Pferdefleisch und Promitainment
Posted: February 18, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a comment
Rücksichtnahme
Die Fernsehwoche, die war: 11.-17. Februar
Von Jan Freitag
Die Tagesschau funktioniert nach ziemlich festen Regeln. Nationale News vor globalen. Relevanz vor Entertainment. Politik vor Wirtschaft. Vor Kultur. Vor Sport. Vorm Wetter. Und nie länger als 200 Sekunden pro Beitrag, es sei denn im Katastrophen- oder Weltmeisterfall. Man muss das wissen, um die Nachrichten der Vorwoche zu verstehen. Denn eigentlich ist Freitag wenig passiert, als ein Himmelskörper an der Erde vorbei flog und ein anderer zwar in Russland einschlug, aber auch nicht größer war, als zahllose anderer pro Jahr – nur eben öfter im Bild. Trotzdem fraßen beide fast die Hälfte der Tagesschau, gefolgt von viel Pferdefleischskandal, der so skandalös ist wie, sagen wir: ein herkömmliches Mettbrötchen. Oder Natascha Kampusch im Talksessel, wo Günther Jauch scheinbar ergriffen, am Ende aber doch nur höchst entertainmentbewusst Hass-Briefe ihrer Landsleute an sie verlas, um zu zeigen, wie fies Österreicher so sein können, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Patrioten generell gern Opfer zu Tätern machen, sofern die Tat ihrem Heimatland im Ausland Schande bereitet. Was wiederum zeigt: Information soll im Fernsehen vor allem unterhalten, also tun, was Karneval dort nie täte.
Umso erstaunlicher, dass es auch 2013 bis Aschermittwoch tagelang voll davon war, nahtlos fortgesetzt von Unser Song für Malmö, der die Suche im Misthaufen ESC-tauglicher Musik als LSD-artigen LED-Fasching konzipiert, der sogar Mainz bleibt Mainz Freitag zuvor noch an Armseligkeit unterboten hat. Bemerkenswert immerhin ist, dass die Unterhose der Sängerin des Siegers Cascada selbst aus der Vogelperspektive noch gut unterm Minirock einsehbar war. Bei so viel Unrat am Bildschirm muss man einer Serienfigur ja beinahe nachtrauern, die Freitag zur letzten Staffel Ein Fall für zwei antrat: Claus Theo Gärtner, der als Privatdetektiv Matula in 32 Jahren 300 Folgen für wechselnde Anwälte auf Blutkapseln biss. Wir werden ihn vermissen. Sobald er weg ist. Vielleicht.
Aussichtsplattform
Die Fernsehwoche, die wird: 18.-24. Februar
Mit Mystery holt man seit Akte X eigentlich keinen Hund von Baskerville mehr hinterm Fernsehofen hervor. Bei der Vox-Serie Grimm indes stellen sich sogar dem mal kurz die Nackenhaare auf. In Portland, so der Kurzinhalt, haben all jene Monster der klassischen Märchenwelt Unterschlupf gefunden, denen dort einzig die Nachfahren der titelgebenden Gebrüder Paroli bieten. Das ist so bizarr, so kreativ und dabei für Genreverhältnisse recht zurückhaltend orchestriert, dass man es ab Montag, 20.15 Uhr, nicht nur müde zur Kenntnis nimmt, sondern aufgeregt einschaltet. Das lässt sich auch über die nächste Ausgeburt öffentlich-rechtlichen Event-Fernsehens mit Nazifokus sagen: Nacht über Berlin heißt die Geschichtsstunde am ARD-Mittwoch, und sie klemmt natürlich eine dampfende Lovestory über den Reichstagsbrand von 1933, das aber frei von süffigen Klischees, dafür mit einem echt überraschenden Unhappyend im erwartungsfreien Historytainment.
Dem überraschungsfreien Medicaltainment fügt Dr. Monroe ab Donnerstag auf Arte dagegen wenig wirklich Unerwartetes hinzu: Die Titelfigur ist ein brillanter Soziopath, nur ohne Krückstock. Aber immerhin darf er anders als Dr. House ein leidlich intaktes Privatleben haben. Kommen wir also zum Kernstück des neuen deutschen Fernsehens: Promitainment. Davon kippt uns RTL ab Freitag gleich zwei neue Formate hintereinander ins Abflussrohr schlichter Gemüter: Erst bringen Shooting Stars vermeintlich berühmte TV-Gewächse wie Sylvie van der Vaart an ihre Grenzen, dann müssen bei Es kann nur E1NEN geben noch vermeintlich berühmtere TV-Gewächse à la Bürger Lars Dietrich Tat oder Wahrheit spielen. Oder so. Auch egal. In beiden Fällen will ohnehin niemand mit mehr als drei Büchern im Schrank wissen, um was genau es eigentlich geht. Da freut man sich doch fast ein bisschen mehr auf Wetten, dass…? am Samstag.