Kates Bilder & GoTs Nachfolger

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. März

Man fragt sich angesichts der anhaltenden Debatte um falsche Fotos aus dem Buckingham Palast ja schon, was merkwürdiger ist: Dass Bilder kursieren, die nicht den wahren Zustand von Prinzessin Kate darstellen. Oder dass überhaupt jemand erwartet, es könnte Bilder von ihr geben, die etwas anderes als Fake sind, also – hüstel – der Wahrheit entsprechen. Schließlich ist es seit jeher Teil der erhabenen Wirklichkeit, genau die im Sinne profaner Ansprüche zu gestalten.

Anders gesagt: Ob mit KI, simpler Retusche oder der strikten aristokratischen Angebotspolitik – nichts, was aus Königshäusern nach außen dringt, geschieht zufällig, ist also auch nur annähernd authentisch. Schon drollig, dass selbst seriöse Medien solch ein Aufhebens um den wahren Zustand irgendwelcher Royals machen. Zumindest hierzulande ist da doch weitaus interessanter, was Peter Kloeppel macht.

Aufhören nämlich. Und das ist wirklich mal der Rede wert. Denn als der Henri-Nannen-Schüler 1993 zu RTL ging, war der Sender unseriöser als eine Peepshow unweit seiner Journalistenschule in Hamburg. Peepshows sind mittlerweile zwar verboten und der frühere Marktführer hat auch weiterhin die Seriosität einer vergessenen Unterhose im Stundenhotel. Aber Peter Kloeppel – der stand fast 30 Jahre lang fürs halbe Prozent Anspruch, den sein Arbeitgeber nur kurz mal erfüllen wollte.

Dazu passt, dass RTL dieses Jahr keinen Grimme-Preis kriegt, wie überhaupt nahezu ausnahmslos öffentlich-rechtliche Produktionen prämiert wurden. Wobei geehrt: Dass die Sieger Nichts, was uns passiert, Tamara und Sam – Ein Sachse mit der toxisch-obszönen Macho-Exkulpation Boom Boom Bruno um den Titel beste Fiktion konkurriert haben und weder das sensationelle Historytainment Deutsches Haus noch die herausragende BRD-Doku Capital B gewonnen haben, lässt gehörig am Sachverstand der Jury zweifeln.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

18. – 24. März

Umso mehr steht zu befürchten, dass die Fortsetzung der harmlos depperten Glubschaugen- Satire Miss Merkel, seit gestern bei RTL+ zu sehen, 2025 im Marler Lostopf steckt, während die Fortsetzung der abermals hinreißend originellen Coming-of-Age-Real-Groteske Oh Hell, ab Donnerstag bei Magenta TV, wohl wieder leerausgeht – und damit die letzte fiktionale Eigenproduktion des Streamingdienstes der Telekom.

Das ist wirklich schade, wird vom Konkurrenzprogramm dieser Woche allerdings an den Rand der Aufmerksamkeitsschwelle verdrängt. Parallel startet bei Netflix nämlich 3 Body Problem, und wer die chinesische Romanvorlage nicht kennt: Darin geht es acht Teile lang um fünf Physiker, die mit der möglichen Ankunft Außerirdischer konfrontiert werden. Für geschätzte 25 Millionen Dollar pro Folge wird daraus nun ein opulentes SciFi-Drama.

Wobei schon die Showrunner andeuten, welche Wucht es entfaltet: Die GoT-Macher David Benioff & D.B. Weiss haben sich des angeblich unverfilmbaren Stoffes angenommen und nicht weniger als Kino fürs Fernsehen daraus gemacht, das zum Fettesten zähl, was bislang je gestreamt wurde. Fett vor allem, weil es ein bildgewaltiges, wissenschaftsaffines, aber nie verkopftes Panoptikum zivilisatorischer Ängste entwirft, das nie in billigen Budenzauber abdriftet.

Auf kleinerer Flamme köchelt hingegen ab Freitag in der Mediathek hingegen Friedefeld, nach ARD-Angaben die „erste deutsche Animated Sitcom“. Zehnmal 25 Minuten orientiert sich die Bevölkerung des anarchistischen Zeichentrick-Städtchens um den Prokrastinierer Paul (gesprochen von David Kross) spürbar an Formaten wie Family Guy oder Bob’s Burger, erreicht zwar zu keiner Zeit deren Aberwitz, ist aber ziemlich kurzweilig.

Was auf heitere Art auch für den Comedy-Zehnteiler Palm Royale um Kristen Wiig als gewöhnliche Frau gilt, die in den Siebzigerjahren versucht, im Jet Set von Palm Springs Fuß zu fassen. Und auf ernste Art gilt es ebenso für die deutsche Doku Bittere Früchte, in der Arte in seiner Mediathek unseren irrsinnig umweltfeindlichen, weil ausschließlich egoistischen Nahrungsmittelkonsum unter die Lupe nimmt.


Oppenheimers Oscars & RTLs Reality Stars

Die Gebrauchtwoche

TV

4. – 10. März

Darf man das, der Unterhaltung in Zeiten globaler Krisen Priorität einräumen, im Tsunami reaktionärer Shitstorms also einfach mal arglos durchs Entertainment schippern und eskapistischer Gelassenheit nach Hollywood schalten? Darf man, kann man, muss man sogar! Schließlich sind die Oscars auf apolitische Art hyperpolitisch und dennoch gute Alltagsablenkung.

Schon weil Christopher Nolans subtiler Friedensappell Oppenheimer acht Stück gewann, der lipstickfeministische Zuckerschock Barbie dagegen nur einen für die Musik. Weil das Auschwitz-Kammerspiel The Zone of Interest doppelt prämiert wurde, aber der 75. Teil des Action-Geballers Mission Impossible ebenso oft leerausging. Weil letzteres nicht nur für Sandra Hüller gilt, sondern auch die zwei Netflix-Beiträge Nyad und Maestro.

Das Streaming-Zeitalter dürfte damit zwar nicht vorbei sein, sah aber auch schon mal glänzender aus. Was das lineare Fernsehen aber keineswegs erfreuen sollte. Dort herrscht mal wieder ideologisches Durcheinander. Was nicht nur am öffentlich-rechtlichen Umgang mit Nastassja Kinskis Vorwurf liegt, als halbes Kind zu Nacktszenen Tatort Reifeprüfung genötigt worden zu sein, was der NDR mit sabberndem Hinweis auf den Siebziger-Zeitgeist abgebügelt.

Chaotisch ist auch das Talkshow-Gebaren. Während Olaf Scholz der Legende 3 nach 9 eine furchtbar belanglose Audienz gewährte, hat Uschi Glas im Kölner Treff bei milder Intervention von Micky Beisenherz nämlich das N****-Wort benutzt. Kein gutes Omen Mario Voigts CDU-Plan, Bernd Höcke per Rededuell „zu stellen“. Zumal es in Ulf Poschardts altrechtem Jagdrevier Welt TV stattfände, der sich beim Gedanken an den Kraft-durch-Freude-Machismo à la AfD vermutlich im Porsche selbstbefriedigt.

Ob GDL-Führer Weselsky angesichts seiner Macht über Land und Leute dasselbe im ICE tut, hängt vom Streikplan ab. Der Tarifstreitgegner aber bleibt so konstant in den Schlagzeilen, dass das ZDF die Contenance verliert. Vorigen Dienstag lief eine derart voreingenommene, schlampig recherchierte, bewusst irreführende Ausgabe der Reihe Die Insider, Episodentitel Tricks hinter den Kulissen, dass sie aus der Mediathek verschwand und gern im digitalen Jenseits bleiben darf.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

11. – 17. März

Im digitalen Diesseits gibt’s ja auch so viel zu sehen. Guy Ritchies Netflix-Serie The Gentlemen zum Beispiel, eine Fortführung seines gleichnamigen Films um englische Aristokraten, die an eine Cannabis-Plantage unterm eigenen Landsitz und damit in Teufels Küche der organisierten Kriminalität geraten – was wie immer bei Ritchie routiniert zwischen Gewaltästhetik und Aberwitz kreiselt.

Zumindest letzteres bildet auch das Wesensmerkmal der vierteiligen Rocko Schamoni Supershow des Hamburger Trash-Entertainers (ab Mittwoch, ARD-Mediathek). Auf weniger charmante Art gilt es aber auch für The 50. So viele Cup-D-Promis wie Cosimo Citiolo und Cora Schumacher oder Diogo Sangre und Djamila Rowe versammelt RTL ab heute in einem Schloss zum Get-together der „bekanntesten deutschen Reality-Stars“.

Und ehrlich: das ist exakt so schrecklich, wie es klingt. Besser als alle spontanen Vorurteile, die ein Endzeit-Thriller namens Helgoland 513 um den Kampf der Überlebenden einer globalen Katastrophe auf der deutschesten aller Inseln hervorruft, ist da die siebenteilige Dystopie ab Freitag bei Sky. Weitaus schlechter gerät demgegenüber das fünfteilige Neo-Original Bauchgefühl.

Schade eigentlich. Denn Laura Berlin als abtreibungswilliger Thirty-Something, die es ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek mit einer paternalistisch-ignoranten Gesellschaft zu tun kriegt, hat alles für ein tiefgründiges Stück über deutsche Doppel- bis Dreifachmoral. Leider klotzt sie stattdessen mit billigen Klischees. Was parallel vermutlich auch für die Anwaltsserie Mandat für Mai an gleicher Stelle gilt.

Daher noch drei ehrliche Tipps: Der Achtteiler The Brigade (Dienstag, Magenta TV) um eine extrem diverse Pariser Eliteeinheit und was die Nähe zur Kriminalität mit Kriminalitätsbekämpfenden macht. Der Siebenteiler Nach dem Attentat (Freitag, Apple TV) um die Jagd auf den Mörder von Abraham Lincoln 1865. Und Robot Chicken (Samstag, Comedy Central), eine Stop-Motion-Variation von Star Wars, die man eigentlich nur lieben kann


Florian David Fitz: Terror & Signale

Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf

Fitz

Florian David Fitz (Foto: Anika Molnar/Netflix) war lange der schludrige Lover vom Dienst. Seit Terror wurde er spürbar ernster – und darf jetzt den Witwer einer Astronautin im vierteiligen SciFi-Drama Das Signal bei Netflix spielen. Ein Gespräch über deutsche Mystery, die Angst vorm Fremden und ob eigentlich alles gut wird.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Fitz, Netflix kündigt Das Signal als Science-Fiction-Mystery-Thriller an. Aber ist nicht eigentlich ein gesellschaftskritisches Familiendrama?

Florian David Fitz: Naja, das ist genau, was ich von Anfang an am Stoff mochte. Er ist beides. Das kleine Drama im großen Ganzen: das Rätsel, das die abgestürzte Astronautin der Welt hinterlässt, und das ganz kleine Drama ihrer Tochter, um die sich der hinterbliebene Vater fortan allein kümmern muss, während er versucht das Rätsel zu lösen.

Konnten Sie dafür auch ein bisschen aus ihrem Privatleben als Familienvater schöpfen?

Klar hilft das. Das ist ja das Schöne am Schauspielen. Jeder gelebte Tag ist Futter für den Beruf. Aber unsere Gefühle kleinen Kindern gegenüber, kommen doch direkt vom Stammhirn. Das kann jeder nachvollziehen. Ich musste auch mit 17 schon heulen, als Meryl Streep sich bei Sophies Entscheidung an der Rampe im KZ für eines ihrer Kinder entscheiden soll. Das lässt keinen fühlenden Menschen unberührt. Was eigene Kinder allerdings bewirken: Sie machen einen empfindlicher.

Inwiefern empfindlicher?

Jetzt kann ich mir die Szene in Sophies Entscheidung nicht mal mehr anschauen. (lacht)

Machen Kinder auch optimistischer? Ihr Sven sagt allein in der ersten Folge mindestens achtmal zu Charlie, alles wird gut, obwohl gar nichts gut wird.

Vielleicht sagt sich Sven das Mantra auch selbst vor, damit er durchkommt. Aber darum geht es in der Serie: Du kannst dein Kind nicht vor der Wahrheit schützen, indem du die Unwahrheit sagst, musst aber auch abwägen, was man ihm zumuten kann. Das ist unglaublich schwer, abzuwägen.

Sind Sie denn eher der Wahrheits- oder der Beschwichtigungstyp?

Als Vater weiß ich das noch gar nicht, dafür sind meine Kinder zu klein. Aber als Mensch bin ich definitiv kein Beschwichtigungstyp (lacht). Ich sage nie, alles wird gut, wenn es schlecht zu werden droht. Was aber nicht heißt, dass ich ein Pessimist bin. Mir kommt es in der aktuellen weltpolitischen Lage nur so vor, dass wir immer mal wieder im Dreck unserer Geschichte landen müssen, um etwas zum Besseren zu verändern. Wir müssen beim Baden im Meer den Mund voller Plastik haben, damit wir merken, davon zu viel zu produzieren. Wir haben einen klugen Kopf auf den Schultern, aber….

Holen aber nicht das Optimum raus.

Milde ausgedrückt nein. Aber vielleicht hängen wir das mit der Vernunft zu hoch. Die Vernunft kostet uns viel. Sie entspringt uns nicht unbedingt mühelos. Wir sind intelligente Tiere. Schwierige Kombination.

Transportiert die Netflix-Serie diesbezüglich Botschaften?

Was meinen Sie denn?

Eine Botschaft könnte die Angst vorm Fremden sein und wie sehr sie uns im Wege ist.

Unbedingt. Und je weiter die Serie fortschreitet, desto mehr. Verkörpert unter anderem ja von meiner Figur. Ein Zyniker, der als Geschichtslehrer nach der Maxime lebt, der Mensch ist des Menschen Wolf, während seine Frau eher der philanthropische Typ ist. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte, aber es bleibt mühsam mit unserer Spezies. Und auch deshalb gibt die Serie keine Wahrheiten vor, sondern lässt ständig alle Interpretationsräume offen.

Dabei geht Das Signal angesichts der geringen Aufmerksamkeitsspanne heutzutage ein großes Risiko ein. Die Serie ist nämlich unfassbar langsam und leise.

Finden Sie? Eigentlich passiert ja ständig etwas, die Wahrheiten drehen sich dauernd auf den Kopf. Aber eben nicht unbedingt actionmäßig. Spannung und Tempo sind ja nicht dasselbe. Ich hätte Angst, wenn Sie sagen würden, es ist langweilig. Genau deshalb ist die Bildsprache leiser Science-Fiction wie Gravity oder Interstellar sinnlich, aber zugleich spannend. Und das gilt meines Erachtens auch fürs Signal.

Stand für Sie als Ko-Autor dabei je im Raum, dass Sie den Astronauten spielen und Peri Baumeister die daheimgebliebene Geschichtslehrerin?

Nee, nie. Natürlich steckt auch ein emanzipatorisches Element darin, klassische Rollenmuster aufzubrechen, aber wir wollten den unkonventionellen und damit auch interessanteren Ansatz, ohne ein Riesenthema daraus zu machen. Wobei Home-Dads ja mittlerweile ebenso wenig die absolute Ausnahme sind wie geniale Wissenschaftlerinnen.

Dafür steht bei Ihnen jetzt noch immer Astronaut auf der To-do-Liste, den sich nicht nur Jungs wünschen, wenn sie beschließen, Schauspieler zu werden…

Natürlich war ich ein bisschen eifersüchtig auf Peri, aber dafür war meine Arbeit verglichen mit ihrer auch ungleich entspannter. Was sie technisch für ihre Figur leisten musste, war extrem anspruchsvoll.

Ist ihre Umgebung im Raumschiff komplett animiert oder wurde viel Kulisse geschoben?

Obwohl bei solchen Einstellungen naturgemäß CGI im Spiel ist, war auch viel Handarbeit dabei oder eben eine Mischung aus beidem. Etwa Schwerelosigkeit dadurch zu simulieren, dass die Darsteller auf einer Wippe sitzen, Oldschool Hollywood. Witzigerweise sah das richtig gut aus. Aber alles andere hätte unser Budget aber auch gnadenlos überschritten. (lacht)

Das dennoch eher im oberen Drittel deutscher Produktionen als darunter lag, oder?

Zahlen kann ich nicht nennen, aber es war definitiv keine billige Serie. Netflix will zwar zunächst mal den lokalen Markt ansprechen, aber laut Feedback fühlt sich die Serie schon international an. Dark hat schließlich gezeigt, dass deutsche Produktionen auch im Ausland funktionieren können.

Bis Sie Mitte der Zehnerjahre Die Lügen der Sieger und vor allem Terror gemacht haben, waren Ihre Rollen oft leichter, gern auch komödiantisch. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich weiß gar nicht, ob diese Beobachtung so pauschal stimmt, denn ich versuche auch Komödien immer mit Härte und Schmerz zu versehen. Deshalb waren meine Komödien zwar leicht, aber Leichtigkeit und Flachheit sind ja unterschiedliche Dinge. Das lag allein schon an der Themenauswahl. Ob es um Transsexualität ging, das Tourette-Syndrom oder den Tod – ich habe kaum Filme gemacht, bei denen es nicht auch ums Eingemachte ging. Humor war da oft nur der Haken, um die Leute ins Kino zu ziehen.

Gibt es dennoch eine Art Altersweisheit, die komödiantische Schauspieler ab 40 in ernstere Stoffe bringt?

Nein, denn ich habe auch früher schon ernstere Sachen gemacht, die hat nur kein Arsch gesehen. Obwohl, nicht mal das stimmt. Terror – Ihr Urteil lief sehr gut. Aber stimmt schon: seit Vincent will Meer

Wofür Sie 2010 erstmals auch das Drehbuch geschrieben haben.

… ging es eigentlich immer um was Tieferes. Mittlerweile glaube ich, dass es gar nicht so trivial ist, was wir machen: Wir setzen die Leute 90 Minuten in ein anderes Leben, lassen sie die Erfahrungen anderer Menschen machen. Das relativiert viel in unserem eigenen Leben, und lässt uns ab und an über den Tellerrand gucken. Das empfinde ich als sehr befriedigend.


Berlinantisemitismus & Bauchgefühle

Die Gebrauchtwoche

TV

26. Februar – 3. März

Der Terror, so deprimierend das klingt, befindet sich gerade in Höchstgeschwindigkeit auf der Siegerstraße – das war vorige Woche nirgends so gut zu beobachten wie auf der Berlinale, wo offener Antisemitismus auf größtmöglicher Bühne so unwidersprochen blieb, dass die künstlerischen Beiträge des wichtigsten Filmfestivals der Welt komplett in den Hintergrund gerieten.

Damit haben die Schlächter der Hamas am 7. Oktober eins ihrer Ziele erreicht: so viel Zwietracht zu säen, dass Pluralismus und Demokratie wackeln wie auch beim Potsdamer Remigrationszirkel geplant. Denn während das Landgericht Hamburg dem beteiligten AfD-Intimus Ulrich Vosgerau in nur einem Punkt seiner Unterlassungsanträge Recht gab, wird Stefan Niggemeier nicht müde, das Berliner Recherche-Kollektiv anzugreifen.

Das ist sein Recht, wenn nicht gar eine Pflicht, oder um es mit Michelle Obama zu sagen: When they go low, we go high. Niggemeiers Regelpurismus jedoch verbeißt sich derart in Formfehlern, als ginge es dem revisionistischen Rand rechts der CDU/CSU um publizistische Ausgewogenheit. Angesichts dieser Autoaggressivität Geistesverwandter tat es beinahe schon wieder gut, mit Prime Video der Realität zu entfliehen.

Auf seiner Saison-PK hat der Streamingdienst am Dienstag ein Programm verkündet, das fast so eskapistisch ist wie ein paar Dutzend Influencer*innen im Berliner Westhafenloft – aber eben auch einfach nur schrecklich unterhaltsam zu sein scheint. Amazon mag in Bereichen wie Transparenz, Arbeitsrecht oder Umweltschutz katastrophal versagen; Unterhaltung kann er. So wie Johannes Boss.

Nachdem der Showrunner mit Serien von jerks bis Oh Hell bekannt wurde, gründet er mit Moritz von der Groebens „good friends“ demnächst die Entwicklungs- und Produktionsfirma „vjllage“, zu der auch die neue „Johannes Boss Storytelling Academy“ gehört. Und wer weiß – vielleicht sorgt sie ja auch bei Prime für Furore.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

4. – 10. März

Eines seiner Projekte: The Deadlines übers bizarre Leben fortpflanzungsreifer Frauen in der Multioptionsgesellschaft – der sich auch die fabelhafte ARD-Serie Sexuell verfügbar widmet. Mit Laura Tonke als feministische Trouble Makerin, die einen Investor vergewaltigt haben soll und das Patriarchat auch sonst mit jedem Mittel attackiert. Ohne mehr zu spoilern: fünf Teile ab Freitag in der Mediathek sind dafür definitiv zu wenig!

Das gilt leider nicht für die ZDF-Serie Reset, in der Katja Riemann ebenfalls eine Feministin spielt. Allerdings eine, die in einer Near Future genannten Gegenwartszukunft ihre Tochter per Zeitreise vorm Suizid bewahren will. Das ist zwar deutlich tiefgründiger als der billige Trick einer komplett irrationalen Dramaturgie, bei der sich Albert Einstein im schwarzen Loch umdrehen würde.

Bei aller Vielschichtigkeit der Abrechnung mit dem Kontroll- und Selbstoptimierungswahn unserer digitalen Gesellschaft allerdings kann sich das Drehbuch von Ingrid Kaltenegger und Mika Kallwass allerdings nicht die Klischees deutscher Mystery verkneifen. Was die Serie grundlegend von der sechsteiligen Tragikomödie Bauchgefühl mit Laura Berlin als ungewollt schwangere Großstädterin ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek unterscheidet.

Der Rest in Stichworten:

Montag, Netflix: Supersex, die wahre Fiktion des italienischen Pornostars Rocco Siffredi, in der sieben Teile lang praktisch kein Geschlechtsverkehr zu sehen ist.

Mittwoch, Netflix: The Gentleman, Drogenkönigsmilieustudie vom Drogenkönigsmilieustudienkönig Guy Ritchie

Donnerstag, Netflix: Das Signal, vierteilige SciFi-Mystery-Serie mit Peri Baumeister als Astronautin, die besser ist als ihr Label

Samstag, Comedy Central: Robot Chicken, Stop-Motion-Variationen von Star Wars, die man eigentlich nur lieben kann


Totgesagte & Lebendgeburten

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. Februar

Tennis war mal ein Straßenfeger mit Übertragungen selbst kleiner Turniere bei ARZDF und Einschaltquoten über Tatort-Niveau. Wer Filzbälle sehen will, musste deshalb zuletzt darauf hoffen, dass Martin Kind weiter Branche, Sport, Gesellschaft, selbst seine Vereinsmitglieder betrügt. Und bei Hart aber fair hat der Herzog von Hannover genau das ja auch im toxischen Trotz seiner Generation fortgesetzt.

Zu dumm für alle Tennisfans, dass die DFL ihre Investorensuche zwei Tage später für beendet erklärt und dem Protest quasi die Ballmaschinen abgestellt hat. Es gab am Wochenende daher zwar keine Spielunterbrechungen, aber die Aussicht, dass Ultras künftig auf der Bundesliga-Nase herumtanzen, wann immer Entscheidungen unliebsam wirken. Klassisches Eigentor also, inmitten einer finalen Schlacht.

Denn der TV-Markt, sagte mit Richard Broughton ein internationaler Experte, „hat sich signifikant verkleinert“. Damit meint der britische Marktforscher zwar fiktionale Serien, von denen 2023 zwei Fünftel weniger beauftragt wurden als im Jahr zuvor. Doch es trifft die Streaming-Branche inklusive Sport-Anbieter wie Sky oder DAZN ins geschäftliche Mark – und führt womöglich dazu, Totgesagte am Leben zu halten.

Das lineare Fernsehen nämlich legte auf 77 Prozent aller Produktionsaufträge zu, was sich positiv auf die Vergabe der Fußballrechte auswirken könnte. Da die Werbe-Erlöse 2024 wohl um 2,7 Prozent steigen, während sich das Abo-Wachstum verlangsamt, wird Video-on-Demand inklusive Fußball unattraktiver. Davon profitiert die Sportschau, vor allem aber das öffentlich-rechtliche Kerngeschäft: Journalismus.

Ob es auch Julian Assange betreibt, wird eingedenk seiner drohenden Auslieferung in die USA kaum diskutiert. Schade eigentlich. Denn dass er Millionen Datensätze unkommentiert online stellt, macht ihn vom Journalisten zum Aktivisten, weshalb sein Fall eher politischer statt publizistischer Natur ist. Und wie willkürlich Digitalportale agieren, zeigte zuletzt ja X aka Twitter, als es den Account von Alexej Nawalnys Witwe sperren ließ.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

26. Februar – 3. März

Apropos Rechtspopulismus: Die ARD zeigt heute Abend ihre wichtige Aussteiger-Doku Wir waren in der AfD, nachdem das ZDF zur Primetime Ferdinand von Schirachs sensationelles Courtroom-Drama Sie sagt. Er sagt auch linear zeigt. Da beides schon längst in den Mediatheken steht, sind zwei Fiktionen ab Freitag allerdings ein bisschen bemerkenswerter.

Im Ersten nimmt zur immer noch allerbesten Sendezeit Die Großstadtförsterin ihren Dienst auf. Klingt fürchterlich, ist aber gar nicht so schlimm – weil darin die großartige Stefanie Reinsperger im Degeto-Auftrag den Berliner Grundwald hegt. Richtig fabelhaft ist hingegen das sechsteilige Medical-Drama Push geworden. Drei Hebammen um Anna Schudt holen dabei in der ZDF-Mediathek Babys zur Welt.

Auch und weil sie sich nebenbei (natürlich) noch mit allerlei privatem Ärger von Trennungen bis Strafprozesse herumschlagen, ist die Serie von einer Intensität, als säße man selber im Kreißsaal. Mit so viel Authentizität können die Streaming-Formate nicht mithalten. Aber auch sie sind durchaus erwähnenswert. Das Remake der Achtziger-Serie Shogun etwa dienstags bei Disney+, das nicht wegen seiner Bildgewaltigkeit zum Besten der Saison zählen dürfte, sondern auch, weil es Richard Chamberlains euroszentrische Sicht auf Japan umdreht.

Dazu das funkensprühende Münchhausen-Stück Die frei erfundenen Abenteuer von Dick Turpin mit Noel Fielding als unfreiwilliger Räuberhauptmann im 17. Jahrhundert. Oder Adam Sandler als tschechischer Astronaut im Netflix-Biopic Spaceman, was angesichts des Hauptdarstellers seicht klingt, aber gar nicht ist. Ähnliches gilt für das Filmporträt Ferrari, in dem Michael Mann (Miami Vice) bei Prime Video den Gründungsmythos erkundet.

Und zum Schluss, als bittere Schmankerln: die Doku As We Speak, in der J.M. Harper ab Mittwoch bei Paramount+ am Beispiel des Rappers Kemba aufzeigt, wie US-Gerichte offenbar seit Jahrzehnten HipHop-Texte als Beweismittel von Strafprozessen gegen ihre Urheber heranziehen. Und Spiel mit den Alpen, ein Katastrophenbericht vom globalen Wintersportrevier Nr. 1, den der wachsame Felix Neureuther heute um 20.15 Uhr im Ersten erstellt.


Teddy Teclebrhan: Anarchie & Improvisation

Es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang

Teddy

Unter den konsensfähigen Comedians ist Teddy Teclebrhan (Foto: Amazon Prime Video) definitiv der anarchistischste. Jetzt sogar mit eigener Unterhaltungsshow bei Amazon Prime. Ein Gespräch über gespaltene Persönlichkeiten, improvisierende Stars und die neue Lust am Scheitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Teddy, kannst du mir deine Show kurz erklären? Ich habe zwei der sechs Folgen gesehen, bin aber weit davon entfernt, das Konzept dahinter zu verstehen…

Teddy Teclebrhan: Der beste Weg, sie zu verstehen, ist vermutlich, es gar nicht erst zu versuchen, sie zu verstehen. Die Geschichte hinter der Show war ja, dass ich bei Prime Video war, den Vertrag unterschrieben habe, und als sich die Tür hinter mir geschlossen hat, standen da drei Typen und fragten: Okay, und was ist mit uns?

Weil Ihre Unterhaltungspersönlichkeit gleich vierfach in Teddy Teclebrhan, Ernst Riedler, Antoine Burtz und Percy gespalten ist?

So kann man das interpretieren. Prime hat den Vertrag mit mir gemacht und die anderen drei wollten halt ihren Anteil daran. Aber brauchen Sie das Konzept der Show für Ihr Leben oder das Interview?

Eher letzteres.

Dann einigen wir uns darauf, dass es kein Konzept gibt, okay?

Okay, aber in dieser Konzeptlosigkeit hat mich Ihre Show dennoch ein bisschen an Filme von Bully Herbig oder Otto Waalkes erinnert, die im Grunde Verdichtungen früherer Sketche waren…

Bei mir war es anders. Ich habe die Fernsehshows so gebaut, wie ich auch meine Liveshows baue: So konzipiert wie nötig, so organisch wie möglich.

Und das wussten auch deine Gäste mit klangvollen Namen von Iris Berben über Megaloh und Caprice bis Heiner Lauterbach?

Wer mich kennt und von mir eingeladen wird, dürfte sich darüber im Klaren sein, dass meine Nummern improvisiert sind. Die wussten das also, und alle sind professionell genug, damit umgehen zu können.

Also gegebenenfalls in den Pointen-Battle mit einem Improvisationsprofi wie Ihnen einzutreten?

Nee, denn es gibt bei mir keinen Pointen-Zwang.

Aber ja schon einen Schlagfertigkeitszwang, sonst tritt das Schlimmste einer Live-Sendung ein, nämlich peinliches Schweigen.

Genau deshalb sind alle Schauspielerinnen und Schauspieler, die wir eingeladen haben, richtig gut in ihrem Fach.

Der Regisseur Jan Georg Schütte sammelt mit dieser Art Impro-Fiktion gerade so viele Film- und Fernsehpreise, dass die größten Stars mittlerweile bei ihm vor der Tür scharren, um mitmachen zu dürfen. Gibt es eine neue Lust an Fallhöhe, der Chance zu scheitern?

Die Lust war immer da, aber jetzt gibt es viel mehr Formate als früher, in denen sie sie nutzen können. Mir ist allerdings fast noch wichtiger, dass man nicht erkennen kann, ob es gescripted oder improvisiert ist. Dieses Überraschungsmoment mag ich sogar noch mehr als gut aufgeschriebene Witze.

Als Schauspieler musst du dich aber vermutlich streng an Texte halten – etwa in deiner Rolle als Erzieher Robert in Nora Fingscheidts Meisterwerk Systemsprenger.

Da gab es zwar ein Drehbuch, aber auch da ist man mit der Regisseurin ständig im Austausch darüber, ob man was mundgerecht anpassen kann – manchmal sogar in der Szene selbst. Aber richtig improvisieren kann man da natürlich nicht.

Was hat dich eigentlich so früh daran fasziniert, ohne schriftliche Fahrbahnbegrenzung gegen die Wand fahren zu können?

Die Möglichkeit, in Momenten der Unsicherheit etwas wirklich Besonderes zu finden, ist wesentlich höher als mit Netz und doppeltem Boden eines Drehbuchs. So wie wir jetzt miteinander reden, ist ja auch nichts gescripted und kann daher in jede Richtung gehen. Improvisation ist Leben. Deshalb habe ich keine Angst, gegen diese Wand zu fahren.

Weil Sie generell ein angstfreier Typ sind?

Nein, nein. Ich bin kein angstfreier Typ, aber ich weiß ganz gut, wie ich mit Ängsten umgehen sollte. Um keine Angst vorm Scheitern zu kriegen, habe ich sie deshalb von einer Gefahr zum Wegweiser umdefiniert, der kein unerwünschtes Ziel, sondern nur die Richtung vorgibt. Einiges vom Scheitern bleibt daher auch im Programm, anderes fliegt raus – aber nicht etwa, weil ich mich dafür schäme, sondern weil ich mein Energielevel nicht erreicht habe.

Ist dieses Energie-Level am Ende eines deiner Humor-Prinzipien?

Unbedingt.

Und was noch – vielleicht das Aushalten von Schmerzpunkten hinausgezögerter Pointen, die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo es wehtut, auch wenn der Umweg eventuell leichter ist?

Ja. Wobei ich gemerkt habe, dass dieser Schmerzpunkt bei anderen nicht nur früher kommt als bei mir; ich empfinde ihn oftmals gar nicht.

Damit hast du gerade ziemlich genau mein Leiden angesichts einiger Momente der Teddy Teclebrhan Show beschrieben…

(lacht) Sehen Sie? Mich entspannen solche Momente eher…

Das dritte und letzte Prinzip könnte sein: Dein Humor ist radikal unpolitisch. Ist er das?

Schon, und zwar als bewusste Entscheidung. Wenn es mal ein bisschen politischer wird, überantworte ich das gerne an die ältere Figur Ernst Riedler, denn ich als Teddy mache schon deshalb durch und durch Unterhaltung, weil meine gesamte Existenz auch ohne darüber zu reden schon politisch ist. Vom Zwang, mich politisch äußern zu müssen, habe ich mich dementsprechend frei gemacht. Folge 5 der Show handelt allerdings von Heimat und ist somit ein wenig politischer.

Hat sich Amazon Prime diesbezüglich eingemischt?

Null, denn die Leute bei Prime haben Bock auf was Neues. Wenn sie sich eingemischt hätten, hättest du am Anfang womöglich nicht nach dem Showkonzept gefragt. Natürlich gab es auch mal Diskussionen, aber am Ende haben Sie mich meinen Style machen lassen. Die akzeptieren mich so, wie ich bin. Wie schön ist das denn?!

Aber würde Prime als renditeorientiertes Unternehmen denn auch einen Misserfolg akzeptieren?

Das müssen Sie dort fragen, aber ihr Glaube an mich und uns war jederzeit spürbar. Ich feiere die Shows gerade so sehr, weil ich konsequent mein Ding machen und alles komplett Teddy ist.

Auch das Knopfdruck-Gelächter des eingepeitschten Publikums?

Da sprichst du was an (stöhnt)… Das war nicht meine Idee und hat mich echt genervt – gerade, weil ich jemand bin, der mit Stille spielt oder dem, was Sie vorhin peinliches Schweigen genannt haben. Das war auch für mich eine Herausforderung (lacht). Beim nächsten Mal machen wir das safe ohne Publikumsanimation.


Heidis Männer & Teddys Show

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. Februar

Gott ist das öde, einfallslos, berechenbar: Um die Verfassungsfeindlichkeit der AfD zu belegen, hat Maybrit Illner am Donnerstag allen Ernstes Alice Weidels „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“ aus der braunen Grube gezerrt. Deren Friedhofsgärtnerin Beatrix von Storch zeigte sich entsprechend „dankbar für diese Einspieler“ und konnte sich im weiteren Verlauf spöttisch lächelnd darauf verlassen, dass sie allenfalls von Kevin Kühnert mal mit substanzieller Kritik konfrontiert wurde.

Und das nebenbei einen Tag nach dem Abbruch des politischen Aschermittwochs der Grünen durch einen rechtsradikalen Bauernmob und einen Tag vor dem politischen Mord an Alexej Nawalny durch Putins Schergen. Letzterer dominiert seither weltweit die Medien. Zumindest außerhalb Russlands, wo es mit dem Segen der AfD längst schon kein freies Medium mehr gibt. Es sind halt dunkle Zeiten für Pressefreiheit und Pluralismus.

Einziges Licht am Horizon: Germanys Next Topmodel gibt’s jetzt – hipphipphurra – auch mit Männern. Ein wahrhaft herrlicher Quotenbringer. Wenngleich nicht auf dem Niveau der Super-Bowl-Übertragung, die RTL stolze 80 Prozent Marktanteil brachte. Wobei: was in aller Welt haben eigentlich die anderen 20 Prozent Montag um zwei Uhr früh gesehen? Was sie demnächst zur Primetime sehen, wird hingegen von einer anderen Entscheidung geprägt.

Nico Hofmann – einer der profiliertesten Fernsehmacher im Land – verlässt die Ufa und wechselt zu Jan Mojtos Beta, wo er wieder eigenständig Filme produzieren will. Ob sie ihr Jahrzehnt ähnlich prägen wie Frühwerke von Flucht bis Dresden Mitte der Nullerjahre sei mal dahingestellt, aber wo Hofmann drinsteckt, kommt Bedeutung raus. Wenigstens wenn die Etats gut gefüllt sind.

Genau das allerdings bezweifeln viele angesichts von Claudia Roths Reformvorhaben der Filmförderung. Bislang ein schwer durchschaubares Geflecht löchriger Gießkannen, soll sie künftig strukturierter werden und vor allem: deutsche Produktionen finanziell bevorzugen, die auch in Deutschland produziert werden. Damit ist Roths Branche natürlich keineswegs zufrieden. Aber gut – das ist halt der generelle Gemütszustand am Privilegienstandort D.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. Februar

Privilegien, die beim Anschauen einer fabelhaften Serie ab Mittwoch in der ZDF-Mediathek womöglich auf den Prüfstand gerät. Vorerst fünf Teile lang fährt eine Ukrainerin darin Landsleute In Her Car aus den Kriegsgebieten zur polnischen Grenze und kommt dabei mit ihnen ins Gespräch. Dieses Kammerspiel auf vier Rädern ist in jeder 30-minütigen Folge von einer brüllenden Stille, die zugleich fasziniert und verstört.

Damit wäre auch ein ganz und gar unpolitisches Format gut beschrieben. Der Moderator sagt zwar übers neue Unterhaltungsformat, seine Existenz als schwarzer Deutscher sei per se politisch. Die Teddy Teclebrhan Show allerdings ist in ihrer dadaistischen Sehgewohnheitsverachtung ab Dienstag so aberwitzig, dass einem dafür ohnehin keine Adjektive einfallen außer: Teddy. Ob seine Grenzgänge auch für drei neue Pro7-Shows gelten, von denen Mittwoch die erste startet?

Wer weiß. Auf andere Art überwältigend ist jedenfalls die Apple-Serie Constellation. Ein Mystery-Drama, das irgendwo zwischen Gravity und Dark bildgewaltig die Grenzen der Wahrnehmung auslotet. Noomi Rapace kehrt darin als ISS-Astronautin aus dem Orbit in ihre Kölner Gegenwart zurück, die der Vergangenheit nicht mehr richtig ähnelt. Von Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel inszeniert, ist der Achtteiler somit zugleich auf realistische Art rätselhaft.

Nichts davon ist die Echtfilm-Variante der Zeichentrickserie Avatar um vier Elemente im Fantasy-Krieg, ab Donnerstag bei Netflix. Sie bestätigt aber die Erkenntnis, dass nicht jeder Hype ein Sequel rechtfertigt. Ansonsten läuft das irritierend gute Großstadtporträt Tokyo Vice ab Freitag in der ARD-Mediathek, während das ZDF zwei skandinavische Serien online stellt: Das dänische Elitesoldaten-Drama Oxen und die schwedische Paartherapie-Aufstellung Out of Touch.

Zum Schluss noch zwei Dokus: Aquaman Jason Momoa stellt ab Donnerstag in der Discovery-Reihe On the Roam originelle Handwerksberufe vor. Und zwei Tage zuvor erkundet die dreiteilige NDR-Doku Bin ich schön? auf dem ARD-Portal unseren Selbstoptimierungswahn.


Omni, Theodor Shitstorm, Pet Needs

Omni

Muss das wirklich sein: noch eine retrofuturistische Indieband, die im Stil der Neunziger den Achtzigern Referenzen erweist und dabei ein bisschen nach Zwanzigern klingt, die irgendwer als Siebziger verkleidet? Muss eigentlich fast schon seit Franz Ferdinand und Art Brut nicht mehr sein – es sei denn, sie heißt Omni und zaubert einen Sound aufs vierte Album , der vier Popdekaden zerkaut, ausspuckt und fröhlich darauf rumtritt.

Wenn über Phil Frobos Gagatexten à la “Are you hydrated, baby? / What are you, a tall drink of water? / Would you go away with me? / Well, we could but why bother / When you know / When you know / When you know” hochgepitchte Gitarren New Wave simulieren und dabei gelangweilt im Postpunk-Quark rühren, kann man abseits vom Duo aus Atlanta unter “öde” abheften: Hier spielt die Musik. Es ist eine verschroben schöne.

Omni – Souvenir (Sub Pop)

Pet Needs

In dieselbe Kerbe schlagen bereits zum dritten Mal die südenglischen Highspeed-Shoegazer Pet Needs: alles schon mal irgendwie so gehört, alles also nicht neu, alles aber trotzdem auf beschleunigte Art toll und mitreißend. Vergleiche stinken, schon klar. Aber sich beim zum Quartett gewachsenen Brüderduo aus Essex an Jamie T auf Speed, Koks und drei Hektoliter Red Bull erinnert zu fühlen, muss schon mal erlaubt sein.

Wobei sich solche Stromgitarrengewitter im Cockney-Style sonst nicht mal Jimi Tenor traut. Alles immer auf 380 bei Johnny und George Marriott, alles zwar oft auf dubiose Art funpunkrockig, komische Choräle inklusive. Aber weil alles nebenbei so scheppernd nach DIY klingt, im Opener How Are You sogar Geigen unter A Capella schnürt, nur um das anschließende Seperation Anxiety dreifach hochzutouren, ist dieser Retrosound von vorne bis hinten – sorry: geil.

Pet Needs – Intermittant Fast Living (Xtra Mile Recordings)

Theodor Shitstorm

Dass Österreich popkulturell berlinert, liegt an Ja, Panik. Wenn Berlin dagegen österreichisch klingen soll, liegt es an Theodor Shitstorm. Das Quartett um die singende Schauspielerin Desiree Klaeukens und den mitsingenden Drehbuchautor Dietrich Brüggemann steht für leicht sarkastischen, textbasierten Orchester-Pop, wie es ihn sonst nur aus Wien gibt. Auf der neuen Platte zeigt es nun Gefühle und heißt auch so.

Wobei Zeigt Gefühle dieselben natürlich nicht allzu ernst nimmt, weshalb das Album eher wirkt, als würde Stefanie Sargnagel besoffen über Sven Regener in Wandas Proberaum stolpern. Es bringt mittelbrandenburger Emocore wie “Ich bring dich ins Bett / aber schlafen musst du selber / ich geb’ dir Feuer / aber rauchen muss du selber” hervor. Und gegen Nazis sind sie natürlich auch. Selten klang die Adoleszenzverweigerer der GenZ orchestraler, klüger, deeper, lustiger, österreichischer.

Theodor Shitstorm – Zeigt Gefühle (Tonfisch)

Theodor Shitstorm spielen am 6. April live in der Molotow SkyBar in Hamburg und am 9. April im Dresdener OstPol


Anne Will: Sportschau & Ersatzparlament

Danke für Ihre Ruhe

Will-Artikel

Im Dezember hat Anne Will (Foto: Marlene Gawrisch) nach 553 Ausgaben die wichtigste Talkshow der Fernsehrepublik an Caren Miosga abgegeben. Ein Interview über 16 Jahre Ersatzparlament im Ersten, den Unterschied zwischen Grillen oder Fragen und was für ein Medienland sie Branche, Land, Gesellschaft hinterlässt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Will, verspüren Sie sonntags zwischen Tatort und Tagesthemen mittlerweile eigentlich eine Art medialen Phantomschmerz?

Anne Will: Nein, es gefällt mir, dass der Sonntag jetzt wieder mir gehört. Ich fand es schön, dass ich vorige Woche auf dem Sofa liegend mal wieder linear den Polizeiruf gucken konnte. Wenn überhaupt, dann hatten Freundinnen und Bekannte sowas wie einen Phantomschmerz. Jedenfalls kamen so 21.46 Uhr SMS, wo ich denn bitte sei, jetzt sei doch eigentlich meine Sendung (lacht).

Kontern Sie das Ende Ihrer Talkshow da gewissermaßen mit unpolitischen Krimis?

Nein, ich habe am selben Abend auch noch Bericht aus Berlin und Berlin direkt gesehen und danach die Tagesschau. Ich muss ja jetzt nicht plötzlich vom politischen Weltgeschehen detoxen, oder sowas, im Gegenteil: Ich habe jetzt wieder Zeit, breiter, themenunabhängiger zu gucken und zu lesen. Bislang war ich Richtung Ende der Woche auf das jeweilige Thema der Sendung fokussiert und habe mit einem klaren Verwertungsinteresse gelesen. Mir fehlte manchmal schlicht die Zeit, auch noch alles links und rechts davon zu lesen.

Sie verspüren als keine News Fatigue oder gar News Avoidance nach 553 Sendungen in 16 Jahren?

Nee, das kenne ich nicht.

Was macht es eigentlich mit Mensch und Journalistin, wenn beide sich tagein tagaus an den Frontverläufen der Weltpolitik aufhalten?

Naja, das ist ja mein Job. Und Politik interessiert mich. Mir ist zu Beginn meiner Tagesthemen-Zeit aber was klar geworden, was man in diesem Job, wenn Sie so wollen, als Mensch mitbringen sollte. Nämlich: Ruhe auszustrahlen. Ich habe im April 2001 angefangen, die Tagesthemen zu moderieren, war gut ein halbes Jahr dabei, als es die Terroranschläge vom 11. September gab. Wir haben tagelang gesendet, eine Sondersendung nach der anderen. Und dann erreichten mich – damals noch per Fax – etliche Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern, die da lauteten: „Danke für Ihre Ruhe“. Da habe ich gecheckt, dass es darum also auch geht.

Das Chaos hat Sie ruhiger gemacht?

Ich bin sowieso ein ruhiger Typ. Ich habe in dem Moment nur etwas Zusätzliches über meine Rolle verstanden: Wenn ein Ereignis weltweit für derart große Verunsicherung sorgt, müssen in den Top-Nachrichten- und Politiksendungen auch Grundton und Ausstrahlung der Moderatorinnen und Moderatoren sitzen. Ich habe mir rund um 9/11 auch die Frage gestellt, ob es angemessen ist, die Sendung mit einem angedeuteten Lächeln zu beginnen oder ob das dem Ernst der Lage nicht gerecht wird. Und ich habe mich entschieden: Doch, ein freundlicher Einstieg ist richtig. Und das habe ich auch all die Jahre beibehalten. Darin sehe ich auch eine meiner Aufgaben als Moderatorin.

Aus der heraus es sowohl bei Nachrichten also auch Gesprächssendungen wichtig ist, zunächst mal eine kommunikative Wohlfühlatmosphäre zu schaffen?

Wohlfühlatmosphäre trifft es nicht. Es geht um ein leises Lächeln, einen freundlichen Eindruck, den man zu Beginn macht. Mehr nicht.

Mussten sich Lachen und Ruhe dennoch gegen die weltpolitische Krisenhaftigkeit Ihrer gesamten Laufbahn im politischen Journalismus durchkämpfen oder kam beides quasi von innen aus dem Gemüt heraus?

Weiß ich nicht so genau. Ruhe ist wichtig, Souveränität, journalistische Kompetenz und gute Vorbereitung sowieso, darüber brauchen wir nicht zu reden. Lachen, wenn es passt, und Pausen können eine gute Moderationstechnik sein, die es Zuschauerinnen und Zuschauern gestattet, wenn man so will, mitzufühlen. Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das allerdings auch aus dem Jahr 2001 stamm…

Nur zu.

Es war ein paar Tage nach den Anschlägen vom 11. September. Wir hatten einen Beitrag über die Feuerwehrleute am Ground Zero im Programm. Und einer davon kommt total erschöpft über und über mit dieser weißen Asche bedeckt aus den Ruinen des World Trade Centers auf die Kamera zu. Es war der Tag, an dem klar war, dass die Bergungsarbeiten eingestellt werden, es also keine Hoffnung mehr gab, noch Überlebende unter den Trümmern zu finden. Und dieser Feuerwehrmann, ein großer, kräftiger Mann, kommt nun also auf die Kamera zu, und man sieht, wie er einem Kollegen in die Arme fällt und bitterlich zu weinen beginnt. Das war das letzte Bild des Beitrags, den ich vorher nicht kannte, danach war ich wieder im Bild und musste mich echt zusammenreißen, um nicht auch in Tränen auszubrechen.

Ein menschliches, aber heikles Gefühl, weil es an der journalistischen Distanz kratzt…

Genau! Ich habe dann kurz innegehalten, habe bewusst eine Pause gemacht. Einerseits, um mich zu sammeln, andererseits, um den Zuschauerinnen und Zuschauern Zeit zu lassen und damit auch der Situation Respekt zu zollen. Stille zuzulassen, Pausen zu machen, kann bei aller gebotenen Distanz ein starkes journalistisches Mittel sein, finde ich. Das habe ich auch in der Talkshow häufiger gemacht, hab‘ gewartet, wenn jemand nach Worten rang, bin nicht dazwischen geplatzt. Das kann man dann machen, wenn man der eigenen Frage traut und sicher weiß, dass der Ton stimmt.

Und wie lautet ihr Rezept, beides zu schaffen?

Na ja, indem man bei sich bleibt. Ich habe außerdem mein Team gebeten, mir sofort einen Hinweis zu geben, wenn ich daneben liege. Da hat mir im Zweifel auch mal jemand aufs Ohr gesagt: „bleib dran“ oder „guck nicht so streng“ oder „lass ihn jetzt mal raus, du hast ihn gestellt, mach weiter mit der Runde“. So ein Hinweis aus der Regie kann helfen. Zum Beispiel auch, wenn es darum geht, ob man gänzlich ungeübten Gästen mit dem richtigen Ton und der passenden Ansprache begegnet. Die muss man ja ein bisschen anders befragen als super erfahrene Spitzenpolitikerinnen.

Na?

Ich lege normalerweise Wert darauf, jeweils nur eine Frage zu stellen und nicht acht oder zwölf auf einmal. Bei ungeübten Gästen, die vielleicht noch nie in einer Fernsehsendung waren, habe ich Fragen aber oft verstolpert, um dem- oder derjenigen das Gefühl zu geben, dass es erlaubt ist, nach Worten zu suchen oder sich zu verhaspeln, dass hier lauter Leute sitzen, die Fehler machen und auch Fehler machen dürfen.

Und das ließ sich auf die Sportschau genauso anwenden wie auf die Tagesthemen oder Anne Will?

Das lässt sich immer anwenden und funktioniert formatunabhängig. Eigentlich geht es darum, jemandem den Raum zu lassen, den er oder sie braucht, um sich verständlich zu machen. Genauso wie man das in jedem anderen Gespräch außerhalb eines Fernsehstudios ja auch macht. Man lässt Platz, gibt Raum, man hört geduldig, im besten Fall empathisch zu. Nur sitzt man da halt in einer höchst unnatürlichen Situation, die nochmal mehr danach verlangt, sowas wie Sicherheit vermittelt zu bekommen. 

Hatten Sie dennoch das Gefühl, ihr medienpolitischer Einfluss war im Ersatzparlament Talkshow nochmals größer als in den Tagesthemen, von der Sportschau ganz schweigen?

Ich finde ja nicht, dass Talkshows Ersatzparlamente sind, fand ich noch nie. Die Talkshow am Sonntagabend hat allerdings eine große Reichweite, die größte von allen. Da dreht man das ganz große Rad, haben wir im Team gerne gesagt und gemeint: Es hat einen Einfluss, wenn unsere Sendung drei bis fünf oder sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht. Was da besprochen wird, wissen tags darauf dann mindestens so viele. Hinzu kommt: Zeitungen berichten im Nachklapp, Nachrichtensendungen zitieren daraus, das, was bei uns gesagt wird, verbreitet sich weiter. Das wussten wir und waren uns der Verantwortung bewusst. Und zwar in beiderlei Hinsicht: Dinge positiv zu beeinflussen, aber auch gehörig daneben liegen zu können.

Inwiefern?

Na ja, es ist uns auch nicht immer alles super gelungen. Aber wenn wir es gut gemacht haben, wie zuletzt mit unseren Nahost-Sendungen, dann konnte man in den Tagen darauf natürlich beobachten, wie sich der Diskurs verändert.

Haben Sie diesen Einfluss nur toleriert, weil politische Entscheidungen ja eigentlich in Parlamenten getroffen werden sollten, oder wollten Sie ihn auch aktiv nutzen?

Also, wir haben natürlich keine politischen Entscheidungen getroffen, waren uns als Redaktion aber unserer Reichweite und unseres Potentials bewusst. Das meinte ich. Die Fragen, die wir an Themen gestellt haben, sollten schon sitzen, die sollten was offenlegen, Dinge einordnen, Weltlagen verständlich machen. Wenn Sie vor Millionen Menschen live ein irrsinnig heikles Thema wie den neuen Gaza-Krieg diskutieren, dann sollten Sie das besser mal präzise machen und sauber abwägend, denn wir wissen alle um die aufgewühlte Stimmung, den Hass, den neu aufflammenden Antisemitismus weltweit und nicht zuletzt auch in Deutschland.

Ausgerechnet in Deutschland!

Da haben wir uns als Team echt viele Gedanken darüber gemacht, wie wir das Thema angehen, um zum Beispiel rhetorische Figuren wie das unsägliche „ja, aber…“ zu vermeiden. Da muss man konzentriert sein. Denn über 60 Minuten in einer Live-Sendung kann einem natürlich sprachlich immer mal was verrutschen, darf es hier aber nicht. Zumal, wenn der israelische Botschafter mit in der Runde sitzt, dem deutlich anzumerken war, wie verletzt er und sein gesamtes Land sind, aber auch wie aufgebracht und erschöpft er war. Ich wollte, dass mir da jetzt bitte kein einziger Satz missrät. Ist mir aber auch nicht passiert.

Aber wie schafft man es dann, selbst einer solchen Person kritische Fragen zu stellen?

Indem man die Fragen zum Beispiel einfühlsamer einfliegt als sonst.

Also nochmals zurück zur Frage der Bedeutung einer politischen Talkshow im Kontext einer Mediendemokratie: Muss man sich als Moderatorin solch bedeutender Debatten dennoch ab und zu mal wachrütteln und selbst versichern, nicht die Parlamentspräsidentin des Deutschen Bundestags zu sein, sondern bloß ein Talkshow-Host?

Nein. Ich weiß und wusste schon, was ich da tue und was meine Rolle und die meines Teams ist. Wir sind Journalistinnen und Journalisten. Wir sagen, was ist. Und mit dem, was ist, müssen wir kritisch umgehen. Mal knallhart, mal tastend und nach Erklärungen suchend wie zum Beispiel während der Pandemie.

Als anderthalb Jahre lang gefühlt jede Talkshow von Corona handelte.

Bei uns waren es mindestens 30 Sendungen in Folge, ich weiß es gar nicht mehr genau. Aber sie trafen durch die Bank auf riesiges Interesse. Es war halt eine Phase großer Verunsicherung, in der sich Millionen Menschen auch von uns Erklärung und Orientierung erhofft haben. Parteipolitischer Streit dagegen, den die Zuschauerinnen und Zuschauer sonst ganz gerne bei uns geguckt haben, schien völlig fehl am Platz. Die Menschen wollten wissen, wie es weitergeht, was die Virologinnen und Virologen sagen, wann der Spuk endlich mal vorbei ist. Aus dieser Wissbegierde entstand ja zum Beispiel auch der große Erfolg von Christian Drostens NDR-Podcast.

Coronavirus-Update, später mit seiner Kollegen Sandra Ciesek.

Es gab einfach ein riesiges Bedürfnis nach Aufklärung und Information, wie lange nicht mehr, weil jede und jeder unmittelbar betroffen war und irgendwie versuchte, mit der verwirrenden Situation klarzukommen.

Wobei das Durcheinander seither nur noch größer geworden. Der Titel Ihrer letzten Sendung am 3. Dezember lautete daher: „Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“

Wichtiger war uns sogar der Halbsatz davor: „Die neue Weltunordnung“ hatten wir die Sendung überschrieben, und dann: „Ist Deutschland den Herausforderungen gewachsen?“. Wobei Navid Kermani, der Schriftsteller und Friedenspreisträger, der zu Gast war, gleich gesagt hat, die Fragestellung sei jetzt nicht so rasend gut gelungen, weil sie das Grunddilemma deutscher Debatten zeige: Wir würden egal, was weltweit passiert, immer alles als deutsche Nabelschau betrachten.

Als ginge es immer nur um uns?

Ja. Ich fand den Titel trotzdem gut. Er passte, um nochmal alle losen Fäden des katastrophalen Jahres zusammenzubinden. Und wenn man dann gleichsam die Großwesire des Reiches zu Gast hat, wie eben Navid Kermani, die Zukunftsforscherin Florence Gaub und den Historiker Raphael Gross, dann kann man das machen.

Ein verblüffend unpolitischer Cast fürs Finale…

Immerhin ergänzt um Vizekanzler Habeck, der sich auf solche Überblicksthemen ja auch einlässt. Mit einer thematisch so breit angelegten Sendung aufzuhören, war natürlich riskant. Aber wir wollten fürs Finale die Latte eher zu hoch als zu niedrig legen.

Und wie würden Sie die Titelfrage nach den Herausforderungen Deutschlands ein paar Wochen nach dem Finale beantworten?

Dass Deutschland diesen Herausforderungen eher nicht gewachsen ist. Nehmen Sie die Landesverteidigung: Wenn Boris Pistorius neuerdings sagt, wir müssten „kriegstüchtig“ werden, müssten Putins Drohungen ernstnehmen und hätten noch fünf bis acht Jahre, uns als Land und NATO-Mitglied auf einen möglichen Angriff vorzubereiten, dann sagt er das, weil Deutschland alles andere als kriegstüchtig ist. Und die Lage dürfte sich weiter verschärfen, wenn die USA ihre Militärhilfe für die Ukraine zurückfahren. Dann kommt es ja nochmal mehr auf uns an. Die Lücke kann Europa aber nicht füllen, geschweige denn Deutschland alleine.

Und da wären wir noch lange nicht beim sehr viel komplizierteren Gaza-Krieg.

Tja, da müssten wir uns eigentlich fragen, was denn die vielbeschworene Staatsräson konkret bedeutet. Was wäre denn, wenn es zum Beispiel einen noch größeren Krieg etwa mit dem Iran gäbe. Enthält sich Deutschland dann nicht mehr bei UN-Resolutionen? Unterstützt es Israel mit Waffen? Und falls ja: womit genau? Wir haben dafür weder Material noch Manpower …

Es ist interessant, dass Sie auf die Frage nach den Herausforderungen Deutschlands zunächst außen- und sicherheitspolitisch antworten, statt innen- und gesellschaftspolitisch, wo es vom Klimawandel über den Fachkräftemangel bis hin zur rechtspopulistischen Gefahr mindestens ebenso große Gefahren gibt.

Das liegt sicherlich daran, dass Außenpolitik das Thema der letzten Sendung war, ist aber dennoch ein guter Hinweis. In Ihrer Auflistung fehlt nur noch der anhaltende Haushaltsstreit. Und bei keinem dieser Konfliktfelder hat man den Eindruck, Regierung oder Opposition handelten visionär oder wie aus einem Guss.

Gehen der Mensch und die Journalistin Anne Will auch damit unterschiedlich um?

Also diese Trennung, die Sie da machen, verstehe ich nicht. Wenn ich privat diskutiere, bin ich sicherlich aufgebrachter. Etwa in Sachen Unterstützung der Ukraine oder auch beim Umgang mit der Klimakrise. Da hatte ich mir von der Bundesregierung mehr versprochen als das, was jetzt auf den Weg gebracht ist. Als Journalistin bin ich da nüchterner und mache halt meinen Job: Recherchieren, analysieren, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger konfrontieren, nachhaken.

Aber kommt jetzt denn der Mensch Anne Will stärker zum Tragen als die Journalistin, zeigen Sie mehr Gefühle, Haltung, Subjektivität?

Nee, die Journalistin wird bei dem, was ich als Nächstes mache, stärker zum Vorschein kommen als bislang in meiner Rolle als Moderatorin der Talkshow. Moderieren ist ja nur eine Spielform unseres Berufs. Da war ich schon auch sehr der Neutralität verpflichtet. Überparteilichkeit braucht es in unserem Beruf eh, das ist ja klar, aber wer eine so genannte „Rundendiskussion“ moderiert, der muss nochmal anders arbeiten. Der oder die darf sich auf keine Seite schlagen, sollte neutral bleiben, muss am besten bei jeder Frage die jeweilige Gegenposition zur Position der Befragten einnehmen, um die Diskussion in Gang zu bringen. Man darf nicht riskieren, plötzlich selbst zur Diskussionsteilnehmerin zu werden. Dann killt man die Debatte und verliert jede Steuerung.

Ihre viel jüngere, aber höchst erfahrene Kollegin Sophie von der Tann hat dazu gesagt, sie möge den Begriff Neutralität nicht und würde ihn gern durch Objektivität ersetzen.

Klug!

Ist es schwierig, neutral oder objektiv zu bleiben, wenn viele ihrer Gesprächspartnerinnen und -partner das genaue Gegenteil davon sind?

Ob schwierig oder nicht: Objektivität ist das Nonplusultra. Darum müssen sich Journalistinnen und Journalisten immer bemühen. In meiner speziellen Rolle passte das Bemühen um Neutralität den Positionen der Gäste gegenüber aber noch besser. Eine Korrespondentin wie Sophie von der Tann hat einen anderen Job. Wer über einen so aufgeladenen Konflikt mit so viel Leid berichtet, der oder die kann nicht neutral, im Sinne von: unbeteiligt berichten. Aber es gilt objektiv zu bleiben, sonst handelt man ganz schnell nicht mehr journalistisch, sondern aktivistisch. Spätestens das wäre der Punkt, an dem man den Beruf an den Nagel hängen müsste.

Und wie ist es als Moderatorin?

Das habe ich ja versucht, zu erklären. Aber mal ehrlich: Ich habe das jetzt mehr als 16 Jahre gemacht, ungefähr dreimal so lang wie jeden meiner Jobs zuvor. Jetzt ist erstmal gut mit Moderatorin einer Talkshow; ich will wieder stärker als Journalistin kenntlich sein. Darauf freue ich mich total.

Wobei man beim Querschauen ihrer Talkshows auch selten das Gefühl hatte, Sie würden allzu subjektiv agieren. Haben Sie in all den Jahren überhaupt mal jemanden richtig à la Lanz gegrillt?

Ich bin nicht sicher, ob „Grillen“ eine Technik ist, die in Journalismus-Seminaren gelehrt wird (lacht), weil dabei gern mal eine gewisse Unfairness mitschwingt. Aber wenn Sie es auf „hartnäckig nachfragen“ bringen, dann habe ich das dauernd gemacht. Man darf und muss Leute nachdrücklich zur Verantwortung ziehen für Dinge, die sie zu verantworten haben. Im Fall von Sahra Wagenknechts Russland-Bild etwa habe ich das zuletzt mehrfach getan. Und kurz, nachdem Alexander Gauland gesagt hatte, niemand wolle Jérôme Boateng als Nachbarn haben…

Während der sogenannten Flüchtlingskrise in einem FAZ-Interview.

…habe ich ihm bei mir in der Sendung den Mitschnitt einer seiner Reden vorgespielt, bei der er was Kritikwürdiges gesagt hatte. Und was behauptet Gauland? „Das hab‘ ich nicht gesagt!“ Da habe ich ihm die Stelle nochmal vorgespielt und immer wieder gefragt, er könne doch jetzt nicht behaupten, es nicht gesagt zu haben, wir hätten es ja nun alle gehört. Irgendwann platzte Heiko Maas, damals Bundesjustizminister, der Kragen, der mit in der Runde saß.

Was hat Sie als Medienkonsumentin da persönlich mehr geprägt: Kragenplatz-Pranger wie Der heiße Stuhl mit Ulrich Meyer oder einfühlsames Abtasten à la Heut‘ Abend mit Blacky Fuchsberger?

Beides hatte seine Daseinsberechtigung, lässt sich aber nicht miteinander vergleichen. Es kommt, wie ich finde, drauf an, was man gerade macht. In den Tagesthemen zum Beispiel habe ich in der Regel hart konfrontativ gefragt. Etwa den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mir danach kein Interview mehr geben wollte.

Ein Ritterschlag?

(lacht) Eher ein bisschen schade; ich hätte ihn später – jetzt nicht mehr – gern wieder zu Gast gehabt, aber er hatte sich ungerecht von mir behandelt fühlte. Das war es aus meiner Sicht nicht; er hatte halt nur nicht damit gerechnet, dass ich bei einer Schalte nach Washington mit dem ungeschriebenen Gesetz breche, Kanzler bei Auslandsbesuchen nicht innenpolitisch zu befragen.

Worum ging es dabei?

Um die Vertrauensfrage, die er tags zuvor angekündigt hatte. Ich wollte wissen, ob er damit rechnet, damit durchzukommen und hab das mit der zugegeben etwas übertriebenen Behauptung begründet, 80 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger würden das jetzt echt gern von ihm wissen. Ein Teil von denen fand es im Anschluss unbotmäßig, so mit dem Bundeskanzler zu reden, der andere Teil meinte das Gegenteil. Aber das war weder Heißer Stuhl noch Heut‘ Abend, sondern einfach kritischer Journalismus.

Dann zwei andere Referenzgrößen zur Auswahl: Michel Friedman und Reinhold Beckmann, also eher Konfrontation oder Einfühlungsvermögen?

Eher Konfrontation, aber eben auf meine Art. Ich will mich da aber gar nicht mit Kolleginnen und Kollegen vergleichen, die allesamt herausragende Fähigkeiten haben.

Hatten, haben Sie denn so etwas wie Vorbilder?

Hatte ich. Allen voran Juliane Bartel. Als ich Anfang der Neunzigerjahre volontiert habe, war sie Radio-Moderatorin bei SFB2 und neben Giovanni di Lorenzo Gastgeberin bei 3 nach 9. Ihre knallhart fragende Lässigkeit wollte ich mir abgucken. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Berliner Immobilienhai, der sich irgendwann nur noch bitterlich über ihre Fragen beklagte. Dann hörte man sie lange an der Zigarette ziehen, genüsslich ausatmen und dann sagen: „Ach, Herr Bendzko, mir kommen die Tränen.“ Sensationell!

Aber weder neutral noch objektiv!

Dafür sausouverän von der Palme runter auf den Boden der Tatsachen geholt.

Als Frau einer männerdominierten Zeit zumal, in der Journalistinnen generell in der Minderheit waren und auch eher mit defensiv assoziiert wurden.

Total. Schon deshalb hatte ich mir Juliane Bartel zum Vorbild genommen, bis aufs Rauchen wollte ich genauso werden. Wahnsinnsstimme, tolle Präsenz, in meinem Verständnis als 26-jährige Volontärin eine echte Vorreiterin.

Wobei Sie das auch waren. Sie haben als erste Frau die Sportschau moderiert und den prominentesten Sendeplatz der Talkshow-Landschaft übernommen.

Aber Herr Freitag, haben Sie da jetzt nicht jemanden vergessen?

Herrje – Sabine Christiansen natürlich, die auch Ihre Vorgängerin bei den Tagesthemen war. Trotzdem waren Sie früh prominent in einer Branche vertreten, die seinerzeit noch männlich dominiert war. Was war für die Gleichberechtigung da einschneidender: Ihre Rolle im Sportjournalismus oder der politischen Debattenkultur?

Wenn überhaupt, dann habe ich mit der Sportschau noch was freigekämpft. Denn da sah ich mich tatsächlich noch mal mit spießigsten Zweifeln konfrontiert, ob Frauen sowas überhaupt können. Im Politjournalismus hatte aber zum Beispiel Sabine Christiansen bereits etliche Schlachten geschlagen, die bei den Sportkommentatorinnen ja bis heute andauern.

Claudia Neumann kriegt heute noch bei jedem kommentierten Fußballspiel einen Shitstorm, als lebten wir in den Fünfzigern…

Tja, traurig, aber wahr, der Kampf um Gleichstellung ist eben längst nicht gewonnen, da muss man dranbleiben. Deshalb wollte ich auch immer möglichst viele, auch junge Frauen im Team haben – egal, mit wie vielen Schwangerschaften man dann als Arbeitgeberin umgehen muss. Das sage ich nur, weil das ja immer noch manchen Einstieg verhindert. Und ich sage es auch, weil sich in dem Zusammenhang in den zurückliegenden 16 Jahren tatsächlich was zum Besseren verändert hat.

Zum Beispiel?

Dass mittlerweile dann doch ein paar mehr Männer in Elternzeit gehen, und zwar auch mehr als die üblichen zwei Monate. Und: Manch einer kündigt so einen Plan selbstverständlich ungefragt auch schon beim Vorstellungsgespräch an. Als mir das passierte, war ich wirklich baff und fand es super. Eine meiner Mitarbeiterinnen sagte mal, wahre Gleichstellung hätten wir erst, wenn Arbeitgeber auch bei jungen Männern als erstes damit rechneten, dass sie demnächst sicher in Elternzeit gehen. Recht hat sie. So weit sind wir aber nicht. Da gibt es ja mit der neuen Elternzeitregelung eher wieder eine Form von Backlash. Umso wichtiger ist, auch an der Repräsentation von Frauen zu arbeiten. Wir hatten uns deshalb die Regel gesetzt: mindestens zwei Frauen in der Runde zu haben.

Inklusive oder exklusive Ihrer Person?

Exklusive. Und das klappt auch. Leicht ist es allerdings immer noch nicht. Denn Männer sind in Entscheidungs- und Leitungsfunktionen nun mal weiterhin in der Mehrheit. Nehmen wir die Parteien: Bei FDP und CDU/CSU kommt man da, anders als bei Grünen und SPD, schnell an Grenzen, weibliche Vorsitzende in eine Sendung einladen zu wollen.

Gibt es geschriebene oder ungeschriebene Regeln, wie genau Talkrunden zusammengesetzt sein sollten oder besser nicht, also was das Verhältnis von Männern und Frauen, Wissenschaft und Politik, Biodeutschen und Zugewanderten, Prominenten und Ottonormalverbraucherinnen betrifft?

Nein, das gibt es nicht. Besetzungen von Runden sind rein journalistische Entscheidungen. Es geht darum, unterschiedliche Positionen und Perspektiven vertreten zu sehen. Terminfragen von Wunschgästen können noch eine Rolle spielen. Mindestens zwei Frauen dabei zu haben, war halt unsere Regel. Jemand von der Regierung und der Opposition dabei zu haben, kann nicht schaden, muss aber nicht sein. In der letzten Sendung war nur ein Politiker dabei. Geht auch. Aber eine Pandemie-Ausgabe ohne Virologin oder Virologen? Schwierig! Wichtig ist, was die Person beizutragen hat, weniger wen sie repräsentiert.

Hatten Sie je persönliche Präferenzen, mit wem Sie lieber sprechen?

Am liebsten spreche ich mit eloquent argumentierenden, lebendigen, leidenschaftlichen Menschen. Da ist mir ihre Funktion erstmal herzlich egal. Menschen, die sich reinwerfen in die Thematik, denen ich sowas wie Wahrhaftigkeit abnehme und die am Ende womöglich sogar die Größe haben, sich vom besseren Argument überzeugen zu lassen.

Trifft all dies auf Laien, die verglichen mit früher zusehends häufiger in Talkshows sitzen, eher zu als auf Profis?

Da mache ich keinen Unterschied. Und so neu ist die Entwicklung hin zu Gästen ohne Kamera-Erfahrung auch gar nicht. Wir jedenfalls haben damit schon 2007 begonnen. Wir haben ihnen damals sogar einen eigenen Platz zugewiesen, der dann gleich mal geringschätzig „Betroffenensofa“ genannt wurde.

Puh.

Tja (lacht). Wir sind irgendwann davon abgekommen, in jeder Sendung eine Betroffene zu haben, und haben dann doch wieder mehr auf Multiplikatoren gesetzt. Bürgermeister zum Beispiel, Gewerkschafts- oder Städtetagvertreterinnen, die nicht nur für sich, sondern für viele sprechen können. Aber wir haben in 553 Sendungen und mehr als 1300 Gäste wirklich alle möglichen Gäste bei uns gehabt – vom zu Unrecht wegen Mordes Verurteilten bis hin zur Supermarktverkäuferin, die wegen eines angeblich geklauten Pfandbons über 20 Cent ihren Job verloren hatte.

Wen hätten Sie denn – prominent oder nicht – gern mal in Ihrer Sendung gehabt, aber nie bekommen oder es gar nicht erst versucht?

Lustigerweise habe ich mich in der Tat jahrelang darum bemüht, einmal Navid Kermani in die Sendung zu bekommen, der tatsächlich noch nie in einer Talkshow war. Sein erster Auftritt in meiner letzten – das hat mich riesig gefreut.

Und sonst so?

Na ja, da sagt man dann üblicherweise: der Papst, Joe Biden, Barack Obama. In Wahrheit habe ich aber gar nicht von grandiosen Namen, sondern von bestmöglichen Runden zu richtig guten Themen geträumt.

Könnten Sie sich vorstellen, noch mal in einer anderen Talkshow an anderer Stelle bestmögliche Runden zu richtig guten Themen zusammenzustellen?

Klar, kann ich mir das vorstellen. Ich habe meine Sendung ja gerne moderiert, rasend gerne sogar. Sonst hätte ich es auch nicht so lange gemacht. Aber das ist aktuell nicht das erste auf meiner Liste.

Wovor haben Sie denn diesbezüglich mehr Angst: Unterforderung und Langeweile oder einen Preis fürs Lebenswerk zu kriegen?

Sehr schöne Frage. Für den Lebenswerkpreis bin ich zu jung und gegen Unterforderung und Langeweile werde ich schon was tun. Bei beidem besteht also vorerst kein Grund zur Sorge.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist/in erschienen

Bauernregeln & letzte Tabus

Die Gebrauchtwoche

TV

5. – 11. Februar

Qualitätsjournalismus unterscheidet sich vom Boulevard vor allem darin, dass ersterer echte Realitäten nüchtern beschreib, letzterer gewollte dagegen emotional. Umso mehr fällt auf, wenn seriöse Medien boulevardesk wirken. Nach Plagiatsvorwürfen gegen die Süddeutsche-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, wurde sie erst verteufelt, dann vermisst, schließlich gefunden. Alles ganz schön deftig.

Was neovölkische Beobachter wie Julian Reichelt ebenso lieben wie die AfD, deren Talkshow-Präsenz mal wieder im Fokus steht. Markus Lanz Gestammel neben Tino Chrupalla zeigte zuletzt, wie wenig Rechte das wohlfeile Aufzählen ihrer Tabubrüche juckt. Besser wären da konkrete Antworten, ob und wie sie auf dem Weg zum Führerstaat Verwaltung, Justiz, das Wahlsystem und nicht zuletzt: die Medien umgestalten.

Dafür brächte Reichskanzler Höcke flugs alle Bahnhofsbuchläden in Parteibesitz, damit Elsässers Stürmer compact dort wieder erhältlich wäre. Danach ließe er Putins Hofberichterstatter Tucker Carlsen wohl Gefälligkeitsgutachten erstellen. Und zur ermächtigungsgesetzlichen Absicherung könnte die AfD noch jene um Hilfe bitten, denen sie zuvor sämtliche Subventionen gestrichen hätte.

Weil sie ihnen zu unbotmäßig berichten, haben wütende Bauern Redaktionen wie die Allgäuer Zeitung oder die Druckerei von Bild und Abendblatts bei Hamburg blockiert. Für diese Pluralismusverachtung hat Markus Raffler sogar Verständnis. „In Summe“, so der AZ-Redaktionsleiter, „waren die Bauern wohl ein wenig hilflos, wie sie mit uns ins Gespräch kommen“. Wollen wir mal hoffen, dass er seine Verteidigung der Angriffe auf die Pressefreiheit ironisch meint.

Und damit zum Sport. Dort haben sich praktisch alle Fußball-Reporter geeinigt, dass nun aber mal gut sei mit Fan-Protesten gegen DFB-Deals. So werden drei Pfiffe beim Zweitligaspiel gegen Tennisball-Würfe zur absoluten Stadionmehrheit umgedeutet, denen solche Spielunterbrechungen zu weit gehe. Wenn man Sky sein teures Premiumprodukt madig macht…

Die Frischwoche

0-Frischwoche

12. – 18. Februar

Da könnte man erwähnen, dass Chefredakteurin Juliane Eßling mangels Erfolg entlassen hat. Aber Sat1 ist mittlerweile so egal, dass hier wie immer kein Format empfohlen wird. Empfehlenswerter ist stattdessen Manfred Oldenburgs spielfilmlange Doku Das letzte Tabu, worin er Dienstag bei Prime Video einen Skandal aufdeckt: Der globale Fußball bringt es bei 500.000 Profis auf sieben aktive homosexuelle Kicker. Sieben… Also noch nicht mal der deutsche Talking Head Thomas Hitzlsperger, der sein Coming-Out nach dem Abschied hatte. Umso wichtiger ist die Milieustudie von der ersten bis zu 90. Minute.

So lange dauert auch die Aufwärmphase der österreichischen Horror-Groteske Beasts like us, Mittwoch auf gleichem Portal. In den ersten drei Folgen erreicht die Komödie um paarungswillige Mittzwanziger in einer Stadt voll alltäglicher Vampire, Zombies, Mutationen bestenfalls Schultheater-Niveau. Mit der Zeit aber entwickelt sich der Achtteiler zum Kommentar auf rechtspopulistische Bewegungen, was ihn trotz Pipikackapimmel-Witzen soziokulturell durchaus originell macht.

Weder mit Politik noch Pennälern will die Netflix-RomCom Liebeskümmerer zu tun haben. Gut so. In freudloser Zeit erinnert die Lovestory einer beziehungsgestörten Paartherapeutin (Rosalie Thomass) mit Laurence Rupps Macho alter Schule angenehm harmlos an Romanzen der 90er, als die Welt noch in Ordnung schien. Weitere 40 Jahre zurück reicht das Biopic The New Look, in dem Apple ab Mittwoch neunmal Haute Couturiers wie Coco Chanel und Christian Dior porträtiert.

Erschreckend gegenwärtig ist das Courtroom-Drama Sie sagt. Er sagt. Nach Motiven Ferdinand von Schirachs kämpft Ina Weisse ab Freitag in der ZDF-Mediathek 100 Minuten gegen Godehard Gieses potenziellen Vergewaltiger. Wie so oft bei Matti Geschonnek entsteht daraus ein totenstilles, lauthals brüllendes Kammerspiel, das Stellung bezieht, ohne Stellung zu beziehen und deshalb einfach nur brillantes Fernsehen wird.