Klaus Maria Brandauer, Hamburg 2013

Wir lügen und täuschen

Seit 40 Jahren gilt Klaus Maria Brandauer, 1943 als Klaus Georg Steng im Salzkammergut geboren, als einer der besten Schauspieler deutscher Zunge und seit gut 30 als einer der international bekanntesten. Nach seiner Jugend am deutschen Ufer des Bodensees wurde Brandauer Anfang der Siebziger zum gefeierten Bühnenstar, bevor er 1981 als Hendrik Höfgen in István Szabós Kinoerfolg Mephisto auch die Leinwand eroberte. Es folgten Hollywoodfilme wie Jenseits von Afrika, für den er eine Oscar-Nominierung erhielt, der Bond-Bösewicht Largo (Sag niemals nie) oder das Biopic Georg Elser, wo er 1989 erstmals selbst Regie führte. Wegen seiner exaltierten Spielweise extremer Charaktere wird der vielfach preisgekrönte Charakterdarsteller seit jeher ebenso gefeiert wie kritisiert. Zum 70. Geburtstag wiederholt der SWR am Samstag (20.15 Uhr) das Drama Die Auslöschung vom April, wo er so glaubhaft einen Alzheimer-Kranken spielt, dass man förmlich miterkrankt.

 

freitagsmedien: Herr Brandauer, es ist wenig charmant, aber bei einem Film, der sich mit der Alterskrankheit Alzheimer beschäftigt, kommt man ums Thema Altern nicht herum.

Klaus Maria Brandauer: Ach, damit habe ich kein Problem.

Mit dem Altern oder mit dem Drüberreden?

Mit dem Drüberreden. Altern tue ich natürlich wie alle anderen nicht sonderlich gern, aber ein Problem habe ich damit nicht gerade.

Merkt man dennoch mit fast 70 Jahren, dass der Kopf manchmal hakt?

Ach der hakt schon länger, seit Jahrzehnten, würde ich sogar sagen. Das ist ja nicht nur eine Sache des Alters. Aber ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun, am Beispiel des Films meine eigenen Zerfallsprozesse zu thematisieren. Nur so viel: Ich fühle mich sicher nicht mehr so wie mit 18 und das macht mir durchaus etwas aus.

Bleibt der Verlust aller geistigen Fähigkeiten, die sie im Film „Die Auslöschung“ verkörpern, also abstrakt als etwas, das Sie persönlich nicht betrifft?

Nein, das ist sogar sehr konkret. Alles, was uns im Leben ausmacht, was uns Spaß macht und erhält wird zwar über die Hypophyse gesteuert, darüber aber liegt, tief im Gehirn, das Häubchen der Erinnerung. Und wer sich nicht mehr an sein Leben erinnert, hört auf, zu existieren, was jedoch vor allem für die Umgebung ein Problem darstellt, die sich dafür fremd geniert. Ansonsten aber kann ich über dieses Krankheit wenig sagen.

Haben Sie sich nicht mit Krankheitsverläufen kundig gemacht für Ihre Rolle?

Nein, ich habe niemanden mit dieser Krankheit in meiner Familie und mich auch sonst – wie ich es bei fast jeder Rolle halte – nicht tiefer mit dem Filmthema auseinandergesetzt, sondern in meiner eigenen Vorstellungskraft danach gesucht, wie es sich anfühlt, wenn man langsam ausrinnt.

Sie sind also ein Method Actor, der seine Rollen aus der eigenen Persönlichkeit speist?

Method Acting – haha! Da kann ich nur lachen. Ich habe ja nicht mal eine Methode, hatte ich nie. Denn obwohl ich kilometerweise Bücher über Schauspielerei, Kunst, über alles gelesen habe, bleibt jede Figur, mit der ich mich beschäftige, wie eine geflickte Vase: Aus der Ferne betrachtet mag sie schön sein, doch es ist die Aufgabe des Schauspielers – wie übrigens im Leben insgesamt – so nah heranzugehen, dass die Sprünge sichtbar werden. Und das kann ich durchaus aus mir selbst schöpfen.

Aber ein bisschen Vorbereitung kann doch bei so einem so sensiblen Thema nicht schaden.

Mag sein, aber ich behandle jede meiner Szene in jedem meiner Filme wie eine Uraufführung. Aus. Selbst am Theater, wo Texte immer und immer wieder reproduziert werden, gehe ich an jedes Stück so heran, als würde ich es das erste Mal lesen. Das war bei diesem hier nicht anders. Wobei es gar kein Krankheitsfilm ist.

Sondern?

Eine hinreißende Liebesgeschichte. Ich treffe noch mal eine Frau! Und verliebe mich neu! In dem Alter! Donnerwetter! Das ist doch fantastisch, lass uns nicht über Krankheit reden…

Also ist, wie zu vermuten wäre, die Liebesgeschichte gar kein Vehikel um über Alzheimer zu erzählen, sondern umgekehrt – Alzheimer ein Vehikel für die Liebesgeschichte?

Ich will weder Botschaften versenden noch Vehikel benutzen, auch deshalb erscheine ich so selten auf dem Bildschirm. Die Beschäftigung mit einem Text mag meine eigenen Ansichten ändern oder bestätigen, gar meine Lebensqualität verbessern; wenn andere das Resultat zu Gesicht kriegen, soll es vor allem bestmöglich unterhalten. Un-ter-hal-ten! Wenn sie sich über den Inhalt auch noch Gedanken machen, umso besser.

Worüber wäre das?

Etwa unser Umgang mit Krankheit. Wir pflegen lieber ein Klischee der Erlösung als das Leben davor zu würdigen. Dabei ist es viel zu fantastisch, um es vom Ende her zu denken. Auch in dem Bewusstsein, dass es irgendwann endet, oft abrupter, als man denkt. Ich bitte alle Menschen und mich selber auch: Sagt nicht am Ende eines Daseins, der Tod habe ihm etwas erspart. Der Film heißt zwar „Die Auslöschung“, aber er feiert das Leben.

Und Ihr Alzheimerkranker tut das bis zum Ende?

Es ist nie schön, so krank zu sein, dass mit letalem Ausgang zu rechnen ist. Aber man kann es sich entsprechend aller Einschränkungen ja so lebenswert wie möglich machen. Und das tut dieser Ernst wie auch sein Umfeld. Denn was ist der Tod? Wann er eintritt, ist schwer zu beweisen, doch so lange wir atmen, leben wir. Aber jetzt sind wir schon wieder bei der Krankheit – ich möchte bei der Liebesgeschichte bleiben.

Nur zu!

Mich interessiert daran, was Leute wirklich unter Liebe verstehen. Man sagt das so rasch daher und liebt sogar Pudding. Im wahren Sinne des Wortes bedeutet Liebe, für einen anderen da zu sein, aber im Alltag wird er zusehends als Deal behandelt. Auch Ehen, die auf Abkommen statt Hingabe basieren, können toll sein, keine Frage, aber die Liebe in diesem Film besteht um ihrer Selbst Willen, kompromisslos und schön. Denn wahre Liebe kann auch die sein, die nicht erwidert wird.

Aber glauben Sie denn, irgendein Zuschauer wird am Ende sagen: schöne Liebesgeschichte statt tragischer Sterbensgeschichte?

Es ist meine Hoffnung, dass die Menschen begreifen, wie sehr Liebe unter Druck noch wachsen kann.

Hätten Sie dafür auch die andere Seite gespielt, als gesunder Mann einer Kranken?

Selbstverständlich. Und ich hätte wie bei jeder Figur alles daran gesetzt, dem Betrachter das Gefühl zu vermitteln, ich spiele nicht, ich bin diese Figur, immer mit dem Anspruch: Hat der Film unterhalten, hat er berührt, hat er was gebracht?

Die Antwort lautet: Dreimal Ja. Aber welche Rolle ist – im Leben wie im Film – schwerer zu spielen: Die des Betroffenen oder seines Umfelds?

Das klingt jetzt so nach der Frage nach Opfer und Täter. Nur so viel: Es ist für beide kein Honigschlecken.

Ist es das umso weniger für einen Intellektuellen wie Ernst, der sich vor allem über seinen Geist definiert oder ließe sich die Geschichte auch mit einem bildungsfernen Fabrikarbeiter erzählen?

Bei dem ließe sich der Verlust einer Hand sicher stimmiger in seinen Konsequenzen erzählen als der des Geistes, aber wenn dieser Unfall als Anbahnung eine Demenzerkrankung gezeichnet wird, wäre die Geschichte auch dort erzählbar.

Nur anspruchsvoller, weil schwerer vermittelbar.

Nein, nur anders. An meinem Stammtisch daheim im Salzkammergut gibt es fantastische Unterhaltungen mit ganz einfachen Leuten. Oder gehen Sie in die nächste Kneipe und beginnen ein Gespräch – Sie werden sich wundern! Intellekt manifestiert sich nicht in Bildung, sondern in Neugierde. Ich hätte also als ungebildeter Alzheimer-Patient weder elegante Anzüge getragen noch gewundene Reden über Malerei gehalten, aber unterschätzen Sie nicht die Intellektualität des so genannten gemeinen Volkes.

Das Sie jedoch selten spielen. Liegen Ihnen die distinguierten, exaltierten Figuren mehr – die Mephistos, Neros und Dantons, Bond-Bösewichte, Blender und Professoren?

Das mag den Anschein haben, aber ich verfahre nach dem Motto, jedes Leben, egal in welcher Zeit, sollte hochinteressant sein, jeder Mensch, egal in welcher Struktur, ausgeprägt individuell. Da habe ich das Privileg eines Berufes, in dem dieser Anspruch spielerisch ausgelebt werden kann. Aber mal ehrlich: Ich bin noch nie auf etwas gekommen, auf das zuvor niemand anderes bereits gekommen wäre. Alles, was ich spiele, bin und rede, hab ich irgendwo gelernt, erlebt oder aufgeschnappt. Ich habe nichts erfunden, nichts erschaffen, bin aber in einer Art Religion tätig: im Künstlerischen, im Kreativen, im Nachdenken, im Lesen, im Singen, im Tanzen, im Bewegen, im Atmen, ich bin gern dabei. Ich bin gern dabei.

Heißt „dabei“ auch „darin“? Sieht man im Film also nur die Rolle oder auch den Brandauer dahinter?

Sie sehen nur mich und nichts von mir. Wenn Sie mich im Film erleben, habe ich den größtmöglichen Einfluss darauf genommen, kann aber trotzdem dahinter verschwinden. Wie hat Mozart es ausgedrückt: Spiel auch das, was du nicht komponiert hast, so, dass jeder glaubt, du wärst es gewesen. Darum ist Tür und Tor geöffnet, dass wir manipulieren, lügen, täuschen, dass man am Ende unsicher ist, wer das da auf der Bühne eigentlich ist: Der Schauspieler oder seine Figur. Aber so sehr jeder Film auch manipuliert, manipuliert er auch immer mich als Darsteller. Film ist die größtmögliche Manipulation, deshalb haben ihn sämtliche Despoten des Filmzeitalters auch sofort für ihre Interessen missbraucht.

Ohne Machtanspruch versucht er aber doch wie dieser hier eher aufzurütteln oder?

Das wäre nett, aber nur als Dreingabe der Unterhaltung. Ich bin ja kein Religionsstifter. Es geht ja ohnehin nicht um mich.

Das spricht nicht für Ihre sprichwörtliche Eitelkeit, wie Sie Ihnen zuletzt die FAZ vorgehalten hat.

Ja, es gibt nur mich allein, ich bin eitel und die anderen sieben Milliarden nicht… Aber ernsthaft: in einem Punkt bin ich wirklich ungeheuer eitel: Ich will das beste Drehbuch, die besten Stücke, die besten Mitspieler, den besten Regisseur, die beste Produktion, die besten Bedingungen, denn ich spiele keine Rollen, ich spiele Stücke, sonst mach ich es nicht. Nur deshalb kann ich fast immer vertreten, was ich tue.

Gab es je etwas in Ihrem Werk, wo das nicht ging?

Natürlich. Auch ich hatte anfangs eine schwierige Phase, wo ich erst an meine Familie, dann an die Güte denken musste. Aber ich habe das ungeheure Glück, meinen Beruf fünf Jahrzehnte lang recht bewusst gestalten zu dürfen. Wenn’s denn überhaupt ein Beruf ist.

Ist es denn keiner?

Wahrscheinlich doch. Aber am liebsten hätte ich daraus keinen gemacht, sondern einfach nebenher weitergelebt als Klaus Maria Brandauer.

Wobei Sie so gar nicht heißen.

Das hat einen einfachen Grund: Meine Großmutter hieß Maria Fischer und hat einen Hans Brandauer geheiratet, so dass meine Mutter als Mädchennamen Maria Brandauer hatte, die dann einen Herrn Steng geheiratet hat, weshalb ich Klaus Georg Steng war. Weil aber meine Mutter, als mein Vater in Gefangenschaft war, sich so um mich bemüht hat und ich auch in der Schule der Brandauer Klausi war, blieb es dabei. Kein Künstlername, keine Manipulation.

Interview: Jan Freitag
Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.