Der echte & der falsche Wulff

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

17. – 23. Februar

Wenn man mal Revue passieren lässt, was vorige Woche medial vor sich ging. Wenn Facebook zum Beispiel für den Messaginservice WhatsApp mit seinen 50 Angestellten aberwitzige 19 Milliarden Dollar zahlt, wofür sich Wladimir Putin gleich noch Olympische Sommerspiele ins nördliche Sibirien bauen könnte. Wenn die Übertragung der (endlich) beendeten Winterspiele verdeutlicht, wie egal selbst ernstzunehmenden Sendern so lästige Randaspekte wie Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz werden, wenn es eine dufte Rodelrennquote zu erzielen gibt. Wenn also Unterhaltung in all ihren Facetten von der Realität Besitz ergreift. Dann dürfte selbst dem privatesten Stammpublikum klar werden, wo die öffentlich-rechtliche Kernkompetenz liegt: in der Nachrichtenlage. So gesehen waren die furchtbaren Tage der Ukraine wunderbare für ARD und ZDF.

Besonders das Erste liefert seit der Eskalation am Dienstag ja vorbildliche Arbeit aus dem russischen Einflussgebiet. Gut, die Berichterstattung pendelt meist leicht einseitig Richtung Revolte, aber sie tut es mit einer Seriosität und Bildgewalt, dass jeder Brennpunkt zum Paradebeispiel informativen Niveaus wird. Mit einem frischen Gesicht zudem, das auf dem Weg zum echten News-Star ist: Golineh Atai. Die ARD-Korrespondentin hatte zuletzt famose Reportagen über den Irrsinn von Sotschi gemacht. Nun steht seit vielen Tagen sie so eloquent wie kundig auf einem Kiewer Hotel und schildert in schusssicherer Weste, was auf dem umkämpften Maidan tief unter ihr passiert.

Das ist TV-Journalismus vom Feinsten. Von dem sich der zu den drei anderen Topthemen dieser Tage ein Scheibchen abschneiden könnte. Die Causa Edathy ist schließlich das derzeit absurdeste Fest moralischer Schizophrenie; die Causa Lanz erlebte diesbezüglich vorgestern nur eine weitere Wettsofa-Etappe (vor erstmals weniger als sechs Millionen Zuschauern); und da ist noch nicht mal von Christian Wulff die Rede, der Donnerstag sein Urteil erwartet. So falsch es nämlich war, während der akuten Skandalphase ohne Reflexion und Gnade auf dem Ex-Präsident einzudreschen, so falsch ist es nun, ihn publizistisch ohne Wenn und Aber freizusprechen, nur weil es die Gesetzeslage tut.

Rein juristisch mögen also nur entkräftete Vorwürfe der zur Vorteilsnahme umgedichteten Bestechlichkeit vor Gericht gestanden haben; das gesunde Rechtsempfinden lässt eben doch mehr als 753,90 Euro bei einem Oktoberfestbesuch an Christian Wulff kleben. Wer zu schnell Auto fährt, wird schließlich auch nicht nur für den Standort des Blitzens bestraft, sondern fürs Schnellfahren insgesamt. Und Christian Wulff ist zu schnell gefahren – als Bürger, der sich an den Honigtöpfen der Mächtigen berauschte, als Politiker, dem jede Distanz zur Wirtschaft fehlte, als Staatschef vor allem, der in seinem Kleinmut so präsidial war wie ein Landrat beim Bau überflüssiger Umgehungsstraßen durch die Firma seines Bruders. War halt das beste Angebot, lautet es da oft.

TV-neuFrischwoche

24. Februar – 2. März

Und wie man genau diese Haltung fiktional anspruchsvoll versinnbildlicht, bringt morgen ein Schauspieler zum Ausdruck, von dem es wohl kaum jemand außer Sat1 erwartet hätte: Kai Wiesinger. Der Romanzenstar spielt auf dem Romanzensender nämlich eben jenen Christian Wulff, der schon dadurch Authentizität verspricht, dass er in Der Rücktritt auch so heißt. Dieses Versprechen löst Wiesinger mit einem furiosen Spiel zwischen Larmoyanz, Selbstbetrug und Trotz ein. Ohne treffsicheren Klamauk wie bei der Guttenberg-Groteske Der Minister auf gleichem Kanal. Ohne staubige Parteinahme wie beim Kanzlerporträt Der Mann aus der Pfalz 2009 im ZDF. Ohne Überhöhung oder Untertreibung gerät Der Rücktritt also mit anschließender Dokumentation zum Besten, was das kommerzielle Programm 2014 bereithalten dürfte. Prädikat: grandios.

Eher grottig dagegen ist heute Die Flut ist pünktlich geraten. Mit Darstellern von Jürgen Vogel über Ina Weisse und Bernadette Heerwagen bis hin zu August Zirner ist das Nordseekrimibeziehungsdramairgendwas zwar exzellent besetzt, aber so öde, dass all die betörenden Naturaufnahmen bloß einschläfern. Also in etwa dasselbe tun, was die närrische Zeit am Bildschirm liefert, würde es dabei zwischendurch nicht ständig donnernde Tuschs hageln. Bis Aschermittwoch holen die das knopfdruckfröhliche Publikum Abend für Abend aus dem Sekundenschlaf vorm Fernseher, stets zur besten Sendezeit, abwechselnd in ARD und ZDF, in den Ausprägungen Franken, Hessen, Köln, Düsseldorf und natürlich das unvermeidliche Mainz bleibt Mainz am Tag nach der größten aller Maskeraden, dem Wiener Opernball 2014, Donnerstag ab neun auf 3sat.

Wer’s mag … mag heute ab 21.15 Uhr womöglich auch den selbstverliebten Steffen Henssler als Ersatz für den uneitlen Restauranttester Christian Rach bei RTL. Oder Til Schweiger als Kandidat bei Gottschalks Klassentreffen Back to School auf gleichem Kanal am Freitag. Wer’s mag, mag dafür mit großer Wahrscheinlichkeit eher nicht: Die morgige Arte-Doku Versenktes Gift über verklappte Chemiewaffen in den Weltmeeren. Oder tags drauf, ebenfalls Arte, das moderne Märchen Baikonur über einen kasachischen Jungen, der sich in eine herabgestürzte Kosmonautin verliebt. Oder Freitag, wieder Arte, das Mundartstück Die Kirche bleibt im Dorf, mit der wunderbar schwäbelnden Karoline Eichhorn im dörflichen Nachbarschaftsstreit. Das ist ebenso großartig wie die Tipps der Woche: Mittwoch, halb elf auf Servus TV: das schwarzweiße Melodram The Man Who Wasn’t There von den Coen-Brüdern. Und Mary Poppins, am Donnerstag auf dem Disney-Channel.

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