Indiefriday: Ja, Panik & Die Nerven

Ja, Panik

Freiheit – schon dieses Wort. Scheußlich, grauenhaft. Und wie hohl es geworden ist. Freiheit, das ist nur noch die des Bleifußes. Diejenige, falsche Parteien zu wählen oder das richtige Deo. Zur Promiskuität, zum Einkauf, zu weniger Hautirritationen und mehr Abwechslung im Fertiggerichteregal. Die Freiheit von einst wurde zur Unfreiheit von heute, und daran ändert auch der nichts, der sie maskiert. Als Liberalität zum Beispiel. Oder Libertatia, wie das neue Album von Ja, Panik.

Dieser Freiheitsbegriff klingt zunächst mal auch dann fahl, ja falsch, wenn ihn Andreas Spechtl verwendet. “Wo wir sind, ist immer LIBERTATIA“, krächzt der Berliner Poesiepopper aus Österreich durchs Auftaktstück der fünften Platte. Und er tut es gewohnt mehrsprachig für “unsere brothers and sisters“, für alle “not sans papiers, but sans patrie“, die er “worldwide befreit von jeder Nation”. Es ist ein heiteres Revoltieren, das Ja, Panik da praktizieren. “One world, one love: LIBERTATIA.” Sollen wir ihnen das abkaufen wie der Werbung ihre Glücksversprechen oder der FDP den Steuern-Runter-Liberalismus? Ja, denn Spechtls zum Trio gerütteltes Quintett entwickelt hier einen ganz eigenen Begriff von Freiheit. Libertatia, so geht die Legende, war das fiktive Refugium flüchtiger Piraten vor den Kriegsschiffen königlicher Flotten, ein Freibeuterparadies Entrechteter am Nordrand Madagaskars, in dem allein Herkunft, Stand und Netzwerk zum besseren Leben befähigten. Eine Welt, gar nicht so fern von der, die Ja, Panik 300 Jahre später besingen, im Turbokapitalismus Berlin-Mitte.

Ja, Panik – Libertatia (Staatsakt); mehr Text’n’Sound’n’Kommentare: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/01/31/ja-panik-2_17470

Die Nerven

Ihr Debütalbum Fluidum wurde vor zwei Jahren bis ins anspruchsvolle Feuilleton positiv aufgenommen. Jetzt legt das schwäbische Noise-Trio Die Nerven den Nachfolger FUN vor und ist zwar weiterhin ziemlich wütend, aber noch melodiöser und ausgefeilter. Ein Gespräch mit Sänger, Bassist und Songwriter Julian Knoth über schlechte Laune, Misserfolgsaussichten, den Punkstandort Stuttgart und was er für den Sound darin bedeutet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Guten Morgen Julian, du wirkst müde?

Julian Knoth: Das täuscht, ich bin schon lange auf. Frühaufsteher.

Punkrock und Frühaufstehen ist kein Widerspruch mehr?

Mein Tagesablauf ist jedenfalls geregelter.

Umso schwieriger ist es, gleich nach dem Frühstück eure neue Platte „FUN“ zu hören, die für diese Tageszeit doch reichlich düster ist.

(lacht) Das kann gut sein.

In einer Zeile von Und ja singst du „es geht mir besser als ich aussehe“. Warum solltest du denn schlecht aussehen?

Das müsstest du in diesem Fall Max fragen. Normalerweise schreiben wir unsere Texte getrennt voneinander. „Und ja“ ist dagegen komplett im Studio von uns beiden entwickelt worden und diese Zeile stammt von ihm.

Sie klingt auf jeden Fall wie so oft in euren Songs ungemein schlecht gelaunt. Seid Ihr das wirklich oder ist das nur der Ausdruck eurer Musik?

Unsere Musik hat immer auch persönlich mit uns zu tun, aber man muss dennoch klar differenzieren zwischen dem, was wir spielen, und was wir sind. So schlecht gelaunt unsere Stücke also auch klingen mögen – wir selbst sind drei Freunde, die sich und anderen gegenüber meist herzlich und humorvoll sind. Die Nerven ist da eine ziemlich normale Band, deren Humor nur manchmal hinter den Stücken verborgen bleibt.

Steckt denn auch in der Musik selbst irgendwo ein verborgener Humor?

Er steckt vielleicht nicht auf den Platten, zieht sich aber durch den Rest unserer Band hindurch. „FUN“ enthält trotz des Titels zugegeben kaum Spaßelemente, trotzdem kann es auf unseren Konzerten heiter zugehen. Das erklärt sich daraus, dass unsere Musik auch ein Ventil ist, um uns abzureagieren und als Personen hinter ihr zu verschwinden.

Ein Ventil wofür – Wut?

Ganz sicher. In unserer ersten Phase ab 2010, wo wir – damals noch mit anderem Schlagzeuger – mehr Projekt als richtige Band waren, war diese Wut noch ausgeprägter. Da haben wir eher Kinderzimmernoise gemacht, in dem wir alles rausgelassen haben.

Kinderzimmer im Sinne von LoFi, nicht produziert, sondern mitgeschnitten.

Genau. Durch unsere feste Struktur ist diese Wut dann zwar milder geworden, nicht mehr so auf den Moment bedacht, aber es gibt sie noch. Das steckt tief in unserer Musik.

Welche Rolle spielt euer Standort Stuttgart dabei – ist Wut auf die Verhältnisse womöglich größer, wenn sie in einer Stadt stattfindet, die so bieder ist wie ihr Ruf?

Sie spielt eine Rolle. Aber eher durch ihre Kessellage als das Biedere. Sicher ist in Stuttgart vieles spießig, vor allem aber ist alles sehr begrenzt und damit eng. Zumal sich die Wut durch Stuttgart 21 bekanntermaßen bis in bürgerliche Schichten gefressen hat.

Stichwort Wutbürger.

Genau. Stuttgart ist Städten wie Hamburg allerdings nicht nur wegen der Proteste ähnlicher geworden. Die Räume für Kreativität werden ja auch in den Metropolen weniger, nur dass es in Stuttgart keine so lange Geschichte freier Räume wie in Berlin etwa gibt, das derzeit nach und nach gentrifiziert wird. Stuttgart war schon immer gentrifiziert; andererseits zeigt die Entwicklung des HipHop bei uns ja, dass es offenbar früher auch schon solche Freiräume gegeben haben muss. Aber ich fühle mich wohl hier. Und sich Räume zu erkämpfen ist oft schwierig, aber wir finden immer wieder welche.

Zum Beispiel?

Am Nordbahnhof, wo wir unsere ersten Konzerte in alten Waggons gespielt haben. Das ist jetzt allerdings weg seit einem halben Jahr.

Und was ist da jetzt?

Na nichts. Aber als uns diese Fläche 1999 zur Verfügung gestellt wurde, war bereits klar, dass wir sie ab einem bestimmten Bauabschnitt des neuen Bahnhofs wieder zurückgeben. Das war vorigen Herbst der Fall.

Dann seid ihr von Stuttgart 21 ja quasi körperlich betroffen.

Ja, aber in gewisser Weise auch positiv. Ohne Stuttgart 21 hätte es diesen Kulturort womöglich nie gegeben.

Das klingt schizophren.

Das ist schizophren. Deshalb haben wir uns neue Biotope gesucht und auch gefunden. Aber das macht ja die Musikszene in Stuttgart so schön, weil sich die verschiedenen Projekte und Bands auf so engem Raum immer wieder treffen. Das ist fast wie Weilheim.

Das Notwist-Dorf.

Nur eben nicht so provinziell.

Das ganze Interview steht unter http://www.musikblog.com/2014/02/wir-mussten-unseren-unhoerbaren-noise-zum-erfolgserlebnis-erklaeren-die-nerven-im-interview/

Freiheit – schon dieses Wort. Scheußlich, grauenhaft. Und wie hohl es geworden ist. Freiheit, das ist nur noch die des Bleifußes. Diejenige, falsche Parteien zu wählen oder das richtige Deo. Zur Promiskuität, zum Einkauf, zu weniger Hautirritationen und mehr Abwechslung im Fertiggerichteregal. Die Freiheit von einst wurde zur Unfreiheit von heute, und daran ändert auch der nichts, der sie maskiert. Als Liberalität zum Beispiel. Oder Libertatia, wie das neue Album von Ja, Panik.

Dieser Freiheitsbegriff klingt zunächst mal auch dann fahl, ja falsch, wenn ihn Andreas Spechtl verwendet. “Wo wir sind, ist immer LIBERTATIA“, krächzt der Berliner Poesiepopper aus Österreich durchs Auftaktstück der fünften Platte. Und er tut es gewohnt mehrsprachig für “unsere brothers and sisters“, für alle “not sans papiers, but sans patrie“, die er “worldwide befreit von jeder Nation”. Es ist ein heiteres Revoltieren, das Ja, Panik da praktizieren. “One world, one love: LIBERTATIA.” Sollen wir ihnen das abkaufen wie der Werbung ihre Glücksversprechen oder der FDP den Steuern-Runter-Liberalismus?

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