Weißer Papst & Murderbot

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Mai

Huch, es ist ein weißer, alter, heterosexueller Mann geworden! Da drängt sich doch glatt der Verdacht auf, auch sonst – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich – gäben die Geschlechtsgenossen des neuen Papstes den Ton an. Doch kaum, dass man Pius XIV. auf seinen Konservatismus hin durchleuchtet, werden nicht nur trumpkritische Tweets des amerikanischen Stellvertreter Gottes publik. Auf seiner ersten Pressekonferenz kämpft er auch vehement für die journalistische und Rede-Freiheit in aller Welt.

Ein guter Start also für den Hirten der 1,5 Milliarden Katholiken und Katholikinnen abseits der MAGA-Blase und Faschofanclubs. Für ARD und ZDF, aber auch Privatsender und Streamingdienste, stellt sich derweil die Frage: Mit Nazis reden oder nicht? Auch nach der Entscheidung des Verfassungsschutzes, die AfD zwar rechtsextrem einzuordnen, aber nicht mehr offiziell zu nennen, wird das Zweite die Präsenz ihrer Funktionäre im Programm „überdenken“.

Das Erste dagegen will „an geeigneter Stelle“ auf deren Gesinnung hinweisen, ihre Partei aber weiterhin „abbilden“. Für ProSiebenSat.1-Chefredakteur Sven Pietsch indes ändere die Einstufung „nichts an unserer journalistischen Grundhaltung“, während RTL den Umgang mit der AfD „nicht abschließend geklärt“ habe. Gut, vorerst haben beide rein informationell ja auch genug mit der Verarbeitung des plötzlichen Todes von Naddel el-Faraq zu tun. Gibt halt wichtigeres als Faschismusgefahren.

Sofern dafür noch genügend Personal vorhanden ist. Denn ProSiebenSat1 streicht, wie unlängst publik wurde, 430 Stellen und plant Sparziele von 80 Millionen Euro – ein knallharter, vermutlich allerdings schwer vermeidbarer Einschnitt angesichts stetig sinkender Werbeeinnahmen. Aber gut Joko & Klaas gegen ProSieben (Mittwoch) oder Germany’s Next Topmodel (Donnerstag) bleiben ja Reklame-Cashcows.

Die Frischwoche

12. – 18. Mai

Ansonsten ist aus dem Süden nichts neues im Angebot der Woche zu finden. Das füllen also andere. Amazon Prime zum Beispiel mit der bemerkenswerten College-Serie Overcompensating, die ab Donnerstag oberflächlich an Highschool-Klamauk der Nullerjahre andockt. Dank einer schwulen Hauptfigur beim Überkompensieren fehlender Heterosexualität aber deutlich diverser und damit gehaltvoller ist als alle Folgen American Pie zusammen.

Ebenfalls in der Tradition vergleichbarer Fiktionen steht die Apple-Serie Murderbot tags drauf. Analog zu SciFi wie Westworld oder I, Robot spielt Alexander Skarsgård darin einen Sicherheits-Cyborg, der ein Bewusstsein entwickelt, das aber mal besser für sich behält, um nicht recycelt zu werden. Klingt drollig, ist pfiffig, vor allem aber sehr philosophisch und damit sehenswert. Wie die joyn-Mockumentary Messiah.

Florian Lukas spielt darin zeitgleich einen Ballermann-Barden, der Jahre nach seinem One-Hit-Wonder zurück ins Rampenlicht will und es dabei komplett an Selbstreflexion mangeln lässt. Schon witzig, wenngleich deutlich unterm Kotzbrocken-Niveau von Stromberg. Richtig großartig ist demgegenüber der Netflix-Sechsteiler Das Reservat um eine Kopenhagener Gated Communitiy, in der ein philippinisches Hausmädchen verschwindet und Abgründe der oberen Zehntausend Dänemarks zutage fördert.

Parallel dazu stellt die ARD das Dokudrama Stammheim in ihre Mediathek. Genau 50 Jahre nach dem Beginn der dortigen RAF-Prozesse, zeigt es ungeheuer eindringlich, wie die Gefangenen im Hochsicherheitsgefängnis agiert haben. Auf der radikal anderen Seite ideologischer Gräben blickt Sky am Donnerstag drei Teile lang aufs Nazi-Kartell, in dem der NS-Verbrecher Klaus Barbie nach seiner Flucht einen südamerikanischen Narco-Staat gründen half.

Weniger diktatorisch, aber keineswegs demokratisch geht es in der ZDF-Mediatheken-Doku Trophy Men über die Gründung der Champions League zu. Und als Abbinder für Nostalgiefans: Samstag kehrt der legendäre Anwalt Matlock mit weiblicher Besetzung 19 Folgen lang bei Sky zurück. Schon weil sie von der Oscar-Preisträgerin Kathy Bates gespielt wird, könnte das aber auch etwas für die Generationen Y bis Z sein.


Jana Burbach: Bad Banks & Parallel Me

Die Goldgräberstimmung ist vorbei

Seit ihrem Welterfolg Bad Banks ist die Autorin Jana Burbach (Foto: Sucheep Homsuwan/Paramount+) in der Drehbuchbranche heiß begehrt. Warum sie sich für die Paramount-Serie Parallel Me entschieden hat und wie man realistische Mystery für Streamer schreibt, erzählt die 39-jährige Münchnerin im Interview des KNA-Mediendienst im Interview

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Jana Burbach, wenn Sie selbst einen Schal hätten, mit dem sich Tony in Ihrer Paramount-Serie Parallel Me in andere Existenzen ribbeln kann – welche wären das?

Jana Burbach: Zurzeit keine, dafür bin ich als Autorin viel zu glücklich. Früher hatte ich natürlich andere Berufswünsche, die ich auch ausprobiert habe. Schauspielerin zum Beispiel oder Regisseurin.

Keine grundsätzlich anderen Berufe allerdings wie Feuerwehrfrau oder Astronautin…

Stimmt. Aber Drehbuchschreiben, hat bei mir vor zehn Jahren am meisten geklickt. Und weil ich hier sogar erstmals das Showrunning gemacht, Musik und Kostüme ausgesucht, mit dem Cast kommuniziert, also gewissermaßen Regieaufgaben und sogar eine kleine Rolle übernommen habe, bin ich abgesehen von ein wenig Erholung gerade wunschlos glücklich.

Und dann ist die Story, mit magischer Hilfe in parallele Identitäten zu schlüpfen, auch noch mit ihrer eigenen Biografie verlinkt.

Da speist sich einiges aus meiner Geschichte, ja. Weil ich seit meiner Zeit am Theater sehr ans kreative Kollektiv glaube, ist vieles noch im Writers Room entstanden. Die Popstar-Episode hat zum Beispiel auch damit zu tun, dass meine Mutter Sängerin ist und mich diese Welt interessiert. Die Realität hat aber auch die der Produktion beeinflusst. Die Geschichte um die japanische Mutter haben wir etwa mit Malaya Stern Takeda entwickelt, nachdem sie als Toni gecastet war. Die Entwicklung war also schon sehr lebendig.

Gibt es analog zum Method Acting von Lee Strasberg also auch so etwas wie Method Writing, das vor allem aus dem Leben des Autors schöpft?

In jeder Form des fiktionalen Schreibens steckt doch irgendeine Lebenserfahrung. Von nichts kommt nichts. Das gilt aber auch für die Vorbereitung. Christian Schwochow…

Für den Sie Teile der Drehbücher zu Bad Banks verfasst haben.

… spricht von sinnlicher Recherche, die sich nicht nur aus Texten und Büchern anderer speist, sondern aus eigener Erfahrung. Um zu verstehen, wie die Leute in der Finanzbranche denken, reden, ticken, sich kleiden, haben wir bei Bad Banks eng mit einem Ex-Banker als Berater zusammengearbeitet. Ein Bank-Praktikum war leider nicht möglich. Man kann auf jeden Fall über Dinge schreiben, die man nicht selbst erlebt hat, aber man sollte dann eng mit Menschen kooperieren, die die entsprechende Lebenserfahrung haben.

Andernfalls wäre ihr Portfolio auch unmöglich gewesen. Sie haben von der Milieustudie Bad Banks bis zur Fantasy-Serie Tribes of Europa eine enorme Bandbreite! Wo ist da der rote Faden?

Das wird ja fast tiefenpsychologisch (lacht). Bei Just push Abuba und Parallel Me finden sich jedenfalls mehr Gemeinsamkeiten, weil beides auf meiner Initiative beruht, während mir alles andere angeboten wurde. Ein gemeinsamer Nenner ist Neugier. Sie geht so weit, dass ich Bad Banks ohne die geringste Ahnung vom Finanzwesen gemacht habe oder Die Heiland mit wenig Vorkenntnissen über Blindheit (lacht). Mich fasziniert das Unbekannte.

Eine weitere Gemeinsamkeit war bis auf die Netflix-Serie Tribes of Europa, dass alles öffentlich-rechtlich war. Worin bestehen die grundlegenden Unterschiede zu Streamern?

Als die neu waren, gab es eine Art Goldgräberstimmung, weil sie sehr schnell viel Content gebraucht haben. Den kompletten Produktionsauftrag zu Tribes of Europa haben wir wegen eines kurzen Pitch-Papiers bekommen. Da hieß es oft: macht einfach, los! Das ist öffentlich-rechtlich anders, wo die Entscheidungsprozesse langwieriger sind, man aber auch eine ganz andere Verantwortung trägt – für Rundfunkbeiträge des Publikums oder politische Anliegen. Dafür haben Streamer den Anspruch, auf einem heillos überfüllten Markt gut zu unterhalten. Deshalb ist auch bei denen die Goldgräberstimmung mittlerweile vorbei.

Die großer Entertainment-Konzerne Disney, Apple oder jetzt Paramount schütten ihre Plattformen auch nicht mehr mit Geld zu?

Schon vor Corona nicht mehr. Weil längst Bedenken und Vorsicht herrschen, sind wir vorläufig auch das letzte deutsche Original von Paramount+. Bei den Öffentlich-rechtlichen herrschen nochmals andere Sparzwänge und Ängste, aber es gab einfach zu schnell zu viele Streamer, da wird der Markt jetzt wieder deutlich kleiner. Die Euphorie ist ein wenig verflogen.

Bleibt die kreative Freiheit, von der häufig die Rede war, dort dennoch größer?

Ich fand nie, dass die Freiheiten dort größer waren. Die Einschränkungen sind einfach andere. Die Öffentlich-Rechtlichen kannten ihr Publikum aus langjähriger Erfahrung einfach besser und wussten ziemlich genau, was es von ihnen will. Gerade, weil die Zuschauer im Schnitt älter sind, ging es viel um gute Verständlichkeit und die richtigen Werte. Dass Die Heiland keine Kinder will, wäre bei Netflix kaum diskutiert worden. Bei ARD und ZDF überwiegt eben die Sorge, das Publikum zu überfordern, bei den Streamern hingegen, das Publikum zu langweilen. Deshalb sind die ersten 90 Sekunden dort so ungemein wichtig. Ich finde das aber auch gar nicht so schlimm.

Ach…

Je mehr sich Redakteure beider Plattformen um ihren Markt kümmern, desto besser kann ich mich um meine Geschichten kümmern. Ansonsten müsste ich die ganze Zeit nebenher Marktforschung betreiben.

Schreiben Sie den Markt und seine Zielgruppen trotzdem ein Stück weit mit?

Ich versuche hauptsächlich intuitiv und leidenschaftlich an Projekte ranzugehen. Ich will nicht zu strategisch sein oder irgendwie Dienst nach Vorschrift machen. Selbst wenn ich wie bei Bad Banks in ein bestehendes Projekt einsteige, suche ich darin Aspekte, die mich brennend interessieren.

Fühlen Sie sich von Branche, Publikum, Kritik eigentlich ausreichend wertgeschätzt?

Heutzutage eher, das hat sich in Deutschland gewandelt. Initiativen wie „Kontrakt 18“ haben dazu beigetragen, das Drehbuch als Basis von allem im Bewusstsein zu verankern. Das ist angesichts der Relationen wichtig. Eine teure Perücke kostet bei uns mitunter mehr als das erste Konzept, kein Witz. In Dänemark fließen durchschnittlich zehn Prozent des Budgets in die Drehbuchentwicklung, in Deutschland ungefähr drei. Das verstehe ich schon deshalb nicht, weil eine große Geschichte auch mit kleinem Budget gut werden kann. Umgekehrt wird das schwierig.

Könnte die relativ neue Entwicklung des Showrunnings, das zwingend am Drehbuch, aber nicht an der Regie beteiligt ist, die Relation verbessern?

Total! Showrunning bedeutet letztlich, uns Autoren zuzutrauen, Produktionsprobleme lösen zu können und die Qualität der Geschichten ins Zentrum zu rücken. Durch die vielen Außen- und Auslandsaufnahmen hatte Parallel Me gehörige Engpässe, die manchmal nur mit einer frischen Idee übers Drehbuch zu bewältigen waren.

Welche Vor- und Nachteile hat da dann das Arbeiten im Writers Room?

Zunächst sitzt man viel zusammen, damit alle die gleiche Geschichte im Kopf haben. Dann wird die Arbeit aufgeteilt – in diesem Fall jeder zwei Folgen, ich auch. Als Headautorin überarbeite ich aber auch noch die Bücher der anderen, bin also bis zuletzt verantwortlich für die Qualität des Ganzen.

Am Ende wird also nicht durch sechs geteilt?

Das Budget wird schon geteilt, aber fürs Headwriting gibt’s was obendrauf.

Hatte die Entscheidung, mit Parallel Me Mystery zu machen, eigentlich auch damit zu tun, dass sie made in germany seit Dark auch international wahnsinnig erfolgreich ist?

Ich hatte schon länger die Geschichte einer extrem wandelbaren Frau, die sich ständig anpassen muss, im Hinterkopf. Ursprünglich ging es um Wohnungsumzüge, also Neuanfänge. Weil ich Und täglich grüßt das Murmeltier so liebe, wollte ich den wiederkehrenden Tag von Phil aber in immer neue Biografien von Toni umdrehen. Ein übernatürlicher Kniff erlaubt es, existenzielle Fragen unterhaltsam zu stellen. Das war keine Marktstrategie.

Sondern?

Der Wunsch die bestmögliche Geschichte zu erzählen.


80. Jahre Kriegsende: Gedenken & Verdrängen

Opfer nach Mitternacht

Wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs heute zum 80. Mal jährt, gleicht das Fernsehgedenken irritierend genau jenem zur ähnlich alten Auschwitzbefreiung im Januar: die großen Sender zeigen business as usual und verdrängen echte Aufarbeitung in die Nische. Ein Erinnerungsüberblick am Bildschirm.

Von Jan Freitag

Der Krieg ist ein furchtbares, aber auch faszinierendes Geschäft. So wenig sich irgendjemand darin durchschlagen möchte, übt er doch einen Sog aus, der am Bildschirm geradezu kriegslüstern wirkt. Ende der Neunzigerjahre etwa, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen förmlich überlief vor Hitlers Soldaten, Volk, Schlachten und Hofstaat. Als Chef der ZDF-Abteilung für Zeitgeschichte, ließ Guido Knopp damals reihenweise Sach- oder Spielfilme drehen, gerne in der Mischform Dokudrama. Es glich einer Sucht. Und fast alle großen Kanäle waren ihr verfallen.

Weil Abhängigkeiten jeder Art eher destruktiv sind, ist es daher zu begrüßen, dass von ARD und ZDF bis RTL und Sat1 alle geheilt sind. Auch heute ist die Zahl militärischer Stoffe demnach überschaubar. Besser: ausgerechnet heute. Denn am 8. Mai 1945 ging mit Deutschlands bedingungsloser Kapitulation der Zweite Weltkrieg zu Ende. Genau 80 Jahre später, ein Tag von epochaler Tragweite, sind sie alle nahezu frei von inhaltlicher Erinnerung an damals. Während Privatsender Interesse nicht mal heucheln, indem sie bellizistische Blockbuster zeigen, delegiert ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz das Gedenken in die Nische der Spartenkanäle und Dritten Programme.

Das hat System – kennzeichnet es doch ziemlich exakt die Arbeitsteilung vom 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung vor gut drei Monaten. Am Montag hat die ARD ihren Dokumentarplatz nach den Tagesthemen zwar der animierten Oral History Hitlers Volk – Ein deutsches Tagebuch 1939 bis 1945 geräumt, die als verlängerter Vierteiler in der Mediathek steht. Ansonsten aber fand nur das Volkssturm-Melodram Die Freibadclique am Mittwoch den Weg ins lineare Hauptprogramm. Und im Zweiten? Läuft ein Neoheimatfilm der Reihe Lena Lorenz, bevor es nach Mitternacht doch etwas Gedächtnisfutter gibt.

Christian Lerchs Drama Das Glaszimmer begleitet eine Kriegerwitwe und ihr Kind auf der Flucht durchs Chaos der letzten Kriegstage ins Münchner Umland – und auch das hat System. Denn wer sich das Angebot dieser Tage so anschaut, findet viele Täterperspektiven, aber kaum Opferperspektiven. Gestern etwa warf Neo mit Oliver Hirschbiegels Der Untergang und Dennis Gansels Napola anspruchsvolle, aber einseitige Blicke auf nationalsozialistische Verbrechen. Der rbb dagegen gedenkt heute fast ganztägig des 8. Mai, tut dies allerdings mit Überbetonung auf die letzten Gefechte der Reichshauptstadt.

Wenn er zwischen Kinder der Flucht (13.10 Uhr) und Nestwärme – Mein Opa, der Nationalsozialismus und ich (22.10 Uhr) in Bernhard Wickis Die Brücke (20.15 Uhr) von 1959 gipfelt, auf der es ausnahmslos um Wehrmachtseltern und Volkssturmkinder geht, wird das Dilemma des Kriegsende-Gedenkens offenkundig. Anders als am 27. Januar geht es am 8. Mai schließlich um beide Seiten – Angreifer und Angegriffene des verlustreichsten Kriegs der Geschichte. Die Täter dabei auszublenden, wäre nicht nur lückenhaft, sondern fahrlässig.

Umso mehr fällt auf, wie die linearen Regelprogramme ihren Fokus vom Objekt aufs Subjekt verschieben, also das Gegenteil ausgewogener Aufarbeitung leisten. Der WDR etwa sendet um 22.45 Uhr in der Reihe Menschen hautnah die Doku Wir Kriegskinder. Erste, nicht zweite Person Plural. Als ginge es um uns allein. Der NDR macht den Bock sogar noch ein wenig mehr zum Gärtner und zeigt das Primetime-Dokudrama Der Norden zwischen Petticoat und Spätheimkehrern. Letztere übrigens eine Lieblingszielgruppe des Erinnerungsfernsehens – gut zu beobachten am Abend im Hessischen Rundfunk.

Nach Gebaut aus Trümmern – 80 Jahre Kriegsende in Hessen um neun, begibt sich das Reportageformat Re 60 Minuten auf die Spur der kriegsgefangenen Väter. Phoenix dagegen beschränkt sich im Themenschwerpunkt Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs auf militärstrategische Themen. Das ist legitim, aber auch angemessen? Nicht annähernd so sehr wie der dreiviertelstündige Rückblick auf Richard von Weizsäckers Bundestagsrede vor genau 40 Jahren, den der rbb leider erst 23.45 Uhr vornimmt. Dass er die Kapitulation am 8. Mai 1985 Befreiung genannt hatte, war ein Wendepunkt der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Weitere 40 Jahre später hätte sie daher ein differenzierteres Andenken verdient als heute.

Immerhin, es gibt Ausnahmen. Der MDR zeigt erst War mein Uropa ein Nazi? (22.40 Uhr) und im Anschluss Nazijäger – Reise in die Finsternis. Zuvor lässt Arte Das Urteil von Nürnberg (20.15 Uhr) von 1961 mit Spencer Tracy, Marlene Dietrich oder Burt Lancaster Revue passieren. Und dann stellt uns der BR endlich eine Zeugin der Zeit vor, die bis heute für die Opfer gegen die Täter kämpft: Beate Klarsfeld, bekannt als Nazijägerin. Leider läuft ihr Porträt Donnerstagfrüh kurz nach Mitternacht. Damit auch ja niemand zuschaltet.


Volk in Angst: Kriminalstatistik & Krimis

Die Panikmacher

Georg Restles mitunter leicht alarmistische, aber in aller Kürze hervorragend recherchierte ARD-Doku Volk in Angst zeigt eindrücklich, wie mit der Polizeilichen Kriminalstatistik Politik gemacht wird. Das wirft auch ein Schlaglicht auf die Krimi-Dichte oder Tagesschau-Berichte im deutschen Fernsehen.

Von Jan Freitag

Klima, Kriege, Wohnungsnot. Feinstaub, Armut, Zoonosen. Höcke, Putin, Donald Trump: Es gibt 1000 gute Gründe, vor dieser Zeit Angst zu haben! Warum fällt uns jetzt schon länger, ein einziger nur ein? Wer vor drei Wochen verfolgte, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Land aufwühlt, stand womöglich kurz vor der inneren Emigration. Fürs „Rekordhoch“ angezeigter Gewaltdelikte, machten Bild und AfD schließlich vor allem die äußere Immigrationverantwortlich. Oder im Duktus populistischer Stimmungsmarodeure: Die Ausländer. Plural. Also alle?

Der haltungsstarke ARD-Journalist Georg Restle hat da seine Zweifel und prüft „Faesers Schreckensbilanz“ plus „Staatsversagen“ mal eingehend auf Populismusverdacht. Nüchtern betrachtet stieg die Zahl polizeibekannter Verdachtsfälle von gefährlicher Körperverletzung und sexualisierter Gewalt bis hin zu Mord und Totschlag tatsächlich um 1,5 Prozent. Die der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass gar um weitere sechs Punkte. Was aber sagt beides aus? Dieser Frage geht die Monitor-Doku „Volk in Angst“ ab heute in der Mediathek nach.

Kurze, aber präzise 30 Minuten führt sie auf die Reise durch ein furchtsames, argwöhnisches, kleinmütiges Land. Es beginnt am Dortmunder Hauptbahnhof, für Blaulichtmedien „einer der gefährlichsten Deutschlands“. Die Jahresbilanz klingt ja auch happig: 764 Gewalttaten an einer eher regional als national relevanten Zugstation. Andererseits, betonen Ortskundige wie Christina Wittler von der Bahnhofsmission oder Sachkundige wie Prof. Gina Wollinger von der Polizeihochschule NRW, gelten die meisten Angriffe Obdachlosen und Drogenabhängigen, ausgerechnet denen also, die anderen Angst machen.

Aus Sicht des Freiburger Kriminologen Dietrich Oberwittler enthält die PKS also nicht nur „hohe Dunkelziffern“, sondern „systematische Verzerrungen“. Rund ein Drittel eingestellter Verfahren zum Beispiel oder die Tatsache, dass Menschen migrantischer Herkunft weitaus öfter kontrolliert und angezeigt werden als biodeutsche. Georg Restle sieht in der PKS abgekürzten Polizeistatistik somit nur einen „Arbeitsnachweis der Polizei, kein realistisches Bild“. Und das wird 500 Kilometer südlich noch deutlicher. Sigmaringen. Badisches Fachwerkidyll. 17.000 Einwohner. Alle in Selbstisolation, so scheint es.

Zwei befragte Passanten jedenfalls trauen sich vor lauter Ausländerkriminalität kaum noch raus. Die Flüchtlingsunterkunft, noch Fragen? Ein Beamter der dortigen Polizeiwache korrigiert jedoch, Straftaten gebe es nur innerhalb der Einrichtung. Jung, männlich, sozial benachteiligt, sind viele der Insassen naturgemäß gewaltaffiner als, sagen wir: ältere Anwältinnen, und damit zwar füreinander gefährlich. Für andere weniger. Was empirisch belegbar ist, müsste man halt nur noch allgemein bekannt machen. Leider geschieht das Gegenteil.

Eine Erhebung der Macromedia Hochschule Hamburg hat ergeben, wie tendenziös das Fernsehen Gewalt thematisiert. Während ein Drittel der Tatverdächtigen Nichtdeutsche sind, betrug ihr Berichtsanteil 84,7 Prozent. Selbst die Tagesschau, meint WDR-Moderator Restle, gewichte einseitig. Während der arabische Anschlag von Magdeburg Ende 2024 acht Beiträge und einen Brennpunkt nach sich zog, waren es beim deutschen von Mannheim vorigen März zwei ohne Sondersendung. Womit wir beim Untertitel von „Volk in Angst“ wären: „Wie mit Verbrechen Politik gemacht wird.“

Angst, weiß Macromedia-Professor Thomas Hestermann im SZ-Interview, „generiert Quoten, Klicks und Wählerstimmen“, sie sei also „ein Geschäftsmodell“. Und darin wirkt wenig auf abstoßendere Art anziehend als die rassistisch genährte Furcht vorm schwarzen Mann – das wusste schon der Paranoia-Dirigent Eduard Zimmermann, als er ab 1967 unterm Aktenzeichen XY reihenweise dunkler Gestalten durch hiesige Wohnstuben schickte. Dabei geschehen bis zu 60 Prozent der Tötungs- und Dreiviertel aller Sexualdelikte im „sozialen Nahfeld“, also unter Bekannten und Verwandten. Rund 100 Femizide im Jahr zeigen: die größte Gefahr für Frauen liegt nicht im Bett der nächsten Asyleinrichtung, sondern dem eigenen.

Das Risiko, fernab davon Opfer physischer Gewalt zu werden, ist ungleich kleiner als in den USA. Die Kluft zwischen Kriminalitätsrealität und ihrer Wahrnehmung hat folglich andere Ursachen – politische, kulturelle, ökonomische, psychosoziale. Und sie werden zwar medial selten erzeugt, aber nachhaltig verstärkt. Macromedia-Studien zufolge etwa dadurch, dass TV-News und -Magazine bereits 2017 doppelt so häufig über Gewaltverbrechen berichtet hatten als zehn Jahre zuvor und 2023 den nächsten Höchstwert erreichten.

Deutschland, sagt Thomas Hestermann, „ist eins der sichersten Länder der Welt“, aber seine Bevölkerung „geradezu angstsüchtig“. Im Sog des sprachlichen Exportschlagers german angst fluten uns Mediatheken, Podcasts, Buchgeschäfte mit „leichtem Grusel“ popkultureller Real und Fake Crime. Allein der Tatort zählt surreale 2,3 Todesopfer pro Fall. Im Rekordjahr 2014 waren es gar 150 von bis zu 2000 Tötungsdelikten, die Fachleute Jahr für Jahr am Bildschirm zählen – das Dreifache der aktuell 668 Fälle, die ihrerseits einen Bruchteil des Höchstwerts von 1993 darstellen.

Die Sorge, Opfer einer Straftat zu werden, das misst die Versicherung R & V seit langem, geht zwar kontinuierlich zurück. Von vier Fünfteln der Deutschen 1990 auf derzeit 20 Prozent. Für den Freiburger Kriminologen Hans-Jörg Albrecht „nimmt das subjektive Sicherheitsempfinden“ abgesehen von einer „Beule im Zuge von Angela Merkels Flüchtlingspolitik nach 2015“ tendenziell sogar zu. Parallel aber beeinflusst die Menge publizistisch verabreichter Verbrechen gepaart mit der fear mongering genannten Panikmache manipulativer Medien das kollektive Sicherheitsempfinden.

„Je mehr Konsum, desto mehr Kriminalität“ – auf die Formel bringt Albrecht auf SZ-Anfrage den Zusammenhang von echter und verbreiteter Verbrechensdichte. Im Rahmen seiner Kultivationshypothese, wonach ein Übermaß an Fernsehen individuelle Weltbilder prägt, sprach der Kommunikationsforscher George Gerbner schon vor 50 Jahren vom Mean World Syndrome. Dem Gefühl einer feindseligen, gefährlichen Welt dank zu viel Bildschirmgewalt also, die der Doomscrolling genannte Hang des Digitalzeitalters, schlechte Nachrichten durch noch schlechtere zu bestätigen, weiter verstärkt.

Während die Aufklärungsquote handelsüblicher Krimis nahe 100 Prozent gepaart mit dem „CSI-Effekt“ unfehlbarer Forensik das Publikum in Sicherheit wiegt, müssen die Verbrechen von Nordic Noir bis Real Crime somit immer blutiger werden. „Heute brauchst du schon einen Toten mit krassem Hintergrund, damit es gekauft wird“, sagt ein Essener Polizeireporter in Restles Reportage über sein Metier. „Mord und Totschlag führen zu Emotionen, Spannung, Aufregung“, pflichtet Fernsehforscher Albrecht bei. „Langwierige Ausführungen zu CumEx-Geschäften eher nicht“. Es sei denn, die Täter wären Geflüchtete.


Weimars Werk & Poschardts Beitrag

Die Gebrauchtwoche

28. April – 4. Mai

Wie herum die Welt rotiert, hängt von der Perspektive ab, aber weil es gegen den Uhrzeigersinn erfolgt, tendiert die Astronomie zum Linksdrall. Politisch dagegen hat sie seit geraumer Zeit definitiv Rechtsdrall, zuletzt auch in Deutschland. Hier gilt seit Freitag nicht nur die zweitstärkste Bundestagsfraktion als gesichert extremistisch; auch die erststärkste kippt weit nach rechts, in dem sie Wolfram Weimer zum Kulturstaatsminister ernennt.

Wer ihn nicht kennt: ausgebildet bei FAZ und Welt, hat der wertkonservative Publizist den nationalliberalen Cicero mit aufgebaut und wurde parallel als Blut-und-Boden-Ideologe verhaltensauffällig, der von biologischer Selbstaufgabe faselt und damit nur knapp vorm Umvolkungsvokabular verharrt. Als Opern-Fan ohne Feuilleton-Kenntnisse fehlt ihm allerdings vor allem jeder praktische oder auch nur theoretische Bezug zur Popkultur, von Alternativkultur ganz zu schweigen.

Kein Wunder also, dass der elitäre Zyniker Ulf Poschardt Wolfram Weimer als Heilsbringer feiert, der den „links-grün-versifften“ Kulturbetrieb mal ordentlich durchkärchert. Ob er das tut, bleibt jedoch abzuwarten. Als Journalist ist er zumindest auf dem medialen Standbein seines neuen Ressorts trittsicher. Und so, wie der Kulturbetrieb gegen ihn auf die Barrikaden geht, könnte er sich durchaus zur Kompromissfähigkeit genötigt fühlen.

Rechte Säuberungsaktionen à la Polen, Ungarn, USA stehen daher nicht zu befürchten, im Gegenteil: Weimer lobt pflichtschuldig die Vielfalt der Kulturlandschaft und setzt sich womöglich für publizistische Mehrwertsteuerbefreiung ein. Das wäre schon deshalb nötig, da der Jahresbericht der Reporters sans frontières Alarm schlägt: Erstmals seit Jahrzehnten lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Staaten mit ernsthaft bedrohter Pressefreiheit.

Die USA – deren Führer nun auch Filme mit Zöllen belegt – sind auf Platz 57 abgerutscht, Argentinien auf 87. Als 11. steht Deutschland zwar noch gut da, aber gehörig unter Druck. Und zwar nicht nur von rechts, sondern wirtschaftlich – grasen die (a)sozialen Netzwerke doch längst fast alle Anzeigen und Aufmerksamkeit redaktionell betreuter Medien ab.

Die Frischwoche

5. – 11. Mai

Im Licht dieser Art Fortschrittsbacklash lohnt sich ein Blick auf Sowjet Jeans, aber Donnerstag in der Arte-Mediathek. 1979 vertreibt der lettische Kostümbildner Renars illegal Westwaren und hält sich den KGB mit halbherziger Spitzelarbeit vom Leib – bis er eine Regisseurin seines Theaters auskundschaften soll, in die er sich verliebt hat. Als der systemkritische Filou daraufhin in der Psychiatrie landet, entspinnt sich eine achtteilige Politgroteske, die zugleich tonnenschwer und federleicht ist.

Das gilt auf zoologischer Ebene auch für die Prime-Doku Octopus! Aus dem Off präsentiert von der hinreißenden Phoebe Waller-Bridge, erzählt uns der Zweiteiler zeitgleich das bizarre Leben wandlungsfähiger Tintenfische – was einerseits zum Niederknien originell ist. Andererseits aber auch auf die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage durch die destruktivste aller Arten verweist: Der Mensch.

Teil einer Spezies, die unfassbare Zerstörungen betreibt wie den Zweiten Weltkrieg, dessen Ende sich ebenfalls am Donnerstag zum 80. Mal jährt. Und wie es sich gehört, ist das lineare Fernsehprogramm voller Gedenk… ach nee: ARD und ZDF ignorieren das historische Datum ebenso wie die großen Privatsender nahezu komplett und delegieren es in die Nische der Spartenkanäle. Heute immerhin stellt das Erste die vierteilige Tagebuch-Animation Hitlers Volk online. Insgesamt aber erinnert der vergessene Sendeauftrag schwer an den 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.

Man könnte also mutmaßen, der ÖRR würde sich dieser Tage halt eher um Fiktionen bemühen. Tut er aber nicht. Denn während die hochinteressante Horror-Psychose Insomnia um eine Frau, die wie ihre Mutter am 40. Geburtstag aufhört zu schlafen, am Freitag bei Paramount+ startet, läuft das originellste Format der Woche bei Amazon Prime. In Drunter und Drüber versucht die Belegschaft eines Wiener Friedhofs die drohende Schließung abzuwenden.

Das ist nach etwas zähem Auftakt am Freitag sieben Teile lang nicht nur auf morbide Art unterhaltsam; Nicolas Ofczareks Erbsenzähler, dem das Amt einen Freigeist (Julia Jentsch) als neue Chefin vorsetzt, ist auch ein drolliger Rollentausch ihrer Zusammenarbeit in Der Pass. Ein letzter Tipp noch: tags zuvor werden Max & Joy, also Herre & Denalane drei Teile lang in der ARD-Mediathek porträtiert.


Papst Franziskus & Dietrich Kuhlbrodt

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. April

Ein alter Mann ist gestorben. Ein greiser sogar. Gewählt wurde er von anderen greisen Männern, die Frauen nicht sonderlich mögen und auch mit Homosexuellen, Freizügigkeit, Demokratie und Moderne so ihre Probleme haben. Als dieser alte Mann Anfang voriger Woche gestorben ist, hat ihm das ZDF in seiner Hauptnachrichtensendung dennoch 18 von 20 Minuten Sendezeit gegeben und kein kritisches Wort über ihn verloren. In der Tagesschau widmete man ihm sogar mehr als die übliche Sendezeit, bevor das Wetter kam.

Nichts gegen Franziskus I.; für einen Papst war er fast schon liberal. Aber mit gutem Journalismus hat auch die öffentlich-rechtliche Berichterstattung darüber weit weniger zu tun als mit publizistischem Populismus. Davon abgesehen aber wünschen wir dem verstorbenen Pontifex, dass ihm ein Platz im Himmel vorbehalten wird, falls der existiert. Ein paar Stockwerke tiefer dürfte in diesem Fall Harvey Weinstein schmoren – unabhängig davon, ob ihn ein New Yorker Gericht wegen Formfehlern von mehreren Vergewaltigungsklagen freispricht.

Das Gute daran: zu 25 Jahren ist der sexuelle Gewalttäter rechtskräftig verurteilt, wird nach menschlichem Ermessen also in Haft sterben. Und falls er danach abwärtsfährt, trifft er ja vielleicht seine misogynen Gesinnungsgenossen Til Lindemann und Jerome Boateng, die für Frauen so viel Verachtung übrighaben, dass sie im Duett auf sie spucken, wie ein gemeinsamer Ostergruß belegt. Wie gut, dass es noch Männer wie Klaas Heufer-Umlauf gibt, der zwar keine Late-Night-Show mehr hat, aber auf ewig zu den Guten gehört und nun gar Experte für alles ist.

Die Frischwoche

28. April – 4. Mai

Die drollige DIY-Sendung ist seit voriger Woche bei ProSieben und joyn zu sehen, während es in dieser Woche wirklich nicht allzu viel Bedeutsames zu empfehlen gibt. Das Beste startet am Freitag in der ZDF-Mediathek: Die Dokumentation Nonkonform porträtiert den Hamburger Tausendsassa Dietrich Kuhlbrodt, der auch mit annähernd 90 Jahren überall in der Popkultur tiefe Stempel hinterlässt.

An gleicher Stelle wagt das Zweite am Mittwoch allerdings ein dubioses Experiment. Deepfake Diaries reanimiert fünf Teile lang historische Gestalten mit der umstrittenen KI-Technik, mit der bislang vor allem Revenge-Pornos erstellt werden. Das soll laut ZDF zwar ganz neue Möglichkeiten der Reanimation erschaffen, aber kleiner Tipp nach Mainz: Bislang haben Schauspieler und Schauspielerinnen das eigentlich ganz gut hinbekommen.

Gut, damit ist jetzt nicht die Bodyguard-Serie Paris has Fallen gemeint, ein stumpfer Action-Mumpitz, den man eigentlich eher bei Netflix erwarten würde. Dort also, wo die sehr, sehr schöne Jeanne Goursaud im Thriller Exterritorial eine Bundeswehr-Veteranin spielt, deren Sohn im amerikanischen Generalkonsulat von Frankfurt verschwindet. Weia… Ein wenig besser macht es dort parallel wohl die argentinische Mystery-Dystopie-Serie Eternauta. Interessant dürfte bei Apple TV+ zeitgleich Carême sein.

Das Biopic skizziert den gleichnamigen Starkoch im 19. Jahrhundert höchst originell – auch wenn Benjamin Voisin ihn acht Teile arg sexy spielt. Bei Netflix beginnt tags drauf das Serienremake des tragikomischen Ehedramas The Four Seasons von 1981. Gespannt sein darf man auf den Vierteiler Die Augenzeugen um zwei deutsche Teenager sein, die eine Hinrichtung beobachten und daraufhin ins Visier richtig fieser Krimineller geraten. Denn gespielt werden sie von den Newcomern Philipp Günsch und Marven Gabriel Suarez-Brinkert, die sich zwischen Stars wie Lucas Gregorowicz oder Nicolette Krebitz sehr gut schlagen.


Harrys Snape & Burbachs Parallelwelt

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. April

Nein, es war wieder keine allzu gute Woche für Pressefreiheit, Pluralismus, kulturelle Vielfalt. Vollendete Diktaturen wie China verbannen im Zollstreit mit Trump Hollywoods Filme aus ihren Kinos und bringen die Branche damit ins Schlingern. Fortgeschrittene Tyranneien wie die Türkei schicken weiter Journalist*innen dafür ins Gefängnis, dass sie ihre Arbeit machen. Entstehende Autokratien wie die USA schneiden seriöse Medien vom exekutiven Informationsfluss ab, auch wenn der Supreme Court nun den Zugang der Nachrichtenagentur AP ins Weiße Haus höchstrichterlich angeordnet hat.

Und gestresste Demokratien wie Deutschland? Schärfen ihre Schwerter mit billigem Papier. Bild und B.Z. müssen wegen ihrer Rufmordkampagne gegen eine Berliner Polizisten, der sie ohne jeden Beleg über Wochen hinweg sexuellen Missbrauch betäubter Kollegen vorwarfen, am Donnerstag titelblattgroße Gegenanzeigen abdrucken. Aber selbst wenn Chefredakteurin Marion Horn kleinlaut einräumt, die Redaktion habe „versagt. Punkt“, tut sie die Lügen ihrer Redaktion als Betriebsunfälle ab, statt als das, was sie sind: Strukturprinzip des deutschen Boulevardjournalismus.

Ob der deutsche Qualitätsjournalismus gegen seine Finanz- und Meinungsmacht bestehen kann, wird sich zeigen. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag wird immerhin angekündigt, das Urheberrecht zu stärken, den Medienstandort zu schützen und digitale Plattformen zu kontrollieren. Die Abschaffung, pardon: Reform des Informationsfreiheitsgesetztes ist dagegen glücklicherweise vom Tisch einer Unionsfraktion, der kritische Medien naturgemäß Dornen im konservativen Auge ist.

Dornen im Auge von Harry-Potter-Ultras ist demgegenüber das SerienRemake der legendären Filmreihe von HBO. Noch dieses Jahr beginnen die Dreharbeiten. Und als kürzlich erste Besetzungen publik geworden sind, hagelte es gleich mal Kritik am schwarzen Severus Snape, weil – tja. Veränderungen sind halt nicht so das Ding von Besitzstandsbewahrern. Umso mehr ist zu begrüßen, dass Elton seine Fernsehbühnenzeit mal radikal reduziert.

Die Frischwoche

21. – 27. April

Am Samstag verabschiedet er sich nach zehn Jahren von Wer weiß denn so was? im Ersten. Und das kann man angesichts vom eingeschränkten Unterhaltungsrepertoire des sicher sehr, sehr netten ARD-Maskottchens nur begrüßen. Zurückkehrt dagegen der gecancelte Maskendealer Fynn Kliemann, wenn er im Porträt Ich hoffe, ihr vermisst mich (ARD-Mediathek) 60 Minuten um Aufmerksamkeit für sich und seine Musik bettelt. Und nachträglich heißen wir zwei Neustarts der Vorwoche willkommen.

Die Glaskuppel bei Netflix, eine Skandi-Noir-Serie der düstersten, aber nicht schlechtesten Art um verschwundene Kinder im schwedischen Winter. Und natürlich die Fortsetzung von Last of Us bei Sky, in der wir uns – seit Game of Thrones nicht ungewöhnlich – von zentralem Personal verabschieden. Und da es die Woche neuer Staffeln ist, noch folgende: Stranger Things geht ab Dienstag ins Finale, so heißt es bei Netflix. Und Disney+ setzt zeitgleich den Star-Wars-Ableger Andor fort

Ganz neu im Programm: Am Mittwoch wagt sich die ZDF-Mediathek in morbides Gewässer und macht Edin Hasanović zum Bestatter der sehr anrührenden Tragikomödie Sterben für Beginner. Samstag dann startet bei Paramount+ die vorerst letzte Serie aus deutscher Produktion. Leider. Die Mystery-Serie Parallel Me ist ein absolut hinreißendes Gedankenexperiment darüber, was passieren könnte, wenn m/w/d sich mit magischer Hilfe in Alternativexistenzen beamen könnte.

Der Achtteiler ist nämlich nicht nur dank Jana Burbachs (Bad Banks) herausragendem Drehbuch so sehenswert, sondern weil sie mit Malaya Stern Takeda und Larissa Sirah Herden zwei Hauptdarstellerinnen zum Niederknien für ihre Multioptionsstudie gefunden hat. Unbedingt streamen! Das gilt trotz niederträchtig schlechter Synchronisation auf für die bosnische Drama-Serie I know Your Soul um eine Staatsanwältin, die ab Mittwoch in der Arte-Mediathek im kriegstraumatisierten Sarajewo um Gerechtigkeit und ihren kriminellen Sohn kämpft. Und zugleich auf ganz andere Art empfehlenswert: Georg Restles ARD-Doku Volk in Angst um die Verzerrungen der Polizeilichen Kriminalstatistik.


Eingelocht: Arte & Minigolf

Gernegroßes Kleinstvergnügen

Die bezaubernde kleine Arte-Serie Eingelocht handelt sechsmal 12-15 unscheinbar tiefgründige Minuten von einem Minigolfplatz irgendwo in Frankreich, auf dem wechselnde Figuren zwischen Loch 1 und 18 wahrhaftige Sorgen und Nöte der großen Gesellschaft im Kleinen durchspielen. Toll!

Von Jan Freitag

Und Größe zählt doch! Wer oder was warum auch immer geringere Abmessungen hat als andere, steht schließlich schnell im Ruf der Unvollkommenheit. Kleine Autos gelten als unfallgefährdet, kleine Ortschaften als provinziell, kleine Portionen als unzureichend, kleine Menschen als durchsetzungsschwach. Und da war noch nicht mal vom Minigolf die Rede. Verglichen mit Maxigolf auf kleinstadtgroßer Fläche, das muss sogar Marc einräumen, ist die Spielplatzversion „banal.“ Banal?

Welch ein Affront! Vor allem aber: welch ein Irrtum! Findet zumindest Chacha (Rosa Bursztein), die sich mit ihrem Mann (Nicolas Bernot) gerade auf der Tour de France de Minigolf zwischen Nordsee und Mittelmeer, Alpen und Atlantik befindet. Bislang 1486 Plätze in zwei Jahren, also zwei pro Tag. Bei Wind und Wetter. Dafür haben die zwei Finanzbeamten nicht nur unbezahlten Urlaub genommen, sondern praktisch „alles geopfert“, wie Chacha den Banalitätsvorwurf abbügelt. Und zwar aus gutem Grund.

Denn Minigolfplätze, erzählt sie dem Lokalreporter Hadrien (Édouard Sulpice) auf ihrer Schlussetappe, „sind wie Menschen“. Jeder sei anders. Auch Nummer 1487 also, auf den wir das Paar ab heute zu Beginn der Arte-Serie Eingelocht begleiten. Zwischen Bahn 1 und 18 einer grünen Betonoase irgendwo im Nirgendwo Frankreichs, erzählt es jedoch nicht nur vom gernegroßen Kleinstvernügen ganz gewöhnlicher Leute. Maximal knackige 15 Minuten pro Folge malen Maxime Chamoux und Sylvain Gouverneur ein Fernsehgemälde auf Kinoformat.

Vor vier Jahren haben die beiden Filmemacher ähnlich alltägliches Serienpersonal 50 erfolgreiche Episoden lang Tag für Tag für Tag Punkt 18:30 auf dem Heimweg vom Büro zur Bushaltestelle begleitet. Jetzt suchen sie erneut nach dem Ganzen im Halben und werden auf der leicht angejahrten Anlage von Managerin Sylvie (Jeanne Arènes) ebenso bezaubernd fündig. Zum Auftakt etwa bittet der Personalchef Gilles (Nicolas Lumbreras) die alleinerziehende Faïza (Saffiya Laabab) zum Bewerbungsgespräch, wo sie zwischen Abschlag und Loch zugleich Siegeswillen und Teamgeist beweisen soll.

Später lädt der unsichere Single Gautier (Théo Navarro-Mussy) seine alleinerziehende Internet-Bekanntschaft Claire (Agnès Miguras) zum ersten Date hierher und kriegt es nebenbei mit ihrem Sohn sowie einem Hund zu tun. Davor spielt Cécile (Chloé Stefani) gegen ihre Schwester (Bérengère McNeese) darum, wer von beiden dem kranken Bruder ein Organ spendet. Und wenn diverse Figuren im Staffelfinale nach Art einer Mockumentary erklären, warum der greise Jacques an jedem 14. Juli pausenlos Bahn 7 spielt, wird „Eingelocht“ endgültig zur federleichten Gesellschaftsstudie von fast philosophischer Tiefe.

Das Besondere an diesem Kleinod mikrosozialer TV-Unterhaltung besteht dabei darin, dass der Minigolfplatz nicht bloß ein drolliger Drehort ist, dem sechs Folgen lang wahllos Geschichten übergestülpt werden. Wie Amazon Primes Discounter im Hamburger Vorstadtsupermarkt, wie der Brandenburger Bäckereiwagen Tina Mobil, wie das Bestattungsinstitut von Six Feet Under oder zuletzt ein Marzahner Nagelstudio als Refugium widerstandsfähiger Wohlstandsverlierer: Auf Sylvies Minigolfplatz verbinden sich kleine bis große Dramen organisch mit dem Belag darunter und umgekehrt.

Alle sechs Episoden sind daher abgeschlossen, aber lose verzahnt. Die Hasenfigur aus Folge 6 schaut acht Zehntelsekunden aus dem Bildschirmrand von Folge 2 vorbei. In Folge 5 hört man die Schwestern aus Folge 2 streiten. Durch Folge 4 fliegt ein Gegenstand aus Folge 3. Alles ganz lustig, alles zu unscheinbar, um dem Wesen echter Probleme wahrhaftiger Menschen Aufmerksamkeit zu entziehen. Denn wenn der blinde Domi (Guillaume Muller) beim Einlochen ohne Sicht auch seinen Liebeskummer zu besiegen, könnte es in billigen Slapstick münden. Tut es aber nicht.

Dafür sorgen schon fabelhafte Darstellerinnen und Darsteller, denen man ihre Figuren jederzeit abkauft. Was wiederum an Drehbüchern liegt, in denen Chamoux und Gouverneur eine Komödiengrundregel beherzigen: Nimm die Handlung und ihre Pointen nicht wichtiger als die Figuren und ihre Persönlichkeiten. Eingelocht ist daher mal lustig, mal traurig, meist beides in einem, aber selten selbstgefällig, gar berechnend. Faïzas angehender Arbeitgeber ist folglich ein Paradebeispiel des toxischen Mannes, der sich für unwiderstehlich hält und davon selbst dann noch redet, wenn ihm seine Inkompetenz um die Ohren fliegt.

Trotz des lächerlichen Profioutfits inklusive Golftasche und Handschuh, führen ihn die beiden Regisseure aber nicht vor, sondern lassen ihn in aller Seelenruhe an seiner Selbstüberschätzung scheitern. Dafür brauchen sie keine schnellen Schnitte, lustigen Twists oder gefährlichen Querschläger. Es reicht, Individuen dabei zuzusehen, Anspruch und Wirklichkeit ihrer Existenzen bei einer kindlichen Freizeitbeschäftigung in Einklang zu bringen, die einfach aussieht, aber so kompliziert ist wie das Leben. Auf dem Minigolfplatz kommt es erst richtig zur Geltung. Banal ist das nie. Aber sehr amüsant.

„Eingelocht“, 6 x 12-15 Minuten, ab 8. April bei Arte.tv


The Handmaid’s Tale: Fiction & Reality

Schlussstrich unters Horrorszenario

Mit der sechsten Staffel in fast acht Jahren endet die verstörende Zukunftsdystopie The Handmaid’s Tale bei MagentaTV. Und zwar ausgerechnet in einer Zeit, wo ihre Fiktion Realität zu werden droht. Fazit einer Serie, die anfangs zu schrecklich war, um wahr zu sein. Lange her…

Von Jan Freitag

Kanada ist, wer würde dies bestreiten, eine topografisch spektakuläre, international geachtete, politisch selbstbewusste, allem Anschein nach standhafte Nation. Sie lässt sich daher von niemandem so leicht unterkriegen. Auch nicht unterm Druck der weltgrößten Militär- und Wirtschaftsmacht, die das Rückgrat des zweitgrößten Landes grad einem Belastungstest aussetzt, dem beileibe nicht jedes widerstehen würde. Wer ihm dabei aus sicherer Entfernung zusieht, hält es da durchaus für denkbar, wie Kanada sich ab heute zum letzten Mal bei MagentaTV zeigt.

Als Hort liberaler Ideale nämlich, der dem aufkeimenden Faschismus im Süden trotzt. Und nein, damit ist nicht Donald Trumps Zoll-Regime gemeint. Es geht um Gilead. Benannt nach einem Reich biblischen Ursprungs, haben christliche Fundamentalisten die USA in dieses postapokalyptische Patriarchat verwandelt, das den letzten Rest fruchtbarer Frauen zu Gebärmaschinen degradiert. Ein misogynes Horrorszenario, das bei der Premiere 2017 ähnlich undenkbar schien wie die Rückkehr der Taliban oder fünf Jahre später Trumps Rückkehr.

Wenn The Handmaid’s Tale nun mit Staffel 6 endet, zeigt sich also das prophetische Potenzial der Hauptverantwortlichen dieser aufsehenerregenden Serie. Kurz, nachdem Margaret Atwood 1985 den zugehörigen Roman geschrieben hatte, versprach Francis Fukuyama im Licht des Mauerfalls das Ende der Geschichte und meinte damit auch Gegner von Liberalismus, Marktwirtschaft, Demokratie. Als Bruce Miller den Besteller dann 2016 zur Serie aufbereiten ließ, schien der schwarze US-Präsident Barack Obama dem Showrunner trotz aller Finanz- und Staatskrisen sogar Recht zu geben.

Leider hat sich dieser Optimismus vorm Start der letzten acht von 68 Folgen in Luft auflöst. Schließlich wird nicht nur das Gilead-Territorium gerade von einer Clique antipluralistischer Frauenfeinde regiert. In aller Welt befinden sich die Errungenschaften jahrhundertelanger Befreiungskämpfe auf dem Rückzug. Nur Teile Europas halten dem rechtspopulistischen Sturm noch Stand. Und Kanada, versteht sich, das nächstgelegene Refugium. Dorthin zog es folglich auch die Hauptfigur June (Elisabeth Moss), nachdem sie ihr Dasein zwei Staffeln lang als lebender Brutkasten gefristet hatte.

Nach furchtbarer Irrfahrt durch Herrenhäuser und Frauenkäfige Gileads, verhalf sie 86 Kindern zur Flucht ins gelobte Land nordwärts. Mehr noch: mit Ehemann Luke (Olatunde Fagbenle), der Verbündeten Moira (Samira Wiley) und dem Kollaborateur Tuello (Sam Jaeger) baute June in Kanada eine Form feministischer Widerstandsbewegung entflohener Mägde gegen das alttestamentarische Regime im Süden auf. Ein Gottesstaat, dessen Religiosität nur als Feigenblatt männlicher Machtgelüste dient. Doch zu Beginn der finalen Staffel ist auch dieser Rückzugsort bedroht.

Da Kanada Flüchtlinge wie sie wieder ausweist, sitzt June mit Baby und gebrochenem Arm plötzlich neben der verhassten Witwe (Yvonne Strahovski) ihres alten Besitzers im Zug nach Süden, wo der Kampf gegen die Unterdrückung weitergeht. Wie genau, wird hier nicht verraten. Was die Serie in den ersten vier Staffeln allerdings faszinierend machte, findet auch jetzt seine Fortsetzung. Denn abgesehen von der grundbösen Aufseherin Lydia (Anne Dowd), leiden Opfer und Täter, Sklavinnen wie Halter gleichermaßen an der retrofuturistischen Steinzeittyrannei.

Selbst Profiteuren gewährt sie wenig Freude an ihrer schönen neuen Welt. Und genau darin besteht die Faszination einer zeitlosen Near-Future-Serie, deren Ästhetik zugleich anzieht und abstößt. Beides perfekt verkörpert von Elisabeth Moss, die Junes Achterbahnfahrt von untertäniger Demut über aufkeimende Renitenz bis zur entfesselten, aber kontrollierten Wut mit ihrer Mimik allein Ausdruck verleihen kann wie kaum eine Schauspielerin sonst. Wenn ihr Ringen um Selbstbehauptung für sich und ihre Schicksalsgenossinnen im Rachefeldzug gipfelt, haben sich einige der Eskalationsspiralen zwar abgenutzt.

Sie entfalten allerdings auch weiterhin einen Sog, dem man sich anders als bei der auserzählten Referenzgröße The Walking Dead schwer entziehen kann. Das liegt wohl auch an der bedrückenden Atmosphäre und ihrer fabelhaften Ausstattung. Zwischen Darth Vaders tiefschwarzem Helm (Star Wars) und Uma Thurmans dottergelbem Overall (Kill Bill) zieren die blutroten Kutten unter schneeweißen Hauben schließlich längst das Museum ikonischer Filmaccessoires. Ihre Wirkung lässt sich bestens im Showdown von Handmaid’s Tale bestaunen.

Wenn die unverwüstliche Hauptfigur darin mit ihrer kleinen Armee aufsässiger Mägde während einer hochherrschaftlichen Hochzeit in retrofuturistischer Cyberpunk-Ästhetik aufmarschiert und dabei „lieber Gott, gib uns die Kraft diese gottverdammten Motherfucker zu töten“ zischt, schaltet das Format ein letztes Mal in jenen Überwältigungsmodus, der es so unvergleichlich macht. Und zieht – was zusehends kritische Bewertungen auf Portalen wie Metacritics oder Rotten Tomatos unterstreichen – rechtzeitig einen Schlussstrich. Möge er den machtversessenen Missbrauch der Religion bei aller guten Unterhaltung niemals so weit kommen lassen wie in dieser wegweisenden Serie.


Didis N***-Wort & Minis Golf

Die Gebrauchtwoche

31. März – 6. April

Es wäre mal einen Versuch wert, das montagsfernsehen komplett ohne den Gottseibeiuns zu schreiben. Keine Namensnennung, thematisches Aussparen, einfach nur Stillschweigen über, tja… Das böte dann auch Raum für anderes. Die Pläne von CDU/CSU zum Beispiel, das Informationsfreiheitsgesetz still und leise abzuschaffen, pardon: zu reformieren natürlich, wie der zuständige Abrissbeauftragte Philipp Amthor, dem das IFG einst Feuer unterm Lobbyisten-Hintern machte, beruhigt.

Vorweg: damit will er natürlich nicht Pluralismus und Pressefreiheit beerdigen. Sonst würde sich die künftige Koalition vermutlich nicht um eine Mehrwertsteuer-Befreiung für redaktionelle Medienprodukte bemühen. Aber ein Geschmäckle hat es schon, wenn ausgerechnet die intransparente Allianz angeblich christlicher Parteien gegen ein Paragrafenwerk agitiert, das besonders ihnen besser mal genau auf die wirtschaftsfreundlichen Finger schaut – und bisweilen haut.

Andernorts kann man derweil erleben, wie die Politik – sofern sie nicht von konservativen Männern allein verantwortet wird – gesellschaftliche Modernisierung aufnimmt und in Gesetze überführt. Kurz nachdem Netflix das Manosphere genannte Gewaltsystem toxischer Männlichkeit ins Zentrum der weltweit beachteten Dramaserie Adolescence gerückt hat, legt die britische Labour-Party Gesetzesentwürfe vor, um ihr Einhalt zu gebieten. Bei uns würde wäre das dann womöglich ein Heilmittel gegen Morbus Hallervorden.

Der grumpy old racist dümmlicher Altherrenwitze hat in der Jubiläumsshow 75 Jahre ARD am Samstag so innig N***– und Z***Worte abgefeuert, dass man sich von den Gästen Widerworte gewünscht hätte. Doch die kamen weder von Iris Berben noch Ingo Zamperoni, geschweige denn Didis Bruder im Geiste, Jürgen von der Lippe. Während beiden vermutlich längst AfD-Ehrenmitglieder sind, hagelt es aber immerhin Proteste der Vernunftbegabten

Jene Spezies, die in den USA auszusterben droht, seit ein antiakademischer Kreuzzug stattfindet. Der denkbare Brain Drain, den ein gewisser Fan irrationaler Zölle damit womöglich auslösen wird, könnte Europa (und damit Deutschland) einen Brain Gain sondergleichen bescheren. Aber wie hieß der Mann mit den großen Charts im Rosengarten des Weißen Hauses noch gleich? Ach, egal…

Die Frischwoche

7. – 13. März

Aber in Gilead dürfte er sich ungeheuer wohlfühlen. Dort endet die vielleicht bedrückendste Near-Future-Dystopien unserer Tage mit der sechsten Staffel: The Handmaid’s Tale. Brillant verkörpert (und längst auch verantwortet) von Elisabeth Moss, blasen entrechtete Gebärmaschinen ab Dienstag bei MagentaTV zum letzten Gefecht gegen das misogyne Ausbeutungssystem eines faschistoiden Amerikas – und das war selten aktueller als jetzt.

Ebenfalls von toxischer Männlichkeit handelt der ZDF-Film Ewig Dein mit Manuel Rubey als Mr. Perfect, der heute in der Mediathek zum schleichenden Gift einer österreichischen Lampenverkäuferin (Julia Koschitz) wird. Eher dumm als giftig ist die Aschenputtel-Romanze Crystal Wall ab Donnerstag an gleicher Stelle, in der sich eine Käfigkämpferin ins Rich Kid Nicolas verliebt.

Eher dumm als politisch ist zeitgleich der Action-Schrott G 20 bei Amazon Prime mit Viola Davis und sehr banaler Handlung. Dafür überrascht RTL parallel dazu mit einer durchaus sehenswerten Neuschöpfung für den Krimi-Dienstag namens Morden auf Öd. Weniger überraschend ist gleichzeitig der Liebreiz einer Arte-Serie namens Eingelocht, in der ein französischer Minigolfplatz als Bühne kleiner großer Dramen ganz gewöhnlicher Leute dient – ein absoluter Geheimtipp.

Das ist die 4. Staffel der Netflix-Serie How to sell drugs online (fast) natürlich nicht mehr, aber immer noch und jedes Mal aufs Neue ungeheuer charmant. Eine Chance verdient überdies das Seriendrama Your Friends & Neighbours mit Jon Hamm als Hedgefonds-Manager, der ab Freitag bei AppleTV+ alles verliert und wiederkriegen möchte. Fehlt noch was? Ach ja: Trumptrumptrumptrumptrumptrump. Das musste noch schnell mal raus!