Nichtssager und Feuerteufel

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 15.-21. April

Kann man die routinierte Redundanz des Talkens besser auf den Punkt bringen als Oliver Pocher, seinerseits die routinierte Redundanz des Fernsehens insgesamt? „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen“, sagte der nichtigste aller Entertainer gestern bei Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß und fuhr mit „aber ich würde sagen…“ fort, was er zudem in einer reinen Männerrunde tat, wobei wir beim eigentlichen Thema der Woche waren. Der Quote.

Wenn die formierte Zivilgesellschaft emanzipatorisch mal so richtig Fahrt aufnimmt, ist aber auch echt kein Halten mehr. Kaum darf der Herr seiner Frau nicht mehr den Job kündigen, steigt auch schon die erste in eine relevante Chefredaktion auf. Gut, Isabelle Arnold darf sich bei der Nachrichtenagentur dpa von oben herab bloß – wie in feminin dekorierten Konzernspitzen üblich – vor allem ums Personal kümmern, Gedöns eben, weibliche Skills und so. Aber während das periodisch progressive Fernsehen seine programmatischen Führungskräfte Monika Piel (WDR) und Anke Schäferkordt (RTL) grad wieder durch echte Kerle ersetzt, wird Arnold (vielleicht auch wegen des maskulinen Namens) 68 Jahre nach der ersten bundesdeutschen Zeitungslizenz und acht weniger seit Gründung der dpa die allererste Frau sein, die im deutschen Pressewesen etwas anderes als Regionalblätter, Gossipmagazine oder die taz leiten darf.

Trotzdem ist die Tatsache, dass sie das so ganz ohne Frauenquote geschafft hat, für das teutonisch blondierte Politkarrieregirlie Katrin Albsteiger Grund genug, Frauenquoten abzulehnen. Mit wie hohen Heels, aber flachen Argumenten sie das belegt, konnte man Mittwoch bei Anne Will bestaunen, wo sich die rhetorisch ungleich besser als logisch geschulte Chefin der Jungen Union Bayerns erst von der dreimal älteren, viermal weiseren, fünfmal moderneren Ex-Bundestagpräsidentin Rita Süßmut, dann vom erzkonservativen Ex-Stoiber-Berater Michael Spring zurechtweisen lassen musste, dass Emanzipation vielleicht doch ein klein bisschen mehr ist, als die freie Wahl der Brillengröße.

Die freie Wahl des Jubelforums hat dagegen Maria Furtwängler. Nicht, dass sich irgendein Klatschblatt der Republik je traute, die beliebte Tatort-Ermittlerin je offen zu kritisieren, aber dass die Bunte ein Exklusiv-Interview „über Erfolg, Träume und was sie für die Zukunft plant“ unverhohlen lobhudelnd mit „Die Superfrau“ betitelt, hat sicher nix damit zu tun, dass ihr Mann Hubert Burda die Regenbogengazette herausgibt. So hält das gut geölte System medialer Seilschaften selbst Protagonist(inn)en ohne tiefer gründendes Schauspieltalent gemütlich auf den guten Sendeplätzen, während sich die begnadeten in der Nische drängeln. Bjarne Mädel zum Beispiel, dessen famoser Tatortreiniger Schotty samstags nach dem Wort zum Sonntag versauert, wo er diesmal einen Nazi-Treffpunkt politisch so unkorrekt reinigt, dass ihm dafür schon der zweite Grimme-Preis zuteil wurde. Vielleicht klappt’s ja nach dem dritten mit der Primetime.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 22.-28. April

In der ist der Platz allerdings auch eng im Ersten. Alles belegt mit wichtigeren Dingen: Montag die dröhnende Tierdoku Tricks der Überlebenden, Dienstag die katholische Erweckungsserie Um Himmels Willen, Donnerstag die lokalpatriotische Stadtflucht-Reihe Reiff für die Insel, Freitag die Gefühlsbaukastenschnulze Utta Danella – Wer küsst den Doc?, Samstag die soziokulturell bedeutsamen Melodien der Berge, Sonntag dann etwas, das Qualität verspricht, aber nur teilweise einhält: Der neue Nord-Tatort mit Wotan Wilke Möhring als – Überraschung! – bindungsgestörter Kommissar plus neuer Assistentin (Petra Schmidt-Schaller) mit – Sensation! –  mit reichlich kurzen Hotpants und völlig anderer Berufsauffassung, die gemeinsam den abstrus konstruierten Fall vom Feuerteufel lösen, der beim Autoanzünden vergisst, einer Insassin Bescheid zu sagen. Das ist trotz des spielerisch überzeugenden Ermittlerpaars einer der schlechtesten Tatorte seit langem und passt somit in die Reihe der Sendeplatzblockierer für besseres Fernsehen.

Aber wollen wir mal nicht selbstgefällig pauschalieren. Denn aufmerksame Lesende werden ja bemerkt haben, dass in der Auflistung oben der Mittwoch fehlt. Da nämlich läuft eine Eigenproduktion, die das viele Gebührengeld allein schon rechtfertigt: der brillante Psychotherapeut Bloch, diesmal unter Verdacht der sexuellen Nötigung einer depressiven Frau, furios gespielt von Anna Maria Mühe. Zu dumm, dass Die Lavendelkönigin der letzte Fall des viel zu früh verstorbenen Dieter Pfaff ist. Noch mehr als das Aus der vielleicht eindrücklichsten Serie im Land, deprimiert allerdings die Tatsache, dass es gegen das zeitgleich übertragene Championsleague-Halbinale in der Zuschauergunst wohl gnadenlos untergehen wird. Branchengesetz.

Wenden wir uns also dem nächsten, garantiert fußballfreien Refugium relevanten Fernsehens zu: Arte. Dort läuft seit gestern der Schwerpunkt Die Zukunft beginnt jetzt über alles, was uns künftig selten Hoffnung, aber viel Angst macht: Vom mächtigen Biotech-Konzern Monsanto, (Dienstag, 14.20 Uhr: Mit Gift und Genen), der sich die Erde wirklich Untertan macht, bis zur Müllhalde Meeresgrund, die sechs Stunden später beleuchtet wird. Von Gencode geknackt – Segen oder Fluch (Donnerstag, 22.15 Uhr) bis Jagdzeit – Walfängern auf der Spur (Freitag, 14.30 Uhr). Alles interessant, authentisch, spannend, kreativ, nur leider nicht allein wegen der bizarren Sendzeiten arg deprimierend. Aber eben auch nicht so deprimierend wie der Schrott, den uns (wer sonst?) RTL ab Donnerstag zur besten Sendezeit als Entertainment auftischt: Mantrailer, dem Pilotfilm einer Serie, die den Spürhundklassiker Kommissar Rex so schäbig, schamlos, grottenschlecht zu Tode belebt, dass der dritte Teil der unfassbar debilen Aschenputtel-Trilogie Vorzimmer zur Hölle 3 – Plötzlich Boss, zeitgleich im Zweiten, fast schon sehenswert wird.

Bleibt also nur der Fernsehtipp der Woche, natürlich zur Unzeit, samstags um 0.50 Uhr im Hessischen Rundfunk: Graf Yoster gibt sich die Ehre, der erste lustig gemeinte Serienkrimi im Röhrenfernseher, schwarzweiße Nostalgie der Sixties, selten komisch, aber voll Charme.

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