Katholikenlogik und Geschlechterkampf
Posted: March 17, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a comment
Rücksichtnahme
Von Jan Freitag
Die Woche, die war: 11.-18. März
Oh what a show! 6000 Journalisten vor Ort, Milliarden Menschen am Bildschirm, der hiesiger Anteil pünktlich zu den Hauptnachrichten weit übers Tagesschau-Ende hinaus live versorgt von ARD, ZDF, RTL, WDR, BR, SWR, RBB, n-tv, N24 Phoenix oder dem Brausesender Servus, und dann spendet der neue Papst „allen Frauen und guten Menschen den Segen“, wie die völlig euphorisierte Übersetzerin ins Mikro grölt. Ja sind denn Frauen keine Menschen und falls doch, schlechte? Wer dem Petrus-Imitator Nr. 266 das Manuskript geschrieben hat, war wohl genauso – von was auch immer – trunken wie der ordinierte ARD-Experte im Splitscreen-Eck, dem entfuhr, dass Jorge Maria Bergoglio „als Jesuit den Namen Franzsikus gewählt hat nach Benedikt vorher, vielleicht nimmt der nächste ja mal Ignatius“. Entertainment wie von RTL performt: tolle Bilder, Null Sinn.
Genau diese Wirkstoffe kombiniert der „Reporter“ vom „Magazin“ namens „Extra“ des „Senders“ auch in seinem ersten eigenen Format. Es heißt Jenkes Experiment, worin ein Jenke von Wilmsorf im Eigenversuch tut, wovon er gleichsam abrät. Zu viel saufen zum Auftakt, was er kamerabegleitet so konstant missachtet hat, dass er sich vier Wochen lang auf Stammpublikumspegel zuschüttete. Eine Art verkappter Zuschauerverachtung, wie sie Katja Riemann im NDR-Magazin DAS zelebrierte, wo sie so derart zickig war, dass man sich fragte, warum sie bei ihrer eigentlichen Arbeit so anbetungswürdig sein kann. Etwa im Arte-Drama Verratene Freunde vom vorigen Freitag (das die ARD Mittwoch wiederholt). Komisch, wo doch das Fernsehen an sich so konfliktscheu ist.
Das belegt auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg, dessen rückratreduzierter Chef Christoph Singelstein einen harmlosen Wutausbruch von Ministerpräsident Matthias Platzeck aus den RBB-News werfen ließ, nachdem Regierungssprecher Thomas Braune beim Sender interveniert hatte. Offizieller Grund: der Reporter habe die Ursache von Platzecks Tirade – eine unbotmäßige Frage zum Flughafendesaster – vorher nicht angekündigt. So weit geht’s ja nun auch nicht mit der Pressefreiheit. Die sollte sich aus teilzeitdemokratischer Sicht ohnehin darin erschöpfen, Magazine wie den Stern im LandLust-Look zu fertigen, wie es der neue Chefredakteur Dominik Wichmann nun tut. Vielleicht bringt das ja neue Käufer, die auch auf ARD-Freitagsfilme namens Nicht ohne meinen Enkel stehen, der sicher rein zufällig wie ein verfilmter Bestseller früherer Tage heißt.
Aussichtsplattform
Die Woche, die wird: 19.-26. März
Für alle, die vorige Woche montagsfernsehen gelesen haben und heute (Montag) Abend, wenn sie denn schon fernsehen, dann was anderes als ZDF, muss es jetzt mal energisch werden: SCHALTET DAS EIN, VERDAMMT! Unsere Mütter, unsere Väter nämlich, auch ohne ersten Teil (der Donnerstag bei ZDFinfo wiederholt wird) gut verständlich, aber schwer verdaulich und auch deshalb das Beste, was je in deutscher Sprache über den 2. Weltkrieg gedreht wurde (3. Teil: Mittwoch). Und auch wenn es abstrus erscheint: Empfehlen kann man diese Woche sogar einen Sat1-Film, am Dienstag nämlich. Zur Sache, Macho!, ist zwar der dämlichstdenkbare Titel für die Geschlechterkampfkomödie um einen selbstgerechten Gigolo, dem seine innere Frau leibhaftig begegnet; aber Max von Pufendorf spielt beide Rollen so liebevoll und sachlich, dass man sich ruhig mal einen Abend Privatfernsehen um die Augen hauen kann, wenn grad nichts anderes anliegt.
Am Donnerstag dagegen müsste schon der Rest der Welt geschlossen Pause machen, um sich die ARD-Übertragung vom Echo 2013 anzutun. Da reicht es nicht, dass die Blut-und-Boden-Patrioten Frei.Wild wieder entnominiert wurden – solche Sendungen gehören ebenso abgeschafft wie die Preise selbst, deren künstlerischer Wert unter Null geht und nur Masse belohnt. Um die geht es zwar auch bei der nächsten Ausgabe von Wetten, dass…? am Samstag aus Wien; trotzdem möchte man der ewigen Show irgendwie ja nichts Schlechtes wünschen, schon aus Erinnerung an all die Abende daheim neben den Eltern, Schoko Crossies und Salzbrezeln in der Mitte, zu Bett erst nach elf – das soll nie aufhören, irgendwie, gewissermaßen, auch wenn Heiner Lauterbach, 50 Cent und Anna Loos diesmal eben neben Lanz statt Gottschalk sitzen. Nostalgie ist nicht die schlechteste Programmdirektorin. Weshalb man dann aber doch auf Höhe der dritten Wette, um 21.55 Uhr, dringend zu Arte wechseln sollte. Dort läuft nämlich Hannes Rossachers famose Doku Da, Da, DA – Die Geschichte eines Hits.Vielleicht ja doch die bessere Retrospektive und allemal besser als der aufgeschwemmte Roland Kaiser als Gaststar im Münsteraner Tatort tags drauf, der ruhig mal wieder weniger selbstreferenziell werden darf.
Und zum Schluss, als neues Schmankerl des montagsfernsehens, die Entdeckung der Woche: zum Debüt auf einsfestival, donnerstags, 21.30h: Outland, eine australische Sitcom, die auf vergleichbar klischeearme Weise homosexuelle Interaktion jeder Art persifliert, ohne sie bloßzustellen, vor allem aber im Original mit Untertiteln läuft. Seht ihr, liebe Vollprogramme: geht doch!