Riemanns Locken und 40+

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 18.-24. März

Die Woche, die war, war eine medial sehr erhellende, und das lag nicht allein an Katja Riemann, aber ganz schön. Ihre trotzige Renitenz im struktureller redundanten ARD-Vorabendgeplauder DAS war in seiner Spielregelmissachtung Auftakt einer Debatte, die mehr sagt übers Medienland als jeder Ausbruch aus dessen Ödnis. Zuerst wurde die Schauspielerin aus allen Rohren auf allen Foren mit Shit bestürmt, bis sie alle Kanäle kappte, woraufhin die Qualitätspresse dem Qualitätsfernsehen mal zeigte, was eine gedruckte Harke ist, und den bemitleidenswert schlichten Moderator Hinnerk Baumgarten aufs Korn nahm, dessen Blonde-Locken- Fragen offenbarten, was an derlei Gesprächsverweigerung wirklich skandalös ist: die Verhörzellen des Boulevardfernsehens wie das Rote Sofa bei DAS.

Da hätte es ein reinigender Sturm sein können, den Riemanns, nun ja, wenig souveräne, aber menschliche Smalltalkblockade hätte auslösen können. Doch kaum nahm die Diskussion Fahrt auf, versickerte sie im Tagesgeschäft des Stromlinienfernsehens. Zum Beispiel von Wetten, dass…?, wo ein beherztes „Fuck“ von Stargast Michael Bublé simultanübersetzt zu „dumm gelaufen“ wurde, was abermals beweist, wie dumm sich diese Art ZDF sein Publikum hält. Dem wollte die ARD natürlich nicht nachstehen und erwähnte den Ausschluss der musikalisch belanglosen Blut-und-Boden-Patrioten (sind Idioten) Frei.Wild beim kulturell belanglosen Kommerzpreis Echo mit keiner Silbe. Feigheit vor dem Feind? Dem Freund gar? Einfach Harmoniesucht? Alles! Dieser Banalität des Bösen stellt sich das das Erste zur Primetime ja nur noch im Mittwochsfilm entgegen, der – da Raabs Talkshowkarikatur Absolute Mehrheit gestern auch nicht stupider war als die Originale – das Fähnchen der Relevanz im Ersten hochhält und sich damit so einsam fühlen dürfte wie der Weltspiegel.

Dessen 50. Geburtstag feierte die ARD kurz zuvor mit einem, der das Debüt des Relevanzrefugiums moderiert und somit ein TV besserer Tage geprägt hat: Gerd Ruge, den heute wohl weniger Zuschauer kennen als Britt (Hagedorn). Noch. Denn die bekam auch sie ihre Kündigung, womit am 5. Juni eine Schreckensherrschaft am Nachmittag zu Ende geht: die des Daily Talks. Auch wenn Sat1 das Aus mit Sinkflugquoten begründet: Es gibt also noch Hoffnung. Wenn auch wenig. „Schön war ich nicht“, sagte der TV-Pionier Alfred Biolek in der Süddeutschen über seinen Einstieg beim neuen ZDF 50 Jahre zuvor, „aber das spielte damals im Fernsehen noch nicht so die Rolle“. Schöne Zeit.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 24.-31. März

Wobei Zeit als solche auch damals nur bedingt amüsant war. Denn Zeit, sie läuft und läuft und läuft doch oft ins Leere. Kaum Spezialeffekte, Null Schnitte, keine Handlungssprünge, nur ein träger Fluss der Ereignisse, die sich um Kurzweil und Spannung selten scheren. Zeit als solche ist also ziemlich filmuntauglich und eine Echtzeitserie wie 24 so gesehen eher geraffte Wahnwirklichkeit, deren Uhr im Bildschirmeck zwar unaufhörlich tickt, inhaltlich indes die Handlung von Wochen bloß künstlich auf Actionmaß staucht. Ohne Verdichtung keine Echtzeitserie also. Könnte man meinen.

Dann aber tickt im Flatscreeneck von Zeit der Helden die Uhr und es geschieht Sensationelles: Obwohl wie in der Realität fast nichts passiert, bebt das Bild vor Spannung und Kurzweil. Ein Wunder: Acht Folgen passiert in der Echtzeitserie kaum mehr als im gewöhnlichen Leben gewöhnlicher Leute, und trotzdem wird aus diesem scheuen Stück TV-Unterhaltung etwas Großartiges: Es fesselt mit Alltag. Deshalb ist die Geschichte dahinter fix erzählt. Der Elektroinstallateur Arno und seine (Haus-)Frau Mai, nebenan Lichtgestalter Gregor samt Gattin Sandra im gehobenen Management, dazu Christoph, Porschefahrer und Single – sie alle zeigen uns fünf Tage je zweimal 45 Minuten nach der Tagesschau ihr Dasein. Im kammerspielartigen Ambiente lässt Regisseur Kai Wessel seine Protagonisten Arbeitsbelange aushandeln und Mittelstandsprobleme, Freizeitfragen und Vorstadtsorgen, den Urlaub, einen Pooleinbau, flügge Kinder, Ratten im Regenrohr – die mal belanglosen, mal bedeutsamen Dinge des Bürgerlichen in Deutschland.

Geredet wird viel, vor allem aneinander vorbei, und falls mal gebrüllt wird, dann gedämpft – der Nachbarn wegen. Das könnte betulich wirken, wie Soap ohne Ausdauer, Autorenkino in Drittprogrammqualität. Dass all die Tristesse dennoch so glänzt, liegt an einem Drehbuch, das versiert im Nichts nach Etwas sucht und findet. Es lässt Oliver Stokowski als Arnd mit Abendbrot in der Hand Sätze wie „Nee, ich find das klasse, dass du dir da jetzt was überlegst, dir was zu suchen“ sagen, worauf Julia Jägers Mai entgeistert antwortet, „du bewunderst Frauen, die toll sind in Berufen“, bis daraus ein furioses Wortduell wird: „Was für’n Job willste denn?“ – „Job? Willst du dass ich Regale auffülle?“ – „Also gut, was für ne Aufgabe?“ – „Aufgabe? Das klingt nach was, wofür man kein Geld kriegt!“ – „Also ein Neuanfang?“ – „Neuanfang? Als wär vorher alles schlecht gewesen!“

Diese Art Kommunikation brilliert, weil sie exakt auf die Situation zugeschnitten sind, weil alle Beteiligten verinnerlichen, worum es in der Serie geht: die Generation 40+. So heißt auch die Themenwoche, mit der sich Arte und der SWR bis Freitag mit Dokus, Filmen, Comedy und Zeit der Helden einer Altersgruppe widmet, die den Bauch der Alterspyramide bildet, in Film und Fernsehen aber zur Randgruppe wird. Bisher sind die Sechzigerjahrgänge seltsam farblos, unsichtbare Klammern der sozialen Erregungspole Teen- und Best Ager. Dazwischen regiert die Krise, wahlweise als Menopause oder Männlichkeitsverlust. Da kümmert sich 40+ endlich eingehend um die Kohorte rings um den Pillenknick. Denn vielleicht geriet das Leben der Kinder von einst ja als frühe Überlebende eines gerechten Krieges gegen das Naturgesetz Kinderreichtum so melodramatisch. Vielleicht ist es aber auch grad darum selbst im Normalen so reichhaltig, als erste Krisengeneration der BRD. „Weißt du was mir das bedeutet?“, fragt Christoph, als er seine Mietbegleiterin für den Skiurlaub erklärt: „Ich misch’ wieder mit!“ Der Satz zeugt von Hoffen und Angst derer, denen mit Haar und Spannkraft die Chancen versiegen. Fünf Tage lassen sie sich nun bestaunen. Es könnten die besten des Fernsehens 2013 werden.

Besser jedenfalls, als der 300. Fall für zwei, Matulas letzter nach 32 Jahren. Besser sogar als der versierte ARD-Film Das Netz am Mittwoch, in dem die atemberaubende Caroline Peters via Internet ihrer gesamten Existenz beraubt wird. Besser auch als der Vierteiler Lerchenberg, mit dem das ZDF ab Samstag vorab auf seinem Jugendkanal neo die eigene Staubigkeit samt Hauptdarsteller Sascha Hehn auf die Schippe nimmt, der unterm Klarnamen sich selbst spielt. Respekt! Auch für die Entdeckung der Woche: Poetry Slam, donnerstags zur insomnambulen Kernzeit nachts um zwei. Showfernsehen ohne Spirenzchen.

Von Jan Freitag
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