Die Samstagsreise: Bled, Slowenien

Cremeschnitte des Ostens

Bled ist wie ein Relikt aus alten Zeiten – betulich, fast bieder, trotzdem traumhaft schön. Denn zum Glück fehlt dem slowenischen Alpenstädtchen der eitle Glorienstolz ähnlich nostalgischer Orte.  Reisereportage von einem sahnigen Ort, dessen Spezialität nicht ohne Grund Kremašnita heißt und exakt so schmeckt, wie es klingt.

Von Jan Freitag

Wenn die Sonne orangerot zwischen Ritterburg und Klosterinsel im Gebirge versinkt; wenn pittoreske Boote darunter sanft durch blaue Wellen schaukeln; wenn sich die Promenade beim kühlenden Abendhauch mit Flaneuren füllt und die Kirchenglocken dazu ihr andächtiges Lied spielen – dann hat man entweder eine besonders kitschige Postkarte im Briefkasten, einen besonders kitschigen Pilcherfilm auf dem Flatscreen. Oder man sitzt im malerischen Städtchen Bled und genießt die sommerliche Luft an Sloweniens zweitgrößtem Gewässer.

Sollte das idyllische Land von der Größe Hessens tatsächlich, wie gern von Reisenden beschrieben, die Schweiz des Ostens sein, so ist ihre Perle am Rande der Julischen Alpen das Extrakt. Und das Konzentrat der Essenz, es wäre die Bleder Cremeschnitte, hochverdichtete Süße wie ihr Ursprungsort, das zeigt der Selbstversuch. Im nachmittäglichen Sonnenschein kämpft sich die Kuchengabel durch zwei Fingerbreit Sahne und weitere drei aus Pudding zwischen puderzuckerbeschneiten Biscuitdeckeln und man fragt sich beim ersten Bissen unweigerlich, in welcher Dosis Torte wohl toxisch wirkt. Gibt es Tortesättigungsgrade? Tortevergiftungserscheinungen? Tortenmortalität?

Falls ja, Bled wäre eine Todeszone und das Park-Restaurant am See ihr Schafott. Zehn Millionen Kremašnitas, wie das Gebäck im Original bezaubernd großmütterlich heißt, hat allein das beliebteste all der belebten Ufercafés bislang verkauft und es gibt kein anderes im Ort, bei dem das beige Rechteck nicht auf der Speisekarte ganz oben steht. Doch zur Beruhigung: wer es überlebt, bestellt auf sicher bald das nächste. Nicht am selben Tag, aber gewiss dem folgenden wie bereits am vorigen geschehen. „Eine kannste noch“, brandenburgert es vom Nachbartisch herüber, als die Bedienung eine weitere Ladung auf doppelstöckigen Servierwagen heranrollt.

„Det kann keener.“

„Zuhause verkneif ick mir det ja.“

„Das Bier könnte mehr Wumms haben, aber jeht.“

„Machste mal ’n Bild?“

„Vor der Burg oder mit Kirche?“

„Is doch allet dicht beisammen.“

Bled ist eben ein einziges, blumenbeetbuntes Fotomotiv, nicht fest in deutscher Hand, eher in englischer, die das „Habsburgische“ daran schätzen, wie die Chefin der örtlichen Tourismusagentur erklärt. Aber Deutsche findet man doch überall, zumal Ältere. „Wir hätten gern mehr Besucher um die 30“, klagt Eva Štravs, sprich: Strauß (hübsch, wie gesagt), und nimmt das sechste Handygespräch in zehn Minuten an. Bled, sagt die Dirigentin künftiger Besucherströme, ist gestern und heute zugleich, eine nationale Hassliebe vieler Slowenen, die sonntags aus allen Landesecken, besonders der Hauptstadt herbeiströmen. Zu nett, um sie zu mögen, zu nett, um sie zu meiden – die Perle des heimischen Fremdenverkehrs und sein großes Klischee.

Fremdenverkehr. Zugegeben, ein Begriff aus Epochen, da Reisende noch überalle hervorstachen aus der homogenen Eingeborenenmasse, als Zelte noch aus Leinen waren und Italien irgendwie exotisch. Hier passt er wie damals. Hier gönnen sich etwas zu prächtige Grandhotels wie das barocke Toplice noch einen Salon mit Seeblick und noch einen und noch einen, einer größer, einer leerer als der andere. Hier zeugen Messingplatten in Empfangshallen von präsidialen Gästen dunkel möblierter Suiten wie Josip Tito, der hier stets seine Sommerfrische pflegte, um bei Prager Verhältnissen rasch vor russischen Panzern ins angrenzende Österreich fliehen zu können. Die Suche nach Habsburg eben, selbst der Präsident. Hier werden morgens früh die Äppel tressenbesetzter Pferde von Kutschern in Tracht von der Straße gekratzt. Hier erinnern oft ergraute Kellner in ihrer befrackten Schluffigkeit an Hans Moser im schwarzweißen „Sacher“. Hier sind die Rabatten bonbonfarben, grafisch und gepflegt. Akkurat wäre ein gutes Wort. Und fotografiert wird noch auf Film.

Dennoch: Bled mag zuckersüß sein, klebrig wirkt es selten. Es ist sahnig, nicht zäh, betulich statt spießig, mehr adrett als sauber. Bled, das ist eine Reise in Fünfzigerjahrewelten, nach Baden Baden oder Capri, Likörsüffig, mandolinenbeschallt und sonnenschirmgeschützt, aber ihm fehlt der Konservatismus ähnlicher Ausflugsziele vom Bodensee bis Salzburg, das unablässige Gelöbnis vergangener Glorie. Und so mag die alte Ära aus gutem Grund vergangen sein – hier wird sie eher aus Selbstgenügsamkeit konserviert denn aus Tradition.

Davon erzählt auch die Vila Bled am Stadtrand. Ein prunkvoller Arkadenbau, dem der fünfte Stern nur fehlt, mutmaßt der Portier mit würdevoller Miene, weil sich das alte Gemäuer jeder stilistischen Modernisierung widersetzt. Seit 22 Jahren schlüpft Rado Bregar in die Livree und erzählt in Schweik’schem Deutsch auch von jenen zwei Frauen, die einst Titos gewaltigem Partisanenfresko im Kinosaal Modell standen und noch heute im Ort leben. Das Nobelhotel, die sozialistische Wandmalerei, Rado, sein lebendes Inventar – alles wie vom Himmel gefallen. Relikte nostalgischer Zeiten, Brückenköpfe ins Jetzt. Kaum minder herabgestiegen wirkt indes die Villa Prešeren, wo flotte Turnschuhträger in mattbraunem Rattangestühl zu Elektroklängen Latte Macchiato trinken. Es ist recht leer für ein schattiges Plätzchen wie dieses in bester Lage; selbst die Großstadtjugend mag an Bled eben eher das leicht Angestaubte, Biedere, den altbackenen Charme. Und so bestellt man auch im modernsten Café der Stadt Kremašnita.

Dieses Bled der Gegenwart ist ein Gegenentwurf zum Jahr 1855, als ein verrückter Schweizer, so sagt man hier ehrfürchtig, namens Rikli die Stadt für Touristen öffnete. Der Gesundheitsapostel quälte seine Kunden so lange mit Schonkost und Schockbädern im eiskalten Gebirgsbach der atemberaubenden Vintgarschlucht nebenan, bis sie entkräftet ins Umland flohen, um sich richtig durchfüttern zu lassen. Noch heute hat fast jeder Bauernhof vor Bled ein paar Fremdenzimmer, Hausmannskost inklusive. Und noch immer pflegen die Gäste am See das Gegenteil von Askese, als wollte man es dem alten Rikli nachträglich zeigen. Denkmäler von ihm gibt es dennoch. Eins aus Bronze. Und eins aus Creme.

Infos: www.bled.si, www.julijske-alpe.com; www.slowenien-tourismus.de
Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s