Amazon & Deutschland 86

Mir geht’s um den Brennmoment

Seit er vor 20 Jahren erst als Regisseur, dann als Produzent das deutsche Fernsehen von Autorenkino auf Eventmehrteiler gekrempelt hat, beeinflusst Nico Hofmann (Foto: Ufa/RTL) sein Medium mehr als jeder andere in Fernsehland. Für die Fortsetzung der RTL-Serie Deutschland 83 hat er nun Amazon ins Boot geholt, wo sie ab heute ins Jahr 1986 verlegt wird. Ein Gespräch mit dem 58-jährigen UFA-Chef über globale Zusammenarbeit und dramaturgische Herzensangelegenheiten.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Nico Hofmann, wenn heute Abend die Fortsetzung von Deutschland 86 startet – sieht man der Serie an, dass es nicht vom deutschen Fernsehsener RTL, sondern dem amerikanischen Streamingdienst Amazon verantwortet wird?

Nico Hofmann: Ob man es an der Ästhetik sieht, weiß ich nicht. Aber es ist ganz sicher so, dass es im Rahmen der erzählerischen Konzeption von Anna und Jörg Winger mit ihrer Verlagerung des Geschehens nach Südafrika und Libyen, mit mehr politischer und dramaturgischer Radikalität, mit dieser spielerischen, fast tarantinohaften Persiflage von Actionelementen vom Auftraggeber eine Art von Freiheit erfordert, die Amazon wahrscheinlich eher gewährt als lineare Fernsehsender. Ich erinnere mich gut ans „Macht mal!“ von Prime-Chef Christoph Schneider. Das war ein toller Moment für uns als UFA und mich als alter Hase.

Zugleich beinhaltet des „Macht mal!“ offenbar die Erlaubnis, ruhige Handlungsstränge von Deutschland 83 drei Jahre später mit allerlei Bombast zu füllen. Ist das die Steigerungslogik internationaler Koproduktionen, um weltweit zu funktionieren?

Nein. Zu Beginn, in Afrika, mag es vielleicht mehr Action geben, aber das ist ganz klar der Dramaturgie geschuldet. Sicherlich wird das Meinungsspektrum durch die Fangemeinde dieses Formats in fast aller Welt enorm erweitert. Weil die Autorin Anna Winger nicht vom ZDF-Hauptabend, sondern vom amerikanischen Serienfernsehen kommt, ist der Look natürlich international. Dennoch gibt es keine Steigerungslogik, im Gegenteil: Das serielle Überangebot sorgt für eine immer rigidere Eingrenzung der Themen und ihrer Darstellungen. Als Zuschauer breche ich selbst ja nach einer Folge ab, wenn sie mittelmäßig und durchschnittlich unterhalten will. Die weltweite Konkurrenz sorgt daher verglichen mit dem engeren deutschen Markt dafür, dass man hervorstechen muss. Aber da hat sich dadurch auch schon vieles geändert.

Dummerweise hat das besonders der enge deutsche Markt mit miesen Einschaltquoten für Deutschland 83 honoriert.

Offenbar gibt es bei uns ein Verständnis davon, wie historische Fiktion auszusehen hat – was bestimmt auch durch unsere Produktionen geprägt wurde. Mit Die Flucht hat Deutschland 86 nichts zu tun, und Anna Winger findet vieles von dem, was ich einst öffentlich-rechtlich gemacht habe, eher konservativ. Für jemanden, der Geschichte im Fernsehen wie das deutsche Publikum, sehr didaktisch kennt, ist die Serie eher außergewöhnlich – meine Eltern inklusive. Im Ausland dagegen ist Deutschland 83 sensationell gelaufen. Als erste deutschsprachige Serie überhaupt lief die erste Staffel zuerst auf einem US-Kabelsender und erzielte bei Sundance überragende Marktanteile, auf Channel 4 in Großbritannien war es das stärkste nichtenglische Format seit Jahren. Aus dem Ausland  kamen deshalb früh Signale, das Format fortsetzen zu wollen.

Ist Amazon demnach auf die UFA zugekommen?

Die Initiative ging von der UFA aus, aber eigentlich sind beide gemeinsam aufeinander zugekommen. Wir haben ja auch in den Jahren zuvor – wie andere Produzenten – viel gepitcht bei Prime-Video. Als Anna und Jörg dann ihr Fortsetzungskonzept entworfen haben, war relativ schnell klar, dass dessen Radikalität für ein deutsches Privatprogramm allein nicht machbar war – zumal die neue Staffel deutlich teurer ist als die erste. Umso schöner war die Begeisterung von Christoph Schneider, das gemeinsam mit Fremantle, RTL und der UFA zu machen.

Kann man sich die Verhandlungen der vier dann als runden Tisch vorstellen, an dem jeder seine Wünsche und Vorstellungen geäußert hat?

Natürlich gab es Treffen, aber auch zahlreiche Telefonate und Mails.

Die eher dem ökonomischen oder künstlerischen Bedarf nach einem Mitspieler wie Amazon entsprangen?

Insofern beides, als das Programm einzig in dieser Konstellation weitergeführt werden konnte. Wir wollten immer drei Staffeln; ohne Amazon wäre nach der ersten Schluss gewesen.

Ist diese Partnerschaft demnach der Ausnahmefall oder Teil einer größeren Strategie?

Wenn’s nach mir ginge, unbedingt letzteres; ich finde die Partnerschaft ungemein spannend. Zugleich aber werden solche Kooperationen eher schwieriger, weil alle Anbieter am Markt im Moment die Stärkung ihrer eigenen Plattformen betreiben – das gilt für die Mediatheken von ARD und ZDF genauso wie für Amazon oder RTL.

Zugleich wächst der Hang zur internationalen Koproduktion ja schon deshalb, weil sich aufwändige Formate allein kaum noch finanzieren lassen. Wie sorgt man da für Exklusivität?

Jeder Sender nimmt sehr genaue Analysen vor, was prioritär ins eigene Hauptabendprogramm passt. Und da hat RTL rasch entschieden, dass Deutschland 86 zwar ein tolles Angebot, aber kein typisches signature product ist. Genau davon hängt auch ab, welches Budget ein Sender in die Hand nimmt.

Vielleicht haben Sie das deutsche Publikum mit Teamworx und UFA aber auch schlicht zu lang mit deutsch-deutscher Geschichte unterhalten, um es noch damit zu erreichen…

Das glaube ich nicht. National wie international ist das Interesse an historischer Unterhaltung nach wie vor ungebrochen. Besonders die jüngere DDR-Geschichte ist ganz gewiss noch lange nicht auserzählt, inklusive der unmittelbaren Wende-Jahre. Dennoch bin ich weniger denn je auf Geschichte festgelegt.

Haben aber immer noch Lust darauf?

Schon, ich schaue aber sehr viel mehr auf die Erzählart. Mein nächstes großes Thema ist etwa deutsche Kriegsgefangenschaft am Beispiel von Stalingrad, wobei mich die Verzahnung mit der Nachkriegszeit weit mehr interessiert als die Schlacht selbst. Meine Lust auf historische Produktionen lässt da keineswegs nach. Im Gegenteil.

Gibt es dabei denn noch so eine Herzensangelegenheit wie Unsere Mütter, unsere Väter, mit der Sie ja auch die Biografie der eigenen Eltern verfilmt haben?

Klar, etwa Siegfried und Roy mit Philipp Stölzl und Jan Berger. Es ist eine große Kraftanstrengung, das Leben der beiden filmisch in eine adäquate mehrteilige Form zu bringen. Aber was mich dabei immer wieder antreibt, ist die Leidenschaft für zwei Menschen, die Unglaubliches geschaffen haben. Mit beiden bin ich mittlerweile gut befreundet. Das elektrisiert mich ebenso wie Stefan Austs Familienbiografie der Porsches, wobei mich hier die Zeitgeschichte weniger interessiert als die Familiengeschichte. Mir geht es um den inneren Brennmoment.

Der bei Ihnen also nicht autobiografisch verlinkt sein muss?

Nein. Es reicht ein Faszinosum.

Wie lange lässt sich das denn noch im linearen Fernsehen erzählen, bevor es vom liberalen Streaming gefressen wird?

Ich bin mehr denn je überzeugt, dass das Free-TV noch sehr lang überleben wird. Das hat mit der freien Empfangbarkeit zu tun, also dem demokratischen Faktor, nicht wie in Amerika üblich bis zu 150 Dollar im Monat für seine Lieblingsportale auszugeben. Wenn Netflix nicht acht, sondern 25 Euro im Monat kostet, werden die Leute das Abo genauso hinterfragen wie bei der Tageszeitung. Mein Eindruck ist, dass sich die Plattformen eher untereinander als mit Fernsehsendern Konkurrenz machen – die allerdings ihrerseits eigene Mediatheken massiv ausbauen, was zu unglaublich viel In- und Output führen dürfte. Wir erwarten da eine unglaubliche Leistungsschau. Für uns Produzenten ist das natürlich eine tolle Sache.

Mit permanent steigender Qualität?

Das wird garantiert auf die Qualität einzahlen, aber nicht nur. Es wird eher einen Wettbewerb um Talente geben, wie man an der Verpflichtung der Showrunner von Netflix sieht. Nur: im Gegensatz zum Sendeplatz sind Talente begrenzt.


Spuk in Hill House: Horror & Familienepos

Retrogruselperfektion

Die unfassbar fesselnde Netflix-Serie Spuk in Hill House zeigt, was Streaming-Dienste der linearen Konkurrenz noch immer voraus haben: Horror darf, muss aber nicht unerträglich krass sein, um Nerds wie Normalos zu bedienen. Im Zehnteiler führt das zu einer fesselnden Mischung aus Familiendrama und Gothic-Grusel.

Von Jan Freitag

Der perfekte Moment des Horrorfilms geht aus Sicht des Altmeisters John Carpenter ungefähr so: Wenn man das Grauen besonders erwartet, lässt es garantiert solange auf sich warten, bis eine Entspannung eintritt, die dann umso brutaler zuzuschlagen wird. Den perfekten Moment des Horrorfilms kostet daher kaum jemand so aus wie Sheryl, wenn die Bestatterin der Netlix-Serie The Haunting of Hill House, zu deutsch etwas weniger unheimlich Spuk in Hill House ab heute einen Leichnam fürs Begräbnis im offenen Sarg zurechtmacht.

Sein Gesicht ist aschfahl, das Kellerlicht kühl. Kein Laut durchdringt die Stille, in der Sheryl allein mit sich, ihrer Schwester und der bohrenden Erinnerung ans verfluchte Elternhaus verbringt, das dem Nesthäkchen Nelly am Ende doch das Leben gekostet hat. Dank präziser Rückblenden wissen aufmerksame Zuschauer dieser unfassbar fesselnden Gruselserie nämlich längst: Shelly und Nelly sind zwei von fünf Geschwistern, die das transsylvanisch anmutende Vorstadtchalet der Architektenfamilie Crane einst so derart gespenstisch traumatisiert hat, dass die jüngste Tochter 20 Jahre später nach erfolgreichem Suizid auf dem Einbalsamierungstisch der ältesten liegt.

Gemäß den Regeln des Genres müsste nun also folgendes passieren: die Lebende pinselt an der Toten herum, letztere reißt schlagartig die Augen auf, woraufhin erstere wie am Spieß schreit und entweder den Monsteropfertod stirbt oder schweißgebadet im eigenen Bett erwacht. Doch es geschieht: Nichts. Zwischendurch kriecht zwar ein Käfer aus Nellys Mund, den Sheryl rasch als Trugbild entlarvt. Ansonsten aber dehnt John Carpenters äußerst erfolgreicher Epigone Mike Flanagan (Ouija) den perfekten Moment des Horrorfilms so in die Länge, bis er das Blut gefrieren lässt: Denn auf dem Seziertisch nebenan sitzt plötzlich Sheryls Mutter. Klar, dass die seit Jahren tot ist.

Es sind Szenen wie diese, die das Publikum von Spuk in Hill House genüsslich an den Rand des Erträglichen treiben, ohne es ganz darüber hinweg zu stoßen. Relativ frei nach Shirley Jacksons gleichnamigem, mehrfach adaptiertem Romanschocker von 1959 flößt der Zehnteiler schließlich weder mit der impulsiven Effekthascherei billiger Slasher-Movies noch virtuoser Splatter-Maskeraden zeitgenössischer Zombieserien Furcht ein. Dem Regisseur und Autor Flanagan reichen dafür nadelstichartige Andeutungen einer verborgenen Macht, die das schaurig-schöne Herrenhaus in Gestalt einer geisterhaften Frau besetzt und ihre Bewohner zu psychischen Wrack verschiedenster Art gemacht hat.

Während es die Bestatterin Sheryl (Elizabeth Reaser) ebenso wie ihre bindungsunfähige, aber lebensfrohe Schwester Theo (Kate Siegel) und den erfolgreichen Schriftsteller Steve (Michael Huisman), der für seine Spukgeschichten echte Horrorstorys einsammelt, allerdings noch recht gut getroffen hat, landen die zwei Nesthäkchen wahrhaftig im Wahnsinn. Luke (Oliver Jackson-Cohen) wird zum drogensüchtigen Loser, seine Zwillingsschwester Nelly (Victoria Pedretti) zerbricht gar vollends an der geisterhaften Erscheinung, die ihr einst am eindrücklichsten im Traum erschienen ist.

All dies macht Spuk in Hill House zu weit mehr als nur versiertem Gothic-Horror im Retro-Stil. Dank eines Casts, der bis in die virtuos verkörperten Kindercharaktere viel Erfahrung mit dem Genre hat, erschafft Mike Flanagan dazu noch ein ergreifendes Familienepos, das auch diesseits des Übernatürlichen bestens funktioniert. Da das Drama umgekehrt nicht den Zweck erfüllt, Gruseleffekte zu verkleben, erinnert die Eigenproduktion von Netflix an die besseren Momente von American Horrorstory. Von beidem kommt man kaum los – wie brutal das Grauen auch zuschlägt.


Presseopfer & Onlineserien

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Oktober

Am Jahrestag des Mordes an der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia, die aller Wahrscheinlichkeit nach wie der slowakische Journalist Ján Kuciak wegen ihrer Recherchen bis in die höchsten Regierungskreise das Leben verloren hat, wurde die bulgarische Fernsehreporterin Viktoria Marinowa furchtbar entstellt in einem Gebüsch gefunden. Ob sie einer Recherche zum Opfer fiel, ist bislang zwar offen; allein der Umstand aber, dass diese Möglichkeit selbst in europäischen Demokratien längst als naheliegend gilt, macht Angst.

Und die wird kaum dadurch geringer, dass sich ein versierter Antidemokrat zum Vorkämpfer der Pressefreiheit aufspielt: Ausgerechnet Reccep Tayyip Erdogan, unter dessen Willkürherrschaft mehr Journalisten inhaftiert sind als in jedem anderen Land, bemüht sich gerade um einen Reporter namens Kashoggi, der angeblich in Istanbuls saudischer Botschaft verschwunden ist. Ein Medienhasser als Medienretter? Wäre es nicht so bitter – man könnte sich köstlich über den Irrsinn dieser völlig durchgedrehten Welt amüsieren.

So oder so sind es demnach gute Zeiten für politischen Humor. Theoretisch. Praktisch allerdings gingen die wichtigsten Trophäen beim Deutschen Comedy-Preis wie immer an allerlei Schreihälse mit der Bissigkeit einer Samstagabendshow im ZDF. Caroline Kebekus zum Beispiel, die trotz ihrer femizisitischen Attitüde jedes Inhaltsloch mit Lautstärke verfüllt, was auch für Luke Mockridge und Mirja Boes gilt. Weil das RTL-Gewächs die RTL-Show dummerweise auf RTL moderiert hat, muss sie sich den RTL-Lorbeer mit anderen teilen, die teilweise – Obacht! – nicht von RTL kamen.

Wenn man sich einen größeren Witz gedankenloser Selbstbeweihräucherung ausdenken wollte, käme einem eigentlich nur noch in den Sinn, den reichsbürgerlichen Schmusesänger Xavier Naidoo zum Juror eines großen Musik-Castings zu machen, aber das traut sich ja vermutlich nicht mal RTL. Obwohl… Ach, es ist alles so unappetitlich – wenden wir uns lieber einer vergleichsweise leckeren Mediennachricht zu: Das Konzept der ARD, die herausragende Zeitreise Babylon Berlin erst beim Koproduzenten Sky und dann auch noch parallel zur eigenen Ausstrahlung in die Mediathek zu zeigen, ist voll aufgegangen. Fast Vier Millionen Videoabrufen stehen Einschaltquoten weit über Senderschnitt gegenüber.

Die Frischwoche

15. – 21. Oktober

Zurzeit sorgen zwar Online-Formate wie die dezent nervenzerreißende Grusel-Adaption Spuk in Hill House (Netflix), die historisierende Dramenreihe The Romanoffs (Amazon), die Fortsetzung von 4 Blocks (TNT) oder ab Dienstag auf Sky Lena Dunhams neue HBO-Sensation Camping (Sky) für Aufsehen; doch schon Donnerstag geht der Siegeszug des Kölner Sittenpolizisten Gereon Rath im hedonistisch verlotterten Zwischenkriegs-Berlin mit Doppelfolgen weiter. Ob die andere Zusammenarbeit dieser Tage ähnlichen Erfolg hat, darf man indes bezweifeln. Nachdem der Vorwendethriller Deutschland 83 hierzulande durchgefallen war, hat RTL die Fortsetzung an Amazon verhökert, wo Jonas Nay als Doppelagent drei Jahre später in aller Welt süß aussehen darf.

Dramaturgisch weit hollywoodaffiner könnte das Konzept aufgehen. Sehenswert, gar soziokulturell relevant ist die Aneinanderreihung von Actionsequenzen ab Freitag indes nicht mehr so recht. Das Gleiche gilt für die 2. Staffel der Koproduktion The Team ab Donnerstag auf Arte und drei Tage später im ZDF. Nahezu alles an dieser dänisch-deutsch-belgischen Jagd auf Kunsträuber zur Terrorfinanzierung ist klischeehaft, platt und so mies synchronisiert, dass selbst Jürgen Vogel vergebens gegen die öffentlich-rechtliche Kahlrasur allen Eigensinns annuschelt.

Da dürfte sogar die 14. Auflage von Bauer sucht Frau ab heute auf RTL gehaltvoller sein. Oder auch Eltons neue Samstagsshow namens Alle gegen einen um, tja, irgendwas mit Quiz auf ProSieben. Auch das mehrteilige Dokudrama Mars: Novo Mundo verspricht Elon Musks ressourcenfressend elitäres Weltraumtourismusprojekt SpaceX ab Dienstag um 20.05 Uhr auf dem Zeitungsableger Welt unterhaltsamer anzupreisen. Und wer vom kommerziellen Blick auf die Realität noch immer nicht genug hat: Ab Donnerstag zeigt RTL2 in Reeperbahn Privat! angeblich Das wahre Leben auf dem Kiez. Na gut – wer echten Realismus will, wird Samstag von der ZDF-Fiktion Die Protokollantin mit Iris Berben als Mutter eines verschwundenen Kindes, die einen Racheplan gegen die Vergangenheit fasst doch etwas besser versorgt. Und mit den Wiederholungen der Woche sowieso.

Heute zeigt Arte zur Primetime das US-Biopic Meister des Lichts von 2014 mit Timothy Spall als Industrialisierungsmaler Mr. Turner, der seine Epoche geprägt hat wie vor ihm Van Gogh (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte), den Bernhard Le Coq bereits 1991 beispielhaft verkörperte. Der alte Tatort hingegen ist neueren Datums, aber zeitlos toll: Borowski und der Himmel über Kiel bildete 2014 schließlich den Durchbruch von Elisa Schlott, die darin am Donnerstag um 20.15 Uhr im WDR als Crystal-Junkie brilliert, wie ihn nie zuvor jemand ergreifender gespielt hat.


Neonschwarz, Th. Shitstorm, Hallouminati

Neonschwarz

Fette Bläser – darunter sollte es fetter Sound mit fetter Botschaft heutzutage besser nicht machen, um im HipHop Aufmerksamkeit zu erregen. Bisschen Toasting obendrauf, etwas Autotune, na klar, dazu die übliche Selbstbeweihräucherung des eigenen Namens im Titel: Wäre N.E.O.N. der Opener irgendeines Crossover-Rap-Acts mit Mehrzweckhallenpotenzial und vier, fünf “e” im Namen, Kenner nähmen das zugehörige Album wohl eher schulterzuckend zur Kenntnis. Hieße das Kollektiv dahinter nicht Neonschwarz und wäre gemeinsam mit ähnlich gepolten Bands wie K.I.Z. die Stimme lässiger Vernunft im deutschen Sprechgesang, zu der man trotzdem prima abgehen kann, ja muss!

Clash heißt die dritte Platte von Captain Gips, Marie Curry und Johnny aus Hamburg, wo sie gemeinsam mit dem DJ Spion Y seit fünf, sechs Jahren wuchtig und verspielt gegen Nazis, Kapital, die Gemütlichkeit der Mitte anrappen und damit das unterhaltsamste Sprachrohr einer zusehends selbstgerechten Poplinken sind – musikalisch Betonung auf Pop, textlich Betonung auf den Rest. Die Raps sind nämlich bei aller poetischen Schärfe wie üblich eher Oldschool und die Reime nicht immer so ganz auf den Punkt. Aber was Neonschwarz unvergleichlich, unersetzlich, unwiderstehlich macht ist ohnehin die Kraft der Freude, in der das Quartett gegen die Dummheit vor der Haustür anfeiert.

Neonschwarz – Clash (Audiolith)

Theodor Shitstorm

Dietrich Brüggemann ist ein echtes Inszenierungsgenie. Mit 3 Zimmer/Küche/Bad hat er der Generation X/Y eine Liebeserklärung von entlarvender Leichtigkeit gemacht, das Glaubensdrama Kreuzweg eroberte 2014 gar die Berlinale und dem alten Tatort verlieh sein Stuttgarter Fall im Stau zuletzt neuen Glanz. Da überrascht es kaum, dass dieser Wirklichkeitsdichter die Gründungsstory seiner Band als verkorksten Roadtrip auf den Balkan erzählt. Mit der Songwriterin Desiree Klaeuskens, so geht die Legende, bringt er dabei ein Baby namens Theodor Shitstorm zur Welt, das fortan den vielleicht besten Laber-Pop seit den Lassie Singers liefert.

Begleitet von Bass und Drums schildert Sie werden dich lieben das Leben unserer mulitoptional beengten Zeit mit beißendem, nie zynischem Spott, der unter die Haut durchs Zwerchfell zu Herzen geht. Wenn sie den Alltag ihrer Peergroup beschreiben, in dem Madenkolonien unterm Bett wohnen, Sex ein qualvolles Chaos ist und der Drogenmix sowieso, fragen Theodor Shitstorm daher süffisant: „Fühlst du dich so wohl?“, und antworten: „Du sagst Rock’n’Roll.“ Falls sich Thirtysomethings darin wiedererkennen: kein Wunder! Hier singt das neue Sprachrohr dieser verwirrten Alterskohorte.

Theodor Shitstorm – Sie werden dich lieben (staatsakt)

Hallouminati

Wer Bouzouki hört, hat vermutlich entweder Volksmusik aus dem letzten Korfu-Urlaub oder – bei älteren Semestern – womöglich Cindy & Bert im Kopf, aber nichts, das auch nur im Entferntesten an Hallouminati erinnern dürfte. Die Band von Emilios Georgiou-Pavli mag das Saiteninstrument seiner griechischen Herkunft schließlich als Nuance ihres multikulturellen Orchesterfolks nutzen; insgesamt aber stecken schlicht zu viele Einflüsse im Sextett aus London, um es auf den attischen Sound zu reduzieren. Reggea und Ska sind darin ebenso fest verwurzelt wie Afro-Beat, Balkan-Brass und jede Menge Funk.

Besonders letzterem ist es dabei zu verdanken, dass die Mischung vor acht Jahren aus der Nische des Ethnopops in die Clubs der Metropole befördert und dort zum schweißtreibenden Geheimtipp wurde. Nun erscheint ihr erstes Album Tonight, Is Heavy!, und weder wirkt daran alles neu noch makellos; dafür ist – wie so oft im Partyrocksegment – die Männerstimme bei einem Frauenanteil von 16,6 Prozent ein bisschen zu testosteronhaltig. Dennoch schaffen es Hallouminati, die Dynamik ihrer Konzerte ohne Energieverlust auf Platte zu bringen. Live sind sie trotzdem besser. Nehmen wir Tonight, Is Heavy! als Teaser…

Hallouminati – Tonight, Is Heavy! (Batov Records)


Ali von Wangenheim: SPD-PR & Politiksprache

Wir sind immer im Kampfmodus

Ausgerechnet am Tag der Strafbeförderung von Verfassungsschutz-Chef Maaßen findet Albrecht von Wangenheim Zeit für ein Interview über seine Arbeit als Leiter der SPD-Pressestelle, in der er seit 18 Jahren arbeitet. Eine aufreibende, aber erbauliche Tätigkeit – sagt Ali, wie ihn im politischen Berlin alle nur nennen, im Gespräch mit dem Medienmagazin journalist, das freitagsmedien hier in voller Länge dokumentieren. Nach dem Interview musste der auffallend weißhaarige Kommunikationsprofi übrigens sofort ins Kanzleramt, um das bislang größte PR-Desaster der GroKo zu präsentieren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr von Wangenheim, stimmt es, dass sie im politischen Berlin nur „Der weiße Ali“ genannt werden?

Ali von Wangenheim: (lacht) Hab ich auch so gehört, aber ehrlich gesagt, nein. Die Rheinische Post hat mal einen Artikel veröffentlicht, in dem das behauptet wurde. Im politischen Berlin nennt mich eigentlich jeder nur Ali.

Macht so ein Spitzname den Pressesprecher, der sich berufsbedingt ja hinter dem Objekt seiner Vermittlungstätigkeit auflösen sollte, nicht zu einer etwas exponierten Person?

Grundsätzlich stimmt das. Wir stehen naturgemäß im Hintergrund. Und ich versuche es über diesen Spitznamen hinaus auch tunlichst zu vermeiden, allzu sehr in den Fokus zu geraten. In meiner Position ist es natürlich nicht immer vermeidbar, auch mal in die Kamera zu blicken, aber wir sind dafür da, die Politiker und ihre Inhalte nach vorne zu bringen, nicht die eigene Person.

Entspricht dieses Zurücknehmen Ihrer Mentalität oder fällt es Ihnen manchmal schwer, sich in die zweite Reihe zu stellen?

Nein, nein – ich bin so und arbeite gerne genauso dort, wo ich seit Jahren bin und arbeite.

Was kennzeichnet diese Arbeit im Berliner Politikbetrieb, was muss ein Pressesprecher mitbringen, um darin erfolgreich zu sein?

Weil er Hintergründe erklären, Vordergründe vermitteln, Informationen verbreiten muss, sollte er zunächst unbedingt Vertrauen bei Journalisten, also der Presse genießen. Wenn ihm nicht geglaubt wird, hat jeder Pressesprecher ein Problem. Und sich dieses Vertrauen zu erarbeiten, funktioniert am besten über Erfahrung, also die Zeit.

Vertrauensvorschüsse gibt es nicht?

Selten. Außerdem ist es sinnvoll, so gut mit Sprache umgehen zu können, dass man komplexe Sachverhalte in verständlichen Worten ausdrücken kann, ohne die Komplexität dahinter zu simplifizieren. Dazu gehört, auch wenn viele wie ich selbst das nicht so gern hören, eine gewisse Verkaufsmentalität. Und da ist es in der Parteienkommunikation weit mehr noch als in der Unternehmenskommunikation günstig, wenn man für das, worüber man spricht, wirklich brennt. Parteisprecher brauchen daher dringend politische Überzeugungen.

Hat sich an diesem Bedarf in den 18 Jahren, die Sie mittlerweile für die SPD-Pressestelle tätig sind, etwas geändert?

Formell nicht. Weil der Zeitungsmarkt jedoch langsam, aber stetig abstirbt, während die Vielfalt neuer Medien gleichzeitig zunimmt, erhöht sich das Tempo der Branche enorm. Und die massive Digitalisierung beschleunigt dadurch auch unsere Arbeit massiv.

Das wären die technischen Gründe der Veränderung. Wie ist es mit dramaturgischen, also inhaltlichen Vermittlungsmechanismen?

Die haben sich fast im Gleichschritt verändert. Quantitativ treten wir über die neuen Medien viel öfter direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern in Verbindung, ohne dass die alten Medien als Vermittlerinnen hintergründiger Inhalte wegfielen. Und qualitativ zeigt sich, dass wir den Journalisten klassischer Medien unsere Politik noch immer deutlich häufiger im Hintergrund, also weniger oberflächlich erklären. Gleichzeitig gleichen sie sich der Kürze sozialer Medien im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit zusehends an. Und das empfinde ich als ungemein problematisch. Viele Ihrer Kollegen können sich schon aus Zeitgründen intensivere Recherchen kaum noch erlauben und sind darauf angewiesen, Sachverhalte in immer kürzeren Sätzen nahezubringen. Das verändert definitiv nicht nur die Medienlandschaft, sondern auch unsere Sprache als Pressesprecher.

Heißt das, auch Sie haben Ihre Art, zu kommunizieren, angepasst?

Durch meine langjährige Erfahrung womöglich ein bisschen weniger als junge Kollegen. Man lernt es, knapper zu formulieren, kürzer, prägnanter als früher. Im Kern ist meine Arbeitsweise aber absolut vergleichbar mit der des Jahres 2000, als ich aus der Fraktion in die Presseabteilung gekommen bin.

Damals stellte die SPD den Bundeskanzler und lag bei rund 40 Prozent. Heute hat sich dieser Wert mehr als halbiert und die Kanzlerschaft scheint unerreichbar. Wie vermittelt man den schleichenden Niedergang als Parteisprecher glaubhaft, aber mit Würde?

Na ja, Erfolg ist nicht nur eine Frage der Personalien und Wahlergebnisse, sondern auch der inhaltlichen Durchsetzung. Und nüchtern betrachtet, geht das mit dem schleichende Niedergang ja nicht nur uns, sondern auch der anderen Volkspartei so. Zumal der Bedeutungsverlust der SPD keinesfalls erst nach 1998, geschweige denn nach 1989, sondern bereits Ende der Siebzigerjahre eingesetzt hat, als sie den Kuchen der Meinungsvielfalt zunächst mit der Umwelt- und Friedensbewegung, dann den Grünen und der FDP, später der Linken und den Piraten, zuletzt sogar mit der AfD teilen musste, an die auch wir Wähler verloren haben. Wir waren schlicht prädestiniert dafür, kleiner zu werden.

Aber nochmals die Frage: wie vermittelt man schlechte Nachrichten als Pressesprecher über die Medien ans Wahlvolk?

Indem wir die Komplexität der Politik in Abgrenzung zu den genannten Parteien, die die ihre auf einzelne Probleme und Sachverhalte zuspitzen, gut wahrnehmbar und verständlich machen. Wenn uns das gelingt, wahren wir Würde und Glaubhaftigkeit in einem. Nehmen wir mal den Kohleausstieg, der gerade nicht nur wegen der Räumung des Hambacher Forstes heftig diskutiert wird: Die Grünen dürfen es sich da relativ einfach machen, wenn sie schlicht den schnellen Ausstieg fordern. Wir hingegen müssen uns auch noch um gesellschaftliche Folgen wie Stromversorgung oder Arbeitsplätze kümmern. Politik, hab ich mal in einem schlauen Artikel gelesen, beginnt dort, wo es um Ausgleich geht. Alles andere ist Lobbyismus. Und weil ich kein Lobbyist, sondern Pressesprecher sein will, bin ich dafür zuständig, den Ausgleich der Interessen angemessen zu kommunizieren.

Was allerdings im Angesicht populistischer Verkürzungen der politischen Wirklichkeit zusehends schwieriger wird oder?

Absolut. Die Verkürzung politischer Botschaften auf einen Post bei Facebook oder erst 140, jetzt 280 Zeichen lange Tweets, lässt kaum noch inhaltlichen Raum, diesen Interessenausgleich in den sozialen Medien zu verankern. Daran müssen wir also arbeiten, das ist die Herausforderung des Populismus. Es macht unsere Arbeit aber auch so spannend.

Sind politisch wie gesellschaftlich zerrüttete Zeiten wie diese für Pressesprecher demnach bessere Zeiten als solche, in denen die Politik mehr so vor sich hin dümpelt?

Also ich habe in all den Jahren meiner Tätigkeit noch nie Zeiten erlebt, in denen das anders war oder die Politik sogar mehr so vor sich hin gedümpelt ist. Phasen völliger Langeweile, glauben Sie mir, habe ich nicht einen Monat, ja nicht mal eine Woche am Stück erlebt.

Wissen Sie denn von Ihren Vorgängern, ob es mal ruhigere Zeiten gegeben hat?

Nein, das ist eine Illusion. Entscheidend ist aber ohnehin, dass man die innere Ruhe behält, um die verschiedenen Phasen der Unruhe im jeweiligen Kontext zu bewältigen.

Würden Sie den Job nochmal machen?

Jederzeit! Ich bin ein begeisterter Pressesprecher!

Woher rührt diese Begeisterung?

Ich habe bereits während meines Volkswirtschaftsstudiums für die SPD-Fraktion gearbeitet und wollte schon damals Journalist werden oder wie man es später ausdrückte: Irgendwas mit Medien machen. Weil ich einfach Spaß habe, mit Menschen und Sprache zu arbeiten, führte das dann irgendwie fast zwangsläufig in die Pressestelle der SPD. So habe ich gelernt, beide Seiten der Berichterstattung zu verstehen und eine Art vertrauensvoller Zusammenarbeit aufzubauen, von der alle etwas haben, obwohl man ja eigentlich auf verschiedenen Seiten steht.

Das klingt, als empfänden Sie sich eher als Mediator denn Interessenvertreter?

Da ist was dran. Ohne unseren Job zu überhöhen, empfinde ich mich wie Journalisten als integraler Teil der Medienlandschaft.

Allerdings ohne die gebotene Neutralität und Objektivität journalistischer Berichterstattung…

Da ich am Ende des Tages die Interessen meines Arbeitgebers vertreten muss und will, würde ich mich nie objektiv, gar neutral nennen. Andererseits kann ich mich gut genug in Journalisten hineinversetzen, um auch deren Interessen gegenüber meinem Arbeitgeber zu vermitteln. Insofern ist mir eher der Ausgleich zwischen beiden Anliegen durchaus wichtig, und das ist in der Branche, glaube ich, auch bekannt.

Und führt abgesehen vom „weißen Ali“ zu der verbreiteten Einschätzung, sie seien korrekt, verbindlich, gut vernetzt. Sehen Sie das ähnlich?

Letzteres bei aller Bescheidenheit auf jeden Fall, die anderen zwei Adjektive sollen lieber andere bewerten.

Sind „korrekt, verbindlich, gut vernetzt“ denn Grundvoraussetzungen, um diesen Beruf glaub- und gewissenhaft ausführen zu können?

Da gibt es ziemlich unterschiedliche Auffassungen vom Pressesprecher. In der Politik jedenfalls ist das Vertrauen noch wichtiger als in der Unternehmenskommunikation – wo ich auch deshalb nie tätig war. Da ist der Verkaufsaspekt höher, es geht ehrlicherweise um Reklame. Letztlich betreibe auch ich die für meinen Arbeitgeber. Würde ich aber zusätzlich nicht auch vieles erklären, fiele sowohl die Glaub- als auch die Gewissenhaftigkeit schwer. Trotzdem wünschte ich mir manchmal, ich würde den Aspekt des Verkaufens ein wenig besser beherrschen.

Welche Voraussetzungen braucht ein Pressesprecher sonst noch – Belastbarkeit?

Unbedingt, sowohl psychisch als auch physisch. Und das hat sich in den vergangenen Jahren, seit ich die Pressestelle leite, nochmals erhöht.

Sollte das Ego dafür eher groß oder klein sein?

Ich weiß, dass der eine oder die andere in meiner Branche mit einem durchaus großen Ego ausgestattet, aber bei mir spielt es eher eine untergeordnete Rolle. Den Kameras muss ich persönlich jedenfalls nicht unbedingt stellen.

Sie steht es mit Prinzipientreue?

Ja. Aber nur möglichst wenige Prinzipien, die man dafür umso treuer verfolgt.

Und Nibelungentreue?

So verschieden die Persönlichkeiten sind, für die ich gearbeitet habe, hatte ich stets das Glück, es mit viel Spaß und Überzeugung zu tun. Es gibt daher nicht einen einzigen Fall, in dem ich froh gewesen wäre, nicht mehr für sie tätig zu sein. Im Gegenteil. Die Vertrauensverhältnisse waren stets so gut, dass es zwar theoretisch in Richtung einer Art Nibelungentreue hätte gehen können. Ich bin allerdings nie in die Situation gekommen, das austesten zu müssen.

Ist Ihr Ethos, die eigene Sicht der Dinge jemals so mit denen der Partei kollidiert, dass es zu einem inneren, gar äußeren Zerwürfnis kam?

Nein, solch ein Zerwürfnis hatte ich eigentlich nie, also insofern, als ich etwas entgegen meiner eigenen Überzeugung vertreten musste. In Kleinigkeiten bin ich längst nicht immer einverstanden mit dem, was meine Partei oder die Fraktion macht. Aber alles war und ist nach meinem Dafürhalten bislang irgendwie erklärbar. Und sobald es das ist, kann ich es in meiner Funktion nicht rundweg ablehnen. Am Ende zählen auch für mich die besseren Argumente.

Sie sind jetzt auf dem Sprung zur Pressekonferenz, auf der die Zukunft von Hans-Georg Maaßen verkündet wird, dessen Absetzung als Verfassungsschutzchef die SPD gefordert hat. Schalten Sie angesichts dieses Erfolgs bei zwei Prozent Zuwachs der vorigen Sonntagsfrage in einen höheren Kampfmodus?

Wir sind eigentlich immer im Kampfmodus, aber sein Umfang entscheidet sich selten an Einzelereignissen; dafür sind unsere Aufgaben als Pressestelle zu vielschichtig und die Wahlumfragen zu variabel.

Haben Sie sich angesichts dieser dauernden Habachtstellung je gewünscht, dass Politik insbesondere für eine Partei wie die SPD bisweilen ein wenig langweiliger wäre?

Oh ja, ganz häufig! Unter der permanenten Anspannung bei stetig wachsender Geschwindigkeit kommunikativer Prozesse leidet nämlich definitiv das ruhige Nachdenken. Diese Zeit zur besonnenen Ausführlichkeit fehlt mir verglichen mit früher enorm. Wann lese ich schon mal die Seite 3 einer Tageszeitung? Aber das betrifft ja nicht nur den Beruf des Pressesprechers, sondern die Gesellschaft im Ganzen und die Politik im Besonderen.

Sie sagten eingangs, kein Lobbyist zu sein.

Ganz genau.

Weil Interessenvertretung dennoch gern über einen Kamm geschoren wird – hatten Sie je das Gefühl, ihr Beruf würde gesellschaftlich zu wenig anerkannt?

Nein, nie. Eben weil ich kein Lobbyist bin, sondern Sprecher einer Partei, zu der ich vollumfänglich stehen kann.


Chris Imler, Dissy, Peluché

Chris Imler

Wenn sich Schlagzeuger aus dem Hintergrund an die Bühnenkante wagen, fragt sich ja jedesmal, ob sie den Vordergrund eigentlich immer gesucht hatten, aber nicht hin durften, weil er halt besetzt war. Phil Collins ist da das berühmteste Beispiel, hat allerdings auch an den Drums schon gesungen. Dave Grohl ist das bessere Beispiel, muss aber auch bei den Foo Fighters eher schreiben. Bliebe noch Chris Imler, bei der Electropunkband Die Türen für den Takt verantwortlich und dort so unsichtbar, dass sein Solo-Ausflug Nervös vor vier Jahren viele schlicht umgehauen hat. Jetzt erscheint der Nachfolger dieses erstaunlichen Debüts und ist ernsthaft: umwerfend!

Auf Maschinen und Tiere macht der Berliner aus Augsburg abermals einen elektroalternativen Diskurs-Trash von nervenzerreißender Spannung, aber mehr noch als im Jahr vor der Flüchtlingskrise genannten Populismuskrise klingt er wie das Hintergrundrauschen einer disruptiven Gesellschaft auf der Suche nach Brücken über Gräben, die zertrümmert im Flussbett liegen. Das digitale Raunen und Grunzen und Fiepsen und Grummeln ist ganz ohne explizit politische Phrasen von so eindringlicher Aussagekraft, dass man überlegen sollte, AfD-Parteitage und Pegida-Demos fortan mit genau diesem Album in 120dB zu (zer)stören. Kein Album für den gemütlichen Sonntagskuchen, aber eines mit der Kraft, Gemüter aufzuwühlen.

Chris Imler – Maschinen und Tiere (staatsakt)

Dissy

Eine Jugend in Erfurt ist offenbar auch kein richtiges Zuckerschlecken. Die mittelgroße Stadt ist vielleicht nicht als Thüringer Chemnitz bekannt. Aber wenn Till Krücken in Rave On rappt, „seit der Pupertät befind ich mich im freien Fall / und feier‘ auf dem Parkplatz denn ich kam in die Disco nicht rein / mein inneres Kind ist verstoßen und im Heim / hier gibt’s Wodka und‘n Teil, um es wieder zu befreien“, dann klingt sein Debütalbum trotz fiebriger Beats nicht nach Clubkultur, sondern Bushaltestelle. Und genau da hat Dissy, wie er sich nennt, einen Hip-Hop kreiert, dessen Texte im Nebel düsterer Bässe und Drones dauernd nach provinzieller Ödnis klingen.

Langeweile reimt sich da schnell mal Steine oder Wald auf geil, und auch sonst rotzt Playlist 1 der Heimat von Catterfeld bis Clueso zehn Extraladungen Straßendreck ins Gesicht. Dass letzterer trotzdem zwei Tracks sein süßliches Gesangstimbre leiht, spricht allerdings dafür, wie gut man im Hinterland zusammenhält. Und wenn er in Die Welt Ist Bîse „Baby, ich glaube an das Glück“ beteuert, entdeckt Dissy selbst im kulturellen Nirwana Nischen der Selbstbehauptung. Ohne Hoffnungsschimmer ist die Provinz eben nicht nur öde, sondern schnell auch mal stockfinster.

Dissy – Playlist 1 (Corn Dawg Records)

Peluché

Welch emotionale Kraft Musik hat, zeigt sich am eindrücklichsten, wenn die Instrumente unserer Stimme besonders nah kommen. Das Plattendebüt des englischen Indiepoptrios Peluché etwa wird gleich zu Beginn von Saxofon-Fetzen zersägt, als seien es Hilfeschreie im EBM-Club. Nur ein Stück später erwecken Hi-Hat und Klarinette den Eindruck, jemand bitte zaghaft um Struktur im jazzigen Wirrwarr von Scared After All (Touch My Body). Bass und Gitarre hecheln anschließend wie Schnappatmung dem karibischen To Be A Bird hinterher. Und bei all der redseligen Gerätschaft ist vom ergreifenden, vielfach sirenenhaften Gesang der drei Londonerinnen noch gar nicht die Rede.

Auf Unforgettable zelebrieren Rhapsody Gonzales, Amy Maskell und Sophie Lowe einen orchestral aufgebrezelten Trip-Hop, dessen Bestandteile fortwährend miteinander kommunizieren. Meist klingt das dann, als wäre ihr Album kein Studioprodukt, sondern eine Art eskalierender Dinnerparty, auf der analoge Percussion mit digitalen Loops spricht und der Synthesizer gelegentlich ein wisperndes Piano über funkige Grooves tropfen lässt. Selten zuvor war derart rätselhafter Pop so mitteilsam und hörenswert.

Peluché – Unforgettable (One Little Indian)