Tote Raser und zänkische Schwestern

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Dezember

Drei Namen, drei Tote, drei Verluste: dem Bildschirm kamen vorige Woche drei sehr verschiedene Protagonisten abhanden, die auf ihre Weise zeigen, wie im flüchtigen Fernsehen Relevanz entsteht: Mit 85 etwa starb die Legende des erblühenden Nachkriegsmedieums Chris Howland, reißt jedoch mangels zeitgenössischer Beiträge bestenfalls ein Loch ins TV-Gedächtnis Gleichaltriger; zehn Jahre jünger ging Peter Graf von uns, dessen mediale Dauerpräsenz Ende der 80er allei durch Tochter Steffis tolle Rückhand gerechtfertigt war. Völlig rechtfertigungsfrei indes tunkte Paul Walker (40) erst die Leinwand, dann RTL in Testosteron und trat nach sechs Folgen The Fast And The Furious völlig folgerichtig bei einem Autounfall geschwindigkeitsüberhöht endgültig vom Gaspedal.

Tragisch, zugegeben. Zugleich aber nichts, was vernunftbegabte Wesen tiefer bewegen dürfte als zwei Sekunden DMAX. Dass man aber auch mit modernen Methoden für Teilnahmslosigkeit sorgen kann, beweist die ARD. Deren Ankündigung, noch ein Tatort-Event zu planen, diesmal mit Heike Makatsch in Freiburg, ist nach dem Weimarer Ausflug ihrer Kollegin Tschirner ähnlich überraschend wie eine andere Meldung vom Hochamt des Krimis: Von den 73 Leichen, die in 43 Erstausstrahlungen 2013 ums Leben kamen, pflasterten stolze sechs den Weg von Til Bang Schweiger alias Nick Boom Tschiller bei seinem Debüt in Hamburg. Errechnet hat das die Fanpage www.tatort-fundus.de, der jene Zehntklässlerin offenbar nicht angehört, die sich auf einer Online-Plattform (http://www.out-takes.de/index.php/2012/offener-brief-einer-schulerin-an-ard-und-zdf/) mal so richtig über öffentlich-rechtliche Biederkeit ausgekotzt hat.

Aber vielleicht sollte sie statt fernsehen ohnehin lieber lesen. Den Spiegel zum Beispiel. Das hält geistig rege, fördert echten Journalismus und ist ab 2015 an einem neuen, alten Erscheinungstag möglich. Dann erscheint das Magazin nach fast 50 Jahren auf dem Montag wieder wie zu Beginn samstags. Wahnsinns-News von Chefredakteur Wolfgang Büchner also, mit der er seine Vorgänger vergessen machen möchte. Die übrigens nun geschlossen das ideologische Lager gewechselt haben. Denn nach dem Wechsel Mathias Müller von Blumencrons zur FAZ, scheint sein alter Mitchef Georg Mascolo nun zu Springer zu gehen. Also zurück zu etwas mit mehr Haltung und Charakter: Der ARD, die für den Brennpunkt längst alle Sehgewohnheiten sprengt wie Donnerstag, als die Sondersendung zum Sturm Xaver mehr als sieben Millionen Zuschauer fand.

TV-neuFrischwoche

9. – 15. Dezember

Und damit mehr als Wetten, dass…? am Samstag erwarten darf. Mehr auch als tags drauf der Polizeiruf mit Horst Krause und Maria Simon. Ja sogar mehr als Günther Jauch zum SPD-Mitgliederentscheid, für den der zuvor bereits wegen angeblicher Jugendgefährdung auf 22 Uhr verschobene Tatort: Franziska gen Januar verrückt wurde. Und ganz gewiss ein Vielfaches dessen, was sich vor der ansehnlichen Doku Auschwitz vor Gericht, heute um 23.30, zum 50. Jubiläum der Auschwitzprozesse auf gleichem Kanal versammeln dürfte.

So ist es halt, mit Relevanz und Resonanz, diesen zwei zänkischen Schwestern der Aufmerksamkeitsgesellschaft. Da findet ein tolles Politdrama wie Der Staat schweigt am Freitag auf Arte tendenziell unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, während sich Oliver Pocher Dienstag zuvor ohne Esprit, Talent, ohne Sinn und Verstand vor mehreren Millionen durch den pappeflachen Sat1-Ulk Der Weihnachtskrieg stümpert. Da wird es andererseits der unschlüssige Stromlinienthriller Das Jerusalem-Syndrom über irgendwas Dan-Brown-artig Religiös-Mystisches im Gelobten Land dank seines prädestinierten Sendeplatzes am ARD-Mittwoch zu anständiger Quote bringen; die famose Dokumentation Made in Germany dagegen, in der sich die Politpunk-Legende Jello Biafra Samstagabend bei Arte allen Ernstes als Fan des porträtierten Heino outet, sieht sicher wieder keine Sau.

Aber wenigstens halten sich bei der heute-show sich Renommee und Reichweite voraussichtlich die Waage, wenn das ZDF dort Freitag um 22.30 Uhr gewohnt witzig aufs scheidende Jahr zurückblickt. Noch was? Ach ja: Das Zweite wiederholt auf seinem Ableger Neo ab morgen die fiktive Selbstironie Lerchenberg. Sat1 widmet sich beim letzten Kampf der schönen Kickboxerin Christine Theiss am Freitag (23.15 Uhr) wohl zum letzten einer Randsportart. Und der Tipp der Woche schwenkt wie so oft Richtung Vergangenheit: ins Paris des Jahres 1972, wo Der letzte Tango Marlon Brando zum gefeierten, beschimpften Softpornodarsteller machte.

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