Reportage: VW-Blasen

Liebe geht durch den Tank

Sommerzeit ist Festivalzeit. Eines der bemerkenswertesten davon hat einen ziemlich merkwürdigen Namen: VW Blasen, das jährliche Treffen testosterongefluteter Fans gewaltiger Auspuffrohre an aufgemotzten Autos aus Wolfsburg. Vor wenigen Wochen ist das aktuellste zuende gegangen. Grund genug für eine Reportage der schwer alkoholisierten Turbo-, GT- und Tittensause aus dem Jahr 2004

Von Jan Freitag

Nach dem Tod, sagt Falk Richter, da kommen Rosen. Dann lächelt er milde. “Viele in der Szene stehen ja eher auf Totenköpfe und so”, fügt er hinzu und sein Blick wirkt etwas melancholisch. “Wir nicht. Wir lieben die Schönheit.” Der Mecklenburger mit den tiefen Lachfalten spricht über seinen Wagen und er tut es leise. Seine Stimme wird auch dann nicht lauter, als ein Stakkato aus Fehlzündungen die warme Juliluft perforiert und eine Menschenmenge dazu jubelt. Krach, Abgase, Geschrei – das gehört hier einfach dazu, auch wenn Falk Richter so was nicht nötig hat. Falk Richter bevorzugt Seidenblumen im Scheinwerfer, Airbrushspielereien am Lack und beleuchtete Initialen. “FR” prangt in pittoresker Schreibschrift an allen erdenklichen Bauteilen des “Golf 4 Edition” seiner Freundin, den der Kfz-Mechaniker in jahrelanger, zäher und vor allem sauteurer Feierabendarbeit zum “Freestyle Golf” hochgejazzt hat. Und dieser stillgelegte Militärflughafen nahe dem südbrandenburgischen Luckau ist seine größte Bühne.

VW-Blasen heißt das wohl weltgrößte umzäunte Treffen der Wolfsburger Marke und fast 60.000 Besucher aus halb Europa mit ihren 27.000 Autos versuchen vier Tage im Hochsommer beharrlich, jedes Klischee über Fans hochgetunter Kisten zu bestätigen. Man feiert sich und seinen Volkswagen – da kann der VW-Konzern in einer noch so tiefen Krise stecken. Eine Menschentraube umringt den rundum verzierten Boliden von Jana Schattmann. Sie bleibt im Hintergrund. Es ist ihr Auto, aber Falk Richters Projekt. Doch die Besitzerin zeigt nur zu gern die Fotomappe über die Metamorphose vom Kleinwagen zum Gesamtkunstwerk – Dokumentation der Schnittstelle zwischen Spießer und Freak. Digitalkameras surren, Fotoapparate klicken, wenn Richter stolz die Hydraulikanlage vorführt. Ein Knopfdruck und die Kotflügel heben sich. Einzeln. “Anblasen” nennt er diese gänzlich überflüssige Konstruktion. Aber was ist schon überflüssig auf dem Klassentreffen der einzig wahren Generation Golf.

Da zeigt die Szene, was mit der nötigen Dosis Besessenheit aus ganz gewöhnlichen Autos alles werden kann. Da dröhnt Kirmestechno unentwegt aus gigantischen Car-Hifi-Anlagen, da üben sich alkoholisierte PS-Jünger allabendlich in platter Anmache, da lassen Frauen, die das offenbar nicht stört, beim Miss-Wettbewerb auf der Bühne alle Hüllen fallen – auch wenn das weibliche Geschlecht sonst vornehmlich als beifahrende Staffage dient. In der größten Not greifen die Malteser ein, was über 250-mal nötig ist. “Bei VW-Blasen geht es um Autos, Frauen, Party und VW”, definiert Veranstalter Dirk Krühler das mittlerweile neunte Treffen. Es ist ein Festival des Überflusses in Zeiten der Krise. Pünktlich zum Beginn hat Volkswagen eine Gewinnwarnung ausgegeben. Das kalkulierte Konzernergebnis von 2,5 Milliarden Euro wurde um ein Fünftel nach unten korrigiert. Der Nettogewinn soll gar um 36 Prozent einbrechen. Hauptschuldiger dieser Tagesschau-Spitzenmeldung: der neue Golf V, der sich sogar mittels kleiner Sonderausstattungsgeschenke nur halbwegs verkauft. Der Golf. Ausgerechnet das Flaggschiff des Unternehmens, der Leib-und-Magen-Typ von Luckau.

Daniel Nofz zuckt mit den Schultern. “Interessiert mich nicht”, sagt der Besitzer eines aufgemotzten Golf 3 stellvertretend für viele zu den Prognosen. Warum er gerade diese Marke derart liebt, warum er in ein ursprünglich eher biederes Modell jede Minute, jeden Cent, jedes Quäntchen Inbrunst steckt? Der 26-jährige Treppenbauer von der Insel Rügen guckt, als fragte man ihn nach der Form der Erde: “VW hat den größten Markt, die meisten Teile, die solideste Technik.” Blöde Frage also. “Guck dich doch mal um!” Und wenn man das tut, stellt man folgendes fest: “VW-Blasen” wendet sich zwar an die Fahrer aller Produkte des Konzerns, also auch Seat, Audi, Skoda. Doch nichts ist hier so präsent wie der Golf. Sogar Polo, Passat oder Käfer spielen hier die zweite Geige. VW, das sei wie eine Religion, hört man die Jünger öfter sagen, und es klingt wie ein Glaubensbekenntnis.

Das Areal im märkischen Sand beherbergt viele Auto-Treffen – vorwiegend solcher heimischer Marken. Doch Ford, BMW oder Opel brächten es nicht mal gemeinsam auf Besucherzahl und Emotionen der VW-Gemeinde. Sagt der Organisator. Die Marke und ihr Treffen hätten “absoluten Kultcharakter”. In der Wortwahl fahl, in der Aussage richtig: Das Jahr ist gespickt mit Festivals. Der Autobild-Planer listet Hunderte Partys und Treffen aller Modelle und Marken auf. Doch ausgerechnet hier, 60 Kilometer südlich von Berlin, scheint sich die Motorszene heimischer als anderswo zu fühlen. Einer der Gründe dafür ist 402 Meter lang und überaus schmucklos. Die legendäre Viertelmeile, sagen Fachleute vor Ort, sei in Luckau am besten präpariert.

In Sechserreihen stehen sie an für das namensgebende Ereignis der Veranstaltung, das “VW-Blasen”: Verbeulte Golfs der ersten Generation, verchromte Nachfolgemodelle mit Rallyebügeln, überzüchtete Käfer, fensterlose Sciroccos, Polos mit 250 PS. Mit heulenden Motoren warten sie auf den Startschuss zu einem Rennen, das bei keinem Event von Belang fehlen darf. Und auf der alten Notlandebahn sind die Bedingungen perfekt. “Die haben hier die beste Zeitmessanlage”, sagt einer, der nicht so recht nach Geschwindigkeitsrausch und Komaparty aussieht, ein hagerer Angestellter aus Hamburg, ein Hobbyschrauber von 30 Jahren. “Mir geht’s nur ums Rennen”, sagt Michael Doebbel. Der Laptop anstelle des Beifahrersitzes zeugt von Professionalität. Der Starter gibt die Strecke frei. Die Ampel springt auf Grün. Dann rast er los. Und die Tribüne johlt bei jedem qualmenden Reifen. Dass Doebbel mit 200 Spitze gewinnt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So sportlich nehmen es nur wenige. Eigentlich ist Luckau eine Art St. Moritz der einfachen Leute. Man kommt dieses diffusen Wir-Gefühls wegen und hofft auf Spaß und Bestätigung für Leistungen, die andernorts nur Kopfschütteln ernten.

“Drück mal länger”, ruft Falk Richter seiner Freundin zu, die im Wagen sitzt. Das Heck hebt sich. “Ich will zeigen, dass es mehr gibt als PS, PS, PS”, sagt der 31-Jährige. Den Designwettbewerb hat er in diesem Jahr zwar verloren, doch seine Mission wird ihn auch 2005 nach Luckau führen – wenn auch mit anderem Auto. “Umständehalber zu verkaufen”, steht an diesem hier. Das Projekt sei eben beendet, sagt Jana Schattmann. Erfolgreich, davon zeugen elf Pokale im stets offenen Heck. Der Alltag, erklärt ihr Freund Falk, sei schließlich die größte Gefahr für derlei Gefährte – Steinschläge, Unfälle. Ob ihm nicht das Herz nicht doch ein wenig blute? “Eigentlich ja”, seine Stimme senkt sich, “aber man lebt doch glücklicher in einer Erinnerung.”

Der Text ist 2004 in der taz erschienen

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