The Screenshots, Allah-Las, Smile
Posted: October 13, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentThe Screenshots
Auf der Suche nach den besten Bandnamen der Welt, erlebt man ja selten so tolle Überraschungen wie Postmodern Talking oder Voodoo Jürgens, und Wunderwerk Mensch hätte es da bestimmt auch in die Top 500 geschafft, ist aber leider nur der Name des neuen Albums von The Screenshots, was definitiv ein öder Bandname ist – ganz im Gegensatz zu ihrer zweiten Platte mit dem anthroposophen Label.
Der Titelsong allein schon erklärt da einiges: “Mach’s dir gemütlich / im Wunderwerk Mensch”. Irgendwie, als hätten zwei, drei Kreativpole des Austropop eine Zeitreise zur NDW-Hochphase der frühen Achtziger nach Köln gemacht, schrägscheppert sich das Trio durch den Dadaismus ihrer Funpunk-Attitüde, die sich nicht allzu ernst nimmt, aber dennoch ganz schön filigran klingt für so viel Selbstironie.
The Screenshots – Wunderwerk Mensch (Musikbetrieb R.O.C.K.)
Allah-Las
Ein bisschen, aber nicht allzu viel ernster ist das neue Album der kalifornischen Großstadttropenrocker Allah-Las, die einer mehr sind als The Screenshots und keine Frau am Bass haben, aber nur unwesentlich weniger Augenzwinkern im Gitarrensound. Obwohl auch der auf ihrer neuen Platte mit dem schönen Titel Zuma 85 wie in den 15 Jahren zuvor wieder mal sehr durchdacht und kompetent dargeboten wird
Erneut klingt das Quartett um Sänger Miles Michaud, als hätten die Beach Boys seinerzeit ähnliche Skills, aber besseres Gras gehabt. Alles fuzzig verwaschen, alles dadurch angenehm unaufgeregt, uneitel, trotz selbstreferenzieller Gitarren-Soli also überhaupt nicht so maskulin, wie dieser Westcoast zwischenzeitlich mal war. Man wünscht sich einfach mit Marimba und Daiquiri an den Strand von L.A. – relaxen, zuhören, wegnicken, reicht schon.
Allah-Las – Zuma 85 (Innovative Leisure)
Smile
Und damit das hier nicht zu drollig wird, sondern den Zeichen der Zeit angemessen zumindest ein wenig dystopisch, schenken wir an dieser Stelle dem Debütalbum der Postpunker Smile unsere Aufmerksamkeit und danken ihr dafür, schlechte Laune mit Niveau zu verbreiten. Price Of Progress heißt sie und manchmal scheint es, als entsteige da ein aufgemöbelter Geist von Anne Clark aus der Gluthitze von Albuquerque.
Latent übellaunig, aber experimentierfreudig patzt Sängerin Rubee True Fegan ihren Sprechgesang – nicht Rap! – durch atonale Gitarren ihrer rechtsrheinischen Band und zerkratzt beides zu melodischem Noise, bei dem man ständig aufmerksam bleiben sollte, wo sich originelle Riff oder vertrackte Breaks verstecken, um aus dieser deutsch-amerikanischen Freundschaft mehr zu machen als missmutige Twentysomethings, sondern “optimistic traitors”, wie Fegan in Stalemate singt.
Smile – Price of Progress (Siluh Records)
Agitproppresseclubs & Schinkenstraßen
Posted: October 9, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen, Uncategorized | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
2. – 8. Oktober
Über politische Auswirkungen sozialer Medien wird seit Jahren vorerst ergebnisoffen diskutiert, aber ein Tweet von Elon Musk auf seiner Plattform namens whatever hat nun gezeigt, dass der unermesslich reichste Internet-Troll direkt in deutsches Regierungshandeln intervenieren kann. Kurz nachdem er deutsche Staatsgelder für Seenotrettungsorganisationen angeprangert hat, fühlte sich Bundeskanzler Scholz bemüßigt, diese Praxis beenden zu wollen.
Dass mediale Kampagnen sogar für politische Erdbeben verantwortlich sind, zeigen derweil beide Landtagswahlen. Ohne die Bild–, Twitter-, RTL-, aber auch SZ-befeuerte Pauschalkritik an der rotgelbgrünen Regierungspolitik, kulminierend im Furor gegen alles Fremde, vulgo: Ausländer, wäre die AfD gestern in Bayern und Hessen kaum so erfolgreich zu werden. Umso drolliger, wie wendig der Agitproppresseclub von Axel Springer wird, wenn sein Gesinnungswechsel Profite generiert.
Ohne rot zu werden wirbt dessen Frontblatt deshalb jetzt, kein Scherz, für die Volks-Wärmepumpe. Nach mehrmonatiger Heiz-Hammer-Dresche für den grünen Erzfeind ist das selbst für Bild-Verhältnisse dreist und erschwert die Solidarität mit einem Team der Welt ungemein, das bei einer Straßenumfrage zum Terrorangriff auf Israel in Berlin bedroht wurde. Ein Glück für Caren Miosga, dass sie sich damit seit ihrem Abschied am Donnerstag nicht mehr täglich in den Tagesthemen befassen muss.
Pech hingegen, dass populistische Windfähnchenhalter der Aufmerksamkeitsindustrie ihr als Nachfolgerin von Anne Will demnächst in Deutschlands wichtigste Talkshow folgen. Die zweiälteste hinter 3 nach 9 dagegen feiert derweil gewaltiges Jubiläum mit noch gewaltigerer Gästeliste. Am Freitag läuft die 1000. NDR Talk Show, die Promis von Günther Jauch über Carolin Kebekus und Ina Müller bis Mario Barth zwar weniger staatstragend machen wie sonntags nach dem Tatort, aber auf unterhaltsame Art bedeutsam.
Die Frischwoche
9. – 15. Oktober
Das teilt sie mit einer Serie, die es spielend auf alle Best-of-Listen 2023 schaff: Nackt über Berlin. Axel Ranisch verfilmt darin den eigenen Bestseller um zwei Außenseiter, die ihren Schuldirektor (Thorsten Merten) in dessen Smart Home kidnappen und damit, so scheint es, die Chance auf Rache und Selbstermächtigung ergreifen. Anfangs Coming-of-Age, entwickelt der Sechsteiler mit jeder Folge mehr soziokulturellen Sprengstoff und wird ab Donnerstag bei Arte zur Seriensensation.
Das wollte definitiv auch Last Exit Schinkenstraße sein, neuester Streich vom Milieustudienberserker Heinz Strunk. Wie in Fleisch ist mein Gemüse flieht er darin als gescheiterter Kirmessaxofonist vor der Realität, diesmal nach Malle. Dummerweise verliert Strunk als Ballermann-Barde von RTL+ den warmherzigen Respekt für Unterprivilegierte und verliert sich in – zugegeben oft lustigen, musikalisch brillant untermalten – Kalauern.
Die hagelt es ab Freitag bei Paramount+ auch im Reboot der Neunziger-Serie um den Radio-Psychiater Frasier. Ansonsten jedoch startet die Woche ernster. Heute (23.05 Uhr) mit dem vierteiligen ARD-Porträt des kriminellen Cops Lubi. Morgen mit der Mediathek-Reihe Legendäre Experimente, zum Auftakt: das machtmissbräuchliche im Stanford Prison. Und Mittwoch zur besten Sendezeit im 2. Teil von Bjarne Mädel als Sörensen fängt Feuer.
Zwischendurch beleuchtet Arte ab Dienstag online das unselige Zusammenspiel Die USA und der Holocaust, bevor das ZDF auf seinem Digitalportal Füxe skizziert, das dubiose System deutscher Burschenschaften. Und damit zum Fiktionalen. Seit Freitag schon bei Netflix: vier Geschichten von Roald Dahl, die der unvergleichliche Wes Anderson zum unvergleichlichen Kurzfilmvierteiler Ich sehe was, was du nicht siehst und Der Rattenfänger, dazu Gift und Der Schwan macht.
Freitag bringt uns Mike Flanagan dann an gleicher Stelle zum Gruseln, wenn er den Untergang des Hauses Usher zum Niedergang einer US-Pharmadynastie aktualisiert, dabei allerdings diverse Gruselstücke von Edgar Alan Poe verarbeitet. Zeitgleich dockt AppleTV+ beim Damengambit an. Eine Frage der Chemie zeichnet acht Teile die Karriere von Elizabeth Zott, die in den frauenfeindlichen Fünfzigern versucht, als Wissenschaftlerin Fuß zu fassen – was in seiner inszenatorischen Zurückhaltung einfach großartig ist.
Get Jealous, Spilif, A. Savage
Posted: October 7, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentGet Jealous
Neid ist bekanntlich kein konstruktives Gefühl, geht anders als die Missgunst aber nicht zulasten anderer. Man darf den Namen einer ziemlich neuen Band daher als Aufforderung verstehen, es einfach nach- oder vorerst wenigstens mitzumachen. Get Jealous zaubern sich nämlich das, was sie selber Riot Pop nennen, ein wenig wie Moldy Peaches auf Speedkoksesprosso für die LGTBTQA+++-Community und alle anderen.
Kreuz und quer durch den unbedingt lebensbejahenden Gesang von Frontmensch Otto ohne Pronomen, brettert das Debüt des niederländischen Trios mit Sitz Hamburg ein Pogo-Empowerment ins Gemüt, das Mareks Schlagzeug und Marikes Bass allen Ernstes noch beschleunigen, als gäbe es in 13 bedingungslos diversen Tracks weder gestern noch morgen, nur Hier und Jetzt. Musikalische Selbstermächtigung war selten kämpferischer fröhlich.
Get Jealous – Casually Causing Heartbreaks (corner.company)Heartbreaks
Spilif
Rap ist bekanntlich ein selektives Genre. Ob Sprechgesang nun emo ist, aggro oder was dazwischen: viel Bass, viel Beat, meistens digital, selten instrumentiert – darauf kann man sich als Grundkonsens einigen. Und dann kommt da die Innsbruckerin Spilif, rührt wie Käptn Peng echte Musik unter den HipHop und was kommt heraus? Grandioses Pop-Empowerment für alle, LGBTQA+++-Community inklusive.
Auf ihrer neuen Platte Irgendetwas, das du liebst, erklärt sie sogar selbst, warum der Titel stimmt: “Rap ist broke as fuck / oder scheiße viel verdien’ / Rap ist Idiotie, Utopie und Wahnsinn / doch das Klügste und Genialste, wenn die echten Heads am Start sind”. Und die echten Heads sind definitiv am Start, wenn Spilifs DJ Rudi Montaire Analogie zu einer Art hochbeschleunigtem Voodoo Jürgens simuliert. Selten war HipHop entspannter variabel.
Spilif – Irgendwas, das du liebst (unserallereins)
A. Savage
Und dann wäre diese Woche noch ein Wilder im Angebot, der sich A. Savage nennt, womöglich Andrew oder Ahmed mit Vornamen heißt und sich ohnehin jeder Kategorie ungefähr so entzieht, wie er sich der hyperkultivierten Musikszene New Yorks durch Flucht nach Europa entzogen hat. Hier hätte er nun weniger verschrobenes Zeug machen können wie mit seiner langjährigen Band Parquet Courts.
Macht er aber nicht. Stattdessen tingelt sein zweites Soloalbum Several Songs About Fire angenehm ziellos durch Americana und Alternative, Urban und Classic Folk, Pop und Popartigem, bis sein schiefer Gesang über seine Gemütsbrüche und die passenden Klebstoffe klingt, als sei das alles genauso gewollt, ihn aber dennoch bloß irgendwie widerfahren. Das Ergebnis: retrofuturistischer Garagenfunk für Lagerfeuerfans.
A. Savage – Several Songs About Fire (Rough Trade)
Fernsehpreise & Diversityclashes
Posted: October 2, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
25. September – 1. Oktober
Der Deutsche Fernsehpreis, sagen Fachleute, sei unter all den Trophäen der Branche schon deshalb bedeutend, weil ihn die Sender selbst verleihen. Zugleich allerdings ist er der unwichtigste, weil ihn – man ahnt es – die Sender selbst verleihen. Im Streaming-Zeitalter führt das zum Glück führt das zwar nicht mehr zu den Proporz-Verteilungen früherer Jahre. Trotzdem folgten die Auszeichnungen für den ZDF-Schund Der Schwarm oder ein Tagesthemen-Special zum Ukraine-Krieg den üblichen Verteilungsschlüsseln.
Andererseits zeugt eine guter Regalmeter Glas-Obelisken für Netflix (Kleo, King of Stonk, Die Kaiserin) und immerhin ein halber für Prime Video (Luden, Joko) oder Sky (Erfundene Wahrheit) davon, dass die Platzhirsche ihre Lorbeeren längst nicht mehr alleine verkochen und Sat1 nicht mal mehr durch Mitleidspreise beruhigen. Mitleid verdienen ohnehin nur all jene, die der dortigen Übertragung volle viereinhalb Stunden gefolgt sind – so banal und öde war die Show ohne Barbara Schöneberger.
Unterhaltsamer war da Susanne Daubner, als sie einen Tagesschau-Beitrag über die Energiepreis-Debatte der Bundesregierung mit Chemieunternehmen vor Lachen kaum moderieren konnte. Immerhin unfreiwillig komisch zeigt sich hingegen weiterhin der RBB. Während dessen Rundfunkrat die Novellierung des Staatsvertrags durch die Senatskanzleien Berlin und Brandenburg heftig als Angriff auf die Prorammautonomie kritisiert, könnte die Wahl der neuen Intendantin Ulrike Demmer unrechtmäßig gewesen sein.
So trist das Angebot der Dritten auch dank ausgedehnter Spar- und Kürzungsrunden oft ist – der Streit über die Strukturen dahinter wird niemals langweilig. Wobei auch Sprachlosigkeit ergreifend sein kann. Als ein Anrufer die unterschiedliche Gewichtung von Flüchtlingen der Ukraine und afrikanischer Staaten im ARD-Presseclub anging, herrschte kurz mal brüllendes Schweigen. Das immerhin könnte mittelfristig in den USA abgewendet worden sein.
Das Ende des Autorinnen-Streiks ist zwar noch nicht schriftreif; ein spürbares Entgegenkommen der Produktionsseite in Sachen Arbeitsverträge und KI sorgte jedoch immerhin dafür, dass demnächst wohl wieder Scripte entstehen – was auch Deutschlands Programmverantwortliche erleichtern dürfte. Und damit einen Glückwunsch zum Schluss: Das Auslandsjournal feiert am Mittwoch 50. Geburtstag im ZDF.
Die Frischwoche
2. – 8. Oktober
Das ist auch bitter nötig. Ansonsten nämlich gibt es im Zweiten ebenso wenig Beglückwünschenswertes wie im Ersten. Der ARD-Freitagsfilm Einfach Nina müht sich immerhin redlich, das Thema Transgender degetotauglich zu verarbeiten, bleibt aber ein bisschen zu gefällig. Und dass Heike Makatsch am Sonntag zum letzten Tatort-Einsatz bittet, ist ja auch die beste Nachricht seit ihrem ARD-Debüt.
Und damit zu öffentlich-rechtlich Empfehlenswerterem abseits der Hauptkanäle. Die Web-Serie Clashing Differences zum Beispiel experimentiert ab Donnerstag bei Arte überaus erfolgreich damit, einer queerfeministischen Frauenkonferenz mangelnde Diversität zu unterstellen – und verknotet die Fallstricke selbstauferlegter Vielfalt ebenso originell wie lehrreiche. Nur importiert, aber absolut brillant ist das norwegische Neo-Drama About Saturday.
Zwölf Teile lang kämpft ein Opfer sexueller Gewalt darin ab Freitag gegen falsche Scham und Schuldgefühle darum, ins Leben zurückzukehren – was auf fast schon wispernd leise Art raumgreifend wirkt. Gelungen ist auch die französische Politkomödie Unter Kontrolle, tags zuvor sechsmal 30 Minuten bei Arte, wo ab morgen die Milieustudie Capital B läuft, in der Florian Opitz fünf Folgen lang untersucht, wie Berlin nach 1989 mithilfe machtgeiler Kreise in CDU und SPD zur Beute skrupelloser Immobilienspekulanten wurde.
Sein eigenes Spekulationsobjekt ist demgegenüber David Beckham, dem Netflix am Mittwoch ein vierteiliges PR-Porträt schenkt. An gleicher Stelle hoffen wir, die 3. Staffel Lupin hält das Niveau der ersten zwei, was auch für die Fortsetzung der Antisuperheldenserie Loki 2 bei Disney+ ab Freitag gilt. Paramount+ zeigt derweil gen Wochenende ein Remake von Steven Kings Friedhof der Kuscheltiere und das sechsteilige Kammerspiel Bargain um die Folgen eines südkoreanischen Erdbebens. Vom Greenwashing der Pro7-Aktionswoche Save the Planet wollen wir dagegen lieber schweigen.
Sirens of Lesbos, Chai, Cherry Glazerr
Posted: September 30, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentSirens of Lesbos
Ach, Popmusik – mal räuberisch, mal respektvoll, selten originell, immer immer renditefixiert geht dein eklektisches Harmoniegehabe Klangkreativen schon deshalb auf die Nerven, weil dir Umwege zuwider sind und Abzweige ein Graus. Auch Sirens of Lesbos schlängeln sich routiniert durchs Zentrum diverser Stile, um darin Sounds zu suchen, die das Schweizer Quintett auch noch “groovigen Wordbeat” nennt. Au weia.
Dann aber, beginnt das zweite Album Peace staubgrau zu funkeln. Dann stehen sich die Genres von Soul über Jazz bis HipHop, Disco, Breakbeats, gar Southern Rock im Weg und machen sich doch Platz. Dann klingen die Sängerinnen Jasmina und Nabyla Serag nicht mehr ölig, sondern variabel. Dann kreieren sie einen Mash-up, der neugierig durchs Dickicht der Gefälligkeit tapst und sogar John-Farnham-Samples duldet. Dann werden die Sirens of Lesbos: Besonders.
Sirens of Lesbos – Peace (Sirens of Lesbos)
Chai
Es gab mal, lange vorm K-Pop koreanischer Herkunft, eine Gattung namens J-Pop japanischer Provenienz, dem wir Bands wie Pizzicato Five, Flipper’s Guitar oder The 5.6.7.8’s verdanken. Verspielter Trash wie eine Nacht auf Speed in den Spielhallen Tokios, den auch das lipstickfeministische pinkschwarzbunte Quartett Chai auf seinem vierten Album ins Publikum feuert wie mit Konfettikanonen auf Papageien.
Das Team um Sängerin MANA (Keyboards), das analog zum funkensprühenden Selbstbewusstsein nur Großbuchstaben wie KANA (Gitarre), YUNA (Drums) und YUUKI (Bass) hat, badet mit Engelsstimmen, Sixties-Soul und Future-Funk im Schaumbad der Stile, bis absolut jedes Klischee japanischen Irrsinns erfüllt ist – und dennoch keinerlei Fremdscham erzeugt. Geiles Zeug, dass sie vorher geklinkt haben. Will man auch.
Chai – Chai (Sub Pop)
Cherry Glazerr
Und weil Trashpop ganz ohne J oder K oder sonst was vorweg am schönsten ist, wenn er sich und andere mit Seriosität überrascht, feiern wir an dieser Stelle abermals Cherry Glazerr, dieses verschroben-schöne Projekt der Gitarristin Clementine Creevy, die seit zehn Jahren wechselnde Besetzungen sammelt, um auf ihre Art den Männerbühnenprollrock zu zerstören. Und das gelingt ihr auch auf I Don’t Love You Anymore hervorragend.
Im Signature-Move einer Art Discogrungepunk im Gedenken an die große Elektroclash-Schule der Neunziger um Kapellen wie Le Tigre, scheppert die Gitarre der Kalifornierin hier abermals zu Creevys politisch bewusstem Kopfgesang aus der Höhle ihrer Wut Richtung Bauch ungebremster Lebensfreude. Das Ergebnis ist der perfekte Soundtrack zum Reflektieren und Vergessen zugleich.
Cherry Glazerr – I Don’t Love You Anymore (Secretly Canadian)
Medienprodukte & Nummerndetektive
Posted: September 25, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
18. – 24. September
Medien sind Menschenprodukte. Umgekehrt sind Menschen aber auch Medienprodukte. Wozu beides führt, ließ sich Donnerstag gut am Beispiel Rupert Murdochs ablesen, der im Greisenalter von 92 Jahren die Herrschaft über sein Zeitungs- und Fernsehimperium an seinen Sohn übergab – nur leider nicht an den liberalen James, sondern den reaktionären Lachlan, dessen Weltbild fraglos in Papas Blätterwald radikalisiert wurde.
Wenn er des Deutschen mächtig wäre, hätte aber auch die Weltwoche Einfluss auf den Thronfolger gehabt, das schweizvölkische Kampfblatt des Obersturmbannführer-Doubles Roger Köppel, der es digital ins 1000jährige Reich exportieren will, also nordwärts, wo die Gossip-Spalten des Kölner Express von einer nimmermüden Netzreporterin namens Klara Indernach gefüllt werden. Und ihre Initialen deuten an, um welche Daseinsform es sich dabei handelt. Gut, dass es Journalisten aus Fleisch & Blut wie Matthias Killing gibt.
Als der Blut-und-Boden-Barde Heino im Sat1-Frühstücksfernsehen gegens Gendern wetterte („den‘ ham’se ins Gehirn geschissen“) und Nazi-Lieder pries („ich werd‘ weiter Lustig ist das Zigeunerleben singen“), hat ihm der Moderator klar wider… – ach nee: Er drückte ihm nur feste die Daumen. Was so peinlicher war wie die Verwechslung des Reichstags mit einer georgischen Kuppel in der neuen CDU-Kampagne, deren Leitfarbe kaum zufällig nun ins Blaue changiert, wie uns das aktuelle ZDF Magazin Royale plausibel macht.
Da es Accounts Jugendlicher öffentlich gestellt hat, muss TikTok derweil 345 Millionen Euro Strafe an die EU zahlen. Weil Abertausende von Fans Soli-Abos der schlingernden Satire-Magazine Titanic und Katapult gekauft haben, sind beide vorerst gerettet. Und der rasend nette Sascha Schwingel beerbt den rasend netteren Nico Hofmann als CEO der Ufa, die letzterer jedoch weiter im Aufsichtsrat beobachtet. Viel los auf der Medienführungsebene.
Die Frischwoche
25. September – 1. Oktober
Weniger los ist dagegen dort, wo sie Teile ihrer Arbeit erledigen: im Film- und Streamingprogramm. Es zählt daher zu den Top-News dieser Woche, dass am Freitag eine ZDF-Institution Abschied nimmt, wenn auch von heiterer Belanglosigkeit: Nach fast 27 Jahren geht das Boulevardmagazin Leute heute am Freitag vom Sender, anfangs immerhin von der seriösen Nina Ruge moderiert, zuletzt nur noch, na ja – irgendwie egal.
Fernsehhistorisch von ähnlicher Bedeutung, aber nicht totzukriegen sind die Sonntagsschnulzen von Inga Lindström an gleicher Stelle, die zwei Tage drauf zum 100. Mal Herzen bricht und wieder kittet. Letzteres steht nicht zu befürchten, wenn Annette Frier und Christoph Maria Herbst (wieder im Zweiten) am Donnerstag die vierte Runde im Scheidungskrieg Merz gegen Merz einläuten.
Ebenfalls zur 4. Staffel lädt die Sky-Serie Babylon Berlin ab Sonntag im Ersten. Allerdings zum letzten Mal. Schließlich hat das Bezahl-Portal angekündigt, keine deutsche Fiktion mehr zu kreieren. Ein herber Schlag fürs öffentlich-rechtliche Programm, das Premium-Produkte wie das historisch unterhaltsame Zwischenkriegs-Epos – auf der Zeitachse grad im Straßenkampfjahr 1931 angekommen und entsprechend voller Hakenkreuzfahnen – kaum alleine stemmen dürfte.
Was Sky hingegen weiter bezahlt sind Lizenzen des NBC-Krimikanals 13th Street wie die Detektiv-Serie So Help Me Todd (Dienstag), in den USA ziemlich erfolgreich. Grenzenlose Mittel hat dank Amazon im Rücken auch Prime Video, das sein Spin-Off Gen V der erfolgreichem Superhelden-Serien The Boys (ab Freitag) per Kaffeekasse finanziert, woraus auch Netflix seine Real Crime Der Mord an Jill Dando (Dienstag) über die 1996 ermordete US-Journalistin zahlen dürfte.
Das Wochenfilet aber ist schwedisch. Eine unehrenhaft entlassene Staatsanwältin bedient sich der Hilfe eines genialen Flüchtlings mit Fotogedächtnis, um dank der Lösung eines kniffligen Entführungsfalles Sonntag in der ZDF-Mediathek ihren Job wiederzukriegen. Das Besondere an Detective No. 24 ist dabei weniger die weibliche Sherlock-Holmes-Variation, sondern der schwarze Humor, mit dem sechs Teile gesellschaftlich heiße Themen von Rassismus bis Populismus behandeln, ohne falsche Rücksichten zu nehmen.
Das Boot 4: Interview Gansel, Wolfart, Ammon
Posted: September 21, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentWer ist Ihnen denn nicht rechts genug?

Auch die 4. Staffel Das Boot muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass Sky Nationalsozialismus und Kollektivschuld hinter der hochauflösenden Kriegsästhetik mit einer Handvoll Bösewichte versteckt. Dass die Produzenten Marcus Ammon (Bild li, Foto: Rica Reeb/Rosa Merk/Sky) und Fabian Wolfart (2.v.r.) das ebenso wie Regisseur Dennis Gansel (2.v.r.) anders sehen, zeigt ein freitagsmedien-Gespräch mit den drei Machern.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Ammon, Herr Gansel, Herr Wolfart – was fasziniert nicht nur Deutsche seit 1981 so an Soldaten im U-Boot, dass es von der zweiten Serie nun die vierte Staffel gibt?
Marcus Ammon: Das Boot wurde 1981 zum Welterfolg, weil es den Krieg erstmalig aus der Perspektive der Besatzung erzählt und somit für die Zuschauer greifbar macht. 2016 war ich bei Sky für den Bereich Eigenproduktion verantwortlich; als die Bavaria damals mit der Idee auf uns zukam, auf Basis dieser starken IP ein neues Format zu entwickeln, war von Anfang an klar, dass wir kein Remake von Wolfgang Petersens Film produzieren, sondern mit einer High-End-Serie eigenständig und vielschichtiger werden wollen.
Dennis Gansel: Ich habe die ersten zwei Staffeln nur als Zuschauer wahrgenommen, aber aus meiner Sicht hat das Publikum großes Interesse an historischen Stoffen mit aktueller Relevanz, die leider zuletzt wieder aktueller geworden sind. Wenn sich die Protagonisten in der 4. Staffel über den 2. Weltkrieg unterhalten, sagt das teilweise mehr über die Gegenwart als die Vergangenheit.
Fabian Wolfart: Ich glaube, dass Zuschauer oft fasziniert sind von Welten, die sie nicht kennen oder erlebt haben, und wenn sie dann auch noch viele Emotionen abbilden, tauchen sie schnell in diese Welt ein.
Wenn ich Sie richtig verstehe, liegt der Fokus von Das Boot also weniger auf dem Nationalsozialismus als dessen Krieg?
Gansel: Sowohl als auch.
Dieses „als auch“ allerdings muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass der Nationalsozialismus am Guido-Knopp-Syndrom leidet, ein Volk von Widerstandskämpfern zu zeigen, die ein paar fiese Nazis in den Untergang treiben.
Gansel: Also für mich persönlich lasse ich das so wenig gelten wie für die Serie als Ganzes. Dafür hat mich die Herangehensweise von Beginn an zu sehr überzeugt. Wir hatten diverse historische und wissenschaftliche Berater, mit denen jeder Handlungsstrang eng abgestimmt wurde – eben, weil wir hier besonders sorgfältig arbeiten wollten. Die Recherchetiefe ist so großflächig und präzise in die Drehbücher eingeflossen, dass mir der Vorwurf eher fremd erscheint. Worin genau besteht er denn?
Dass es an Bord wie immer exakt einen Nazi gibt, den die Mannschaft hier auch noch als Feind ausfindig macht. Und an Land beschränkt sich die Zahl faschistischer Funktionsträger auf ausgewählte Figuren, was den Eindruck erweckt, sie seien in der Minderheit gewesen. Warum setzt sich die Produktion dem Verdacht aus, durch die Unterschlagung der Kollektivschuld anschlussfähig für revisionistische Sichtweisen zu sein?
Gansel: Ich versuche mich da wirklich in Sie hineinzuversetzen. Wenn ich mir nur die Admiralitäten ansehe, die bereit sind, sämtliche Bootsbesatzungen in aussichtslosen Missionen zu verheizen…
Was wiederum kriegs-, nicht diktaturimmanent ist.
Gansel: Oder nehmen Sie die SS in Berlin. Von der gibt es nicht wenige, und wir haben uns bemüht, sie so zu zeichnen, dass es eben keine schwarz-weißen Bösewichte sind. Dieses Bild entsteht auch, wenn man die Großeltern-Generation betrachtet, obwohl sie ihre eigene Verstrickung teilweise unkorrekt dargestellt haben. Meine eigenen übrigens auch, was meine Eltern als 68er wiederum angeprangert und meinen Opa als Nazi bezeichnet haben. Dabei liegt die Wahrheit doch in der Mitte. Und die versuchen wir in Das Boot darzustellen, etwa in Gestalt von Obersturmbannführer Koch, der als Folterknecht und Familienvater vorkommen darf. So zeichnen wir gerade für jüngere Generationen ein Bild der Zwischentöne. Denn für meinen Sohn ist der 2. Weltkrieg so weit weg wie für mich der 1. Weltkrieg.
Wie alt ist der denn?
Gansel: Der wird sieben, versteht zwar die Zusammenhänge noch nicht, kam aber gerade aus der Schule und meinte an einer Stelle mal, irgendwer sei ja böse wie Putin.
Fabian Wolfart: Mein Sohn ist schon elf, aber weiß noch nicht viel über Weltkrieg und Nazis. Dennoch ist das Thema Ukraine sehr präsent für ihn und es kommen oft Fragen. Und da erscheint mir wichtig, ihn darüber aufzuklären, dass die Einteilung in Gut und Böse nicht so einfach ist, wie es scheint, ohne sich auf eine Seite zu schlagen.
Ammon: Aber wer ist Ihnen denn jetzt nicht „rechts“ genug gezeichnet – die Bootsbesatzungen oder die Serie im Ganzen?
Letzteres, wofür die U-Boote nur exemplarisch stehen. Ich will keineswegs Ihre Integrität anzweifeln, frage mich aber, ob die Serie Film- und Fernsehregeln befolgt, selbst im Nationalsozialismus mehr positive Identifikationsfiguren als Antagonisten darzustellen, an die das Publikum andocken kann?
Ammon: Wir haben die Serie unter der Prämisse produziert, Geschichte in all ihren Schattierungen darzustellen. Und für ideologiekonforme Antagonisten gibt es in den wesentlichen Rollen reihenweise Charaktere. Den Forster, den Schulz, den Koch, den Werner, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig wollten wir ein breites Publikum unterhalten.
Wolfart: Was hat Ihnen denn gefallen an der Serie, Herr Freitag?
Wie in den ersten drei Staffeln die klaustrophobische Intensität unter Deck, der Überlebenskampf ungeachtet politischer Prämissen, die schon Wolfgang Petersen genial inszeniert hat. Aber sobald die Kampfhandlung endet, schlagen sich Serie und Film auf die Seite eines Tätervolkes, das eher als Opfervolk zu sehen ist.
Wolfart: Haben Sie konkrete Beispiele, die Ihre These belegen können?
Samuel Greenwood, dessen Name seltsam jüdisch klingt und in der 1. Staffel insinuiert, der Krieg könnte ein kapitalistisches Komplott unter Beteiligung der Amerikaner sein. Oder den englischen Offizier Swinburne, der zu Beginn der 3. Staffel hinterrücks arme Wehrmachtssoldaten abknallt.
Gansel: Unsere Figuren und Handlungen wurden von irischen und englischen Headwritern entwickelt. Beide meinten, Deutsche seien bei der Geschichtsschreibung manchmal ein bisschen übervorsichtig. Und wir wissen ja, dass sich Swinburne bei der Kriegsmarine dafür rächen will, dass deutsche U-Boote völkerrechtswidrig ein Schiff der Handelsmarine angegriffen und dabei seinen Sohn getötet haben. Swinburne handelt im Affekt und aus tiefer Trauer heraus.
Rache also statt Ratio…
Gansel: Aber als inszenierender Regisseur bin ich doch froh, dass die Figur kein strahlender Held ist, nur weil er zu den Alliierten gehört. Interessanterweise fanden die Leute in England Das Boot mehrheitlich fein gezeichnet und ausgewogen. Ich gebe Ihnen Recht, dass wir eine besondere Verantwortung haben, genau hinzuschauen.
Daher nochmals die Frage: versucht die Serie auch den Zuschauern gerecht zu werden, die von der Kollektivschuld nichts mehr hören wollen?
Gansel: Nein, uns geht es um die Banalität des Bösen, die sich jetzt wieder in der Betrachtung einer Figur wie Wladimir Putin findet, den viele trotz allem auch hierzulande verehren.
Die Planungen zur 4. Staffel haben bestimmt lange vor dessen Krieg begonnen, oder?
Wolfart: Natürlich. Die Bücher für diese Staffel waren bereits entwickelt und bei Kriegsbeginn waren wir gerade auf Location-Tour in Prag.
Hat er dennoch Einfluss genommen auf Entstehungsprozess und Dreharbeiten?
Gansel: Ein absolutes Ja. Vor und hinter der Kamera waren alle extrem auf Authentizität des Gezeigten aus. Dafür hatten wir ja unsere internationalen historischen Berater, die darauf geachtet haben.
Mündet diese Authentizitätsbedarf in eine Art Bildungsauftrag, den Formate wie diese womöglich haben?
Ammon: Bildungsaufträge haben eher Dokumentationen als fiktionale Stoffe. Dennoch ist es eine Anti-Kriegsserie mit einer klaren Haltung, die immer wieder deutlich macht, dass Kriege keine Gewinner kennen.
Gansel: Jede Erzählung muss da einen historisch korrekten Kern haben.
Ammon: Wir fühlen uns den Realitäten der deutschen Geschichte verpflichtet, wollen aber ohne erhobenen Zeigefinger unterhalten und sind dafür mit einer Vielzahl an Figuren auf eine lange Reise gegangen.
Kann diese Reise noch weitergehen?
Ammon: Weil Sky keine deutsche Fiktion mehr produziert, wissen wir momentan noch nicht, ob es weitergeht. Aber wir alle wünschen uns eine Fortsetzung, denn unsere Figuren sind noch nicht auserzählt.
Böhse Onkelz & Zamperonis Meloni
Posted: September 18, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
11. – 17. September
Constantin Schreiber hat die Schnauze voll. Weil der Nahostexperte mit Arabisch- und Ortskenntnissen für angeblich muslimfeindliche Äußerungen Shitstorms inklusive Tortenattacke erntet, will er sich in einem Zeit-Interview „zu allem, was mit dem Islam auch nur im Entferntesten zu tun hat, nicht mehr äußern“. Es gibt vom Tagesschau-Sprecher also weder Romane wie seine – auch literarisch kritisierte – Houellebecq-Kopie Die Kandidatin noch Talkshows oder Sachbeiträge.
Da mögen manche „Schampusflaschen aufmachen“, fügt er hinzu, aber ob das jetzt ein „Gewinn ist für Meinungsfreiheit und Journalismus“, sei eine andere Frage. Und um sie zu verneinen, muss man noch nicht mal dem populistischen Comedy-Lager angehören wie Dieter Nuhr, der Donnerstag mal wieder tat, was er humoristisch am besten, nein: als einziges beherrscht: abwärts zu treten wie gegen arbeitsloses Gesindel, dem Nuhr keinen Cent seines öffentlich-rechtlich erworbenen Vermögens gönnt.
Seine reaktionären Fans attackieren mittlerweile übrigens sogar Meteorolog*innen dafür, dass ihre Wettervorhersagen den Klimawandel auch nur erwähnen, wie Constantin Schreibers Redaktion von ARD-aktuell mitteilte. Gegenüber Dustin Röhl hingegen war sie vorigen Dienstag nicht ganz so kritisch. In einem Beitrag über die Bildungsmisere trug der 18-jährige Schüler ein T-Shirt der Neonazi-Band Böhse Onkelz, das die Kamera mehrfach ohne Not ins Bild rückte.
Braunes Abwasser bedarf halt gar nicht der Nuhrs oder Höckes, um in den Mainstream zu sickern. Manchmal reicht Ignoranz achtbarer Medien, die den nächsten Verlust beklagen: das Guerilla-Magazin Vice, einst Revoluzzer des klassischen Journalismus, nun im Besitz eines saudischen Staatsfonds und strikt der Hofberichterstattung verpflichtet. Was wohl der Ethos- und Stilpapst Wolf Schneider dazu sagen würde, den sein Stern als KI aufleben lässt?
Die Frischwoche
18. – 24. September
Er würde sich vermutlich ebenso neutral verhalten wie Ingo Zamperoni, dem wir neben seiner nonchalanten Art, Informationen tagesthementauglich zu machen, kluge Reportagen aus Krisengebieten wie seiner dritten Heimat USA verdanken. Heute zeigt die ARD zur besten Sendezeit eine aus seiner zweiten – und Mein Italien unter Meloni ist erneut auf objektive Art erhellend.
Ein Anspruch, den kein investigativer Journalist weniger an sich hat als Jan Böhmermann. Während sich Politik, Justiz, Querdenkende am haltungsgetriebenen Rotzlöffel reiben, erobert seine Fake-Show Lass dich überwachen am Mittwoch die ZDF-Primetime, um darin digitale Sünden des Saalpublikums aufzudecken. Wenn RTL parallel einen Satz branchenüblicher B- bis D-Promis in die Reality-Crime Die Verräter schickt, dürfte der kulturelle Mehrwert hingegen ins Negative neigen.
Aber gut – ist halt auch einfach nur Unterhaltung wie die harmlose Familienreihe Einspruch, Schatz! (Freitag, 20.15 Uhr, ARD) mit der erstaunlichen ChrisTine Urspruch als liebestolle Scheidungsanwältin. Einfach revisionistische Unterhaltung ist und bleibt auch Staffel 4 der Guido-Knopp-Gedächtnis-Serie Das Boot, die ab Samstag bei Sky statt deutscher Kollektivschuld wie immer nur drei, vier fiese Nazis in eine Seifenopern-Diktatur stellt.
Ähnlich lang und doch um so viel schöner ist da die – zugegeben schwer vergleichbare – Coming-of-Age-Serie Sex Education, die Netflix am Donnerstag endlich, endlich fortsetzt. Und wirklich gelungen ist auch die ARD-Tragikomödie Flunkyball um einen völlig vereinsamten Teenager, der plötzlich seine Traumfrau findet – und bis zum Ende angenehm offenlässt, ob es sie tatsächlich gibt.
Bleibt nur noch Hinweis auf eine Doku-Reihe mit gleich vier Traumfrauen im Fokus: The Supermodels, deutsches Porträt der Laufsteg-Legenden Linda Evangelista, Naomi Campbell, Cindy Crawford und Christy Turlington (Mittwoch, Apple TV+). Von vier Traumboys dagegen erzählt tags drauf die Arte-Doku Toronto 1969 – dem Ereignis, das angeblich zur Trennung der Beatles führte.
Bombino, Captain Planet, Fieh
Posted: September 15, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBombino
Schwer zu sagen, was an – einst eurozentristisch als Weltmusik etikettiertem – Ethnosounds aus nordwestlicher Sicht interessanter ist: wenn sie auf vertraute Art fremd klingen, auf fremde Art vertraut oder vielleicht weder fremd noch vertraut, sondern einfach nur irritierend eingängig, ohne aufzuklären, warum. Exakt so vereinigt Bombino aus Niger die Klangwurzeln seiner Heimat mit globalem Rock.
Und wie! Inhaltlich ist Sahel für Menschen ohne deren Sprachkenntnisse zwar ebenso unverständlich wie der arabische Albumtitel ساحل. Klanglich hingegen erschließt sich der krautige Soul sofort. Ein treibender African Folk, der überall und nirgendwo zuhause ist, obwohl der Gitarrenvirtuose mehrheitlich von den Belangen der Tuareg am Wüstenrand erzählt. Das allerdings mit einer Herzenswärme, die eklektisch überwältigt.
Bombino – Sahel (Partisan Records)
Captain Planet
Wenn allerdings irgendwer irgendwas von herzenswarmer Überwältigung im Rockspektrum weiß, dann die Hamburger Emopunk-Band Captain Planet. Seit ihrem, nun ja, Durchbruch mit dem Wechsel zum Label Zeitstrafe und der fabelhaften Großstadtstudie Treibeis, schreit niemand so melodisch schief über die Einsamkeit unter Leuten wie Gitarrist Jan Arne von Twistern. Jetzt ist das fünfte Album raus. Und es macht alles wie immer, nur besser.
Come on, Cat versteht es spielend, Gefühle zu beschleunigen, bis sie in sich ruhen und komplett bei sich bleiben. Die Snare gehetzt, die Vocals gerotzt, die Riffs gescheppert, liefern Captain Planet für alle, die sich – wie es im ergreifenden Halley heißt – “auch nicht mehr ertragen”, weil “wir alle sind doch angezählt seit Jahren”, seelische Erbauung im Moshpit-Modus. Sie belagert das Gemüt wie ein richtig guter Liebesfilm ohne Happyend.
Captain Planet – Come on, Cat (Zeitstrafe)
Fieh
Weil Überwältigung aber kein Selbstzweck ist und Understatement am Ende doch nachhaltiger, wollen wir an dieser Stelle mal eine Band feiern, die beides miteinander verbindet wie jahrelang getrennte Zwillinge. Fieh heißt sie, stammt aus Norwegen und wildert musikalisch in Gehegen, die zwar seltener Menschen aus Skandinavien beherbergen, aber wer den Isländer Junius Meyvant kennt weiß, wie egal das ist.
Auf dem dritten Album stromert das Oktett um Sängerin Sofie Tollefsbøl durch Käfige von HipHop über Jazz bis Psychobeat, kabbelt sich darin mit Anderson .Paak und Todd Terje um den Zugang zur Gittertür und bricht sie mit so wenig Respekt vor den Wächtern abgeriegelter Genres auf, dass der Schlüssel Future-Funk auch wieder eines dieser Quatsch-Label ist, das III zwar nicht gerecht wird. Aber das gilt ja für jede Umschreibung. Fieh sind Fieh und machen auf lässige Art glücklich.
Fieh – III (Jansen Records)
Gebührenverschwendung & Regieren am Limit
Posted: September 11, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
4. – 10. Oktober
Sonntagabend. Weder Olympia noch Fußball-WM. Wenn die Tagesschau da um 20.15 Uhr zwei Sport- zu Spitzenmeldungen macht, muss sich buchstäblich Bemerkenswertes ereignet haben: Der Rauswurf von Bundestrainer Hansi Flick, dessen Rauswurfgrund tags zuvor bei RTL übertragen wurde. Und der deutsche Weltmeistertitel im Basketball, dessen Zustandekommen zuvor wochenlang nur bei Magenta gestreamt wurde.
Interessanterweise wird die Tatsache, dass letzterer im Endspiel öffentlich-rechtlich – beim ZDF – gezeigt wurde, auch von denen kritisiert, die sonst Gebührenverschwendung brüllen. Ob das nur Internet-Trolle tun, die sich hinter Tastaturen verschanzen? Schwer zu sagen. Aber mehrere Studien belegen einem Zeit-Bericht zufolge, dass Social Media zwar die Wut der Hater verstärkt, aber nicht nachweisbar neue erzeugt. Einerseits. Denn andererseits ergeben dieselben Studien folgendes.
Der Facebook-Algorithmus versorgt demokratische Wähler*innen zu gleichen Teilen mit linkem und rechtem Content, republikanische dagegen nahezu ausschließlich mit konservativem. Ungleiche Internet-Waffen also für liberale Einstellungen. Und zudem fand ein Forscherteam um Matthew Hindman heraus, dass rechte Bilder und Texte bei Facebook bis zu achtmal so irreführend, ergo: falsch sind als linke.
Während letztere die medial viral gegangene Augenklappe von Olaf Scholz demnach tendenziell als, nun ja, Augenkappe bezeichnen, war sie für erstere ein reiner PR-Coup. Daran ändert wenig, dass sich Alice Weidel, im ARD-Sommerinterview darauf angesprochen, bloß Besserungswünsche abringen ließ, ansonsten aber süffisant um Bekenntnisse zum völkischen Totalitarismus rumlavierte. Noch weniger ändert daran aber künftig das drohende Aus bedeutender Satire-Institutionen.
Die ältere von beiden, vor 44 Jahren Titanic getauft, ist seit Juli insolvent. Die jüngere namens Katapult dagegen wohl schon länger. Beide arbeiten nahezu frei von Anzeigen. Beide haben sich trotzdem trotzig am Markt gehalten. Beide buhlen verbissen um Solidarität. Beide sind im Zeitalter des Postillon aber auch Anachronismen – wenngleich sehr liebenswerte.
Die Frischwoche
11. – 17. Oktober
Das gilt auch für die Objekte einer gelungenen Doku-Serie. Fünfmal 50 Minuten lang begibt sich Sky ab Sonntag auf eine Zeitreise Inside Greenpeace. Der Umweltorganisation also, die vor 50 Jahren als erste medienwirksam gegen den Klimawandel revoltierte, nun aber durch jüngere, freshere, teils radikalere Epigonen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion in den Schatten gestellt wurde.
Die deutsche Langzeitstudie von Showrunner Florian Nöthe zeigt nun, wie sich Greenpeace dennoch durch die nahende Katastrophe beißt. Ebenfalls ein Jahr lang hat Stephan Lamby die rotgrüngelbe Koalition durch den Ernstfall Dutzender Krisen auf einmal begleitet und zeigt heute um 20.15 Uhr (ARD) drei Teile am Stück, was das Regieren am Limit, so der Untertitel, mit den Regierenden macht – am Ende also mit uns.
Und wo wir bei Dokumentationen sind: Mittwoch startet Netflix Ganz normale Männer um Wehrmachtsoldaten, die im Krieg zu Monstern wurden, was nicht zufällig an Hitlers willige Helfer von Daniel J. Goldhagen erinnert. Passend dazu porträtiert der History Channel produziert von Hollywood-Star Bradley Cooper am Samstag den Kriegspräsidenten Franklin D. Roosevelt, nachdem Disney+ mit Bertie Gregorys Naturfilmreihe Tiere hautnah gezeigt hat, dass Dokus auch soft sein können. Und damit zum Fiktionalen.
Herausragend ist da der Paramount+-Sechsteiler Das Gold, ein extrem konzentriertes Drama um jenen Millionenraub, der vor 40 Jahren die britische Gesellschaft umwälzen half. Weniger realistisch, aber nicht schlecht ist die Universal-Serie Fire Country um einen Häftling, der ab Sonntag bei Sky im Feuerwehrdienst seine Haftstrafe – und die Last der Vergangenheit – mindern will. Die britische Dramedy This is Going to Hurt taucht zugleich in die Gynäkologie ein. Zwei Tage zuvor versucht sich die ARD-Mediathek an der polyamourösen Beziehungsstudie Tod den Lebenden. Und dass Johanna Wokalek in den Münchner Polizeiruf einsteigt, sei da nur am Rande erwähnt.





