Aktienkurse & Townhallmeetings

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Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Mai

Schwer zu sagen, was in der vergangenen Woche mediensoziokulturellpolitisch betrachtet deprimierender war. Dass sich der ehemals und irgendwie ja immer noch ein bisschen liebenswerte Sinnfluencer Fynn Kliemann mit jedem seiner schalen Entschuldigungsversuche mehr demontiert? Dass es schon als echtes Highlight diktaturresilienter Pressefreiheit gelten muss, wenn russische Hacker für fünf Minuten regimekritische Headlines in Putins Propagandaportale schmuggeln? Dass Elon Musk Donald Trump bei Twitter zu rehabilitieren plant, da dessen Verbannung „unmoralisch“ gewesen sein soll?

Jedes Ranking wäre da eines zerplatzter Träume von der Erde als lebenswerter Ort für alle. Immerhin: wenn die Verzögerung der Übernahme von Musks asozialem Spielzeug nicht nur ein (einigermaßen erfolgreiches) Manöver zur Aktienkursmanipulation war, wird die Erde vorerst wenigstens nicht schlagartig schlechter. Was aber könnte uns auf dem Weg zum Besseren Hoffnung machen? Der ESC am Wochenende jedenfalls nicht. Menschen, die Herzfingergestik beeindruckt, dürfte Samstag ab 21 Uhr zwar ziemlich warm ums echte Herz geworden sein.

Wer Eskapismus skeptischer sieht, kam bis eins aus dem Kotzen kaum raus, so wohlfeil und warenförmig waren die Bekenntnisse zu Diversität, Ukraine, Toleranz, Ukraine, Frieden, Ukraine, Vielfalt und Ukraine. Kann es noch schlimmer werden? Es kann! Auf Sat1 zum Beispiel, wo mittwochs ein Club der guten Laune das Gegenteil verbreitet und somit belegt, wie wenig Selbstachtung dem bedeutsamen Sender von einst noch geblieben ist.

Dann doch lieber Superhelden- oder SciFi-Spin-Offs bei Disney+ gucken, das die Zahl seiner Abos nach nur drei Jahren am Markt um ein sattes Drittel auf 137 Millionen gesteigert hat und dem Marktführer Netflix damit dicht auf den Fersen ist. Schon Ende 2023 könnte der Platzhirsch den Frischling überholen.

 

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Die Frischwoche

16. – 22. Mai

Dort läuft diese Woche – tja, bestimmt irgendwas, wovon uns das Portal vorab nicht in Kenntnis setzen wollte, weil egal. Widmen wir uns also den anderen. RTL zum Beispiel, das heute einen kugeligen kleinen Coup in Gestalt des Bundeskanzlers an Land gezogen hat. Um 22.15 Uhr steht er einem Townhall-Meeting um Pina Atalay Rede und Antwort über schwere Waffen, verlorene Wahlen und vielleicht sogar nebenbei um dieses andere Thema, wie hieß es noch gleich? Ach ja: Klimawandel.

Darum geht es am Donnerstag in der Arte-Mediathek nur dem Titel nach, tatsächlich aber handelt Wild Republic acht Teile lang von einer erlebnispädagogischen Maßnahme, die mit großem Getöse in den Alpen misslingt, was für deutsche Verhältnisse ganz gelungen ist. Schon heute startet bei Sky die Romantic-Mystery-Serie The Time Travellers Wife mit Rose Leslie, die ihrem Lover (Theo James) durch Zeit und Raum hinterherreisen muss, während die Biocom Beth und das Leben ab Mittwoch bei Disney+ in der fiktionalen Realität der ziemlich lustigen Stand-up-Komikerin Amy Schumer spielt.

Ab Freitag schickt der Sky-Achtteiler Night Sky Sissy Spacek in einer Art intergalaktischen Abstellkammer durchs Weltall, wo sie verrückte Sachen erlebt, die man durchaus gesehen haben sollte. Ob das auch für die parallel startende, spanisch-amerikanische Coming-of-Age-Serie 20 Years aka Now and Then gilt, können wir hier nur anhand der streamenden Plattform beurteilen. Weil sie Apple TV+ heißt, dürfte es sich aber lohnen. Und dann wäre da noch, als Sahnehäubchen der Woche, Becoming Charlie.

Ab Freitag begleitet die Instant-Drama-Serie Lea Drinda in der ZDF-Mediathek (Neo: 24. Mai) dabei, ihr Geschlecht zu variieren. Und nicht zuletzt wegen der leicht zu unterschätzenden Schauspielerin (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) hält das Diversity-Format in aller sechsteiligen Kürze ein paar angenehme Überraschungen bereit.


OK Kid: F4F & Drei

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Es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg

OK Kid machen seit ihrem Debüt vor neun Jahren alles Mögliche: HipHop, Indierock, Powerpop. Auf der fünften Platte Drei haben die drei Kölner aus Gießen das gefunden, was fehlte: den roten Faden. Worin der besteht, ob OK Kid eigentlich Musiker oder Aktivisten sind und wie man in Zeiten der Dauerkrise optimistisch bleibt, erzählen Sänger Jonas Schubert und Keyboarder Moritz Rech im Interview

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ihr habt vor diesem Interview live auf der Fridays for Future-Demo hier in Hamburg gespielt. War das der Grund, herzukommen?

Jonas Schubert: Genau, wir haben selber gestern Abend in Köln das erste Mal selbst vor 150 Leuten in unserer Stammkneipe das fertige Album durchgehört. Das war toll, aber auch ein bisschen ungewohnt, vor so vielen Leuten. Aber vorhin waren das nochmals viel mehr.

Moritz Rech: Wir haben schon öfter auf Demos wie diesen gespielt, weil es einfach geil ist, wenn Menschen für ihre Ideale auf die Straße gehen. Andererseits verbinden wir den Auftritt jetzt auch damit, über unser Album und die Tour zu sprechen, denn das haben wir seit 2019 schon nicht mehr gemacht.

Seid ihr auf einer Bühne wie der von Fridays for Future Aktivisten oder Musiker?

Jonas: In erster Linie sind und bleiben wir Musiker, deren Musik künstlerisch und ästhetisch im Vordergrund steht. Es gibt Bands, die findet man wegen der Haltung geil, aber die Musik scheiße. Und es gibt Bands wie The Smiths, deren Musik geil ist, die man aber nicht mehr hören kann, weil Morrissey mittlerweile ein nationalistischer Vollspacken ist. Wir probieren beides nicht zu sein, sondern gute Musik zu machen und damit auszudrücken, was uns bewegt.

Moritz: Weil das aber nun mal oft sehr politisch ist, drückt die Musik auch unsere Haltungen aus.

Jonas: Und in dem Sinne sind wir dann schon auch Aktivisten.

Und als was nimmt euch das Publikum denn eher wahr?

Moritz: Das hat eine Wendung genommen. Je mehr wir uns über gesellschaftliche Entwicklungen klar äußern, desto aktivistischer empfindet es vermutlich auch das Publikum. Am Anfang waren wir sogar explizit unpolitisch.

Jonas: Was auch damit zu tun hat, wie wir nach der Wende so aufgewachsen sind. Unsere Jugend war von Wohlstand und Privilegien geprägt, nicht von Politik oder Krisen wie heute. In dieser peacigen Zeit haben wir uns vor allem um uns selbst gedreht. Klar waren man gegen Nazis und auch mal auf Demos. Aber ich war nicht mal wählen! Und auf einmal: Klimakatastrophe, Rechtsruck, Wir-sind-das-Volk-Gegröle, Pandemie…

Moritz: Jetzt auch noch Krieg.

Jonas: Von daher haben nicht wir uns verändert, die Welt hat uns verändert.

Glaubt ihr denn im Umkehrschluss, die Welt mit eurer Musik und Haltung wieder zurückverändern zu können?

Moritz: Schön wär’s…

Jonas: Erstmal verändern wir uns mit der Welt, damit man sich nicht so sinnlos und ohnmächtig vorkommt. Denn so wichtig Bilder und Messages großer Demos wie der von vorhin sind: es geht dabei immer auch ein bisschen um einen selber, dieses Gefühl, Gleichgesinnte zu haben und zu treffen. Das ist beim Musikmachen generell gar nicht anders.

Moritz: Wenn ich von mir auf andere schließe, bewegt Musik unglaublich viel. Sie führt Menschen zusammen, kann auch heilsame Wirkung haben und sorgt dafür, sich mit seiner Sicht auf die Welt weniger allein zu fühlen. Trotzdem ist nach einem Konzert grundsätzlich selbst dann nichts besser, geschweige denn gut, wenn wie bei Fridays for Future schon mal 200.000 Leute da sind.

Moralisch legt ihr die Messlatte dabei – wie auf eurer neuen Platte – von Klimawandel über Konsumkritik bis toxische Männlichkeit mittlerweile extrem hoch. Kommt ihr da auch privat drüber?

Jonas: Drei ist in erster Linie eine Befindlichkeitsplatte, die in der Corona-Zeit sehr ich-bezogen, also aus persönlicher Perspektive heraus entstanden ist. Die Aussagen sind dadurch einerseits von der aktuellen Politik, aber auch von einer Art Weltschmerz geprägt, wie man es überhaupt hinkriegt, aus dem Bett zu kommen. Von daher war dieses Album mehr als jedes zuvor ein Stück Selbsttherapie, um mit der Situation klarzukommen.

Moritz: Und gerade deshalb darf man die Haltungen darauf nicht mit erhobenen Zeigefingern verwechseln. So sehr wir versuchen, uns und damit Dinge zu ändern: wir sind Teil der Krise, also Teil des Problems.

Sind die Texte demnach allesamt autobiografisch?

Jonas: Die Geschichten sind nicht immer autobiografisch, die Emotionen dahinter schon. Und alles hängt auch immer noch davon ab, wie ich sie nach welchem Reimschema singe. Handwerk, Lyrik, Rhythmus, Duktus – alles nimmt Einfluss auf die Geschichten.

Eine gute Punchline ist also manchmal wichtiger als der passende Inhalt?

Jonas: Ich liebe Punchlines und schreibe immer noch wie ein Rapper, obwohl wir Pop machen.

Ist eine Story vom Polizisten Dennis in Hausboot am See zum Beispiel real?

Jonas: Den gibt es wirklich. Die Geschichte ist aber so persönlich, dass ich Namen geändert und eigentlich auch nicht darüber reden möchte. Es gab das Hausboot, es gab den Junggesellenabschied und danach keinen Kontakt mehr.

Wie authentisch sind Zeilen wie „ich bin Halbtagsmisanthrop und Quartalstrinker“?

Jonas: Auch da ist was Wahres dran. Ich liebe Menschen und finde sie gleichsam so bescheuert, dass diese Punchline nicht nur reinmusste, weil ich sie mochte. Wobei sich das Misanthropische eher auf Männer als Menschen bezieht. Klimakrise ist männlich, Kriege sind männlich, Kapitalismus ist männlich. Da hilft als Mann manchmal nur Quartalstrinken.

Sowohl Halbtagsmisanthrop als auch Quartalstrinker klingt so ein bisschen verzagt und larmoyant. Ist Drei ein optimistisches oder pessimistisches Album?

Jonas: Weder noch. Wenn ich singe, es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg, habe ich damit schon vor einem Jahr keinen Gemütszustand beschrieben, sondern die Realität. Die Platte ist komplett frei von Selbstmitleid, denn es ist total nachvollziehbar, sich schlecht zu fühlen. Weil mir die Filter für schlechte Nachrichten fehlen, war ich in all den Krisen zuletzt wie gelähmt, habe mich aber trotzdem aufgerafft.

Moritz: Geht mir genauso, ich finde einfach keine Lösungen in mir und schiebe die Realität beiseite. Wie soll man das sonst alles ertragen.

Jonas: Da wären wir wieder bei der Frage, was Musik verändern kann. Denn zumindest zeigt sie den Leuten, die sie hören, dass Leute da draußen genauso denken. Daraus kann, besonders auf Konzerten, was Positives entstehen.

Zumal ihr die tragischen Texte an bedingungslos gutgelaunten Sound, manchmal sogar mit Schulterpolster-Saxofon und Eurodance, koppelt.

Moritz: Es gibt schon Stücke, in denen Text und Musik eins zu eins übereinander passen. Bei einigen lassen wir es aber tatsächlich bewusst eskalieren.

Jonas: Deshalb haben wir nicht nur das erste Saxofon-Solo auf einer Platte von OK Kid, sondern auch das erste Gitarrensolo. Dafür hätten wir uns vor fünf Jahren noch geschämt.

Moritz: Wobei wir schon immer einiges zugelassen haben, aber auf der Suche nach einem roten Faden waren. Den haben wir diesmal gefunden: Keine Schranken mehr, Begrenzung nur durchs Equipment, alles rein!

Das Interview lief zuvor bei Musikblog.de

Pressefreiheit & Sozialkritik light

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Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Mai

Der Tag der Pressefreiheit müsste eigentlich längst in Tag der Pressefreiheitsdefizite umbenannt werden. Als er sich den 3. Mai mit Tagen des Waldkindergartens, der Teppichfalte oder einem National Paranormal Day in Amerika teilen musste, ging es dem Gedenkgrund schließlich schlecht wie selten seit Franz-Josef Strauß. Deutschland rutschte im Ranking pressefreier Nationen vom 13. auf den 16. Platz ab, was bedenklich ist. Wenngleich nicht halb so sehr wie der Absturz Österreichs von Position 17 auf 31.

Anders als hierzulande, wo die Presse vor allem von privatwirtschaftlicher und rechtspopulistischer Seite – oft buchstäblich – angegriffen wird, stand die journalistische Berichterstattung dortzulande unter exekutivem Beschuss korrupter Bundeskanzler (Sebastian Kurz) korrupter Parteien (Sebastian Kurz) korrupter Regierungen (Sebastian Kurz). Doch weil der Hauptdarsteller dieses durch und durch korrupten Systems (Sebastian Kurz) am 3. Mai längst seine Anschlusskarriere als ultraliberaler Rechtspopulist von Trumps Gnaden plante, machten sich seine Brüder im Geiste daran, die Pressefreiheit weiter auszuhöhlen.

Allen voran Stephan Mayer. Dienstag wurde publik, dass der CSU-Generalsekretär einem Reporter wegen seiner Gossip-Story die Vernichtung angedroht hatte und der Bunte gleich mit. Ob die überhaupt Presse im journalistischen Sinn ist, könnte man mal diskutieren. Aber dass Mayer seinen Rücktritt mit gesundheitlich begründete, was Parteichef Söder zur „menschlichen Tragödie“ verkleinerte, ist für unsere Demokratie sogar noch gefährlicher als der umgekehrte Weg des baden-württembergischen Innenministers.

Donnerstag wurde bekannt, dass Thomas Strobl Interna eines laufenden Gerichtsverfahrens wegen sexueller Nötigung gegen den Landespolizei-Inspekteur durchgestochen hatte. Richtig skandalös wurde dieser Rechtsbruch allerdings erst, weil ihn Strobl zur Transparenzoffensive erhob, obwohl er nur ein Medium einbezogen hatte. Und damit zu Fynn Kliemann. Am 3. Mai hat der Kuschel-Anarchist Fragen von Jan Böhmermann zur Maskenaffäre, die Freitag im ZDF Magazin Royal publik wurde, nicht der Redaktion, sondern bei Youtube beantwortet. Philanthropie Light, gewissermaßen.

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Die Frischwoche

9. – 15. Mai

Sozialkritik light liefert dagegen die ZDF-Serie Wendehammer. Ab Donnerstag erzählt das alltagsfeministische Dream-Team Alexandra Maxeiner (Buch), Ester Amrami (Regie) und Diana Hook (Produktion) sechs Teile auf originelle Art massenkompatibel von vier Bewohnerinnen (Meike Droste, Susan Hoecke, Friederike Linke, Elmira Rafizadeh) einer suburbanen Spießersiedlung, denen ein langzurückliegender Mord das Spießersiedlungsleben versaut.

Auf salonreaktionäre Art geschichtsrevisionistisch startet Sky tags drauf den nächsten Waschgang deutscher Kollektivschuldnegation. Schlimmer noch als die 2. Staffel steigt Nr. 3 am Samstag auf so AfD-kompatible Weise auf Das Boot, dass man sich die Weltkriegsarie spontan ersparen möchte – und wohl auch sollte. Gibt ja auch andere, bessere, politisch weniger bedenkliche Sachen zu streamen in der kommenden Woche. Claire Danes (Homeland) als Londoner Witwe im viktorianischen England zum Beispiel die auf ihrer romanverfilmten Suche nach der Schlange von Essex ab Freitag den nicht minder mysteriösen Vikar Will (Tom Hiddleston) findet.

Zeitgleich im Angebot von Apple+: Die musikalisch modernisierte Aschenputtel-Version Sneakerella. Auf Netflix startet derweil The Lincoln Lawyer worüber man mangels Respekt des – zum Glück schlingernden – Marktführers vor der journalistischen Berichterstattung mal wieder nix sagen kann (und will). Der amerikanisch-japanische Neo-Noir-Achtteiler Tokyo Vice dagegen, den Starzplay ab Sonntag von HBO Max importiert, wurde nach der Ausstrahlung in den USA zu Recht schwer gelobt. Und am Abend zuvor war auch irgendwas. Ach ja – der ESC im Ersten…


Sebastian Koch: Your Honor & Euer Ehren

koch

Spielberg ist ein extrem freundlicher Mann

Spätestens seit seinem oscargekrönten Welterfolg Das Leben der Anderen ist Sebastian Koch (Foto: Andreas H. Bitesnich) einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler. Warum, zeigt er in der ARD-Serie Euer Ehren (abrufbar in der Mediathek). Sein Richter auf Abwegen ist zwar ein Remake vom Remake, aber brillant verkörpert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie vor den Dreharbeiten zu Euer Ehren die amerikanische Version dieser israelischen Serie mit Bryan Cranston gesehen?

Sebastian Koch: Ich hab‘ mich nicht getraut – aus Angst, dass es mich irgendwie besetzt und beschränkt. Aber jetzt, wo ich unsere Serie am Stück gesehen habe und sehr begeistert bin, kann ich das ja nachholen.

Cranston meint über den Michael Desiato, der wie Ihr Michael Jacobi zur Rettung seines straffälligen Sohns unablässig Recht bricht, wer wie er mit Anfang 60 Richter spielt, könnte sich bereits auf dem Weg ins Alterswerk befinden. Sie sind jetzt Ende 50…

Der Titel „Euer Ehren“ klingt natürlich mehr noch als Your Honor ein bisschen sakral, aber ich empfinde den Versuch, seine demokratischen Werte und Einstellungen aktiv umzusetzen als so dynamisch, dass er überhaupt kein alter Sack ist. Deswegen bewerte ich ihn auch nicht nach Alterskriterien.

Nach welchen dann?

Seinem Anspruch an sich selber. Bislang lief bei ihm alles nach Plan, seine Karriere entsprach unserer Wunschvorstellung vom Richter als Idealist, der für die Gerechtigkeit alles sehr genau bewertet. Trotzdem reicht am Ende eine Lüge, um seine Fähigkeiten in einem Abwärtsstrudel so zu überfordern, dass er seine Werte nach und nach aufgibt und aufhört, ein Richter zu sein.

Haben Sie selber schon mal vor einem Richter gesessen?

Vor einer Richterin. In einem Verkehrsdelikt.

Welches Bild von dieser Institution hat sich Ihnen dabei eingeprägt?

Ein beklemmendes. Das liegt im Umstand eines gewissen Freiheitsentzuges, aber auch an der Berufskleidung, die einem Pfarrer nicht unähnlich ist. Wobei Jacobi die Rechtsprechung wirklich als Rechtsprechung auffasst, in seiner Haltung fast schon links ist und deshalb auch dieses einschüchternde, emotionslose Juristendeutsch vermeidet. Ich selbst bin mit Anwälten befreundet, bei denen der Paragrafenwald auf distanzierte Art bis in die Alltagssprache wächst. Bisweilen sehr befremdlich. Jacobi ist da anders, wird von den Ereignissen am Ende aber genauso vor sich hergetrieben, wie alle anderen.

Wie würden Sie als Vater von zwei Kindern denn reagieren, wenn die Rettung eines der beiden nur auf der schiefen Bahn möglich scheint?

Das ist mir zu hypothetisch, deshalb habe ich den Gedanken auch gar nicht zugelassen für die Rolle. Jacobs Reaktion folgt keinem Plan, sondern ist rein intuitiv. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie in eine Kugel springen, die auf ihr Kind abgeschossen wird?

Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen.

Gut gelöst, Herr Freitag. Michael Jacobi ist gesprungen, aus dem Bauch heraus, aber mit allen Konsequenzen. Genau das macht den Stoff so spannend und aussagekräftig, was grad unsere Gesellschaft betrifft, die durch Krisen wie den Rechtsruck so durcheinandergeschüttelt wird, dass sich die Kategorien richtig und falsch zusehends auflösen. Die Serie hebt deshalb nie den Zeigefinger, das gefällt mir sehr. Auch, weil das deutsche Fernsehen Gut und Böse gerne klar voneinander abgrenzt. Wer wo steht, erfährt man oft schon durch die Musik. Deshalb mag ich Geschichten wie diese, die auch mir als Darsteller lieber Fragen stellen als Antworten zu geben und damit wirklich nahekommt, ohne moralisch zu werden.

Wenn man wie Sie öfter abgründige Figuren wie Albert Speer, Rudolf Höß oder Stauffenberg spielt – bergen Fragen ohne Antworten und Nähe ohne Moral da nicht die Gefahr der Verharmlosung?

Gute Frage. Denn gerade beim Speer war ich mit Heinrich Breloer nicht ganz d’accord, wie er diesen Täter zum Mitläufer gemacht hat, der sein Umfeld nur perfekt und mit ausgeklügeltem, hochintelligentem Kalkül belogen hat. Ich bin mir sicher, der hat sich geglaubt, das Richtige zu tun, war also im besten Sinne dieses deutschen Wortes in seiner Realität „ver-rückt“, also einer der Guten. Und gerade da fängt es ja an in unsere Nähe zu kommen. Das Monster können wir wegschieben, indem wir sagen, „das hat nichts mit uns zu tun“, den Menschen aber müssen wir aushalten und uns mit ihm beschäftigen. Sich in diesem Bereich zu bewegen, ist für mich nicht nur als Schauspieler enorm spannend.

Durch Formate wie Speer und Er ist auch der internationale Film auf Sie aufmerksam geworden. Wie war es, vom beengten deutschen auf den globalen Markt zu kommen?

Unabhängig von der Frage, ob das mit der deutschen Enge stimmt, war es auf jedenfalls etwas völlig anderes, international zu drehen – schon wegen der Sprache. Auf Französisch zum Beispiel ist meine Stimme ein bisschen höher, auf Englisch geht sie runter. Ich finde es großartig, in Fremdsprachen zu drehen; das Improvisieren fällt zwar schwerer, es öffnet aber neue Türen auf größere Märkte mit anderen, oft besseren Stoffen.

Wenn Sie zugleich ein deutsches und ein englisches Drehbuch von vergleichbarer Qualität auf den Tisch kriegen – für welches entscheiden Sie sich da?

Kommt auf die Menschen an. Als ich vor Euer Ehren David Nawrath traf, wusste ich sofort, in seiner liebevollen Atmosphäre möchte ich arbeiten. Es ist ein Geschenk, jemanden wie ihn zu finden, der in seinen Filmen nichts behauptet, sondern einfach zeigt, wie es ist. So was findet man auch bei Steven Spielberg, mit ihm Bridge of Spies zu machen, war ein Fest.

Aber auch ohne Fest: Spielberg spricht doch für sich, oder?

Eben nicht. Wenn Atmosphäre und Buch gut sind, ist der Name egal und wenn er es nicht ist, dann eben, weil Steven Spielberg so ein extrem freundlicher Mann ist. Ich urteile da eher nach meinem Bauchgefühl.

Das man sich aber auch erarbeitet haben muss?

Da ist ein bissl was dran, führt allerdings eher dazu, sich auch mal zur Ruhe kommen zu lassen und nicht alles anzunehmen. Es gefällt mir sehr, weniger zu drehen als vor fünf oder zehn Jahren und das, was ich mache, mehr zu genießen.

Kann ein Filmstar dennoch starstruck sein, wenn sich zum Beispiel die Möglichkeit bietet, mit Benedict Cumberbatch zu arbeiten?

Kann sein, hab‘ ich auch einmal gemacht, um mit Julianne Moore zu arbeiten, die ich unbedingt mal kennenlernen wollte. Der Film hieß Belcanto, und ganz ehrlich? Da gibt es Bessere. Aber mit Julianne Moore zu drehen, war toll, die ist echt ‘ne Wucht. Trotzdem, die Geschichte sollte doch im Mittelpunkt stehen und das erste Kriterium sein.

Gibt es jemanden, für den Sie alles stehen und liegen lassen würden?

Natürlich kann mir sowas immer wieder passieren (lacht). Guillermo del Toro zum Beispiel, der so spezielle Sachen wie Nightmare Alley oder Pan’s Labyrinth gemacht hat, Sean Baker mit „The Florida Project“, oder Paul Thomas Anderson, dessen Licorice Pizza Lust auf Filme macht, weil es darin um so wenig und zugleich um alles geht. Da kann die Geschichte auch mal den ein oder anderen Schwachpunkt haben.

Auch für Low- oder No Budget Filme junger, hungriger Regisseure, bei denen es außer Renommee womöglich nichts zu verdienen gäbe?

Es geht mir nicht in erster Linie um Gage, aber wenn ein Film am äußersten Gießkannenrand der deutschen Filmförderung liegt, nur im Feuilleton euphorisch besprochen wird und ihn außer 400 deutschen Akademiemitgliedern niemand sieht, würde ich mir doch überlegen, vielleicht abzusagen. Aus meiner Erfahrung findet aber ein wirklich kraftvolles Drehbuch seinen Weg und die damit verbundene Finanzierung und Aufmerksamkeit. Es gibt halt nicht so viele davon…


Bilds Becker & Warners Rapper

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Die Gebrauchtwoche

25. April – 1. Mai

Ach Boris – was warst du tröstlich, was warst du nervig, was hast du uns seit 1985 für Geschichten erzählt, von denen wir viele zwar gern überhört hätten, aber du warst immer da im Lichtkegel des Boulevards von Bild bis Bunte. Weltbewegend war da alles nie, aber auch nicht weiter störend. Jetzt aber, im Spätherbst deiner Karriere, hast du uns einen Moment nervig-tröstlicher Katharsis geschenkt: Nachdem Boris Becker am Freitag wegen Insolvenzverschleierung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, begannen selbst seriöse Hauptnachrichten mit diesem Londoner Richterinnenspruch.

Kein Krieg, kein Corona, weder Inflation noch Gaspreise, sondern ein gefallener Tennisstar als Top-News – das stellt sogar jene vom Blender der Vorwoche in den Schatten: Anders als kolportiert, wird Elon Musk Twitter nicht für 42 oder 43 Milliarden Dollar von der Börse nehmen; er lässt sich den Großangriff auf seine Midlifecrisis nun stolze 44.000.000.000 kosten und reiht sich damit in Gruppe Superreicher ein, die ihre Macht mit Medien aller Art zementieren.

Immer noch kein echtes Schnäppchen für den unprofitablen Messenger-Dienst. Aber für Elon I., dem Meinungs- und Pressefreiheit sogar noch ein bisschen unwichtiger sind als Klimaschutz oder Demokratie, ein billiges Vehikel, um die Agenda vom ultraliberalen Nachtwächternationalstaat mit aller, für alle Macht voranzutreiben. Völlig folgerichtig gab es dafür bislang nur von einer Seite Applaus: der rechtsradikalen, impfkritischen, realitätsverleugnenden, querdenkenden in aller weißer alter Herren Länder.

Einer Kohorte, der nicht nur der gleichstellungsgerechte Verein Pro Quote mit wachsendem Frauenanteil die Hölle heiß macht. Auch ein Geschlechtsgenosse wie Hans Janke steht, besser: stand auf der anderen, der besseren Seite. Als langjähriger Programmdirektor hatte sich der frühere Leiter des Adolf-Grimme-Instituts in den Neunzigern mit aller Kraft gegen die Verflachung des ZDF aufgelehnt und damit häufig Erfolg. Jetzt ist er mit 77 Jahren in Wiesbaden gestorben und wir merken: da wird einer fehlen.

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Die Frischwoche

2. – 8. Mai

Frisches, gutes, originelles, dennoch publikumswirksames Fernsehen sieht man schließlich mehr und mehr auf Videoportalen wie Warner TV Serie, das hierzulande über Sky empfänglich ist. Mit Almost Fly startet dort heute ein Sechsteiler, der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgeschlossen ist – eine überdreht heitere und trotzdem reflektiert kluge Erzählung über die Anfänge des Deutschrap anno 1990. Nicht frei von Stereotypen, die Showrunner Florian Gaag 16 Jahre nach seiner autobiografischen Fiktion Wholetrain aber in ein schillernd schönes HipHop-Graffiti verwandelt.

Auch RTL schiebt seine Vorstadtweiber-Version Herzogpark um drei Schickeria-Gewächse (Lisa Maria Potthoff, Antje Traue), die gemeinsam mit einem Ex-Knasti (Heike Makatsch) gegen den Immobilienhai van der Brock (Heiner Lauterbach) zu Felde ziehen, tags drauf auf die Plattform mit + dahinter ab. Beim Hauptprogramm bleibt daher mehr Zeit für die Vergangenheit in Gestalt von Harry Wijnvoord, der am Mittwoch nach 25 Jahren Pause wieder zu Der Preis ist heiß bittet.

Für Nostalgiefans ein Muss, aber wer der Realität nicht entkommen möchte, dem sei parallel dazu die ZDFinfo-Serie Lüge und Wahrheit empfohlen, ein sechsteiliger Ritt durch die Macht der Information ergo Propaganda von Krieg über Religion und Medien bis hin zu Verschwörungsideologie. Und das Hauptprogramm? Bittet Andrea Kiewel in Die große Show der schrägen Fragen, von denen uns hier wirklich keine einzige interessiert auch nur annähernd so interessiert wie Marilyn Monroes Cold Case: Tod einer Ikone, am Donnerstag auf Arte.

Oder zum Wochenende in der Mediathek des Kulturkanals: State of Happiness, eine achtteilige Dramaserie um die norwegische Energie-Wirtschaft der späten Sechziger von Petter Næss und Pål Jackmann im Mad-Men-Stil. Letzter Online-Tipp: The Staircase, ein achtteiliger HBO-Thriller mit Colin Firth, tags zuvor bei Sky.


Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)


Daniela Hoffmann: Julia Roberts & Gaslit

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Hello, I’m your voice, oder wat?!

Wer Julia Hoffmann berlinern hört, ahnt nicht, dass sie seit 30 Jahren die deutsche Stimme von Julia Roberts ist – auch in der Starzplay-Serie Gaslit. Ein DWDL-Gespräch mit Deutschlands bekanntester Synchronspercherin über Labiallaute, Übersetzungssexismus, Julias Kiekser und warum sie unfreiwillig oft Originalfassungen schaut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hoffmann, Sie meinten vorm Interview, eigentlich nicht so gern im Mittelpunkt zu
stehen, aber für Gaslit würden Sie mal eine Ausnahme machen. Warum?

Daniela Hoffmann: Weil es eine unglaublich hochwertige Produktion ist, für die Starzplay
Oscars kriegen müsste, wenn das für Serien ginge. Maske, Schnitt, Regie, die Schauspieler
natürlich, allen voran Sean Penn – alles einfach genial gut.

Und Julia Roberts?

Ach, die war ja eigentlich schon immer gut, aber mittlerweile ist sie es auch deshalb, weil sie so normal gereift ist, ohne sich botoxen zu lassen. Ich bewundere das auch, weil Frauen über 50 normalerweise gar keine Rollen mehr kriegen und wenn doch, nur beschissene. Da sich hat Julia Roberts gesagt, sie produziert eben selbst.

So wie Gaslit.

Und vorher Homecoming. Auch wenn das vielleicht blöd klingt: mit ihrem Geld und Einfluss kauft sie sich gewissermaßen die Würde ihrer Charaktere, die zwar immer noch sexy sind; ist halt Julia Roberts. Aber eben auch altersgerecht und anspruchsvoll, ohne nur weibliche Rollenklischees zu bedienen.

Sie selbst sind ungefähr in Julia Roberts Alter. Synchronisiert man sie da einfach reifer oder verändert sich die Arbeit am gealterten Original grundsätzlich?

Ach, ich kenne Julia Roberts mittlerweile so gut, dass die Art, wie ich sie spreche einfach mitgealtert. Bei Pretty Woman musste ich ihre charakteristischen Kiekser und Tonsprünge noch kopieren. Mittlerweise sind die einfach drin in mir, alles automatisch.

Sind Sie am Sprecherinnenpult dann ein bisschen Julia Roberts oder bleiben sie Daniela Hoffmann?

Da ticken alle Synchronsprecher anders, aber ich verschmelze wirklich mit der Figur, die ich spreche, nicht nur im Falle Julia Roberts. Einige von uns machen ihr eigenes Ding und versuchen – was manchmal möglich ist – das Original zu verbessern. Obwohl ich Schauspielerin bin, orientiere ich mich dagegen voll und ganz am Original; das bin ich der Figur, aber auch dem Drehbuch oder Regisseur schuldig. Haben Sie die Serie gesehen?

Nur im Original; Ihre Synchronisation war noch nicht verfügbar.

Da haben Sie ja gehört, wie emotional Julia Roberts Martha Mitchell interpretiert. Diese Verzweiflung ziehe ich mir als Sprecherin so rein, dass ich beim Sprechen schon mal weine und nach Feierabend besser nicht angesprochen werde – so aufgewühlt bin ich noch. Das passiert aber nur bei hochwertigen Formaten wie diesem hier, nicht immer. Bei weniger hochwertigen bleibe ich außerhalb der Figur, das ist auch okay.

Was ist Ihnen in beiden Fällen wichtiger: Lippensynchronität oder Textauthentizität, also Form oder Inhalt?

Das Spiel bleibt am wichtigsten, aber mit der nötigen Hingabe ist es zu 99 Prozent möglich, beides in Einklang zu bringen. Und falls das nicht geht, mach ich die Sache schon lange genug, um Texte so abzuändern, dass sie passen. Manchmal übersehen selbst erfahrene Schreiber ja einen Labial.

Labial?

Konsonanten mit Lippenverschluss.

M, B, P, F, V, W.

Wobei die letzten drei Halblabiale sind. Regisseur, Cutter, Toningenieur oder eben ich finden fast immer Worte, wo die Übersetzung zu viel oder zu wenig Labiale hat; das fällt beim Zusehen auf. „Remember“ hat drei, „erinnern“ null; da muss man eine Alternative finden, die das Gleiche aussagt, aber lippensynchron ist. Gerade bei Julia Roberts sind aber alle so gut eingespielt, dass das kein Problem ist. Problematisch ist eher was anderes mittlerweile.

Nämlich?

Sie ist ein bisschen tiefer geworden, während ich etwas höher geblieben bin. Hier hat das aber auch mit ihrem texanischen Slang zu tun, den man auf Deutsch kaum kopieren kann.

Wobei Frauen hierzulande auffallend oft höher synchronisiert und gelegentlich sogar zu kleinen Mädchen verniedlich werden.

Aber doch nicht meine Julia?

Nein.

Als gebürtige Ostberlinerin, die sehr emanzipiert erzogen wurde und aufgewachsen ist, stört mich das auch manchmal, auch im Privaten. Dieses Mädchenschema. Julia Roberts und ich sind inzwischen so verschmolzen, dass der tiefere Ton automatisch kommt.

Wie klingt sie denn so im persönlichen Gespräch?

Keine Ahnung, ich habe sie nie getroffen. Was aber eher daran liegt, dass sie seit Jahrzehnten nicht so gerne reist, auch Premieren bleibt sie meistens fern. Vor der von Pretty Woman, als sie noch keine Kinder hatte, sollte es ein Treffen geben, aber weil mich Journalisten gebeten hatten, dabei mit ihr wie auf dem berühmten Filmplakat mit Overknee-Stiefeln an der Wand zu lehnen, hab‘ ich dankend abgelehnt.

Und bei anderer Gelegenheit?

Stand mir vielleicht ein bisschen die DDR-Schule im Weg. Da hat man nämlich Russisch statt Englisch gelernt, und meine Zweitsprache war Französisch. Mittlerweile kann ich zwar ganz gut Englisch und verstehe auch fast alles. Aber damals hätte ich mich gar nicht mit ihr unterhalten können. „Hello, I’m your voice“ und sie dann: „Hello, I’m your body“, oder wat?!

Kennt Julia Roberts wenigstens Ihre Stimme?

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es gibt die Erzählung, dass amerikanische Produzenten meine Art ihrer drei Arten, dreckig zu lachen, beim Casting zu Pretty Woman am besten fanden. Vielleicht hat sie die Probeaufnahmen auch gehört.

Am besten, weil Sie damals noch eher Schauspielerin als Synchronsprecherin waren?

Vielleicht. Aber mittlerweile spreche ich mehr als zu spielen. Was auch daran liegt, dass es für Frauen meines Alters weniger gute Rollen gibt und ich kein Geld habe, mir wie Julia eigene schreiben zu lassen. Beim Sprechen mag ich erste Liga sein, als Darstellerin durfte ich nie so ganz vorne mitspielen. Aber alles hat seine Zeit und diese ging irgendwann einfach zu Ende.

Wurden Sie als Schauspielerin auch mal wegen Ihrer Stimme gebucht, so als Hollywood-Zugabe?

Im Gegenteil, das war eher kontraproduktiv, weshalb ich beim Casting auch extra berlinere. Mir fehlt einfach das Glamouröse ihrer Ausstrahlung, die stünde meinen Rollenprofilen im Weg; ich war da oft eher Typ Putzfrau.

So wie Sie hier gerade sprechen, werden Sie in der Öffentlichkeit vermutlich auch gar
nicht als Julia Roberts erkannt.

Nie. Als Hamburger kennen Sie vermutlich nicht Radio Paradiso, den gefühlt alle Taxifahrer in Berlin hören. Ich mache da die Station-Voice, spreche also Jingles und so. Trotzdem erkennen mich Taxifahrer selbst dann nicht, wenn ich dabei gerade neben ihnen sitze.

Sie klingen da jetzt auch nicht enttäuscht, unerkannt zu bleiben.

Da fehlt mir ehrlich die Eitelkeit. Manchmal werde ich wegen meiner Rollen im „Landarzt“
oder so erkannt, das finde ich irgendwie nett. Aber als Synchronsprecherin stehe ich nun mal
nicht im Mittelpunkt.

Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser langen Zeit verändert?

Sie ist unglaublich schneller geworden. Wir leisten in derselben Zeit das vierfache Pensum als 1990 – ohne, dass sich die Gage mitvervierfacht hätte (lacht). Dafür standen wir damals oft zu viert im Studio, jetzt werden alle einzeln aufgenommen; das spart natürlich Wartezeit. Früher lag das Tagespensum dagegen bei 80 Takes, heute sind es 250, können aber auch 400 sein.

Ist es organischer, also schauspielerischer, wenn alle gemeinsam im Studio sind?

Für manche mag das so sein, für mich nicht. Auch wegen der Erfahrung, zu wissen, wie Kollegen ihre Takes sprechen, ohne dass ich sie dabei sehe. Was allerdings komplizierter ist als damals: wir kriegen die Filme aus Gründen der Geheimhaltung selten im Ganzen, sondern nur noch stückweise zu sehen. Alles sehr verschwiegen.

Wie sehen Sie selbst eigentlich fern – synchronisiert oder original?

Ich beginne oft im Original, um mein Englisch aufzufrischen, ende aber gern in der Synchronfassung. Wenn meine Kinder hier sind, läuft aber fast nur original, weil beide perfekt Englisch sprechen. Mein Großer kann sogar noch Koreanisch, der ist mit einer Koreanerin verheiratet; da bin ich natürlich der Doofdepp aus dem Osten, die darum kämpfen muss, wenigstens Untertitel anzuschalten. Selbst, wenn wir was mit Julia Roberts schauen, läuft das Original.

Nee!

Doch (lacht). Dann sag ich manchmal, Mensch, ihr lebt von der Synchro, verdammte Hacke. Aber machen wir uns nichts vor: es gibt auch unter Jüngeren viele, die nicht genug Englisch sprechen oder zu wenig Lust auf Mitlesen haben. Wir werden noch gebraucht!

Und wie lange werden Sie noch für Julia Roberts gebraucht?

Bis sie aufhört und der Verleih mich bezahlt. Verglichen mit Julia Roberts verdiene ich zwar fast nichts, bin aber durch meine Erfahrung schon etwas teurer. 2000 Mark vor Steuern wie für „Pretty Woman“ sind es jedenfalls nicht mehr. Wenn da jemand entscheidet, sie wollen wen Günstigeres, bin ich weg und irgendwann vergessen. Es ist, wie’s ist.


Xaviers Abbitte & McKays Lakers

TV

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. April

Die Welt ist wieder ein Stück weit besser geworden. Frankreich hat die Kuschelnationalsozialistin Marine Le Pen mit lächerlichen 41 Prozent der Stimmen an den Rand der Bedeutungslosigkeit verabschiedet. In Polen oder Ungarn werden regierungskritische Journalist*innen noch immer nicht standrechtlich erschossen. Ukraine-Krieg, Gaspreise, Inflationsangst haben die Klimakrise beendet. Und dann leistet Reichsbürger-Heulsuse Xavier Naidoo auch noch Abbitte, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Alles in Ordnung also in aller Herren Länder.

Außer Kalifornien.

Dort hat Netflix einen Rückgang von 200.000 Abos vermeldet – wenngleich inklusive jener 700.000 Zugänge, die in Russland gerade kriegsbedingt gesperrt wurden. Ist also alles in allem gar nicht so fürchterlich um den globalen Marktführer bestellt, auch wenn ihm der Aktienkurs zwischenzeitlich eingebrochen ist. Das jedoch passierte auch Mark Zuckerbergs Metaverse, dessen Börsenwert seit seinem Urknall um ein Drittel abgestürzt ist. Und dann hat CNN – unterm Jubelgeschrei von Donald Trump – auch noch das Ende seines digitalen Ablegers CNN+ zum 30. April verkündet.

Während der Abschied so kurz nach dem Start aus publizistischer Sicht ein herber Verlust ist, müsste man Netflix langsam keine Krokodilstränen mehr hinterherweinen. Inhaltlich drängen Frischlinge wie Apple+ den Platzhirsch ohnehin langsam ins feuilletonistische Abseits. Und von ARD über Amazon bis Arte hält kein Streamingdienst, geschweige denn TV-Sender die Pressefreiheit für ähnlich banal, wenn nicht gar lästig wie der Platzhirsch, dessen Kommunikation mit Gutsherrenart noch kooperativ beschrieben wäre.

Auch ProSieben schließt Kritiker*innen zwar für schon mal für unbotmäßige Berichterstattung von Presseveranstaltungen aus. Von RTL gibt’s für Freelancer ab und zu nur dann Sendehinweise, wenn positives Feedback zu erwarten ist. Verglichen mit der Informationsblockade aus dem Silicon Valley allerdings betreiben deutsche Privatsender und ihre Videoportale maximale Transparenz.

Die Frischwoche

25. April – 1. Mai

Kein Wunder, dass von Netflix in dieser Empfehlungsliste mal wieder fehlt. Ganz oben steht dort etwas von – Überraschung – HBO, der wahren Keimzelle des neuen Kinos Fernsehen: Winning Time. Unter der Leitung vom Regie-Wizzard Adam McKay wirft Sky ab heute ein wild zuckendes Schlaglicht auf die Los Angeles Lakers 1979, als sie der windige Immobilien-Tycoon Jerry Buss (John C. Reilly) zum Dreamteam aufplustert und damit nicht nur den Basketball, sondern die Sportwelt insgesamt umkrempelt.

Der Zehnteiler ist demnach alles andere als ein Sportbiopic. Mit Pornoästhetik, Weltklassesound, Splitscreens, Kulissenschieberei und beißender Tragikomik skizziert er vielmehr das Lebensgefühl der frühen Achtzigerjahre, dass der Bildschirm zu explodieren scheint. Man muss das nicht mögen, aber gelassen lässt es wohl niemanden. Ein bisschen weniger gilt das auch fürs zweite HBO-Format, das Sky parallel nach Deutschland holt: We Own This City, eine Art Spin-Off von The Wire, das Korruption und Zerfall von Baltimore visuell auf den Punkt bringt.

Nachdem Magenta Diane Kruger Donnerstag ins Haifischbecken der Serie Swimming with Sharks schickt, geht die fabelhafte Elizabeth Moss im metaphysischen Apple+-Thriller Shining Girls auf die Jagd nach einem Mann, der sie brutal missbraucht hat. Acht Teile atemloser Verfolgung, die sich am Rande aber auch mit Medien der Gegenwart befassen. So wie das ZDF-Drama Gefährliche Wahrheit, in dem es heute Abend nur oberflächlich um die Recherchen der Lokaljournalistin Gehrke (Lisa Maria Potthoff) über einen Plattenbaubrand geht. Dahinter verbirgt sich das Sittengemälde einer Demokratie, die gut recherchierten, also auch finanzierten Journalismus als nebensächlich erachtet – und sich damit ihr eigenes Grab schaufeln könnte.


Bülent Ceylan: Opas Geige & Neuköllns Kinder

Bülent Ceylan präsentiert Factual-Format im ZDF

Kunst ist wichtig!

Im Social Factual Don’t Stop the Music formte Bülent Ceylan (Foto: ZDF/D4Mance) Mitte April im ZDF (und weiterhin in der Mediathek) einen Kinderchor aus 50 benachteiligten Neuköllner*innen. Ein Gespräch darüber, wie ihm Musik und Humor einst selbst aus dem sozialen Abseits halfen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bülent Ceylan, was genau passiert bei Don’t Stop the Music?

Bülent Ceylan: Es geht darum, benachteiligten Kindern das Erlernen eines Instruments zu ermöglichen und dabei auch ihre schulische und soziale Entwicklung zu verbessern. Während meine eigenen Kinder allein durch unseren finanziellen Status einen leichteren Zugang zur Musik haben, ist es für viele davon schon finanziell schwierig, Instrumente zu erlernen. An einer Schule in Berlin Gropiusstadt haben sich rund 50 Kinder bereit erklärt, mit uns Geige, Gitarre, Schlagzeug und Trompete zu erlernen oder im Chor zu singen – mit dem Ziel, nach einem halben Jahr intensiver Begleitung ein Konzert zu geben. In Australien hat das wunderbar funktioniert.

Klingt dennoch irgendwie nach dem üblichen Help-TV mit sozial benachteiligten Versuchskaninchen.

Ganz und gar nicht. Das Projekt will zeigen, wie wichtig kreative Fächer für die kindliche Entwicklung sind. Musik oder Bildende Kunst werden gern als bessere Beschäftigungstherapie vernachlässigt, dabei beeinflussen sie die kognitive und emotionale Intelligenz so positiv, dass auch andere Fächer oder Dinge wie Integration besser funktionieren und somit dabei helfen, Gewalt- oder Fluchterfahrungen besser zu verarbeiten. Das wird auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begleitet und eingeordnet.

Ist das nicht ein sehr hoher Anspruch für ein vierteiliges Fernsehformat?

Finde ich nicht. Man merkt an den Kindern, die wir über ein halbes Jahr begleitet haben, wie gut sie dadurch integriert wurden und damit insgesamt bessere Schulleistungen erbringen. Ich habe echt schon viele Sachen fürs Fernsehen gemacht, aber bei dem hier geht es wirklich mal um was Grundlegendes.

Stellen Sie dafür nur Ihr prominentes Gesicht zur Verfügung oder haben Sie richtige Aufgaben dabei?

Nee, das ZDF kennt mich ja schon seit Jahren und weiß genau, dass ich seit 2017 eine Kinderstiftung habe, selbst Familienvater bin, leidenschaftlich gern Musik mache und wie ein Großteil der Teilnehmer einen Migrationshintergrund habe. Die Kombination war mindestens genauso ausschlaggebend wie meine Popularität. Ich fungiere daher nicht nur als Motivator, es trotz aller Hindernisse schaffen zu können, sondern auch als Freund und Bindeglied.

Und als Komiker?

Natürlich mache ich auch mal Witze, aber Star der Sendung sind die Kinder, nicht ich.

Wie verhindert Don’t Stop the Music dennoch, sie aus dem Schatten des objektiv einzigen Stars zu holen, nämlich Ihrem?

Die Protagonisten bei uns werden nicht vorgeführt, und wir arbeiten auch ohne Drehbuch – obwohl es sogenannte Fokus-Kinder gibt, die wir etwas intensiver begleiten, und wo die Eltern sich auch bereit erklärt haben, dass wir beispielsweise auch mal bei ihnen zu Hause drehen.

Also leine Tränen unterm Geigenteppich?

Nicht gezielt zumindest. Aber natürlich gibt es über die vier Folgen hinweg ergreifende Szenen, bei denen mir jedenfalls schon mal die Tränen gekommen sind. Einfach, weil jemand etwas schafft, das man nicht erwartet hatte. Es gibt auch mal prominente Paten, deren Namen ich noch nicht verraten darf, aber wir haben eine andere Botschaft als reines Entertainment: Kunst ist wichtig!

Arbeiten Sie mit dieser Botschaft auch ein bisschen Ihre eigene Biografie einer benachteiligten Kindheit als Sohn türkischer Eltern ab?

Natürlich. Ich weiß ganz genau, wie es ist, als Außenseiter aufzuwachsen, hatte allerdings das große Glück eines Vaters, der mir trotz und wegen unseres Migrationshintergrundes echt alles ermöglichen wollte. Ich war deshalb aus voller Überzeugung bei diesem Langzeitprojekt dabei und hoffe, man merkt ihm das auch an. Es liegt mir unabhängig von Quoten und Kritiken wirklich am Herzen, den Leuten zu zeigen: wenn wir es als reiches Land nicht mal schaffen, unsere Kinder einigermaßen gleich zu behandeln – wie sollen wir dann Riesenprobleme wie den Klimawandel in den Griff kriegen? Und nichts eignet sich dafür mehr als die Förderung kreativer Energien.

Was hat Ihnen als türkischer Junge im deutschen Mannheim der Siebziger und Achtzigerjahre mehr geholfen bei der Integration – Ihr Vater oder die Musik?

Beides. Durch die Möglichkeit, ans Gymnasium zu gehen, was damals alles andere als selbstverständlich für Kinder mit meiner Biografie war, hatte ich in einen Musiklehrer, der das Fach und die Schüler tatsächlich ernst genommen hat. Dadurch bin ich irgendwann in den Kinderchor gekommen. Und weil uns zuhause das Geld für ein neues Instrument fehlte, hat mir mein Vater die alte Familiengeige aus dem Keller geholt.

Familiengeige?

Die hatte mein Urgroßvater einst aus der Türkei mit nach Deutschland gebracht. Sie war zwar kaputt, aber mein Vater hat sie damals für’n Appel und’n Ei reparieren lassen. Auch, weil wir mit den Deutschen halten sollten. Und obwohl es am Ende nur für ein paar Weihnachtslieder reichte, hatte ich nach zwei, drei Jahren einen völlig anderen Bezug zur Musik. Johann Sebastian Bach hat mir echt dorthin geholfen, wo ich heute bin.

Und der Humor?

War ebenso wichtig. Dank der Musik konnte ich als Teenager meinen Frust rausschreien, also abbauen. Andere zum Lachen zu bringen hat mich dagegen einfach nur glücklich gemacht.

Nur glücklich gemacht oder bei der Kompensation Ihrer Benachteiligung geholfen?

Auch das. Mein erstes positives Erlebnis hatte ich mit sieben, acht Jahren, als ich die Beerdigung meiner Oma ein wenig aufheitern konnte. Und als Teenager hat er für attraktive Checkpoints bei den Mädchen gesorgt. Wer die zum Lachen bringt, rückt vom Rand der Idioten, die Außenseiter wie mich gehänselt haben, automatisch ein Stück weit Richtung Mittelpunkt. Das war Genugtuung und Exitstrategie in einem.

Haben Sie damals bereits humoristisch mit den Vorurteilen über Ihresgleichen gespielt?

Schon auch.

Aber werden Klischees durch Witze darüber nicht eher verfestigt als beseitigt?

Ich möchte Vorurteile durchs Lachen darüber schon auch brechen. Eines dieser Klischees besteht allerdings darin, dass ich mich auf der Bühne andauernd mit meiner Herkunft auseinandersetze. Dabei beschäftigen sich mindestens 80 Prozent meiner Programme mit Menschen allgemein und was sie so Merkwürdiges machen. Aber weil der Türke ab und zu Witze über Türken macht, wird das halt ständig hervorgehoben. Dabei will mein Humor in der Regel gar nicht um vier Ecken gesellschaftlicher Probleme denken, sondern – gerade in dieser schwierigen Zeit – einfach mal Anlass zum Ablachen geben. Trotzdem beschäftige ich mich natürlich mit Ungerechtigkeiten oder Rassismus.

Und zwar nicht als Kunstfigur…

Sondern Bülent Ceylan, das ist mir enorm wichtig.

Hat das ZDF denn nun den Komiker Ceylan oder den Außenseiter Bülent für Don’t Stop the Music verpflichtet?

Das Gesamtpaket. Komiker mit Migrationshintergrund, Musiker mit Familie, Außenseiter mit Aufstiegsbiografie – alles drin in mir, was fürs Format wichtig ist.

Hätten Sie als Kind vor 30, 40 Jahren dabei mitgemacht?

Absolut. Viele der 50 Kinder schwärmen bis heute davon, wie es sie beflügelt hat. Hoffentlich setzen sie damit ein Zeichen an die Politik, Kreativität mehr zu fördern. An deutschen Grundschulen fehlen 23.000 Musiklehrer. Unglaublich.


Musks Trillionen & Macht der Informationen

TV

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. April

Das nennt man wohl vom Regen in die Traufe oder epidemiologisch: von der Pest zur Cholera. Die russische Journalistin Marina Ovsyannikova, berühmt für ihren Protest vor laufender Kamera gegen Putins Angriffskrieg, soll laut FAS künftig für Springers Welt aus ihrer alten Heimat berichten. Das ist schon deshalb bedenklich, da Ovsyannikova vor ihrer tapferen Schildaktion alles andere als ein leuchtendes Vorbild publizistischer Ethik war. Zum anderen betreibt Springer einige der übelsten Hetzblätter, die Putins publizistischer Indoktrination in wenig nachstehen.

Wären Bild und Welt Messengerdienste, sie würden in etwa Telegram und Twitter entsprechen – in lichten Momenten durchaus informativ, in dunkleren die Hölle. Falls Elon Musk wie angekündigt auf Shoppingtour geht, sollte man das im Hinterkopf behalten. Für 43 Trillionen Dollar, so heißt es, kauft der elektromobile Weltraumcowboy demnächst die Welt – ach nee, so weit ist er dann doch noch nicht. Deshalb kauft er für 43 Billionen Dollar vorerst nur das World Wide Web. Moment. Auch schwer einzupacken. Deshalb begnügt er sich für 43 Milliarden Dollar mit Twitter, das zwar kaum Gewinn abwirft, aber – tja, was eigentlich ist: Spielzeug, Machtinstrument, beides?

In jedem Fall eines, das der weltweiten Meinungsbildung gefährlich werden kann. Sie war zwar selten mal in Händen vollends neutraler Philanthropen. Aber schon die – angeblich nebenbei angedeutete – Idee, das Kommunikationsportal übernehmen zu wollen, sorgte für Kurssprünge zugunsten des Mehrheitseigners Musk und zeigt, wie wenig ihm an informationeller Selbstbestimmung, aber wie viel an sich selbst gelegen ist. Wie wenig RTL an Spiritualität gelegen ist und wie viel an Quote, zeigte Die Passion am vorigen Mittwoch.

Angekündigt als modernisierte Fassung der letzten Tage Christi, schickten die Kölner diverse Stars ihrer eigenen Zweit- bis Drittverwertungsmaschinerie auf eine Essener Bühne, wo die deutsche Polizei Alexander Klaws als Jesus im Guantanamo-Drillich zur Kreuzigung führt. Laith Al-Deen spielt Petrus, Thomas Gottschalk gibt den gottgleichen Sprecher und lautstark sing dazu Andreas Bourani. Auweia.

0-Frischwoche

Die Frischwoche

18. – 24. April

Und wegen Ostern und allem, die Tipps der Woche ausnahmsweise mal in tabellarischer Form

Mittwoch, ZDF-Mediathek: Lüge und Wahrheit – Die Macht der Information, fünfmal 45 Minuten Analyse von John Kantara, wie Kommunikation von der Verschwörungstheorie bis zur Kriegspropaganda zur Waffe wird

Mittwoch, Disney+: The Dropout, fünfteilige Podcast-Verfilmung über die US-Unternehmerin Elizabeth Holmes (Amanda Seyfried), deren reales Biotec-Startup Theranos mit Bluttest Milliarden verdient, aber nicht wert war

Mittwoch, ARD-Mediathek: Die Glücksspieler, absolut ansehnliche Miniserie mit Katharina Schüttler, Manuel Rubey und Eko Fresh als unzufriedene Großstädter, denen ein Milliardär mit einer Wette auf die Sprünge zum Glück hilft

Freitag, ARD-Mediathek: All You Need, 2. Staffel der schwulen Serie, in der sich eine Reihe teils intersektional diskriminierter Berliner erneut mit großer Freude am visuellen Tabubruch durch komplizierte Privatleben vögelt.

Freitag, Starzplay: Gaslit, herausragende Realpolitserie mit Julia Roberts als Frau des Justizministers (Sean Penn), die 1974 maßgeblich zu Nixons Sturz beigetragen hat und damit auch etwas über die Emanzipation jener Tage erzählt

Freitag, Sky: The Gilded Age, pompöses Kostümfest über Aufstieg & Fall vulgärkapitalistischer Industrie-Magnaten im New York der 1880er Jahre, ästhetisch spürbar Bridgerten, dramaturgisch eher Game of Thrones

Samstag, Arte: Letzte Ausfahrt Weltall, Dokumentation der extraterrestrischen Expansionspläne eitler weißer Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die Rudolph Herzog mit seinem Vater Werner als Sprecher  beobachtet