Der Zeitmillionär

Daniel Puntas Bernet

Herausgeber von Reportagen

Daniel Puntas Bernet liebt Journalismus, er liebt auch Belletristik, vor allem aber liebt er die Quintessenz aus beidem: eine gute Reportage. Deshalb gibt der Schweizer das einzige deutschsprachige Magazin des Genres heraus. Ein Besuch seiner Redaktion in Bern, die fast so schwer zu finden ist wie schöne Reportagethemen.

Von Jan Freitag

Zeit. Sie ist das Wesen, sie ist der Grund und Zweck von allem, auch im Journalismus. Zeit gilt ja ohnehin längst als wertvollste Ressource unserer Tage, so kostbar, so rar, dass sich nur, wer darüber verfügt, reich nennen darf. Wer Zeit bloß totschlägt, sagt der Volksmund, begehe Selbstmord, wer sie sinnvoll nutzt, der feiere das Leben.

Man muss sie sich also nehmen, die Zeit, denn ohne wird alles Handeln wertlos und arm. Daniel Puntas Bernet ist so gesehen Millionär und Bettler in einem. Der Verleger mit dem zufriedenen Lächeln handelt förmlich mit Zeit und hat davon doch viel zu wenig. Er druckt sie auf schönes Papier, bindet es in gediegenes Leinen, verkauft das Ensemble für stolze 15 Euro pro Stück, verdient damit am Ende dennoch recht wenig und ist doch unter seinesgleichen eine Art Krösus. Denn wenn er von irgendetwas reichlich hat, dann ist es Zeit – nur dass er sie anderen auszahlt, nie sich selbst. „Mein eigenes Zeitkonto“, sagt er und wirkt keinesfalls erschöpft, „ist bei 60 Stunden Arbeit aufwärts die Woche meistens ganz schön leer“.

Daniel Puntas Bernet, dieser seelenruhige Schweizer mit der sanften Stimme, er gibt das einzige Magazin im deutschsprachigen Raum heraus, in dem Zeit nun wirklich keine Rolle spielt und gleichsam die wichtigste. Reportagen heißt es so unprätentiös wie sein monochromes Cover daherkommt. Es ist ein anmutiges Zweimonatsheft im Buchformat, eine bildgewaltige Weltumseglung ohne Foto, ohne Schnickschnack, nichts als Text, viel Text, angereichert nur um ein paar simple Grafiken hier und schwarzweiße Illustrationskunst dort. „Das Wesentliche eben“, sagt sein Herausgeber, Macher, Finanzier: Mal sechs, mal sieben Versionen der journalistischen Königsdisziplin, verteilt auf gut 120 Seiten. Eine gehaltvoller als die vorige, inhaltlich keine wie die nächste, ein themensatter Mix jenseits aller Konventionen.

Da gibt es die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar aus Persien, aufgeschrieben vom Nachbarn, der die Odyssee einer künstlichen Befruchtung über alle Vorbehalte der Scharia, alle behördlichen Widerstände und Männerbefindlichkeiten hinweg schildert, ohne einen einzigen Zeitzeugen zu befragen, mehr eine Novelle, nur dass sie der Realität entspricht. Da gibt es die epische Erzählung aus dem finanzkrisengebeutelten Irland, die sich inmitten des Kollapses ums Aufstehen, nicht ums Niedergehen dreht. Da gibt es Krebsdramen, die Tränen der Rührung erzwingen, und Clubschiffverrisse, bei denen es die des Lachens sind. Es gibt, sagt Daniel Puntas Bernet, keine Kriterien, keine Gesetze, nicht mal Regeln bis auf diese: „Alles außer Fiktion, alles außer Oberflächlichkeit.“ Schluss mit der Norm.

Die Standardreportage – szenischer Einstieg, Vorstellung relevanter Personen, Vertiefung des Thema in Richtung Problematik, Anhörung von Experten, Synthese im Finale, möglichst als Happyend – gleiche bisweilen ja doch Sat1-Melodramen, sei also leidlich unterhaltsam, aber leicht durchschaubar. Um nicht missverstanden zu werden: „Ich liebe gut gemachte Texte mit gewöhnlichen Mitteln“. Nur – die kriege man auch andernorts. Der Schöngeist im Reporter Puntas will allerdings mehr als Entertainment: eine Weltsicht nämlich zwischen den Zeilen statt blanker Kommentare, persönliche Eindrücke statt nackter Fakten, ein Stück Wahrhaftigkeit in der Belletristik. Und umgekehrt.

Daniel Puntas Bernet denkt umfassender als wesenverwandte Ressorts – inhaltlich, stilistisch, ästhetisch. Er rührt gefühlte zehn Minuten im Kaffee, versonnnen, aber hochkonzentriert, als er seinen verlegerischen Ansatz schildert, für den der Redakteur vor zwei Jahren eine sichere Stelle bei der Neuen Züricher Zeitung aufgab und mit ihr eine solide Gegenwart: Es gehe ihm ums Große Ganze Besondere, nicht um Aktualität, gar Chronistenpflicht. Reportagen sei folglich weit mehr als Lückenbüßer der wachsenden Leerstelle im Zeitschriftensegment. Ganz kurz ist hier mal der Verkäufer im Erzähler zu hören, wenn Puntas Bernet beteuert: „Wir vereinen das Beste aus Journalismus und Literatur.“

Verfassen lässt er es von Stars des Genres und Nachwuchsreportern, von großen Namen und kleinen Talenten, Schriftstellern oder Reportern, von Sibylle Berg also ebenso wie von Ruedi Leuthold oder auch mal einem Ernest Hemingway, Gattung: historische Reportage. Jedenfalls von echten Überzeugungstätern. „Sie sollten natürlich ihr Handwerk beherrschen“, sagt ihr wählerischer Auftraggeber. Dazu selbstredend brillant schreiben können und versiert recherchieren, ergänzt er das Anforderungsprofil für die rund 40 Druckplätze im Jahr. Außerdem, verstehe sich, überbordendes Interesse zeigen und ein Übermaß an Hingabe, Empathie, vor allem die.

Sie sollten also all das in ihre sprachlichen Kaleidoskope stecken, was Daniel Puntas Bernet von sich selbst erwarten würde, hätte er nur die Zeit. „Wer nicht mindestens zwei Wochen in die Recherche stecken mag und nochmals das Gleiche in Vor- und Nachbearbeitung“, hier legt sich die sonnengebräunte Stirn des Mittvierzigers fast feierlich in Falten, „der ist bei uns fehl am Platze.“ So viel Aufwand lässt er sich schließlich einiges kosten. Reportagen ist in der Herstellung fast so teuer wie im Handel, teuer ist es aber vor allem für ihn selbst. Puntas, macht er in seinem winzigen Büro mit Blick aufs Berner Bundeshaus glaubhaft, verdiene nur so viel an seinem Baby, dass es für Miete und Essen reiche. Nach eineinhalb Jahren trage es sich ja nicht mal annähernd allein.

Das halbe Dutzend ganzseitiger Anzeigern Schweizer Uhrenhersteller, österreichischer Tourismusvereine oder befreundeter Printmedien liefert bestenfalls die finanzielle Grundierung des Kleinunternehmens. Eine Handvoll Redaktionsmitglieder – drei Landsleute samt des deutschen Büroleiters Hannes Grassegger – werden eher ad hoc als geregelt beschäftigt. Puntas Bernets Frau Rocío, „ohne die hier gar nichts liefe“, arbeitet wie ihr Mann eher nach dem Prinzip Selbstausbeutung als Ertragsdenken. Richtig verdienen „tun eigentlich nur die freien Autoren“. Das allerdings nicht schlecht.

3000 Franken pro Auftrag, eher mehr. Je nach Umfang, Aufwand, Dauer, je nach Popularität und Renommee, das auch. Einen Roger Willemsen, um den er ein Jahr buhlte, bis der seinen Reisebericht „In Transit“ beisteuerte, könne man sich eigentlich gar nicht leisten, noch nicht. „Aber auch für ihn kommt das Salär von Herzen“. Gehe es doch in Reportagen nur um dies: geografisch, sprachlich, thematisch breit streuende Texte von Weltrang. In den Produktionsphasen werden die zwar von bis zu 20 Personen – Layouter, Korrektorat, Techniker, Teilzeitkräfte – verwaltet; doch neben seiner rechten Hand (und ein Stück der linken) Christa Bless, heißt die einzig echte Vollzeitkraft der Puntas Reportagen AG: Puntas.

Der stopft gerade das aktuelle Heft, Aufmacherthema: „Käufliche Freiheit“, eigenhändig in braune Versandumschläge, als er zum Gespräch hoch zum – kein Witz – 2 ½. Stock im Käfiggässchen 10 bittet, die tatsächlich so klein ist, wie ihr Name suggeriert. Zwei schmucklose Räume nutzt der Chefredakteur und Chefsekretär, Vermarkter und Versender plus Mädchen für alles in Personalunion zwischen zwei Etagen. Zur Untermiete, sagt Puntas und hält die Hände ein wenig wie Angela Merkel vors blaue Oberhemd, als er die Synergieeffekte verteidigt. Die Reiseagentur Globetrotter, an dessen Briefkasten ein unscheinbarer Aufkleber auf den Untermieter verweist, verhilft dem klammen Puntas nicht nur zu billigen Räumlichkeiten, sondern zu mancher Spesenersparnis.

Reportagen sind eben aufwändig, langwierig, abseitig und bei allem Einsatz nur dann lukrativ, wenn sie auf den Premiumplätzen der Branche residieren: Die Seite 3 der Süddeutschen oder ganze Ausgaben der Geo, das Dossier der Zeit oder das Titelthema des Spiegel – so heißen hierzulande die periodischen Lektüreinseln mit voller Aufmerksamkeit, vollem Renommee und, nun ja: halbvollen Kassen. Allerdings liegen sie in einer Medienlandschaft, die ihre langen Strecken, wie Daniel Puntas Bernet beklagt, „zusehends ausdünnt“.

Er klingt dabei nicht traurig, eher leise trotzig und vor allem: hoffnungsfroh. Das ist sein Naturell. Denn wenn auf dem Zeitungsfriedhof Amerika vier mächtige Reportagemagazine vom Esquirer über Atlantic bis Harpers und New Yorker überleben, wenn sich die Pariser Ikone XXl allein in Frankreichs Buchläden zehnmal besser verkauft als Reportagen insgesamt, wenn es ähnliche Blätter in Italien und England gibt, halb Südamerika, gar Indien – warum dann nicht auch in Deutschland?

Nach dem raschen Aufstieg und Fall der SPIEGELreporter um die Jahrhundertwende gab es zwar keinen analogen Anlauf im verwaisten Genre, das weiß auch Daniel Puntas Bernet. „Aber ich neige dazu, nicht zu akzeptieren, dass die Leser unseres Sprachraums nur nach Fastfood verlangen.“ Gut 7000 Käufer, jeder vierte davon im hiesigen Klein- und Bahnhofsbuchhandel, geben ihm ein Jahr nach der Nullnummer durchaus Recht.

Es gibt sie also, die anspruchsvolle Zielgruppe mit dem Verlangen nach Niveau, Haptik und jener dramaturgischen Härte, die das Genre noch immer prägt. Puntas sträubt sich fühlbar, sie zu skizzieren, aber gut, seine Kundschaft sei tendenziell männlich, gut situiert und jenseits der 40. Er wisse aber auch von Digital Natives unter 30, die im multimedialen Kreuzfeuer nach einem Gegenpol suchen. Dass sich seine Klientel eher bei Manufactum als Ikea einrichtet, dass die Distribution als Dreingabe hochpreisiger „Freitag“-Taschen eher kaufkräftige Schichten anspricht; dass sein Magazin ohne solvente Anteilseigner längst tot wäre – geschenkt. „Aber wir wollen nicht nur auf Salontischen liegen“, auch in Schulen und Bibliotheken, Wohngemeinschaften und Arbeiterhaushalten.

Im Grunde also am Ursprung des Zeitverkäufers, dessen wechselvolle Karriere seinerseits Stoff einer Reportage wäre. Unverhoffte Wendungen, unberechenbare Protagonisten und ungewöhnliche Wege bilden schließlich das Grundgerüst der Gattung. Aufgewachsen im bäuerlichen Umfeld zwischen Bern und Zürich, macht Daniel Puntas Bernet statt Abitur eine Lehre beim Notar, Schwerpunkt Scheidungen und Erbrecht, wo der Teenager von einst, heute muss er sich ein Abschweifen sichtbar verkneifen, „drei Jahre alle menschlichen Abgründe“ kennenlernt. Er zieht zum Jobben nach Spanien, lernt – getrieben vom „produktiven Stress“ – in zwei Wochen die Sprache, gerät sodann in die Immobilienbranche, kehrt bald zurück in die Schweiz, wird Devisenhändler bei einer Bank, vertieft das Business ein Jahr in New York, wird wieder daheim von einem Baseler Tennisvermarkter abgeworben, ohne von Marketing, geschweige denn Tennis eine Ahnung zu haben, und beschließt, noch keine 30, dass diese Scheinwelt kein Dasein sei. Er schnürt den Rucksack: drei Jahre Südamerika.

Daniel Puntas Bernet folgt stets Impulsen. Mal wegen der „Action, mit 21 Millionen zu bewegen“. Mal wegen der Dynamik, „ein Weltklasseturnier zu organisieren“. Mal aus Zuneigung, als er seinem Vater beim Aufbau einer Pizzeria an der Costa Blanca hilft, Sprachlehrer wird, Germanistik nebst Literatur studiert und plötzlich erstmals in seinem Leben („vorher war es höchstens der Sportteil“) liest. Es ist ein Erweckungserlebnis. Der reife Student liest unablässig, eine Art Überkompensation alter Lektüreverweigerung. Das hat Folgen, denn weil ihm die Debatten über Stringenz in der Belletristik eher albern erscheinen, wendet er sich der rasch der Wahrheit im Geschriebenen zu. Genauer: Der Reportage.

Es ist ein Sog, der ihn nie mehr loslässt. Und Daniel Puntas Bernet wäre ein anderer, würde der Spross eines bildungsfernen Elternhauses ohne Literaturbezug mit fast 40 nicht von Null auf Hundert durchstarten im neuen Fach. Ihm zuzusehen, zuzuhören, wie er von seinem Einstieg ins Genre berichtet, dies allein taugt aufs Neue für eine Reportage: Mit wedelnden Händen schildert er jenen Tag, als ihm seine Oma vom Bergmann erzählt, der nach wochenlanger Arbeit an einem nahe gelegenen Bahntunnel plötzlich Risse im Fels entdeckt, mit denen ihm der Berg, „sein Berg“, eher gute Freundin als Stein, zuflüstert, sie möge nicht mehr, breche also gleich zusammen, was sich der herbeieilenden Bauleitung gleich nach der Ankunft als äußerst stichhaltige Ahnung bewahrheitet.

„Supergeschichte“, erinnert sich Daniel Puntas Bernet. Allein: Keiner hat sie gebracht. „Niemand! Und das im Eisenbahnland Schweiz!“ Zehn Absagen hagelt es auch für ihn, den Anfänger ohne Referenzen. Bis die NZZ zugreift und einen Journalisten kreiert, der dem Genre ein Dutzend bereister Länder auf fünft Kontinenten später eine neue Heimstatt schenkt.

Damit die weiter behaust wird, bedarf es indes noch einiger Anstrengungen, das weiß er selbst am besten. Das Anzeigenaufkommen müsse steigen, moderat zwar, um die „Sättigungsgrenze eines hochklassigen Produkts“ nicht zu überschreiten, aber genug für eine Unabhängigkeit, „die sich zu 80 Prozent aus dem Verkaufspreis speist“; mit Storys, deren Spesen die Redaktion bedarfsgerecht, nicht kostenneutral trägt; von Autoren, die um Reportagen werben statt umgekehrt wie im Falle der Popliteraten von Uslar oder Stuckrat-Barre, deren „Arroganz“ Puntas Bernet zu spüren bekam; für ein Publikum, das „meine romantische Naivität“ rechtfertigt, es lasse sich Qualität den Gegenwert einer guten Flasche Wein kosten.

Bis dahin ist der Weg weit. Zwei Jahre noch bis zum Break-even, eher drei. Eine Phase, in der Daniel Puntas Bernet anderen weiter so reichlich gewährt, was er sich selber vorenthält: Zeit. Zeit für seine Kleinfamilie in den geliebten Bergen. Zeit zum Joggen, um nach zehn Stunden im Büro den Kopf zu lüften. Zeit vor allem für eigene Geschichten. Eine Million, sagt er, „tausche ich sofort für eine Sprache, die ich über Nacht kann.“ Oder gegen ein tragfähiges Magazin. Dann ließe er sich nicht mehr nur als Verleger vorstellen, dann bräuchte er keine Investoren mehr, dann wäre er weg, am nächsten Morgen vielleicht, für drei Wochen. Mindestens. Weniger dürfen es bei Reportagen nicht sein.

Erschienen in “journalist”, Oktober 2012



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