Der Untergang

Ein Jahr nach Wulff

Gut ein Jahr nach seinem Rücktritt, scheint sich der Fall Christian Wulffs auch juristisch bald erledigt zu haben: Die Staatsanwaltschaft Hannover will das Verfahren gegen den früheren Bundespräsidenten dieser Tage gegen eine Geldauflage von 20.000 Euro einstellen. Vom Vorwurf der Bestechlichkeit waren zum Schluss nur ein paar Hunderter geblieben, deren Nachweis zudem auf wackeligen Beweisen steht. Anlass genug für freitagsmedien, eine Reportage im Medienmagazin journalist zu zeigen, die sich auf dem Höhepunkt der Affäre mit dem Medienhype befasst hat.

Von Jan Freitag

Es ist einfach zu viel. Zu viel Information, Input und öffentlicher Diskurs, zu viel Titel, Thesen, Temperamente, zu viele Foren, Blogs oder einfach Worte. In zwei davon ausgedrückt: Es ist zu viel Christian Wulff. „Ich mag nicht mehr“, entgegnete Jan-Eric Lindners Referent auf die Mail eines Mitarbeiters bei der Welt am Sonntag, weitere Leserbriefe zum Bundespräsidenten zu beantworten. Zur Verstärkung setzte er drei Ausrufezeichen hinters Ersuchen um ein Meinungsembargo im Medienskandal. Stopp! So dachte wohl auch die Mehrheit.

Denn die multioptionale Mediengesellschaft mit ihren Eindrücken pro Sekunde, Aufgaben pro Tag, Zielen pro Leben kostet Kraft. Die Datenautobahn hat kein Tempolimit, und doch stehen wir ständig im Nachrichtenstau, wenn saisonale Kampagnen und Themenstandards die Titelseiten füllen, wenn der Winter einbricht (wie jedes Jahr), Steuererhöhungen diskutiert werden (wie jeden Monat), Lady Gaga was Irres macht (wie in jeder Klatschspalte). Wenn Facts & Features kurzum infiltrieren statt informieren und das Aufnahmevermögen durch Masse blockieren, macht die Wissensflut bloß müde. Das betrifft alle Medien, Genres und Formate. Trotzdem fällt auf, dass man hier ständig die Bild im Sinn hat.

Deutschlands größte Boulevardzeitung ist durch ihr Gebräu aus schierer Marktmacht, bedingungsloser Unterhaltsamkeit, soziokultureller Intriganz und der zugehörigen Chuzpe ja nicht erst unterm Brachialjournalisten Kai Diekmann in der Lage, die der Nachrichten gezielt zu steuern. Und nicht bloß Kanzler Schröder hat sich allein durch die rote Gruppe der Springer-Presse informiert – ganze TV-Redaktionen kennen keine andere Quelle als Bild, denn Bild setzt, Bild macht Themen. Bild macht aber vor allem sich selbst zum Thema, ist also mehr Projekt als Publikation. Das belegt die Akte Wulff vortrefflich.

Mit großem Geschick und gutem Timing ließ das Blatt die Medienwoge um das häuslefinanzierende Staatsoberhaupt zur Monsterwelle anschwellen, bis alle Kanäle der Aufmerksamkeitsindustrie verstopft waren. Als drei Wochen später die Ebbe einsetzte, hatte allein die Hauptabendsendung der Tagesschau elf Spitzenmeldungen daraus erstellt. Beim Konkurrenten heute war das Dutzend gar voll. Noch 29 Tage nach dem Sujetdebüt schob der Spiegel eine praktisch erkenntnisfreie Titelstory auf elf Seiten nach, verfasst von 17 Autoren, um sieben Tage später eben diese Erkenntnisfreiheit im Mediengewitter großflächig zu beklagen. Boulevard, Qualitätsmedien, Internet – auch wenn es nichts zu berichten gab, berichteten alle immer weiter und kaum war Maybrit Illner aus den Winterferien zurück, ließ sie sich aufs Neue von Experten die präsidiale Kreditempfängnis erklären, als gäbe es da noch Nachholbedarf. Es wollte kein Ende nehmen.

„Doch der Reihe nach“ – so ginge es nun üblicherweise weiter. Der Reihe nach müsste auch dieser Artikel die Causa, Affäre, Kampagne, wie immer man das Ganze nennen möchte, erst zeitlich sortieren, dann historisch einordnen, journalistisch ausarbeiten also. Chronistenpflicht nennt man das. Doch der Reihe nach hieße hier, aufzuschreiben, was alle längst aufgeschrieben, gesendet, gefunkt haben. Denn mal abgesehen vom angehimmelt zu Tode denaturierten „Knut“ stand die Wucht der Berichterstattung über ein Ereignis wohl nie zuvor in so eklatantem Missverhältnis zu seiner Relevanz – daran kann auch die thrillererprobte Verwendung sekundengenauer Zeitangaben wenig ändern.

Also sei’s drum: Als Bild dem Präsidenten am 11. Dezember „um 6.49 Uhr“, so sorgsam ging der Spiegel ins Detail, einen Fragenkatalog zum Immobilienkredit sandte, wurde sich die Zeitung des Sprengstoffs in ihren Rechnern erst richtig bewusst. Und der Scoop war perfekt, da Christian Wulff tags drauf („um 18.19 Uhr sprang die Mailbox an“) mit seiner längst legendären Suada an die Adresse Dieckmann reagierte, der den Artikel trotzdem (oder deshalb) um 22.05 Uhr unter der Schlagzeile „Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ im Netz und noch vorm Morgengrauen auf der Titelseite verbreitete. Eine „wahrhaft journalistische Leistung“, wie sogar die Zeit den Kampf von Bild (und Spiegel) um Akteneinsicht lobt. Als sich der parallel ermittelnde Stern gezwungen sah, seine eigenen Recherchen per Gongschlag 11.45 Uhr hastig online zu stellen, wehte nicht ohne Grund ein Hauch echter Relevanz durchs Springer-Haus an der Dutschke-Straße.

Das Thema war geboren, die Branche zog es groß, und als Bilds Baby laufen lernte, da lehnte sich die Mutter zurück, gab hier und da Erziehungstipps, zählte ansonsten aber genüsslich die Quellenverweise auf dem Weg zur meistzitierten Zeitung 2012. Denn es begann die Phase der Aufbereitung, Analyse, Reflexion, auch der selbstkritischen – alles keine Kernkompetenzen des Sensationsblattes, das sich im Kriegszustand weit wohler fühlt. Und nichts anderes als Krieg hatte der Präsident seinem Exprotegé angedroht. Gut, die Bild hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten Überparteilichkeit bewiesen, als sie die behagliche Fahrstuhlkabine, mit der Springer-Chef Döpfner auch diesen Prominenten mit nach oben genommen hatte, wieder abwärts schickte. Dies als berufliches Ethos zu feiern, klingt indes, als ehrte man einen Waffenhändler mit Friedenpreisen, weil die Kugeln auch mal ihr Ziel verfehlen.

Bild kürt, Bild stürzt. Und so galt Wulff beim Zentralorgan hausgemachter Popularität mit einemmal als nicht mehr „adrett, erfolgreich, skandalfrei“, wie Hauptstadtbüroleiter Nikolaus Blome jahrelang in die Republik posaunt hatte. Der „beliebteste Politiker“ früherer Propagandaschlachten hatte nach Jahren des Lobes voll Güte („Der bisher tadellose Wulff wird durch diese Trennung sogar ein wenig menschlicher“), Respekt („Regierungschef, Vater, Geliebter und Noch-Ehemann – wie kriegt Christian Wulff das bloß so prima hin?“) und Zuspruch („Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient“) plötzlich doch etwas weniger Glanz als Dreck am Stecken, von dem Kai Diekmann zuvor partout nichts wissen wollte in seinem eisernen Willen, den Landesfürsten größer zu schreiben. Groß genug für höhere Ämter.

Dass er im höchsten nun fallengelassen wurde, da Wulff als überparteiliche Instanz fürs neokonservativ-populistische Projekt anders als KT zu Guttenberg verbrannt war, ist indes gewöhnliche Bild-Praxis und hat mit Journalismus nichts zu tun, wie die Bild-Forscher Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt feststellen. Dass Qualitätsmedien allerdings „nicht kritisieren, sondern mitmachen, wenn Bild sich Personen und Ereignisse für seine Selbstvermarktung zurechtlegt“, schade der Demokratie mehr als das „Geschnorre des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten“.

Denn im Grunde dreht sich die Affäre nur bedingt um Wulffs Hang zu Nepotismus, Vorteilsnahme und Medienschelte. Es ging von Beginn an eher nebenbei um niedrige Zinsen, Lusturlaub für lau oder auch nur die Frage, ob das, was Menschen in bestimmten Momenten tun, zwingend als Beurteilungsbasis jedes anderen Aspektes ihres Daseins dienen muss, darf. Ja, es geht im Grunde nicht mal um ein honoriges Amt für alle Bewohner eines Landes, dessen Inhaber zwar Magnaten, Millionäre, Medienmogule und ähnlich Mächtige zu seinen besten Freunden zählt, aber sicher keinen arbeitslosen Handwerker, prekären Langzeitstudenten, alleinerziehenden Geringverdiener, geduldeten Flüchtling oder sonst wie oberschichtenfernen Lebenskünstler auch nur zum erweiterten Bekanntenkreis. Es geht also gar nicht um Christian Wulff.

Nein, es geht um uns: als Journalisten, Journalismusnutzer, um den medialen Umgang mit Informationen, ihre Lieferanten, deren Arbeit. Denn die Affäre Wulff ist anders als andere eine, die lange fast ohne Politiker auskam. Während Guttenbergs Promotionsbetrug, Sarrazins rechtspopulistische Kanonade, die Beziehung des Kieler CDU-Spitzenkandidaten Christian von Boetticher zu einer 16-Jährigen, selbst der Ehebruch von CSU-Chef Seehofer frühzeitig auf politischer Ebene skandalisiert wurde, hielt sich sogar der SPD-Wadenbeißer Gabriel in Sachen Wulff lange zurück.

Als sich zwei Tage nach der Meldung die erste ARD-Talkshow zentral mit dem Präsidentenkredit befasste, saß das FDP-Fossil Gerhart Baum bei Beckmann vier Journalisten gegenüber. Anders als die publizistische Großwetterlage war die politische folglich bemerkenswert ruhig. Erst im Frühjahr, als Wulffs lautstarke Intervention auf Diekmanns Handy ruchbar wurde und der mediale Druck zunahm, verschärften Trittin, Thomas Oppermann, selbst ein paar Parteifreunde die Tonlage.

Doch da hatte sich eine Affäre in den Medien bereits über eine Affäre um die Medien zu einer Affäre der Medien entwickelt. Denn anfangs war sie ein reines Medienobjekt, „weil das Staatsoberhaupt des größten EU-Mitgliedsstaats möglicherweise wegen Fehlverhaltens zurücktritt“, wie ARD-Nachrichtenchef Kai Gniffke das öffentlich-rechtliche Berichtsvolumen erklärt (für dessen Angemessenheit sein ZDF-Kollege Elmar Theveßen gar den Staatsvertrag bemüht). Sie wurde zum Mediensubjekt, da sich aus Sicht von Dietrich Leder, Professors für Fernsehkultur in Köln, „ausgerechnet die Bild und ihr Chefredakteur als Helden der Meinungsfreiheit aufspielen“ konnten. Sie wurde schließlich zum Mediensynonym, indem die „Integrität des Boulevard-Blatts“, wie der Bielefelder Medienwissenschaftler Bernd Gäbler im Deutschlandradio sagte, „auf einer Maßstabstufe mit der Integrität des Staatsoberhauptes“ stand. Weil sich journalistische und politische Glaubwürdigkeit also plötzlich an einem Revolverblatt und ihrem Ziehsohn messen lassen mussten.

Denn die Allgemeinheit, fuhr Gäbler fort, lastete die schlechten News dem Boten bald mehr an als ihrer Ursache, dem König. Die breite Masse unterstelle Reportern zwar seit jeher eigennützige Motive für „Auflage, Quote, Skandaleffekte, Aufmerksamkeit“; ihnen war aber der Trost geblieben, „dass die Meinung über Politiker noch schlechter ist“. Das Zweckbündnis konservativer, bunter und linksliberaler Blätter aber, der wachsende Graben zwischen öffentlicher und verbreiteter Meinung, habe viele „skeptisch gemacht“. Der Eindruck, sekundiert Kai Gniffke im TagesschauBlog, „dass man in mancher Redaktion als Politiker Berichte bestellen oder abbestellen“ und mit „Deals oder Drohungen“ verändern kann, trug gehörig zur Ansehensreduktion bei. Und das verzweifelte Kleinrecherchieren einer großen Affäre mangels messbarer Konsequenzen schade laut Zeit-Autor Marc Brost dem Berufsstand als Ganzes.

Man muss es nicht gleich mit Was bin ich?-Moderator Robert Lembke halten, der zu seiner Zeit als Nachrichtenkorrespondent „Journalisten, die sie missbrauchen“ zu den „gefährlichsten Feinden der Pressefreiheit“ erklärte. Doch ein Blatt, das seine Kenntnisse dramaturgisch stückelt und für die Portionen Abnehmer sucht (und findet), betreibt seinen Beruf als reines Gewerbe. Und wir reden hier nicht von der Regenbogenjournaille, die sich ihre Wahrheiten aus Mimikanalysen, Groschenromanen und Pennälerphantasien zusammenhalluziniert. Wir reden von einer Zeitung, die Einfluss hat, Existenzen vernichtet, Karrieren bastelt, Politik betreibt, Bündnisse eingeht, Bündnisse bricht. Die Macht hat, Macht spielt.

So war es auch diesmal: Bild dirigiert, der Rest schwingt die Saiten. Doch diese Allianz der Mediokren, einer Zeitung also, die nur in Ausnahmefällen echten Journalismus betreibt, mit einem Politiker, der nur in Ausnahmefällen echte Politik betreibt, geriet zur Mesalliance im Großen Ganzen, als ihr die weniger Mittelmäßigen beitraten. Ein Pakt, den man noch gut vom ideologieübergreifenden Kampf gegen die Rechtschreibreform kennt. Oder aus der bizarren Schlacht um die Freiheit der Presse, Prominente auch nach dem Caroline-Urteil von 2004 bespitzeln zu dürfen. 43 Redakteure unterschrieben damals den offenen Brief, von Playboy über FAZ bis Spiegel. Und Bild, versteht sich, die ihren angeblichen Homestoryboykott, na – mit wem brach? Christian Wulff.

Bild ordnet seine Informationen schließlich im Zweifel seiner Kampagnentauglichkeit unter. Da grenzt es ans Lächerliche, wenn der gewendete Wulff-Lakai Blome nun behauptet, er habe Wulffs Mailboxansage aus journalistischer Zurückhaltung zurückgehalten und erst aufgrund eines Interviews des Bundestagspräsidenten in Wulffs Heimatblatt – schweren Herzens – zur Veröffentlichung freigegeben. In der Neuen Osnabrücker Zeitung hatte Norbert Lammert von den Medien Selbstkritik an „ihrer offensichtlich nicht nur an Aufklärung interessierten Berichterstattung“ gefordert, worauf Bild die „Wutrede mit Kultcharakter“, wie sie Tagesschau-Nutzer Gniffke mittlerweile nennt, allerdings nicht druckte, sondern der Konkurrenz unterjubelte. Jeder Journalist – wieder Robert Lembke – kennt nun mal einen Kollegen, „auf dessen Indiskretion er sich verlassen kann“. Mindestens.

Die Presse muss, um mit dem Politiker Alain Peyrefitte zu sprechen, „die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun“. Aber muss sie gleich wiederkäuen, was ihr ausgerechnet Bild zum Fraß vorwirft? Darf sie förmlich zur Jagd blasen? Denn der Bundespräsident agierte doch zusehends wie ein Beutetier: Er willigt – nach langem Versteckspiel – ins TV-Interview ein; er gestattet – nach langer Weigerung – die Veröffentlichung des Mailprotokolls; er beantwortet – nach langer Verschleppung – 400 Reporterfragen öffentlich; er tritt – nach langem Kampf – zurück. Denn Christian Wulff ließ sich von der Presse vor sich hertreiben, bis sie sogar abseits der Kommentarspalten das Äußerste forderte. Je länger Wulff im Fadenkreuz stand, desto mehr ging es schließlich „um seinen Kopf“, wie die Zeit bald monierte. Ein Rücktritt jedoch, schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen, sei nicht „Bestätigung und Belohnung für die Aufdeckung einer Affäre“ und sein Ausbleiben kein „Angriff auf die Pressefreiheit“. Selbst, wenn der es mit der nicht so genau nimmt.

Aber ist dem überhaupt so? Christian Wulff hat nicht nur den Bild-Bericht mit Teilen seiner Macht zu be-, gar verhindern versucht; er hat im gleichen Fall einem Stern-Reporter rüde zugesetzt; den Autoren einer Wams-Geschichte über seine Halbschwester mit ähnlichen Konsequenzen gedroht; als Ministerpräsident wohl nicht nur Einschüchterungsanrufe Richtung Braunschweiger Zeitung abgefeuert, an die sich der damalige Chefredakteur Paul-Josef Raue im Spiegel erinnert. Er hat sich zudem vom Bild-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg bis zum Welt-Gewächs Karl-Hugo Pruys schmeichelhafte Bücher mit Titeln wie „Besser die Wahrheit“ oder „Ich mach’ mein Ding“ schreiben lassen, dem Focus-Korrespondenten Armin Fuhrer sein Heldenepos „Der Marathonmann“ allerdings damit gedankt, dass er einen Monat nach der Hommage an den glücklichen Familienvater eine Scheidung verkündete, die sich angeblich über Jahre angebahnt hatte. Es sind Dinge, die von menschlichem Kleingeist und unprofessioneller Berufsauffassung zeugen, ohne Frage.

Aber dem Präsidenten ein gestörtes Verhältnis zu Artikel 5 des Grundgesetzes daraus zu stricken, dass er Journalisten belügt und in persönlichen Angelegenheiten interveniert? Das erinnert an einstige Gewissensprüfungen, als Kriegsdienstverweigerer ihre Friedfertigkeit am absurden Planspiel belegen sollten, ob sie eine Waffe benutzen würden, wenn dir Rote Armee vor ihren Augen Mutter samt Schwester vergewaltigt. Denn es ist, wie ihm der Spiegel vorwarf, kein „gestörtes Verhältnis zur Verfassung“, wenn Christian Wulff „am arabischen Golf Meinungsfreiheit angemahnt“ hat, im eigenen Land jedoch die Freiheit der Presse attackiert. Oder in orientalischen Autokratien eine ungehinderte Berichterstattung unabhängiger Medien forderte, daheim aber die Berichterstattung behindert. Das ist eher die hilf- und heillos ungeschickte, verzweifelte, fast trampelige Selbstverteidigung eines Mannes, der seinen holprigen Weg an die Spitze durch alles Mögliche, aber nicht radikale Umtriebe wider die bürgerlich demokratische Grundordnung erreicht hat.

Dieser jörgpilawahafte Ottonormalverbraucher am falschen Platz, der seine Leibjournalisten so lange mit Leidensgeschichten seiner Jugend impfte, bis sie ihm die proletarische Herkunft abkauften, der sich auf Cocktailpartys der Reichen und Schönen aber doch am wohlsten fühlte, er steckt inmitten eines Kampfes, für die seine verwaltete Sprachlosigkeit“ (Hans Leyendecker) einfach nicht ausreicht, aus dem ihn der Medienzirkus einfach nicht entlässt. Und er ficht ihn in einem Ring aus, der das schreibfreudige Spiegel-Publikum zu mehr Leserpost animierte als Fukushima, genauso viel wie im Fall Guttenbergs; der das Medienressort der Süddeutschen allen Ernstes klagen ließ, die ARD-Talkshows hätten die Weihnachtspause nicht unterbrochen; der dem Volksplauderer Jauch dann, als das Thema bereits die Titelseiten verließ, tatsächlich Rekordquoten einbrachte; der die Co-Moderatorin des Exklusivinterviews Bettina Schausten dank jener 150 Euro, die sie Freunden für ein Zimmer in Rechnung stellen würde, zum Web-Star machte; der Moritz Bleibtreu als Hauptdarsteller des „tollen Stoffes“, den Dieter Wedel auf Anfrage der FAS verfilmen würde, ins Spiel brachte; der schuhbewehrte Kleinstdemonstration vorm Schloss Bellevue zum Nachrichtenthema macht; der kurzum zeigte, was Skandale aus Sicht des Medienwissenschaftlers Steffen Burkhardt sind: Kommunikationsprozesse. Um sich selbst kreisend. Heiße-Luft-Fabriken.

Denn in der Tat: geredet wurde, wird viel. Die Rede war zwar bald von „Staatskrisentheater“ und „Posse“, „Herdentrieb“, gar „Fiktion“ und viele sprachen auch kritisch über sich selbst. Aber sie sprachen eben weiter. Und weiter. Und weiter. Alle. Nun auch der journalist. Weil er sich des Themas nicht entziehen kann, weil das Branchenmagazin sonst eine Leerstelle in seiner Branche hinterließe, weil es, nun ja, alle machen. So wie nicht nur Bild zu Guttenberg umschwänzelt hat, wie ihm die ARD einen Platz in der Reihe „Deutsche Dynastien“ verschaffte, seine Frau auf RTL II zur Päderastenjägerin wurde und Kerner an den Hindukusch reiste, wo der Minister bellizistischen Reportern empfahl, „einfach mal die Klappe zu halten“.

Man würde sich das bisweilen wünschen. Denn Tag für Tag, meint der Philosoph Peter Sloterdijk, „versuchen Journalisten neue Erreger in die Arena einzuschleusen und beobachten, ob der Skandal, den sie auslösen wollen, zu blühen beginnt.“ In diesem Sinne trug der Winter kurz ein frühlingshaftes Kleid. Es verdeckte manches Unkraut. Christian Wulff wurde übrigens kräftig gerupft, seine Ehe ist zerstört, der Ruf dahin, politische Ämter, selbst wirtschaftliche sind vorerst schwer vermittelbar. Mission Accomplished.



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