Reportage: Frauenknast Bützow

Unter Verschluss

Frauen werden immer häufiger straffällig. Vor allem aber häufiger schwer. Ilka P. zum Beispiel saß wegen Totschlags in der JVA Bützow bei Rostock. Ein Tag im Leben einer Gefangenen zwischen Arbeit, Langeweile, tausend Schlössern, der Grübelei, wie es dazu kam, und dem Blick nach vorn.

Von Jan Freitag

Klackklackklack. Als ein großer Satz Schlüssel begann, den Alltag von Ilka P. und Jens K. zu beherrschen, waren sie um die 20. Heute nimmt Ilka P. es kaum noch wahr, wenn Jens K. ihn benutzt. Und das tut er schon so lange, ein Vierteljahrhundert fast, dass auch Jens K. sein klackendes Geräusch ignoriert. Dennoch haben beide manchmal genug vom ewigen Schließen in der Justizvollzugsanstalt Bützow. „Abends tut mir oft die Hand weh vom Drehen“, sagt Jens K., den man gern beim Namen nennen kann; schließlich verlässt Herr Kötz das Gefängnis bei Rostock jeden Tag nach Dienstschluss. „Ich träume häufig, die Türen hätten keine Schlösser“, meint dagegen Ilka P., deren Name erfunden ist. Ilka P. ist eine Strafgefangene, Jens Kötz ihr Vollzugsbeamter. Zwei Menschen, deren Leben nicht verschiedener sein könnten. Und doch zwei, die sich näher sind, als ihnen lieb ist.

Ilka P. hat jemanden umgebracht und dafür fünf Jahre Haft gekriegt. An sich zu Recht, gesteht die Täterin leise. Aber in der Höhe doch zu viel, fügt sie lauter hinzu. Geständigkeit ist für einen Freiheitsentzug in Würde unerlässlich, betonen Gefängnispsychologen. Doch die Würde selbst braucht dabei auch ein wenig Widerstand gegen das Schicksal hinter Gittern. So formuliert es Jens Kötz, ihr Wärter, der so nicht genannt werden will. Das klinge ihm zu sehr nach Sühne und Verwahren, der alten Strategie des Straffvollzugs.

Weil er bis ins 18. Jahrhundert rein destruktiver Natur war, um Häftlinge erst aus den Augen, dann aus dem Sinn zu schaffen, hat ihn der Philosoph Michel Foucault in seinem Buch Überwachen und Strafen als repressives Kräfteverhältnis beschrieben. Die moderne Haft dagegen sei Teil einer „Disziplinargesellschaft“, in der das bloße Wegsperren durch produktive Rehabilitation ersetzt wurde. Auch wenn das die Bild mit ihrer Hetze gegen Fernseher, Freigang und Frohsinn in der Zelle gern anders sähe, meint Jens Kötz. „Dabei heißt es Freiheitsentzug, nicht Freudenentzug.“ Der Beamte spricht gern in geflügelten Worten. Und so ist die Zeit im Knast eben kein Akt sinnloser Rache, sondern einer geordneten Abfolge von Belohnung und Regeln, Rechten und Pflichten, Arbeit und Langeweile. Von letzterem stets ein wenig mehr.

Einer der klobigen Bartschlüssel an seinem Bund scheppert ins Schloss. Wie jeden Morgen geleitet er Ilka P. und die anderen Azubis vom kleinen Frauentrakt zum Ausbildungsplatz. Klackklackklack. Umdrehen, aufziehen, durch, zuziehen, abschließen – ein Ritual, das wenige Meter weiter stets aufs Neue erfolgt. Und wieder. Und wieder. Es war sechs Uhr, als Ilka es an diesem Wintertag geweckt hat wie an jedem anderen. Als Morgenmuffel ist das eine Strafe für sich, doch sie hat sich auch damit arrangiert. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt die zierliche Frau mit den verspielten Farbsträhnchen im dunklen Haar und reibt sich nervös den Hals mit dem Kruzifixkettchen. Das tut sie immer dann, wenn die Gedanken um ihr neues Leben kreisen. Vor gut zwei Jahren, als sich das Tor zum einstigen „Zuchthaus Dreibergen“ hinter ihr schloss, da dachte sie, „das überleb ich nicht“ und wünschte sich, die Zeit zurückzudrehen.

Vor diesen einen Moment, jenen Kurzschluss. Klick, den Verstand abgestellt. Klick, alle Adrenalin-Hähne offen. Klick, vor ihr lag das Leben wie es war in Trümmern. Und nicht nur ihres: eines war ausgelöscht. Und das einer Familie, eines Dorfes, einer Region irgendwie gleich mit. Wäre sie damals nicht… Hätte sie doch nur… Ihre Tat passt zum Trend, dass die Härte weiblicher Straftaten noch schneller steigt als deren bloße Zahl.

Sie ist zwischen 1996 und 2006, dem Jahr, als Ilka durchdrehte, um gut ein Fünftel auf 110.000 gestiegen. Schwere Delikte von Raub über Körperverletzung bis hin zum Mord aber haben sich mehr als verdoppelt. Gut 7000 sind es heute und gerade Gewaltverbrechen legen weiter stetig zu. So enden immer mehr Frauenbiografien zwischenzeitlich im Knast, ein Bruch, der nicht selten bis an ihr Ende reicht. Allen Resozialisierungsgelöbnissen zum Trotz, klagt Karin Greifenstein, „schädigt die Haft Körper und Seele“. Als Seelsorgerin in Frankfurt-Preungesheim betreut sie einen von bundesweit sieben Frauenknästen. Doch weil es allerorten an Personal und Bewährungshelfern fehle, würden viele Insassinnen nur verwahrt. So geht der Trend hinter Foucault zurück. Viele Inhaftierte, so Greifenstein, „verlassen die JVA zerstörter, als sie reingekommen sind“.

Ilka P.s Gedanken an die Zeit danach füllen Zelle 201 mehr als das Klo hinterm rosafarbenen Vorhang, die schmale Pritsche gegenüber, das Mobiliar mit JVA-Siegel, die Bilder die Erinnerungen an draußen auf acht Quadratmetern. Zu lange spielte die Vergangenheit der jungen Frau im Konjunktiv und so beschloss sie, nach vorn zu blicken, statt übers Geschehene zu grübeln. Das, was Soziologen Prisonisierung nennen, den Prozess der Anpassung an die Gefängniskultur, es wirkte auch bei ihr.

Denn Ilka P. hat Arbeit. Und das ist nicht die Regel. Wie draußen, im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern, ist die Erwerbslosigkeit der JVA gigantisch, um die 40 Prozent, gibt die Anstaltsleitung zu. Dennoch: theoretisch hat jede der 25 Frauen, jeder der 526 Männer in Bützow Anspruch auf einen Job. Es ist eine Chance, sagt Jens Kötz. Wer keine Lehre vom Tischler bis zur Gebäudereinigerin macht, wer die Bildungs-, Hilfs- und Jobangebote ablehnt, wer sich sogar dem freiwilligen Putzen der Gänge im Wechsel verweigert, habe selber Schuld, so Kötz. Beschäftigung ist das einzige Mittel gegen die Eintönigkeit, Nichtstun macht lethargisch, faul, einige gar aggressiv. „Wer sich beschäftigt, beschäftigt nicht uns“ – noch so ein Bonmot des Sicherheitsbeauftragten. Niemand werde zu irgendetwas gezwungen, nicht zum Schaffen, nicht zur Therapie, nicht zu Freundlichkeit, geschweige denn Reue. Aber wer kooperiert, darf vier Stunden im Monat Besuch empfangen statt einer. Bekommt mehr als die üblichen 30 Euro Taschengeld für Stromkostenbeteiligung und Telefon, für Tabak, Kaffee oder Deo im Knastshop. Erhält womöglich einen Abschluss. Kann gar auf Haftlockerung hoffen, auf vorzeitige Entlassung.

Ilka kriegt nicht nur alle 14 Tage vier Stunden Besuch, sie stattet ihn zuhause ab. Sie erhält fast 100 Euro Lohn und macht demnächst ihre Prüfung zur Friseurin. Sie zählt nicht nur auf Bewährung im Sommer, sondern schon vorher auf echten Urlaub. Ihre Augen leuchten: „Mit Übernachten!“ Bei der Familie und Missy Elliott, ihrer Katze. Gemeinsam mit Freunden, Popstars und einer Siegerurkunde im Torwandschießen pflastern sie ihre nikotingelben Zellwände, zwischen all dem Mädchennippes, den Putzmitteln unterm Handstein, einem winzigen Fernseher neben der Tür. Über Nacht – das heißt auch länger als ihre Telefonate. Alle zwei Tage, im Ringen mit 24 Traktgenossinnen um den einzigen Apparat der Abteilung. Immerhin – viele Länder gewähren ihren Gefangenen weniger Freiräume als das ehemals rot-rot gegierte Küstenland. Ilka P. trägt sich meist für den Nachmittag in die Telefonliste ein, kurz vor sieben, wenn die Zellentür zugeht. Hinter ihr.

Dann sieht sie fern, bis tief in die Nacht, am liebsten US-Krimiserien wie „C.S.I.“. Und – es klingt wie ein Treppenwitz: „Prison Break“. Ein Foto der fiktiven Knastausbrecher hängt an ihrer Pinnwand. Sie muss selber darüber grinsen. Drei, vier Stunden Schlaf, das reiche ihr. „Keine Ahnung, warum.“ Jetzt lacht Ilka, herzlich sogar. Das tut sie häufiger, als man von einer Frau im Bau denken würde. Nur morgens um sechs ist ihr nie danach zumute. Eine Stunde hat die gelernte Altenpflegerin zum Aufstehen. Duschen am Ende des langen Gangs voll uralter Holztüren in giftgrün, Frühstück auf Zelle, Graubrot und Aufschnitt, nicht trocken und mit Wasser, aber doch eher schlicht. Dann kurz aufräumen. Um acht beginnt die Arbeit.

Auf dem Weg dorthin herrscht Schweigen. Zu sehr ist das halbe Dutzend Frauen mit ihren Zigaretten beschäftigt, die sie hastig einatmen. Ilka P. winkt zwischen zwei Zügen zaghaft zu einem der unzähligen Fenster im schönen Klinkergebäude gegenüber. Unter Gefängniskennern ist die Fassade berühmt für ihren pittoresken Jugendstil, fast zu malerisch für diesen Zweck. Vor einem Dreivierteljahrhundert galt der Neubau als vorbildlich, mit seinem Fenster zu jeder Zelle. Heute sind die Gemäuer auf dem riesigen Gelände vielerorts zu alt für die Stromversorgung eigener Kühlschränke hinter Gittern. Vorbei an Milchtüten und Margarine grüßt ein Insasse zurück. Man kennt sich, man begegnet sich sogar beizeiten. Männer und Frauen leben getrennt, aber sie werden es nicht, nicht strikt.

Dennoch dürfen die Herren nicht in den Salon HAARscharf. Leider, sagt Ausbilderin Ines Schröder vom regionalen Bildungsträger. „Die Damen sollten das volle Programm lernen.“ Also frisiert Ilka eine Kollegin, mal wieder, wie jeden Tag. Oder sie leitet eine andere an. Ilka ist die Erfahrenste. „Und die Beste“, flüstert die Meisterin, eine Externe, wie man hier sagt. Deshalb durfte Ilka mal auf einen Lehrgang in die Landeshauptstadt und zur Friseurmesse nach Rostock. Privilegien wie jene Leistungspunkte, die Ines Schröder für besonderen Einsatz verteilt. Sie bringen bares Geld. Ilka hat sich dafür Fachliteratur gekauft, obwohl es die auch in der Anstaltsbibliothek gibt. Um darin herumkritzeln zu dürfen, schließlich will sie als Friseurin weiterarbeiten. Draußen. „Das hier drin soll sich ja auch ein bisschen lohnen.“ Ein Satz wie aus dem Lehrbuch für effizienten Strafvollzug.

Derlei Ehrgeiz erfordert Selbstüberwindung, aber die lohnt sich. „Ich mache das nicht für meine Akte“, sagt Ilka. Trotzdem weiß sie natürlich, dass die 20 Betreuer vom Sozialtherapeuten bis zur Schließerin alles darin vermerken, Negatives wie Positives. Ilkas Akte sieht gut aus, betont Jens Kötz. Ihre Arbeit wird geschätzt. Doch statt echter Kunden stets die gleichen Köpfe, das ermüdet. Herr Kötz war zwar bereits unter ihrer Schere, die sie aus Sicherheitsgründen nur gegen Unterschrift erhält. Aber selbst das JVA-Personal kommt selten, trotz des günstigen Preises von ein paar Euro. Und so kriecht die Zeit bis zur Pause um elf. Sie vergeht auch nach der hastigen Mahlzeit aus Schwein, Kartoffeln und Bohnen auf Zelle kaum rasanter, doch sie steht wenigstens nicht wie bei jenen, die „vor der Playstation festwachsen“, so nennt es Jens Kötz.

Ilka hat ihre zuhause gelassen. „Sonst käme ich gar nicht zum Schlafen.“ Stattdessen treibt sie Sport, dreimal die Woche, im öden Fitnessraum, in dem drei der vier Geräte haken. Und sie tanzt. HipHop, alle 14 Tage. Sogar ein Auftritt beim Sommerfest im selbst gestalteten Frauengarten kam dabei heraus, zwischen der lautstark piepsenden Volière und einer selbstgebauten Brücke überm Ententeich. Dazu die freie Zeit im Gang zwischen Aufschluss und Einschluss, vom Feierabend bis zum Abendessen, wenn die Tür offen ist und Zeit zum Treffen, zum Austausch, zur Interaktion. Bei Ilka ist es meist nur viel, sehr viel Kaffee mit einer Freundin von nebenan. Danach gibt es statt echter Gesichter nur noch 30 Programme. Knastmonotonie.

Das ist nicht Teil der Strafe, aber ein Aspekt. Und am Wochenende fällt auch noch der Zeitfüller Arbeit weg. „Früher hab ich die Tage gezählt bis ich rauskomme“, erinnert sich Ilka P. Heute räumt sie lieber permanent ihre Zelle um, zuletzt die Woche zuvor. Das machen fast alle so, zumindest jene, die noch genug Kraft zur Veränderung haben. Irgendwann wird sie auch ihr restliches Leben umräumen und neu beginnen. Und ihre Jahre im Knast? Entmündigend und destruktiv, wie es die Knastseelsorgerin Greifenstein beschreibt, oder doch produktiv und sinnvoll im Sinne des modernen Strafvollzugs? Es klingt nicht ganz ehrlich oder besser: zu ehrlich, mehr nach Selbstvergewisserung und, ja: Schönfärberei, was Ilka P. antwortet: „Die war’n auch was wert.“ Trotz Langeweile und, sie zögert: „Zickenkrieg“. Trotz Liebesentzug und, hier stockt Jens Kötz: „Knasthierarchie“. Trotz Gewissensbissen und Gehorsam, Enge, Mauern, Einsamkeit. Und trotz all der Schlüssel. Sie selbst hat nur einen einzigen. Ilka P. lächelt: „Zu meinem Kühlschrankfach“. Wenigstens ein Klack, das nach Freiheit klingt.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.