Der große Sounddreck

Von Filmtönen in Tonfilmen

Der Ton führt auf Bildschirm und Leinwand ein Nischendasein. Und das, obwohl er immer lauter wird. Jan Freitag über die Hassliebe zum Filmgeräusch

Von Jan Freitag

Wer beim Zusehen nicht auf den Ohren sitzt, der kann, der muss es hören. Es gibt kein Entkommen: eine Katze, die kreischend aus dem Dunkel springt, wo auch das Böse hockt; jener Bass, der jedes Ereignis ankündigt und mit dem das ZDF Zeitgeschichte zum Event aufbläst; das Käuzchen, das notorisch aus dem Wald ruft, sobald bei Wallace der Landsitz im Nebel auftaucht. Dies alles Dräuen, Dröhnen, Detonieren, die Geigen, Trommeln, Soundkaskaden, das Brodeln und Glucksen, Hauen und Stechen, Reifenquietschen und Bangboombang – schon merkwürdig, bei einem visuellen Medium.

Doch rein visuell ist es eben nicht nur, meinen die Musikwissenschaftler Frieder Butzmann und Jean Martin. Jeder Blockbuster, jede  Dokumentation, jedes Fernsehspiel, heißt es in ihrer famosen Ode an den Ton namens Filmgeräusche, sei “ein kleines Paralleluniversum” sensorischer Eindrücke abseits von Dialog und Schauwert. Deshalb ersetzen sie den sinnlich limitierten Zuschauer durch ein Kunstwort: “Sehhörer”.

Sehhören wir uns also mal durch Kino und TV, werfen wir einen Hörblick in die Geschichte gedrehter Geschichten – und siehe da: Selbst Stummfilm war ohne Ton undenkbar. Man mag ihn zwar vornehmlich als Begleitmusik erleben, der im Idealfall echter Soundtrack statt Klangsoße ist und dann am besten, “wenn man sich nicht an sie erinnert”, wie die Medienforscherin Claudia Gorbman in Narrative Filmmusik schreibt. Doch Ton ist so viel mehr als bloß Untermalung. “Ton ist der halbe Film”, sagt mit George Lucas einer, dessen Star-Wars-Trilogie neue Wege des Sound Engineering ging, in der das Geräusch endgültig vom Nebendarsteller zur Hauptfigur wurde.

Ton ist ein Telefonklingeln, das im Thriller drängender, eben bedrohlich klingt, wenn es der Angerufene fürchtet. Ton ist ein Gewitter, dessen Donner den Blitz überholt, wenn sich der T-Rex bei Jurassic Park mit zitternden Pfützen ankündigt. Ton ist große Oper, wenn Tarantinos Songs mit den Szenen reden. Ton ist das utopische Computerfiepen im Hackerfrühwerk War Games und das dystopische Rechnerraunen der Matrix-Trilogie. Ton ist das infernalische Schlachten im Soldat James Ryan, das jede Kugel im Helm der Invasoren spürbar macht, er ist aber auch die Stille nach dem Schuss. Wenn alles wie in Watte wirkt.

Ton hat also nur bedingt mit Geräusch zu tun. Deshalb zeichnen im Abspann von The Artist 17 Experten dafür verantwortlich, obwohl erst im Finale mehr als Musik ertönt. Guter Ton glänzt also auch durch Abwesenheit. Umso lästiger wird das Leitmotiv schlechten Tons: Redundanz. Im Sperrfeuer akustischer Reizkanonaden geht es immer seltener darum, Handeln zu orchestrieren, Stimmungen zu evozieren, geschweige denn Realitäten abzubilden; der zeitgenössische Soundbrei soll wie manch visueller Effekt von Zappelschnitt bis Shutter-Technik das Denken dimmen; wer Massenware zwischen Piraten der Karibik und Sat1-Romanze sehhört, könnte glatt meinen: abzuschaffen.

Denn ob Phonem, Musik, Geräusch – kaum etwas bleibt unerzählt. Der Hindenburg droht bei RTL das Ende? Ein subkutanes Grollen zeugt davon ab Sekunde eins! Im Herrn der Ringe droht Mittelerde das Aus? Dem Ohr droht neun Stunden Tinnitus-Gefahr im Geigenhagel! Vaders Todesstern platzt? Ein gewaltiger Knall hallt durchs lautlose All! Ein Protagonist wird eingeführt?  Da nennt er gleich mal ungefragt Name, Alter, Filmfunktion! Gegen die Kakophonie übereifriger Tonmeister sind Inhalte zusehends chancenlos. Und seit der ZDF-Historiker Guido Knopp Zeitgeschichte eventtauglich machte, erinnert auch das Dokumentargenre an Wagneropern. Das Schallspektakel duldet keine Stille.

Deshalb gerät selbst leichtes Nieseln via Dolby Digital zu Starkregen, Papier rauscht wie Wellblech, Spaziergänge erinnern an Stechschritt, jede Bewegung erhält einen suggestiven Sound. Wenn ein vorbeihuschender Schatten die Angst der Tatort-Kommissarin im Parkhaus verdinglicht, erklingt eine virtuelle Pauke, und wenn sie zufällig den Täter passiert, ein sinistres Hauchen. Schwenkt die Kamera andernorts über Istanbul, ruft zwingend der Muezzin, und wo Bud Spencers Hiebe an Bauchklatscher erinnerten, landet Bruce Willis’ Faust nun am Kopf wie ein ICE im Turnmattenstapel. “Getrennt sind Sehen und Hören nur im Blindsein oder Taubsein”, sagt der Filmexperte Jürgen Palmer. Fusioniert aber beides zu bloßer Effekthascherei, fehlt für die lästige Frage nach dem Sinn genau der.

In diesem Spannungsfeld wird heute der nächste Nachfolger von Douglas Shearer gesucht, dessen Hölle hinter Gittern 1930 den ersten Oscar dieser Kategorie gewann. Mit Argo oder Life of Pi ist jedoch wie üblich optisch aufwändiger Radau favorisiert, dessen Bombast von Skyfall noch übertroffen wird, der Ton nicht als Empfindungshelfer versteht, sondern als Wahrnehmungspolizei, die einschreitet, sobald eigenes Denken den dramaturgischen Masterplan belästigt.

Dabei geht es auch anders. Das Grundrauschen in David LynchsEraserhead zeigt, wie Ton seinen eigenen Klangkosmos abseits visueller Wirklichkeiten herstellt, und das von Kubricks 2001, wie wenig Laute lärmen können. In Being John Malkovitch wird der schleichende Egoverlust im Kopf des Hauptdarstellers wie unter Wasser gefilmt verdeutlicht, und wenn sich die Figuren der letzten Lückenlasser des deutschen Films von Christian Petzold bis Dominik Graf in ihren Lebensentwürfen verirren, bleibt fürs Ohr oft nur lautes Atmen. Der Rest ist Interpretation – ein Wort, das man von ProSieben bis Spielberg nicht so gerne hört.

Aus ZEIT-Online: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-02/oscar-filmgeraeusche-sound-effects

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