Christiane Hörbiger: Schauspielerin und 75

Kitsch kann furchtbar schön sein

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Christiane Hörbiger 2009. Foto: Manfred Werner/Tsui

Mit den ARD-Filmen Stiller Abschied vom vorigen Montag und Zurück ins Leben am Freitag (20.15 Uhr) zeigt die österreichische Schauspielerin Christiane Hörbiger zu ihrem 75. Geburtstag, dass sich die Wienerin im leichten Fach ebenso zuhause fühlt wie im harten. Ein Gespräch mit der Jubilarin über Alzheimer, Privatleben, Reizbarkeit, den Welterfolg Schtonk! und warum ihre Filme im Alter immer realistischer werden

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hörbiger, mögen Sie Fragen zu ihrem Privatleben?

Christiane Hörbiger: Es kommt ganz drauf an, welche. Ich bin da vorsichtig geworden.

Hat sich Ihre Intimitätsgrenze verschoben, seit Sie mit Ihrer Rolle in Mathilde liebt eine Diskussion Sex im Alter entfacht haben?

Ach, da bin ich vollkommen frei und habe auch die ganze Aufregung darum nicht verstanden, weil ich nicht ein Stück Haut gezeigt habe. Es war ein guter Film und so wurde ein bisschen Reklame dafür gemacht. Die anschließenden Fragen haben mir nichts ausgemacht.

Trotz des skandalisierenden Tonfalls?

Also nicht, dass das wieder die Schlagzeile wird, aber das Wort Orgasmus hat alle wahnsinnig aufgeschreckt. Ich saß am Vorabend bei Johannes B. Kerner und da haben wir alle ganz lustig darüber gesprochen, was die Bild-Zeitung zum Aufmacher gemacht hat. Aber ich war weder entsetzt noch schockiert.

Was schwingt denn in dieser Erregung mit – Tabudenken?

Man will es einfach nicht so genau wissen. Der Gedanke, eine alte Dame in Amerika hätte sich ausgezogen und läge mit einem Mann im Bett, das will ich auch nicht unbedingt sehen.

Hat das mit Jugendwahn zu tun?

Auch. Als mir Matthias Glasner das Drehbuch vorgelegt hat, meinte ich, hör mal, das ist ja eine dolle Rolle; wenn das verfilmt wird, möchte ich unbedingt dabei sein. Da sagte er, na ja, das ist aber eine Frau Mitte 60 und da geht es eben da rum. Das würdest du spielen? Da sagte ich, das fände ich herrlich! Die spielt ja keine Sexbombe, das ist lächerlich. Die Geschichte basiert auf einer ganz bürgerlichen Frau.

Und um das Thema Veränderung.

Schon, sie emanzipiert sich ein wenig, aber das ist nicht der Kern. Eine Frau lebt zutiefst bürgerlich, ihr Mann stirbt, sie lernt einen neuen kennen und dann passierts eben. Mehr ist das nicht, mit allem Charme und Witz der Geschichte. Dass die Medien das ein wenig aufbauschen, gehört heute wahrscheinlich einfach dazu.

Wie würde Sie ein charmanter Wiener

Wie würde Sie da ein charmanter Wiener Journalist aus Ihrer Heimat auf das Thema Alter ansprechen, in dem es bei Ihrem jüngsten Film Stiller Abschied geht?

Ach, direkt. Schließlich habe ich das Publikum nie mit meinem Alter belogen. Das wäre ja nun wirklich ungleich peinlicher als 75 zu werden.

Spüren Sie wenige Tage davon entfernt, dass der Kopf manchmal hakt, wenn auch nicht so wie bei Ihrer Charlotte, die an Alzheimer erkrankt?

Gott sei Dank nicht. Ehrlich: ich hatte auch bei meinem vorigen Film trotz unzähliger Szenen nicht einen einzigen Hänger.

Bleibt diese Rolle als Alzheimer-Patientin, die nach und nach ihren Geist verliert, vollends abstrakt.

Das bleibt sie nicht. Ich konnte mir diese Krankheit schon vor Drehbeginn lebhaft vorstellen. Das ist allerdings auch dem genialen Drehbuch von Thorsten Näther geschuldet, der fast jede Bewegung, jede Pause, jeden Aspekt minutiös vorgeschrieben und somit fühlbar gemacht hat. Mich in diese Figur hineinzuversetzen, fiel mir also leicht, hat aber auch etwas damit zu tun, dennoch souverän über dem Text zu stehen und in die unbeschreiblichen Tiefen dieser Person vorzudringen.

Wie tief genau war das – sind Sie am Ende diese Figur?

Dement meinen Sie?

Frau Hörbiger…

(lacht). Also ich komme ihr äußerlich wie innerlich schon recht nah, nehme sie aber nicht mit aufs Hotelzimmer. Im Gegenteil – ich bin immer froh, nach dem Abschminken, erschöpft und müde, aber privat zu sein. Vielleicht denke vielleicht ich nach Drehschluss gelegentlich noch darüber nach, was ich hätte anders machen können, aber das ist rein beruflich. Dieses an sich Heranlassen passiert Laien, keinen Profis.

Ist Ihnen also früher in Ihrer Karriere eher widerfahren?

Durchaus, aber das ist länger her. Andererseits ertappe ich mich heute durchaus dabei, meinem Mann nach dem Einstudieren einer eifersüchtigen Ehefrau etwas misstrauisch gegenüberzutreten.

Zum Jubiläum sind Sie nun in grundverschiedenen Stoffen zu sehen: einem harten über Verfall und Tod, einem weichen über Neubeginn und Liebe. Was spielen Sie trotz aller Distanz lieber?

Ich spiele selbstverständlich das Positive lieber, die heitere Welle, alles wunderbar, alles herrlich. Wohlgemerkt: Spiele! Aber gehaltvoller ist ohne Frage Stiller Abschied, weil der uns irgendwie alle berührt, weil jeder Angst vor dieser Krankheit hat oder Betroffene kennt. Im Gegensatz zur Liebesgeschichte ist das die interessantere, allgemeingültigere, konfrontativere.

Auch erschöpfendere?

Natürlich! Diese Unberechenbarkeit, die Verhaltenssprünge waren extrem anstrengend.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Durch drei Fälle, die mir ein Münchner Arzt vorgeführt hat. Eine leichte, eine mittlere, eine schwere Erkrankung. Der leichte Fall hat mir erzählt, wie sie plötzlich die Autobahnausfahrt zu einem Ort verpasst hat, den sie nicht mehr erkannte, so dass sie ihren Sohn anrufen musste. Oder wie schwer es ihr fiel, von 20 rückwärts zu zählen. Der mittlere Fall wirkte eher wie eine schwere Depression. Und der schwere war offenbar so furchtbar, dass ich ihn auf Geheiß der Verwandten nicht getroffen habe.

Bereiten Sie sich auf Ihre Rollen immer so intensiv in der Wirklichkeit vor?

Nicht immer. Manchmal höre ich auch nur in mich selbst hinein: wo meine eigenen schlechten Eigenschaften liegen zum Beispiel, etwa, dass ich früher zuhause vor einer Premiere oft unausstehlich war. Mein verstorbener Mann sagte dann immer, er gehe mal lieber aus der Schusslinie. Dieses verdrängte Böse in mir versuche ich für manche Rolle nutzbar zu machen, denn ich muss da wirklich schrecklich gewesen sein.

Reizbar?

Und nervös. So sehr, dass ich meinen kleinen Sohn angefahren habe, wenn er beim Abfragen vom Einmaleins die Zwölfer nicht mehr konnte. In solchen Momenten habe ich die Verkäuferin im Kaufhaus beneidet, die parterre Parfüm anbieten, ein Beruf, in dem man keine Furcht vorm eigenen Verhalten haben muss und die Rollläden nach Feierabend einfach runterlässt.

Steckt darin auch die Sehnsucht nach dem einfachen Leben?

Allerdings. Aber wenn die Premiere dann geschafft ist, steht ja der Himmel wieder offen und alles ist so gut wie nach einem gelungenen Film.

Haben Sie eigentlich die Interpretation eines Alzheimer-Patienten von Ihrem Landsmann Klaus Maria Brandauer in „Die Auslöschung“ gesehen?

Natürlich.

Hat sie das inspiriert?

Nein, denn das ist eine Liebesgeschichte, also ein völlig anderer Film als unserer. Wunderbar gespielt, aber fast noch eindrücklicher fand ich zudem Götz George als alzheimerkranker Busfahrer, der ständig die falschen Stationen anfährt. Grandios, auch sein Sohn, Klaus J. Behrendt. „Stiller Abschied“ widmet der Familie ebenfalls den nötigen Raum, dieses Ignorieren, die Ausreden. Das wirft weit mehr die Frage auf, wer an der Krankheit eigentlich mehr leidet, in welche Grenzbereiche beide Seiten dadurch geraten.

Ihre letzten Rollen dringen ebenfalls zusehends in Grenzbereiche vor: Alkoholsucht, Sex im Alter, jetzt Alzheimer. Suchen Sie sich diese Themen ganz gezielt?

Nein, aber es folgt meinem Wunsch, dass eines schönen Tages etwas übrig bleibt von mir, dass mich die Zuschauer nach meinem Tod vor allem mit wesentlichen Themen in Verbindung bringen und vielleicht nach dem dritten Cognac ihrer Mutter sagen, Mutti, erinnere dich mal an diesen Film mit der Hörbiger. Da bin ich meinem Produzenten Trebitsch sehr dankbar, mich an solche Themen herangeführt zu haben. Und das ist mal wirklich ein Segen des Alters, dies erkannt zu haben, wie wertvoll diese Stoffe sind – selbst wenn die Quote dabei geringer bleibt als mit leichteren Themen.

Welcher Ihrer Filme, welcher Schaffensperiode, welche Rolle wird von Ihnen dann am meisten erinnerlich bleiben?

Ich bin der ARD sehr dankbar, in einer Woche zwei vollständig verschiedene Neuproduktionen mit mir zu bringen, die eher meine Bandbreite als meine Paraderolle zeigen. Ein einzelner Film fällt mir da nicht ein.

Schtonk vielleicht?

Ah ja, da sagen sie was. Es wäre schön, wenn etwas von mir bleibt wie dieser große deutsche Filmerfolg, der nahe am Oscar vorbeigeschrammt ist. Im Kino bleibt es leider Gottes wohl doch eher „Hotzenplotz“ und bei den Fernsehspielen diese Kette sozialkritischer Stücke. Da hat der Thorsten Näther nächstes Jahr wieder was mit mir vor, dann zum Thema Altersarmut.

Puh…

Ja, puh. Das ist dann wirklich langsam so viel Schwermut, dass ich fast hoffe, noch mal eine Prinzessinnenrolle zu kriegen. So eine Putzfrau, die den George Clooney kriegt.

Wie stehen da die Chancen?

(lacht) Wenn er selber mitspielen soll, eher gering. Leider. Kitsch kann furchtbar schön sein.

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