Tilmann Otto alias Gentleman, Hamburg 2012

Jamaika kommt auch ohne mich gut aus

Tilmann Otto kennt kaum ein Mensch, Gentleman dagegen sogar halb Jamaika. Der 39-Jährige Kölner aus Osnabrück ist Deutschlands weltweit populärster Reggae-Export und selbst im Heimatland des Genres anerkannt. Sein neues Album New Day Dawn ist wie immer sofort hoch in die Charts gestiegen und die anschließende Tour dürfte volle Hallen garantieren. Ein Gespräch über Reggae, Sexismus, Heimat und Weiße in der schwarzen Musik.

freitagsmedien: Gentleman…

Gentleman: Oh, Tilmann bitte.

Also, Tilmann. Wenn man jemandem Reggae erklären muss, der davon das übliche Bild zwischen Karibik und Kiffen hat – wie würden Sie ihn umschreiben?

Tilmann Otto: Wenn man Musik erklären muss, hat sie oft zu wenig Substanz, um aus sich selbst zu sprechen. Deshalb würde ich es gar nicht erst versuchen, und es muss auch wirklich nicht jeder Reggae hören. Andererseits sind einige der größeren Klischees langsam auch mal gut. Es gibt pappeflachen, stumpfsinnigen Dancehall und hochintelligenten, sozialkritischen Roots ohne Sunshine-Feeling, dafür mit permanenter Attacke gegen Missstände und Establishment. Es gibt moderne und traditionelle Ansätze, so wie es auch im HipHop stupide und schlaue Lyrics gibt. Gäbe es nur einen der Pole, wäre es doch wieder Musik, die man erst erklären muss, um sie Nicht-Eingeweihten schmackhaft zu machen.

Läuft in Jamaika denn nur der auserlesene, feine Reggae, ohne den Schrott?

Im Gegenteil. Wenn man da das Radio anmacht, läuft das ganze Spektrum. Das einzig vereinende Element ist, dass tatsächlich zu 80 Prozent Reggae, hauseigene Musik gespielt wird.

Die jamaikanische Volksmusik.

Kann man so sagen.

Und sie wird auch als solche wahrgenommen?

Mehr noch: Musik, also Reggae, bildet den größten Teil der jamaikanischen Kultur. Trotzdem wird sie im positiven Sinne so globalisiert, dass immer mehr Produktionen, die dort zu hören sind, international produziert werden. Selbst in Deutschland. Das Netzwerk funktioniert überall. Als ich dort mein erstes Album produziert habe, gab’s noch diese Blase heimischer Künstler, in die man als auswärtiger kaum rein gekommen ist. Heute sind die Türen offener.

Hat das mit Globalisierung als solcher oder mit der Entwicklung des Sounds zu tun?

Mit beidem, aber auch Jamaika hat festgestellt, dass in der Masse Klasse stecken kann. Dass unter der schieren Menge von Tracks, die unablässig in Jamaika releast werden, unter all dem Bullshit auch unglaublich viele Perlen zu finden sind, die man nie entdecken würde, hätte sich die Insel nicht ausländischen Szenen geöffnet. Da ist mittlerweile einiges textlich und technisch so hochwertig, dass es sein Publikum findet.

Wie erleben Sie das vor Ort?

Also meine zweite Heimat, wie oft geschrieben wird, ist Jamaika nicht. Meine erste ist Köln, meine zweite überall. Aber ich fühle mich zuhause in Jamaika und je länger ich fort bin, desto mehr zieht es mich zurück nach Kingston, dem Nashville des Reggaes. Das ist ein Weg an die Quelle.

Waren Sie dort denn je der Reggae-Musiker, der zufällig aus Deutschland kommt, oder doch der Deutsche, der auch Reggae macht?

Ich glaube, Jamaika kommt auch ohne mich ganz gut aus. Trotzdem werde ich eher als Musiker wahrgenommen, der auch aus Deutschland kommt. Zeit verwischt da vieles. Mein erster Song, der da im Radio lief, war Jah Jah Never Fail von meinem ersten Album vor zwölf Jahren. Viele, die ich heute auf der Straße treffe, im Studio, wussten damals gar nicht, dass das von außerhalb kommt.

Muss man als weißer Künstler in genuin schwarzer Musik um Anerkennung kämpfen?

Generell vielleicht, ich nicht, weil ich oft das Glück hatte, zur rechten Zeit die richtigen Leute zu treffen, um es eine Stufe weiter zu bringen. Sicher gibt es immer Leute, die es merkwürdig finden, dass jemand, der mit Willy Millowitsch groß geworden ist, plötzlich auf Bob Marley macht. Aber ich hab immer mit der Gewissheit geantwortet, eine Musik zu machen, die überall auf der Welt funktioniert.

Nichtsdestotrotz haben Sie sich dabei eine Sprache angeeignet, die manche als Anbiederung ans Mutterland verstehen könnten.

Natürlich hat mein Englisch einen jamaikanischen Einschlag, aber ich singe bewusst so, dass ich auch verstanden werde. Deshalb versuche ich so englisch wie möglich zu singen, nicht im tiefsten Patois, um zu suggerieren, ich sei wer weiß wie jamaikanisch. Es kann sein, dass ich manchmal bemüht klinge. Aber wenn du lange Zeit in der Fremde lebst, färben sich viele Gewohnheiten regional ein, nicht nur die Sprache. Deshalb folgt es noch lange keinem Kalkül; es passiert einfach. Ich wollte ja auch nicht mein Leben lang Reggae machen oder unbedingt, da ist es wieder, nach Jamaika gehen.

Sondern?

Ich wollte schon früh im Leben so viel wie möglich im Moment leben, ohne ständig der Spontaneität zu huldigen. Ich hatte immer eher Visionen als Pläne, wollte natürlich Musik machen, hab aber gerade deshalb lange mit Existenzängsten zu kämpfen gehabt, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Erst als ich nach dem Zivildienst in den Freundeskreis geraten bin…

Den Conscious Rappern aus Stuttgart.

… da wurde der Weg klarer. Ich war viel auf Tour, viel fort, viel am Probieren. Mein erster Plattenvertrag bei Four Music hat mich dann förmlich getragen. Trotzdem fängt man bei jedem Album bei Null an, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was ich in fünf Jahren mache, ob es überhaupt noch Reggae ist. Ich will immer Musik machen und davon meine Familie ernähren, aber die Richtung gilt nicht für die Ewigkeit.

Wobei Reggae wie HipHop weniger Musikrichtung als Lebenseinstellung ist.

Auf meinem Skateboard stand „Skateboarder for ever“, aber irgendwann wurde aus ever doch over, vielleicht mache ich also irgendwann Punk. Glaub ich zwar nicht, weil ich auch nach 25 Jahren des Hörens und Machens nicht ansatzweise müde bin. Aber ich hab mich auch immer geöffnet; ich hab mit den Toten Hosen Songs gemacht, mit einem türkischen Popact wie Mustafa Sandal, Filmmusik. Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung, aber ich komme immer wieder zurück zum Roots-Reggae.

Auch wegen der Spiritualität?

Ich bin davon überzeugt, dass es eine Energie gibt, die alles zusammenhält. Aber einer Religion fühle ich mich ebenso wenig zugehörig wie einer Kirche, obwohl mein Vater Pastor ist. Auch von den Rastas habe ich über lange Zeit in den Bergen Jamaikas viel gelernt, über die Philosophie hinter der Musik, das bewusste Leben im Moment, von Atmen bis Essen. Diese Spiritualität ist sehr tief, stößt aber an ihre Grenzen, wenn es dogmatisch wird und Haile Selassie der Allmächtige sein soll. Ich glaube, dass jede Religion einen guten Kern hat, aber die Göttlichkeit des Moments entsteht für mich nur aus Musik und Sex; alles andere verbindet sich zu sehr mit Zukunft und Vergangenheit.

Macht das Ihre Texte im jamaikanischen Sinne spirituell?

Nein, denn mich inspiriert diese Spiritualität genauso wie die „Tagesschau“ oder ein Bericht in der „Zeit“, Alltägliches, Songs, alles.

Sorgen diese Quellen für Botschaften, die Ihren Texten innewohnen?

Früher dachte ich, es gibt schwarz und weiß, heute denke ich auch in Grautönen. Das will ich in meinen Songs rüberbringen. Meistens teile ich aber nur Gefühle mit den Zuhörern, um nicht allein zu sein damit und sie nicht allein zu lassen mit ihren. Ich glaube noch immer an das Gute im Menschen.

Ist das die Message?

Schon. Die Kraft des Wortes sollte man nicht unterschätzen und ich spüre als Musiker eine gewisse Verantwortung.

Auch gegenüber dem Vorwurf, Reggae sei schwulenfeindlich?

Sicher, aber die Debatte hat ein Level erreicht, wo wegen einiger Künstler wie Sizzla ein ganzes Genre kriminalisiert wird. Mich stört Homophobie extrem und ich distanziere mich klar davon; manche Lyrics sind absolut unverantwortlich. Trotzdem hat jeder das Recht, Homosexualität abzulehnen. Ich glaube an Veränderung, und jede davon wird durch Musik begleitet. Deshalb werden in meinen Texten keine Minderheiten gedisst, sondern unterstützt. Wir als Musiker können die Welt vielleicht nicht verändern, aber ein bisschen erträglicher machen. Und da liegt die Betonung auf Eigenverantwortung. Es ist leicht, alles auf Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik abzuwälzen. Deshalb fordern meine Texte eher Aktivität im Mikrokosmos der eigenen kleinen Welt.

So was treibt einen schnell ins Schneckenhaus.

Stimmt. Und wenn man aus dem engsten Umfeld in Kingston ständig Geschichten hört, wie da aus nichtigsten Gründen Gewalt eskaliert und Menschen getötet werden, dann kann man nicht nur an Eigenverantwortlichkeit appellieren; die Kritik muss sich also auch ans System darüber richten, an den Kapitalismus, an Eliten.

Gibt es gesellschaftliche Umstände, in denen Reggae besser funktioniert oder schlechter?

Eher nicht. Reggae war immer schon Underground, auch wenn es einige Künstler immer mal in den Mainstream schaffen. Krise trifft den Reggae deshalb eher aus sehr profanen Gründen: Downloads und all so was machen ihr zu schaffen wie jeder anderen Musikrichtung. Da ist im Moment die Phase des Umbruchs.

Ihre Platten gehen doch blendend.

Es liegt mir auch fern, mich persönlich zu beschweren. Aber auch ich befinde mich da in Aufs und Abs. Zwischendurch lagen meine Zuschauerzahlen so in 5000er-Venues, im Moment eher im 2000er-Bereich. Das Wichtigste ist, die Leidenschaft nicht zu verlieren.

Singen Sie irgendwann auch mal auf Deutsch?

Wer weiß, kann sein, im Moment eher nicht, vielleicht als Intermezzo. Deutschland ist meine Heimat, mit meiner Sprache, die eine ganz eigene Tiefe hat. Aber wenn ich mir unsere Tourpläne so ansehe, sind deutsche Städte eben nur ein kleiner Teil. Vielleicht eher auf Kölsch.

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