Friedemann Fromm, Hamburg 2013

Mich stresst das Bombastische

Interview: Jan Freitag

Friedemann Fromm (im Bild links) mag zeithistorisches Fernsehen. Für die Vorwendeserie Weissensee hat er nationale Filmpreise geerntet, für den Nachkriegsvierteiler Die Wölfe gar internationale, jetzt dreht der frühere Tatort-Regisseur, was hierzulande jeder seines Fachs früher oder später mal dreht: Irgendwas mit Nazis. Allein – sein Reichstagsbrand-Drama Nacht über Berlin (20. Februar, 20.15 Uhr, ARD) ist weit besser als alles, was zuletzt über diese Zeit gefilmt wurde. Und das, obwohl der 49-jährige Schwabe eigentlich lieber die Drehbücher seines älteren Bruders Christoph als wie hier ein eigenes

freitagsmedien: Herr Fromm, ist Nacht über Berlin ein Film über den Reichtagsbrand oder bloß mit ihm?

Friedemann Fromm: Weder noch. Es ist einer, der den Reichstagsbrand ans Ende einer Entwicklung stellt und dessen Wirkung aus der Zeit heraus erzählt: die Schwäche der Republik, die Verachtung der Demokratie, die Entschlossenheit einer handelnden Gruppe und die Schwäche ihrer Gegner. Erst in dieser Gemengelage erhält das Feuer seine wahre Relevanz, ohne gleich die Hauptrolle zu spielen. Deshalb wollen wir auch nicht erklären, wer letztlich das Streichholz gelegt hat.

Bei Ihnen ist es doch Marinus van der Lubbe zu sein, der dafür hingerichtet wurde?

Nicht eindeutig. Denn wir verwenden nur Fakten, die aus unserer Sicht unwiderlegbar sind, also ziemlich wenige. Der Film erzählt von Möglichkeiten, und dafür ist viel entscheidender, dass der Reichstagsbrand den Weg in die Diktatur unmittelbar geebnet hat. Es gab ja direkt danach die ersten Massenverhaftungen.

Und so wie der Reichstagsbrand für die Nazis bloß Vehikel war, ihre Politik durchzusetzen, ist er, überspitzt gesagt, für Sie bloß ein Vehikel, ihre Lovestory zu erzählen…

Ich brauche doch keinen Reichstagsbrand, um Lovestorys zu erzählen; dann gäbe es ja nicht allzu viele. Aber es ist auch völlig legitim, ein historisches Ereignis mit einer Liebesgeschichte zu verknüpfen und die Historie in der Geschichte meiner Protagonisten zu spiegeln.

Was ist dabei wichtiger: die Emotionalität oder die Authentizität?

Beides gleichermaßen. Ich habe freue mich sehr, dass mir Historiker versichern, die Atmosphäre und Gewalt in den Straßen sei glaubhaft dargestellt. Aber genauso braucht die Liebe emotionale Authentizität, sonst wäre es bloß eine Schmonzette. Trotzdem hatte ich nie den beinahe dokumentarischenAnspruch wie bei Die Wölfe. Es ist ein zutiefst fiktionaler Film im historischen Rahmen.

Sind Sie denn grundsätzlich geschichtsinteressiert?

Ich bin zwar im weitesten Sinne ein Bildungsbürger, aber historisches Interesse übers Schulwissen hinaus wurde bei mir erst durch den Beruf geweckt.

Und scheint nun eine Art Steckenpferd zu sein.

Ich mag jedenfalls den Kontrast subjektiver Belange zur objektiven Realität, denn im wahren Umfeld wächst die emotionale Fallhöhe, etwa die Beziehung der Hauptfigur zu einem Juden. Heute hätte das kaum Relevanz, damals war es eine Entscheidung auf Leben und Tod, ob bewusst oder nicht. Insofern kann man im historischen Film Manches klarer erzählen. Auch wir müssen uns in 30 Jahren ja von unseren Kindern vorwerfen lassen, vieles nicht erkannt zu haben, was auf der Hand lag. Davon abgesehen macht es handwerklich großen Spaß, solche Welten zu kreieren.

Ist es da eine bewusste Entscheidung, dass Sie sie anders als im Genre üblich mit eher leisen Tönen kreieren?

Absolut, auch visuell – selbst die Kamera hält sich ja zurück, weshalb es auch nur eine einzige Kranfahrt gibt, kaum Totalen, wir bleiben konsequent am Boden, auch erzählerisch. Jeder Film hat seine Berechtigung, aber historische TV-Events müssen mittlerweile fast gesetzmäßig überfrachtet sein. Mich stresst das Bombastische auch als Zuschauer, weil es mir die Freiheit zur Interpretation nimmt – auch, wenn man so im Zweifel mehr Zuschauer kriegt.

Sind Ihnen die unwichtig?

Nein, auch ich will natürlich, dass man meine Filme sieht. Deshalb fühle ich mich so wohl im Fernsehen, weil dort selbst ein Flop mehr Zuschauer hat als ein Megaerfolg im Kino. Trotzdem nehme ich lieber in Kauf, einige weniger zu haben, als mich zu verbiegen und meine Filme mit Effekten, Kitsch und Krach zu überfrachten.

Muss man dafür mit Redakteuren und Produzenten kämpfen?

Ach, ich mache ja kein Geheimnis aus dem, was ich gerne möchte, sodass man immer schnell weiß, ob man zusammen passt. Ich bin ein großer Freund von Klarheit. Wenn man mich also für eine andere Art Film bucht, mir das aber deutlich sagt, hätte ich auch mal Spaß am Bombastischen. Ich gehe immer mit offenem Visier in die Verhandlungen, vielleicht muss ich deshalb so selten kämpfen.

Auch nicht ums Ende, das – ohne es vorweg zu nehmen – ungewöhnlich ist?

Doch, daher war der anfangs auch leichter. Aber wir waren uns schnell mit dem Sender einig, dass der Schluss wehtun darf, dafür aber länger nachhallt. Glatte Happyends haben selten Substanz, das ist mein Prinzip, auch als Autor.

Würden Sie sich als Autorenfilmer bezeichnen?

Schon deshalb nicht, weshalb ich letztlich aus der Not heraus wieder zu schreiben begonnen habe. Ich wollte weg vom Krimi, aber als Autorenfilmer müsste ich meine Filme auch noch selbst produzieren.

Und die Resonanz der Publikums völlig ignorieren.

Stimmt [lacht], das sagt man so. Aber letztendlich geht es doch immer um Authentizität – auch als Filmemacher. Ich habe noch nie einen Film gemacht, für den ich nicht einstehen konnte. Ich würde heute einige anders machen, kann aber zu jeden stehen.

Ist Filmemachen nicht Kompromissemachen?

Für mich ist Filmemachen wie eine Zwiebel. Es gibt den unverhandelbaren Kern, sonst gehe ich raus. Drumherum liegen die wichtigen, aber verhandelbaren Schichten. Außen ist die Schale, die man verwerten kann oder nicht. Ich lebe ja nicht autark. Die Zeiten, wo Fassbinder einem ängstlichen Produzenten sein Script auf Butterbrotpapier hinklatscht und jeden Etat dafür kriegt, sind vorbei. Heute ist allen klar, dass Filmemachen vor allem mit Respekt zu tun hat. Filmemachen ist Kommunikation.

Sie scheinen da besonders gern mit Ihrem Bruder zu kommunizieren, der Ihnen schon mehrere Drehbücher geliefert hat.

Es ist einfach toll, mit meinem Bruder zu arbeiten. Die Arbeitswege sind kurz, die Reibungsverluste gering, das schätze ich sehr.

Gibt es da ein Ranking – er als Älterer, Sie als Erfolgreicherer?

Alter spielt mit jedem Jahr mehr eine geringere Rolle. Ansonsten gibt es höchstens verschiedene Kompetenzen. Christoph recherchiert genauer, fast akribisch, ich bin der emotionalere Typ, da ergänzen wir uns blendend.

Ansonsten arbeiten Sie scheinbar nur noch mit einem Autoren lieber zusammen: sich selbst. Haben Sie gern die Kontrolle?

[lacht] Schon, aber dafür steht man ja auch voll in der Verantwortung, zeigt viel mehr von sich selbst, kann niemanden außer sich in Haftung nehmen. Außerdem kann ich mich Gott sei dank am Set komplett von meinen eigenen Büchern lösen. Es hat also weniger mit Kontrolle als mit Freiheit zu tun, Themen selber setzen zu können und Wege einzuschlagen, die andere nicht gehen wollen. Das Angebot guter Drehbücher ist ja nicht grenzenlos…

Sie sind also kein Kontrollfreak?

Bis zu einem gewissen Grad muss ein Regisseur Kontrolle ausüben, aber für meinen Beruf bin ich da noch harmlos.

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