Gerichtsstühlerücken am Lerchenberg

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

 Die Woche, die war: 25.-31. März

Medien von Weltrang tragen seit voriger Woche andere Namen als BBC, NZZ, AFP oder das Provinzblatt New York Times; sie heißen nun Thüringer Allgemeine, Radio Arabella, Pressebüro Karlsruhe oder Friedrich Burschel und zeigen den Platzhirschen mal schön, wie man geschmeidig im fremden Revier wildert: Einfach in Echtzeit beim OLG München anrufen, schon kann die Hürriyet aus der Mainpost abschreiben, wie über die acht Mordopfer mit Wurzeln im heimischen Verbreitungsgebiet geurteilt wird. Dumm gelaufen. Und leider unwiderruflich. Die Strafprozessordnung, man möge verstehen. Auch Videoübertragung in den Nebenraum – juristisch nicht vorgesehen, also rein theoretisch ein Revisionsgrund. Es ist halt vertrackt mit dem Rechtsstaat. Aber bitte! Dafür sind RTL und Sat1 dabei, die relevante Inhalte zwar bloß als Rahmenprogramm ihrer Ballermannformate und Romanzen betrachten, aber wenigstens über ein messbares Publikum verfügen. Gut, dem bieten die kommerziellen Knalltüten statt sachlicher Informationen meist lieber frisches Ausrufezeichenentertainment wie zuletzt Entführt – Gib mir mein Kind zurück! oder gebrauchtes wie Ausgerechnet Sex!, aber, hey! – vielleicht findet sich im NSU-Prozess ja irgendein promisker Kindesentführer, der fürs Explosiv oder Akte 20.13 taugt.

Um Himmels Willen, könnte man da mit dem Titel der erfolgreichsten Betulichkeit in fortlaufender ARD-Serie ausrufen angesichts von so viel Dämlichkeit. Aber ähnlich christlich erklingt es ja aus fast allen Kanälen, wenn sämtlich, wirklich sämtliche Nachrichten die Osteransprache des Papstes gewohnheitsmäßig zur Spitzenmeldung machen, als sei dieses Jahr aber wirklich überhaupt nicht mit dem päpstlichen Urbi et Orbi zu rechnen gewesen. Und ähnlich christlich klingt es auch allerorten, seit das Osterprogramm seine Bibelfilmroutine zwischen Ben Hur, Die Zehn Gebote und ganz neu im Standardprogramm: Passion Christi abspult, wo Jesus allerdings erst nach Mitternacht in Zeitlupe gemartert wird wie eine Zielscheibe beim Biathlon.

Wobei – damit ist jetzt ja erst mal Schluss. Der Winter mag zwar nochmals furchtbar zurückgeschlagen habe, seine Lieblingssportarten haben sich in die Sommerpause verabschiedet, was mal einen Blick auf einen gängigen Samstag ohne Ski und Rodel freigab: Da wären vier Folgen Tiere bis unters Dach am Stück, gefolgt von einem alten Winnetou im Ersten, während das Zweite zwischen zwei Kochshows einmal Pilcher und Ich heirate eine Familie packt. Von dieser, man muss das so sagen: Kultserie, war dann Hauptdarsteller Peter Weck, ein altehrwürdiger Whitehead nahe 100, Gast der Jubiläumsgala 50 Jahre ZDF, was den Alterschnitt anderer Gäste aus der Sendergeschichte nur unwesentlich anhob (nicht aber den der Zuschauer).

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 1.-7. April

Auch die jüngeren Zuschauer erwartet heute, also Montag, eine Rückkehr der nostalgischeren Art, die nominell nur den krimiaffinen Teil der TV-Bevölkerung interessierten dürfte, also fast die gesamte: Michael Fitz kehrt nach viel zu langer Abwesenheit als Carlo Menzinger in den Münchner Tatort zurück, was dem ältesten, aber dennoch besten Ermittlerduo noch mehr Klasse verleiht. Eine distinguierte, zurückhaltende, effektferne Klasse. Eine, die selbst auf diesem Sendeplatz zusehends seltener wird als in den großen Zeiten des Autorenfernsehens, das Arte heute mit der Wiederholung vom famosen Zweiteiler Molière ins Gedächtnis ruft, der den 68ern 1977 nochmals neuen Schwung gab. Filme über verstorbene Dramatiker nichtdeutscher Herkunft, die praktisch ohne Action und Schmalz beeindrucken, sind heutzutage leider – zumindest vor Mitternacht – kaum noch vermittelbar. Und weil das so ist, wird auch ein bemerkenswertes Experiment selbstkritischen Humors namens Lerchenberg ab Freitag zwei Tage lang um 23 Uhr versendet; muss ja nicht gleich noch jemand sehen, wenn das ZDF sich selbst und Sascha Hehn als Sascha Hehn fröhlich durch den Kakao zieht. Sonst müsste das Zweite ja sturzbiedere Freitagskrimis wie Die Chefin verschieben, also feste Alltagsabläufe im Rentenalter des Publikums durcheinander bringen.

Zeitgleich startet bei RTL übrigens die neue Staffel Let’s Dance mit den Weltstars Christian Polanc, Manuel Cortez, Melissa Ortiz-Gomez, Manuela Wisbeck, Massimo Sinató, Stefano Terrazzino, Nikita Bazev, Oana Andreea Nechiti, Paul Janke, Ekaterina Leonova, Balian Buschbaum, Sarah Latton, Simone Ballack und Erich Klann auf dem Tanzboden, die das konkurrierende Excontainergetier Jürgen Milski doch glatt wie eine bedeutsame Berühmtheit erscheinen lassen. Der Begriff Prominenz wird eben immer dehnbarer. Und zeitgleich wird dann ab heute auch noch ganz neu die nächste Generation C-Promis hinein gecastet, bei Sat1, Titel: The Voice Kids. Für tiefgründige Geister: die populistische Leistungsschau brachialen Unterschichtenfernsehens; für oberflächlichere: eine gute Gelegenheit, frühreifen Teenies auf die Hotpants zu zoomen.

Kommen wir also zu was Erbaulicherem: Real Humans zum Beispiel, ab Donnerstag in Doppelfolgen bei Arte. Die schwedische SciFi-Serie über menschengleiche Cyborgs, die (anfangs) ganz normal unter uns leben, wirft aufs Neue die Frage auf: warum ist Fernsehen aus dem der kulturellen Diaspora Skandinavien eigentlich so viel besser als das aus der Mediengroßmacht D? Weil erstere mit wenig Geld Mut zeigen, letztere dagegen mit wenig Mut Geld verbrennen! Daran ändert auch der unterhaltsame Achtteiler Verbrechen wenig, in dem das ZDF ab Sonntag nach dem Pilcherschmalz, also auf seinem Platz für ausländische Importe, den Weltbestseller des Nazischergenenkels Ferdinand von Schirach verfilmt hat. Denn das ist zwar eine quirlige Zappelschnitt-Gaudi nach realen Fällen des schreibenden Strafverteidigers, aber natürlich: Krimi. Na toll… Zur Entschädigung daher die freitagsmedien-Entdeckung: Metal Evolution,  eine elfteilige Musikdokumentation auf ZDFkultur, die endlich mal Licht ins Dunkel harten Rocks bringt. Bessr als jeder Mordfall!

Von Jan Freitag


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