Richard Wagner Superfilmstar

And the Oscar goes to: Wagner

Für einen richtigen Filmkomponisten hätte Richard Wagner nicht im Mai 1813, sondern 1913 geboren werden müssen. Dennoch ist sein Einfluss auf den Soundtrack unerreicht. Ein Geburtstagsüberblick

Von Jan Freitag

Die Melodie kennt jeder: Es beginnt mit Streichern. Schicht für Schicht peitschen sie sich empor, bis mächtige Hörner hineinjagen wie Fanfaren vorm Jüngsten Gericht – dann kulminiert der Walkürenritt in einem gewaltigen Orchestercrescendo. Acht Geisterwesen sind es, die in Richard Wagners zweitem Teil der Nibelungen zur Bergung der Toten himmelwärts reiten. Acht Helikopter dagegen bringen zur selben Melodie in Francis Ford Coppolas Apokalypse Now. Denn bevor die Flugformation ein vietnamesisches Dorf in Feuer badet, dreht Lieutenant Colonel Bill Kilgore die Lautsprecher auf. „I use Wagner“, erklärt er die Opernbegleitung zum Bombardement, „it scare’s the hell out of the slopes“.

Wagner, der Vietcong-Schreck, sein dröhnender Ring als Soundtrack – was nach cineastischer Episode klingt, der brillanten Vertonung einer brillanten Szene des wohl brillantesten aller Kriegsfilme, ist bei näherer Betrachtung ein gebräuchliches Stilmittel auf Leinwand und Bildschirm. Schließlich zählt der Walkürenritt dort wie kein zweites Thema der Klassik zum akustischen Standardrepertoire: In der Wochenschau intonierte er 1941 die Landung auf Kreta und in Operation Walküre 70 Jahre darauf Bomben auf Stauffenbergs Landsitz. Die Blues Brothers begleitet es auf der Flucht vor Neonazis und Desperados im Westernkampf mit Nobody. Dramen von Fellini, Serien wie Simpsons, Ballerspiele à la Far Cry 3, ja selbst die Empfängnisverkündung in Billy Wilders Komödie Eins, zwei, drei bedienen sich des Walküren-Zitats. Doch keine Szene ist so berühmt geworden wie die des Wagnerianers im Luft-Boden-Einsatz.

Aus gutem Grund. Meint Sabine Sonntag. Die Dozentin an der Musikhochschule Hannover weiß, wovon sie spricht. Sie hat schließlich nicht nur über Wagner und die Oper promoviert, sie inszeniert selber Singstücke von Mendelssohn bis Rossini. Klangmuster wie der Ritt, sagt Sabine Sonntag, erfülle gleich beide Kriterien, warum der deutsche Erweckungskomponist schlechthin auch 200 Jahre nach seiner Geburt für Film und Fernsehen unverzichtbar scheint: Das Leitmotivische und die Emotionalität. Dank dieser Komponenten, so Sonntag,  interagieren Text und Ton „wie bei keinem Komponisten zuvor und danach.“ Was ihn aus ihrer Sicht zum „ersten Filmkomponisten der Geschichte“ macht.

Schon mit Lohengrin hatte Wagner 1850 ja ein Drama geschaffen, dem Epigonen von John Williams (Star Wars, Harry Potter) bis Hans Zimmer (König der Löwen, Piraten der Karibik) im Grunde näher waren als Zeitgenossen von Weber bis Verdi. Wagners Oper über Himmlers Lieblingskönig Heinrich I. im Kampf mit den einfallenden Ungarn gilt schließlich als erstes durchkomponiertes Singspiel: Statt einzelner Nummern setzt es auf Fläche; Arien, Chöre, Zäsuren und Sätze verwob Wagner fortan zu Klangteppichen, die den Kintopp der Stummfilmära ebenso prägten wie den Blockbuster von jetzt. Wer den pausenlosen Bombast überm Herrn der Ringe beklagt (der dem Ring der Nibelungen auch dramaturgisch verteufelt ähnelt), sollte sein Protestschreiben also nach Bayreuth schicken.

Oder ein kleines Dankesschön.

Denn so sehr Wagners fehlender Mut zur Lücke, der militärische Duktus, sein permanentes Mythenverarbeiten, Mittelalterverklären, Kampfverherrlichen und Deutschlandvergöttern seit jeher voll lautstarkem Pathos Fantasy, Science Fiction, Dramen, gar Comedy durchwabert wie Bodennebel die Walhalla, so passgenaue Orchestrierungen hat er dem Film im Ganzen geschenkt, lange bevor die Bilder laufen lernten. Erst die ätherischen Geigen im Vorspiel des Lohengrin, vom früheren Fan, seit dem Parcival jedoch leidenschaftlichen Wagner-Verächter Nietzsche als „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“ verhöhnt, machen aus Chaplins Großem Diktator beim Spiel mit dem Globus eine Perle bissigen Humors. Erst Tristans Tristesse verleiht Lars von Triers Weltuntergangsgemälde Melancholia die depressive Stimmung, in der Kirstin Dunst förmlich zerfließt. Erst wenn die Artrocker Laibach aus der Walküre industriellen Metal schmieden, entfaltet Timo Vuorensolas Iron Sky jene subtile Brachialität, die seine Groteske einer Nazikolonie auf dem Mond vorm Klamauk bewahrt. Und erst wenn Werner Herzogs Dokumentation Lektionen der Finsternis Kuwaits brennende Ölfelder mit Siegfrieds Trauermarsch untermalt, entsteht daraus jenes Endzeitpathos, das dem Zweiten Golfkrieg gerecht wird.

Jede gewünschte Emotion, erklärt Sabine Sonntag, sei so tief im Werk des Meisters veranlagt, „dass man sie praktisch nur abspielen muss“: Trauer, Freude, Angst, Liebe, Leid und Kampfeslust, vor allem die. Es hat also seinen Grund, dass Woody Allen sagt, sobald er Wagner höre, „habe ich das Bedürfnis, in Polen einzumarschieren“. Einen besseren aber hat es, wenn der zigfach oscarnominierte Soundtrackfabrikant Max Steiner (Casablanca) behauptet, 100 Jahre später geboren, wäre sein Vorbild „Filmkomponist Nummer eins geworden“. So wurde Wagner aus Sicht Christoph Irrgeher posthum zum State of the Art orchestraler Begleitung: „Die wuchtigen Bläser aus Indiana Jones, die Sphärenstreicher bei Star Wars“ – für den Wiener Kinokenner sind das „raffinierte Leihnahmen“ vom Göttervater aus Leipzig.

Dem Spät-, besser: zu Spätgeborenen, wie es seine Chronistin Sonntag beschreibt. Denn ob Schnitt, Beleuchtung, Kulisse oder Ton – der Film biete Möglichkeiten, die er sich 1876, als die Uraufführung seines Rings an den eigenen Ansprüchen gescheitert ist, „sehnlich gewünscht hätte.“ And the Oscar would have gone to: Richard Wagner.

Aus: http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/richard-wagner-filmmusik-walkuerenritt

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