Sophie von der Tann: Israel, Hamas & die ARD

Ich will da lebendig rauskommen

Tann-Artikel

Seit dem 7. Oktober, als die Hamas Israel überfiel, ist Sophie von der Tann (Foto: Dominik Butzmann) das ARD-Gesicht im Kriegsgebiet schlechthin – auch, weil sie auf empathische Art sachlich von dort berichtet, wo ihr Herz bereits als Schülerin hing. Ein – vorab im journalist erschienenes – Interview mit der 31-jährigen Nahost-Korrespondentin über die Arbeit einer so jungen Journalistin unter Extrembedingungen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau von der Tann, so von Zivildienstleistendem zu Zivilistin – wie fühlt es sich bei der Arbeit mit Helm und Schutzweste in Tarnfarben an?

Sophie von der Tann: Darüber mache ich mir in dem Moment, wo ich das trage, eigentlich kaum Gedanken, weil es einfach das ist, was ich eben tragen muss in Situationen wie aktuell in Israel und den palästinensischen Gebieten. Wenn das Sicherheitskonzept vorsieht, das anzuziehen, ziehe ich es an.

Und mit welchem Gefühl also?

In so einer exponierten Lage fühlt es sich vor allem geschützter an als ohne. Die Ausstattung ist ganz schön schwer, und ich glaube, dass die Sicherheitsfirmen noch viel zu tun haben, damit sie am Ende auch Frauen gut passt (lacht). Aber an Orten wie diesen ist es jetzt nun mal Teil unseres Alltags.

Hat sich das Sicherheitsbedürfnis an einem konfliktträchtigen Einsatzort wie Israel seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober spürbar verschärft oder war es auch vorher schon groß?

Wenn man als Korrespondentin nach Israel und in die palästinensischen Gebiete geht, muss man sich darüber klar werden, dass es zur Eskalation kommen kann, die potenziell gefährlich wird. Ich jedenfalls war mir dessen sehr bewusst. Wir versuchen natürlich, alles zu tun, nicht in solche Situationen zu kommen und arbeiten auch mit erfahrenen Leuten zusammen. Außerdem habe ich ein Krisentraining absolviert. Aber dass es zu diesem Zeitpunkt in dieser Dimension eskaliert – damit hat, glaube ich, niemand gerechnet.

Sie eingeschlossen?

Mich eingeschlossen. Mir war immer klar, dass hier ein gewisses Risiko für Eskalationen besteht, aber wirklich unsicher gefühlt habe ich mich deshalb eigentlich selten – auch wenn latent immer eine gewisse Spannung herrscht, manche Orte gefährlicher sind als andere und entsprechend andere Sicherheitsvorkehrungen erfordern. Wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre, hätte man auch schon vorher in Terrorangriffe geraten können. Aber für mich war die Gefahrenlage in Tel Aviv definitiv eine andere als für Kollegen im Westjordanland oder Gaza-Streifen.

Wenngleich Sie dort vermutlich häufiger im Einsatz waren.

Natürlich, mehrfach. An beiden Orten war ich in den zwei Jahren hier schon mehrfach. In unserem Berichtsgebiet Israel und den Palästinensergebieten sind wir fast überall unterwegs.

Legt man sich da automatisch eine Art virtuellen Panzer der Abgebrühtheit an, der über den materiellen hinausgeht, den Sie gerade häufig in der Tagesschau tragen?

Ich hoffe nicht, weil er mich daran hindern würde, mich auf die Geschichten dort einzulassen, den Menschen wirklich zuzuhören und zu sehen, was wirklich los ist, anstatt es teilnahmslos an sich vorbeiziehen zu lassen.

Gilt das für Sie oder alle Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten vor Ort?

Ich erinnere mich an eine Situation im Mai, als ich während einer Eskalation eine Woche lang zusammen mit einem Kollegen im Gaza-Streifen festsaß. Als wir dann mitten in der Nacht mit UN-Fahrzeugen evakuiert wurden, war es ein merkwürdiges Gefühl, an Bewohnern vorbeizufahren, die vor Beschuss oder Luftangriffen nicht wie wir evakuiert werden. Andere im Fahrzeug haben sich dagegen so ein bisschen locker über Anekdoten von ihrer Evakuierung aus Kabul unterhalten, als wäre das normal. Da dachte ich: Hoffentlich werden wir nie so abgebrüht, hoffentlich sehen wir immer, was da vor sich geht. Man gewöhnt sich an einiges, aber mir ist wichtig, noch alles wirklich wahrzunehmen – auch, wenn das manchmal wehtut.

Zumal der 7. Oktober gezeigt hat, dass man gar nicht abgebrüht genug sein kann, um von der Weltgeschichte nicht doch überrollt zu werden.

Genau.

Was hat dieser Tag mit Ihnen als Journalistin, aber auch als Mensch gemacht?

Es hat mich wie alle anderen vollkommen entsetzt. Wie sehr, das kann ich im Nachhinein gut an Chatverläufen nachverfolgen. Ich habe mir meinen bei WhatsApp – interessanterweise mit jenem Kollegen, mit dem ich im Mai im Gaza-Streifen festsaß – gestern zufällig noch mal angesehen. An Morgen des 7. Oktobers habe ich zum ersten Mal überhaupt Raketenalarm in Tel Aviv gehört. Bei den vorigen Malen war ich zufällig nie im Land. Wir waren beide total fassungslos über die Videos, die Hamas-Terroristen in israelischen Ortschaften zeigten. „Das hat eine andere Dimension“, habe ich ihm früh am Morgen geschrieben, das war uns schnell klar.

Damals noch reine Intuition?

Nicht nur. Wenn man wie ich schon mehrfach die Grenze überquert hat und sehen konnte, wie hoch diese Mauern sind und wie stark bewacht sämtliche Sicherheitsanlagen, war es umso unvorstellbarer, dass Terrorkommandos da einfach durchkommen. Das war ein echter Schock.

Schalten Sie als Journalistin dann in eine Art Notfallmodus und lassen persönliche Befindlichkeiten nicht an sich heran, um beruflich funktionieren zu können?

Das ist in dem Moment schon deshalb wichtig, weil ich von da an fünf Tage am Stück eigentlich durchgearbeitet habe. Und da mein TV-Kollege nach einer langen Dokumentation gerade in Deutschland war und nicht einfliegen konnte, weil alle Flüge gecancelt wurden, waren wir im TV-Studio ein kleines Team. Er hat von München aus versucht, alles Mögliche beizusteuern, was für die Berichterstattung nötig ist. Aber vom Morgenmagazin um 7 Uhr bis zu den Tagesthemen israelischer Ortszeit nach Mitternacht war ich konstant on air und musste zwischendurch auch noch die Termine draußen koordinieren. Wenn man da nicht im Funktionsmodus bleibt, ist das unmöglich.

Geht das so weit, seine Körperfunktionen wie im Schlaf herunterzuregeln und weniger Schlaf- oder Essbedarf zu haben?

Nein, Hunger hatte ich zum Glück schon verspürt und konnte ihn bei Gelegenheit auch stillen (lacht). Und Zeit, um zwischendurch mal mit jemandem auch persönlich zu telefonieren, blieb ebenfalls. Ich hatte sogar ein kleines Ritual, nach der 20-Uhr-Tagesschau auf dem Rückweg nach Tel Aviv kurz meine Eltern anzurufen und auf den neuesten Stand zu bringen – womit ich gewissermaßen sogar die nächste Schalte üben konnte. Ich bin kein Roboter, aber es war faszinierend, zu sehen, was Körper und Geist mit ausreichend Adrenalin in Extremsituationen wie dieser zu leisten in der Lage sind, dass vier, fünf Nächte in Folge mit vier, fünf Stunden Schlaf machbar sind, wenn’s drauf ankommt. Aber auch das geht natürlich nur…

… Mit Teamwork.

Und unser Team hat nicht nur viel Erfahrung, sondern wenn’s drauf ankommt dieselbe Einsatzbereitschaft, von sieben Uhr früh bis ein Uhr nachts zu arbeiten. Alle. Die Kameraleute natürlich, die Producer mit den nötigen Kontakten, den Sprachkenntnissen, dem Überblick, die Techniker. Und wir arbeiten auch eng mit unseren Radiokollegen zusammen, mit denen wir einen sehr konstruktiven Austausch haben, um Situationen besser einschätzen zu können. Für all dies bin ich sehr dankbar, denn andernfalls ist Fernsehen dieser Art nicht möglich.

Entscheidet dieses Team am Ende auch gemeinsam, was von Ihnen am Bildschirm zu sehen und hören ist?

Nein, was ich in einer Live-Schalte sage, sage ich. Das ist mir auch wichtig – obwohl ich natürlich ständig auf der Suche nach Input vom Team in Tel Aviv oder Ortskräften im Westjordanland und Gaza bin, die unter ganz anderen Bedingungen als wir arbeiten, zurzeit aber oft schlecht erreichbar sind. Ich finde es unerlässlich, anderen zuzuhören. Aber über das, was ich sage, entscheide ich allein. Wenn es um TV-Beiträge geht, entscheiden die Redaktionen letztlich, welche Geschichten gesendet werden, und zum Teil auch, wie sie aufgebaut werden. Da wir aber die Gesichter auf den Bildschirmen sind, wird Resonanz auf die gesamte Berichterstattung oft auf uns projiziert. Auch wenn wir nicht alle Entscheidungsprozesse in der Hand haben.

Angesichts von Krieg und Terror im Zeitalter digitaler Kommunikationsnetzwerke ist dabei wichtiger denn je, welche Bilder verbreitet werden und welche nicht. Wer kuratiert abgesehen von ihren Wortbeiträgen letztlich, was zu sehen ist?

Das geschieht immer in enger Absprache mit den Redaktionen, um gemeinsam – auch mithilfe technischer Tools wie visual fact tracking – zu entscheiden, was aus unterschiedlichen Gründen gesendet wird oder eben nicht. Zum Beispiel wenn etwas zu viel Gewalt zeigt, zu propagandistisch ist, nicht authentisch oder nachverfolgbar ist. In jedem Fall müssen wir die Quellen angeben, wenn Videomaterial nicht selbst gedreht wurde oder von Nachrichtenagenturen kommt, sondern aus Social Media stammt oder zum Beispiel vom israelischen Militär veröffentlicht wird. Bilder von Menschen in einer entwürdigenden Situation, etwa aufgrund von Misshandlungen oder während Verhören, verpixeln wir.

Dient all dies auch dem journalistischen Neutralitätsgebot insbesondere als Teil einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktion die trotz der vielzitierten Sicherheit Israels als deutscher Staatsräson keine Partei für eine der Konfliktseiten ergreifen darf?

Ich finde Neutralität einen schwierigen Begriff und würde ihn lieber durch Objektivität ersetzen. Das bedeutet, dass wir uns mehrere Positionen anschauen, Quellen prüfen und alles einordnen, ohne zu bewerten. Unser Job besteht darin, aus unterschiedlichen Blickwinkeln gut informiert bestmöglich zu berichten, was vor Ort passiert. Das ist für mich Objektivität, die gerade in einer solchen Situation wie in Israel und den palästinensischen Gebieten ungeheuer wichtig ist. Eine der großen Herausforderungen ist, dass wir uns aktuell kein eigenes Bild von der Lage machen können.

Weil der Gaza-Streifen gesperrt ist.

Und unser lokales Team, das dort unter großen Gefahren arbeitet, kann auch nicht überall hin. Außerdem können wir sie, wenn das Netz zusammenbricht, oft länger nicht erreichen.

Was fühlt sich in dieser Situation gerade lauter an: der physische Gefechtslärm gegenseitiger Angriffe oder der virtuelle Gefechtslärm in den sozialen Netzwerken?

Dieser Krieg wird auf unterschiedlichen Schlachtfeldern ausgetragen. On the ground, also im Gaza-Streifen, entlang mehrerer Grenzgebiete, aber auch im israelischen Kernland, wohin Raketen abgefeuert und abgefangen werden. Parallel zur militärischen Auseinandersetzung gibt es aber auch diejenige auf Social Media oder in verschiedenen Ländern in der Welt, wo sie auch wieder – teilweise gewalttätig – vor Ort ausgetragen werden. Da wiederum gibt es Konfliktschauplätze, die zwischen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit kreisen. Es ist digital und real alles sehr aufgeheizt. Ich persönlich versuche, mich auf den physischen Konflikt vor Ort zu fokussieren.

Haben die Debatten in den Netzwerken und Messenger-Diensten darauf dennoch Einfluss oder blenden sie die völlig aus?

(überlegt lange) Unser Ziel ist es natürlich, darüber zu berichten, was vor Ort passiert. Ebenso klar ist aber, dass man Social Media sehr genau beobachtet. Ich agiere ja nicht in einer Blase, wo ich einfach mein Handy ausmache und dann nicht mehr nach rechts oder links gucke. Digitale Informationen auf Wahrheitsgehalt und Relevanz zu überprüfen, ist allerdings eine enorme Herausforderung. Es ist auch nicht so, dass ich dort etwas lese und dann denke, ich müsste an meiner Berichterstattung etwas grundlegend ändern, weil die Debatte im Netz eine völlig andere Richtung einschlägt.

Wo sich die Kolleg*innen vom heute journal gerade mit Vorwürfen auseinandergesetzt haben, sie würden einseitig vom Krieg berichten – gibt es so was wie Stimmungen, wenn nicht gar Direktiven aus der Heimatredaktion, die zumindest mittelbar Vorgaben machen?

Nein. Wir sind vor Ort. Wir schlagen die Themen vor, die wir wichtig finden. Wir berichten davon, was wir vor Ort mitkriegen.

Trotzdem könnte es doch gerade in diesem Fall so sein, dass ARD-aktuell oder der Bayrische Rundfunk als Basis aller Auslandskorrespondent*innen eine antisemitische oder antiislamische Stimmung in Deutschland feststellt und möchte, dass die Berichterstattung dem entgegenwirkt oder die Balance herstellt.

Natürlich diskutieren wir auch mit den zuständigen Redaktionen darüber, was in welchem Zusammenhang berichtenswert wäre oder nicht. Aber mir persönlich hat von dort noch nie jemand reinredigiert oder eine Meinung vorgegeben.

Sie befinden sich als junge Journalistin gerade in einem Konflikt, auf dem die eine Seite ein extrem misogynes Frauenbild vertritt, die andere hingegen ein vergleichsweise modernes. Welchen Einfluss hat das auf Sie, Ihr Selbstvertrauen, die Arbeit?

Da so ein Schwarzweiß Szenario zwischen verschiedenen Gesellschaften und Kulturen aufzumachen, finde ich nicht richtig. Das wird der Situation vor Ort nicht gerecht. Und Einfluss – sollte es denn Einfluss auf mich haben?

Die Frage ist nicht, ob es das sollte, sondern hat?

Also für mich macht es wirklich keinen Unterschied, von dort als Frau oder Mann zu berichten. Dass sich viele so für den Umstand interessieren, wenn jung und weiblich aus Krisengebieten berichten, wirft bei mir die Frage auf, warum es in der deutschen Medienlandschaft immer noch als Ausnahme wahrgenommen wird, also der Rede wert zu sein scheint. Wenn ich mich gerade unter internationalen Kolleginnen und Kollegen, besonders den britischen oder amerikanischen Korrespondenten in Israel und den palästinensischen Gebieten so umschaue, liege ich altersmäßig eher im Schnitt.

Mit 32 Jahren?

Nur mal als Beispiel: der Büroleiter der New York Times Patrick Kingsley ist 34 Jahre alt. In Deutschland scheint das allerdings noch immer als zu jung angesehen zu werden. Zum anderen gibt es auch viele Frauen vor Ort. Bei CNN Hadas Gold, beim niederländischen Rundfunk NOS Nasrah Habiballah oder um mal ein deutsches Beispiel zu nennen: Katharina Willinger, Leiterin des ARD-Büros in Istanbul. Wenn Sie trotzdem Fragen nach meiner Position hier als vermeintlich junge Frau stellen, wirft das für mich solche danach auf, wo wir in der deutschen Medienlandschaft eigentlich stehen in Sachen Diversity.

Wenn man Ihnen jetzt folgt, befinden wir uns jedenfalls schon in einer Zaubertraumwelt vollendeter Gleichberechtigung, in der es allenfalls ein Wahrnehmungsproblem, aber kein Darstellungsproblem gibt.

Ich kann nur sagen, dass wir uns, als wir am 7. Oktober die Schutzwesten angezogen haben und losgefahren sind, überhaupt keine Gedanken über solche Sachen gemacht haben, weil es in unserem Team einfach keine Rolle spielt. Bei uns vor Ort wirklich nicht. Und da mir auch meine Vorgesetzten nie dieses Gefühl geben, dass ich als Frau da eine andere Rolle hätte, ist das keine Zaubertraumwelt, sondern zumindest für mich hier die Realität. Einer Rakete ist es schließlich auch egal, ob sie eine Frau oder einen Mann trifft. Muss man erst ein fünfzigjähriger Mann sein, um in meinem Beruf nicht aufzufallen?

Das war halt mehr als 70 Jahre der Fall, und wenn Sie heute bei ProQuote oder der MaLisa-Stiftung nachfragen, werden Sie vermutlich hören, dass diese Zeiten keineswegs vorüber sind. Deshalb existiert das Bild maskuliner Haudegen, die sich in jedes Krisengetümmel werfen, ja fort…

Klar laufen hier auch noch solche Haudegen rum, die gibt’s immer. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass es mittlerweile besonders bei den englischsprachigen Medien viele junge und weibliche Kolleginnen und Kollegen gibt.

Es gab also, als sie vor zwei Jahren mit knapp 30 nach Israel gegangen sind, keine Platzhirsche und Danger Seeker, die seit 30 Jahren aus aller Welt berichten, ihren Standesdünkel pflegen und bezweifeln, dass die junge Deutsche das packt?

In unserem Team, ganz ehrlich, gibt’s das nicht. Klar, trifft man hier und da so richtige Veteranen. Vielleicht habe ich mich dann auch intuitiv eher an die gehalten, die ihren Erfahrungsschatz mit mir teilen, und die gemieden, die einen bevormunden wollen.

Zumal Sie eher Ihren Erfahrungsschatz mit anderen teilen könnten. Wer Ihren Werdegang betrachtet, sieht eine akademisch hervorragend ausgebildete Nahost-Expertin, die sich seit vielen Jahren mit Israel befasst und neben Französisch und Englisch auch Hebräisch und Arabisch spricht. War der Weg zur Israel-Korrespondentin da vorgegeben?

Es war auf jeden Fall eine gezielte Entscheidung. Schon während meines Volontariats durfte ich einen Monat beim Studio in Israel verbringen. Später war ich mal zur Vertretung da, habe fürs Radio und für die News-WG auf Instagram von hier berichtet, kenne also auch verschiedene Verbreitungsmöglichkeiten und bin ohnehin beim BR crossmedial ausgebildet worden. Ich fand die Region schon immer spannend. Dass es hier mal so spannungsgeladen werden würde, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht erwartet.

Wäre trotzdem ein anderer Einsatzort als Israel vorstellbar gewesen?

Ich hätte mir auch andere Orte vorstellen können, mein Studium habe ich komplett in England und den USA verbracht. Und ich hatte dank meiner Kontakte und Beziehungen auch die Idee, dort zu bleiben und arbeiten. Dass ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, lag auch am Brexit. Und ich wollte den Bezug zu meiner Heimat nicht vollständig verlieren. Der Wunsch, wieder ins Ausland zu gehen, war allerdings immer da. Deswegen ist für mich hier zu sein nicht nur eine Chance, sondern ein Traum.

Gehört denn, wo Sie gerade angesprochen haben, wie unerwartet spannend es in Israel nun geworden ist, eine gewisse Risikobereitschaft, wenn nicht sogar Risikoleidenschaft dazu, in Krisenregionen wie diese zu gehen?

Was ich suche, ist gute Berichterstattung und für diese Berichterstattung muss man eben auch vor Ort sein. Dabei geht es allerdings überhaupt nicht darum, sich zu gefährden, sondern im Gegenteil: Risiken sorgsam abzuwägen, durch gute Vorbereitung zu minimieren und im Fall, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist, zu gehen und nicht um den Preis guter Bilder unbedingt dort zu stehen, wo es knallt. Denn das hat für mich nichts mit gutem Journalismus zu tun.

Sicherheit geht also immer vor Information?

Mein Ziel ist definitiv: Ich will da lebendig rauskommen! Das wollen wir alle für uns und unsere Mitarbeiter. Das ist ein ständiger Abwägungsprozess mit dem Berichtsinteresse. Deshalb darf ich mich in diesem Konflikt aber auch nicht nur aufs Studiodach in Tel Aviv stellen, sondern muss dahin, wo sich der Konflikt abspielt, im Zweifel also auch zum Gaza-Streifen, wo ich mit eigenen Augen sehen kann, wie israelische Panzerverbände auffahren, aus der Luft angegriffen wird, Raketen aus dem Gaza-Streifen fliegen. Und ich will natürlich mit den Menschen sprechen, die vor Ort sind. 

Kommen dabei subjektive Abwägungsprozesse mit eigenen Ängsten hinzu oder sind die generell keine Entscheidungshilfen?

Genau dafür ist es ja so wichtig, mit Profis und Locals zu arbeiten wie unserem palästinensischen Kameramann, der sehr erfahren ist und viel gesehen hat. Wenn er sagt, das wird hier gleich unangenehm, wir gehen jetzt, dann vertraue ich ihm und wir gehen. Wenn er sagt, hier ist es ok, dann vertraue ich ihm ebenso und wir bleiben. Ich bin zwar am Ende diejenige, die das Wirrwarr an Informationen für das deutsche Publikum bestmöglich aufbereitet, kann und muss mich als Profi dieses Bereiches aber auf Profis anderer Bereiche verlassen, die einfach mehr Ahnung von Krisensituationen haben als ich. Das nimmt mir definitiv die Ängste.

Und falls die doch mal überhandnehmen, gibt es dann Kriseninterventionen – psychologische Hilfsangebote seitens der Sender, kollegiale Stuhlkreise oder wie Hollywood gern vermittelt, Gesprächstherapien an der Hotelbar?

Es gibt in der Tat Angebote vom Bayerischen Rundfunk, auf die wir auch aktiv hingewiesen wurden. Ich finde, dass Möglichkeiten zur psychologischen Betreuung oder Supervision im modernen Medienbetrieb dazugehören. Gespräche unter Kollegen sind ebenso wichtig. Man sollte seine Zweifel, Gedanken, Ängste und Sorgen in diesem Beruf unbedingt teilen können und vor allem: das nicht als Schwäche, sondern Stärke betrachten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir das im Team praktizieren, weil es uns als Gesamtgefüge stärker macht. Statt als Einzelkämpfer aus Teflon durch solche Krisensituationen durchzumarschieren, sprechen wir miteinander und suchen gemeinsam nach Lösungen – sei es bei einer Zigarette und einem Bier. 

Das Sie also durchaus mal trinken?

Ja, klar.

Und haben Sie die psychologische Hilfe des BR auch schon mal in Anspruch genommen.

Tut mir leid, aber die Frage zielt in einen sehr persönlichen Bereich. Ich habe es tatsächlich bislang nicht in Anspruch genommen. Wenn Sie sie aber jemandem stellen würden, bei dem das der Fall war, käme er in die Verlegenheit einer womöglich unangenehmen Antwort.

Dann bitte ich für die Frage um Entschuldigung und stelle eine, die vielleicht noch unangemessener ist, weil sie zynisch klingt: Sind Ausnahmesituationen wie die aktuelle in Israel und den Palästinensergebieten das Salz in der Suppe alltäglicher Berichterstattungen, so etwas wie die Quintessenz einer konfliktgeladenen Zeit?

Die traurige Wahrheit ist, dass die Nachrichten von schlechten Nachrichten dominiert werden und wir besonders dann gefragt sind, wenn schlimme Dinge passieren. Beruflich gesehen sind solche Momente also besonders herausfordernd und lassen uns irgendwie wachsen. Gleichzeitig ist das ein, wie soll ich es sagen: bittersüßes Gefühl, besonders dann viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. In den zwei Jahren seit meiner Ankunft im Sommer 2021 gab es Zeiten, in denen das Interesse an unserer Arbeit eher gering war.

Weil es im Schatten des Ukraine-Krieges stand?

Das hat natürlich stark die Berichterstattung dominiert und dann ist für „noch einen Konflikt“ erstmal weniger Platz. Mittlerweile ist es umgekehrt und ich frage mich manchmal – was ist denn jetzt eigentlich mit der Ukraine?

Plus zwei Dutzend weiterer Krisen inklusive Klimawandel.

Der Fokus bewegt sich immer um Aktualitäten herum, die andere Krisen dann oft in den Schatten stellen.

Rührt ihr journalistisches Interesse an diesen und allen anderen Themen eigentlich auch daher, dass Sie mit dem ARD-Korrespondenten und Sportreporter Hartmann von der Tann verwandt sind?

Er ist ein entfernter Onkel, den ich sehr schätze. Aber er war nicht der Grund, warum ich in den Journalismus gegangen bin. Meine Eltern machen beruflich übrigens etwas komplett anderes, haben mich auf dem Weg zur Journalistin aber immer sehr unterstützt.

War dieser Weg zuerst da oder Ihr Interesse für jüdische und israelische Geschichte, das ja auch weite Teile Ihres Studiums bestimmt hat?

Journalismus hat mich schon früh interessiert, inklusive erster kleiner Berichte für die Lokalzeitung. Als Jugendliche begann ich mich auch für die jüdische Geschichte in Deutschland zu interessieren und wollte mehr darüber herausfinden, was in meiner Heimat während des Nationalsozialismus passiert ist.  Deswegen hat es mich extrem gefreut, eine Familie in Israel kennengelernt zu haben, für deren Vorfahren in unserem Ort Stolpersteine verlegt wurden.

Kleine Messingplatten im Asphalt, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Und einer ihrer Verwandten hat den Terror-Angriff der Hamas in einem Kibbuz überlebt – da schließt sich schon wieder der Kreis meines historischen Interesses mit dem journalistischen. Studiert habe ich Theologie und Orientalistik und danach Geschichte und habe mich letztlich über mein geschichts- und religionswissenschaftliches Interesse, begleitet von meiner Leidenschaft für Sprachen und Reisen, an die Gegenwart herangetastet.

Sie und Israel klingt nach Perfect Match. Gibt es Grundregeln, wie lange Auslandskorrespondent*innen am selben Ort bleiben sollten, weil sie dort Erfahrung haben, beziehungsweise wann sie spätestens wechseln sollten, um keinen Tunnelblick zu kriegen?

Das variiert etwas, aber an einem Ort wie Israel ist es sicherlich besser, regelmäßig zu wechseln. Persönlich, weil diese Region sehr an einem zehren kann. Und publizistisch, weil es unbedingt eines frischen Blickes für neue Geschichten, neue Perspektiven, neue Zielgruppen mit neuem Elan bedarf. Sonst passiert es vermutlich schnell, dass man die Situation hier für zu verfahren für irgendwelche Lösungen hält. Nicht, dass es unser Job wäre, welche zu finden. Wir berichten nur darüber.

Das heißt aber, die Exit-Option ist nach zwei Jahren bereits Teil Ihrer Lebensplanung?

Ich würde es nicht Exit-Option nennen, weil es einfach Teil des Systems ist. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel lautet: maximal fünf Jahre an einem Ort.

Für Sie also noch ungefähr drei. Wohin könnte es Sie denn danach ziehen?

Ach, wenn ich mir darüber jetzt schon Gedanken machen würde, würde mein Kopf endgültig rauchen. I cross that bridge when I get there…

Dürfte die Brücke denn zu einem etwas entspannteren Ort, sagen wir innerhalb der EU, führen oder zieht es Sie dann erneut dorthin, wo es weltpolitisch spannungsreich ist, also gefährlich werden könnte?

Gefahr suchen oder meiden ist nichts, was mich antreibt. Ich möchte eine spannende Berichtsform in einem spannenden Berichtsgebiet. Momentan mache ich zwar viel Nachrichten, wir haben aber auch einen Podcast namens Lost in Nahost gestartet. Podcasts zu entwickeln oder eigene Dokumentationen zu machen, würde mir zum Beispiel auch Spaß machen. Beides ist nicht so leicht, wenn man in dieser Korrespondentinnenmühle steckt. Mein Kollege Christian Limpert hat es geschafft mit zwei tollen Dokus. Ich könnte mir daher alles Mögliche vorstellen. Ausland finde ich grundsätzlich spannend, aber – let’s see.

Vielleicht sprechen wir uns, wenn Sie direkt an der Brücke stehen.

Gern.


2023: Das Fernsehjahr, das war

Perfektion und Niedertracht

TV

Mystery, Empowerment, Fake-Dokus, Coming-of-Age, oft als Sechsteiler à 45 Minuten: auch 2023 füllen die Seitenarme den Fernsehmainstream mit Frischwasser. Wobei auffällt: Krimis bleiben wichtig, aber selten bemerkenswert, weshalb diesseits der Sendeplätze für Hauptkommissare und Wachtmeisterinnen mehr Raum für ermittlungsfreies Experimentieren blieb – sehenswertes wie saumäßiges. Die Top-11 des TV-Jahrs in loser Reihenfolge.

Von Jan Freitag

Platz 11

Tender Hearts, Sky

Als Anfang April die erste der acht Folgen Tender Hearts lief, dachte man: einsame Frau von morgen (Friederike Kempter) verliebt sich in Love-Roboter – gab’s das nicht bei Ich bin dein Mensch? Gab es! Aber nicht so visionär, originell, lustig wie Pola Becks Serie, die sogar das Hochplateau von Axel Ranischs Arte-Experiment Nackt über Berlin um einen Direktor in der Gewalt zweier Schüler erreicht.

Platz 10

Die Verräter, RTL+

Wer Brettspiele hasst, meidet auch Cluedo, wo ausgeloste Mitspieler ihre Identität als Mörder verheimlichen. Wer RTL-Formate hasst, meidet da auch Die Verräter, wo selbiges im echten Schloss passiert. Ein Fehler! Moderiert von Sonja Zietlow, war die Realityversion von Cluedo voller Privatfernsehgewächse wie Pascal Hens und Irina Schlauch bei allem Trash ein Springbrunnen pfiffiger Spannungssimulation.

Platz 9

Maestro, Netflix

Früher hat Netflix Filme mit Niveau vorm Streamen im Kino geparkt, um Oscars zu kriegen. Beim Biopic Maestro war das zwar unnötig, aber sinnvoll. Denn Bradley Coopers Porträt von Leonard Bernstein und dessen Frau Felicia (Carrey Mulligan) ist so famoses Fernsehen, dass es auf Leinwand wie Bildschirm begeistert. Was ebenso für Meisterwerke wie Nyad, Leave the World Behind und The Killer gilt.

Platz 8

Mein Falke, ARD

Mit Hollywood können deutsche TV-Filme schon wegen des Budgets nicht mithalten. Es sei denn sie ersetzen Produktionsgüte durch Tiefenschärfe. Wie Dominik Graf. Sein brüllend stilles ARD-Porträt mit Anne Ratte-Polle als einsame Frau, der Mein Falke aus dem Loch ihrer Lebenskrise hilft, war sogar noch fesselnder als Gesicht der Erinnerung, Grafs Antwort auf Hitchcocks Psychodrama Vertigo.

Platz 7

Was wir fürchten, ZDF

Damit zu deutscher Mystery, die seit Dark fast keinem Thriller fehlt, also auch nicht in Daniel Rübesams Sechsteiler Was wir fürchten. Wenn Lisa (Mina-Giselle Rüffer) trotz Panikattacken stets genau dahin geht, wo es in ihrer verfluchten Schule am lautesten spukt, wirkt sogar der verrätselte (natürlich 6×45 Minuten lange) ARD-Mumpitz Schnee vor Klimawandeltapete gehaltvoll. Unfreiwillig komisch ist beides.

Platz 6

Wir sind die Meiers, ZDF

Ach, wie schön ist dagegen doch freiwillige Komik – und zwar auf höchstem Niveau einer fabelhaften Kunstform: der Mockumentary. In Wir sind die Meiers spielen Stars von Matthias Matschke bis Bettina Lamprecht Familienmitglieder, die jedes deutsche Klischee in pseudorealistischen Humor verwandeln. So wie die Fake-Doku Almania, womit das Erste Kartoffeln einer Brennpunktschule persifliert.

Platz 5

Ernstfall – Regieren am Limit, ARD

Nicht gefakt, sondern faktisch brillant sind demgegenüber divers ARD-Dokus, die allein den Rundfunkbeitrag rechtfertigen. Ernstfall etwa, Stephan Lambys dreiteilige Ampel-Analyse im Dauerkrisenmodus. Dazu Erfundene Wahrheit, Daniel Sagers sorgfältige Aufarbeitung der Relotius-Affäre. Oder die Milieustudie Echt, in der Kim Frank die Neunziger am Beispiel seiner eigenen Teeny-Band analysiert.

Platz 4

Luden, Prime Video

Mittig zwischen Wahrheit und Lüge steht hingegen Historytainment Marke Luden. Gespickt mit echten Kiezgrößen der Achtziger, malt die Serie St. Pauli als dreckig-funkelndes Sittengemälde auf den Flatscreen, das bei aller Authentizität larger than life ist. Also ähnlich plausibel übertrieben wie Sam, ein Sachse – das furiose Disney-Biopic des ersten schwarzen Volkspolizisten, der auch real straffällig wurde.

Platz 3

Deutsches Haus, Disney+

Mit Realitäten hatte Geschichtsfiktion stets dann wenig zu tun, wenn Nazis vorkamen, besser: fehlten – spinnt es doch die Mär vom deutschen Opfervolk weiter. Weil Deutsches Haus über den 1. Auschwitzprozess vor NS-Tätern überquillt, ist die Dramaserie daher schon mal glaubhaft. Genial wird sie dank der Verknüpfung dreier Familien zum Sittengemälde einer vergesslichen Nation, das niemanden ungeschoren lässt.

Platz 2

Boom Boom Bruno, Warner TV

Falls Deutsches Haus aufrecht unterhält, was tut da Boom Boom Bruno? Nennen wir es: niederträchtig unterwandern. Angeblich will Kerstin Laudascher ja die toxische Männlichkeit der Titelfigur persiflieren. So mitfühlend aber, wie Maurice Hübner Ben Beckers homophoben Cowboy-Cop einen Mord im Drag-Milieu lösen lässt, ist die Serie vorgekautes Abendbrot für AfD- und Trump-Fans. Sechs, setzen!

Platz 1

Liebes Kind, Netflix

Wie männlicher Machtmissbrauch kreativ, sorgsam und geistreich gewissenhaftes Entertainment wird, zeigt Isabel Kleefelds brillante Netflix-Serie Liebes Kind mit Kim Riedle als Entführungsopfer eines manipulativen Entführers mit Cäsaren-Syndrom. Vom Drehbuch über die Regie bis hin zu Ausstattung, Kamera, Schauspiel kratzt der Psychothriller sechs Folgen lang an der dramaturgischen Perfektion.


Politisches Schweigen & Häuser aus Glas

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. Dezember

Sparvorschläge aus München: Florian Herrmann, bayrischer Staatskanzleichef und Medienminister, fragt sich bei Horizont, ob man alle Rundfunkanstalten brauche und schlägt gleich mal vor, BR und SWR zusammenuzul… Ach nee – der CSU-Mann sieht natürlich nur nördlich der Weißwurstgrenze Kostenersparnisse. Na, dann eben Vorschläge aus Frankfurt.

Christian Lindners Oberschichtbereicherungsbeauftragte Gerda Hofmann, offiziell als Ministerialrätin für Erb-, Grund- und Vermögenssteuer bezahlt, hat – wie Jochen Breyers ZDF-Doku Die geheime Welt der Superreichen mit versteckter Kamera zeigt – auf einer Veranstaltung für die Titelhelden Herrschaftswissen aus dem Finanzministerium ausgeplaudert, um Superreiche am Fiskus vorbei noch viel superreicher zu machen. Und Lindners Ressort? Schweigt auf Anfrage das Schweigen der Schuldbewussten.

Ebenso wie Jeremy Fragrance, der nicht nur ein dunkles Licht im Leuchter menschlicher Intelligenz ist, sondern offenbar auch ein braunes. Was von beidem dazu führte, dass sich der selbstverliebte Parfüm-Influencer lachend unter Nazis präsentiert hat, kann nur dieses duftende Maskottchen der Ignoranz beantworten, aber lässt es selbstredend lieber sein.

Derlei Diskretion in eigener Sache galt lange Zeit auch für Netflix. Nun gibt das Portal Zahlen für 1800 Eigenproduktionen heraus und siehe da: deutsche sind selbst weltweit ungeheuer zugkräftig. Wobei die Daten mit Vorsicht zu genießen sind – misst der Streamingdienst Erfolg doch in Stunden, nicht Zugriffen. Weshalb kaum Filme im oberen Drittel landen und als erste Serie von Belang: Wednesday an vierter Stelle.

Richtig klar und offen geäußert hat sich auch Frank Plasberg nicht über Louis Klamroth. Dass er Hart, aber fair jedoch nicht mehr produzieren wird, spricht Bände über seine Haltung zum Nachfolger im Ersten. Im Zweiten ist derweil nur wenig zu spüren vom Erbe, das ihm Dieter Stolte einst hinterlassen hat. Stolze 20 Jahre war er ZDF-Intendant und hat den Sender dabei nicht nur als konservatives Flaggschiff durch Helmut Kohls geistig-moralische Wende manövriert.

Vor seinem Abtritt 2002 gehen auch zahlreiche Neugründungen von ZDF-Kultur bis Phoenix aufs Konto des unionsnahen Medienmanagers. Jetzt ist er mit 88 gestorben und hinterlässt dem Mainzer Lerchenberg ein zwiespältiges Erbe. Auch darum landet in den letzten Zügen 2023 nichts Bemerkenswertes von dort in der Frischwoche, dafür aber umso mehr aus der ARD.

Die Frischwochen

0-Frischwoche

18. Dezember – 7. Januar

Dort steht seit Montag die Doku Trans*Teens in der Mediathek. Mit ein paar zu viel Ich-Botschaften vielleicht, aber angemessen objektiv, reist Reporterin Kerstin Klein darin 45 Minuten durch die USA und trifft Konservative, die Transgender-Menschen das Leben zur Hölle machen. Auf andere Art sehenswert ist das sechsteilige Biopic Power Play an gleicher Stelle.

Ab 29. Dezember zeichnet es das politisch bewegte Leben von Gro Harlem Brundtland nach, die 1981 nicht nur Norwegens erste Ministerpräsidentin war, sondern auch danach eine Vorreiterin weltbewegender Bereiche von Emanzipation über Gesundheit bis Abrüstung. Übers ARD-Weltkriegsexilepos Davos wollen wir an dieser Stelle zwar den Mantel konventionellen Historytainments hüllen.

Dafür belegt eine Koproduktion mit Arte in dessen Mediathek die öffentlich-rechtliche Kraft, große Geschichten ohne viel Firlefanz zu erzählen. Nach Esther Bernstorffs grandiosem Drehbuch versucht ein Unternehmer (Götz Schubert) zwischen den Jahren seinen Nachlass im Haus aus Glas verschiedenster Traumata aller vier Kinder zu regeln, was unter der Regie von Alain Gsponer trotzt Thriller-Finale einfach nur tolles Fernsehen ist. Dasselbe gilt für Bradley Coopers Interpretation von Leonard Bernstein.

Sein Biopic Maestro porträtiert nach kurzer Kino-Auswertung bei Netflix eher den bisexuellen Ehemann als die Dirigenten-Legende. Parallel dazu kriegt auch der griechisch-amerikanische Halbgott Percy Jackson bei Disney+ eine Frischzellenkur, die weit über zwei aufgeblasene Blockbuster hinausgeht. Netflix zeigt derweil noch ein Spin-Off von Haus des Geldes mit Fokus auf den Gangster Bérlin, bevor wir uns mit dem Artus-Bombast The Winter King ab 1. Januar bei MagentaTV ohne viel Wehmut von 2023 verabschieden. Bis auf Film & Fernsehen kann 2024 ja eigentlich alles nur noch besser werden.


Langmaack/Graf: Hanne & Der Falke

Ich schreibe Drehbücher, keine PR-Texte

inga-ehrenberg-findet-ausgleich-in-der-falknerei-100~_v-varxl_f9d210Wenn Filme Mein Falke heißen, drohen öffentlich-rechtliche Tierliebesschmonzetten. Es sei denn, Dominik Graf verfilmt Skripte von Beate Langmaack – dann kommt ein leises Meisterwerk heraus, in dem Anne Ratte-Polle (ARD, 20.15 Uhr und Arte-Mediathek) als Rechtsmedizinerin (Foto: NDR/Frédéric Batier) beim Versuch, ihre Einsamkeit mithilfe eines Wildvogels zu zähmen, so brilliert, dass der Film den Grimme-Preis kriegen dürfte. Ein Gespräch mit Regisseur und Autorin über Werk und Umstände.

Interview: Jan Freitag

Frau Langmaack, Herr Graf, die Traumdeutung kennt drei Interpretationen von nächtlichen Begegnungen mit Falken: Neben Jagdglück, von dem wohl nur wenige noch träumen, feindliche Umgebung und Akte der Selbstbefreiung. Waren diese Metaphern Basis von Mein Falke?

Beate Langmaack: Höchstens unterschwellig, aber ich nehme alle drei gern, danke. Wichtiger war aber die Tatsache, dass die Hauptfigur als Naturwissenschaftlerin in Materie hineinblickt und der Vogel von oben drauf. Dieses Spannungsfeld fand ich über alle Befreiungsmetaphern hinaus interessant.

Dominik Graf: Als ich erstmals mit dem Stoff zu tun bekam, gab es bereits ein fertiges Drehbuch.

Langmaack: Zumindest ein sehr konkretes Exposé.

Graf: Schon deshalb war die Traumdeutung für mich metaphorisch eher nebensächlich. Über den Falken mussten wir allerdings nie diskutieren, weil er mich von Anfang fasziniert hatte – und zwar nicht nur erzählerisch, sondern taktil; schon die Körperhaltung von Annes Inga, dieses Gerade, Erhabene: toll! Mit einem Falken am Arm sieht man echt gut aus…

Wer ist denn in der Stoffentwicklung zu wem gekommen – die forensische Biologin zum Vogel oder umgekehrt?

Langmaack: Die Einsamkeit der Frau war zuerst, das Ventil des Falken als Ersatz menschlicher Nähe kam danach.

Und wer ist bei der Umsetzung zu wem gekommen – Sie zu Herrn Graf oder Herr Graf zu Ihnen?

Langmaack: Beide gleichzeitig. Es stand von Beginn an fest, dass wir zusammenarbeiten. Zum Glück!

Führt das angesichts der eigensinnigen Bildsprache Ihres Regisseurs dazu, ihm gewissermaßen nach der Kamera zu schreiben?

Langmaack: Im Gegenteil. Weil wir bei Hanne bereits miteinander gearbeitet hatten, fühlte mich sehr frei in allem, was ich tat. Mir war klar, dass ich alles erstmal aufschreiben und bei Bedarf hinterher konstruktiv mit ihm besprechen kann. Auch die Redaktion meinte, lass‘ die erstmal machen; das ist selten.

Graf: Hanne hat ein tiefes gegenseitiges Vertrauen bei uns, aber auch der Auftraggeberseite hinterlassen. Mir ist bis heute schwerverständlich, wie man Drehbücher für Regisseure schreiben kann, von denen man noch gar nichts weiß. Je näher, länger, genauer ich die Leute kenne, desto besser kann ich mit ihnen arbeiten. Deshalb finden Sie in meinem Werk Menschen aller Gewerke, mit denen ich öfter, teils regelmäßig arbeite.

Ist das nur Ihre Herangehensweise oder eine Regel für gutes Filmemachen?

Graf: Das ist individuell. Es gibt Teams, die stoßen aus dem Nichts zusammen und alles passt perfekt. Aber das Vertrauen in Beate ist für mich unbezahlbar. Was das an Debatten erspart!

Langmaack: Am Anfang bin ich am liebsten ganz allein.. Es kann durchaus stören, wenn Regisseure und Regisseurinnen mich bei der Stoffentwicklung mit eigenen Ideen impfen wollen.

Können Sie ihr Buch dennoch loslassen, wenn es fertig in der Hand anderer liegt?

Langmaack: Bei Dominik schon, ohne dieses Vertrauen, würde ich es ihm gar nicht erst überantworten. Aber wenn ich Vertrauen gefasst habe, lasse ich komplett los. Ich bin nie am Drehort. Was soll ich da?

Graf: Trotzdem habe ich dir früh schon erste Schnittversionen gezeigt, oder?

Langmaack: Stimmt. Und die waren schon sehr lang.

Graf: Dass wir trotz enger Formatvorgaben der ARD über 100 Minuten lang sind, war ungeheuer wichtig für den Film, der durch seine langen Einstellungen lebt. Aber auch da wusste ich, das ist in Beates Sinne.

Das betrifft offenbar auch die Figuren ihrer beiden Filme, in denen es um Frauen mittleren Alters an Weggabelungen ihrer Existenzen geht.

Langmaack: Obwohl sich Hanne mit dem eigenen Tod auseinandersetzt und Inga mit dem Tod anderer, sind es aber dennoch komplett unterschiedliche Typen, die den Tod auf jeweils eigene Art in den Hintergrund persönlicher Geschichten rücken.

Graf: Mein Falke ist mehr als Hanne ein zutiefst stofflicher, haptischer Film, in dem es um die Varianten des Todes in ihrer chemischen Zusammensetzung bis hin zu Zwangsarbeitern der Vierzigerjahre geht.

Ist der Boom forensischer Formate wie CSI schuld, dass auch Sie jetzt so einen Stoff machen können?

Graf: Es war jedenfalls nicht hinderlich. Wir haben lange überlegt, ob die Kamera an Maden vorbei in faulige Wundkanäle fahren sollte, um den Tod plastisch zu machen (lacht); filmtechnisch hätte mich das durchaus gereizt. Innerhalb dieses schlichten Filmes wäre es aber eine Nummernrevue geworden.

Langmaack: Mir ging es schließlich nicht um den Tod an sich, sondern vordergründig um Bindung, teilweise über 80 Jahre hinweg. Das hat Dominik einfach verstanden. Uns geht’s ums Leben!

Umso mehr fällt auf, dass beide Filme Frauen in Lebensphasen um die 50 aufwärts skizzieren, in denen sie – besonders, was Film und Fernsehen betrifft – langsam verschwinden. Das ließe sich als Plädoyer für mehr Sichtbarkeit lesen.

Langmaack: Ist aber keins, sorry. Ich schreibe Drehbücher, keine PR-Texte (lacht).

Graf: Filmen hat für mich keine soziale Funktion. Ich will keine gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geradebiegen. Nicht mal im Subtext. Ich wäre auch gar nicht auf den Gedanken des Verschwindens von Frauen im Alter von Anne Ratte-Polle und Iris Berben gekommen, weil sie bei mir ständig Hauptfiguren sind. In Zeiten, wo die Leute beinah ewig leben, finde ich es da umso interessanter, was sie nach kaum der Hälfte für Kämpfe austragen.

Langmaack: Während wir hier über zwei Filme mit Frauen mittleren Alters reden, hatte mich nie jemand gefragt, warum die Ermittler meiner „Polizeirufe“ und „Tatorte“ ähnlich alte Männer waren.

Weil der Ausnahmezustand interessanter ist als der Normalfall?

Langmaack:  Zwei Frauen hintereinander ist schon ein Ausnahmezustand?

Graf: Wobei man es unabhängig vom Geschlecht schon auch so schreiben können muss wie Beate, um Altersfragen zu thematisieren, ohne sie in den Vordergrund zu rücken.

Mindestens ebenso ungewöhnlich ist der Drehort von Mein Falke. Steht Wolfsburg für irgendwas oder ist es einfach eine Stadt irgendwo im Nirgendwo?

Graf: Eigentlich wollten wir wie Hanne in Wilhelmshaven drehen. Aber erstens war unklar, wohin der LNG-Terminal kommt. Was zweitens sämtliche Hotels ausgebucht hätte. Und drittens hat unser Ausstatter irgendwann Wolfsburg ins Spiel gebracht, weil das wegen des Handlungsstrangs nationalsozialistischer Zwangsarbeiter bei VW naheliegender als Wilhelmshafen war. Außerdem kannte ich Andreas Weizsäcker.

Den Sohn von Richard von Weizsäcker.

Graf: Der vor seinem viel zu frühen Tod Baumschnitzereien ehemaliger Zwangsarbeiter entdeckt und das Thema damit erstmals in Wolfsburg publik gemacht hatte. Das hat mich enorm fasziniert.

Werden Drehorte durch so etwas zu Protagonisten?

Graf: Drehorte sind immer Protagonisten, und meistens mit seltsamer Persönlichkeit. Wolfsburg war zwar Führerstadt, ist aber im Grunde gar keine Stadt, sondern Ortskerne um Fabriken herum.

Planen Sie, wo auch immer, nach Ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit eigentlich bereits an der dritten?

Graf: Von mir aus sehr gerne.

Langmaack: Von mir aus auch. Und wir können dann ja mal einen Mann in den Mittelpunkt stellen, Dominik.

Graf: Ach, muss nicht sein. Obwohl es mittlerweile auch schon wieder heikel ist, wenn Männer Frauen inszenieren.

Langmaack: Dürfen Frauen umgekehrt dann auch keine Männer inszenieren? Langsam wird’s schwierig…


Presseratschläge & Weihnachtsabenteuer

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Dezember

Respekt, Hubert Aiwanger. Nachdem der Presserat sämtliche Vorwürfe gegen die Süddeutsche Zeitung wegen publizistisch unsauberer, womöglich gar falscher Berichterstattung zum Stapel Nazi-Propaganda im Schulranzen des späteren Vize-Ministerpräsidenten Bayerns abgewiesen hatte, nahm der Hubsi, wie ihn seine Fans nur nennen, den Vorwurf einer Schmutzkampagne zurück und zollte dem liberalen Blatt…

Ach nee.

Seit das Selbstkontrollgremium deutscher Medien zwar wie immer zahllose Rügen an Springer-Blätter ausgesprochen, deren Münchner Qualitätskonkurrenz allerdings freigesprochen hatte, kam exakt – nichts. Kein Kommentar, kein Einlenken, geschweige denn eine Entschuldigung, also nullkommanull Abrücken vom demokratiezersetzenden Konfrontationskurs des regierenden Rechtspopulisten aus Rottenburg an der Laaber.

Den publizierenden Rechtspopulisten von Welt.de war es dagegen mindestens herzlich egal, tendenziell sogar sehr recht, dass Carola Rackete dort aufs Übelste verunglimpft wurde. Selbst die widerlichen Kommentare übers Äußere der linken Seenotretterin wurden nicht gelöscht. Dass der Presserat auch Bild.de mit Verurteilungen überhäufte, empfindet Springer indes als Ritterschlag im Kampf gegen Demokratie und Pluralismus.

Im Kampf um die absolute Alleinherrschaft im europäischen Fußball, ist die Premier League derweil einen Schritt weitergekommen. Bis 2027 erhält die erste englische Liga künftig pro Saison knapp zwei Milliarden Euro für die Fernsehrechte, ungefähr das Doppelte der Bundesliga. Und die Auslandsvermarktung – vorzugsweise im Duett mit Diktaturen aller Art – trägt nochmals die Hälfte bei. Sport war gestern. Es lebe das Fußball-Business.

Die Frischwoche

11. – 17. Dezember

Dessen Manager noch mal kurz die letzten Spiele vor der Winterpause austragen, bevor sie das Podium voll und ganz dem Wintersportgeschäft überlassen. Motorsport gibt es zwischendurch auch noch, wenngleich vor allem als Rückblick: In Being Michael Schumacher lässt die ARD-Mediathek ab Donnerstag fünf Folgen lang das Leben des klimaschädlichen Multimillionärs Revue passieren, als wäre absolut alles an ihm liebenswert.

Das ist es nicht, aber auch ein bisschen egal, da sich selbst Macker mit Benzin im Blut mangels deutscher Erfolge nur noch am Rande für haltungsstarke Autoraser wie Schumi interessieren. Außerdem rücken die Festtage näher. Mit einer Überraschung: die ARD-Komödie Abenteuer Weihnachten, das ein Starensemble um Maria Furtwängler und Juergen Maurer ab Mittwoch im Chaos zerstrittener Eltern schreddert, was trotz aller Klischees bisweilen tief gründet.

Stereotypen, die Jan Georg Schüttes Improvisationsbrigade beim Fest der Liebe Mittwoch auf gleicher Plattform vier Teile lang realsatirisch überzeichnet. Linear läuft parallel Dominik Grafs Familiendrama Mein Falke, worin Anne Ratte Polle nach Drehbüchern von Beate Langmaack ihre Beziehungsunfähigkeit mit einem Greifvogel aufzuarbeiten versucht. In seiner Ereignislosigkeit einfach nur brillantes Fernsehen.

Und während das Netflix-Sequel der Knetfiguren-Reihe Chicken Run oder die Apple-Serie The Family Plan mit Mark Wahlberg als Ex-Killer mit Kind-und-Kegel-Existenz konventionellere Kost liefern, verdienen drei deutsche Formate erhöhte Aufmerksamkeit. In der Mockumentary Olaf Jagger entdeckt Olaf Schubert, dass er der uneheliche Sohn des Stones-Sängers ist, was auf die pullundrige Art des Comedians ab Sonntag bei Magenta TV sehr, sehr lustig ist.

Zeitgleich startet Sarah Bosetti abends bei 3sat in die zweite Folge ihrer Late Night, deren Auftakt vier Wochen zuvor ungeheuer verheißungsvoll war. Und keinesfalls verpassen sollte man(n) die ARD-Doku Mythos Jungfernhäutchen am Mittwoch, die das Hymen genannte Schleimzeug im Innern der Frau analog zur MFG-Star-Gewinnern ELAHA als Erfindung patriarchaler Machtverhältnisse entlarvt.


Shirins Feminismus & Beckers Sexismus

Die Gebrauchtwoche

TV

27. November – 3. Dezember

Interessanter Gedanke, den Horst Bredekamp am Samstag in der Süddeutschen Zeitung geäußert hat: Analog zum Verbot kinderpornografischer Bilder, fordert der renommierte Kunsthistoriker, auch Besitz und Verbreitung kriegs- oder terrorverherrlichender Darstellungen unter Strafe zu stellen. Solche des islamistischen Angriffs auf Israel zum Beispiel, dessen Footage sich weiterhin abertausendfach auf Foren wie X oder Telegram findet.

In derselben Ausgabe fordert die Kolumnistin Jagoda Marinic einen kritischeren Umgang mit dem Lipstick Feminismus und wählt sich dafür ausgerechnet Thomas Gottschalk als Kronzeugen. Bei seinem Wett-Finale nämlich hatte er Shirin David gefragt, was am sexpositiven Pornstyle der Rapperin aus emanzipatorischer Sicht progressiv sei. Der greise Knietatscher im Operetten-Outfit hat das zwar weder so progressiv formuliert noch gemeint.

Schon angesichts der zweiten Frau mit Pin-Up-Potenzial auf dem Sofa, muss die Frage allerdings erlaubt sein. Denn kurz darauf schoss Helene Fischers Duett von Atemlos mit Shirin David auf Platz 1 der deutschen Charts, und es zeigt sich: beiden ist Gleichberechtigung offenbar herzlich egal, solange die Rendite ihrer Selbstentblößung stimmt. Und damit zu einer Frau, die wirklich was dafür getan hat, jetzt aber weg vom Fenster der öffentlichen Aufmerksamkeit ist.

Anne Wills Abschied von ihrer gleichnamigen Talkshow am Sonntag war zwar nicht anders zu erwarten unspektakulär und sachlich. Genau das aber stand für eine Form von weiblicher Selbstermächtigung im Männerfernsehzirkus Maximus, der mehr Spuren hinterlässt als alle lippenstiftfeministischen Vollbäder in Hyaluronsäure. Die Fußstapfen für Caren Miosga sind also groß. Ob sie zu groß sind, wird sich im Januar zeigen

Die Frischwoche

0-Frischwoche

4. – 10. Dezember

So richtig groß werden die Fußstapfen vollumfänglich glaubhafter, also echter Nachwuchsfeministinnen sein, wenn ältere Rolemodels wie Maren Kroymann abtreten. Das allerdings könnte noch etwas dauern, denn auch mit 74 Jahren ist sie geradezu hyperaktiv, heute zum Beispiel mit dem zweiten Teil der vielschichtigen ZDF-Komödie Mono & Marie an der Seite von Ulrike Kriener.

Wer ebenfalls nicht so bald abtreten wird, ist einer, der auch schon ewig dabei zu sein scheint: Ben Becker. Seit jeher ein Schauspieler mit Eigensinn und Courage, aber auch gehörigem Testosteronüberschuss, macht er sein Ding und landet Donnerstag bei Warner TV leider in einer sechsteiligen Western-Persiflage. Als Boom Boom Bruno spielt Bumm Bumm Becker einen Cop der ganz alten, macho-misogynen, durch und durch gewalttätigen Schule.

Was wohl ironisch gemeint sein soll, dockt jedoch so unverblümt am neurechten Ideal allmächtiger Männer an, dass die Serie einen Warnhinweis bräuchte: Achtung, AfD-affin. Ein Publikum, dass auch mit der Real-Life-Influencer-PR Forsthaus Rampensau, ab Freitag bei joyn+, gut versorgt werden dürfte. Eher GenZ- bis Alpha-affin ist dagegen die deutsche Verfilmung der Mysteryroman-Trilogie Silber, ab Freitag bei Amazon-Prime.

Parallel dazu startet Netflix mit dem Spielfilm Leave the World Behind, worin Julia Roberts und Ethan Hawke Teil eines klaustrophobischen Bungalow-Dramas werden. Tags zuvor verwandelt Sky die reale Hacker-Fiktion 23 von 1998 in eine gleichnamige Doku über den leibhaftigen Computer-Crack aus Hannover. Und bereits Mittwoch huldigt Geddy Lee bei Paramount+ vier Folgen lang einer hintergründigen Popkultur-Spezies: Bassisten und Bassistinnen. Und zeitgleich erklärt uns der elitäre KT Guttenberg bei RTL+ Die Macht der Kirchen.


Televisionale: Messingbarock & Female SciFi

Die Herrschaft des Krimis ist vorbei

1701444359_televisionaleSeit ihrem Führungswechsel stellt sich die Televisionale der Zukunft einer Branche im Dauerkrisenmodus. freitagsmedien und DWDL waren auf einem Festival dabei, das nicht nur Film und Serie prämieren, sondern das Fernsehen revolutionieren will.

Von Jan Freitag

Filmemachen ist, selbst wenn es Fachleute bewerten, Geschmackssache. Handwerkliche Fehler wirken zwar objektivierbar. Museale Kostüme jedoch bleiben museale Kostüme. Schlampige Continuity ist schlampige Continuity. Miese Drehbücher sind miese Drehbücher. Wenn zwei Tatort-Kommissare daher zum 87. Mal an der Currywurstbude stehen, dürfen sie sich nicht wundern, auch auf dieser TeleVisionale zu fehlen.

Im Kurhaus Baden-Baden wird schließlich über Geschmacks- und andere Sachen herausragender Serien und Filme diskutiert. Während Filmjurypräsidentin Julia Jentsch zum Beispiel Kamera, Ausstattung, Musik von Kalt zu kühl findet, hält Regisseur Stephan Lacant entgegen, das bedrückende ARD-Drama um ertrunkene Kinder trage seinen Titel nicht zufällig. Während Serienjurorin Roshanak Khodabakhsh am RTL-Sechsteiler Luden historische Unwuchten moniert, hält ihr Neuesuper-Produzent Rafael Parente „wir sind keine Journalisten, wir sind Filmemacher“ entgegen.

Womit am Beispiel zweier Diskurse schon viel über eine Leistungsschau deutschsprachiger Fernsehfilme und -serien gesagt ist, dessen Preisgerichte – echtes Alleinstellungsmerkmal – öffentlich tagen und dabei hitzig, aber gesittet über alles diskutieren, was fiktionale Feierabendgestaltung betrifft. Zum 54. Mal wurden gestern Nacht Preise verliehen, die nach jahrelanger Wanderschaft seit 1989 im badischen Heilbad zuhause sind. Und das hat Festivalleiter Urs Spörri vor zwölf Monaten mit einer kleinen Revolution erschüttert.

Denn endlich (endlich (endlich!) endlich!!))) wurden 2022 auch Fortsetzungsfiktionen prämiert. Während das säulengesäumte Kurhaus am Schwarzwaldrand unverdrossen Vergangenheitsfolklore ausstrahlt, ist das Geschehen dahinter somit in der Zukunft angekommen und fühlt sich dort sichtlich wohl. Vor allem, weil Urs Spörri sich wohlfühlt und daran fünf nasskalte Novembertage nie Zweifel lässt.

Absolut alles, was er im Brustton Dutzender Festivalmoderationen ankündigt, bewege sich zwischen „wunderbar“ und „mutig“, meist beides. „Ambivalenz“ und „Diversität“ lauten zwei Zauberworte, an denen sich die Preisgerichte vor, mit, im Publikum ergänzt um Studierende namhafter Hochschulen ihre sechs Köpfe heißreden. Wobei der leicht legendäre Fernsehdoyen Lothar Mikos im Seriengremium ebenso verlässlich Spiegelgefechte gegen Gleichgesinnte austrägt wie Regisseur Kilian Riedhof unter Filmbewertenden.

Nur die Nachwuchskreativen der vier Beiträge zum MFG-Star erhalten vom Weltstar Caroline Link notorisch Welpenschutz – was allerdings auch am experimentellen Niveau von Christina Ebelts ästhetisch, technisch, dramaturgisch makellosem Meisterwerk Monster im Kopf oder dem siegreichen Drama Elaha um eine Kurdin im Jungfräulichkeitskrieg liegt, dessen ambivalente Diversität im Grenzbereich der Perfektion verzaubert.

Schon dass dieser Fernsehpreis nicht mal klingende Namen wie Panther, Lola, Bambi oder Goldene Kamera/Henne/Europa hat, spricht halt dafür, dass es in Baden-Baden um mehr geht als Trophäen. Es geht der Branche seit jeher schon ums Ausloten von Gemeinsamkeiten, die Urs Spörri 2023 so zentral zwischen Wettkampf und Verleihung packt, dass die letzten zwei der fünf Tage zusehends im Zeichen der Fernsehvölkerverständigung stehen.

Schon vorher wird zwar oft grundsätzlich gestritten. Das Podium nimmt die fabelhafte Kirmesmilieustudie Zwischen uns die Nacht zornig zum Anlass, dem ZDFeind Feigheit vor der Primetime vorzuwerfen, was Mainzer Pensionsberechtigte mit verschränkten Armen trotzig weggrummeln. Nach „Sörensen fängt Feuer“ ereifern sich die Filmstudierenden so flammend über heteronormative Klischees, dass selbst Bjarne Mädels Charme kaum deeskalierend wirkt. Und wenn ein greiser Gast der „Female SciFi“ getauften Liebesroboter-Utopie Tender Hearts Männerhass attestiert, bläst der weiße Mainstream Abertausender Jahre mild belächelt zum letzten Volkssturm gegen die Moderne.

Doch erst als die Praxis ab Donnerstagmittag der Theorie weicht, wird Urs Spörris Televisionale zu dem, was der dauereuphorisierte Conférencier „Deutschlands wichtigsten Branchentreff“ nennt. In Panels zur „geschlechtsspezifischen Gewalt“ oder „Zukunft des fiktionalen Films“, diskutieren Oscarpreisträger (Edward Berger) mit Netflix-Chefinnen (Sasha Bühler) oder Programmverantwortliche (Christine Strobl) mit FDP-Fossilen (Gerhart Baum) über Dinge, die ein Meeting der Allianz Deutscher Produzenten auf den Punkt bringt: „Weniger Produktionen? Mehr Qualitätsfernsehen!“

Ihr Wort in Kai Gniffkes Ohr… Denn der ARD-Vorsitzende ist wie sein halber SWR 100 Kilometer aus Stuttgart westwärts gereist oder deren drei vom Baden-Badener Funkhaus ostwärts, wer weiß… Die unprätentiöse Weltregisseurin Caroline Link schlendert unterdessen eher wie reingeschneit durchs Kurhaus. Und während „Mr. Grimme“ Ulrich Spies darin nach eigener Aussage „Kombattanten“ zur Rettung seiner noch bedeutenderen Fernsehpreise sucht, feiert Urs Spörri die weniger wichtigen, wahnsinnig familiären von Baden-Baden nach wirklich jeder Aufführung als „Qualitätsdiskurs, den wir unbedingt führen wollen“.

Etwa mit den Verbänden Regie und Drehbuch, die im Spiegelsaal jenes Manifest zur konzertierten Aktion Kurskorrektur vorstellen, das sie voriges Jahr an gleicher Stelle skizziert hatten. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ kritisiert die einflussreiche „Tatort“-Autorin Dorothee völlig zu Recht, dass „nicht ein einziger Vertreter der Öffentlich-Rechtlichen zugesagt“ habe. Vielleicht ist es da ja die Rache der Entrechteten, dass der Wettbewerb 2023 praktisch ohne Polizeiermittlungen auskommt.

In der Sektion Serie gewinnt demnach folgerichtig Safe, während die Studierenden Sam bevorzugten und Zwischen uns die Nacht bei jung wie alt obsiegte. Drei Formate also ohne Ermittler in zentraler Position also. „Die Herrschaft der Krimis ist vorbei“, meint Urs Spörri, fordert „mehr U im E oder umgekehrt“ und will relevante Themen dafür „divers, aber nicht didaktisch“ kreieren, weil das Publikum es „verdient, herausgefordert zu werden“. Qualität, das zeigt die Televisionale in ihrer künstlerischen Bandbreite mit großem Mut zum Stilbruch, ist eben alles Mögliche, aber keine Geschmackssache.


Maren Kroymann: Kabarett & Televisionale

Natürlich wollte ich auch gemocht werden

Maren Kroymann

Seit 40 Jahren geht Maren Kroymann lächelnd dahin, wo es besonders Männern wehtut. Ab heute leitet die feministische Kabarettistin das Fernseh-Festival Televisionale in Baden-Baden. Ein DWDL-Gespräch über kollegiale Kritik, weibliche Komik und Altersmilde vs. Jugendwut.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Kroymann, Sie haben bei der TeleVisionale den Vorsitz der Film- und Fernsehjury, ist das Neuland für Sie?

Maren Kroymann: Neuland nicht. Jurytätigkeit habe ich schon einige Male gemacht, und mache das auch gerne. Zum Beispiel beim Hessischen Filmpreis oder bei der Berlinale in einer Nebenjury. Aber dass die Jury vor Publikum debattiert, und das in Gegenwart der Nominierten, das gibt’s sonst nur beim Bachmann-Preis. Da setzen wir uns als Kritiker*innen ja auch selbst der Kritik aus, das bringt auch eine gewisse Spannung rein.

Und idealerweise Entertainment?

Deshalb haben die mich genommen, meinen Sie? Fürs Entertainment!?

Ach, das konnte Ihr Vorgänger Dominik Graf auch; vor 200 Leuten im Podium blühte der auf!

Das ist schön, das glaube ich sofort. Es sind ja auch vorwiegend Fernsehinteressierte im Publikum. Nicht unbedingt Spezialisten, aber vorgebildet, ohne akademisch zu sein. Da reicht es wenn man ganz normal redet, da geht es ja nicht um Performance, sondern um Argumente.

Hält man sich als Kritikerin der eigenen Branche zurück oder im Gegenteil voll drauf?

Auf Kolleg*innen halte ich nicht voll drauf, nein. Als Satirikerin entdecke ich beim Fernsehen zwar Dinge, an die ich kritisch rangehe, aber draufhalten kann ein Böhmermann, der nicht zugleich Schauspieler ist, besser. Außerdem bin ich grundpositiv und gegen übertriebene Konkurrenz, besonders unter uns Frauen.

Bringen es aber dennoch zum Ausdruck, wenn Ihnen ein Format missfällt?

Ja klar. Mein Anspruch wäre, nicht rumzueiern, aber ohne Häme und Schärfe.

Sind Sie denn selber kritikfähig oder als Komikerin mit der Qualifikation zuzuspitzen gar kritikfreudig?

Kommt drauf an, ob man etwa Freunde oder Fremde kritisiert, Starke oder Schwache, privat oder öffentlich. Aber ich finde, gepflegtes Lästern kann zur qualifizierten Meinungsbildung gehören, fast eine Quintessenz von Kabarett und Comedy, das absolut seine Existenzberechtigung hat.

Jetzt haben Sie als Absenderin, nicht Empfängerin von Kritik geantwortet. Können Sie nur austeilen oder auch einstecken?

Natürlich ist positive Kritik angenehmer, aber da ich relativ früh in eine Männerdomäne vorgedrungen bin, konnte ich 40 Jahre üben, auch negative Kritik auszuhalten. Als Mädchen der Fünfziger wurde ich konditioniert, gemocht werden zu wollen. Das hat nach meinem Coming-out überhaupt nicht geklappt, wo viele mich plötzlich ziemlich blöd fanden. Aber eine Satirikerin muss ja auch aushalten nicht von allen Zustimmung zu bekommen. Vor allem nicht von denen, die ich selber angreife.

Also lautet die Antwort „ja“ – Sie können beides?

Mittlerweile kann ich beides oder zumindest viel an mir abprallen lassen, was in Zeiten ständiger Shitstorms überlebenswichtig ist, aber meiner Generation von Frauen zumindest nicht als erstes beigebracht wurde. Außerdem ist Kritik ja manchmal auch berechtigt.

Ist das weibliche Fell automatisch dicker, weil die Kritik an Frauen oft unberechtigt ist?

Es setzt ja viel früher an, dass mangelndes Selbstbewusstsein viele Frauen daran gehindert hat oder hindert, etwas zu tun, für das sie überhaupt kritisiert werden könnten. Diese Herausforderung mussten wir ja erst mal annehmen und uns nicht hinter der Option verstecken, die die Gesellschaft damals noch für uns vorsah – Hausfrau und Mutter zu werden. Ich spreche von den 50er Jahren. Ich fand es schon mit 18 am US-College grauenvoll, wie Frauen das Beliebtsein bei Männern als Wert an sich eingebläut wurde. Zum Glück waren meine Brüder da weiter. Der zweitälteste, Burkhard, meinte mal, dieses Appreziiert-werden-wollen kannste dir mal abgewöhnen.

Appreziiert?

Von appreciate im Englischen, unbedingt wertgeschätzt werden zu wollen.

Hat das bei Ihnen zum Gegenteil geführt, gar nicht wertgeschätzt werden zu wollen, gar nicht mehr nett, gar nicht mehr hübsch oder sympathisch?

Überhaupt nicht. Natürlich wollte ich auch gemocht werden. Meine Aufstandsphase in den Sechzigern nahm sich nur deutlich gemäßigter aus als etwa die der Punks in den Siebzigern. Ich habe die Taktik entwickelt, äußerlich nett zu sein, aber inhaltlich hart. Das ist vielleicht sogar mein Stilmittel als Kabarettistin. Bis heute.

Es gab also weder Jugendwut noch Altersmilde?

Die Rebellion meiner Generation hat sich halt stark über die Musik definiert. Flächendeckend rabiater aufgetreten sind erst die 68er. Als ich 1967 Abitur gemacht habe, sagte unser Lehrer: Sie waret die letschte nedde Klasse. Schön unpolitisch, keine Drogen, so wie es sich aus seiner Sicht gehörte für junge Menschen. Dass Ungehorsam interessant sein könnte, musste ich mir erst später erarbeiten.

Wobei sich Ihre kabarettistische Renitenz in fast allem, was man heute noch im Internet findet, vor allem gegen das Patriarchat und seine Protagonisten richtet.

Sogar im Mainstream wie Oh Gott, Herr Pfarrer – im Grunde die erste feministische Fernsehserie mit komplett eigenständiger Ehefrau. Dafür mussten wir viel Kritik einstecken. Für mich war die Serie ein Segen; ich hatte Fernsehen vorher gar nicht auf dem Schirm und das Medium tendenziell verachtet. Als bildungsbürgerliche Familie in Tübingen hatten wir gar keins. Mich hat es erst interessiert, als ich anfing dafür zu arbeiten, 1985 im Scheibenwischer, 1988 die Pfarrer-Serie, 1993 Nachtschwester Kroymann.

Als die Sie sich fast ausnahmslos an Ungleichheit und Emanzipation abgearbeitet haben.

Das waren – anders als Männer im Kabarett, die sich vor allem Politiker vornahmen – meine Themen. Auch die gemischten Ensembles, zum Beispiel mit der von mir hochverehrten Lore Lorentz, machten das so. Sogenannte Frauenthemen sprachen vielen Frauen aus der Seele, von vielen Männern wurden wir gedisst, weil das ja kein richtiges Kabarett sei, sondern nur Frauenkabarett. Geschlechterverhältnisse galten seinerzeit als unpolitisch.

Haben Sie denn einfach nur eine Marktlücke besetzt oder sich sozusagen als humoristische Botschafterin der Gleichberechtigung verstanden?

Ich wollte zunächst nur meine Sicht der Gesellschaft zeigen, als Feministin. Als ich angefangen habe, dem Patriarchat lächelnd vors Knie zu treten, konnte ich viele mitnehmen. Das Subversive kommt bei mir auch manchmal in Gestalt des Trivialen daher. Damit erreiche ich nebenbei auch ein anderes Publikum. Was ich immer gut konnte: die Position einer Minderheit für die Mehrheit verständlich machen, egal ob Feminismus oder LGBTIQ+-Rechte. Und ja: Ungleichheit und Emanzipation sind Themen, die sich durch mein gesamtes Leben ziehen.

Da müsste es Ihnen doch sauer aufstoßen, wenn man sich die Televisionale betrachtet. Bei drei der zehn Filmbeiträge stammen die Bücher von Frauen und ganze zwei führen Regie. Sind das nur Zahlen oder Symptome?

Symptome, aber durch Zahlen belegbar. Die MaLisa-Stiftung rechnet Ungleichheit seit Jahren vor und kommt nach wie vor zu Ergebnissen, die wir nicht akzeptieren können.

Werden Sie das als Jury-Präsidentin anprangern?

Das wird wahrscheinlich zur Sprache kommen, wenn wir als Jury die Gespräche führen. Aber mein Thema in Baden-Baden sind ja die Serien.

Bei denen das Verhältnis viel besser ist – zwei von fünf wurden von Frauen geschrieben, bei drei Regisseurinnen…

Schon mal super.

Hat das Massenphänomen Serie den Spielfilm emanzipatorisch abgehängt?

Serien wurden lange verachtet. Und in weniger wertgeschätzten Bereichen haben Frauen traditionell eher die Chance Fuß zu fassen. Aber ich will da nicht vorschnell urteilen. Nach drei Staffeln Babylon Berlin hat sich zum Beispiel was verändert, jetzt sind zwei Autorinnen dabei. Es fällt mittlerweile negativ auf, wenn im Abspann einer so großen Produktion nur Männernamen stehen.

Wobei man es Männern großer Produktionen auch kaum zum Vorwurf machen kann, nicht freiwillig auf Angebote zu verzichten, um Frauen den Vortritt zu lassen. Wie kriegen wir die Strukturen dahinter denn gleichberechtigter?

Indem es nicht mehr als selbstverständlich gilt, Frauen den Intellekt abzusprechen, wie es immer noch geschieht. Gerade im Humorbetrieb. Als Anke Engelke Harald Schmidts Late Night übernommen hat, war das weder eine gute Idee noch eine gute Sendung, aber das wär’s auch bei keinem Mann gewesen, weil Harald Schmidt nicht zu ersetzen war. Dennoch hat eine seriöse Tageszeitung gefragt: Wollen wir uns die Welt nach 23 Uhr wirklich von einer Frau erklären lassen?

Heute undenkbar!

Hoffentlich. Deshalb müssen wir Frauen Inhalte und Themen bestimmen und von Drehbuch über Regie bis Redaktion und Produktion Schlüsselpositionen besetzen. Dafür bin ich auch schon früh Pro Quote Film beigetreten. Bis auf Fußball, wo Claudia Neumann weiterhin für jedes kommentierte Spiel fertiggemacht wird, bewegt sich ja was. Und natürlich ist Claudia Neumann eine Pionierin, die auch Entwicklungen auslöst.

Würden Branche, Publikum, Kritik mit einer Serie wie Klimawechsel, in der Sie 2010 das Tabuthema Wechseljahre humortauglich gemacht haben, heutzutage eigentlich besser oder schlechter klarkommen?

Ich glaube wir sind weiter als damals. Das Klimakterium ist heute sehr viel mehr und offensiver Thema, die nächste Generation Frauen will diese gravierenden Veränderungen nicht mehr verstohlen wegwedeln. Abgesehen davon hat die Serie polarisiert. Es gab Menschen beiderlei Geschlechts die not amused waren über unsere bisweilen gnadenlose Art uns über uns selbst lustig zu machen. Sich selber als Thema in die Satire einzubeziehen, finde ich ja hohe Kunst und eine Voraussetzung dafür, intellektuell ernstgenommen zu werden. Als Doris Dörrie später eine Fortsetzung machen wollte, hat das ZDF abgelehnt – obwohl die Serie wirklich Denkprozesse ausgelöst hatte.

Glauben Sie, das Fernsehen kann nicht nur Denk-, sondern auch Handlungsprozesse anstoßen?

Ich glaube vor allem, dass wir als Fernsehschaffende Handlungsprozesse auslösen können, in dem wir uns weigern, überkommene Rollenbilder zu erfüllen.

Sind Sie guter Dinge, dass das Fernsehen 2033 ein gleichberechtigterer Ort ist als 2023?

Ja. Wobei es viele Baustellen gibt. Die Frage der Repräsentation, von alten Menschen etwa, insbesondere Frauen, für die Rollen, aber auch Inhalte, bislang rar gesät sind. Aber auch das wird diverser. Auch dank der Bewegung Let’s change the picture. Der ARD-Film neulich, in dem Corinna Harfouch eine ältere Frau spielte, begann mit deren Orgasmus mit dem jüngeren Freund. Früher ausgeschlossen, heute darstellbar. Aber wir müssen uns aktiv dafür einsetzen.

Und tun Sie das 2033 auch noch auf der Bühne?

Da ich mit den Mitteln des Entertainments kämpfe, bei denen die Leute den Kampf manchmal gar nicht bemerken: ja. Das Frauenthema bleibt mir, bis ich tot umfalle.


Gottschalks Shitstorm & Dritte Staffeln

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. November

Ach Tommy, du reflexiver Narziss mit Talent zur eitlen Selbstironie – jetzt bist du als Showmaster ebenso Geschichte wie ab Ende des Jahres der unselige Hass- und Hetzkanal Bild-TV und fasst es in Sätze, die niemand schmissiger schmettern könnte. „Bevor der Aufnahmeleiter hin und herläuft und sagt, du hast wieder irgendeinen Shitstorm hergelabert“, sprach der ewig blonde Gottschalk beim letzten Wetteinsatz am Samstag zwölf Millionen aus dem Herzen, „dann sag‘ ich lieber gar nix mehr“.

Kurz darauf holt Mike Krüger ihn mit dem Bagger aus der Offenburger Mehrzweckhalle in den Sonnenuntergang, der um 23.18 Uhr zwar schon sechs Stunden her ist, aber Historisches beleuchtet. Denn auch wenn Wetten, dass…? keinen Grimme-Preis gewonnen hat, war es die Quintessenz deutscher TV-Unterhaltung. Ob es je in Marl triumphiert, könnte allerdings weniger am potenziellen Nachfolger als schlichtweg Kohle liegen.

Wegen unklarer Finanzen steht das Institut vorm Aus und damit die wichtigste Fernseh-Auszeichnung. National zumindest. International ist es der Emmy, den aus Deutschland dieses Jahr die Netflix-Serie The Empress aka Sisi erhalten hat, während beim heutigen Beginn der Televisionale in Baden-Baden hoffentlich Caroline Links Safe oder Laura Lackmanns Luden gewinnt, aber bittebitte nicht die 826. Staffel Babylon Berlin oder der Nachwende-Fasching Sam – Ein Sachse.

Der kriegte es als erster schwarzer DDR-Polizist kurz vorm Mauerfall mit Nazis seiner Gegend zu tun, die 30 Jahre danach von Elon Musks X aka Twitter mit Propaganda versorgt werden. Noch. Denn der selbsterklärte Meinungsfreiheitskämpfer bekämpft alle Meinungen, die seiner eigenen widersprechen, so massiv, dass ihm massenhaft Reklame wegbricht, weil viele nicht im Umfeld brauner Hetze werben wollen.

Konsequenz: Musk verklagt die Organisation Media Matters for America dafür, genau dies publik gemacht zu haben. Was handelsübliche KI wohl daraus macht, wenn man sie fragt, wer der größere Vulgärkapitalist ist – Musk oder Sam Altman, den sein eigenes Unternehmen OpenAI erst rausgeworfen hat und dann wieder einstellen musste, als er zu Microsoft ging um seine Agenda skrupelloser Profitmaximierung durch künstliche Intelligenz fortzusetzen.

Die Frischwoche

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26. November – 1. Dezember

Richtige Intelligenz braucht man vorerst noch, um so gute Serien wie Reservation Dogs, Die Wespe, Sisi oder Slow Horses zu machen. Trotzdem fragt sich manchmal, ob es nicht ein bisschen zu routiniert ist, wie solche Fiktionen fortgesetzt werden. Bei Disney+, Sky, RTL+ und Apple jedenfalls gehen die hinreißende Coming-of-Age-Story um vier prekär-trotzige native americans und Florian Lukas als runtergerockter Darts-Profi, die ewige Kaiserin oder ein ebenso desperates Team englischer Spione in dritte Staffeln.

Und, tja – kann, darf, mag, muss abgesehen von den Reservat-Trotzköpfen aber auch nicht. Ähnlich wie das Comedy-Duo Jokah & Tutty, das am Donnerstag als erstes deutsches Original beim Amazon-Ableger Freevee startet. Was unbedingt und ganz dringend muss, ist A Friend of the Family. Die Klammer True Crime schreckt zwar ein wenig ab. Die neunteilige Rekonstruktion der doppelten Entführung eines amerikanischen Teenagers in den Siebzigerjahren ist allerdings ästhetisch, dramaturgisch, schauspielerisch und atmosphärisch absolute Extraklasse.

Mittelklasse liefert, was jetzt gar nichts Schlechtes bedeuten muss, der Sechsteiler Die Saat – trotz Heino Ferch, dessen deutscher Polizist ab Freitag in der ARD-Mediathek seinen verschwundenen Sohn sucht und dabei nahe Nordpol einen Pharma-Skandal aufdeckt, dessen Player nicht zufällig an den Pestizid-Multi Monsanto erinnert. Kann, muss aber so wenig wie der Weihnachtsfilm Candy Cane Lane mit Eddie Murphy zeitlich bei Prime.

Für Kids der 90er dagegen ein Must-see ist Die VIVA-Story, in der das Erste ab Freitag online 30 Jahre nach seiner Gründung dem Musikkanal huldigt – was zum ebenfalls dreiteiligen Porträt der VIVA-geförderten Band Echt um den Erzähler Kim Frank passt – gerade in Kombination grandioses Zeitgeschichtsdokutainment. Und damit verabschieden wir aufs Herzlichste: Anne Will, die am Sonntag letztmals im Talkmobiliar thront.


Culk: Hedonismus & Verzweiflung

Sollen wir uns um alles kümmern?!

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Die Wiener Shoegazer Culk erweitern das Pop-Spektrum Österreichs um einen Sound, der so politisch wie melancholisch die Bürden ihrer Gen/ zum Ausdruck bringt. Das zweite Album heißt daher nicht umsonst Generation Maximum und ist eine kraftvolle Mischung aus Trotz und Verzweiflung, über die Sängerin Sophie Löw und Gitarrist Johannes Blindhofer hier sprechen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Sophie, Johannes – eigentlich ganz schön, dass ihr beide hier sitzt und lächelt. Auf Bildern, die von euch online kursieren, tut ihr das praktisch nie. Hat das was mit dem Konstrukt der Band dahinter zu tun oder euren Mentalitäten?

Johannes: Keine Sorge, es gibt Bilder von uns, auf denen wir lächeln.

Sophie: Besonders auf Instagram.

Johannes: Aber wenn das dein Eindruck war, ist er nicht Teil irgendeiner gewünschten Ästhetik, sondern schlicht Zufall.

Sophie: Andererseits passt dieser Ausdruck natürlich auch zu dem unserer Musik.

Spiegelt die daher gar nicht unbedingt euch als Personen wider?

Sophie: Doch, doch. Weil sich die meisten Musiker*innen mit ihrer Musik persönlich ausdrücken, ist sie entsprechend ja auch Teil ihrer Persönlichkeiten.

Schön wär’s, oder?

Sophie: Ich jedenfalls arbeite beim Schreiben eher aus dem Bauch als dem Kopf heraus, habe aber in Österreich Kunst studiert, insbesondere Fotografie und Grafik. Was mich betrifft, ist daher auch das Visuelle intuitiv, entspringt also ebenfalls meiner Persönlichkeit.

Johannes: Wir sind definitiv alle eher dem Grübeln zugeneigt, was allerdings überhaupt nicht ausschließt, uns nicht auch ironisieren zu können.

Sophie: Während man die Melancholie im Alltag gern von sich wegschiebt, um alles schaffen und dennoch Spaß dabei haben zu können, bietet die Musik Ventile dafür, was uns politisch oder gesellschaftlich ansonsten überwältigen würde.

Mit dem Ziel, auch eurem Publikum Ventile zu bieten?

Sophie: Ja.

Als Teil der Generation Z habt ihr es da mit zwei Polen zu tun: radikalem Aktivismus, etwa in Gestalt der Last Generation, und radikalem Hedonismus als Versuch, sich die Katastrophe schön zu feiern. Ist eure Melancholie da sozusagen ein vermittelndes Element zwischen Konfrontation und Verdrängung?

Johannes: Vor allem ein beobachtendes, würde ich sagen.

Sophie: In unserer Generation und der danach ist so oder so ein Gefühl von Ohnmacht verankert, einer Zukunft entgegenzusehen, die nicht bright ist und auch kaum noch beeinflussbar. Da ist es kein Wunder, dass ihr Humor zunehmend schwarz oder gar sarkastisch wird und die Stimmung melancholisch oder eskapistisch.

Aber was genau beschreibt darin denn dann euer Albumtitel Generation Maximums?

Sophie: Dass ein Zenit erreicht wurde, über den es nicht mehr hinausgeht.

Johannes: Und dass von unserer Generation dennoch zu viel verlangt wird, irgendwie darüber hinaus zu kommen. Als Frage formuliert: Sollen wir uns eigentlich um alles kümmern?

Also auch den Mist, den das bedingungslose Wachstum vorheriger Generationen euch jetzt hinterlassen?

Johannes: Genau. Zugleich werden wir damit komplett allein gelassen. Wir sollen den ganzen Mist aufräumen. Wir sollen materiellen Verzicht leisten. Wir sollen uns selbst um unsere psychische und physische Gesundheit kümmern. Dem kollektiven Versagen wird unser individuelles Handeln verordnet.

Sophie: Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Überforderung.

Johannes: Den man oft nur noch mit Galgenhumor erträgt.

Umso mehr fällt auf, dass die Platte eher trotzig als deprimiert klingt.

Johannes: Unbedingt. Resignation hilft auch nicht weiter, um ein solidarischeres Miteinander zu erreichen. Wir wollen uns ja aufbäumen, da ist Trotz angebrachter als Hedonie.

Ein Begriff, den ihr auch auf der Platte verwendet.

Sophie: Um dem des Hedonismus andere Dringlichkeit zu verleihen.

Gleich zu Beginn singst du in 2000 die Zeile „alles zu viel und alles zu wenig“.

Sophie: Die Idee dazu kam mir, als ich auf Tour eine Doku übers letzte Silvester vorm neuen Jahrtausend gesehen habe. Damals lag überall Hoffnung in der Luft. 23 Jahre später ist davon keine Spur.

Johannes: Die Vorfreude auf das, was kommt, ist vollständig verloren gegangen.

Sophie: Interessanterweise profitieren jüngere Generationen in Europa weiterhin vom Wohlstand, den ihre Eltern mit der massiven Ausbeutung des Planeten erzielt haben. Trotzdem haben gefühlt alle jungen Menschen das Gefühl, die Welt geht zugrunde, und zu wenig Zeit, noch was daran zu ändern.

Spielen Culk entsprechend für die?

Sophie: Das schon, aber umso schöner wäre es, Ältere würden mal reinhören und dadurch vielleicht Verständnis für Jüngere zu gewinnen. Am Ende bringt es aber doch nur zum Ausdruck, was ich fühle.

Was euch aber nicht zu einer unpolitischen Band macht.

Johannes: Nein.

Sophie: Wir sind eine politische Band. Geworden.

Johannes: Allerdings schnell geworden.

Sophie: Als ich das erste Mal gespürt habe, welche Resonanz unsere explizit politischen Lieder kriegen, wurde mir schnell bewusst, dass wir strukturelle Themen ansprechen, aber auf eine persönliche, individuelle Ebene bringen wollen.

Kanntet ihr euch denn schon aus politischen Zusammenhängen?

Johannes: Nein, wir waren einfach befreundet.

Und wurdet dabei von der fast schon gespenstisch kreativen, einflussreichen Musikszene Österreichs geprägt?

Johannes: Definitiv. Es gab schon bedeutend schlechtere Zeiten, um in Wien mit Musik anzufangen. Da wird von außen zwar vieles hineinprojiziert, aber die Fülle toller Musiker*innen ist einerseits groß, andererseits so überschaubar und familiär, dass alle davon inspiriert werden.

Sophie: Gerade in Wien allerdings – correct me if I’m wrong – geht es weniger ums richtige Vermarkten als darum, sein eigenes Ding zu machen.

Johannes: Wenn du in Deutschland Musik machst, kann es dir relativ schnell passieren, dass du in den großen Studierendenstädten vor ein paar Hundert, wenn nicht gar Tausend Leuten spielst und eine Weile ganz gut davon leben kannst. Das gibt der markt einfach her. Der österreichische tut das nicht, weshalb es vielen von Beginn an um Inhalte geht, nicht deren Rentabilität.

Mit der Konsequenz, dass sich österreichische Musiker*innen eher als Community verstehen?

Sophie: Man kennt sich untereinander schon schnell und häufig.

Johannes: Gerade in Wien, die zwar eine Riesenstadt ist. Aber man trifft sich trotzdem ständig an denselben Spots. Und weil es einen auf Dauer auch nicht weiterbringt, sich an den immer gleichen Wiener Orten totzuspielen, waren wir von Beginn an viel in Deutschland auf Tour. Kleine Städte in Deutschland sind anders als österreichische immer noch groß genug für alternative Szenen.

Es geht also auch mit der neuen Platte auf Deutschland-Tour.

Beide: Ja.