Christoph Maria Herbst: Stromberg & Mensch

Ich liebe Stromberg

Mit der crowdfundingfinanzierten Kinoadaption des Büroberserkers Stromberg scheint die Figur endgültig auserzählt. Ihr Darsteller Christoph Maria Herbst über seinen Markenkern, Fieslingschubladen, die Kunst des Stand-up und was Hans Moser, Dieter Hallervorden, Helmut Kohl und Adolf Hitler in seiner Film- und Fernsehwelt gemeinsam haben.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Herbst, kennen Sie das Spiel, auf Fragen nicht mit Ja, Nein, Schwarz, Weiß antworten zu dürfen?

Christoph Maria Herbst: Klar.

Wir ergänzen das um Stromberg und Kreutzer, okay?

Was passiert, wenn ich doch was davon sage?

Kriege ich eine Rolle in Ihrem nächsten Film.

Und falls ich gewinne?

Kriegen Sie eine in meinem nächsten.

Oh mein Gott! Also los!

Wurden Sie je auf eine bestimmte Rolle reduziert?

Ich lasse mich nicht reduzieren. Es wird immer wieder versucht, aber dagegen stelle ich mich einfach so breitbeinig auf, dass man den Fokus nicht nur auf eine meiner Figuren legen kann.

Anderseits spielen Sie selbst mit der Reduktion, wenn Sie in einer Folge Pastewka sich selbst spielen und am jemand ständig „Herr Stromberg“ zu Ihnen sagt.

Ich bin humorvoll genug für ein gerüttelt Maß an Selbstironie. Und die Prominenten, die sich bei Pastewka selbst spielen, nehmen sich nun mal gern auf die Schippe.

Werden Sie ansonsten schon mal mit einem anderen Namen als Herbst angesprochen?

Mit Maria! Und ich bin doof genug, drauf zu reagieren. Meine Agentin nennt mich übrigens seit 15 Jahren so, weil sie so viele Christophs in der Kartei hatte.

Wurden Sie schon mal mit Kreutzer angesprochen?

Der Name ist bislang noch nicht gefallen.

Gut gemacht, Sie können nun mit vollem Vokabular beantworten: Ist es ein Gütemerkmal, mit einer Filmfigur identifiziert zu werden, oder Ausdruck von Übersättigung?

Es ist ein quantifzierendes Element, kein qualifizierendes. Das hat mit der Präsenz der Figur zu tun. Aber natürlich auch mit ihrer Unartigkeit.

Arschlöcher haben eine enorme Anziehungskraft.

In der Tat, von diesen gesellschaftlichen Katalysatoren haben wir zu wenige mit Anspruch im Fernsehen, obwohl sich das Publikum an denen am liebsten abarbeitet.

Aber als Mensch sind Sie doch gar nicht so oder?

Wie Bernd Stromberg? Sicher nicht, sonst würde mir die Rolle nicht so gut gelingen. Weil es das Schwierigste ist, sich selbst zu spielen. Je weiter die Figur vom Schauspieler weg ist, desto besser gelingt sie. Sofern man das richtige Talent hat.

Und das haben Sie.

Bei aller Bescheidenheit – ja. Vom lieben Gott gegeben. Mehr jedenfalls, als von allem, was Arschlöcher ausmacht.

Muss von denen nicht dennoch etwas in einem stecken, um Bernd Stromberg glaubhaft zu machen?

Nein, die intellektuelle Leistung, sich in so einen hineinzudenken, gehört zum Talent zwingend hinzu. Anthony Hopkins musste für seine Rolle im Schweigen der Lämmer ja keine menschlichen Körperteile kosten, solchen Aufgaben kann man sich wie Strombergs Attributen rein kognitiv nähern.

Welche wären das?

Machismo und Fremdenfeindlichkeit, auf den eigenen Vorteil bedacht sein, leutselig tun, aber egoistisch sein – all das habe ich nicht mal in homöopathischen Dosen. Aber das Format hat eine Menge mit mir zu tun, der schwarze, zynische Humor darin, auf intelligente Weise von hinten durch die Brust ins Auge. Das ist aber keine Frage meiner Figur, sondern des Genres.

Ist es noch Komödie? Das Lachen bleibt einem ja zusehends im Halse stecken…

Davon abgesehen, dass das meine liebste Humorebene ist, habe ich dieses Label „Komödie“, oder schlimmer: Comedy nie verstanden. Ein Begriff, mit dem ich zu leben gelernt habe, der aber mit Stromberg nichts zu tun hat. Und spätestens in dieser Staffel ist es auch nur noch Tragedy, mit dem shakespearehaften Antihelden Stromberg.

Der nur Täter oder auch Opfer ist?

Auch Opfer, bei aller Täterschaft. Opfer seiner Versicherung, von Strukturen, Arbeitsabläufen, Äußerlichkeiten. Diese Uniformität hab ich schon in den 80ern während meiner Lehrzeit bei einer großen Bank kennengelernt; der tägliche Trott färbt auf alles ab – Sprache, Aussehen, das Verhalten.

War Ihre Banklehre Inspiration für Stromberg?

Absolut. Stromberg ist das Alter Ego mehrerer meiner Chefs bis hin zu seinem Klobrillenbart, den in meiner Abteilung irgendwann drei, vier Leute hatten, um sich optisch an sie heranzuwanzen. Damals habe ich unglaubliche Dinge beobachtet, ohne zu wissen, dass sie mir mal in einer Rollengestaltung dienlich sein könnten. Jetzt kann ich mir das ein oder andere Trauma von damals durch meinen Stromberg fortventilieren.

Auch, dass Systeme wie Strombergs Versicherung unfähig sind, sich solcher Angestellter zu entledigen.

Vielleicht. Aber genau da dürften wir die Schraube nicht noch weiter anziehen. Was Stromberg sich im Laufe dieser Staffel leistet, erreicht Höhepunkte, die zwangsläufig zum Fall führen müssen, um glaubwürdig zu bleiben.

Klingt nach dem Ende nach dem Kinofilm…

Wir haben vertikal wie horizontal eigentlich alles erzählt. Bei einer 6. Staffel müssten wir intensiv beraten, was aus der Konstellation noch rauszukitzeln ist. Und auch ich muss mich immer wieder aufs Neue hinterfragen, ob ich mich auf diese Figur weiter einlassen will.

Dann ginge allerdings Ihr Markenkern verloren.

Und doch wäre ich bei einem Sender, der sich diesen Seriensolitär ohne Quotendruck leistet, in der Luxusposition, Stopp rufen zu können: Macht mal ohne mich weiter! Was natürlich nicht geht. Die ernorme Qualität der Bücher bestärkt mich aber immer wieder darin, weiterzumachen. Da ist mir der Stempel auf meiner Stirn ziemlich egal.

Sie fühlen sich in der Fieslingsschublade wohl?

Immer noch. Und weil ich mich die größte Zeit meiner Karriere nicht mal in einer Kommode befunden habe, sollte ich darüber auch nicht lamentieren. Aber stimmt schon: mittel- bis langfristig wäre es mir eine große Freude, mehr Schubladen zu füllen. Mir werden zwar überwiegend Strombergs kleine und große Brüder angeboten, aber ich hab’s ja in der Hand, abzulehnen, was ich samt und sonders tue – mir fehlt halt jede Lust, mich selbst zu kopieren. Unterm Strich hat mir Stromberg aber mehr Türen geöffnet als geschlossen. Ich spiele ja Nichtarschlöcher, obwohl die keinesfalls spannender sind.

Aber häufiger, also lukrativer.

Trotzdem mache ich nichts Pilchereskes. Ich habe lieber Ecken als Sympathien. Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, gehen meine Rollenprofile zwar überwiegend in Richtung negativere Charaktere wie in „Hände weg von Mississippi“. Allerdings hat Detlef Buck angeboten, dass ich mir eine Rolle in dem Kinderfilm aussuche. Und das war eben der fiese Albert Gansmann. Aber das schließt ja freundliche Charaktere wie König Julius bei Hui Buh oder Don Quixote nicht aus. Kabinettstücken wie der Ermittler Kreutzer: Ein echter Exzentriker.

Vor allem aber ein Soziapath, wenngleich ein brillanter.

Auf die Kombination stehe ich: Realität so weit strapazieren, dass man es so grad eben noch glauben möchte.

Darf man das Paraderolle nennen?

Nicht wenn das heißt, sie sei mir auf den Leib geschrieben. Ralf Husmann hat Stromberg ja lange vorm Casting geschrieben, in dem ich mich eben durchgesetzt habe. Und Kreutzer lag sechs Jahre beim Autor, bevor es mit mir realisiert wurde. Ich durfte mich beiden Figuren unvoreingenommen nähern.

Haben Sie die bei aller Kälte darin dennoch lieb gewonnen?

Selbstverständlich, sonst könnte ich Rollen nicht spielen. Ich ertappe mich oft dabei, mich wie eine Lämmermama vor Stromberg zu stellen, wenn man ihn madig macht; das tut mir persönlich weh. Ohne Liebe würde ich ihn kabarettistisch verfremden, also vorführen, mit erhobenem Zeigefinger Brecht’schen Theaters. Meine Aufgabe ist es, hinter der Figur zu verschwinden. Alles andere wäre doch peinlich. Ich liebe jede meiner Rollen, besonders Stromberg. Und wissen Sie, warum noch?

Warum noch?

Weil er, weil die Serie Menschen bewegt. Ich kriege viele Mails von Leuten, die einen Ernie im Büro haben, eine Tanja, Chefs wie Stromberg. Einer hat seinem eine Staffel geschenkt, die der gesehen hat und seither sein Verhalten besser reflektiert. Ist doch fantastisch, wenn Fernsehen Einfluss aufs Miteinander hat. Das sorgt bei mir fast für missionarischen Eifer und zeigt mir: Stromberg ist politische Unterhaltung mit Strahlkraft.

Ist die denn planbar?

Bei Stromberg war da nichts geplant. Und falls doch, wär’s in die Hose gegangen.

Taugen Sie eigentlich fürs Parodistische wie bei Switch Reloaded?

Schon. Ich habe ein Talent zur Imitation, allerdings eher Klassiker, die fast jeder beherrscht: Hans Moser, Dieter Hallervorden, Helmut Kohl, Adolf Hitler. In dieser Reihenfolge.

Stellen Sie sich dafür bei Partys auf den Stuhl?

Ich bin zwar kein Komiker, der seinen Hocker immer dabei hat, aber unter Gleichgesinnten, wenn die richtige Atmosphäre herrscht, kann so was schon passieren.

Verbrennt Sie dieser Hang zur Pointe nicht auch für wirklich ernste Rollen?

Den lustigen Herrn Herbst gibt’s bislang nur als Schauspieler, nicht als Castingagent, Produzent oder Redakteur. In meiner Berufsbezeichnung „Freischaffender“ schwingt zwar die libertäre Vorsilbe mit, aber ich werde von anderen besetzt. Immerhin habe ich mit Annette Frier gerade den Tod gespielt, die zwar skurril, aber nicht komisch war. Und Kreutzer spiele ich ja auch nicht augenrollend; dem versuche ich große Ernsthaftigkeit zu verleihen, was aber auf Komödie insgesamt verweist: Man spielt sie am besten, indem man die Figuren darin total ernst nimmt.

Bastian Pastewka sagt, wahrer Humor entsteht in der Pause.

Billy Wilder sagt, Komödie ist Tragödie mit einem Lächeln. Und Woody Allen: Comedy ist Tragedy with Timing. So halte ich auch.

Schönes Schlusswort.

Danke. Und Sie schicken mir dann Ihr Drehbuch.

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