Afrika, Elend oder Urlaub

Stöhnen hilft

Das Fernsehen zeigt Afrika gern als Himmel oder Hölle. Komödien wie  Buschpiloten küsst man nicht und Schnulzen wie Stürme in Afrika wollen vor allem ein leichtes Bild des Kontinents vermitteln und landen damit zielsicher im Klischeegewitter.

Von Jan Freitag

Glutrot steigt die Sonne über Afrika. Es ist flirrend und fremd, schön und exotisch. Und dann erwacht die Wüste zum Leben: eine Giraffe, zwei Nashörner, drei Antilopen – kaum vier Minuten dauert die TV-Komödie Buschpiloten küsst man nicht, da war von Elefant über Strauß bis Flusspferd die prospekttaugliche Fauna des Kontinents bereits im Bild. Und als die sehr blonde Alexandra Neldel sodann aus einer Propellermaschine steigt, um den hilfsbedürftigen Kontinent mit Rollkoffer an der Hand als Ärztin zu heilen, zischelt neben dösenden Löwen gar eine Klapperschlange.

Klapperschlange?

Die gibt es zwar einzig und allein in Amerika, aber wenn deutsche Sender in Afrika drehen, geht es eben nicht um Fakten, es geht um Thrill, Romantik, Stereotypen. Deshalb wimmelt es auch am Samstag in der heiteren ARD-Romanze Stürme in Afrika nur so vor tollen Tieren und irren Pflanzen, freundlichen Schwarzen und ein bisschen Sex auf Safari. Aus Sicht des Unterhaltungsfernsehens von öffentlich-rechtlich bis Sat1 sorgen die lästigen Nachrichten schließlich schon mehr als genug für den elenden Teil des Erzählenswerten. Am Bildschirm firmiert Afrika folglich nur in zwei Aggregatszuständen: als Schlachtfeld oder Reiseziel, ausgebeutetes Gesetzlosenland wie Freitag im Actiondrama Blood Diamond auf Pro7 oder eben tags darauf im Ersten, wo die weißen Europaflüchtlinge ihr Exil unter schwarzen Bewohnern genießen, die ihnen stets zudiensten sind. Ein Mittelweg existiert nur nachts und bei Arte; kein Wunder, dass sich Binyavanga Wainaina in Zynismus flüchtet. „Zeigen Sie nie das Bild eines modernen Afrikaners“, rät der Kenianische Literat den Medien. Besser seien „Kalaschnikows, hervortretende Rippen, nackte Brüste“. Und nicht vergessen: Der Erdteil mag 53 Staaten haben, im Titel reicht „Afrika“.

Wenn Christine Neubauer also Meine Heimat Afrika besingt, meint die ARD Namibia. Wenn das ZDF ins alte Deutschsüdwest reist, ist die SOKO Leipzig Verloren in Afrika. Katja Flint erlebt ihre Stürme in Afrika, nicht am Kap, wo Wolke Hegenbarth unlängst vor Diamantenjägern Im Brautkleid durch Afrika hetzte. Man fährt im Traumschiff nach Botswana, folgt Sophie Schütt nach Afrika – wohin mein Herz mich trägt und Alexandra Neldel nach Simbabwe, wo ihre schöne wie gescheite Ärztin Maria (!) lieber Eingeborenen hilft (!!) und Buschpiloten (!!!) küsst, als mit ihrem Einserabschluss (!!!!) daheim Karriere zu machen.

Es ist das typische Primetime-Epos vom guten Europäer, der den armen Süden retten will. Die heile Welt wird darin zwar durchaus mal bedroht. Aber nur von einzelnen, versteht sich, von schwarzen Schafen, nie vom System im Ganzen. Und nur bis zum Happyend. Versprochen! Denn Afrika ist die perfekte Projektionsfläche für Fernweh plus Romantik. Und weil sich das Publikum nach Feierabend, Jobsuche oder Frühschoppen lieber berieseln als belehren lässt, taugt der Kontinent nur dann zur Hauptsendezeit, wenn die Probleme so simpel sind wie ihre Lösung. So lässt auch öffentlich-rechtliche Unterhaltung aufgeblähte Babybäuche ebenso beiseite wie Agrarprojekte äthiopischer Fraueninitiativen. Für derart differenzierte Blicke muss man schon die letzten Reportageplätze zur Nacht einschalten – obwohl es den 28 Korrespondenten deutscher Medien schwer fällt, ein vielschichtiges Afrika-Bild zu zeichnen; schließlich sind sie im Schnitt für 33 Länder zuständig und kriegen nur späte Programmplätze.

Gleich nach der Tagesschau zählen dagegen weiße Identifikationsfiguren, gern Mediziner, alle attraktiv. Und falls Kriegelendhunger doch mal im Hauptfilm landet, dann auf der sicheren Seite. Iris Berbens Auswandererepos Afrika, mon Amour etwa spielt zu einer Zeit, da Farbige noch Neger waren und macht es sich somit leicht: Die Kolonialära zu schildern, befreit die Filmemacher unterm Deckmantel historischer Chronistenpflicht vom Aufklärungsdruck. Wer hielt Schwarze damals nicht für Wilde? Heute hält man sie für kläglich bis süß. Die schneeweißen, gern auch strohblonden Wohlstandseindringlinge aus dem Norden treffen da vor allem Ureinwohner, die ihre putzigen Bräuche in fließendem Deutsch auf Augenhöhe pflegen. Im Grunde sind Afrikaner also die gleichen Ausstellungsstücke wie bei Carl Hagenbecks Völkerschauen: holzschnittartig, hilfebedürftig, hübsch anzuschauen. Selbst sachliche Medien, klagt der zuständige Botschafter im Auswärtigen Amt Matthias Mülmenstedt, „würdigen die positiven Entwicklungen zu wenig“. Ein Teufelskreis: Ständig von Korruption oder HIV zu berichten, schrecke Investoren ab.

Und Zuschauer. So gibt es Afrika nur als Ort der Extreme oder Verliebten: im Film als Paradies mit Mängeln, im Bericht als Mangel im Paradies. Den Autoren Revisionismus vorzuwerfen, ginge aber zu weit. Eher dramaturgische Nachlässigkeit zum Wohle der Unterhaltung. Da hilft nur Binyavanga Wainainas Rat: „Stöhnen ist gut.“

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