Dschungel-Merz & Deutschland-Ingo
Posted: November 20, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
13. – 19. November
Nachdem CDU/CSU mit ihrer erfolgreichen Klage gegen die Zweckentfremdung von 60 Milliarden Euro aus dem Corona-Fonds seit Tagen sämtliche Sender und Portale dominieren, folgt nun der nächste Paukenschlag: Die Union klagt direkt gegen den Klimawandel. Konrad-Adenauer-Haus und Bayerische Staatskanzlei zeigten sich zuversichtlich, dass er vom Bundesverfassungsgericht letztinstanzlich verboten wird.
„Damit wäre der rot-grün-woke Klimaterror endgültig vom Tisch“, meinte Parteichef Friedrich Merz vor seiner Abreise zum Brexit-Berserker Nigel Farage ins britische Dschungelcamp, und wer vorige Woche New Avoidance betrieben hat, darf mal raten, was davon fake ist, was wahr. Gleiches gilt hierfür: Die thüringische AfD hat den Monitor vom Landesparteitag ausgeladen. Begründung: Beim ARD-Magazin könne „nicht mehr von einer journalistischen Berichterstattung die Rede sein“.
Hubert Seipel hat hingegen einen VIP-Ausweis inklusive Parteibuch von Bernd Höcke erhalten, als publik wurde, dass der preisgekrönte NDR-Reporter jahrelang neben der gesamten NSDAP-Nachfolgepartei im Arsch von Wladimir Putin steckte, der Seipel seit 2016 für Gefälligkeitsgutachten und Stiefelleckereien offenbar Hunderttausende Euro zukommen ließ. Ein herzliches Heil Hitler Hubert, für deine Abbrucharbeiten an der Demokratie.
Herzlichen Dank auch ans Erste, sein Zukunftspotenzial abermals voll auszuschöpfen und statt neuer Ideen ein Spin-Off von Liebling Kreuzberg zu drehen, was die ARD vermutlich schon deshalb für progressiv hält, weil Anwalt und Assistenz von Frauen verkörpert werden. Während diese zwei Infos belegbar sind, muss sich der Wahrheitsgehalt folgender Neuigkeit erst erweisen: Am Samstag moderiert Thomas Gottschalk zum letzten Mal Wetten, dass…?. Wer’s glaubt…
Die Frischwoche
20. – 26. November
… glaubt vielleicht auch, dass es nach Staffel 5 von Fargo Mittwoch bei Magenta, die erneut bizarre Entführungsfälle in Minnesota zeigt, nicht mit der Coen-Serie weitergeh oder dass die Impro-Sause Discounter parallel dazu bei Prime Video mit der 2. Fortsetzung endet. Als gesichert darf in des gelten, dass die Echt-Show-Variante von Squid Game zeitgleich bei Netflix Abermillionen Zuschauer*innen anlockt, obwohl sie ein ziemlich erwartbarer Abklatsch ist.
So richtig innovativ ist das Angebot also auch abseits der ARD nicht dieser Tage. Und daran ändert auch wenig, dass der dänische Achtteiler Elvira ab Freitag bei Neo eine Bordell-Empfangsdame zur Hobbydetektivin macht. Tihi. Weniger zum Schmunzeln ist The Suspect um einen Londoner Psychologen, der vorm Wochenende fünf Teile in der ARD-Mediathek gegen Parkinson und den Verdacht ankämpft, in einen Mordfall verwickelt zu sein.
Schon tags zuvor handelt die deutsche Paramount+-Serie Eine Billion Dollar von jemandem, der eine Erbschaft mit zwölf Nullen antritt und damit sechs Folgen lang klarkommen muss, was trotz dieser surreal hohen Summe irgendwie realistischer wirkt als die Serienadaption von Baz Luhrmans Historienmelodram Australia mit Nicole Kidman und Hugh Jackman ab Sonntag bei Disney+.
So richtig real wird es allerdings doch wieder öffentlich-rechtlich. Schon heute bereits, wenn Arte in Die letzte Stunde der Welt aufzeigt, welche Verantwortung skrupellose Ölkonzerne am Klimawandel haben. Und ein bisschen weniger apokalyptisch lässt es ab Mittwoch dann Ingo Zamperoni angehen. In einer Art Fortschreibung vom Bürgerparlament sitzen Die 100 – nämlich Normalmenschen aller Schichten, Gruppen, Klassen – mit dem Nachrichtenmann im Kasseler Studio, um herauszufinden, was Deutschland bewegt.
Ob dabei auch erörtert wird, wie populismusanfällig Elemente direkter Mediendemokratie sind, wird sich zeigen. Aber der Versuch, mit dem Mainstream ins Gespräch zu kommen, ist natürlich zunächst mal absolut löblich
Os Barbapapas, MMHT, Danny Brown
Posted: November 18, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentOs Barbapapas
Man fragt sich ja gelegentlich, etwa beim Zappen durch Kulturradios, warum klassische Musik immer und immer und immer noch wiedergekäut wird, hundertjähriges Zeug, tausendfach interpretiert, Beethovens 9. zum 9999. Mal. Oder Jazz, für Eingeweihte vielschichtig, für Außenstehende eintönig, für Os Barbapapas ein Quell vielschichtiger Klassik, die alles andere als wiedergekäut klingt. Im Gegenteil.
https://www.youtube.com/watch?v=FwmdAqfSpng
Denn das selbsternannte “Tropicalia-Space Age-Jazz-Quartett” aus São Paulo entlockt seinem Fachgebiet Harmonien und Töne, die nostalgisch und futuristisch klingen, ohne jetzt gleich Spinett mit Techno zu unterlegen. Enigma ist eher afrikanisch angehauchter Spelunken-Soul mit Marimba und Glasharfe, der nach Schwarzweißfilmmusik klingt, aber nicht zuletzt dank Barbara Mucciollos fantastischem Schlagzeug auf jede Festivalnebenbühne passt.
Os Barbapapas – Enigma (Fun in the Church)
MMTH
Ostfriesland ist nicht grad die Keimzelle kultivierter Kunst. Scooter kommt von der Nordsee oder Otto, ansonsten Krabbenpuler, Nutzvieh, Sturmböen, aber flächenbasierter Garagenrock, der es spielend mit den bayerischen Vorbildern Slut oder Instrument aufnehmen kann? Genau das schaffen MMTH und wirken dabei zu keiner Zeit so bemüht wie viele Provinzkapellen, die es partout aus dem Schatten der Großstadt schaffen wollen.
Das zweite Album Infinite Heights, das englische Texte andeutet, aber strikt instrumental bleibt, scheppert sich durchs Labyrinth krautumwucherter Endlosgänge und legt es mit Gitarrenteppichen von virtuos breiiger Knotendichte aus. Kein Wunder, dass die Platte nur sechs Stücke enthält, denn jedes davon walzt so kraftstrotzend um sich selbst, dass die 31 Minuten wie drei Stunden klingen und dabei kurzweilig sind.
MMHT – Infinite Heights (Poly Unique)
Danny Brown
Kurzweilig, das trifft es auch für Danny Brown. Zehn Jahre nach seiner ersten Platte, seinerzeit zu einem der besten HipHop-Debüts ever gewählt, versagt sich der Rapper aus Michigan zugunsten unbedingter Kreativität noch immer jedem Mainstream-Appeal. Und das ist auch auf dem siebten Album Quaranta oft hart an der Grenze des Erträglichen, bleibt aber dennoch so furios, dass man den Mund kaum zukriegt.
Mit blecherner Angriffsstimme peitscht der 42-Jährige seine Verachtung für alles Gewöhnliche durch elf Tracks von ausgesuchter Unzugänglichkeit, die den Gesang wie sonst selten heutzutage ins Zentrum stellt und dennoch Rundreisen durch Musikstile aller Art unternehmen. Jazz vor allem, der sich nicht zu ernst nimmt und dennoch filigran ist. Bisschen wenig Bass manchmal vielleicht, aber das gleicht Quaranta durch Frickelei aus.
Danny Brown – Quaranta (Warp)
Fernseharbeit & Deutsches Haus
Posted: November 13, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
12. – 18. November
Eigentlich soll man ja gehen, wenn es – der verstorbene Hans Meiser hatte das vorgemacht – am schönsten ist. Linda Zervakis & Matthias Opdenhövel haben da einen etwas anderen Ansatz und gehen, wenn’s am schlimmsten ist. Ihr missratenes Infotainment endet am Jahresende und hinterlässt ProSieben als das, was es zuvor bereits war: oft sehr unterhaltsam, aber – sofern Joko & Klaas unbeteiligt sind – selten gehaltvoll.
Völlig andere, absolut erschreckende Ursachen hat hingegen der Rückzug von Deborah Middelhoff. Die Chefredakteurin der Kulinarik-Magazine im Hamburger Jahreszeiten Verlag wie Feinschmecker geht 2024 ins Ausland und begründet es damit, dass sie sich als Jüdin in Deutschland nicht mehr sicher fühlt. Es sind fürchterliche Zeiten für Menschen, die nicht ins rechte Weltbild passen. Haltungsstarke Frauen zum Beispiel wie Gilda Sahebi.
Weil sie Friedrich Merz im Zuge der Migrationsdebatte bei Markus Lanz rassistisch nannte, fuhr Bild eine gewohnt menschenverachtende Schmutzkampagne gegen die deutsch-iranische Journalistin des Jahres 2022, was den wohlkalkulierten rassistisch-misogynen Shitstorm im Netz nach sich zog. Da hat der neue DJV-Vorsitzende Mika Beuster ja gleich mal einiges zu tun.
Wobei das Blatt gerade eher mit sich selbst zu tun – interessiert seine TV-Kampagne doch nachweislich keine noch so braun-blaue Sau. Wo ohnehin kein Bild-Spot zu sehen war, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk als Primärziel von Axel Springers Journalismus-Karikaturen, die folgende Zahlen vermutlich ignorieren: Gemeinsam nämlich tragen ARD, ZDF und Deutschlandradio stolze acht Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt bei.
Mehr als sie über Gebührengelder einnehmen. Außerdem schaffen sie laut einer Studie des WifOR-Instituts sender- und systemübergreifend gut 77.000 Arbeitsplätze. Wenngleich schon längst keine mehr mit der Lindenstraße, die ihren Fans allerdings frohe Kunde zu vermelden hat: das Online-Portal ARD+ zeigt ab Donnerstag sämtliche Folgen der abgesetzten Endlosserie, insgesamt immerhin 1765 Stück.
Die Frischwoche
13. – 19. November
So viele dürften es aller Voraussicht nach selbst bei The Crown oder Yellowstone werden, die ab Donnerstag bei Netflix und Paramount+ immerhin auch schon in ihre jeweils fünfte Staffel gehen. Erstere angeblich sogar mit Lady Di, die den Windsors als Geist erscheint. Ein paar mehr als fünf Episoden hätten es hingegen bei der konkurrenzlosen Überraschung dieser Woche sein dürfen.
Sie heißt Deutsches Haus und dürfte angesichts von Titel, Genre, Plattform zunächst mal Skepsis erzeugen. Die reale Zeitgeschichtsfiktion verfilmt den gleichnamigen Roman der Drehbuchautorin Annette Hess, die für solides, aber museales Historytainment à la Ku’damm 53-59 verantwortlich war. Jetzt nimmt sie sich der Auschwitz-Prozesse von 1963 an – und das auch noch ab Mittwoch bei Disney+.
Wider Erwarten aber ist die Erzählung einer teilrealen Frankfurter Gastwirtfamilie, deren Tochter zur Dolmetscherin des Verfahrens gegen frühere SS-Verbrecher wird, mit gehörigem Abstand das Beste, was dieses Metier jemals hervorgebracht hat und damit mehr als eine Empfehlung. Die darf man abzüglich irgendwelcher Relevanzkriterien auch für die Magenta-Serie Lucky Hank aussprechen.
Ab Freitag kämpft Better Call Saul Goodman darin achtmal gegen seine Midlifecrisis an einem mittelmäßigen College im amerikanischen Rust-Belt – und wie Bob Odenkirk den zynisch-melancholischen Literatur-Professor spielt, das ist einfach großartig. Großartiger jedenfalls als der nächste Versuch, mit dem FC Bayern Kasse zu machen, wie es deren Wachstumsfiktion Gute Freunde tags drauf bei RTL+ plant.
Und sonst? Kommt Sebastian Lege heute bei Vox auf den Geschmack, läuft parallel das ZDF-Drama Die Whistleblowerin, startet Disney+ Dienstag den Gen-Z-Serienkrimi A Murder at the End of the World, glänzt Emma Stone Mittwoch in der bizarren Paramount-Beziehungskiste The Curse, startet Warner Donnerstag die Spionage-Romanze Spy/Master, steht Freitag die achtteilige Coming-of-Age-Mystery The Messenger auf der ARD-Mediathek und Sonntag die deutsch-belgische Homecoming-Crime Juliet in der des ZDF.
Förderprogramme & Margot Friedländer
Posted: November 6, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: Uncategorized | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
30. Oktober – 5. November
Die Entscheidung der ARD ist gefallen: Weil der FC Bayern am Mittwoch in einem denkbar öden Pokalkick kurz vor Schluss ausgeschieden ist, überträgt sie am 5. und 6. Dezember keine der Achtelfinal-Partien. Wie Sportschau-Chef Karl Valks mitteilt, wolle man ausschließlich Münchner Spiele zeigen, selbst wenn sie ereignislos und langweilig seien, „sonst kriegen wir Ärger mit Uli Hoeneß“.
Okay, das Zitat ist erfunden oder könnte einer KI entstammen, die fünf Jahrzehnte Fußball-Übertragungen ausgewertet und dabei das gebührenfinanzierte Förderprogramm für den Serienmeister herausgefunden hat, demzufolge natürlich auch das – bis zur 96 Minute völlig einseitige – Match in Saarbrücken gezeigt wurde, während sportlich originellere wie Dortmund – Hoffenheim oder St. Pauli Schalke keine Extra-Kohle aus Köln wert waren.
Und damit zur Politik, die mit Fußball meist nur zu tun hat, wenn die Fifa mal wieder ihre gierigen Finger ausstreckt. Der Rest? Ist Schweigen. Ein Schweigen, dass Deniz Yücel zu Recht für alle einfordert, die nicht bereit sind, sich öffentlich zu äußern, womit der PEN-Vize auf die Hamas-Attacken am 7. Oktober anspielt. Was er nicht sagt: wie laut das (auch und grad linke) Schweigen über den islamistischen Terror verglichen mit dem globalen Protest gegen Israels Selbstverteidigung ist.
Ein Brüllen, dass zum Glück mehrere US-Film- und Fernsehgewerkschaften anprangern. Was nochmals verdeutlicht, wie leise Deutschlands Kreative diesbezüglich bleiben. Die einzig gute Nachricht daher zum Schluss: Seit Elon Musks Übernahme hat sich der Wert von Twitter aka X auf weniger als 19 Milliarden Euro praktisch halbiert, was immer noch 18,99 Milliarden zu viel sind, aber immerhin.
Die Frischwoche
6. – 12. November
Immerhin Hoffnung auf bessere Zeiten macht Margot Friedländer, der das ZDF am Dienstag sein beeindruckendes Dokudrama Ich bin! zum 102. Geburtstag schenkt – und damit uns allen. Das realfiktionale Leben der Holocaust-Überlebenden eignet sich geradezu perfekt als filmisches Monument, wie man dem Bösen trotzt, ohne jemals wütend zu werden. Herzlichen Glückwunsch!
Den wir hier ausdrücklich nicht die ARD aussprechen. Denn wo Showrunnern Michaela Taschek die ausgezeichnete Brigitte Hobmeier da ab Donnerstag zunächst in der Arte-Mediathek reinquatschen konnte, das ist mit Theaterdonner noch naturalistisch umschrieben. Im Mystery-Thriller Schnee spielt sie eine Wiener Ärztin, die in düstere Vergangenheitsbewältigungen eines Tiroler Skigebiets mit Umweltschutz-Ärger gerät. Das strotzt sechs zähe Folgen so düster vor Effekthascherei, dass man sich zum Retreat in eine 100-Watt-Birne wünscht.
Dann doch lieber die günstiger produzierte ARD-Online-Serie Wer wir sind mit Lea Drinda als Umweltaktivistin, die Freitag in einen Strudel aus politischer Radikalisierung und Racial Profiling gerät. Das ist nicht nur schauspielerisch, sondern auch thematisch intelligenter als (wenngleich nicht halb so opulent kostümiert wie) die Apple-Serie The Buccaneers um heiratswütige Damen in der englischen Upper-Class des 19. Jahrhunderts, die ab Mittwoch sehr offensichtlich an Bridgerton erinnert.
Was sonst noch bemerkenswert werden könnte: Der großartige Michael Fassbender als Titelfigur im Netflix-Thriller The Killer ab Freitag. Parallel bei Neo das achtteilige belgische Medical-Drama Sense of Tumor aus Belgien, das also ebenso wie Mit Herz und Holly am ZDF-Sonntag im medizinischen Fiktionsfach spielt. Oder Nadja Uhl als Die Jägerin ähnlich Krimineller tags drauf in der ZDF-Mediathek.
Bereits Mittwoch startet ein vierteiliges Netflix-Porträt von Robbie Williams. Und irgendwie bisschen außer Konkurrenz sachlich bewertbarer Formate: Good Luck Guys, eine Art 7 vs. Wild für Reality-Weltstars wie Aurelia Lamprecht, Dominik Brcic oder Zoe Saip, die bei joyn in karibische Container ziehen, also Big Brother vermutlich näher sind als echter Herausforderung.
Sarah Bosetti: Haltung & Late Night
Posted: November 4, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDemokratie bedeutet, gut zu streiten
Die haltungsstarke und damit polarisierende Sarah Bosetti (Foto: ZDF) sticht nicht nur durch ihre feministischen Kampfgedichte aus dem Humorbetrieb hervor. Bei 3sat kriegt sie nun ihre Late Night. Ein Gespräch über Bullshit-Buttons, Anke Engelke und das Privileg der Nische.
Von Jan Freitag
Sarah Bosetti, haben sie kurz vorm Start Ihrer Late Night Show eigentlich schon Ihren Nachlass geregelt?
Sarah Bosetti: Sie rechnen also damit, dass ich noch während der Sendung sterbe? Das würde der ersten Folge zumindest die gebührende Dramatik verleihen.
Weniger physisch als empirisch. Besonders für Frauen ist dieses Genre schließlich ein Friedhof der Fernsehtiere.
Ich lege an mich als Frau keine anderen Maßstäbe an, als wenn ich ein Mann wäre. Und unabhängig vom Geschlecht sterben zum Glück nicht die Moderator*innen, sondern allenfalls ihre Sendungen, wenn es nicht gut läuft. Und mit einer Sendung zu scheitern, ist nicht das Schlimmste, was Menschen widerfahren kann.
Schon gar nicht, wenn es mit Würde geschieht. Anke Engelke allerdings wurde vor fast 20 Jahren alles andere als würdevoll aus ihrer Late Night kritisiert.
Dennoch war sie vorher wie nachher eine wahnsinnig erfolgreiche Frau, und zwar zu recht. Ihre Sendung mag also gescheitert sein, aber Anke Engelke ist es weder als Mensch noch als Bühnenfigur. Außerdem weiß ich nicht, wieso ich mich ausgerechnet mit Anke Engelke vergleichen sollte. Bloß, weil wir beide Frauen sind? Ich bin, auch was diese Sendung betrifft, höchstens in der Hinsicht aufgeregt, dass sie wirklich gut werden soll.
Aufgeregt also nicht im Sinne von ängstlich?
Nein, voll freudiger Erwartung und hochmotiviert. Ich mag ja meine Arbeit sehr, und wenn ich so zielgerichtet auf etwas hinarbeiten kann, bin ich selbst dann glücklich, wenn es stressig ist. Man kann vor so vielen Dingen Angst haben. Einsamkeit, Krankheit, Tod. Aber doch nicht vor einer Fernsehsendung…
Wenn Sie sagen, diese hier solle gut werden – bezieht sich das dann auf die Formaterfordernisse oder die der Moderatorin?
Es geht mir schon sehr um meine eigenen Ansprüche. Aber Schreiben, Bühne und Fernsehen sind Formen von Kommunikation. Natürlich möchte ich auch Menschen erreichen.
Das klingt ein bisschen, als wäre Ihr Konzept eher nachfrageorientiert und würde nicht dem eigenen Anspruch, sondern dem des Publikums folgen.
Eigentlich nicht. Gelungene Kommunikation lässt sich nie nur auf Sender oder Empfänger reduzieren. Natürlich gilt das auch für die Kunst.
Zum Auftakt reden Sie mit Marlene Engelhorn, Tijen Onaran und Nikita Miller. Drei Gäste, die zwar Wikipedia-Einträge haben, aber bei den meisten kein Klingeln im Ohr auslösen.
Selbst, wenn das stimmt: Fürs Thema soziale Gerechtigkeit sind es spannende Gäst*innen. Und in der zweiten Folge kommen Luisa Neubauer und Marc-Uwe Kling; da klingelt es vielleicht bei einigen lauter. Mir ist es vor allem wichtig, Leute nicht wahllos nach Popularität einzuladen, sondern danach, ob sie spannende Dinge zum Thema zu sagen haben.
Und mit welchem Gesprächsablauf geht es weiter, wenn die Gäste erstmal da sind?
Ach, das möchte ich nicht vorwegnehmen. Ein bisschen Überraschung sollte da noch bleiben.
Sprechen Sie denn – Ihr Markenzeichen – gelegentlich in Reimen?
(lacht) Verrate ich Ihnen auch nicht.
Okay, letzter Versuch: Folgt die Sendung der klassischen Late-Night-Metrik aus Stand-up, Schreibtisch, Gastgesprächen?
Die, so viel vorab, ist uns völlig egal.
Aber witzig wird’s schon?
Auf jeden Fall wird es auch witzig. Und traurig. Im Idealfall beides zugleich.
Was wollte 3sat denn von Ihnen? Immerhin steht Late Night drüber…
3sat war tatsächlich sehr gnädig und hat mir bislang viel Freiheit in dem Projekt gewährt.
Das Privileg der Nische!
Das sind jetzt Ihre Worte. Inhalt und Qualität sind bei 3sat sicherlich wichtiger als die Quote, aber erstens ist 3sat ja für alle Menschen im linearen Fernsehen zugänglich, und zweitens steht Bosetti Late Night auch in der ZDF-Mediathek und bei Youtube, wo man auch Bosetti will reden findet. Und das hat eine höchst treue und diskussionsfreudige Community hinter sich.
Darf man sich Ihre Late Night demnach interaktiver als andere vorstellen?
Ja. Am Mittwoch vor der Show bitte ich das Publikum auf dem Sendeplatz von Bosetti will reden darum, uns Meinungen und Fragen zum jeweiligen Thema zu schicken, die wir dann in die Show einbinden. Und das Studiopublikum hat gleich zwei Elemente, um sich einzubringen: einen Bullshit-Button für den Fall, dass das Publikum der Meinung ist, auf der Bühne werde Unsinn geredet…
Was allerdings die Gefahr mit sich bringt, dass ständig in der Sendung die Buzzer tröten.
Deshalb trötet er auch nicht laut, sondern treibt einen Zähler hoch, den meine Gäst*innen sehen und reagieren können, damit die Zahl wieder sinkt. Das zweite Element ist ein Talk-Pult, an das sich die Leute im Studio bei Bedarf stellen und etwas zur Debatte beitragen können. Mein Ziel ist aber nicht, künstlichen Streit zu erzeugen; wenn niemand drückt, drückt niemand. Und wenn sich niemand ans Talk-Pult stellt, dann macht’s halt niemand. Es soll ja konstruktiv sein.
Aber schon mit feministischer, politisch durchaus konfrontativer Haltung?
Ich werde nicht den neutralen Host spielen. Ich finde, diese Rolle hat absolut ihre Berechtigung, aber ich glaube, ich könnte das gar nicht.
Also im Zweifel parteiisch.
Für Empathie und Menschlichkeit, klar. Ich möchte ehrliche Unterhaltungen, in denen auch ich ehrlich sein darf.
Auch streitbare Unterhaltungen, indem Sie auf der Gästeliste Kontrapunkte setzen?
Natürlich ist es langweilig, wenn alle einer Meinung sind. Zugleich muss es auch nicht immer das größtmögliche Konfliktpotenzial sein. Spannend finde ich, wenn sich in einem Gespräch unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema finden. Deshalb müssen sie aber nicht entgegengesetzt sein.
Wie in Ihrer ersten Gesprächsrunde?
Genau: Marlene Engelhorn ist Millionenerbin, die Reiche höher besteuern will. Tijen Onaran hat sich nach oben gearbeitet und das kapitalistische Leistungsprinzip zu Eigen gemacht. Die werden sich kaum die Köpfe einschlagen, haben aber verschieden Ausgangspositionen zum selben Thema. Außerdem lassen wir diverse Armutsbetroffene zu Wort kommen. Nichts gegen Streit, aber gut muss er sein. Bei „Bosetti Late Night“ geht es vor allem darum, wie über wichtige Themen gesprochen wird. Demokratie bedeutet, gut zu streiten. Schlechter Streit gefährdet sie. Und wir müssen gerade ein bisschen auf unsere Demokratie aufpassen.
Antisemitismus & 7 vs. Wild
Posted: October 30, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
23. – 29. Oktober
Diskriminierungsdebatten sind konjunkturabhängig. Schafft es etwa Antisemitismus nur aus der Nische ins Zentrum öffentlicher Diskurse, wenn er – siehe Bild – unseren Antiislamismus begründet, erklärt man ihn auch schon wieder zur deutschen Staatsräson. Na ja, außer natürlich beim FC Bayern, das auch Bernd Höcke aufstellen würde, brächte es ihnen Geld und Titel wie den der Champions League, wo ein Antisemit im Münchner Dress am Dienstag folglich mitkicken durfte.
Und da Amazon Prime keine Cash Cows kritisiert, tat ihnen der Reporter beim Spiel in Istanbul sogar den Gefallen, Noussair Mazraouis Terror-Kuscheln komplett zu unterschlagen. Ach, Sportberichtserstattung – so unpolitisch, so leutselig, so maskulin… Wenn ein Bundesliga-Spieler seinen Gegner „Lutscher“nennt, fällt einem von Sport1 zwar der „Kraftausdruck“ auf, aber null Homophobie. Und was fiel der Süddeutschen Zeitung auf, als während der Rugby-WM wer „White Cunt“ rief? Rassismus (gegen Weiße?), keine Misogynie (gegen Frauen!).
Manchmal wünscht man sich in dieser hasserfüllten Zeit, dass auch seriöse Medien 97 Prozent aller Inhalte vor der Veröffentlichung streichen, wie es der deutsche TikTok-Manager Tobias Henning von seiner Plattform behauptet. Was man Medien (ob seriös oder nicht) mehr wünscht, ist indes Sarah Bosetti. Ihre Late Night bei 3sat vor acht Tagen war so vielversprechend, dass es gern mehr als eine Sendung pro Monat geben dürfte – auch weil sie das Format feministisch definiert.
Umso mehr muss sie sich an Jan Böhmermann messen lassen, den Alice Schwarzer gerade zum Sexist Man Alive erkoren hat. Was angesichts des wokesten, wenn nicht einzig woken TV-Mannes in Deutschland eher gegen die Frauenrechteritterin von der trotzigen Gestalt als ihren Gegner spricht. Schon weil sein Emanzipationsgedanke anders als Schwarzers nicht mehr sklavisch am X-Chromosom klebt. Man wünscht ihre wirklich langsam mal den Ruhestand.
Was man dagegen fast niemandem wünscht, schon gar nicht dem ZDF: feige Bombendrohungen, wie sie Dutzenden von Institutionen aller Art zugingen. Beta Film wünschen wir demgegenüber echt viel (dringend nötiges) Glück beim Verkauf von insgesamt 250 Stunden Tatort Münster, Dortmund, Köln und – echt jetzt? – Bremen an den US-Streamingdienst MHz Choice.
Die Frischwoche
30. Oktober – 5. November
Wenn das klappt, könnte das ZDF ja vielleicht mal darüber nachdenken, Rosamunde Pilcher überseeisch zu verklappen – so als Idee zum 30. Geburtstag am heutigen Montag, den USA so ein Stück deutscher Lebensart zu vermitteln. Ein lustiges, obendrein lehrreiches Stück europäischer Politik ist und bleibt derweil das ARD-Juwel Parlament, dem wir heute in der Mediathek zur 3. Staffel folgen.
Ob die Sky-Serie The Gilded Age parallel Bildungsfernsehen ist, bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen. Aber opulent ist die Geschichte der amerikanischen Klassengesellschaft am Beispiel ihrer ersten Milliardäre des 19. Jahrhunderts auch in der 2. Staffel. Bereits in die 3. geht morgen ein Netz-Format der ungewöhnlichen Art: 7 vs. Wild, wo sich wieder ein Haufen Prepper und Zocker durch die Natur schlägt, heuer nicht allein in Panama, sondern zu zweit in Kanada.
Trotz schwurbeliger, sexistischer, populistischer Verstrickungen kann man Interessierten nur raten, dienstags und freitags bei Freevee mal reinzuschauen, wie sich toxische Männlichkeit jenseits der Zivilisation so schlägt. Dort befindet sich auch Oliver Hirschbiegels Sky-Serie Unwanted, in der ein Luxusliner Freitag 28 Flüchtlinge aufnimmt und nach Libyen zurückbringen will, weshalb sie meutern.
Über acht Episoden hinweg ist das zwar leicht didaktisch, aber eindringlich und damit besser als der ZDF-Sechsteiler Die zweite Welle über Spätfolgen des verheerenden Tsunamis von 2004. Besser auch als die österreichische Splatter-Groteske Mandy und die Mächte des Bösen (Freitag, Prime Video). Aber keinesfalls besser als die Tipps der Woche: Am Mittwoch etwa bei Sky: The Lovers, eine klassenübergreifend schöne Liebesgeschichte vom Hintergrund der nordirischen Troubles in Belfast.
Oder Polar Park über einen Ritualkiller im kältesten Dorf Frankreichs, dem selbst der deutsche Titel Eiskalte Morde ab Donnerstag bei Arte nicht den skurrilen Charme nehmen kann. Tags drauf völlig anders beeindruckend: Nyad, ein Netflix-Drama mit Annette Benning als Schwimmerin, die mit 64 von Kuba nach Florida schwimmt, was ebenso verbrieft ist wie Lawman, die Story des ersten schwarzen Sherriffs Bass Reeves, dem Paramount+ ab Sonntag ein Western-Biopic widmet.
Sparkling, Duran Duran, Botticelli Baby
Posted: October 27, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentSparkling
Größenwahn ist nicht die schlechteste Voraussetzung für großartige Musik, und wenn er dann noch unter der Dachzeile “Funkeln” läuft, sowieso. “We’re here to make you feel good / we’re here to make you feel bad” singt die Kölner Powerpop-Brigade Sparkling und fügt unbescheiden “we’re here to make you feel love / we’re here to make you feel sad” hinzu. Das kann man peinlich finden – oder einfach so grandios wie ihr neues Album.
We Are Here To Make You Feel heißt es zusammenfassend, nimmt sich Eighties-Bands wie Boytronic zum Vorbild, beschleunigt sie ein bisschen auf Twenties-Tempo und macht aus traditionellen Synth-Sounds Überwältigungswave der Gegenwart, der spielend Brücken baut und Gräben füllt. Wenn sich das deutsche Trio jetzt noch sein preußisch intoniertes Dictionary-Englisch verkneift, macht es richtig Spaß.
Sparkling We Are Here To Make You Feel (Moshi Moshi)
Duran Duran
Aber wenn wir hier schon in die 80er zurückkehren, dann bitte richtig. Mit einem der damaligen Abräumer schlechthin: Duran Duran. Wer die vier Briten seither etwas aus den Augen verloren hat: Sie machen seit jeher sporadisch, aber regelmäßig neue Platten, spielen noch immer und abermals in Originalbesetzung, garnieren ihr Werk auch auf der sechsten im neuen Jahrtausend damit, was die Birmingham-Boys groß gehalten hat.
Glam-Wave der eleganten Sorte, so schweißtreibend wie intellektuell. Auf Danse Macabre unterstützt von Fans wie Nile Rodgers, die gemeinsam mit den Old Romantics Simon Le Bon, Nick Rhodes, Rodger Taylor und trackweise dessen Namensvetter Andy Altes aufmöbeln, Neues auf alt machen und dafür auch mal Billie Eilish covern. Resolut: dunkel funkelnde Retronostalgie, die auch 2023 wenig von ihrer Anziehungskraft verliert.
Duran Duran – Danse Macabre (Tape Modern)
Botticelli Baby
Und damit zurück in die sogenannte Gegenwart, in der sich Botticelli Baby eher retrospektiv wohlfühlen und daher tief durch die sogenannte Vergangenheit auf der Suche nach Erlösung wühlen. Dass dieses Septett sinfonischer Virtuosen aus Essen stammt, liegt dabei zwar nicht unbedingt auf der Hand, zeugt aber davon, dass Jazz keine Grenzen kennt, wenn er sich genreübergreifend mit Punk, Funk, Balkan paart.
Und genau das tut aber tun Boticelli Baby mit ihrer wuchtigen Horn-Section überm Standardrock-Instrumentarium von Gitarre bis Keyboards. Der Gesang ist dabei durchaus ausbaufähig. Manchmal zu dünn für die raumgreifenden Arrangements, zu schüchtern fast. Im Gegensatz zum Albumtitel Boah, der perfekt zum Ausdruck bringt, was rappelvolle Clubs beim Durchdrehen vermutlich kollektiv brüllen.
Boticelli Baby – Boah (Unique Records)
Jan Böhmermann: Royale & Überraschung
Posted: October 26, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentIch bin nur ein dummer Clown

In weniger als zehn Jahren Fernsehpräsenz hat sich Jan Böhmermann (Foto: Jens Koch) zur umstrittensten Figur des deutschen Infotainments zwischen Comedy und Kabarett gemausert. Im großen Interview, vorab im Medienmagazin journalist/in erschienen, erzählt er, wie es dazu kommen konnte und ob das so bleibt.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Jan Böhmermann, ich habe vorm Interview einen Reality-Check mit meinem Sohn – fast schon Generation Alpha – gemacht und gefragt, ob er Jan Böhmermann kennt.
Jan Böhmermann: Aha, und?
Nicht nur das. Er meinte noch ZDF-Neo, woker Typ, gegen die AfD und gendert immer.
Spektakulär. Zumal mir das Gendern erst vor einem Dreivierteljahr von der Bundesregierung, Klimaklebern und George Soros befohlen wurde. Eine ziemlich aktuelle Anamnese also.
Und damit die Zielgruppe ihrer ZDF-Show Lass dich überwachen beschrieben, die Sie nach drei Jahren Pause wieder moderieren?
Nein, denn Lass dich überwachen holt alle Zuschauerinnen und Zuschauer dort ab, wo sie sich im Alltag am liebsten aufhalten und Spuren hinterlassen, ohne genau zu wissen, was damit geschieht: im Internet. Sorglos und unreflektiert im Netz ist aber nicht die Generation Ihres Sohnes, eher Millennials abwärts bis tief in den Boomerbereich – was dem ZDF natürlich gut gefällt. Stichwort: Kernzielgruppe. Während jüngere Menschen viel bewusster mit Informationen im Internet umgehen und sich anonymisierte Online-Avatare zulegen, löst die Sendung bei den digital immigrants vermutlich noch stärkere Adrenalinschübe aus.
Damit wäre das Publikum beschrieben. Wie steht es um die Studio-Gäste, denen Sie ihre Online-Geheimnisse um die Ohren hauen – wissen die, was auf sie zukommen könnte?
Nein, unser Studiopublikum denkt, es käme zur Aufzeichnung einer Jubiläumsfolge des ZDF-Magazin Royale. Aus den knapp 3000 Bewerbungen für die Tickets haben wir gut 200 ausgewählt, die – was absolut üblich ist – dafür Name, Geburtstag, Wohnort angegeben haben. Auf Grundlage dieser Datensätze haben wir unser Studiopublikum dann mehrere Monate digital ausspioniert und zusammenzutragen, was im Internet und den sozialen Netzwerken öffentlich verfügbar ist. Daraus machen wir lustige Geschichten, von denen niemand im Studio etwas ahnt – bis das rote Licht angeht und die Kameras laufen.
Leute digital auszuspionieren und die Resultate in einer großen Fernsehshow zu veröffentlichen, klingt allerdings nicht nur lustig, sondern nach datenschutzrechtlich bedenklichem Cyber Mobbing.
Wir wollen Fernsehunterhaltung machen, bei der ganz normale Menschen im Mittelpunkt stehen und keine Promis – und für alle unsere Kandidatinnen und Kandidaten gibt es natürlich immer ein Happyend und tolle Überraschungen. Der Moment, wo jene, die völlig ahnungslos vor laufender Kamera realisieren, dass jetzt aus dem Internet im Fernsehen Wirklichkeit wird, der ist schon magisch. Das kommt zwar für viele sichtlich überraschend, aber wir versuchen uns anhand der Informationen natürlich ein gutes Bild der Leute zu machen, ihre Belastungsgrenzen auszuloten, den richtigen Tonfall zu treffen, die richtige Dosis Humor und Empathie.
Und dass Sie es dann nochmals nachveröffentlichen, dafür geben die Betroffenen hinterher Einverständniserklärungen ab?
Natürlich. Wer das – aus welchem Grund auch immer – nicht will, wird rausgeschnitten, das ist doch Ehrensache. Die Aufzeichnung für Lass Dich Überwachen hat fünfeinhalb Stunden gedauert, gezeigt werden 90 Minuten. Das zeigt doch schon, wie viel rausgeflogen ist. Diese Show ist nur begrenzt planbar.
Führt die Show also eher das System der selbstoptimierenden Aufmerksamkeitsökonomie vor als Individuen, die sie darin sich bewegen?
Es ist zunächst mal nur Fernsehunterhaltung. Aber wir arbeiten eben mit den veränderten, gegenwärtigen Lebenswirklichkeiten. Wer zeitgemäße Unterhaltung machen will, schaut sich um, wo die Menschen sind und wie ihr Alltag aussieht. Am Ende aber bleibt es eine Überwachungsshow, die an Rudi Carells Lass dich überraschen! vor über dreißig Jahren angelehnt ist und vor allem Spaß machen soll. Mit ganz normalen Leuten übrigens, nicht den üblichen Promis, die bei Quizshow Spendengelder erspielen.
Dennoch klingt es ein bisschen nach Deppen-Shaming all derer, die das Informationsmarketing der großen Digitalkonzerne nicht verstehen oder ignorieren…
Ach, was heißt Deppen? Zu Deppen werden wir doch alle, wenn jemand unsere Online-Persona im real life mal hinterfragt. Warum nicht gemeinsam drüber lachen? Wir haben in der Show zum Beispiel einen Kandidaten, der bei TikTok gerne Videos von TikTokerinnen mit eigenen Videos kommentiert. Da haben wir uns erlaubt, eine dieser Frauen einzuladen und neben ihn zu setzen. Was er den ganzen Abend nicht gemerkt hat, bis wir’s ihm gesagt haben. Das ist natürlich ein bisschen gemein, zeigt aber auch gut, wie weit Wirklichkeit und Selbstdarstellung in den sozialen Medien auseinandergehen, wer im Internet groß scheint, ist in der Realität vielleicht ganz klein oder andersrum. Das ist nach drei Jahren Pandemie und sozialer Vereinzelung nochmals deutlicher geworden.
Aber folgt dieses Prinzip nicht der Harald-Schmidt-Schule, Dinge zu tun oder sagen, die eigentlich tabu sind, und damit die Grenzen des Mach- und Sagbaren zu verschieben?
Unsere Sendung ist ein großes Fernsehunterhaltungsexperiment, um 20.15 Uhr in der ZDF-Primetime, keine nischige Late-Night-Show. Aber, helfen Sie mir bitte auf die Sprünge, wer war noch mal Harald Schmidt?
Ein Veteran des dualen Systems, der früher mal wirkmächtiges Fernsehen gemacht hat, sich aber heute Richtung antiwoker Weltkriegsopa bewegt.
Ach, Sie meinen den Moderator, dessen beste Witze ich jahrelang ganz alleine geschrieben habe?
Genau den. Ist ein Infotainer wie Jan Böhmermann ohne Harald Schmidt Vorarbeit, die seinerzeit den unterhaltsam informativen Grenzübertritt mainstreamtauglich gemacht hatte, überhaupt denkbar?
Kulturarbeit bedeutet immer standing on the shoulder of giants. Den Aberwitz des Lebens in lustige Formen zu gießen, das ist natürlich eine Verbindung zu Harald und allen anderen, die vor mir, nach mir, mit mir vor Kameras standen und stehen. Ich finde es immer schön, wenn Entertainment etwas Bedeutsames beinhaltet und Menschen nicht nur berührt, sondern auch betrifft. Kunst muss sich der Wirklichkeit verpflichtet fühlen. Harald kotzt bei solchen Sätzen, ich nicht. Ich halte sie aus.
Das klingt berufsethisch einwandfrei. Wenn Wikipedia Sie als Entertainer, Satiriker, Fernseh- und Radiomodertor, Musiker, Autor, Filmproduzent und Journalist bezeichnet – ist das in dieser Reihenfolge dann korrekt?
Na, wenn Wikipedia das sagt, wird es ja wohl stimmen. Ich bleibe lieber beim Sammelbegriff Kunst. Klar, ich bin gelernter Journalist und finde es auch spannend Unterhaltung zu machen, die juckt. Ob ich mich heute mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik beschäftige oder früher mit dem Mittelfinger von Yanis Varoufakis.
Ein Bild, mit dem der griechische Finanzminister vor acht Jahren inmitten der Euro-Krise für Aufsehen sorgte, weil Sie behauptet haben, es sei ein Fake von Ihnen.
Und der Spaß lag natürlich darin, eine spielerische Kritik an der Aufmerksamkeits- und Medienindustrie zu formulieren. Witzig, dass sich Deutschlands Austeritätspolitik gegenüber Griechenland auf einen Stinkefinger für Günther Jauch und die Bild-Zeitung reduzieren lässt – von dem heute keiner mehr weiß, ob es ihn überhaupt jemals gegeben hat oder doch nur ein Fake war. Die kommunikationstheoretische Analyse ist der Spaß vorher und das Herausschleudern der Aktion in die Praxis ist die Kunst. Und am schönsten und lustigsten sind Sendungen, die auch politisch spannend sind, neue Perspektiven aufzeigen und Frischluft bringen.
Und die sind seit ihrem Wechsel von Neo ins Hauptprogramm ausgeprägter?
Der Wunsch unseres Kernteams inklusive meines Egos jedenfalls bestand darin, bei der Neuaufstellung im ZDF mindestens ebenso relevant zu bleiben, aber formell berechenbarer zu werden, um nicht jeden Montag aufs Neue zu überlegen, womit man die Sendung am Freitag füllt. Da war es eine pragmatische Entscheidung, das auszubauen, worin wir ohnehin stark waren und neue, starke Kolleginnen und Kollegen mit ins Team zu holen.
Nämlich welche?
Hanna Herbst und Nora Nagel leiten die journalistische Redaktion, Tim Wolff die humoristische, Julia Thiel, Susi Engelmann, Alex Hesse und Constantin Timm sind für die Produktion verantwortlich und Lorenz Rhode leitet das einzige wöchentlich sichtbare Rundfunkorchester Deutschlands. Und getragen wird alles von einer schlagkräftigen Redaktion, Juristinnen, der Postproduktion, Ausstattung, Kostüm, Maske und Technik-Crew. Im ZDF Magazin Royale arbeiten sehr viele mutige, starke und schlaue Menschen, die jede Woche auf Augenhöhe verhandeln, wie man Fernsehen relevant, zeitgemäß und unterhaltsam macht.
Sind Sie demnach bereits durch die Varougate genannte Mittelfinger-Affäre oder erst beim Wechsel ins ZDF zum Investigativ-Satiriker geworden?
Och, ich bin und bleibe Unterhaltungskünstler, betrachte die Welt eher ganzheitlich und am Ende gilt immer der alte Leitsatz von Tocotronic: Pure Vernunft darf niemals siegen. Aus meiner Sicht reicht das journalistische Handwerk nicht, um die Vielgestaltigkeit der Welt voll zu erfassen. Zum Abschluss unserer Montagskonferenz muss jede Woche eine Kollegin oder ein Kollege ein Gedicht vortragen, das befreit sehr. Aber nennen Sie mich, wie Sie wollen, labeln Sie mich ruhig weiter!
Gut, dann mit „Feuilleton-Jäger“, der vom Hochsitz der Hochkultur das waidwunde Wild der restlichen Gesellschaft anvisiert und gegebenenfalls erlegt.
Wenn eines Tages rauskommt, dass ich einfach nur ein einigermaßen normaler, nachdenklicher, freundlicher und empathischer Typ bin, der Unrecht und Konflikte hasst, kann ich einpacken.
Gibt es unabhängig vom Label einen Jagdtrieb in der Redaktion, wenn nicht gar Jagdfieber?
Schon bei Neo galt die Warnung: niemals den Drachen jagen! Niemals auf Projektionen reinfallen, nicht auf die eigenen und nicht die anderer. Glaube niemals die dir unterstellte Wichtigkeit, im Guten wie im Schlechten. Das ZDF Magazin Royale will tatsächlich gar nichts auslösen, sondern unser breit gefächertes Interessensspektrum, die Themen, die wir spannend finden, unterhaltsam bearbeiten.
Ist es für einen Entertainer, dessen Unterhaltung vielfach auf harter journalistischer Recherche beruht, dennoch hilfreich, sich auf den Sockel einer gewissen Überlegenheitsarroganz zu stellen?
Dafür sind die Arbeitsabläufe bei uns einfach zu simpel und nachvollziehbar. Das ZDF Magazin Royale hat eine sehr große, starke Redaktion, die sich regelmäßig in Konferenzen trifft, wo jede und jeder Themen vorschlagen kann, auch nicht-inhaltlich arbeitende Gewerke. Und aus allen Themenvorschlägen versuchen wir, gemeinsam die Themen der gesamten Staffel zu finden. Daran ist nichts abgehoben, das ist ganz normaler Arbeitsalltag. Vielleicht mit einem Trick: wir sind sehr genau und versuchen immer zeitgemäße Perspektiven auf die Wirklichkeit zu finden.
Welcher Perspektive worauf zum Beispiel?
In unserer Sendung über Bosnien-Herzegowina haben wir uns zum Beispiel die merkwürdige Konstruktion des Hohen Kommissars angeschaut. Bei der Recherche wurde uns schnell klar: die Perspektive junger, pro-europäischer, muslimischer Bosnierinnen- und Bosnier ist in der der bisherigen Berichterstattung in Deutschland komplett unterrepräsentiert. Also haben wir da thematisch unseren Schwerpunkt gesetzt. Das war dann natürlich ein Schlag ins Gesicht des FAZ-Korrespondenten, der seit 25 Jahren vom Balkan berichtet, sich regelmäßig mit dem bosnisch-serbischen Nationalisten Milorad Dodik zur Sliwowitz-Verkostung verabredet und die Handynummer des CSU-Politikers Christian Schmidt im Kurzwahlspeicher hat. Oder nehmen Sie die „Cyberclown“-Ausgabe zu Arne Schönbohm.
Damals Chef des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, den Nancy Faeser infolge Ihrer Sendung über dessen Russland-Verstrickung entlassen hat.
Wir beschäftigen uns seit 2018 immer wieder mit Fragen der Cyber-Sicherheit. Was im Bundesinnenministerium los ist, war für uns schon immer wichtig. Und da haben wir uns Hans-Georg Maaßen als Verfassungsschutzchef ebenso angesehen wie seinen Parteigenossen Arne Schönbohm beim BSI. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine erschien es uns besonders berichtenswert, welche merkwürdigen Beziehungen der von Schönbohm mitgegründete, private Lobbyverein für Cyber-Sicherheit so zu Russland und russischen Nachrichtendiensten pflegt. Manchmal wird ein bekanntes Thema eben erst interessant, wenn sich die äußeren Umstände ändern.
Und gab es wie bei jeder investigativen Verdachtsberichterstattung auch in Ihrer Redaktion den Ablauf Recherche, Konfrontation, raus damit?
Die Sendung zum BSI-Fall ging sogar noch einen Schritt weiter, denn es ging darin gar nicht um Verdachtsberichterstattung; dass wir den BSI-Chef für nicht sonderlich kompetent halten und sein Urteilsvermögen und seine Amtsführung kritisieren, ist ja kein Verdacht. Es ist Tatsache, dass ein langjähriger Lobbyist unterm CDU-Innenminister de Maizière zum Amtsleiter aufgestiegen ist. Nach Kriegsbeginn haben wir das Amt und ihn also ganz seriös mit unseren Rechercheergebnissen konfrontiert.
Und kommt in der Sendung selbst zu Wort?
Natürlich. Alles, was wir darin behandeln, stützt sich auf bekannte Vorkriegs-Recherchen von Zeit oder dem RBB-Magazin Kontraste und unsere eigenen Recherchen, die seriös, ausreichend belegt und handfest sind. Die Sendung steht seit einem Jahr unbeanstandet, wahrheitsgemäß und faktisch korrekt online – und wird jetzt politisch motiviert zum Komplott verschwurbelt. Nach einem Jahr! In Medienzeitrechnung eine Ewigkeit.
Die allerdings juristische Folgen bis hin zur Redaktionsdurchsuchung haben könnte.
(lacht) Da bringen Sie die Shitstorms durcheinander. Das mit der angeblich drohenden Redaktionsdurchsuchung war die Sendung über „Organisierte Rituelle Gewalt“, bei der unsere Recherche zu den fragwürdigen Praktiken einer Psychotherapeutin dazu führte, dass wir anonym angezeigt wurden und der polizeiliche Staatsschutz und die Staatsanwaltschaft instrumentalisiert wurden, um unsere Sendung zu verhindern oder wenigstens zu diskreditieren.
Sind die ZDF-Justiziare demnach von Beginn an am Prozess solcher Geschichten beteiligt wie Christian Sell bei Axel Springer?
ZDF-Justiziare nur zuallerletzt. Wir haben natürlich unsere eigenen Juristinnen und Juristen, die bei Verdachtsberichterstattungen oder Investigativ-Recherchen in die Entstehungsprozesse und Recherchen involviert sind. Von der ersten Idee bis zur letzten Abnahme sind außerdem noch mindestens zwei Redakteurinnen und Redakteure des ZDF in jedes Detail eingebunden. Und am Ende lassen wir uns die Sendung dann noch vom Papst und dem Dalai Lama abnehmen und auch die Illuminaten gucken zur Sicherheit nochmal drüber. Dass ich im ZDF Magazin Royale irgendetwas ungeprüft rausblubbere oder wir eine satirische Sendung um einen falschen Tatsachenkern bauen – da muss ich mit aller Überlegenheitsarroganz widersprechen.
Ihr ZDF-Kollege Markus Lanz allerdings hat ungefähr das kritisiert, als er sinngemäß sagte: Sie zündeln und drücken sich dann durch den Notausgang Satire vor der Verantwortung.
Ich kann Markus Lanz intellektuell leider nicht immer folgen. Markus Lanz ist Podcaster, ich bin nur ein dummer Clown.
Aber was darf denn – Podcastclownspaß beiseite – Satire, was Journalismus abgesehen vom lustig sein nicht darf oder kann oder sollte?
Wenn wir im ZDF Magazin Royale mit Humor versuchen, den wahren Kern einer Sache zu ergründen, dann darf der Humor den wahren Kern nicht verfälschen oder verstellen. Wir denken uns unsere Witzobjekte doch nicht selber aus, das wäre viel zu viel Arbeit. Und ehrlich: für ein satirisches Produkt, reicht es inzwischen oft aus, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen.
Zum Beispiel?
Wenn der CDU-Vorsitzende öffentlich sagt, seine Partei sei die Alternative für Deutschland mit Substanz und ich daraus ohne größeren Kunstgriff schlussfolgere: ach so, die CDU sieht sich jetzt also als Alternative für Nazis mit Substanz? Genau das hat Friedrich Merz zwar sagen, aber nicht aussprechen wollen. Also habe ich das freundlicherweise für ihn erledigt.
Stimmt denn der Vorwurf an den politischen Humor insgesamt, dass er sich – Stichwort Monika Grubers Heizhammer-Demo mit Hubert Aiwanger – aktuell öfter auf die Seite der großen Tiere stellt, anstatt sie zu kritisieren?
Diese saudumme gedankliche Verrenkung wird seltsamerweise stets von großen Tieren geäußert, die dafür aber bitte nicht kritisiert werden wollen. Es wird immer Menschen geben, die alles lieber gern so hätte, wie es schon früher nicht war. Mich persönlich langweilt das endlos. Aber niemals, niemals dürfen Meinungsdifferenzen dazu führen, das Menschliche zu verlieren.
Ach was…
Wenn der AfD-Fascho Stephan Brandner in der ICE-Toilette kollabiert, bricht man die Tür auf und hilft ihm – egal, wo man politisch steht.
Stephan Brandner hier offen AfD-Fascho zu nennen, spricht jedenfalls dafür, dass Sie keine Angst vor Tieren jeder Art haben, wie auch ihr Gedicht über Recep Tayyip Erdogan zeigte, das weltpolitische Komplikationen nach sich zog. Hat Sie das damals beruflich, gar menschlich verändert?
Ach, wenn man so lange fürs Fernsehen arbeitet wie ich, ist da unter der Oberfläche doch sowieso nicht mehr viel Leben übrig. Wenn Sie den Begriff „AfD-Fascho“ abdrucken und Herr Brandner das hier liest, wenn er aus dem Krankenhaus zurückkommt und ein ostdeutscher Amtsrichter zu dem Schluss kommt, dass Herr Brandner gar kein „AfD-Fascho“ sei, sondern einfach nur ein harmloser Nationalsozialist, der die Freiheitlich Demokratische Grundordnung von Herzen verachtet, machen Sie sich übrigens presserechtlich möglicherweise mithaftbar. Sie merken: all die Aufregungen machen einen entspannter, was weitere betrifft.
Entspannter oder abgebrühter?
Entspannter. Wenn die Polizei oder die Staatsanwaltschaft anrufen, da hätte ich vor vier Jahren drei Wochen schlecht geschlafen. Heute sage ich: Ach, moin Thomas, hallo Manfred, Ihr schon wieder! Was gibt’s dieses Mal? Davon abgesehen: Der klassische Promifaktor verändert meiner Erfahrung nach Menschen persönlich viel mehr und drastischer. Wenn du in Berlin-Schöneberg nicht mehr Falafel kaufen gehen kannst, ohne dass alle dich erkennen: „Hach, das bin ja ich da auf dem Plakat!“ Irgendwann hältst du dann deine neue Gucci-Tasche in die Instastory, verwandelst den Motor deinen Schaffens – lebenslange Unsicherheit plus Außenseiterhaftigkeit – inpassiv-aggressive body positivity und dann ist es vorbei. Dann willst du dazugehören. Dann hast du gegen dich selbst verloren.
Gibt es da Rückzugstendenzen, so was wie ein spätes Cocooning zuhause?
Auch wenn es am Bildschirm nicht so aussieht, suche ich außerhalb der Arbeit die Öffentlichkeit bekanntlich weniger. Ich habe auch keinen Stapel Autogrammkarten in der Tasche. Am Ende gehe ich einfach jeden Tag zur Arbeit, von der am Ende eben manchmal richtig viele Menschen etwas mitbekommen.
2016 hat das GQ-Magazine Sie zum wichtigsten Meinungsmacher Deutschlands gekürt. Was war daran peinlicher: GQ, Meinungsmacher oder Deutschlands?
Sie sprechen mit dem amtierenden Playboy-Mann des Jahres 2022. Mir ist offensichtlich gar nichts peinlich. Journalist*innen wollen oft irgendetwas sein, was sie nicht sind. Mir ist das wirklich, ganz ehrlich, nicht so wichtig. Ekelhaft, oder? Mir ist wichtig, dass mein Team und ich meinem öffentlichen Ich weiterhin ins Gesicht gucken können.
Mit Schwerpunkt auf sich oder dem Team?
Fernsehsendungen entstehen immer kooperativ. Aber sagen Sie das bitte niemandem, sonst müssen weite Teile der deutschen Fernsehgeschichte neu geschrieben werden. Am schönsten ist es doch, in guten Diskussionen von guten Argumenten niedergerungen zu werden.
Was aber nicht heißt, dass Sie uneitel sind?
Dazu möchte ich mich nicht weiter erklären, um die geheimnisvolle Umnebelung meiner öffentlichen Person nicht zu entmystifizieren.
Wenn man in diesen Nebel hineinsticht und sagt, Jan Böhmermann sei so etwas wie der deutsche Jimmy Fallon – empfinden Sie das als Schmeichelei oder Affront?
Da ich nicht weiß, ob Sie den öffentlichen Jimmy Fallon meinen oder den Jimmy Fallon, der hinter den Kulissen seinem Team verbietet, ihm in die Augen zu schauen, der seine Kolleginnen und Kollegen legendär schlecht behandelt und heftige Alkoholprobleme hat, möchte ich mich auch bei dieser Frage nicht auf eine Antwort festlegen.
Prechts Juden & Daums Skandale
Posted: October 23, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen, Uncategorized | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
16. – 22. Oktober
Niemand erwartet, dass alles Leben abrupt einfriert im Moment entfesselter Gewalt. Dass die Welt auf Dauer in den Modus kollektiver Anteilnahme schaltet, wenn der Terror mal wieder neue Dimensionen erreicht. Auch nach 9/11 haben die Menschen ferngesehen, und nicht nur Nachrichten. Aber ob die ARD nach einem Brennpunkt über den Angriff der Hamas auf Israel wirklich Verstehen Sie Spaß? senden musste?
Schwer zu sagen, entscheiden, beurteilen im Angesicht einer barbarischen Horde, die an vormoderne Zeiten erinnert, als das Brandschatzen, Vergewaltigen, Entvölkern eroberter Landstriche weithin anerkannte Kriegspraxis war. Was hingegen leichter zu sagen ist: nicht jeder selbstgerechte Bullshit, den telegene Philosophen gelegentlich von sich geben, ist schon antisemitisch, nur weil er antisemitische Klischees verwendet.
Trotzdem war es – wie die vorschnelle Einordnung der offenbar fehlgeleiteten Hamas-Rakete auf ein palästinensisches Krankenhaus als „israelischer Beschuss“ – nicht bloß fahrlässig, was Richard David Precht im Podcast mit Markus Lanz über die Berufswahl orthodoxer Juden (irgendwas mit Geld und Diamanten) unverdaut ausgeschieden hat; seine alterstoxische Logorrhöe zeugt vom Beharrungswillen tradierter Vorurteile, die eine seriöse Berichterstattung ebenso reflektieren sollte wie, sagen wir, misogyne Stereotypen.
Warum nur, fragt sich im aufgeklärten Jahr 2023 b.c., wird die Opferartigkeit der zivilen Opfer bei Krieg und Terror noch immer durch Frauen, Alte und Kinder gekennzeichnet? Weil erstere so wehrlos sind wie letztere? Seriously? Selbst die fraglos emanzipierte Zeit kann sich diesen Dreiklang aus vormoderner Zeit brandschatzender Horden nicht verkneifen. Wie soll man das da von der Bild erwarten?
Erst recht, wenn sie Redakteure wie angekündigt durch elegant Large Language Model genannte KI ersetzt, deren Algorithmus Springer-Populismus wiederkäuen, Gleichberechtigung also für Gedöns halten dürfte. Ob die Bild ihre Führung der kombinierten Print- und Online-Reichweite, wie sie die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse gerade ermittelt hat, so halten kann? Leider ja.
Gut zwölf Millionen User täglich, mehr als die Plätze 3-20 (Rang 2: Welt) zusammen: Hass und Hetze, Lügen und Blödsinn mit oder ohne PR rechnen sich halt noch immer bestens. Stefan Raab hat indes nur mit letzterem total TV-Geschichte geschrieben. Stets im Rücken: die Produktionsfirma Brainpool. Jetzt verkauft er nach 25 Jahren seine Anteile und beendet damit eine Fernsehära, die neben allerlei Unsinn Großes bewirkte.
Die Frischwoche
23. – 29. Oktober
Wenngleich nichts auch nur annähernd so überdimensional Gewaltiges wie Everything Now. Die Netflix-Mischung aus Euphoria und Sex Education mit Spuren von My Name is Al erzählt von der anorektischen Mia, die nach monatelanger Therapie an ihre Londoner Schule zurückkehrt und in Windeseile zwei Jahre Jugend aufholt. Ein sensationelles Panoptikum der Pubertät, dieser bizarren Lebensphase, in der alles anziehend und abstoßend, schön und schrecklich, zu groß, zu klein, zu alles ist.
Und Sophie Wilde spielt sie mit einem fragilen Trotz, der Zuschauende acht Teile lang zwischen Aberwitz und Wahrhaftigkeit, Lachen oder Weinen hin und her schleudert. Da können aktuelle Neustarts naturgemäß kaum mithalten. Zumal es abgesehen von der Krimi-Serie Polar Park vom kältesten Ort Frankreichs fiktionale nur wenig zu berichten gibt – in diesem Fall vor allem der denkbar dusselig deutsche Titel „Eiskalte Morde“, ab Mittwoch in der Arte-Mediathek.
Das Onlineportal der ARD startet zwei Tage später die bayrische Katholiken-Comedy Himmel, Herrgott, Sakra, während das ZDF seiner Milieu-Studie Doppelhaushälfte parallel ein Zombie-Special verpasst. Fragt sich, ob der wahre Halloween-Horror nicht zwei Tage zuvor bei Paramount+ läuft, das dem popkulturellen Schulterpolster-Fakeduo Milli Vanilli eine Doku beschert. Aus ähnlicher Epoche im selben Land stammt hingegen einer, der fast 20 Jahre den Boulevard zweier Nationen gefüllt hat: Christoph Daum.
Das Sky-Porträt Triumphe & Skandale skizziert die Achterbahnfahrt des Fußballtrainers durch ein Gebirge aus Titeln, Koks, Affären und Krebs ab Freitag in einer Intensität, die zu wirr um wahr zu sein ist. Während Ulrike Krieners Kommissarin Lucas am Samstag nach 20 Jahren ZDF Abschied nimmt, leitet uns die wunderbare 3sat-Doku Deutschlandlieder derweil durch die Musik zugewanderter Türkinnen und Türken – die der Rapper Eko Fresh und sein Vater zu einem unfassbaren Konzert versammeln.
TikTok-Terror & Theaterdonner
Posted: October 16, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
9. – 15. Oktober
Das Licht am Ende des Tunnels ist einem misanthropisch heiteren Sprichwort zufolge oft kein Hoffnungsschimmer, sondern ein heranrasender Zug. Wer also irgendwann, zwischen Mauerfall und Barack Obama dachte, die Zivilisation befände sich auf dem Weg in bessere Zeiten, wurde seither allerdings selten so brutal aus allen Träumen gerissen wie vor neun Tagen, als die Hamas Israel mit infernalischem Terror überzogen hat.
Der ersten Traumatisierung folgte allerdings flugs die zweite, als antisemitischer, aber auch antiislamischer Hass Plattformen von TikTok bis X geflutet haben – selbstverständlich ohne, dass dem deren Inhaber etwas Nennenswertes entgegengesetzt hätten. Die dunkle Seite der Macht ist eben stark unter den Empathie-Befreiten. Das mussten zeitgleich auch die Beteiligten der ZDF-Serie Clashing Differences erleben.
Als Experiment über die Vielgesichtigkeit von Diversity aus queerfeministischer Sicht in die Nische des Zweiten programmiert, ergoss sich ein dicker brauner Strom unreflektierter Verachtung übers Format von Merle Fromme, das im Gegensatz zu den Hatern alles Mögliche für sich reklamiert, aber keinen Wahrheitsanspruch. Und damit zur Spiegelung eigener Vorurteile, die RTL gerade perforiert.
Dessen Reality-Gameshow Die Verräter hat freitagsmedien nämlich einfach mal ignoriert. Ein Fehler. Denn der kriminalistische Escape-Room nach holländischem Vorbild ist auch, aber nicht nur dank Sonja Zietlow ungeheuer fesselnd. Unfreiwillig komisch ist hingegen die Nachricht, dass derselbe Sender 2024 Big Brother ohne Promi-Beteiligung ins Hauptprogramm zurückholt.
Genau unser Humor.
Ungefähr wie die Personalentscheidung, dass Münchens Vize-Bürgermeisterin Katrin Habenschaden in den Vorstand der Deutschen Bahn wechselt. Kannste dir genau so wenig ausdenken wie jenen Betrag, den Google laut einer Spiegel-Meldung für Verlagsinhalte an deutsche Pressehäuser überweist: 3,2 Millionen Euro. Wohlgemerkt: Allen Verlagen zusammen, und zwar nicht pro Stunde, Tag oder Woche, wie es angemessener wäre. Nein: im Jahr.
Die Frischwoche
16. – 22. Oktober
Was ungefähr so irre ist wie das selbstverliebteste Ego der an selbstverliebten Egos nicht gerade armen Internet-Bubble für Konsumgewinner: Jeremy Fragrance. So heißt ein Parfüm-Influencer, dem Sky ab heute ein fünfteiliges Porträt widmet, und wer es bis zum Ende durchhält, versteht ein bisschen besser, warum unsere Zivilisation gerade mit Vollgas gegen die Wand fährt.
Ebenso erhellend, wenngleich auch intelligente(re) Art und Weise ist die Low-Budget-Fiktion Aufgestaut, ab Mittwoch bei Neo. Sechsmal runde 15 Minuten lang schauen wir vier Umweltaktivist*innen dabei zu, wie sie die Frage nach richtig & falsch, gut & böse, schwarz & weiß der Debatte ums Klima-Kleben in einem Kleinstraßenkammerspiel unterschiedlich Betroffener stellen, ohne sie zu beantworten.
Mit mehr Geld, Zeit, Klischees geht zwei Tage später ein Sechsteiler bei RTL+ online, dessen depperter Titel (Was wir fürchten) mit abgenudeltem Thema (Mystery) ums Ende der Niveautabelle kämpft, den der glaubhafte Cast zweier Coming-of-Age-Stränge nicht verdient hätte. Besser ist eine ZDF-Serie, die trotz Deppentitel (Quellen des Bösen) mit Nudelthema (Ritualmorde) zur klugen Milieustudie verblühender Nachwendelandschaften ohne jeden Theaterdonner wird.
Also das genaue Gegenteil der Fortsetzung eines „Kultfilms“ derselben Epoche Mitte der Neunziger ist. Damals schrieb sich Hape Kerkeling mit Club las Piranjas einen bitterbösen Kommentar auf den Pauschaltourismus. Jetzt versetzt RTL+ seinen Animateur Edwin nach Mauritius, wo er mit ähnlichem Personal nicht mehr das System, sondern die Kundschaft verächtlich macht und dabei vieles ist, aber vier Teile lang nie, wirklich niemals witzisch.
Das Gegenteil verspricht Deutschlands politischste Dichterin Sarah Bosetti ab Sonntag in ihrer gleichnamigen Late Night Show, was zwei andere Premieren in einer besseren Welt an Aufmerksamkeit überflügeln würde: Die Fortsetzung der lausigen Polizeireihe Jenseits der Spree mit Jürgen Vogel, Freitag im ZDF. Und parallel John Le Carrés Apple-Thriller Der Taubentunnel.




