Philip Simon, Holländer und Comedien

Das Baby kann sprechen

Philip Simon sieht aus wie Oli Welke mit Armtattoos und erzählt meist Holländerwitze. Das darf er, ab heute (18. April, 22.15 Uhr, ZDFneo) sogar in seiner eigenen Late Nite Comedy namens Nate Lite. Der 36-jährige ist ja nicht nur Komiker sondern halber Niederländer. Aber warum finden Deutsche die bloß so witzig? Eine Antwortsuche.

Na, das fängt ja toll an: Nate Lite. Die neue Spaßparade auf ZDFneo heißt allen Ernstes Nate Lite, was schon im Titel die Güte gen Alles nichts, oder? plättet, Tendenz „zum Bleistift“, also eher Liga der außergewöhnlich Belämmerten als das, was sprachlich korrekter mit „Late Night Comedy“ untertitelt wird: Ein Nachttalk mit Humor. Doch toller wird’s nicht. Denn „Nate Lite“ dreht sich vor allem um Wohnwagenwitze. Oder Edamerwitze. Natürlich Windmühlenwitze. Nicht zu vergessen Tandemwitze. Alles gebündelt in Rubriken von „Two and a half Kaaskopp“ über „Oranje Gedankje“ bis „Mein Holland“. Womit wir bei Ursache, Wirkung, Dilemma und self fulfilling prophecy dessen wären, was, besser: wer uns da künftig die Spätnacht verulkt: Philip Simon, ein – Überraschung! – Niederländer.

Ab heute kriegt der versierte Bühnenkomiker von 36 Jahren nach einem ertragreichen Dasein als Gast all der Satiregipfel, Quatschclubs und Anstaltsneuigkeiten des Fernsehhumors seine erste eigene Show. Und allem Anschein nach wird die Enscheder Ahnenreihe des binational aufgewachsenen Deutschholländers den Wesenskern der kabarettistischen Gesprächssause bilden. Es geht also um eher plakative Pointen, verpackt in ein Format, das die Late Night per Buchstabendreher zwar umarmt, zugleich aber wegstößt. Denn möglichst viel und herzlich wenig zugleich soll an Thomas Gottschalk nebst Epigonen erinnern: Es gibt den unvermeidlichen Stand-up-Start (zum aktuellen Zeitgeschehen), allerlei Sketch-Elemente (wie eine Campingplatz-Sitcom) und den üblichen Sidekick (die Comedynovizin Tahnee Schaffarczyk), aber weder Schreibtisch, noch Großstadtpanorama, geschweige denn die übliche Studioband.

Nate Lite ist ein Mix aus Harald Schmidt und Mario Barth im Mittelstrahl der genretypischen Eigenurin-Therapie aus der Blase des TV-Humors – zum Auftakt zu Gast: Bernhard Hoëcker und Marijke Amado, ein Berufskasper und eine Berufslandsfrau. Dramaturgisch dürfte es also alles andere als innovativ werden, stilistisch dafür knallorange. Holland zieht eben im deutschen Unterhaltungsprogramm. Sogar wenn es jemand verkörpert, der optisch ein bisschen an Oliver Welke mit tätowierten Unterarmen erinnert und auch sonst dessen Masche der unbedarften Gehässigkeit aus dem Gefühl tiefster Normalität heraus teilt. Was also zieht an Philip Simon, aufgewachsen in Essen und erfolgreich vor allem östlich seiner Geburtsheimat? Und was zieht ihn so sehr auf die andere Seite des Grabens zwischen dem kleinen Nordseestaat und ihrem einst verhassten Besatzer? Ganz einfach, sagt dieser vielfach prämierte Vollblutkomödiant, der noch während seines Germanistikstudiums als Conférencier im Varieté gearbeitet hat und seither schon mal 300 Vorstellungen pro Jahr in den größten Häusern des Kabaretts absolviert: Es ist der Akzent („Oh, guck mal – das Baby kann sprechen“) und purer Pragmatismus („außerdem sind die Arbeitsmöglichkeiten größer“).

Dennoch muss es weitere Gründe geben, warum unsere Nachbarn seit den Tagen von Jopi Heesters und Heintje hierzulande so angesagt sind, warum ihre Popularität vor allem in den Neunzigerjahren nochmals kräftig angezogen hat. Die Antworten lauten: große Show und kleiner Grenzverkehr. Denn während der Amsterdamer Mediendozent Maartin Reesink deutsche Moderatoren als „eher steif“ empfindet, hält er seine unterhaltsamen Landsleute für weit „freimütiger, einfach geradeaus, unverblümt“. Und das wissen öffentlich-rechtliche Sender bereits seit den Sechzigern zu schätzen, als erst der singende Moderator van Burg zum gemütlichen „Onkel Lou“ der erblühenden Fernsehnation avancierte und Rudi Carell sodann den Typus väterlicher Grandseigneure um den Faktor Lockerheit erweiterte.

So richtig zum Durchbruch kamen die fröhlichen Grenzgänger allerdings erst, als sich die Scouts des Neulings RTL praktisch bloß in die Straßenbahn setzten mussten, um das junge Dualsystem mit Holländern auszustatten. Marije Amado, geschult als Assistentin Am Laufenden Band, die kleine Schwester des späteren Großproduzenten John de Mol namens Linda, dazu Harry Wijnvoord – die räumliche Nähe versorgte den Kölner Kommerzkanal Anfang der Neunziger regelmäßig mit frischen Gesichtern, aber auch gebrauchten wie dem Rudi Carrells, der 1993 von der ARD an den Rhein wechselte. Seither zählen Niederländer jeder Art insbesondere bei RTL zum Stammpersonal, derzeit etwa das heitere Barbiepüppchen Sylvie van der Vaart, die in Let’s Dance nicht nur ihr strahlend weißes Zahnarztlachen, sondern sämtliche sekundären Geschlechtsmerkmale zu Markte trägt. Oder Tooske Ragas, bei Deutschland sucht den Superstar vor allem für süße Optik zu sinnlosen Fragen zuständig. Beide sind indes nur noch austauschbare Folien für das Klischee der naturfröhlichen Anrainer mit dem einnehmenden Wesen, deren putzig glattgebügelte Diphtongs unserer Sprache ein wenig ihrer Härte nehmen, aber ja doch noch irgendwie hiesigen Dialekt sprechen. Friesisch eben. Und genau das wird Philip Simon neben all den Hasch- und Kraushaarscherzen in Nate Lite thematisieren. Immer und immer und immer wieder. Holländerwitze in Endlosschleife. Deutsches Publikum kriegt davon nie genug.

Der Artikel ist auch in Berliner Zeitung und FR erschienen:

http://www.berliner-zeitung.de/medien/tv-eine-ganz-eigene-liga,10809188,22386026.html

http://www.fr-online.de/medien/tv-eine-ganz-eigene-liga,1473342,22386026.html

Von Jan Freitag
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