Thomas Roth, Tagesthemen-Moderator

Hochamtsflaggschiffkapitän

Der weißhaarige Thomas Roth steht wie kaum ein Zweiter seiner Branche für Kompetenz und Seriosität im deutschen Nachrichtenwesen. Seit Montag nun moderiert der frühere Feldreporter auf mehreren Kontinenten die  ehrwürdigen Tagesthemen. Eine Begegnung in Hamburg.

Von Jan Freitag

Whitehead ist ein respektvoller Begriff. Whitehead nennt man in den USA jene Journalisten, deren ergrautes Haar zum weißen Helm gealtert Seriosität ausstrahlt, Würde und Kompetenz. Einem Whitehead glaubt das Publikum, es sorgt für Vertrauen, Whiteheads sind auch hierzulande Leuchttürme im bewegten Flachwasser neuer Medien und Anker in die alten. Zur Vervollständigung ihrer Autorität tragen sie gern Oberlippenbart, und falls die Herkunft schwäbisch ist – man würde ihnen Gebrauchtwagen auch unbesehen abkaufen.

Thomas Roths stammt aus Heilbronn. Sein Schnäuzer ist so weiß wie das Haar drüber, und wenn der 61-Jährige die Stimme hebt, im charmanten Brummton des altgedienten Nachrichtenprofis, viele würden ihm da fast alles abkaufen. Die Tagesthemen zum Beispiel, Roths neuer Arbeitsplatz und doch so viel mehr. Es ist eine Art Hochamt aktueller Berichterstattung, in leitender Funktion seit 1978 moderiert von Monolithen wie Klaus Bednarz, Wolf von Lojewski, Ernst-Dieter Lueg, Sabine Christiansen, Ulrich Wickert. Kaliber, deren Namen bisweilen den Nachhall von Altbundeskanzlern haben.

Und nun also Thomas Roth.

Bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Anchor dieses altehrwürdigen Formats, stilecht in einem Luxushotel mit Alsterblick, bevorzugt er zwar das weniger weihevolle Wort „Flaggschiff“; doch wie dieser notorische Krawattenträger da mit Manschettenknöpfen, polierten Schuhen und randloser Brille auf der Bühne, seiner Bühne sitzt; wie er sich mit der verstörend kurz berockten NDR-Kollegin Inka Schneider beim – so heißt das im Ersten Programm, wenn es gleichsam sachlich und locker zugehen soll: Podiumsgespräch, die Bälle zuspielt; wie er sich breit macht im Sessel und kerzengerade zugleich; wie er manchmal ein leicht einschüchterndes Lachen hinters etwas große Lächeln schiebt, ansonsten aber stets die Contenance wahrt, ernsthaft bleibt, verbindlich wirkt; wie er sich also mit dem Selbstwertgefühl eines ereignisreichen TV-Lebens im Scheinwerferlicht sonnt – da wirkt alles, als habe sich Chefredakteur Kai Gniffke keinen Moderator gesucht, sondern anfertigen lassen. Nicht nach Schema F, aber passgenau.

Denn Thomas Roth, das zeigt er hier vorm sendenden, schreibenden, funkenden Kollegium der Freien Medien- und Tagesschau-Stadt Hamburg, ihm passen jene ziemlich großen Schuhe, die seinem Vorgänger Tom Buhrow oft ein bisschen klein schienen, womöglich besser. Das liegt sicher auch an körperlicher Größe, ein paar Zentimeter weniger nur als die des langen Ingo Zamperoni, der ebenfalls im Gespräch für den Posten hier nur zu Gast ist bei der Inthronisation des Neuen. Besonders aber liegt es an der Größe seiner Karriere: Volontariat beim SWR, ab 1988 ARD-Korrespondent in Südafrika, sodann Studioleiter Moskau, Chefredakteur des Hauptstadtstudios, zuletzt unser weißhaariger Hauptberichterstatter vom Whitehead-Eldorado New York. Allesamt keine Flachetappen im Massenspurt, eher Bergankünfte der höchsten Kategorie oder um im privaten Lieblingssport des selbsternannten Teamplayers zu bleiben: Achter mit Steuermann. Roth am Steuer, Roth am Schlag, Roth überall, versteht sich.

Dass er dennoch zurückhaltend, beinahe bescheiden umgeht mit den eigenen Meriten, auch das hat ein bisschen mit der Farbe seiner Haare zu tun, den besseren Manieren der alten Schule vielleicht, mit Taktgefühl und Etikette. Den Traum vom Studiojob Tagesthemen, sagt der erfahrene Feldreporter, habe er nie geträumt, „doch jetzt sei es einer“. Und den gehe er mit Verantwortungsbewusstsein an, vor allem aber „großer Demut“. Einer Demut, „so altmodisch das klingt“, auf jenem Stuhl zu sitzen wie seinerzeit – bei dem Namen senkt der selbstgewisse Thomas Roth allen Ernstes kurz die Stimme: Hans-Joachim Friedrichs.

Er war es schließlich, der seinen aktuellen Epigonen zum Fernsehalphatier von heute gemacht hat. Schon schwer erkrankt, hat „Mr. Tagesthemen“ schlechthin den zwischenzeitlichen WDR-Hörfunkdirektor für den ersten Hans-Joachim-Friedrichs-Preis vorgeschlagen – was die Jury nach dem Tod des Stifters schwerlich ablehnen konnte. Von ihm hat er womöglich auch den Anspruch geerbt, dass die Nachrichten der ARD bei aller neuen Lockerheit im dualen System weiter vor allem eins zu sein hätten: Seriös. „Die Grundfarbe ist Sachlichkeit“, so sieht es Roth. So wollen es ja auch die Zuschauer, fügt er hinzu und wie zur Bestätigung: „Ich bleibe wie ich bin.“ Nur eben fortan an der Spitze der Tagesthemen, dem Flaggschiffhochamtsachter der Nachrichtenrepublik, unter strenger Beobachtung aller, die auf Fernsehen noch etwas geben.

Was er ihnen am Ende der Sendung mit auf den Weg gebe? Ein Markenzeichen wie Wicherts „Ihnen eine geruhsame Nacht“ oder Buhrows „morgen ist ein neuer Tag“ zum Beispiel? „Ich bin da noch im Denkprozess“, meint Roth vor der Premiere am Montag, dieser „Highspeedversion“ in der Halbzeitpause eines profanen DFB-Pokalspiels. Nach dem Denkprozess entschied er sich für “kommen Sie gut durch die Nacht”. Nicht profan, nicht aufgeregt, seriös, doch durchaus mit dem Anspruch zu unterhalten. Thomas Roth eben.

Der Text ist Freitag im Berliner Tagesspiegel erschienen

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