ZEIT-Porträt »Was bewegt … Paul Wesjohann«, Wiesenhof AG

Herr der Hühner

Aus »Die Zeit« Nr. 3/2013

Von Jan Freitag

Der Chef der größten Geflügelschlachterei in Europa, Peter Wesjohann, ist von Skandalen umgeben, genießt aber sogar bei Tierschützern Respekt.

Fabian Freese klopft an, zweimal, dreimal, eher zart als hörbar. Reine Höflichkeit, sagt der Geflügelmäster fröhlich. Und wird plötzlich ernst: »Und zur Warnung: Achtung, wir kommen!« Nichts soll die schreckhaften Tiere ängstigen, nichts die Hühnernerven dehnen. Dann öffnet Freese die Tür mit dem staubverblendeten Fenster, und was im fahlen Licht ewiger Dämmerung auftaucht, macht den Gebrauch guter Manieren noch seltsamer als ohnehin, im Umgang mit unserem täglich Brot.

Denn unterm gedämpften Gackern Abertausender Schnäbel dringt strenger Ammoniakgeruch in die Nase. Und dann der Staub: Federdick legt er sich auf die Atemwege. So riecht, so klingt, so ist es, wenn der Bauer zum Produzenten wird und Landwirtschaft Industrie. Die Hühnerhölle, flüstert das Gewissen, sie liegt hier, beim Zulieferer Freese. Der Hühnerhimmel, entgegnet sein Zulieferer Peter Wesjohann, er sei da, wo die Norddeutsche Tiefebene besonders flach ist, gar nicht so fern. »Sehen Sie«, versonnen blickt der Vorstandsvorsitzende von PHW, Europas größtem Geflügelschlachter, in seinem Ganzkörperoverall durch das stoische Federvieh, »die zwei da vorn spielen richtig«.

Es ist ein Substrat aller Ernährungswidersprüche, das sich hier in drei Minuten Frontalunterricht Massentierhaltung zeigt. Ein Kulturkampf um 38.000 Hühner auf 1.760 Quadratmetern Betonboden, die kaum je ein Sonnenstrahl erreicht. Er beginnt mit der Frage, was zuerst da war: Henne oder Ei. Und dann sei da noch eine andere, vergleichbare Frage: ob die industrielle Fleischproduktion zuerst da war oder der Bedarf nach immer mehr immer billigerem Fleisch. Peter Wesjohann deckt diesen Bedarf – im gigantischen Maßstab, marktbeherrschend. Bei radikalen Tierschützern hat ihn das zur skandalumtosten Hassfigur Nummer eins gemacht. Er ist der Mann, der Hühner quält und Saisonkräfte ausbeutet, Grundwasser verpestet und die Gesundheit gefährdet. Und der mit all diesen Missetaten zum Branchenkönig wurde, zum Umsatzmilliardär, zum reichen Privatmann.

Die Antwort auf die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt Wesjohann schuldig. »Ich bin ja nicht Gott.« Für die nach Angebot und Nachfrage braucht der Katholik ein bisschen länger. »Ich sach mo so«, beginnt er im Platt seiner Gegend und doziert über Domestizierung und Evolution, Hungerwinter und Wirtschaftswunder, wo ein »gewisses Angebot« eben eine »gewisse Nachfrage« bedient habe. Und wie er so erzählt, landet Wesjohann bei seinem Großvater Paul, der als Knecht ins arme Rechterfeld kam, bis ihm sein Bauer 1932 die Haltung eigenen Federviehs erlaubte, woraus ein Landhandel erwuchs. 80 Jahre später führt die Replik des Enkels vom Neuaufbau nach Kriegsgefangenschaft und Wachstum in der Freiheit über die Markenbildung der Sechziger weiter zum Stabwechsel im Folgejahrzehnt. Sie endet auch nicht 1987, als die Söhne Paul-Heinz und Erich die befreundete Lohmann & Co. AG kauften und aus der regionalen Paul Wesjohann & Co. ein dreimal größeres Schwergewicht mit Milliardenumsatz formten, das sie elf Jahre später aufteilten: PHW hier, EW-Gruppe da, benannt nach den Initialen ihrer Besitzer. Neue Riesen am Esstisch.

Peter Wesjohann erzählt von Gott und der Welt, den rissigen Händen des Firmengründers und höherer Handelsschule des Sohns. Er erzählt, bis die Eingangsfrage vergessen ist, womit Wesjohann gut leben kann. Denn der Hühnerbaron mit drei Dutzend Firmenzweigen auf fast allen Kontinenten mag riesige Teile des hiesigen Geflügelverbrauchs decken und auch sonst alle Branchenfelder von Tierarznei bis Futterzusatz beackern – er ist im Innern zerrissen. Den grübelnden Tierfreund im profitsüchtigen Aberwitz intensiver Agrarwirtschaft nimmt man ihm ab. Leise schwärmt er von Eukalyptus im Gebläse oder Sterilität wie im OP. Und weil ihnen weder Hitze noch Greifvögel zusetzten, »haben die Tiere es hier besser als wir Menschen«. Wären es bloß nicht so viele.

Eins von drei Hähnchen auf unseren Tellern, gut 240 Millionen, werden von 800 PHW-Partnern wie diesem im Kreis Vechta auf Schlachtmaß gebracht. Dazu ein Viertel aller Puten plus die Hälfte der Enten aus deutschen Landen. Pro Jahr vermarktet die Geflügelsparte Wiesenhof eine halbe Million Tonnen Fleisch: filetiert, paniert, als Ganzes oder Wurst. Wissenschaftlich optimiert, nehmen die Küken von einst am Ende ihrer fünf Wochen bis zu 100 Gramm zu. Täglich. Stolz zeigt Wesjohann die Armatur der 500.000-Euro-Anlage: 24,2 Grad Celsius, 71 Prozent Luftfeuchtigkeit, 3.110 Gramm Kraftfutter bisher, automatisch ergänzt um Vitamine und Impfstoffe von AD3E-Forte bis ND Hitcher. Es sind die Codes der Effizienz für 7,5 Aufzuchten pro Jahr.

Und so technisch deren Zutaten klingen, so entzückt redet ihr Beimischer von »Tophygiene, Topimpfmanagement, Topkontrolle«. Alles für »gesunde« Hühner aus »anständiger Haltung«.  Aber ist sie auch artgerecht? Der Bankkaufmann mit BWL-Diplom und Praxiszeit an der Supermarktkasse wird energisch: »Wir sind tiergerecht!« Artgerecht sei freie Wildbahn, »da stirbt jedes zweite Tier«. Bei ihm betrügen die »Abgänge« keine drei Prozent. Mit 1.600 Gramm Futter pro Kilo Fleisch sei die Ökobilanz zudem der ressourcenintensiven Biomast vergleichbar und die Bauernhofidylle sowieso Sozialromantik. »Unser Vieh hat Wasser, Futter, keine Leiden.« Für grüne Extremforderungen »müsste man dem Huhn halb Deutschland überlassen«.

Man merkt es schon: Bei diesem Thema ist Weshojann leicht reizbar. Doch es ist nicht seine Art, zu explodieren. Er ist ruhig, berechenbar – so bodenständig wie seine Region. Sagt man. Und stets klingt es respektvoll. »Ehrlich, fleißig, mit Rückgrat«, so sieht ihn Vater Paul-Heinz, der nebenan ein Büro hat. »Zuverlässig, kameradschaftlich, kümmert sich«, so sieht ihn Klaus Brengelmann, der dem Ex-Kreisligisten im Vorstand der örtlichen SV Arminia beisitzt. »Integer, geerdet, regional verwurzelt«, so sieht ihn Werders Marketingchef Klaus Filbry, der Wiesenhof auf Bremens Erstligabrust gelotst hat. »Angenehm, selbstkritisch, zuverlässig«, so sieht ihn Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta. Sogar der.

Sonst lässt Haferbeck nämlich kein gutes Haar an Wesjohann. Doch unter den »skrupellosen Brutalos der Branche«, sagt er, hinterfrage Wesjohann immerhin »als Einziger sein Tun«. Welch ein Lob! Gemeinhin hocken Kritiker wie Kritisierte ja tief in ihren Gräben. Geredet wird über-, selten miteinander. Die einen fluteten das Netz mit Videos gefolterten Federviehs, die anderen wetterten über Fehlinformation und halten mit einem eigenen YouTube-Kanal dagegen. Das ARD-Magazin Report berichtete vom Grauen in einigen Ställen, später verweigerte Wiesenhof ARD-Reportern den Zutritt zur Pressekonferenz. So lief es oft und gehörig schief.

Wesjohann begreift das. Darum krempelt er den Familienbetrieb um, seit sein Vater ihn vor 13 Jahren bat, nicht für Aldi Süd nach England zu gehen. Schon zuvor war das Prinzip Integration, bei dem vom Ei bis zur Einzelhandelsrampe allein die Mast ausgelagert ist, überaus rentabel. Doch der Neue verdoppelte die Mitarbeiterzahl auf 5.300 und katapultierte den Umsatz auf 2,23 Milliarden.

Während Mitbewerber wie der französische Branchenvize Doux trotz europaweit steigenden Geflügelhungers pleitegingen und kleine wie Stolle im Nachbardorf an Investoren verkauft wurden, wächst bei PHW alles: Absatz, Export, Gewinn. Auch weil Wesjohann »Geldverschwendung hasst«. Als CEO, den seine drei jüngeren Geschwister – das erwähnt er mehrmals – ständig abwählen könnten, zahlt sich der 43-Jährige ein Salär, »von dem ich nur gut leben kann«. Keine Jacht, kaum Luxus, ein großes statt nobles Auto, das Haus gut gedämmt, nicht repräsentabel. »Unser Geld soll in der Gruppe arbeiten«, sagt er. 1,2 Milliarden Euro hat er seit 1999 investiert, in Anlagen und Expansion, in Wachstum und Marktmacht, aber auch ins Tierwohl. Seiner Verantwortung will Wesjohann nicht nur mit »radikaler Aufarbeitung jedes Fehlers« gerecht werden, sondern auch durch die Information der Öffentlichkeit. Nach zwei Generationen Austernpolitik stellt sich dieser schüchterne Mann mit den schmalen Schultern der Presse.

Er sponsert Werder Bremen und führt kritische Fans durch die Ställe. Als Gesprächspartner sucht er den Dialog, sogar mit Peta und der ARD. Als Trikotsponsor lotst er kritische Werder-Fans durch gläserne Ställe. Als Chef verweist er, anders als sein Vater, der jeden Vorwurf billiger Leiharbeit mit Vertragsfreiheit der Subunternehmer abbügelt, diplomatisch auf Zwänge in Stoßzeiten und 90 Prozent Festverträge. Als Laudator begrüßt er ein Symposium seiner Ernährungsstiftung zum »Shitschtorm«, dem sich die Fleischindustrie stellen müsse. Und wenn er da die Hände nervös zum Merkel-Herz faltet, wirkt er zwar seltsam deplatziert; doch derlei Präsenz trug dazu bei, die Markenbekanntheit auf 86 Prozent zu erhöhen. Das habe auch Kehrseiten, sagt er im dunkel getäfelten Vorstandsbüro vor Bildern seiner zwei Söhne und einer Landkarte vom Standort Polen: »Als einzige Fleischmarke sind wir die ideale Zielscheibe.« Da täten Treffer unter die Gürtellinie »im System politischer, publizistischer Interessen« doppelt weh, »und zwar persönlich«.

Denn seine Bilanz könne sich doch sehen lassen; lang bevor es Gesetz wurde, sei sein Futter frei von Antibiotika, tierischem Eiweiß und Gentechnik gewesen. Freiwillig setze er auf Ökostrom, Herkunftsgarantie, Nachhaltigkeit. Etwa mit dem »Privathuhn«, das Wiesenhof 100.000 Mal die Woche verkauft. Verglichen mit fünf Millionen insgesamt ist das teurere Hybrid zwischen konventionell und bio indes ein Nischenprodukt. Ganz zu schweigen vom echten Bioprodukt, das bleischwer im Kühlfach liege. »Aber hey«, sagt Peter Wesjohann fast locker, »wir sind auf dem richtigen Weg.« Ginge Wiesenhof darauf allein zu weit, stiege nur die Zahl billiger Importe von jenseits deutscher Tierschutzstandards. »Aber ich hab die Verantwortung, ein ordentliches Angebot für anständige, bezahlbare Lebensmittel zu machen.«

Klingt oldenburgisch, bodenständig, sorgsam. Den Ammoniakgeruch muss man sich kurz wegdenken.



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