Oliver Pocher: Sichtbares Moderations-Nichts

471px-Oliver-Pocher-fotoIn der Messlattenfalle

Sind das etwa Pubertätspickel? Foto: http://www.promiflash.de

Oliver Pochers Humor an dem begabter Komiker zu messen ist ähnlich unfair, wie Wolkenkratzer mit Wellblechhütten zu vergleichen. Besser, man misst ihn an seinen eigenen Ansprüchen, die er in Deppenformaten von Pro7 ebenso klar unterlaufen darf wie an der Seite von Harald Schmidt, als Talkgast bei Günther Jauch, Sidekick der Sportschau oder morgen (19. Juli, 20.15 Uhr) als Moderator von Der große SAT.1-Führerschein-Test 2013. Ein unvollständiges Protokoll des Scheiterns.

Von Jan Freitag

Wer wissen will, wie Fernseh-Comedy funktioniert und scheitert zugleich, muss sich nur eine unlängst vergangene Fußball-EM ins Gedächtnis rufen. Nach Live-Spielen der ARD versuchte Oliver Pocher, den Turnierverlauf humoristisch zu begleiten und es misslang ihm so herzlich, dass man darüber eigentlich schweigen sollte. Den Krawallkomödianten zu verreißen, hat bis auf Bild und Pro7 schließlich jeder längst getan, nicht selten im Tonfall abendländischer Untergangsphantasien: Oli, der Totengräber deutscher Hochkultur, Oli, der Beleg ethischer Verwahrlosung des Privatfernsehens, Oli, die Bankrotterklärung öffentlich-rechtlichen Relevanzbestrebens. Es ist en vogue, auf den kleinen Niedersachsen mit der großen Klappe rumzuhacken.

Wenn der unflätige Exsidekick Harald Schmidts also heute mal wieder irgendwas Sinnloses mit Promis moderieren darf, sollte man ihn also weniger an objektiven Ansprüchen messen als den eigenen: Konventionen sprengen, ohne sich zu schonen; auf den Putz hauen, ohne Schamgefühle zu entwickeln; schlagfertig sein, ohne zu zögern; juvenil eben, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden zwar, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Olympiastadien füllen hilft und ein paar Gleichgesinnte immerhin die Bankkonten. Nur: Barth findet tatsächlich witzig, wer latent frauenfeindlich tickt. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Selbst Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oli? Der ist laut.

Zumindest, solange man ihn unbehelligt lässt. Wem seine Beißbereitschaft, die gandenlose Hemmungslosigkeit bis zur vollständigen Selbstentblößung fehlen, kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. Aber er steckt in einer Menge Dilemmata. In Fallen, die er sich selbst stellt. Hier ist eine Auswahl:

Die Dreistigkeitsfalle

Wird jemand obszöner als er, verstummt Oliver Pocher. Als Lady Bitch Ray ihn mit vaginalen Sudelwortattacken zur Late-Night attackiert, schweigt der Frechdachs seine Unterlegenheit in Sachen Krawallhumor einfach aus und errötet wie ein Schulbub. Besser ist Pocher, wenn er einer Journalistin auf einer Pressekonferenz den USB-Stick aus dem Computer zieht und eine burschikose PR-Dame öffentlich auslacht. Aber wehe dem, der seine Arbeit kritisiert – ihm kommt der Oli gleich klassistisch: Wer sein Gegröle nicht mag, ist ein elitärer Spaßverächter. Austeilen ist seine große Stärke, Einstecken weniger.

Die Schlagfertigkeitsfalle

Charlotte Roche sagt ebenfalls in der ARD, mit ihrem Buch Feuchtgebiete habe sie „Muschis für Pocher und Hämmorhoiden für Schmidt“ liefern wollen. Die Retourkutsche überlässt Oli einem Harald in schlagfertiger Hochform („den Titel wollten wir für die Sendung, aber da saßen Marianne und Michael schon drauf“); Oli selbst, der Stand-up-Praktikant, wie ihn die taz nennt, stammelt nur zustimmend.

Die Konfrontationsfalle

Als Mark Medlock ihm bei einer Preis-Verleihung auf Viva im Frühling zubrüllt, er sei nicht sein Geschmack, „aber hör in Zukunft auf mit deinen Scheißschwulenwitzen“, tut Oli beharrlich, als hätte er ihn akustisch nicht verstanden, um sodann eine homophobe Zote zu reißen. Niederlage nach Punkten gegen einen Kurzzeitpromi, der eigentlich auf gleicher Wellenlänge funkt („zum Abspritze geil“). Wenn Mangel an menschlicher Größe auf Selbstüberschätzung trifft…

Die Vorbildfalle

Oliver Pocher spielt sein Vorbild Otto Waalkes bei dessen Geburtstagsgala auf RTL nach und schafft es, der Sketch-Kopie nicht eine persönliche Note hinzuzufügen. Bei anderen hieße das vielleicht Respekt, bei ihm nur Tiefenschärfedefizit.

Die Persiflagefalle

Im deutschen Nationalteam kann Oli ausschließlich Kevin Kuranyi persiflieren, weil der Bartträger ist und lispelt. Jürgen Knopp kann er auch – indem er beim Torjubel wild herumhüpft. Versucht er sich an konturärmeren Charakteren wie Jogi Löw, sagt selbst sein Intimus Harald Schmidt, das sei erbärmlich und beweist durch beharrlich entsetztes Dreinblicken, dass er sich Pocher nur in die Show geholt hat, um bei untergehender Sonne der Kultur einen längeren Schatten zu werfen.

Die Zielgruppenfalle

In seinem EM-Schunkellied Bringt ihn heim fällt ihm nichts Besseres als Zeilen ein wie „Bitte lieber Fußballgott/lass uns heute nicht im Stiiich/denn wir wollen den Pokal/alles andere wollen wir niiicht“. Da beweist ein Xavier Naidoo mehr Esprit im Umgang mit dem plebejischen Thema. Immerhin reicht es für Platz 8 der Pöbelcharts und satte Tantiemen.

Die Kontinuitätsfalle

In der Bayern-WG, bei EM-Pocher und zwischendurch gar in der Sportschau erhält er die Chance, eine Art komödiantischer Kontinuität zu entwickeln. Ergebnis: Oli simuliert den Franzosen Ribéry mit bulgarischem Akzent, läuft gegen Laternen, brüllt verschreckte Kind mundtot und ruft unablässig Ohhh. Oder er erklärt als eine Art Lukas Podolski den Kölner Geißbock für schwul. Der Rest ist – Rumgrölen.

Die Relevanzfalle

Als Oliver Pocher kürzlich die erstaunliche Ehre zuteil wurde, sich in der Talkshow Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß zu äußern, wozu ihn mangels Fußballsachverstand einzig die Moderation stupider Privatfernsehcastings für Amateurkicker qualifizierte, offenbarte er seine Inkompetenz mit entwaffnend schlichten Antworten wie „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen, aber ich würde sagen…“ – worauf er dann doch lieber nichts sagte. Nichts jedenfalls von Belang für die spannende Debatte.

Soviel zur Bestandsaufnahme. Der gut verdienende Komödiant Oliver Pocher ist ein selbsterklärter Christ und ausgebildeter Versicherungskaufmann von 35 Jahren aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit etwas jungen, aber oft hübschen Freundinnen, ein eloquenter Entertainer für Bravo-Shows, also durchaus geeignet für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt warten wir nur noch auf die erste echte Pointe, auf einen Witz, auf Esprit, Charme oder wenigstens gute Unterhaltung. Es lohnt sich, der Oli hat Talent. Und er ist ja noch jung.

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