Elias Nerlich: Eligella & Millionen Follower
Posted: September 10, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentSieben, acht Jahre mach ich noch so weiter

Millionen Fans sehen Elias Nerlich alias Eligella zu, wie er zockt oder das Zocken anderer kommentiert. In Berlin hat der Youtuber jetzt zum dritten Mal ein Fußballturnier voller Ex-Profis und Influencern veranstaltet – vor 16.000 Hallengästen und Hunderttausenden im joyn-Stream. Der Versuch, mit ihm das eigene Phänomen zu ergründen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Elias Nerlich, als Eligella hast du Millionen Follower und Followerinnen in einem Bereich, der für viele eher Freizeit ist. Wie erklärst du dir dieses Phänomen selber?
Elias Nerlich alias Eligella: Das ist echt ‘ne gute Frage, die ich mir abends manchmal selber im Bett stelle, aber keine richtig gute Antwort finde. Viele Leute folgen mir, glaube ich, weil wir sehr authentisch sind und nicht aufgesetzt wirken. Bei Fußballern ist diese Bindung einfacher zu erklären, weil sie über ihre Außenwirkung hinaus auch noch gut kicken. Aber dass wir, ohne sie persönlich zu kennen, eine Verbindung zu den Leuten herstellen, die aufrichtig wirkt und ist, weil wir das, was wir machen, wirklich ernst meinen – ich glaube, darum geht es.
Was ist dir als Follower von anderen wichtig?
Das Mindset vor allem. Ich bin zum Beispiel ein extremer Fan von Cristiano Ronaldo, weil er einerseits so gut Fußball spielt, aber eben auch, weil er mich abseits davon inspiriert und motiviert. Sein Denken, sein Handeln – das hat großen Einfluss auf mich.
Apropos Einfluss: Wie lautet eigentlich deine Eigenbezeichnung – Influencer?
Das kommt echt auf die Situation. Jüngeren gegenüber bezeichne ich mich in der Regel als Streamer oder Youtuber, damit kann jeder was anfangen. Älteren erkläre ich mich eher als Unternehmer, weil die es womöglich gar nicht verstehen, dass ich mich dabei filme, Playstation zu spielen oder zu kommentieren.
Was sagt deine Oma denn, wenn sie von deinem Beruf spricht?
Das war anfangs schwierig (lacht). Ich habe versucht, es ihr so zu erklären, dass ich quasi meine eigene Fernsehshow im Internet mache.
Welche Rolle spielt so ein Event wie dein „Real Life Eligella Cup III“ in einer so riesigen Halle dabei?
Eine wichtige.
Ist das eher ein sportliches Event oder doch ein PR-Instrument?
Beides, auf jeden Fall. Für die Vermarktung ist das super, eine der größten Hallen in Deutschland voll zu kriegen. Das darf aber nicht davon ablenken, dass es hier auch schon um richtigen Sport geht, den die Spieler alle sehr, sehr ernst nehmen. Das sind schließlich aktuelle Regionalligisten, teilweise Ex-Profis oder Jugendbundesligisten. Das in Kombination mit Influencern ist zwar lustig, aber auch ernst gemeint.
Auch für die ist das aber ein Marketing-Tool.
Klar, das ist auch legitim. Die machen hier eigenen Content oder sind in meinen Streams zu sehen, wollen aber alle gewinnen.
Also trifft hier eSport gewissermaßen auf aSport, also Konsole auf Rasen?
Das ist zumindest ein Teilaspekt. Da treffen zwar zwei Welten aufeinander, aber ich habe ja auch lange eSport gemacht, die Grenzen verschwimmen da seit langem. Das Publikum mag es jedenfalls gern, ihre Streamer beim echten Fußball zuzusehen.
Und gegebenenfalls beim Scheitern?
Auch das kommt immer gut an, klar (lacht).
Was bedeutet es, dass ein Sender wie Joyn als Streamingplattform eines linearen Senders wie ProSieben den „Real Life Eligella Cup III“ live streamt?
Eine Menge. Es ist nicht mein erstes Event mit Joyn und sorgt dafür, dass wir uns über die Verbindung zum Fernsehen neue Zielgruppen auch in Richtung alter Medien, also des Fernsehens erschließen. Das ist eine win-win-Situation für beide Seiten, denn die profitieren ja ebenso von uns.
Aber wer profitiert aktuell noch mehr vom anderen?
Bei der Vermarktung kann eSports definitiv noch vom richtigen Sport lernen. Umgekehrt komme ich aus dem eSport, habe aber mit Delay Sport einen eigenen Verein in Berlin gegründet, der mehr Follower hat als Union und Hertha zusammen. Was Social Media betrifft, kann der richtige Fußball also schon was vom Digitalen lernen, ist aber in Sachen Professionalität und Business noch meilenweit voraus. Beide Seiten lernen voneinander.
Wird das Lernen so weit gehen, dass eSport aSport irgendwann überholt?
Glaube ich nicht, und das ist auch cool so. Richtiger Fußball und Sport im Allgemeinen werden immer die Nr. 1 sein.
Es gibt die Legende, dass junge Fußballer und Fußballerinnen viele ihrer Tricks heute an der Playstation lernen und dann auf dem Rasen anwenden. Ist da was dran?
Na ja, man kann sich da schon was abgucken, nicht nur was Tricks, sondern auch das Spielverständnis betrifft. Aber keinem Spieler gelingt ein Move, nur weil er ihn im Videospiel beherrscht. Rasen ist schon noch mal was anderes.
Wo warst du denn besser?
Im Virtuellen, auf jeden Fall.
Du bist jetzt Mitte 20. Wie lange kannst, wie lange willst du noch auf Plattformen aktiv sein, die ja eher Teil einer Jugendkultur sind?
In diesem Ausmaß? Schwer zu sagen, da können ja auch immer Schicksalsschläge dazwischenkommen oder die Familienplanung. Wenn ich mal ein, zwei, drei Kinder habe, ist dieser Aufwand nicht mehr zu schaffen. Ich würde mal sagen: sieben, acht Jahre mache ich noch weiter und dann bisschen piano.
Klingt ziemlich konkret nach Masterplan?
Da ist was dran.
Julia Becker: Funke-Group & Springer-Shelte
Posted: September 8, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentEs geht mir gar nicht so um Größe

Nicht alle dürften Julia Becker (Foto: Dominik Asbach) kennen, aber als Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Group ist sie eine der mächtigsten Verleger*innen im Land, für Qualitäts- ebenso wie für Gossenpublizistik verantwortlich, legt sich schon mal mit Springer an und will den männlichen Medienzirkus weiblich unterwandern. Zweiter Teil des journalist-Interviews über Journalismus in schwieriger Zeit.
Interview: Jan Freitag
Wo Sie Verantwortung ansprechen: Funke ist in den Top 10 der größten Medien-Unternehmen in Deutschland, als Verlagsgruppe mindestens vierter…
Wer ist denn zweiter?
Nach Axel Springer die Bauer Media Group und bei regionalen Tageszeitungen vermutlich Madsack.
Wissen Sie, es geht mir gar nicht so um Größe. Aufgrund unserer Reichweiten bei den Regionalmedien und den Zeitschriften haben wir zweifellos ein Alleinstellungsmerkmal. Das müssen und werden wir noch stärker ins Spiel bringen.
Welche Verantwortung, die daraus erwächst, ist denn größer: fürs Unternehmen, sein Publikum, die Tradition, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Demokratie und Zivilgesellschaft?
Spannende Frage. In meiner Position spricht man natürlich öfter mal über Verantwortung, und Sie dürfen mir gern glauben, dass es mein größter Anspruch ist, ihr gerecht zu werden.
Also wem gegenüber?
Dem Gesamtunternehmen inklusive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit die ihre Miete zahlen können und gern für uns arbeiten, muss es allerdings wirtschaftlich sein. Die zweite Verantwortung gilt, wie es unten an der Wand steht, dem Qualitätsjournalismus aus Leidenschaft für unsere Leserinnen und Leser. Er richtet sich, dritte Verantwortung, also an eine Gesellschaft, die sich auch aufgrund unserer gut recherchierten, sachlichen, nicht polarisierenden Inhalte Meinungen bilden kann. Nur eine informierte Gesellschaft kann demokratisch agieren.
Und wie steht es mit der Tradition eines Zeitungshauses im Herzen von Deutschlands größter Metropolregion?
Ich werde häufig gefragt, ob ich die Führung eines solchen Familienunternehmens als Last empfinde, die mich bedrückt.
Im Sinne von erdrückt?
Ja. Riesige Fußstapfen einer publizistisch und wirtschaftlich erfolgreichen Vergangenheit, in denen das Geld nur so sprudelte, manche Gesellschafter aber vor lauter Sprudeln oft ein bisschen zu sehr an die eigene Tasche gedacht haben. Zusammengenommen sorgen diese Verantwortungen für eine Struktur, um das Unternehmen an die künftige Generation weiterzugeben, die ja aus fünf Kindern besteht. Ich mache es aber auch für die nächste Generation Nachrichten- oder Unterhaltungskonsumenten.
Kurzfristig hatten Sie auch Verantwortung für die Branche übernommen, als Funke wegen der ungebrochenen Unterstützung für BDZV-Präsident Mathias Döpfner aus dem wichtigsten Verlagsverband ausgetreten ist.
Wobei es dabei nicht darum ging, mich als „Anti-Döpfner“ zu inszenieren. Den Anfang hatte ja eigentlich die Aufforderung zum Gespräch über einen Springer-Skandal gemacht, den viele im BDZV allerdings als interne Angelegenheit betrachtet hatten. Über diese Doppelrolle von Herrn Döpfner als Verbands- und Springerchef habe ich – übrigens auch mit ihm – diskutiert, welche Konsequenzen es für uns alle hat, wenn wir damit nicht transparent umgehen. Als ich gemerkt habe, dass jede Bereitschaft fehlte, die Strukturen hinterm Skandal zu beseitigen und für Diversität zu sorgen, ohne die uns nicht nur Mitarbeiterinnen, sondern Leserinnen weglaufen, blieb uns nur der Rückzug. Wir haben jetzt schon Schwierigkeiten, junge Menschen für uns zu gewinnen.
Aber ja nicht, weil der BDZV so springerhörig ist?
Nein, das liegt auch an den Einstellungsvoraussetzungen zum Beispiel für ein journalistisches Volontariat: Es ist oft immer noch ein Studium und – ich übertreibe jetzt natürlich – sieben Auslandsaufenthalte und fünf Jahre freie Mitarbeit gefragt. Ein anderes Thema ist die Herausforderung, Redaktionen und Verlag deutlich diverser aufzustellen. Denn misogyne Strukturen schrecken nicht nur Bewerberinnen ab. Außerdem sind wir eine Kommunikationsbranche, die davon lebt, über andere zu berichten. Wenn wir über uns selbst Mäntel des Schweigens hüllen, sobald es schwierig wird, verstärkt es ein Glaubwürdigkeitsproblem, das ohnehin längst schwelt.
Hatten Sie die Erkenntnis schon, bevor das Machtmissbrauchssystem bei Springer publik wurde und der BDZV trotzdem an Döpfner festhielt?
Ja, aber danach habe ich mir umso mehr vorgestellt, eine meiner Töchter wäre davon persönlich betroffen. Ich war nicht damit einverstanden, dass über unsere Reformvorschläge zwar viel diskutiert, jedoch nur sehr wenig davon konstruktiv umgesetzt wurde.
Hat auch der Jahresbeitrag von 700.000 Euro eine Rolle gespielt?
Als ich 2018 Vorstandsvorsitzende wurde, haben wir BDZV und VDZ eingeladen, um zu klären, welchen Mehrwert es für uns hat, zwei Verbänden insgesamt anderthalb Millionen Euro Mitgliedsbeiträge zu zahlen, und einen Reformprozess angeregt, der das in ökonomisch komplizierter Zeit rechtfertigen könnte.
Und?
Der VDZ hat etwas gemacht, der BDZV hat nichts unternommen. Das lag allerdings gar nicht so sehr an Mathias Döpfner, der als Doppelmitglied durchaus Veränderungswillen hat; es lag an einem Verband, für den ich und meine Position aus Sicht der, nun ja, meist älteren Herren, nicht so diskussionswürdig war. Ich bin trotz klarer Haltung zur Gleichbehandlung, Gleichbezahlung, Gleichstellung keine Feministin, die das Matriarchat fordert, aber dass über meine Ideen nicht mal gesprochen wurde, hat mir den Austritt erleichtert.
Zeugt die Tatsache, dass Sie noch nicht wieder eingetreten sind, davon dass weiterhin nicht gesprochen wird?
Wir sprechen auf vielen Ebenen miteinander.
Ebenen, auf denen Sie sich nicht nur in Fragen der Diversität exponieren, sondern Qualitätsmängel und reines Gewinnstreben kritisieren. Wie steht es als Besitzerin eines Verlags, dem zuletzt im Medium-Magazin lautstark Tarifflucht, Personalabbau oder den Betrieb menschenleerer Zombieredaktionen vorgeworfen werden, mit Selbstkritik aus?
Ich schätze den kritischen Blick des Medium-Magazins auf die Branche sehr, muss aber vorweg einwenden, dass meine Geschwister und ich dem Denken, Geschäftsführungen hätten zuerst der Rendite zu dienen, damit am Jahresende Ausschüttungen und Boni stimmen, zumindest bei Funke ein Ende bereitet haben. Damit das angesichts der Übernahme von Gruner + Jahr durch RTL, das selbst funktionierende Titel einstellt, Schule macht, habe ich mich damit so aus dem Fenster gelehnt, und ja auch Lösungsvorschläge angeboten.
Nämlich welche?
Wie wär’s denn mal mit Kreativität? Wie wär’s mit Kooperationen? Wie wär’s mit Synergie? Wie wär’s mit mehr Gemeinsinn einer Branche, die keine Schrauben produziert, sondern Systemrelevanz? Um Auflagenrückgänge abzufedern, muss man vieles neu denken.
Also auch, zurück zur Frage, Entlassungen oder Einkommenseinbußen für Freelancer?
Das sind operative Entscheidungen, die unser Management auf dem Weg zum Spartenkonzern manchmal treffen muss, um den Tanker Funke wirtschaftlich auf Kurs zu halten. Ich würde mir als Freiberuflerin auch keine schlechter dotierten Verträge wünschen. Auf der anderen Seite hat freiberuflicher Content vor zehn Jahren noch ganz andere Wertschätzung und damit Monetarisierung erfahren. Dem muss die Bezahlung Rechnung tragen.
Zu dumm, dass Preise und Mieten dennoch steigen…
Es gibt aber auch Arbeitgeber, die Entlassungen in hoher Zahl vornehmen, ohne sich wie wir heute den Herausforderungen wirklich gestellt zu haben. Ich kann es nicht ändern, was in der Vergangenheit hier falsch gemacht wurde, stehe aber für eine Branche, deren Zukunft von allen schlechtgeredet wird und gerate immer dann in Diskussionen, wenn sich Menschen durch unser Unternehmen schlecht behandelt fühlen. Um die Zukunft von Funke zu sichern, haben wir zum dritten Mal Geld aus dem Familienvermögen in die Gruppe gepumpt.
Wie viel genau?
Meine Mutter hat rund 500 Millionen Euro investiert, um die Brost-Anteile zu übernehmen. Ich kann verstehen, wenn die Menschen besorgt sind, würde mir aber wünschen, dass häufiger mal anerkannt wird, mit welchem Aufwand wir versuchen, Funke eine Zukunft zu geben. . Sicher denken viele, wie gut es uns in der Lounge hoch über den Alltagssorgen anderer geht. Aber die Wahrheit reicht manchmal ein bisschen tiefer. Das Wort „fair“ jedenfalls habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen.
Für sich oder andere?
Für Schüler und Senioren zum Beispiel, die sich mit Zeitungsaustragen etwas dazu verdienen wollen, aber nicht dürfen, weil ich ihnen Nachtzuschlag und Mindestlohn zahlen müsste, was sich schlicht nicht rentiert. Natürlich würde ich 80 Prozent gesparter Ausschüttungen, die nun ins Unternehmen fließen, gern vor allem ins Personal stecken, aber wir haben noch ganz andere Veränderungen damit zu schultern. Es ist meine Aufgabe, dieses Unternehmen so nachhaltig aufzustellen, dass Funke auch in zehn Jahren regional präsent und erfolgreich ist.
Und dafür dulden Sie dann eben auch Clickbaiting auf Reichweiteportalen wie derwesten.de oder faktenfreie Mimik-Analysen der Yellowpress?
Genau mit dieser Frage habe ich mich heute Nacht um drei bei Vollmond, der mir stets den Schlaf raubt, auch beschäftigt: Reichweitenjournalismus vs. Qualitätsjournalismus vs. Boulevardjournalismus.
Alles reichlich vertreten im Funke-Portfolio.
Das vergleiche ich mit Fußballmannschaften, wo der Stürmerstar für Aufmerksamkeit, also Reichweite sorgt, während das Mittelfeld spielerische Qualität zur Verfügung stellt und die Abwehr mit gröberen Mitteln dahinter aufräumt. Clickbaiting hingegen besteht, wenn eine Überschrift verspricht, was der Text nicht hält. Als mir bewusstwurde, dass das auf Portalen wie derwesten.de geschieht, hatte ich meine ersten Fremdschäm-Momente im Aufsichtsrat.
Mit welcher Konsequenz?
Mit der Konsequenz, dass sich Bettina Steinke als Chefredakteurin aller Reichweitenportale nun darum kümmert, dass Videos wie jenes, wo eine Frau ihrem Hund brennende Zigaretten in die Augen drückt, nicht mehr viral gehen. Für die Anzeigenabteilung waren Millionen Zugriffe ein Segen, fürs Verlagsrenommee ein Desaster.
Und der Boulevardjournalismus, der Ihnen in Gestalt des nicht als solches gekennzeichneten KI-Interviews mit Michael Schumacher in Die Aktuelle einen Shitstorm plus juristische Konsequenzen eingebracht hat?
Wissen Sie, wie der Boulevard-Journalismus entstanden ist? Ende des 19. Jahrhunderts haben sich William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer, beide später renommierte Persönlichkeiten der amerikanischen Medienlandschaft, einen Wettstreit darüber geliefert, wer die gruseligere Berichterstattung über einen Leichenfund im Hudson River liefert. Ich weiß nicht mehr, wer gewonnen hat, aber beiden war klar, dass mehr emotionale Aufregung mehr verkaufte Zeitungen bedeutet – ein Prinzip, mit dem der Boulevard plus einfache Sprache bis heute funktioniert.
Und damit zurück zum Schumacher-Fake.
Der natürlich nicht ging. Wir haben dafür öffentlich und auch bei der Familie Schumacher um Entschuldigung gebeten und klare personelle Konsequenzen gezogen. Grundsätzlich spricht aber nichts dagegen, auch in einem Regionalmedienhaus wie unseren Boulevardjournalismus mit eigenständigen Vermarktungs- und Erlösregeln zu betreiben, solange er unseren Guidelines entspricht.
Aber wenn Sie jede beliebige Ausgabe vom Goldenen Blatt bis zur Aktuellen lesen, finden sich darin doch Dutzende spekulativer Berichte mit oder ohne Michael Schumacher, die oft schlicht erfunden sind. Wo wären da noch mal die Guidelines?
Wir wollen verantwortungsvollen Boulevardjournalismus mit klarer Grenze. Ob wir das gut genug hinkriegen, darüber lässt sich ja streiten. Aber es ist der eigene Auftrag an uns. Klatsch und Tratsch bilden als Kulturtechniken Kitt, der Gesellschaften in Zeiten von News Fatigue nochmals bessere Halt gibt und darüber hinaus – auch wenn man mit der Vokabel gerade vorsichtig sein sollte: nicht kriegsentscheidend für die Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt ist. So gesehen hatte die Sache mit Schumacher auch ihr Gutes.
Nämlich?
Wir haben uns innerhalb einer Viertelstunde zusammengeschaltet und klargemacht, diese Art der respektlosen Herabwürdigung mittels KI künftig gemäß unseren Guidelines nicht wieder vorkommen zu lassen
Hat dieser Sinneswandel auch damit zu tun, dass Sie massiv die Frauenquote aller Führungsbereiche erhöhen, weshalb die Verlagsleitung erstmals zu drei Fünfteln weiblich ist?
Ich finde es interessant, dass Sie mich das als Mann fragen, weil es impliziert, Männer seien zu dieser Art Selbstreflexion weniger tauglich als Frauen. Also nein, es gibt viel zu viele wunderbare Männer, um ihnen generell die Bereitschaft zur moralischen, verlegerischen, journalistischen Leitplanke abzusprechen. Es geht also nicht nur darum, die Frauenquote zu erhöhen, sondern generell diverser zu werden.
Generell heißt?
Mehr Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund zum Beispiel, aber auch alleinerziehende Väter. Ich vergleiche unseren Verlag da gern mit einem Linienbus, in dem unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten sitzen, die der Fahrer ohne Ansehen ihrer Hintergründe mitnimmt. Also keine Sorge, liebe Männer: ihr fliegt nicht alle bei erster Gelegenheit raus. Wahrer Feminismus bedeutet für mich Gleichbehandlung – egal ob Mann oder Frau oder wie immer man sich definiert.
Söders Nazi & Deutschlands Drags
Posted: September 5, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
28. August – 3. September
Mit Rechten reden, darf man das? Fünf Tage, nachdem sich einige Dutzend jener Querköpfe, die vor zwei Jahren den Reichstag, nun ja, angestürmt haben, auf vier Seiten der Zeit Raum für Erklärungen gewährt wurde, lief bei Arte Reichsbürger – Innenansichten einer extremistischen Bewegung. Und auch, wenn beide Reportagen eher Kuriositätenkabinette durchgeknallter Wohlstandsverlierer*innen sind, ist es diskussionswürdig, politischer Dummheit so viel Platz zu gewähren.
Solche Dummheit hat schließlich nicht selten absurde Folgen, wie die Enthüllung der Süddeutschen Zeitung über Hubert Aiwangers politische Früherziehung zeigt. Ob Markus Söder einen Bierzelt-Propagandisten, der sich – leider, leider – nicht erinnern kann, ob er als Schüler faschistische Flugblätter verteilt und den Hitlergruß gezeigt habe, aus Machtkalkül oder Sympathie im Amt belässt, konnte er gestern auch im Sommerinterview nicht klären.
Aber gut, dass ein Rechtsradikaler Wirtschaftsminister wird, kann man ja weder Gott noch ZDF glaubhaft machen. Es geht aber auch drei reaktionäre Eskalationsebenen tiefer. In Eckart Hirschhausens ARD-Show Was kann der Mensch? saßen Samstag zwei alte weiße Männer (Jochen Llambi, Harald Krassnitzer) neben zwei jungen exotischen Frauen (Vanessa Mai, Jana Ina Zarella) auf der Couch. Umgekehrt? Undenkbar! So geht Fernsehen der Fünfziger 2023, um an Aiwangers Stammtischen keine Quotenpunkte zu verlieren.
Regionalfernsehen der Zehner wird in Berlin künftig von der RBB-Intendantin Ulrike Demmer verantwortet, die am Freitag – was eigentlich genau: vereidigt, geschanghait, inthronisiert wurde? Tennisfernsehen der Zehner muss dagegen ins Pay-TV abwandern, wo die US-Open gerade für 25 Euro beim Streamingportal Sportdeutschland TV übertragen wird, das es allerdings nicht mal schaffte, die Modertoren Thomas Stach und Boris Becker zum Auftakt ins Stadion zu kriegen.
Sportjournalismus wird es auch weiterhin in der 11freunde geben, die der Spiegel dem RTL-Investment Gruner +Jahr abkauft, was abermals zeigt, wes Geistes Kind der Verlagssender ist. Denn verticken wollte er nur den redaktionellen Teil des Fußballmagazins; dessen Vermarktung sollte schön in Köln bleiben. So viel zur journalistischen Verantwortung eines Medienhauses, dass dem Fernsehen aktuell aber mal gar nichts von Belang beisteuert.
Die Frischwoche
4. – 10. September
Sky dagegen startet morgen ein Experiment, dessen Relevanz das Maß des Erträglichen überschreitet. Am 88. Geburtstag begegnet Dieter Hallervorden in Me & Myself seinem 36 jüngeren Avatar, einer Deepfake-Variante vom Klamauk-Didi, den die KI aus Material bis 1987 errechnet. Das Resultat ist beeindruckend. Und furchteinflößend. So glaubhaft, wie Michael Mittermeier ein Gespräch zwischen Original und Kopie moderiert, wird die Beweiskraft der Bilder schließlich ein Stück weiter Richtung Null minimiert.
Ebenfalls ein Abklatsch, aber der realeren Art, ist eine Show, die Paramount+ parallel von MTV übernimmt: Drag Race Germany. Bis aufs turmhohe Kunsthaar der Kandidat:innen von RuPauls US-Vorbild abgekupfert, werden also auch in Deutschland Travestie-Künstler:innen gecastet. Das mag oberflächlich betrachtet ein zwölfteiliger Paradiesvogelflug sein; darunter entfaltet sich ein Panoptikum des Empowerments, das sich Donnerstag bei Neo wohl auch in Riccardo Simonettis Schmink-Casting Glow up finden soll. Na, mal sehen.
Nicht unbedingt sehen muss man das ???-Spin-Off Die drei !!! (Dienstag). Staffel 2. des Disney-Märchens Ich bin Groot (Mittwoch). Die Sky-Fortsetzung des Historienspektakels Domina (Donnerstag). Den Walking-Dead-Ableger Daryl Dixon (Samstag, AMC). Und die Gastronomie-Saga Hotel Barcelona (sonntags, ZDF. Dann doch lieber Dokus wie All or Nothing, in der Prime Video Deutschlands Fußballern Freitag vier Teile durch Katars Hölle Katar folgt. Und zuletzt, aber nicht das Letzte: die hitzige Clubkulturstudie Exzess Berlin, für die das Erste Donnerstag allerdings nur Platz in der Mediathek findet.
Schmidts PoCs & Partners in Drift
Posted: August 28, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen, Uncategorized | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
21. – 27. August
Es war, Padautz, ein echter Paukenschlag fürs öffentlich-rechtliche Programm: Die Gremienaufsicht fordert vom Ersten mehr Talkshow-Vielfalt. Nun muss der ARD nur noch jemand sagen, dass damit nicht mehr Sendungen gemeint sind, sonst schaffen Christine Strobl und Kai Gniffke in Windeseile vier neue mit fünf Stars am Mikro – schon, weil sieben der neun Rundfunkanstalten bereits mit den Proporzhufen scharren.
Dem Vernehmen nach nicht in der engeren Auswahl: Harald Schmidt, dessen Komödienstadl Schmidteinander nun ebenfalls vom WDR mit einem Warnhinweis versehen wird, weil es darin Anfang der hedonistischen Neunziger selten sonderlich woke zuging. Was der sehr alte, sehr weiße, sehr jämmerliche, aber immer noch sehr selbstsichere Ex-Comedian damit kommentierte, er nenne den Schwarzweiß-Karnevalisten Ernst Neger nun Ernst Person of Colour oder so ähnlich.
Darüber lachen dann immerhin noch Schmidts Kamerrrrraden vom neurechten Rand wie Hans-Georg Maaßen und Matthias Matussek. Oder Julian Reichelt und Mathias Döpfner, die sich gerade außergerichtlich zur Entlassung des früheren Bild-Chefs geeinigt haben. Alles Typen, die mit Sicherheit auf Seiten jener streitlustigen Querdenkerin stehen, die wegen „mangelnder Programmvielfalt“ von ARD und ZDF gegen den Rundfunkbeitrag geklagt hatte.
Weil Missfallen kein Zahlungskriterium sei, hat das bayerische Oberverwaltungsgericht die Klage nun abgewiesen. Ob sie mit dem Vorwurf auch Tina Hassel meinte, ist nicht überliefert, aber gestern konnte sie Friedrich Merz im ARD-Sommerinterview nichts Anrüchiges über die AfD entlocken, also keine versteckten Koalitionsangebote. Schon, da sie sich offenbar kritisches Nachhaken untersagt hatte. Am Ende wehte deshalb der unwidersprochene Verdacht durch Berlins Regierungsviertelluft, Merz‘ CDU habe seit 60 Jahren gar nicht mitregiert…
Die Frischwoche
28. August – 3. Dezember
Irgendwie fiktional, was Parteien wie diese da nachrichtlich verbreiten – und damit auch irgendwie empfehlenswerter als hauptamtliche Fiktionen, die irgendwie immer noch tief im Sommerloch stecken. Wirklich bemerkenswert sind bis zum Wochenende daher aktuell nur vier Formate: Die 30639. Staffel der Höhle der Löwen, ab heute bei Vox, ohne die statusbewusste Judith Williams, dafür mit der statusbewussteren Tjena Onaran.
Dazu die zweite Staffel der deutsche Sky-Serie Partners in Drift, einer Streaming-Mischung aus The Fast and the Furious und Alarm für Cobra 11, die sich allerdings spürbar (und manchmal sogar erfolgreich) um Tiefgang bemüht. Außerdem Siehst du mich?, ein neunzigminütiges Porträt von vier deutschen Influencer*innen unterschiedlicher Erfolgsstufen, das der linear-digitalen ARD-Mediathek zeitgleich ab Freitag wirklich gut zu Gesichte steht.
Und dann feiern wie hiermit offiziell und voll aufrichtiger Vorfreude die Fortsetzung der Neo-Serie Loving her um eine Schar junger, meist lesbischer Menschen, die in der deutschen LGBTQ+-Szene nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit suchen, gelegentlich sogar finden und dabei ab Sonntag bei ZDFneo ebenso anrührend wie unterhaltsam sind.
Julia Becker: Funke Group & Springer-Schelte
Posted: August 24, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentSowas sollte man eine Mutter nie fragen
Nicht alle dürften Julia Becker (Foto: Dominik Asbach) kennen, aber als Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Group ist sie eine der mächtigsten Verleger*innen im Land, ist für Qualitäts- ebenso wie für Gossenpublizistik verantwortlich, legt sich schon mal mit Springer an und will den Männermedienzirkus überhaupt weiblich unterwandern. Ein journalist-Interview über Journalismus in schwieriger Zeit, wegen der Länge verteilt auf zwei donnerstagsgespräche.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Becker, Sie sind Aufsichtsratschefin eines der größten deutschen Medienhäuser. Könnten Sie aus dem Stehgreif sämtliche Titel der Funke-Mediengruppe aufzählen?
Julia Becker: Also bei unseren Yellow-Titeln könnte es sein, dass ich mich mal vertue. Auch die Me-too-Produkte der anderen Verlage wie Lisa, Laura, Lena und wie sie sonst alle heißen bringen einen schon mal durcheinander.
Und die Tageszeitungen?
Könnte ich selbstverständlich alle aufzählen. Wenn ich da keinen konkreten Überblick übers Portfolio meines eigenen Verlages hätte, wäre ich als Aufsichtsratsvorsitzende die Falsche.
Und welche Digital-Portale hat Funke mittlerweile?
Angesichts der Bewegungen am Markt ist es auch da nicht so leicht, alles auseinanderzuhalten. Aber jüngere Akquisitionen wie Musterhaus.net, gofeminin.de oder EDITION F, kenne ich natürlich gut.
Und haben alle gleich lieb?
So was sollte man eine Mutter eigentlich nie fragen (lacht), aber natürlich mag ich alle – auch wenn jedes einzelne sehr eigene Herausforderungen, Bedürfnisse, individuelle Betrachtungsweisen mit sich bringt. Um im Familienbild zu bleiben: das alte Markenportfolio, besonders traditionelle Zeitungs- oder Magazintitel, kann man nicht identisch wie junge Online-Portale behandeln. Da muss man zwischen selbst geboren und adoptiert unterscheiden.
Letzteres gilt fürs Springer-Paket, das Funke vor elf Jahren für annähernd eine Milliarde Euro gekauft hatte.
Großartige Marken, aber am Medienstandort Hamburg sozialisiert, also völlig anders als hier im Ruhrpott. Umso wichtiger ist es für eine Mutter, alle morgens, mittags, abends in Essen an einen Tisch zu holen und ihnen zwar klarzumachen, dass uns zwar an einer abgestimmten, kooperativen Strategie des Miteinanders gelegen ist, am Ende aber das Elternhaus die Entscheidungen trifft.
Können auch zu viele mit am Tisch sitzen? Kann ein Medienunternehmen wie Funke zu diversifiziert für eine erkennbare Verlagsstrategie sein?
Na ja, jedes Unternehmen sollte sich wie jedes Paar bitte vor der Entscheidung überlegen, ob und wie viel Zuwachs es haben will. Also klares nein! Unser Haus lebt im Unterschied zur gewöhnlichen Familie von Diversifikation – und dieser Bedarf ist im Zuge der digitalen Transformation noch größer geworden. Etwa, was technische und personelle Auswirkungen einzelner Marken aufs restliche Unternehmen betrifft. Nehmen Sie Edition F.
Ein feministisches Online-Portal, das Ihre Gleichstellungsoffensive kennzeichnet.
Die haben eine Wahnsinnsreichweite bei Instagram und hohe Social-Media-Kompetenz, davon profitiert das gesamte Haus. Auf analoger Ebene galt das auch für den Springer-Deal, bei dem wir nicht nur ein umfangreiches Portfolio neuer Titel erworben haben, sondern zahlreiche großartige Journalistinnen und Journalisten, die im Digitalen damals teilweise schon weiter waren als wir in Essen. Viele der main claims von 2012 sind 2023 genauso aufgegangen, wie geplant – übrigens auch, was die Unternehmenskulturen angeht.
Sind die schwerer zu vereinbaren als Portfolios?
Natürlich. Zumal wir damals erst seit kurzem nicht mehr WAZ-Gruppe hießen.
Was eine viel stärkere Verwurzelung im regionalen Zeitungsmarkt mit sich brachte.
Ein Jahr zuvor erst hatte unsere Mutter die Anteile der Familie Brost übernommen und Funke in den alleinigen Besitz der Nachfahren von Jakob Funke mit ihr als Mehrheitseignerin gebracht. Darauf folgte im zweiten Schritt die Etablierung des Aufsichtsrats, gefolgt von der Umbenennung und zuletzt dem Springer-Deal, das gehörte alles zusammen. Es waren schwierige, aber wichtige Prozesse, unterschiedliche Persönlichkeiten zu integrieren und damit das bis dahin vorherrschende Verlagsdenken zu überwinden.
Das worin bestand?
Neue Akquisitionen unter den Hut alter Strukturen zu pressen und zu hoffen, alle seien dankbar fürs traditionsreiche Unternehmen, dem man nun angehören darf. Neues Denken versucht Synergie-Effekte dagegen eher durch ein gemeinsames Verständnis dessen zu erlangen, was der eine vom anderen hat. Und dieses Verständnis muss prozesshaft wachsen, weshalb es bis heute noch individueller Nachjustierungen bedarf, um sich wirklich als Teil eines Ganzen zu verstehen. Redakteure und Redakteurinnen des Hamburger Abendblatts fühlen sich ja nicht ausschließlich durch die Besitzverhältnisse einem Essener Unternehmen zugehörig. Das muss man pflegen. Soll ich Ihnen mal eine Geschichte erzählen, die mich bis ans Ende meiner Laufbahn verfolgen wird?
Nur zu!
Wir hatten damals die Idee eines Get-togethers, um das alte mit dem neuen Personal bekannt zu machen, und dafür eine Scheune außerhalb Essens organisiert, die so ein bisschen rustikal-ländlich dekoriert war. Alles sehr unkompliziert. Jeder bekam eine Flasche Bier in die Hand – ehrlich, robust, von Herzen, Ruhrpott eben. Wenn da einer sagt, komm her du Arsch, ist das nett gemeint.
Und dann kamen die Hamburger?
Und dann kamen die Hamburger (lacht)! Wenn denen einer sagt, komm her du Arsch, klingt da halt weniger nett gemeint als hier. Und robustes Bier fanden auch nicht alle so toll. Vorbehalte existierten allerdings auch umgekehrt. Ich erinnere mich, dass meine Mutter gar nicht so sehr beim Kaufpreis geschluckt hatte, sondern weil die Goldene Kamera nun zu uns käme. Rote Teppiche waren so gar nichts für sie.
Aber was ist bei alledem denn nun das wichtigere Motiv der Funke-Gruppe, sich durch Käufe und Neugründungen breiter aufzustellen – Diversifikation, Wachstum, beides?
Der wichtigste Treiber war 2012 – vor der heutigen Aneinanderreihung pausenloser Krisen – ein strategischer. Nämlich Größe am Markt gleich Sicherheit. Funke hatte seinerzeit praktisch nirgendwo Führungsrollen in der deutschen Medienlandschaft. Dennoch folgte die Erweiterung keiner Eitelkeit, sondern dem Bedarf, neben wirtschaftlichen und publizistischen auch unsere Vermarktungs- und Vertriebsmöglichkeiten zu verbessern. Nur so sind wir in eine Liga aufgestiegen, die aus eigener Kraft unerreichbar gewesen wäre. Wissen Sie, was immer das liebste und aus seiner Sicht beste Blatt meines Großvaters Jakob Funke neben der WAZ war?
Es gab für ihn etwas auf Augenhöhe der WAZ?!
Ja, das Hamburger Abendblatt. Er hat es immer als Paradebeispiel für guten Lokaljournalismus hochgehalten und sogar in Essen täglich gelesen. Deshalb hatte es auch so emotionale Bedeutung für den Verlag und mich, da hat sich ein Kreis geschlossen.
Aber haben 920 Millionen Euro für ein Bündel Papiermedien die Digitalisierung des Unternehmens nicht eher gebremst?
Im Gegenteil. Wir haben diese analogen Titel auch und wegen ihrer Online-Expertisen geholt. Damals allerdings weniger im Hinblick auf digitale Abos, sondern technische und personelle Kompetenzen. Denn um ehrlich zu sein, hatten wir in Essen noch aufs Internet geschaut, wie wir es jetzt auf KI tun: alle ahnen, das wird wichtig, aber was genau wir damit anfangen, muss sich erst noch zeigen.
Die seinerzeit auch eher noch in Homepages mit Print-Inhalten bestand als selbstständiger, geschweige denn profitbringenden Online-Auftritten.
Was haben wir da aus dem Gefühl heraus, bisher habe es doch auch analog immer gereicht, an Zeit vertan, um Dinge anzugehen, die eigentlich längst alle auf dem Tisch lagen. Da muss ich allerdings unsere Geschäftsführung in Schutz nehmen; in Unternehmensstrukturen zweier Eigentümer, die sich eher gegenseitig blockieren als sachorientiert unterhalten, war es schwer, grundlegende Innovationen voranzutreiben.
Gibt es auch unter Ihrer Führung, wo Gewinne nicht mehr an die Familie, sondern das Unternehmen ausgeschüttet werden, noch immer eine nostalgische Verbundenheit zum alten Printgeschäft mit der WAZ als Flaggschiff?
Wir feiern bald Free-Funke-Tag, an dem zwei Jahre zuvor die letzten Minderheitsanteile durch die Übernahme durch meine Geschwister und mich – und meine Mutter hält ja auch noch ein Prozent – in den Besitz einer Familie übergegangen sind. Es war ein echter Game Changer, strategische Entscheidungen fortan einvernehmlich treffen und ihre Umsetzung einfordern zu können. Bis 2021, das muss man sich mal vorstellen, gab es wegen der Ausschüttungspraxis nahezu null Spielraum für Digitalstrategien.
Das zu verändern, war Ihre ganz persönliche Entscheidung.
Ja, denn sonst – und damit zurück zu Ihrer Frage – wären wir tatsächlich weiter ein Print-Verlag mit Online-Zweitverwertung geblieben. Das hat sich zum Glück geändert. Aber weil uns klar ist, dass wir die Mittel zur Digitalstrategie unserer jahrzehntelang treuen Magazin- und Zeitungskundschaft verdanken, sind wir alle überzeugt davon, mit beidem in die Zukunft zu gehen. Das Analoge aufzugeben, wäre ebenso falsch wie zuvor die Vernachlässigung des Digitalen war.
Aber wie passt es dazu, dass Sie im Verbreitungsgebiet der Ostthüringer Zeitung, wo die physische Zustellung kaum noch kostendeckend ist, eine Kampagne zur Umwandlung analoger in digitale Abos unternehmen?
Wissen Sie – was wir in dieser logistisch schwierigen Region machen, hat doch bislang noch kein Verlag vor uns getan. Wir nötigen den Menschen, die seit Jahrzehnten OTZ lesen, nichts auf, sondern versuchen sie von unseren digitalen Produkten, vor allem den E-Papern, zu überzeugen.
Mit welchem Ergebnis?
Zugegeben – mit ernüchterndem, aber auch motivierendem. Ein Drittel der Leserinnen und Leser haben Digital-Abos abgeschlossen. Das ist nicht genug, aber ein Anfang, den der Verlag vor Free-Funke wohl nach kühler Kosten-Nutzen-Abwägung kaum fortgesetzt hätte. Wir haben diesen Aufwand trotzdem gerne betrieben, weil wir ihn Marken schuldig sind, die wir den Menschen, aber auch ihrer Region unbedingt erhalten wollen.
In einer ländlichen Region, wo das Durchschnittsalter Ihrer Kundschaft bei 60+ liegt…
Ehrlicherweise liegt es sogar bei 70+ und drüber. Das war eine Erkenntnis unserer Aktionen vor Ort. Aber die gute Nachricht ist, mit welcher Leidenschaft sie erklären, warum ihr Print-Abo so wichtig ist. Solche Basis-Informationen braucht ein Verleger manchmal mehr als so manches Digitalisierungskonzept, in dem die Liebe zur Haptik gedruckter Zeitungen oft gar nicht vorkommt. Wenn das Vorhaben, Journalismus ins Digitale zu transformieren, misslingt, dann liegt die Versuchung oft nahe zu sagen, der Markt, die Technik oder eine Chefredakteurin/ein Chefredakteur ist schuld. Dabei hat es womöglich auch mit dem Bruch des Vertrauens zu tun, das die Leserschaft in uns hatte.
Bleibt Ihr Dilemma, dass diese Leserschaft buchstäblich ausstirbt.
Und eben deshalb ist unser Anspruch, nicht ebenfalls zu sterben, sondern vor Ort mit der und für die Marke im Austausch mit denen, denen sie etwas bedeutet, Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Vertrauen derer, die glauben, wir hätten morgens ein Briefing mit der Bundesregierung, um unsere Artikel zu diktierten und der Rest sei gelogen, ist vermutlich längst verloren. Für alle anderen aber müssen wir lernen, auf der Straße für unsere Sache zu kämpfen: verlässlichen Qualitätsjournalismus.
Und wenn der Kampf um den Wechsel ins Digitale misslingt?
Es gibt – und das haben wir bei unserem Pilotprojekt ja gemerkt – Leserinnen und Leser, die aus den verschiedensten Gründen nicht auf digital umstellen wollen oder können. Und dann finden sich auch irgendwie Wege. Die OTZ zum Beispiel stellen wir dort, wo sich Austragen nicht lohnt, auf Wunsch auch später mit der Post zu.
Machen Erstellung, Druck und Vertrieb solche Medien dann zu Zuschussgeschäften?
Wir haben – bedingt auch durch Corona, Krieg, Inflation, Papier- und Energiemangel – sicher Herausforderungen. Aber von Zuschussgeschäften zu reden, von denen wir weit entfernt sind, sendet ein völlig falsches Signal nach außen, als gehe es nur um Anzeigen oder Logistik. Wir müssen über Qualität, Service, Inhalte sprechen und erst dann über Erträge oder Verbindlichkeiten, die wir Banken gegenüber natürlich haben. Dafür benötigen wir intensive Datenauswertungen, um herauszufinden, was die Leute bei uns lesen wollen.
Das wäre allerdings nachfrageorientierter Journalismus.
Nicht, wenn unser Anspruch zugleich lautet, auch dunkle Ecken der Gesellschaft zu beleuchten, auf Missstände aus seriösen Quellen, die vielleicht nicht so gut klicken wie Promi-Geschichten, aber unserem journalistischen Selbstverständnis entsprechen. Darauf konnten wir uns, genauso wie auf die Strategie digital first, trotz aller internen Querelen schon 2018 einigen. Deshalb bin ich auch optimistisch, dass wir unser Ziel erreichen, mit Regionalmedien bis 2025 eine Million Abos zu erreichen, die Hälfte davon digital.
Puh, klingt ehrgeizig…
Aber machbar. Denn es gibt auf dem Weg dorthin ja viele positive Signale. Zuletzt haben wir zum Beispiel das 100.000 ePaper gefeiert.
Im gesamten Portfolio?!
Im gesamten Portfolio der Regionalzeitungen, ja. Aber es ist ein Schritt nach vorn, der undenkbar gewesen wäre, als wir ohne Digitalstrategie auch noch untereinander zerstritten waren. Die Lage war 40 Jahre so verfahren, dass es keine einheitlichen Lösungswege gab. Digital first kam daher spät, aber rechtzeitig genug, um das Ruder noch rumzureißen. Hätten wir es nur unwesentlich verschoben, wäre uns Corona in die Quere gekommen.
Woran genau zum Beispiel?
Nehmen Sie den „Orden wider den tierischen Ernst“ für Marie-Agnes Strack-Zimmermann im letzten Karneval. Früher hätte es von ihrem Dracula-Kostüm ein Bild gegeben, Text dazu, fertig. In den digitalen Produktenkönnen wir jetzt mit Videos zeigen samt Schwenk aufs Gesicht von Friedrich Merz und damit eine Emotionalität erzeugen, die sich dann zusätzlich auch bei Tiktok oder Instagram verwerten lässt. Diese Tools können und müssen wir zwar noch viel besser vermarkten, merken aber schon jetzt, wie sie greifen. Damit werden wir unserer Verantwortung für Personal und Publikum auf zeitgemäße Art und Weise gerecht.
Fortsetzung am 31. August
Ottos Shows & schwule Väter
Posted: August 21, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
14. – 20. August
Die Printkrise hat mitunter doch auch mal ihr Gutes: G+J stellt demnächst das paläoanthropologische Ego-Fanzine Beef! ein und erspart dem vernunftbegabten Teil der Menschheit damit ein Periodikum für den eleganten Klimafrevel. Die ARD wiederum möchte dem triggeranfälligen Teil der Deutschen derweil Witze aus dem Comedy-Präkambrium ersparen, als N-Worte und ähnliche Diskriminierungen noch Schenkelklopfer waren.
Dass die Bild angesichts von Warnhinweisen auf alten Otto-Shows – bewusst irreführend – von Zensur faselt, ist dabei natürlich schon deshalb eingepreist, weil die Berichterstattung des Boulevards gern Skandale herbeipöbelt, wo gar keine sind. Im Fall von RTL war das diesmal allerdings gar nicht nötig. Weil der News-Reporter Maurice Gajda einen Tweet von Frauke Petry offenbar erfunden hat, wurde er nun freigestellt, wie es aus Köln heißt.
Drollig ist dabei nicht nur, dass die rassistische Bemerkung über einen ESC-Kandidaten exakt dem Denken der früheren AfD-Chefin entspräche, sondern die Erklärung von RTL. Gajdas Fälschung, so ein News-Geschäftsführer, schade „der wichtigen und verantwortungsvollen Arbeit unserer rund 1.300 Journalistinnen und Journalisten“, die „mit ihren Nachrichten und Magazinen tagtäglich für journalistische Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Sorgfalt“ stehen. Selten so gelacht. Und damit zu seriöseren Nachrichten als bei RTL üblich.
Mark Musk und Elon Zuckerberg kämpfen nun offenbar doch nicht den Käfigfight der Tech-Giganten aus, was allerdings nicht an Skrupeln über die archaische Art der Konfliktlösung, sondern Kommunikationspannen liege. Und damit zu etwas wirklich Berichtenswertem: Das Halbfinale der frisch beendeten Frauen-Fußball-WM gegen England, war die meistgesehene Fernsehsendung des australischen Fernsehens aller Zeiten – und auch hierzulande zeigen gut zehn Millionen Zuschauer*innen der Vorrundenpartie Deutschland gegen Kolumbien, dass sich ARZDF nächstes Mal früher die Übertragungsrechte sichern sollten.
Die Frischwoche
21. – 27. August
Und damit zum postsportlichen Geschehen parallel zur Leichtathletik-WM in Victor Orbáns Hauptstadt der faschistischen Bewegung Budapest, für die weder ARD- noch ZDF-Reporter*innen bei ihrer halbtägigen Berichterstattung bislang kritische Worte gefunden haben. Das größte, weil nahezu einzige Highlight der Woche, bietet heute Abend Neo, wo Dienstag um 22.15 Uhr die Instant-Dramedy Ready.Daddy.Go! startet.
Darin kämpft ein Homosexueller Anfang 30 verbissen um seinen Kinderwunsch, was schon für Heterosexuelle ein wilder Ritt durchs Dickicht der Adoptionsriten wäre. Schwule Männer dagegen droht da eine Verzweiflung – die Showrunner Christoph Pilsl allerdings mit feinem Humor, kluger Dialogregie und einem Ensemble von ungeheurer Spielfreude, allen voran Fridolin Sandmeyer als Hauptfigur Michl und seine strenge, aber kluge Freundin Ellie (Maike Jüttendonk).
Was dagegen vom 3893. Star-Wars-Spin-Off Ahsoka um einen der 3894. Jedi-Ritter und -ritterinnen vergangener Folgen zu halten ist, darüber müssen sich alle ab Mittwoch bei Disney+ ein eigenes Bild machen. Optisch opulent und technisch versiert jedenfalls ist die Serie. Objektiv hochinteressant ist demgegenüber das ARD-Experiment Bäm!, ein vollanimiertes Stück über die vollanimierte Comic-Szene, die uns ab Donnerstag in der Mediathek über die Geschichte dieser wirkmächtigen Popkultursparte.
Birdy, Genesis Owusu, Jungle
Posted: August 19, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBirdy
Groß ist sie geworden. Laut ist sie geworden. Reif ist sie geworden. Schnell ist sie geworden. Fresh ist sie geworden. Nur eines ist das ewige Riesentalent Birdy nicht: schlechter als damals, zarte 15 Jahre jung, bei ihrem selbstbetitelten Debüt mit einer exzellent kuratierten Sammlung frei interpretierter Songs anderer, die das selbsterklärte Vögelchen Jasmin van de Bogaerde 2011 zum Shootingstar des Dreampop machte.
Mit Portraits ist jetzt ihr fünftes Album erschienen, und auch auf den drei zuvor hatte sie sich zwar vom Covern emanzipiert. Erst jetzt allerdings gelingt ihr wirklich, jene Art von Eigensinn massentauglich zu machen, der Birdys Werk seit jeher prägt. Und so klingen die elf neuen Stücke zwar bisweilen nach einer Mischung aus Weeknd und Tori Amos, aber sie tun es im Brustton ihrer gehaltvollen Stimme ungeheuer gut und kräftig.
Birdy – Portraits (Warner)
Genesis Owusu
Wie ein Album beginnen sollte, ist seit jeher Anlass lebhafter Diskussionen. Langsam aufwallen oder fix auf die Zwölf, Hits voran oder zum Abschluss, erst fördern oder fordern? Nobody knows, also auch Genesis Owusu nicht, weshalb das Auftaktstück seiner zweiten Platte Struggler eine ebenso komplexe wie simple Antwort gibt: Zu Beginn einfach alles, was dieser abwechslungsreichste aller Avantgarde-Rapper in petto hat.
Eleganz und Tempo, Poesie und Punk, Techno und HipHop: Leaving the Light semmelt sofort das halbe Repertoire des australischen Grenzgängers durchs Repertoire und hält auch danach ein Potpourri verschiedenster Stile bereit, die selbst im experimentierfreudigen Sprechgesang ihresgleichen sucht. Bisschen durcheinander das Ganze vielleicht, aber ehrlich: man kriegt davon auch beim fünften Durchhören in Folge nie genug.
Genesis Owusu – Struggler (Ourness)
Jungle
Das dies auch für Jungle gilt, darf einem ruhig etwas peinlich sein. Mit mehr als einer Milliarde, in Zahlen 1.000.000.000 Streams zählt das englische Duo aus dem wirkmächtigen Bereich des elektronischen Pops zu den absoluten Abräumern im seelenlosen Musiknetz. Jedes Sample präzise berechnet, jeder Groove exakt auf den Punkt, jeder Track gezielt ins Kleinhirn, dort also, wo das Tanzbein mit oder ohne Drogen zu schwingen beginnt.
Und was soll man sagen: Motown Soul so virtuos mit Future Funk zu mixen – dazu bedarf es am Ende zwar vor allem guter Algorithmen, aber ebenso richtig Lust auf Party, die Jungle auch auf der vierten Platte seit 2014 perfekt bedienen. Volcano ist nicht nur auf zeitgenössische Art nostalgisch, sondern besser noch – auf traditionelle Art so zukunftsweisend, dass es mehrere Generationen Musikgeschmack verbindet. Masse muss man nicht immer madig machen.
Jungle – Volcano (Caiola Records)
154 Sendungen & 37 Sekunden
Posted: August 14, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
1. – 13. August
Am 25. November endet ein Zeitalter, ach was: eine Ära. Nach 154 Sendungen in 36 Jahren moderiert Thomas Gottschalk zum letzten, also wirklich echt und ganz, ganz sicher allerallerletzten Mal Wetten, dass…? – zumindest, bis das ZDF wieder vor seiner Tür scharrt oder Joko & Klaas endlich Lust aufs öffentlich-rechtliche Vollversorgungspferd verspüren. Ansonsten heißt Twitter nun zwar X, aber sonst ändert sich nix.
Amerikas Drehbuchautorinnen und -autoren streiken und streiken und streiken nun sogar mit tatkräftiger Hilfe ihrer Stimmen vom Schauspiel. Til Lindemann findet den Spiegel schlimmer als die Bild und sagt das im Cicero, den alle links der ganz Salonrechten wohl schlimmer finden als FAZ und Welt, die wiederum nichts gegen Junge Freiheit oder Compact sind, von denen sich die Lindemanns unserer misogynen Gegenwart gewiss besser publiziert fühlen als, sagen wir: von taz und SZ.
Der neue, alte, ewige Disney-Chef Bob Iger erklärte das Geschäfts-, ergo: Ertragskonzept neuer, alter, seiner Ansicht nach überkommener Medien wie das lineare Fernsehen unterdessen für kaputt, also kaputter als jenes von Disney+, dessen Programmangebot für sich genommen hochdefizitär wäre, würde es nicht vom Gesamtkonzern so freigiebig querfinanziert werden, aber das ist aus turbokapitalistischer Sicht ebenso Erbsenzählerei wie die Sache mit der Kriminalstatistik.
In der kommen Kapitalverbrechen auf ganze 0,1 Prozent, also eine von 1000 Straftaten und das auch nur, da Mord & Totschlag angezeigt werden, häusliche Gewalt hingegen nur selten. Warum das hier steht? Weil Regina Schilling mit Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann nach Kulenkampffs Schuhe abermals brillant das hiesige Nachkriegsfernsehen seziert und – in der ZDF-Mediathek – zeigt, wie Aktenzeichen XY Deutschland zumindest außerhalb der eigenen vier Wände zur Hölle unartiger Frauen erklärte.
Die Frischwoche
14. – 20. August
Dass die Gefahr gewalttätiger Übergriffe eher im häuslichen Umfeld lauert, beweist ab Dienstag der ARD-Sechsteiler 37 Sekunden, in dem die junge Leonie (Paula Kober) vom älteren Vater (Jens Albinus) ihrer besten Freundin (Emily Cox) vergewaltigt wird – so lautet wenigstens ihre Version. Nach dem famosen Drehbuch von Julia Penner und David Sandreuther gelingt es Regisseurin Bettina Oberli jedoch, Interpretationsspielräume offen zu halten, ohne der missbrauchten Frau die Solidarität zu verweigern.
Ein kleines Glanzstück.
Besser sogar als die flämische SciFi-Serie Arcadia um eine Near Future, in der sich alles um den Social Score genannten Gesamtwert digitaler Daten total durchleuchteter Menschen dreht. Das erinnert zwar stark an Black Mirror, entfaltet ab Freitag in der ARD-Mediathek aber emotionalere Wucht, weil es auch darum geht, wie viel Solidarität in dieser Dystopie denkbar ist.
Apropos durchleuchten: An selber Stelle porträtiert die WDR-Doku Off Cam ab morgen aktuelle oder künftige Twitch-Stars, die auf der früheren Gaming-Plattform alles offenbaren, um Reichweite, ergo: Einnahmen zu erzielen. Ein Leben in der Matrix, könnte man mit dem Titel des Themenschwerpunktes Cyberwelten parallel auf Arte sagen. Eines also, das seinen Anfang gewissermaßen in einer großartigen MTV-Doku fand.
Denn Reinventing Elvis erzählt ab Mittwoch bei Paramount+ davon, wie der King of Rock’n’Roll 1968 mit viel PR aus der Versenkung geholt und damit zum Grundstein einer explodierenden Popkultur hochgejazzt wurde. In der wurden langfristig Serien wie The Rightous Gemstones um eine Familie evangelikaler Turbokapitalisten gestaltet, die Sky ab Freitag in Staffel 3 schickt.
Und selbst Massenmörder sind mittlerweile ein popkulturelles Massenphänomen. Die BBC-Serie Wolf widmet ihm daher zugleich den nächsten Sechsteiler, während sich Amazon Prime mit Shelter auf das Boomthema Coming-of-Age stürzt, gepaart mit dem Boomthema Psychiatrie. Und weil mittlerweile alles im Mainstream schwimmt, findet sich dort sogar Platz fürs queere US-Filmfeuerwerk Tangerine L.A., ab morgen, 22.45 Uhr, im RBB.
Christines Schneider & Roccos Brüder
Posted: July 10, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
3. – 9. Juli
„Wie Ihr wisst, zieht das ARD-MiMa 2024 nach Leipzig. Ich werde die Sendung dann leider nicht mehr moderieren. Laut MDR-Chefredakteurin soll die künftige Moderation einen ost- deutschen Hintergrund haben. Das muss ich so akzeptieren und wünsche den Kolleg*innen viel Erfolg“ – so haben Nadia Kailouli und Aimen Abdulaziz-Said ihren Rausschmiss beim Mittagsmagazin wortgleich getwittert.
Da werden ja wohl nur linksgrünversiffte Woke-Faschisten das Gefühl nicht los, exotisch klingende Nachnamen hätten die Trennung, zumindest – hüstel – nicht gebremst. Was für die ARD spricht: Sie trennt sich parallel von der sehr, sehr ostdeutschen Bäckereifachverkäuferin Sanftleben, deren Tina Mobil vor zwei Jahren grimmepreis-prämiert durch Brandenburg rollte. Folge: Aus nach Staffel 1. Ihr Aus nach fast zwölf Jahren heute-show dagegen kam für die Komikerin Christine Prayon freiwillig.
Hundertfach hat sie als Außenreporterin Birte Schneider bundesdeutschen Realwahnsinn kommentiert. Jetzt wurde der Komikerin Oliver Welkes linksgrünversifftwoke Querdenkenfeindseligkeit zu viel, was man inhaltlich nicht gutheißen, angesichts der Gegenwinde, die einer AfD-affinen Stimme aktuell entgegenschlägt, aber respektabel finden sollte. Immerhin droht ihr für so viel Offenheit hierzulande nicht das Schicksal von Jelena Milaschina.
Die russische Investigativ-Journalistin wurde in Tschetschenien Opfer eines brutalen Angriffs, der sogar dem Regime ihrer Heimat womöglich ein gaanz klein wenig zu weit ging. So weit sind wir hier nicht. Noch nicht. Denn was es mit der Demokratie anstellt, wenn – wie der Medienverband BDZV prognostiziert – bis 2025 zwei von fünf Kommunen in Deutschland keine eigene Zeitung mehr haben, könnte es langsam eng werden für den Meinungspluralismus.
Bereits heute zu eng wurde es für Zero One Film, die mit Formaten wie 24h Berlin oder Kulenkampffs Schuhe Fernsehgeschichte geschrieben haben. Jetzt meldet die Produktionsfirma Insolvenz an und hinterlässt Lücken, die schwer zu füllen sind. Schon gar nicht mit Importen, die oft so fürchterlich übersetzt werden, dass man gute Transkriptionen wie Peripherie oder The Marvelous Mrs. Maisel, die zurecht den Deutschen Synchronpreis 2023 erhalten hat, lange suchen darf.
Die Frischwochen
10. Juli – 6. August
Da kann man ja nur froh sein, dass die Fortsetzung der RTL-Serie König von Mallorca im Originalton laufen kann. Vorm Qualitätsabfall der ersten Staffel allerdings bewahrt das den Ballermann-Historismus allerdings ab Dienstag auch nicht. Ähnliches gilt – mal ganz abgesehen von der lausigen Synchronisation – fürs Apple-Drama The Afterparty, das ab Mittwoch ebenfalls weitergeht.
Zeit der Fortsetzungen also, unter anderem fürs ebenso epische wie originelle SciFi-Monument Foundation, mit dem Apple voriges Jahr für Aufruhr gesorgt hatte und nun Freitag neue Folgen feiert. Ähnlich nebulös, aber vollkommen im Hier und Jetzt angesiedelt ist hingegen die italienische Mysteryserie Survivers um Überlebende eines Schiffsunglückes mit allerlei Geheimnissen (Sonntag, ZDF-Neo).
Und damit zur Realität, besser gesagt: ihrer Auslegungssache. Während die SR-Doku Rocco und seine Brüder am Mittwoch das gleichnamige Guerillakunst-Kollektiv bei der meist illegalen Arbeit über und unter Berlin verfolgt, was von dialektischer Wahrhaftigkeit ist, gaukelt uns Paramount+ zwei Tage später das klebrige Surrogat der Wirklichkeit vor, wenn dort The Family Stallone startet.
Offiziell eine Homestory vom schlagkräftigen Sylvester und seinen drei Töchtern, ist die zehnteilige Reality-Show eine derart durchschaubare, bedingungslos kapitalistische, auf drollige Art reaktionäre PR-Sause, dass man doch lieber das Original der Kardashians schauen sollte. Und weil freitagsmedien drei Wochen Urlaub macht, ebenso viele Abschlussempfehlungen stichwortartig:
- Juli, ARD-Mediathek: Die nettesten Menschen der Welt – Mysteryserie, die unsere inneren Ängste so wirr und zugleich schlüssig in sechs Anthologien verzahnt, als käme es gar nicht aus Deutschland.
- Juli, ZDF: Karen Pirie, nächste Reihenermittlerin aus UK (Schottland), die auf der Jagd nach einem Cold Case nicht nur auf Mörder, sondern gläserne Decken stößt.
- August, ARD-Mediathek: 37 Sekunden, Dramaserie um die Rammsteinaktuelle Frage, ob sich Vergewaltigungen zweifelsfrei nachweisen lassen – und wie dies Verneinung politisch missbraucht wird.
Horn-Gelächter & Tour-Dokumentationen
Posted: June 26, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
19. – 25. Juni
Alle schweigen, keiner lacht – hat Marion Horn etwa Witze gemacht? Als sie der Bild-Belegschaft mitteilte, Teile ihrer Arbeit würden künftig von KI und Computern ersetzt und deshalb sechs der 18 Regionalausgaben im Zuge weitreichender Sparmaßnahmen (für einfache Angestellt, nicht das hochbezahlte Management natürlich), wirkte die Chefredakteurin als einzige im Raum amüsiert und kicherte grob, wie ein Video zeigt. Zur Erklärung gab sie zum Besten, „Lachen muss erlaubt“ sein. Witzig.
Ungefähr so wie Bayerns LKA, das die nazikommunistischen Klima-Djihadistenantichristen der Letzten Generation härter anpackt als den NSU, gezielt Pressehotlines abhört und damit auch Gespräche journalistischer Art. Oder so witzig wie die stochastische Dehnübung des Testosterontoxikologen Thomas Stein, der Til Lindemanns Machtexzesse in Louis Klamroths versemmelter #MeToo-Ausgabe von Hart, aber fair sinngemäß damit verteidigte, bei 300.000 Konzertgästen seien 100 Vergewaltigungen doch eigentlich eine Spitzenquote, also absolut hinnehmbar.
Auch das ähnlich witzig wie ein Gastbeitrag von Steins Giftküchenlaborant Bruno Jonas, einst angeblich Kabarettist, dessen Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung, folgerichtig unterzeichnet von der Querdenkerin Monika Gruber, rechte Satire rechtfertigt. Ein Gedanke, den das Medienportal Meedia demnächst nicht mehr kommentieren könnte, nachdem es witzigerweise Insolvenz angemeldet hat.
Damit im Ringen um die Pointe der Woche aber dennoch dem Ersten unterliegt, dessen Sportschau womöglich nach 62 Jahren Geschichte sein könnte, wenn die DFL ihre Drohung wahrmacht, dem Bundesliga–Topspiel am Samstag so viel Exklusivität beimessen zu wollen, dass die Fußballhäppchenlegende quasi parallel zum aktuellen sportstudio laufen müsste. Das wiederum fände Lea Wagner womöglich nur so bedingt lustig.
Als Teil der großen ARD-Personalrochade soll die Wintersportexpertin schließlich Jessy Wellmer beerben, die anstelle bei den Tagesthemen dafür den Job von Caren Miosga übernimmt, die wiederum anstelle von Anne Will den Sonntagstalk moderieren wird und damit das Hochamt der deutschen Stuhlkreispolitik, was für reichlich Medienrummel sorgt und einmal mehr beweist, dass sinkende Relevanz noch lange nicht für sinkende Aufmerksamkeit sorgen muss.
Die Frischwoche
26. Juni – 2. Juli
Womit wir, bisschen holpriger, aber geradliniger Übergang, bei der 192. Fortsetzung von Sex and the City wären, die gerade abermals unterm Titel And Just Like That bei Sky Diversity, Wokeness, Emanzipation und Sinnhaftigkeit simuliert, am Ende aber doch wieder nur ein immerwährender Werbespot für besinnungslosen Luxuskonsum ist. Zu dumm, dass der Sommer zwar kein ganz so großes Fernsehloch wie früher gräbt, aber dennoch wenig zu bieten hat.
Mangels echter Empfehlungen gibt es daher jetzt eher ein emotionsloses Potpourri der Neustarts. Angefangen mit der Netflix-Doku Eldorado, die ab Mittwoch immerhin ein vielfach verdrängtes Kapitel im dicken Band deutscher Menschenverachtung beleuchtet, nämlich das, was heute LGBT+ heißt, unterm Hakenkreuz. Parallel dazu setzt Sven Voss seine True-Crime-Reihe XY Gelöst mit vier Folgen in der ZDF-Mediathek fort.
Apple TV+ startet derweil den Echtzeit-Thriller Hijack um eine Flugzeugentführung im 24-Stil, bevor die ARD-Mediathek tags drauf zum Start des wichtigsten Radrennens überhaupt den Dreiteiler Mythos Tour bringt, der allerdings verglichen mit dem grandiosen Netflix-Achtteiler Unchained, zu Deutsch: Im Hauptfeld geradezu kümmerlich daherkommt – was der Streaming- und Fernsehpodcast Och, eine noch in seiner neuen Folge übrigens genauer ausarbeitet.
Und damit zur einzigen, wirklich bemerkenswerten Neuerscheinung der Woche, die dann auch noch vom Kino kommt: Bulldog, das 90-minütige ARD-Debüt des Filmemachers André Szardenings, in dem ein wunderbares Ensemble aus Lana Cooper, Julius Nitschkoff und Karin Hanczewski am Sonntag (23.20 Uhr) im Ersten eine auf zurückhaltende Art raumgreifende Dreiecksbeziehung im deutschen Prekariat auf Ibiza verkörpert. Und weil das montagsfernsehen nächste Woche ausfällt, noch in Kürze vier langfristige Tipps:
Kizazi Moto, ab 5. Juli bei Disney+, zehnteilige Anime-Anthology von Kreativen aus sechs Ländern, die sich Afrikas Zukunft zwischen Tradition und Afrofuturismus ausmalen
The Ex-Wife, ab 7. Juli bei Paramount+, amerikanische Psychothrillerserie
Legend of Wacken, ab 7. Juli bei RTL+, grandioses, realsatirisches Biopic über die Gründer des legendären Metal-Festivals
Then You Run, ab 7. Juli bei Sky, feministische Drogenthrillerserie um eine Gruppe Teenagerinnen auf der Flucht durch halt Europa

