Geschichte des Menschen, 1./2. Februar Vox

BBC Exklusiv - Die Geschichte des Menschen - 70.000 Jahre Überleben, EroHistory of the WorldMärchenhafte Relevanz

Vox wollte wichtig sein, wurde belanglos und hatte Erfolg. Den setzt der Sender seit drei Jahren mit der „Großen Samstags-Dokumentation“ aufs Spiel. Freitag und Samstag ab 20.15 Uhr sorgen jeweils vier Stunden Die Geschichte des Menschen sicher nicht für Quote, aber Bedeutung.

Von Jan Freitag

Wie im Märchen: Es war einmal ein kleiner Fernsehsender namens Vox, der wollte nicht nur der beste, wichtigste, unterhaltsamste sein im Land, sondern unter der Sonne. Da baute er sich ein Programm, relevant wie das öffentlich-rechtliche. Doch weil es so relevant war, schaltete das Publikum ab, auf dass niemand mehr zusah. Und da Vox nicht gestorben ist, sondern mit Billigfilmen, Softporno und Kochshows über Wasser trieb, beginnt hier das gute Ende.

Denn seit einem Jahr volljährig, hat sich Vox zum erwachsenen Kanal gemacht. Die RTL-Tochter sondert neben allerlei US-Serien zwar weiter viel Trash à la Katzenberger ab, ist aber gleichsam der einzige Anbieter von etwas, das im Aussterben begriffen ist: kommerzielles Sachfernsehen von Belang. Seit fast vier Jahren zeigt ausgerechnet jener Sender, der als einziges Vollprogramm zwischen 12 und 24 Uhr so nachrichtenfrei ist wie das gesamte Wochenende danach, unfassbar lange Dokumentationen. mehrstündige Schwerpunkte zur besten Sendezeit, produziert meist von Alexander Kluges Info-Fabrik dctp.

Ob Beerdigungs- oder Schönheitskultur, Norm- oder Transsexualität, 200 Jahre Oktoberfest oder fünf Jahre Tsunami, das Ende der DDR, von Soldaten im Krieg oder Michael Jackson – wo andere Sender zur Primetime ihre Großshows und Blockbuster bringen, kontert Vox jährlich 25 Mal mit der Aufarbeitung zeitgemäßer Themen. Und die können durchaus mal halbe Tage gehen. Hitlers Suizid zum Beispiel oder zehn Jahre 9/11 wurden über zwölf Stunden förmlich seziert. An diesem Wochenende nun geht es zur besten Sendezeit um die Geschichte der Menschheit, eine aufwändige Coproduktion mit der BBC, die auf 70.000 Jahre Zivilisationsgeschichte blickt.

Sicher – „Das große Doku-Event“, wie so was im Kommerzkosmos heißt, ist nicht immer gelungen, bedient bisweilen arg aufdringlich die selbst geförderten Sehgewohnheiten und lässt es ständig dräuen, krachen, übertreiben und vor allem sterben. Dennoch bleibt es erhellendes Aufklärungsfernsehen in epischer Breite. „Mehr Qualität dank Quantität“, so umschreibt Senderchef Frank Hoffmann sein Konzept. Es entstehe ein neues Bild in einem neuen Licht, denn „durch die lange Sendezeit haben wir mehr Raum für Zwischentöne und Details“.

Qualität, Zwischentöne, Details – solche Begriffe sollte man laut wiederholen bei einem Kanal, den Hoffmann vor sieben Jahren als Karikatur seiner eigenen Träume übernahm. Gestartet im Jahr 1993 als dualer Mittelweg zwischen privater Verflachung und staatlichem Trott, hatte der „Ereignissender“ sein Programm nur Monate nach dem ambitionierten Start im Quotentief total umgekrempelt. Der Markt für Niveau war öffentlich-rechtlich blockiert, also ersetzte Vox den Info-Cocktail durch jene Kommerzware, die der erste Senderchef Ruprecht Eser auch im werbefinanzierten Rundfunk überwinden wollte.

Was folgte war eifriges Stühlerücken. Die alten Betreiber von „Süddeutsche“ bis Bertelsmann stiegen aus, dafür 1994 Rupert Murdoch und fünf Jahre später RTL ein. Ökonomisch durchaus sinnvoll, wurde es inhaltlich desaströs. Unter der Ägide des späteren Marktführers klang das Angebot des Senders mit dem lateinischen Wort für „Stimme“ zusehends dünner. Wie im Leitmedium war Verflachung allerdings gleichbedeutend mit: Erfolg. Und der lag weniger an den seltenen Perlen wie „Six Feet Under“ oder „Ally McBeal“, als an Tim Mälzer, hundkatzemaus und Auswanderermagazinen

Denn Hoffmanns Vorgängerin, die jetzige RTL-Chefin Anke Schäferkordt, hatte den neuen Unterhaltungssender zum noch neueren Tier-/Koch-/Reise-Kanal geformt, damit manchen TV-Trend gesetzt und begonnen, Mitbewerber der 2. Generation – Kabel 1 und RTL 2 – in der Zuschauergunst zu überholen. Dass Vox bei der virtuellen Zielgruppe 14- 49 nun gar vor ARD und ZDF rangiert, geschah eher trotz als wegen der Info-Offensive zur besten Sendezeit.

„Die Große Samstagdokumentation“ erreicht nämlich nur in Ausnahmefällen auch die Durchschnittsquote: Wenn’s um Sex geht zum Beispiel (Beruf: Hure!). Oder um Hitler. Der geht bekanntlich immer. Frank Hoffmann jedenfalls geht es angeblich gar nicht so ums Manna der Branche, die Sehbeteiligung, sondern eine „Alternative zum stark unterhaltungsgeprägten Konkurrenzprogramm am Wochenende“. Das mag in der verlustreichen Materialschlacht mit Stefan Raab, „Wetten, dass…?“ oder Volksmusik ein bisschen hilflos klingen; dem Fernsehen tut es allemal gut.

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