Solotours und lange Bärte

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 7.-14. April

Marianne & Michael, Fix & Foxi, Seeler & Müller, 47 & 11 – am Mikrofon werden arbeitslose Exfußballer zwar weiter zur radebrechenen Hälfte kommentierender Sportreporter heran gezüchtet, ansonsten aber scheint das Ende der Doppelspitzen langsam erreicht: kurz nachdem der Stern das Odd Couple des Illustriertenleitens Andreas Petzold und Thomas Osterkorn durch Führungskraft im Singular ersetzt hat, wurden nun auch Georg Mascolo und Mathias Müller v. Blumencron vom Spiegel abgesägt, derart eiskalt, dass es selbst abgebrühten Kollegen in Hamburgs Speicherstadt so übern Rücken lief und sich der eher konservative Feuilletonist Claudius Seidl in der sehr konservativen FAS genötigt sah, den mehr als linken Jakob Augstein als Spiegel-Verleger vorzuschlagen.

Doch damit nicht genug: Selbst beim mächtigen Gegner von Gruner + Jahr, seinerseits Sperrminoritätenanteilseigner beim Spiegel, muss sich Julia Jäkel künftig nicht mehr im Trio, sondern allein mit dem schlingernden Großverlag aus der Nachbarschaft herumschlagen. Aber immerhin darf sie das noch, denn bei dapd wurden vorige Woche nicht nur die Topetagen geräumt, sondern gleich die ganze Nachrichtenagentur. Sieht also nach wie vor nicht gut aus für alte Medien, gerade die gut gemeinten. Dabei folgt der rasante Abstieg einem echten Paradoxon: Qualitätsjournalismus besinnt sich mit investigativen Rechercheteams bis in die kleinsten Lokalredaktionen auf seine Kernaufgaben – die Mediengesellschaft ist nur zusehends weniger bereit, dafür auch noch Geld zu bezahlen und wird vermutlich erst dann merken, dass Blogger doch ziemlich oft einem Hobby nachgehen und keinem Beruf, wenn es bereits zu spät ist.

Ganz anders dagegen sieht es ja im Fernsehen aus, wo Reporterteams noch so eifrig Skandale aufdecken dürfen wie derzeit im kollektiven Enthüllungsrausch der globalen Offshore-Leaks-Berichterstattung – dass dafür in Kampf mit den zusehends nachrichtenfreien Kommerzsendern selbst öffentlich-rechtlich mal andere Sendeplätze als Richtung Nacht zur Verfügung gestellt werden, ist und bleibt die Ausnahme. Umso schlimmer, wenn dann auch noch die Perlen fiktionalen Fernsehens ihren Abschied nehmen wie Nina Kunzendorf, deren unvergleichliche Tatort-Ermittlerin Conny Mey nach ganzen fünf Fällen gestern ihren Abschied nahm und Joachim Kròl allein zurücklässt in der besten aller Tatort-Städte Frankfurt mit den besten aller Kommissare der besten aller Krimireihen.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 15.-22. April

Der beste Privatdetektiv kriegt dafür heute Abend im ZDF seinen vierten, hoffentlich aber nicht letzten Einsatz: das Authentizitätswunder Hinnerk Schönemann als Markus Imbodens norddeutsch reduzierter Dorfermittler Finn Zehender, diesmal auf der Jagd nach Steuerflüchtlingen wie es sich dieser Tage gehört. Immer wieder großartig, auch dank Sidekicks von Thomas Thieme bis zum wunderbar schmierigen Roeland Wiesnekker. Schmierig, aber nicht ganz so wunderbar, geht es dagegen parallel bei RTL2 zu, die allerlei teils aus den Peinlichkeitsschnipseln von DSDS bekannte, also tendenziell armselige Laienschauspieler zu einer vermeintlich realen Kuppelsause namens Jungfrau sucht die große Liebe schicken, was hinzunehmen wäre, wenn es das Publikum mit Verachtung strafen würde. Wird es aber nicht. Nicht flächendeckend.

Aber weil es am Ende doch ermüdend ist, sich fortwährend über hirnrissiges, oft zynisches, bisweilen menschenverachtendes Fernsehen solcher, nun ja: Fernsehender aufzuregen, feiern wir doch kurz mal einen Laienschauspieler, der es zu beachtlicher schauspielerischer Konsistenz gebracht hat: Ludwig Haas seit fast drei Jahrzehnten als Dr. Dressler in der Lindenstraße tätig, morgen 80 Jahre alt. Glückwunsch (auch mit einem Interview im mittwochsgespräch an dieser Stelle)!

What else? Die ARD muss mal wieder ihren letzten seriösen Sendeplatz ohne zwingenden Mordfall am Mittwoch für Fußball – diesmal DFB-Pokal – räumen. Pro7 wanzt sich mit der zappelig-juvenilen Funsportdoku WildOnes ab Dienstag einmal mehr an die Zielgruppe unter 25 (Alter) heran und mit der Spielshow Elton zockt – LIVE! ab Samstag an die unter 90 (IQ). Stunden zuvor feiert das einst feministisch gemeinte, heute crossgendernd investigative ZDF-Samstagsmagazin Mona Lisa 1000 Folgen in 25 Jahren. Und Donnerstag zuvor debüttiert der Holländer Philip Simon in der ZDFneo-Comedy – tihi – Nate Lite solo mit Holländerwitzen. Witzig. Bei Witzen mit so langem Bart also doch lieber den einzig wahren ansehen – nämlich die (Wieder-)Entdeckung der Woche: Magnum (ZDF, dienstags ab 0.45 Uhr), der heißeste Scheiß der Achtziger und anders als so vieles anderes von damals wirklich sehenswert.

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