Bryan Cranston: Breaking & Bad

Ottonormalverbrecher

Seit vorigem Freitag läuft endlich die letzte Staffel von Beaking Bad und klärt die Frage, ob ein sympathischer Schwerverbrecher wie Walter White darin überleben darf. Sein Darsteller Bryan Cranston ist da skeptisch.

Von Jan Freitag

Kinder gehen gar nicht. Seit das Privatfernsehen die Sehgewohnheiten vor fast drei Jahrzehnten nachhaltig radikalisiert hat, lässt sich der gemeine Fernsehzuschauer zwar nur noch mühsam schocken. Pornografie, Gewaltexzesse, Werbeflut, selbst Vergewaltigungen rauschen ja längst durchs Publikum hindurch wie atomare Strahlung – irgendwie giftig, aber kaum merklich. Wenn allerdings Kinder betroffen sind von der Verrohung am Flatscreen, der mal eine Bildröhre war, regt sich doch noch etwas im Gewissen.

Sogar bei Breaking Bad.

Am Freitag, den 13., eine Woche nach dem heutigen Start der letzten Staffel einer TV-Serie, die nicht wenige als beste aller Zeiten betrachten, erwischt es nämlich mal wieder einen Minderjährigen. Gezielter Schuss ins Herz. Von einem Profi, so eiskalt wie berechnend. Denn es geht wie so oft ums Überleben. „Er oder wir“, erklärt der Mörder seinen entsetzten Komplizen, warum es zwingend nötig war, den minderjährigen Zeugen einer ihrer vielen Verbrechen vom Motorrad zu schießen. Und Walter White, jener todkranke Chemielehrer aus New Mexiko, der sich beim Serienstart entscheidet, seine Familie vorm eigenen Exitus durchs Kochen illegaler Drogen zu versorgen, er nennt dazu drei nüchterne Handlungsoptionen: Den Killer zu feuern, zu beseitigen oder zu behalten. „Ich bin für Möglichkeit drei.“

So tickt Breaking Bad seit nunmehr fünf Jahren. Mit dieser Mischung aus bürgerlichen Bedenken und krimineller Energie hat Vince Gilligans Meisterwerk weltweit für Furore gesorgt. Und besonders Bryan Cranston ist in 62 Folgen vom soliden Darsteller gewöhnlicher TV-Formate wie Malcolm Mittendrin oder Diagnose Mord zum Superstar des globalen Serienfernsehens gewachsen. Fast 50 Jahre alt musste der spröde Kalifornier also werden, um mit seinem bieder diabolischen Walter White nicht nur dreimal den Emmy als bester Hauptdarsteller zu gewinnen, sondern nichts weniger als Filmgeschichte zu schreiben.

Beides sieht man ihm allerdings keinesfalls an, als er zur Vermarktung des Serienfinales in ein Londoner Luxushotel bittet. Oberhemd, Jeans, Pullover, akkurater Vollbart, offenes Lächeln, „nice to see you“ – Bryan Cranston ist exakt jener All-American-Guy, der in seinem späten Durchbruch peu à peu zum All-American-Gangster wird. „Der die größtmögliche Entwicklung durchmacht, die unser Land zulässt“, wie es Cranston, der es als Scheidungskind aus armen Verhältnissen selber bis nach oben geschafft hat, fühlbar stolz auf sein Werk ausdrückt. Ein typischer Mittelklassmann mit Mittelfrau, Mittelklassewagen, Mittelklassehaus, der den Wunsch lebt, „aufzusteigen bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass letzteres in Amerika zusehends unmöglich ist“. Das mache Breaking Bad so interessant. „Denn Walt steigt tatsächlich auf!“ Und wie! „Aus der Mittel direkt in die Upper Class!“ Klingt wie ein Märchen, aber Cranston Grinsen leitet die entscheidende Frage nach dem Erfolgsgeheimnis der Serie ein: „Ist er darin glücklicher?“

Ist er nicht.

Denn in der letzten Staffel, die der Pay-TV-Kanal AMC betriebswirtschaftlich klug in zwei Teile gesplittet hat, wird Walter White zwar endgültig zum Gangsterboss; seine spießbürgerliche Kleinstadtidylle mit einem Pool, zwei Kindern und einer Menge Hypotheken, das also, wofür er den Weg in die Unterwelt überhaupt gegangen ist: ein Trümmerfeld, blutgetränkt zudem. Da sei es „schwer vorstellbar“, Cranston sucht bei seiner Agentin im Zimmereck nach Zustimmung für so viel Vorschusswissen, „dass sein Leben nach dem Finale einfach normal weitergeht“. Im Produktionsland selbst wollten Ende September sagenhafte zehn Millionen Leute im allerletzten Teil sehen, was genau der Hauptdarsteller damit meint. Es war Rekord für ein kostenpflichtiges Angebot, das gleich mal die sorgsam lancierte Neuigkeit nach sich zog, es würde doch eine Fortsetzung geben – wenngleich ohne Walt, Jessie, Hank, Skyler, den derzeitigen Stars. Stattdessen mit Saul Goodman, dem windigen Anwalt der Bösen.

Das allerdings wäre nicht mehr die brillante Story von Aufstieg und Fall einer ganzen Klasse, die – wie Cranston meint – nicht ganz ohne Zufall im Knall der platzenden Immobilienblase angelaufen ist; es wäre ein schlichtes Spin-Off mit der Chance, alte Fans ein wenig länger an die Geschichte zu binden. Eine Idee wie Breaking Bad selbst dagegen, das gilt sogar im Licht dramaturgischer Überraschungen wie Homeland oder Lilyhammer, wird sich so schnell nicht wiederholen lassen. Das Höchstmaß dessen nämlich, was Cranston „Manipulation“ nennt: Der Gesellschaft so unterhaltsam, so geschickt vor allem den Spiegel vorzuhalten, dass selbst ein väterlicher Verbrecher wie Walter White „bis tief in die 4. Staffel für viele noch als Good Guy“ gilt. Doch keine Sorge: in der 5. denkt das nicht mal mehr der Ottonormalverbrecher selbst.

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