Dokumentarreihe: Geliebte Feinde

Ziemlich beste Feinde

Seit Montag zeigt Arte in seiner Dokumentarreihe Geliebte Feinde täglich um 19.30 Uhr (und zu jeder Zeit in der Mediathek http://www.arte.tv) zehn Teile lang, was Deutsche und Franzosen eigentlich gegeneinander haben. Vor allem aber: was daran bloß nationalistisch geprägtes Machtgehabe ist.

Von Jan Freitag

Historische Unwahrheiten haben meist eine ziemlich hohe Halbwertszeit. Das von der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland zum Beispiel: Schon immer, hieß es lange Zeit, seien sich die zwei Nachbarstaaten spinnefeind gewesen. Selbst jetzt, da aus der alten Rivalität fast innige Freundschaft zu werden scheint, gelten mit dem neuen Kuschelkurs Jahrhunderte, ach Jahrtausende des Zankens, Haderns, Kriegeführens überwunden. Alles Unsinn? Fals alles Unsinn! Das behauptet zumindest eine Dokumentarfilmserie, die dem deutsch-französischen Verhältnis gründlich auf den Zahn fühlt.

Denn siehe da: Viele Gegensätze zwischen den nur vermeintlich so gegensätzlichen Völkern, vermeldet der Zehnteiler Geliebte Feinde auf Arte, sind nichts als sorgsam geschürte Ressentiments, politische Erfindungen mithin. Überwiegend entstanden im anschwellenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der den Gedanken konsistenter Völker in festen Landesgrenzen erst hoffähig, dann zum guten ton, schließlich zur Staatsdoktrin machte. Genährt von Napoleon Bonaparte, dessen Okkupation überhaupt erst half, aus dem Flickenteppich rivalisierender Fürstentümer im Osten einen leidlich kompakten Verbund namens „Deutsches Reich“ zu formen. Ignorierend, dass Frankreich zuvor eher England grundlegend feindlich gegenüber stand, zumal Deutschland damals – wenn überhaupt – deckungsgleich mit Preußen war, das ohnehin fast nur Gegner kannte.

Trotzdem gedeiht das ewige Gerede vom Erbfeind bis heute prächtig im Kanon wirkmächtiger Klischees. Dass französische Bräuche, Dichter, Denker, Speisen, die gesamte Zivilisation jahrelang prägend waren fürs deutsche Selbstverständnis, dass unser Wortschatz vollgestopft mit Frankismen jeder Art ist, dass der germanische Adel bis zu seiner Entmachtung parlierte, nicht sprach, dass nicht nur Nietzsche alle Literaten außer ein paar Parisern (und ihm selbst, versteht sich) für Idioten hielt und Deutschlands geistige Elite der Eroberer Napoleon für einen ordnungsstiftenden Heilsbringer – alles gern vergessen.

Da ist es erfrischend, von den fünf verschiedenen Autoren der Miniserie mit den üblichen Spielszenen zum verfügbaren Archivmaterial zu erfahren, dass die deutsch-französischen Beziehungen eben nicht erst seit Konrad Adenauer friedlicher wurden und die Pariser Verträge von 1963 weniger Anbahnung, als Aussöhnung waren. Und Annette Frier als Germania sowie Antonia Rendinger als Marianne präsentieren das auch genau mit jener Leichtigkeit, die dem Prozess der Entspannung entspricht. Bei aller weltpolitischen Relevanz zwischen Karl dem Großen und Charles de Gaulle, Revolutionen und Weltkriegen, geht es schließlich auch um die Gegensätze des Alltags: vom Weingraben über die Weißbrotmauer bis hin zur Kinogrenze quasi.

Das wirft die Frage auf, wie weit es mit der franko-germanischen Freundfeindschaft denn kulturell gediehen ist? Was sich die Nachbarn im Kleinen zu geben haben? Am Bildschirm zum Beispiel? Womit man schnell beim ausstrahlenden Sender selbst wäre: Arte. Das Gemeinschaftsprogramm ist ja schon qua Statut und Auftrag beiden Bevölkerungen verpflichtet. Und er hat dabei in den vergangenen 21 Jahren Außergewöhnliches geleistet. Bestand das französische Kulturangebot im deutschen Fernsehen auf den prominenten Sendeplätzen bis dato vornehmlich aus Ulk von Louis de Funès bis Jean Paul Belmondo und eher zu nächtlicher Stunde mal aus anspruchsvollem Film Noir bis Nouveau, so gelangten plötzlich französische Serien wie zuletzt Odysseus oder Seconde Chance zu deutschen Ohren. Dazu Reportagen und Dokumentationen, ja selbst Magazine und Nachrichten. Umgekehrt bekam Romy Schneider, rechts des Rheins einst als „Franzosenflittchen“ verpönt, Kollegen zur Seite, die auch links des Rheins gut ankamen: Daniel Brühl zum Beispiel, in Frankreich hochgeschätzt, Sebastian Koch, Hannelore Elsner, Benjamin Sadler, die Liste ließe sich leicht erweitertn.

Dennoch ist noch eine Menge zu tun. Denn anders als angloamerikanisches Fernsehen führt das französische bei uns ein ebensolches Nischendasein wie umgekehrt das deutsche in Frankreich. Sicher, Ziemlich beste Freunde war auch in hiesigen Kinos ein Renner, für die Mundartkomödie Willkommen bei den Scht’is erdachten sich deutsche Übersetzer sogar ein eigenes Ideom und die Zeichentrickserie Es war einmal… ist seit Langem ein Dauerbrenner im Kinderprogramm. Insgesamt aber stammt jenseits von Arte nur ein Bruchteil des Programms vom jeweiligen Nachbarn. Daran wird auch Geliebte Feinde nichts ändern. Quel dommage.

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