Autoreproduktion und Pickelausdrücken

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Oktober

Das Fernsehen ist eine Autoreproduktionsmaschine sondergleichen. Wenn öffentlich-rechtlich nichts läuft wie bei der Abrisshausparty Wetten, dass…?, die trotz inhaltlicher Rückwärtsrolle Richtung Elsner-Ära tief unter Lippert-Niveau sank, sorgt halt immer noch Quotenkönig Fußball für (elf Millionen) Zuschauer. Wenn privat noch weniger läuft, zieht RTL halt Lipperts Vorgängernachfolger Gottschalk weiter durch die Einfallslosigkeit des Showfunks und lässt ihn irgendwas mit alten Klassenkameraden machen. Wenn der frühere Marktführer noch den kleinsten Anflug dramaturgischer Erneuerung vermasselt, präsentierter ein Format wie Rising Star als brandneues Ding, das demnächst – irre Idee! – Nachwuchsmusiker castet. Und wenn Hans W. Geißendörfer die Versoapung der Lindenstraße beklagt, verbindet er die zarte Selbstkritik mit der Forderung, seine Endlosserie auch übers Vertragsende 2015 hinaus immer und immer und immer weiter fortzuführen.

Kein Wunder, dass im Strudel dieser medialen Dauerduplizierung seit Donnerstag ein alter Bekannter an die Spitze der deutschen Huffington Post gesaugt wurde: Cherno Jobatey. Richtig, der mit den Turnschuhen (und psst: der Legasthenie). Zum Beweis seiner Innovationskraft durfte zum Auftakt ein echter Newcomer beim amerikanischen Online-Magazin unter Focus-Lizenz gastkommentieren: Boris Becker. Älteren noch ohne Pokerkarten ein Begriff, während ihn Jüngere wie Klaas Heufer-Umlauf schon längst nicht mehr mit Tennis-Ball, sondern bloß Bild-Schlagzeile über dem Kopf kennen.

Aber die kriegt jetzt ja sogar der nassforsche Pro7-Moderator mit ZDFneo-Nebenerwerb. Sofern er sich weiter so bemüht wie vorige Woche, als er „bewusst provokant“ ins Medienland blökte, Kuppelshows wie Schwiegertochter gesucht oder Bauer sucht Frau und das beliebte Bashing-Objekt Dschungel-Camp seien „Behinderten-Fernsehen“. Da mag der hauptamtliche TV-Lümmel Recht haben. Noch glaubwürdiger wäre es indes gewesen, hätte er sie an einem etwas anspruchsvolleren Forum als dem Playboy aufgestellt und dabei nicht nur die Konkurrenz, sondern vielleicht auch ein bisschen den eigenen Arbeitgeber beschimpft. Dessen Große TV Total Stock Car Crash Challenge 2013 am Samstag war ja ebenso wenig fein ziseliertes Kulturfernsehen…

TV-neuDie Frischwoche

14. – 20. Oktober

… wie, sagen wir: das Boulevard-Magazin taff, wo die Moderatorin kurz vorm Schleichwerbebombardement Galileo heute boxenluderlivriert der Frage nachgeht, wie viel Haut im Büro der Karriere hilft. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten. Die richtig stinkende Gülle tropft ja andernorts aus der 104-cm-Flatscreen-Diagonale. Wenn sich das betonbrüstige Privatfernsehartefakt Micaela Schäfer in dem, was RTL2 so „Promi-Magazin“ nennt, Hautnah an ähnlich exhibitionistische Bildschirmexistenzen heranwanzt. Oder Freitag, wo eine Komödiantinnenkarikatur aus Marzahn Markus Lanzens nette PR-Politur für debiles Hilfsentertainment à la Bezaubernde Cindy nutzt.

Nächtens an Plattenbautüren Sat1-Glücksfee zu spielen, ist jedoch nicht nur in Klaas Heufer-Umlaufs anarchischem Pro7-Käfig, der uns ab Donnerstag mit der neuen Staffel von Voice of Germany (aber ohne Xavier Naidoo) ernstes Bemühen um musikalischen Nachwuchs vorgaukelt, televisionäres Pickelausdrücken. Aber wer sich parallel den gebührenfinanzierten Donnerstag ansieht, spürt rasch, dass es sich da um ein strukturelles Problem handelt. Sendungen wie Die Show der unglaublichen Helden (ARD) und Die Große Zeitreise-Show garantieren schließlich nicht nur durch die verquollene Titel Unterhaltung für Einzelleransprüche. Und saugen schon durch ihre Dämlichkeit Aufmerksamkeit aus dem Publikum, dem somit die echten Perlen des Programms verborgen bleiben.

Wie Tom Schilling heute um 22.40 als grandioser Woyzeck auf Arte. Wie der sinistre Psychothriller Alaska Johannsen, in dem die famose Alina Levshin am Mittwoch im Ersten aufs Neue belegt, warum sie derzeit zum Besten der hiesigen Schauspielszene zählt. Dass es auch die Alten noch können, belegt zudem Christiane Hörbiger, der die ARD zum 75. Geburtstag einen nicht erwähnenswerten Freitagsfilm, aber auch einen schwierigen namens Stiller Abschied schenkt, in dem sie heute überzeugend eine Alzheimer-Patientin darstellt. Noch was? Ach ja, Fußball, am Dienstag, ohne Relevanz, ohne Spannung, werden trotzdem ungleich mehr Leute sehen als Wetten, dass…?. Bleibt noch eine Wiederholungsempfehlung: Jean Gabin als verkarstender Greis in Georges Simenons Die Katze von 1971 (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Und der Tipp der Woche: Markus Kafkas Rockstartreffen Number One!, Freitag um 20.15 Uhr auf ZDFkultur, diesmal mit: „Motörhead“ Lemmy Kilmister.

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One Comment on “Autoreproduktion und Pickelausdrücken”

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